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001A_12977_HANNI_NANNI_2.tif

002A_12977_HANNI_NANNI_2.tifSchulbeginn in Lindenhof

„Mutter, hast du gewusst, dass Elli nach den Ferien zu uns nach Lindenhof kommt?“, fragte Hanni Sullivan und schaute von dem Brief auf, den sie zusammen mit ihrer Zwillingsschwester Nanni las.

„Ja, ich wusste es“, sagte die Mutter lächelnd. „Eure Tante Marga hat es mir geschrieben. Als sie erfuhr, dass es euch in Lindenhof so gut gefällt, hat sie sich entschlossen, Elli auch ins Internat zu schicken. Ihr könnt euch ja in der ersten Zeit etwas um sie kümmern.“

„Elli ist ganz schön hochnäsig“, meinte Hanni. „Wir haben es erst jetzt wieder gemerkt. Dauernd macht sie sich wichtig – und sie hat schon Dauerwellen!“

„In ihrem Alter schon?“, wunderte sich Frau Sullivan. „Höchste Zeit, dass sie nach Lindenhof kommt!“

„Ich denke gerade an zwei Mädchen, die auch einmal reichlich hochnäsig waren“, sagte Herr Sullivan und legte seine Zeitung zur Seite. Er zwinkerte mit den Augen. „Sie wollten einfach nicht nach Lindenhof! Für sie war das eine ganz unmögliche Schule.“

Hanni und Nanni wurden rot.

„Erinnere uns nicht daran, Vati“, sagte Hanni. „Damals waren wir wirklich Dummköpfe. Wir haben uns ganz furchtbar benommen. Weißt du, dass sie uns die hochmütigen Zwillinge nannten?“

Nanni kicherte: „Du liebe Zeit, ich kann gar nicht verstehen, wie die es mit uns aushalten konnten.“

„Zuerst hatten wir es ganz schön schwer“, sagte Hanni, „aber es geschah uns schon recht. Ich hoffe nur, Elli ist nicht genauso blöd wie wir.“

„Von wegen!“ Nanni tippte sich an die Stirn. „Wenn du wüsstest, wie eitel die ist! Mutti, sollen wir Elli nicht zwei oder drei Tage zu uns einladen, ehe wir nach Lindenhof zurückfahren? Wir könnten ihr dann einiges erzählen.“

„Das wäre lieb von euch“, meinte Frau Sullivan.

„Es geschieht nicht alles aus Liebe.“ Nanni kicherte. „Hanni und ich wollen uns nur nicht mit unserer Cousine blamieren. Vielleicht können wir sie in den paar Tagen ein bisschen vorbereiten.“

„Ihr meint wohl: zurechtstutzen?“, fragte Herr Sullivan über den Rand seiner Zeitung hinweg. „Wenn ihr dieses eingebildete kleine Ding zur Vernunft bringt, so wäre das wirklich eine gute Tat. Ich habe in meinem Leben nichts Verwöhnteres gesehen.“

„Gut, dass sie nach Lindenhof kommt. Da wird ihr das schon vergehen.“ Zufrieden strich sich Hanni Marmelade aufs Brot. „Findest du nicht, Vati, dass Nanni und ich viel netter sind, seit wir dort zur Schule gehen?“

„Das muss ich mir erst einmal durch den Kopf gehen lassen“, neckte der Vater sie. „Nun – ja – im Allgemeinen bin ich schon mit euch zufrieden. Was meinst du?“ Fragend sah er seine Frau an.

„Oh, ich glaube, sie haben sich gut in Lindenhof eingelebt“, erwiderte Frau Sullivan, „auch wenn sie zuerst nicht hingehen wollten.“

„Einerseits möchte ich nicht, dass die Ferien zu Ende gehen“, sagte Hanni, „und doch kann ich es kaum erwarten, die alte Mamsell Fürchterlich wiederzusehen und Frau Roberts und ...“

„Mamsell ... ich weiß, dass die ganze Schule, ja sogar eure Direktorin sie ‚Mamsell’ anstatt ‚Mademoiselle’ nennt, aber was bedeutet ‚Fürchterlich’?“, fragte Herr Sullivan. „Heißt sie wirklich so?“

„Aber nein, Vati, wir nennen sie nur so, weil sie zu allem fürchterlich sagt!“, erklärte Hanni. „Nanni und ich waren zuerst ziemlich schlecht in französischer Grammatik und deshalb schrieb Mamsell immer ‚Fürchterlich’ unter unsere Aufsätze. Aber sonst ist sie wirklich sehr nett.“

„Es wird bestimmt lustig, wenn wir die anderen Mädchen alle wieder treffen“, freute sich Nanni. „Mutti, schreib Tante Marga, dass sie Elli herschickt, bevor wir nach Lindenhof zurückfahren.“

Frau Sullivan schrieb ihrer Schwägerin und Elli kam zu Besuch. Sie war ein hübsches Mädchen mit kastanienbraunen Locken und großen blauen Augen.

„Sie sieht aus wie unsere Käthe-Kruse-Puppe“, sagte Hanni zu Nanni, „erinnerst du dich? Die lächelte genau wie Elli.“

„Vielleicht hat ihr einmal jemand gesagt, wie süß sie lächelt“, meinte Nanni. „Sie hält sich anscheinend für einen Filmstar.“

Elli war froh, dass sie zusammen mit ihren Cousinen nach Lindenhof fahren konnte. Sie hatte ein bisschen Angst vor der neuen Schule. Man gewöhnte sich zwar rasch ein, aber zu Anfang kommt einem alles fremd und seltsam vor.

„Wie ist denn Lindenhof?“, fragte sie am ersten Abend. „Ich hoffe nur, dass es nicht eines dieser schrecklich langweiligen Internate ist, in denen man dauernd vernünftig sein soll.“

Hanni zwinkerte Nanni zu. „Elli, Lindenhof ist die vernünftigste Schule, die es gibt“, sagte sie mit ernster Stimme. „Man muss lernen, wie man Schuhe putzt ...“

„Und Kaffee kocht ...“, sagte Nanni.

„Und Brot röstet“, fuhr Hanni fort. „Und man muss wissen, wie man sein Bett macht ...“

„Und wenn du deine Kleider zerreißt, musst du sie selber wieder flicken.“ Nanni grinste schadenfroh und weidete sich an Ellis entsetztem Blick.

„Soll das vielleicht heißen, dass man dort seine Schuhe selbst putzen muss und Kaffee kochen und Brot rösten? Das ist doch wohl nicht euer Ernst?“

Die Zwillinge lachten. „Alles halb so wild!“, beruhigte Hanni sie. „Weißt du, Elli, in Lindenhof ist es üblich, dass die unteren Klassen für die älteren Mädchen kleine Arbeiten verrichten. Wenn sie uns rufen, müssen wir zu ihnen gehen und fragen, was sie wollen.“

Elli wurde blass. „Das klingt ja furchtbar“, sagte sie. „Wie sind die Mädchen? Sind die auch so grässlich?“

„Geradezu widerwärtig!“ Hanni machte ein ernstes Gesicht. „Genau wie Nanni und ich. Wahrscheinlich wirst du sie nicht ausstehen können!“

„Das scheint ja ganz anders zu sein als in unserer alten Schule!“ Elli blickte traurig drein. „Wie ist denn eure Klassenlehrerin? Werde ich in dieselbe Klasse kommen wie ihr?“

„Ich glaube schon“, meinte Hanni. „Unsere Klassenlehrerin heißt Frau Roberts. Sie ist nett, aber sie kann sehr unangenehm werden, wenn man sie ärgert.“

„Und Mamsell ist auch nicht ohne“, fuhr Nanni fort. „Sie ist eine mächtige Person mit riesigen Füßen. Sie hat ein tolles Temperament und brüllt manchmal wie ein Löwe ...“

„Nanni, das klingt ja entsetzlich“, sagte Elli aufgeregt und dachte sehnsüchtig an die schüchterne französische Lehrerin, die sie in ihrer alten Schule gehabt hatte.

„Ach, eigentlich ist Mamsell nicht übel“, beruhigte Hanni sie lächelnd. „Sie hat ein gutes Herz. Du brauchst dir wirklich keine Sorgen zu machen! Nanni und ich werden uns schon um dich kümmern.“

„Gott sei Dank!“ Elli seufzte erleichtert. „Hoffentlich liege ich im gleichen Schlafsaal wie ihr.“

Elli erfuhr noch eine ganze Menge über Lindenhof. Sie fand, dass sich ihre Cousinen sehr verändert hatten. Sie sind so vernünftig geworden, dachte sie, früher hatten sie nur Flausen im Kopf.

Als der Tag der Abreise kam, brachte Frau Sullivan die drei Mädchen zur Bahn. Hanni und Nanni konnten es gar nicht erwarten, ihre Freundinnen wiederzusehen. Elli war ziemlich still. Sie war heilfroh, dass sie mit den Zwillingen zusammen fuhr. Vor der Abfahrt gab es auf dem Bahnsteig ein großes Hallo: „Da ist ja Jenny! Wie geht‘s dir? Hast du schöne Ferien gehabt? Oh, und da ist Hilda! Hallo, Hilda – das ist unsere Cousine Elli. Sie kommt mit uns nach Lindenhof. Da sind ja auch Doris und Suse!“

Alle scharten sich um die Zwillinge, schwatzten und lachten. Elli wurde vorgestellt. Sie war froh, dass sie all den Mädchen nicht allein ausgeliefert war, sondern ihre Cousinen dabei waren.

Eine freundliche Lehrerin erschien mit einem Notizblock.

„Guten Morgen, Hanni, guten Morgen, Nanni. Euch kann man immer noch nicht auseinanderhalten! Ist das eure Cousine Elli? Dann kann ich auf meiner Liste gleich ihren Namen abhaken. Willkommen, Elli, ich bin Frau Roberts, deine Klassenlehrerin. Sicher haben dir die Zwillinge schon erzählt, wie streng ich bin!“ Sie lächelte und ging weiter zur nächsten Gruppe.

„Irgendeine Neue diesmal?“, fragte Hanni und schaute sich suchend um. „Ich kann niemanden entdecken!“

„Doch, da drüben ist eine!“, rief Nanni und stieß Hanni an. Abseits von den anderen stand ein großes, hübsches Mädchen, das ein auffallend mürrisches Gesicht machte. „Anscheinend hat niemand sie zur Bahn gebracht. Ob die wohl in unsere Klasse kommt? Sehr freundlich sieht sie ja nicht gerade aus. Ich freue mich schon darauf, wenn sie mit Jenny in Streit gerät.“

Jenny war berüchtigt wegen ihrer Heftigkeit. Sie brauste unheimlich schnell auf, aber ihr Ärger verflog genauso schnell. Die Neue dagegen sah aus, als wäre sie bockig und nachtragend. Den Zwillingen gefiel sie überhaupt nicht.

„Da ist noch eine Neue“, sagte Hanni, „sie kommt gerade auf den Bahnsteig! Die sieht aber nett aus. Hoffentlich kommt sie in unsere Klasse!“

Diese zweite Neue war genau das Gegenteil der anderen. Sie war klein und hatte ungebändigte, schwarze Locken und dunkelblaue, strahlende Augen. Ihre Eltern begleiteten sie.

„Ihr Vater muss ein Künstler oder Musiker oder so etwas Ähnliches sein, er hat so langes Haar!“, sagte Hanni.

„Ich weiß, wer er ist“, sagte Hilda Wentworth, die neben ihnen stand. „Er ist Max Oriell, der berühmte Maler. Er hat vor kurzem ein Porträt von meiner Tante gemacht. Er ist ein fantastischer Maler.“

„Einsteigen, bitte!“, rief Frau Roberts laut. „Der Zug geht in drei Minuten. Verabschiedet euch!“

Die Mädchen umarmten ein letztes Mal ihre Eltern und drängten sich in die Abteile. Ein Pfiff ertönte. Taschentücher flatterten. Langsam fuhr der Zug aus der Halle. Die Ferien waren zu Ende. Jetzt fing die Schule wieder an!

Die erste Zeit

Die ersten beiden Tage verliefen wie immer ziemlich unruhig. Es gab keinen richtigen Stundenplan. Außerdem mussten sich alle erst wieder eingewöhnen.

Die meisten Mädchen hatten ein bisschen Heimweh. Aber zum Grübeln blieb wenig Zeit.

„Oh, diese schönen neuen Hefte!“, sagte Mademoiselle, die Französischlehrerin, die von jedermann im Internat einfach „Mamsell“ genannt wurde, als sie strahlend die Klasse betrat. „Die müssen mit schönen französischen Aufsätzen gefüllt werden! Hast du eben gestöhnt, Doris? Du willst doch nicht, dass ich deinetwegen wieder graue Haare bekomme! Siehst du diese weiße Strähne? Die geht auf dein Konto!“

Mamsell zerrte ein wenig an ihrem Knoten und machte ein verschmitztes Gesicht. Alle lachten.

„Ich will mich diesmal sehr anstrengen“, beteuerte Doris. „Aber das französische ‚R’ werde ich nie richtig aussprechen können, niemals!“

„R-r-r-r!“, sagte Mamsell und rollte das „R“ in ihrer Kehle. Es klang, als ob ein Hund knurrte. Alle lachten.

Frau Roberts, die Klassenlehrerin, nahm sich die Zwillinge besonders vor. „Nun, Hanni und Nanni“, sagte sie, „ihr seht aus, als wolltet ihr euch diesmal ganz besonders viel Mühe geben! Wie wäre es, wenn ihr die Besten der Klasse würdet?“

„Das möchten wir schon.“ Hanni war Feuer und Flamme. „In unserer alten Schule gehörten wir immer zu den Besten. Inzwischen haben wir uns in Lindenhof eingewöhnt. Jetzt wird uns bestimmt manches leichter fallen.“

Wie immer zu Schulbeginn saß die Hausmutter in ihrem riesigen Zimmer und gab die Wäsche aus. „Geht sorgsam mit euren Sachen um“, ermahnte sie die Mädchen, „denkt daran, dass ihr alle Knöpfe wieder annähen und jeden Riss flicken müsst.“

„Aber ich kann doch gar nicht nähen und flicken!“, sagte Elli verzweifelt.

„Vielleicht hat dich deine Mutter gerade deshalb hergeschickt, damit du es endlich lernst“, meinte die Hausmutter mit breitem Lächeln. „Wie willst du mal eines Tages einen eigenen Haushalt führen, wenn du von nichts eine Ahnung hast!“

Schließlich mussten sich alle Schülerinnen bei Frau Theobald, der Direktorin, melden. Elli ging zusammen mit Hanni und Nanni zu ihr. Sie war sehr aufgeregt. „Was soll ich denn nur sagen?“, flüsterte sie, als sie vor der Tür warteten. „Ist sie sehr streng?“

Die Tür öffnete sich und Jenny und Hilda kamen heraus. „Ihr sollt reingehen“, sagte Hilda. Frau Theobald empfing sie mit einem freundlichen Lächeln.

„Nun, Hanni und Nanni“, begann sie, „ich freue mich, dass ihr wieder da seid. Heute seht ihr auch viel fröhlicher aus als das letzte Mal. Damals habt ihr ganz finstere Gesichter gemacht und kaum den Mund aufgemacht! Wollt ihr euch diesmal mehr anstrengen?“

„Ganz sicher, Frau Theobald“, sagten die Zwillinge mit strahlenden Gesichtern.

Dann wandte sich die Direktorin an Elli: „Da ist also noch ein Mitglied der Familie Sullivan! Na, wenn gleich drei Sullivans in derselben Klasse fleißig mitmachen, dann muss sich Frau Roberts ja freuen. Du hast Glück, Elli, dass dir gleich zwei Cousinen über den manchmal etwas schwierigen Anfang hinweghelfen.“

„Ja, Frau Theobald“, stotterte Elli, die immer noch sehr aufgeregt war.

„Ihr könnt gehen“, entließ sie die Direktorin. „Und denkt daran, dass ich hier bin, um euch zu helfen. Ihr könnt jederzeit zu mir kommen, wenn ihr etwas auf dem Herzen habt.“

Die drei Mädchen gingen anschließend zum Gemeinschaftsraum, den Elli noch nicht gesehen hatte.

„Haben wir kein Arbeitszimmer für uns allein?“, fragte Elli enttäuscht, als sie den großen Saal sah, der von den unteren Klassen gemeinsam benutzt wurde. „Was für ein furchtbarer Lärm!“

Natürlich war es laut. Die Mädchen lachten und unterhielten sich. Eine hatte den Plattenspieler angestellt und eine andere probierte im Radio die verschiedenen Sender aus.

„Daran gewöhnst du dich bald.“ Hanni lachte gut gelaunt. „Es ist echt nett hier. Schau, dieser Teil des Regals ist für deine Sachen, Elli. Das nächste Fach gehört Nanni und mir.“

Dann zeigten sie der Cousine die übrigen Räume: die großen Klassenzimmer mit dem herrlichen Ausblick aus den Fenstern – die riesige Turnhalle – den schönen Zeichensaal hoch unter dem Dach – den Chemiesaal – und die Garderobenräume, wo jedes Mädchen einen Kasten für Schuhe und einen Haken für Mantel und Regenbekleidung hatte.

„Bin ich im selben Schlafsaal wie ihr, Hanni?“, fragte Elli.

„Ich werde mich bei Hilda erkundigen“, sagte Hanni, „sie ist unsere Klassensprecherin, und sie weiß sicher Bescheid. He, Hilda, weißt du, ob Elli bei uns schläft?“

Hilda holte eine Namensliste hervor. „Schlafsaal acht“, las sie vor. „Hilda Wentworth, Hanni und Nanni Sullivan, Doris Elward, Katrin Gregory, Suse Naylor, Jenny Robins und Elli Sullivan. Na bitte, es hat sich nichts geändert, außer dass Vera Johns nach Nummer neun gekommen ist. Ich nehme an, dass sie für Elli Platz gemacht hat.“

„Oh, fein“, rief Hanni. „Du bist also bei uns, Elli. Da hast du aber Glück gehabt.“

Die drei Neuen kamen zu Frau Roberts in die zweite Klasse. Das große, mürrische Mädchen hieß Margret Fenworthy. Sie wirkte eigentlich älter, aber ihre Leistungen waren nicht gut, im Grunde nicht einmal gut genug für die zweite Klasse.

„Ist sie nicht sonderbar?“, sagte Hanni zu ihrer Schwester nach der ersten Unterrichtsstunde. „Ihr ist anscheinend alles gleichgültig. Sie kann bestimmt sehr patzig sein. Ich bin gespannt, wann sie das erste Mal mit Mamsell zusammenstößt!“

Margret Fenworthy hielt sich bewusst abseits. Meistens las sie und wenn jemand sie ansprach, antwortete sie so kurz, dass den anderen die Lust zum Weiterreden verging. Hanni meinte einmal: „Wenn sie nicht so ein bitterböses Gesicht machte, wäre sie bestimmt sehr hübsch. Aber sie schaut uns immer an, als hätte sie Lust, uns den Kopf abzubeißen.“

Lucie Oriell, die andere Neue, war ein kluges Mädchen. Nichts war ihr zu schwierig. Sie hatte ein erstaunliches Gedächtnis und war immer lustig und guter Dinge.

„Wie sie sich mit Mamsell auf Französisch unterhält!“, stöhnte Doris. „Wie sie in der Zeichenstunde malt! Wie sie ellenlange Gedichte aufsagt, während ich stundenlang büffeln muss, um nur zwei Strophen zu behalten!“

Alle lachten. Doris war die schlechteste Schülerin, aber ein großes Talent besaß sie: Sie konnte die ganze Klasse zum Lachen bringen! Sie konnte tanzen und andere wundervoll nachmachen. Nur bei Mamsells Französischunterricht musste sie passen. Alle hatten Doris gern. Jenny sagte immer: „Sie ist ein richtiger Dummkopf, aber ein lieber!“

„Was hältst du von den drei Neuen, Jenny?“, fragte Hilda am Nachmittag, kaute an ihrem Bleistift herum und versuchte eine Rechenaufgabe zu lösen.

Hanni und Nanni saßen in der Nähe und hörten zu.

Jenny strich sich das dunkle Haar aus der Stirn und antwortete knapp und treffend. „Lucie Oriell – klasse! Intelligent, verantwortungsbewusst, freundlich. Margret Fenworthy – ewig schlecht gelaunt und an nichts interessiert, rätselhafte Vergangenheit!“

„Was meinst du denn damit?“, fragte Hanni erstaunt.

„Irgendetwas muss doch dahinterstecken, dass sich Margret so von uns absondert und sich um nichts und niemanden kümmert“, meinte Jenny, die manchmal einen erstaunlich klaren Blick hatte. „Warum ist ein Mädchen mit dreizehn schon so mürrisch? Ich würde zu gerne wissen, wie sie in ihrer letzten Schule zurande kam. Vermutlich hatte sie dort keine einzige Freundin!“

Die Zwillinge schauten zu Margret hinüber, die ihre Nase in ein Buch gesteckt hatte.

Nun nahm sich Jenny Elli, die dritte Neue, vor.

„Über Elli darf ich wohl nicht allzu viel sagen, weil sie eure Cousine ist, aber wenn ihr meine ehrliche Meinung hören wollt: Sie ist ein eingebildeter, hochnäsiger kleiner Affe, ohne auch nur ein kleines bisschen Vernunft in ihrem hübschen Köpfchen!“

„Du bist einsame Spitze, Jenny!“ Hilda lachte anerkennend. „Du hast eine Begabung, genau das in Worte zu fassen und auszusprechen, was die anderen denken und nicht sagen!“