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Wilhelm Hauff

Die Märchen des Wilhelm Hauff

Mit 10 farbigen Bildtafeln und 21 Original-Graphiken

Wilhelm Hauff

Die Märchen des Wilhelm Hauff

Mit 10 farbigen Bildtafeln und 21 Original-Graphiken

Veröffentlicht im Null Papier Verlag, 2019
EV: Stuttgart (Metzler), 1826, 1827, 1828
3. Auflage, ISBN 978-3-954180-12-7

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Inhaltsverzeichnis

Au­tor

Mär­chen als Al­ma­nach

Die Ka­ra­wa­ne

Die Ge­schich­te von Ka­lif Storch

Die Ge­schich­te von dem Ge­s­pens­ter­schiff

Die Ge­schich­te von der ab­ge­haue­nen Hand

Die Er­ret­tung Fat­mes

Die Ge­schich­te von dem klei­nen Muck

Das Mär­chen vom falschen Prin­zen

Der Scheik von Ales­san­dria und sei­ne Skla­ven

Der Zwerg Nase

Ab­ner, der Jude, der nichts ge­se­hen hat, Teil 1

Der arme Ste­phan

Ab­ner, der Jude, der nichts ge­se­hen hat, Teil 2

Der ge­ba­cke­ne Kopf

Ab­ner, der Jude, der nichts ge­se­hen hat, Teil 3

Der Affe als Mensch, Teil 1

Das Fest der Un­ter­ir­di­schen

Schnee­weiß­chen und Ro­sen­rot

Der Affe als Mensch, Teil 2

Die Ge­schich­te Al­man­sors

Das Wirts­haus im Spess­art

Die Sage vom Hirsch­gul­den

Das kal­te Herz – Ers­te Ab­tei­lung

Sai­ds Schick­sa­le

Die Höh­le von Steen­foll – Eine schott­län­di­sche Sage

Das kal­te Herz – Zwei­te Ab­tei­lung

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Bild: 024_Die_Maerchen_des_Wilhelm_Hauff_002.jpg

Wil­helm Hauff (29. No­vem­ber 1802 – 18. No­vem­ber 1827) war ein deut­scher Schrift­stel­ler der Ro­man­tik. Er war ein Haupt­ver­tre­ter der Schwä­bi­schen Dicht­er­schu­le.

Un­ter den zahl­rei­chen Wer­ken, die der früh ver­stor­be­ne Wil­helm Hauff in sei­nem nur drei Jah­re wäh­ren­den li­te­ra­ri­schen Wir­ken ver­fasst hat, ra­gen die Mär­chenal­ma­nache her­aus. Der klei­ne Muck, Zwerg Nase, Ka­lif Storch – sie und vie­le an­de­re sei­ner Fi­gu­ren er­schei­nen auch heu­ti­gen Le­sern als gute alte Be­kann­te. Die vor­lie­gen­de Aus­ga­be bie­tet sämt­li­che Mär­chen, die Il­lus­tra­tio­nen der Erst­dru­cke und zu­sätz­li­che 10 far­bi­ge Bild­ta­feln.

Hauffs Mär­chen fal­len in die spätro­man­ti­sche Li­te­ra­tur­pha­se. Der ers­te Band um die Rah­men­er­zäh­lung Die Ka­ra­wa­ne ist ge­kenn­zeich­net von ho­hem Ein­füh­lungs­ver­mö­gen in die ori­en­ta­li­sche Le­bens­wei­se. Der zwei­te Band um den Scheich von Ales­san­dria und sei­ne Skla­ven ver­lässt den rein ori­en­ta­li­schen Hand­lungs­raum; Zwerg Nase und zwei von Wil­helm Grimm über­nom­me­ne Mär­chen (»Schnee­weiß­chen und Ro­sen­rot« und »Das Fest der Un­ter­ir­di­schen«) ste­hen in der eu­ro­päi­schen Mär­chen­tra­di­ti­on. Sein drit­ter Band, Das Wirts­haus im Spess­art, be­han­delt eher Sa­gen­stof­fe als Mär­chen; die Schwarz­wald­sa­ge Das kal­te Herz ist die be­kann­tes­te die­ser Sa­gen.

Märchen als Almanach

In ei­nem schö­nen, fer­nen Rei­che, von wel­chem die Sage lebt, dass die Son­ne in sei­nen ewig grü­nen Gär­ten nie­mals un­ter­ge­he, herrsch­te von An­fang an bis heu­te, die Kö­ni­gin Fan­ta­sie. Mit vol­len Hän­den spen­de­te die­se, seit vie­len Jahr­hun­der­ten, die Fül­le des Se­gens über die Ih­ri­gen, und war ge­liebt, ver­ehrt von al­len, die sie kann­ten. Das Herz der Kö­ni­gin war aber zu groß, als dass sie mit ih­ren Wohl­ta­ten bei ih­rem Lan­de ste­hen­ge­blie­ben wäre; sie selbst, im kö­nig­li­chen Schmuck ih­rer ewi­gen Ju­gend und Schön­heit, stieg her­ab auf die Erde; denn sie hat­te ge­hört, dass dort Men­schen woh­nen, die ihr Le­ben in trau­ri­gem Ernst, un­ter Mühe und Ar­beit hin­brin­gen. Die­sen hat­te sie die schöns­ten Ga­ben aus ih­rem Rei­che mit­ge­bracht, und seit die schö­ne Kö­ni­gin durch die Flu­ren der Erde ge­gan­gen war, wa­ren die Men­schen fröh­lich bei der Ar­beit, hei­ter in ih­rem Ernst.

Auch ihre Kin­der, nicht min­der schön und lieb­lich als die kö­nig­li­che Mut­ter, sand­te sie aus, um die Men­schen zu be­glücken. Einst kam Mär­chen, die äl­tes­te Toch­ter der Kö­ni­gin, von der Erde zu­rück. Die Mut­ter be­merk­te, dass Mär­chen trau­rig sei, ja, hie und da woll­te es ihr be­dün­ken, als ob sie ver­wein­te Au­gen hät­te.

»Was hast du, lie­bes Mär­chen«, sprach die Kö­ni­gin zu ihr; »du bist seit dei­ner Rei­se so trau­rig und nie­der­ge­schla­gen, willst du dei­ner Mut­ter nicht an­ver­trau­en, was dir fehlt?«

»Ach! lie­be Mut­ter«, ant­wor­te­te Mär­chen: »ich hät­te ge­wiss nicht so lan­ge ge­schwie­gen, wenn ich nicht wüss­te, dass mein Kum­mer auch der dei­ni­ge ist.«

»Sprich im­mer, mei­ne Toch­ter«, bat die schö­ne Kö­ni­gin, »der Gram ist ein Stein, der den ein­zel­nen nie­der­drückt, aber zwei tra­gen ihn leicht aus dem Wege.«

»Du willst es«, ant­wor­te­te Mär­chen, »so höre: du weißt, wie ger­ne ich mit den Men­schen um­ge­he, wie ich freu­dig auch zu dem Ärms­ten vor sei­ne Hüt­te sit­ze, um nach der Ar­beit ein Stünd­chen mit ihm zu ver­plau­dern; sie bo­ten mir auch sonst gleich freund­lich die Hand zum Gruß, wenn ich kam, und sa­hen mir lä­chelnd und zu­frie­den nach, wenn ich wei­ter­ging; aber in die­sen Ta­gen ist es gar nicht mehr so!«

»Ar­mes Mär­chen!« sprach die Kö­ni­gin, und strei­chel­te ihr die Wan­ge, die von ei­ner Trä­ne feucht war; »aber du bil­dest dir viel­leicht dies al­les nur ein?«

»Glau­be mir, ich füh­le es nur zu gut«, ent­geg­ne­te Mär­chen, »sie lie­ben mich nicht mehr. Über­all, wo ich hin­kom­me, be­geg­nen mir kal­te Bli­cke; nir­gends bin ich mehr gern ge­se­hen; selbst die Kin­der, die ich doch im­mer so lieb­hat­te, la­chen über mich und wen­den mir alt­klug den Rücken zu.«

Die Kö­ni­gin stütz­te die Stir­ne in die Hand, und schwieg sin­nend. –

»Und wo­her soll es denn«, frag­te die Kö­ni­gin, »kom­men, Mär­chen, dass sich die Leu­te da un­ten so ge­än­dert ha­ben?«

»Sieh, die Men­schen ha­ben klu­ge Wäch­ter auf­ge­stellt, die al­les, was aus dei­nem Reich kommt, o Kö­ni­gin Fan­ta­sie! mit schar­fem Bli­cke mus­tern und prü­fen. Wenn nun ei­ner kommt, der nicht nach ih­rem Sin­ne ist, so er­he­ben sie ein großes Ge­schrei, schla­gen ihn tot, oder ver­leum­den ihn doch so sehr bei den Men­schen, die ih­nen aufs Wort glau­ben, dass man gar kei­ne Lie­be, kein Fünk­chen Zu­trau­en mehr fin­det. Ach! wie gut ha­ben es mei­ne Brü­der, die Träu­me, fröh­lich und leicht hüp­fen sie auf die Erde hin­ab, fra­gen nichts nach je­nen klu­gen Män­nern, be­su­chen die schlum­mern­den Men­schen, und we­ben und ma­len ih­nen, was das Herz be­glückt und das Auge er­freut!«

»Dei­ne Brü­der sind Leicht­fü­ße«, sag­te die Kö­ni­gin, »und du, mein Lieb­ling, hast kei­ne Ur­sa­che sie zu be­nei­den. Jene Grenzwäch­ter ken­ne ich üb­ri­gens wohl; die Men­schen ha­ben so un­recht nicht, sie auf­zu­stel­len, es kam so man­cher win­di­ge Ge­sel­le, und tat, als ob er ge­ra­den Wegs aus mei­nem Rei­che käme, und doch hat­te er höchs­tens von ei­nem Ber­ge zu uns her­über­ge­schaut.« –

»Aber warum las­sen sie dies mich, dei­ne ei­ge­ne Toch­ter, ent­gel­ten«, wein­te Mär­chen, »ach! wenn du wüss­test, wie sie es mir ge­macht ha­ben; sie schal­ten mich eine alte Jung­fer und droh­ten, mich das nächs­te Mal gar nicht mehr her­ein­zu­las­sen.« –

»Wie, mei­ne Toch­ter nicht mehr ein­zu­las­sen?« rief die Kö­ni­gin, und Zorn er­höh­te die Röte ih­rer Wan­gen; »aber ich sehe schon, wo­her dies kommt; die böse Muh­me hat uns ver­leum­det!«

»Die Mode? nicht mög­lich!« rief Mär­chen, »sie tat ja sonst im­mer so freund­lich.«

»Oh! ich ken­ne sie, die Fal­sche«, ant­wor­te­te die Kö­ni­gin, »aber ver­su­che es, ihr zum Trot­ze, wie­der mei­ne Toch­ter, wer Gu­tes tun will, darf nicht ras­ten.«

»Ach Mut­ter! wenn sie mich dann ganz zu­rück­wei­sen, oder wenn sie mich ver­leum­den, dass mich die Men­schen nicht an­se­hen oder ein­sam und ver­ach­tet in der Ecke ste­hen las­sen?«

»Wenn die Al­ten, von der Mode be­tört, dich ge­ring­schät­zen, so wen­de dich an die Klei­nen, wahr­lich sie sind mei­ne Lieb­lin­ge, ih­nen sen­de ich mei­ne lieb­lichs­ten Bil­der, durch dei­ne Brü­der, die Träu­me, ja ich bin schon oft selbst zu ih­nen hin­ab­ge­schwebt, habe sie ge­herzt und ge­küsst und schö­ne Spie­le mit ih­nen ge­spielt; sie ken­nen mich auch wohl, sie wis­sen zwar mei­nen Na­men nicht, aber ich habe schon oft be­merkt, wie sie nachts zu mei­nen Ster­nen her­au­flä­cheln und mor­gens, wenn mei­ne glän­zen­den Läm­mer am Him­mel zie­hen, vor Freu­den die Hän­de zu­sam­menschla­gen. Auch wenn sie grö­ßer wer­den, lie­ben sie mich noch, ich hel­fe dann den lieb­li­chen Mäd­chen bun­te Krän­ze flech­ten, und die wil­den Kna­ben wer­den stil­ler, wenn ich auf ho­her Fel­sen­spit­ze mich zu ih­nen set­ze, aus der Ne­bel­welt der fer­nen blau­en Ber­ge, hohe Bur­gen und glän­zen­de Pa­läs­te auf­tau­chen las­se, und aus den röt­li­chen Wol­ken des Abends küh­ne Reiter­scha­ren und wun­der­li­che Wall­fahrts­zü­ge bil­de.«

»O die gu­ten Kin­der!« rief Mär­chen be­wegt aus, »ja es sei! mit ih­nen will ich es noch ein­mal ver­su­chen.«

»Ja, du gute Toch­ter«, sprach die Kö­ni­gin, »gehe zu ih­nen; aber ich will dich auch ein we­nig or­dent­lich an­klei­den, dass du den Klei­nen ge­fällst, und die Gro­ßen dich nicht zu­rück­sto­ßen, sie­he das Ge­wand ei­nes Al­ma­nach will ich dir ge­ben.«

»Ei­nes Al­ma­nach, Mut­ter? ach! – ich schä­me mich, so vor den Leu­ten zu pran­gen.«

Die Kö­ni­gin wink­te und die Die­ne­rin­nen brach­ten das zier­li­che Ge­wand ei­nes Al­ma­nach. Es war von glän­zen­den Far­ben, und schö­ne Fi­gu­ren ein­ge­wo­ben.

Die Zo­fen floch­ten dem schö­nen Mär­chen das lan­ge Haar; sie ban­den ihr gol­de­ne San­da­len un­ter die Füße und hin­gen ihr dann das Ge­wand um.

Das be­schei­de­ne Mär­chen wag­te nicht auf­zu­bli­cken, die Mut­ter aber be­trach­te­te sie mit Wohl­ge­fal­len und schloss sie in ihre Arme: »Gehe hin«, sprach sie zu der Klei­nen; »mein Se­gen sei mit dir. Und wenn sie dich ver­ach­ten und höh­nen, so keh­re zu­rück zu mir, viel­leicht dass spä­te­re Ge­schlech­ter, ge­treu­er der Na­tur, ihr Herz dir wie­der zu­wen­den.«

Also sprach die Kö­ni­gin Fan­ta­sie. Mär­chen aber stieg her­ab auf die Erde. Mit po­chen­dem Her­zen nah­te sie dem Ort, wo die klu­gen Wäch­ter hau­se­ten; sie senk­te das Köpf­chen zur Erde, sie zog das schö­ne Ge­wand en­ger um sich her, und mit za­gen­dem Schritt nah­te sie dem Tor.

»Halt!« rief eine tie­fe, raue Stim­me; »Wa­che her­aus! da kommt ein neu­er Al­ma­nach!«

Mär­chen zit­ter­te als sie dies hör­te; vie­le ält­li­che Män­ner von fins­te­rem Aus­se­hen stürz­ten her­vor; sie hat­ten spit­zi­ge Fe­dern in der Faust, und hiel­ten sie dem Mär­chen ent­ge­gen. Ei­ner aus der Schar schritt auf sie zu und pack­te sie mit rau­er Hand am Kinn: »Nur auch den Kopf auf­ge­rich­tet Herr Al­ma­nach«, schrie er, »dass man Ihm in den Au­gen an­sie­het, ob Er was Rech­tes ist oder nicht?« –

Er­rö­tend rich­te­te Mär­chen das Köpf­chen in die Höhe und schlug das dunkle Auge auf –

»Das Mär­chen!« rie­fen die Wäch­ter, und lach­ten aus vol­lem Hals, »das Mär­chen! ha­ben wun­der ge­meint, was da käme! wie kommst du nur in die­sen Rock?«

»Die Mut­ter hat ihn mir an­ge­zo­gen«, ant­wor­te­te Mär­chen.

»So? sie will dich bei uns ein­schwär­zen? Nichts da! hebe dich weg, mach dass du fort­kommst«, rie­fen die Wäch­ter un­ter­ein­an­der und er­ho­ben die schar­fen Fe­dern.

»Aber ich will ja nur zu den Kin­dern«, bat Mär­chen; »dies könnt ihr mir ja doch er­lau­ben?«

»Lauft nicht schon ge­nug sol­ches Ge­sin­del im Land um­her?« rief ei­ner der Wäch­ter; »sie schwat­zen nur un­se­ren Kin­dern dum­mes Zeug vor.«

»Lasst uns se­hen, was sie dies­mal weiß«, sprach ein an­de­rer –

»Nun ja«, rie­fen sie, »sag an, was du weißt, aber be­ei­le dich, denn wir ha­ben nicht vie­le Zeit für dich.«

Mär­chen streck­te die Hand aus, und be­schrieb mit dem Zeig­fin­ger vie­le Zei­chen in die Luft. Da sah man bun­te Ge­stal­ten vor­über­zie­hen; Ka­ra­wa­nen mit schö­nen Ros­sen, ge­schmück­te Rei­ter, vie­le Zel­te im Sand der Wüs­te; Vö­gel und Schif­fe auf stür­mi­schen Mee­ren; stil­le Wäl­der und volk­rei­che Plät­ze und Stra­ßen; Schlach­ten und fried­li­che No­ma­den, sie alle schweb­ten in be­leb­ten Bil­dern, in bun­tem Ge­wim­mel vor­über.

Mär­chen hat­te in dem Ei­fer, mit wel­chem sie die Bil­der auf­stei­gen ließ, nicht be­merkt, wie die Wäch­ter des To­res nach und nach ein­ge­schla­fen wa­ren. Eben woll­te sie neue Zei­chen be­schrei­ben, als ein freund­li­cher Mann auf sie zu­trat und ihre Hand er­griff: »Sie­he her, gu­tes Mär­chen«, sag­te er, in­dem er auf die Schla­fen­den zeig­te, »für die­se sind dei­ne bun­ten Sa­chen nichts; schlüp­fe schnell durch das Tor, sie ah­nen dann nicht, dass du im Lan­de bist, und du kannst fried­lich und un­be­merkt dei­ne Stra­ße zie­hen. Ich will dich zu mei­nen Kin­dern füh­ren; in mei­nem Hau­se geb ich dir ein stil­les, freund­li­ches Plätz­chen; dort kannst du woh­nen und für dich le­ben; wenn dann mei­ne Söh­ne und Töch­ter gut ge­lernt ha­ben, dür­fen sie mit ih­ren Ge­spie­len zu dir kom­men und dir zu­hö­ren. Willst du so?«

»Oh, wie ger­ne fol­ge ich dir, zu dei­nen lie­ben Klei­nen; wie will ich mich be­flei­ßen, ih­nen zu­wei­len ein hei­te­res Stünd­chen zu ma­chen!«

Der gute Mann nick­te ihr freund­lich zu, und half ihr über die Füße der schla­fen­den Wäch­ter hin­über­stei­gen. Lä­chelnd sah sich Mär­chen um, als sie hin­über war, und schlüpf­te dann schnell in das Tor.

Die Karawane

Es zog ein­mal eine große Ka­ra­wa­ne durch die Wüs­te. Auf der un­ge­heu­ren Ebe­ne, wo man nichts als Sand und Him­mel sieht, hör­te man schon in wei­ter Fer­ne die Glo­cken der Ka­me­le und die sil­ber­nen Röll­chen der Pfer­de, eine dich­te Staub­wol­ke, die ihr vor­her­ging, ver­kün­de­te ihre Nähe, und wenn ein Luft­zug die Wol­ke teil­te, blen­de­ten fun­keln­de Waf­fen und hel­leuch­ten­de Ge­wän­der das Auge. So stell­te sich die Ka­ra­wa­ne ei­nem Man­ne dar, wel­cher von der Sei­te her auf sie zu­ritt. Er ritt ein schö­nes ara­bi­sches Pferd mit ei­ner Ti­ger­de­cke be­hängt, an dem hoch­ro­ten Rie­men­werk hin­gen sil­ber­ne Glöck­chen, und auf dem Kopf des Pfer­des weh­te ein schö­ner Rei­her­busch. Der Rei­ter sah statt­lich aus, und sein An­zug ent­sprach der Pracht sei­nes Ros­ses; ein wei­ßer Tur­ban, reich mit Gold ge­stickt, be­deck­te das Haupt; der Rock und die wei­ten Bein­klei­der von bren­nen­dem Rot, ein ge­krümm­tes Schwert mit rei­chem Griff an sei­ner Sei­te. Er hat­te den Tur­ban tief ins Ge­sicht ge­drückt; dies und die schwar­zen Au­gen, die un­ter bu­schi­gen Brau­en her­vor­blitz­ten, der lan­ge Bart, der un­ter der ge­bo­ge­nen Nase her­ab­hing, ga­ben ihm ein wil­des, küh­nes Aus­se­hen.

Als der Rei­ter un­ge­fähr auf fünf­zig Schritt dem Vor­trab der Ka­ra­wa­ne nahe war, sporn­te er sein Pferd an und war in we­ni­gen Au­gen­bli­cken an der Spit­ze des Zu­ges an­ge­langt. Es war ein so un­ge­wöhn­li­ches Er­eig­nis, einen ein­zel­nen Rei­ter durch die Wüs­te zie­hen zu se­hen, dass die Wäch­ter des Zu­ges, einen Über­fall be­fürch­tend, ihm ihre Lan­zen ent­ge­gen­streck­ten.

»Was wollt ihr«, rief der Rei­ter, als er sich so krie­ge­risch emp­fan­gen sah, »glaubt ihr, ein ein­zel­ner Mann wer­de eure Ka­ra­wa­ne an­grei­fen?«

Be­schämt schwan­gen die Wäch­ter ihre Lan­zen wie­der auf, ihr An­füh­rer aber ritt an den Frem­den her­an und frag­te nach sei­nem Be­gehr.

»Wer ist der Herr der Ka­ra­wa­ne?« frag­te der Rei­ter.

»Sie ge­hört nicht ei­nem Herrn«, ant­wor­te­te der Ge­frag­te, »son­dern es sind meh­re­re Kauf­leu­te, die von Mek­ka in ihre Hei­mat zie­hen und die wir durch die Wüs­te ge­lei­ten, weil oft al­ler­lei Ge­sin­del die Rei­sen­den be­un­ru­higt.«

»So führt mich zu den Kauf­leu­ten«, be­gehr­te der Frem­de.

»Das kann jetzt nicht ge­sche­hen«, ant­wor­te­te der Füh­rer, »weil wir ohne Auf­halt wei­ter­zie­hen müs­sen, und die Kauf­leu­te we­nigs­tens eine Vier­tel­stun­de wei­ter hin­ten sind; wollt Ihr aber mit mir wei­ter­rei­ten, bis wir la­gern um Mit­tags­ru­he zu hal­ten, so wer­de ich Eu­rem Wunsch will­fah­ren.«

Der Frem­de sag­te hier­auf nichts; er zog eine lan­ge Pfei­fe, die er am Sat­tel fest­ge­bun­den hat­te, her­vor, und fing an, in großen Zü­gen zu rau­chen, in­dem er ne­ben dem An­füh­rer des Vor­trabs wei­ter­ritt. Die­ser wuss­te nicht, was er aus dem Frem­den ma­chen soll­te, er wag­te es nicht, ihn ge­ra­de­zu nach sei­nem Na­men zu fra­gen, und so künst­lich er auch ein Ge­spräch an­zu­knüp­fen such­te, der Frem­de hat­te auf das: »Ihr raucht da einen gu­ten Ta­bak«, oder: »Euer Rapp’ hat einen bra­ven Schritt«, im­mer nur mit ei­nem kur­z­en »Ja, ja!« geant­wor­tet.

End­lich wa­ren sie auf dem Platz an­ge­kom­men, wo man Mit­tags­ru­he hal­ten woll­te. Der An­füh­rer hat­te sei­ne Leu­te als Wa­chen aus­ge­stellt, er selbst hielt mit dem Frem­den, um die Ka­ra­wa­ne her­an­kom­men zu las­sen. Drei­ßig Ka­me­le, schwer be­la­den, zo­gen vor­über, von be­waff­ne­ten An­füh­rern ge­lei­tet. Nach die­sen ka­men auf schö­nen Pfer­den die fünf Kauf­leu­te, de­nen die Ka­ra­wa­ne ge­hör­te. Es wa­ren meis­tens Män­ner von vor­ge­rück­tem Al­ter, ernst und ge­setzt aus­se­hend, nur ei­ner schi­en viel jün­ger als die üb­ri­gen, wie auch fro­her und leb­haf­ter. Eine große An­zahl Ka­me­le und Pack­pfer­de schloss den Zug.

Bild: 024_Die_Maerchen_des_Wilhelm_Hauff_003.jpg

Man hat­te Zel­te auf­ge­schla­gen, und die Ka­me­le und Pfer­de rings um­her­ge­stellt. In der Mit­te war ein großes Zelt von blau­em Sei­den­zeug. Dor­thin führ­te der An­füh­rer der Wa­che den Frem­den. Als sie durch den Vor­hang des Zel­tes ge­tre­ten wa­ren, sa­hen sie die fünf Kauf­leu­te auf gold­ge­wirk­ten Pols­tern sit­zen; schwar­ze Skla­ven reich­ten ih­nen Spei­sen und Ge­trän­ke. »Wen bringt Ihr uns da«, rief der jun­ge Kauf­mann dem Füh­rer zu.

Ehe noch der Füh­rer ant­wor­ten konn­te, sprach der Frem­de: »Ich hei­ße Se­lim Ba­ruch und bin aus Bag­dad; ich wur­de auf ei­ner Rei­se nach Mek­ka von ei­ner Räu­ber­hor­de ge­fan­gen, und habe mich vor drei Ta­gen heim­lich aus der Ge­fan­gen­schaft be­freit. Der große Pro­phet ließ mich die Glo­cken eu­rer Ka­ra­wa­ne in wei­ter Fer­ne hö­ren, und so kam ich bei euch an. Er­lau­bet mir, dass ich in eu­rer Ge­sell­schaft rei­se, ihr wer­det eu­ren Schutz kei­nem Un­wür­di­gen schen­ken, und so ihr nach Bag­dad kom­met, wer­de ich eure Güte reich­lich loh­nen, denn ich bin der Nef­fe des Groß­we­sirs.«

Der äl­tes­te der Kauf­leu­te nahm das Wort: »Se­lim Ba­ruch«, sprach er; »sei will­kom­men in un­se­rem Schat­ten. Es macht uns Freu­de dir bei­zu­ste­hen; vor al­lem aber set­ze dich und iss und trin­ke mit uns.«

Se­lim Ba­ruch setz­te sich zu den Kauf­leu­ten, und aß und trank mit ih­nen. Nach dem Es­sen räum­ten die Skla­ven die Ge­schir­re hin­weg, und brach­ten lan­ge Pfei­fen und tür­ki­schen Sor­bet. Die Kauf­leu­te sa­ßen lan­ge schwei­gend, in­dem sie die bläu­li­chen Rauch­wol­ken vor sich hin­blie­sen und zu­sa­hen, wie sie sich rin­gel­ten und ver­zo­gen und end­lich in die Luft ver­schweb­ten. Der jun­ge Kauf­mann brach end­lich das Still­schwei­gen: »So sit­zen wir seit drei Ta­gen«, sprach er, »zu Pferd und am Tisch ohne uns durch et­was die Zeit zu ver­trei­ben. Ich ver­spü­re ge­wal­tig Lan­ge­wei­le, denn ich bin ge­wohnt, nach Tisch Tän­zer zu se­hen oder Ge­sang und Mu­sik zu hö­ren. Wisst ihr gar nichts mei­ne Freun­de, das uns die Zeit ver­treibt?«

Die vier äl­te­ren Kauf­leu­te rauch­ten fort und schie­nen ernst­haft nach­zu­sin­nen, der Frem­de aber sprach: »Wenn es mir er­laubt ist, will ich euch einen Vor­schlag ma­chen. Ich mei­ne auf je­dem La­ger­platz könn­te ei­ner von uns den an­de­ren et­was er­zäh­len. Dies könn­te uns schon die Zeit ver­trei­ben.«

»Se­lim Ba­ruch, du hast wahr ge­spro­chen«, sag­te Achmet, der äl­tes­te der Kauf­leu­te, »lasst uns den Vor­schlag an­neh­men.«

»Es freut mich, wenn euch der Vor­schlag be­hagt«, sprach Se­lim, »da­mit ihr aber se­het, dass ich nichts Un­bil­li­ges ver­lan­ge, so will ich den An­fang ma­chen.«

Bild: 024_Die_Maerchen_des_Wilhelm_Hauff_004.jpg

Ver­gnügt rück­ten die fünf Kauf­leu­te nä­her zu­sam­men und lie­ßen den Frem­den in ihre Mit­te sit­zen. Die Skla­ven schenk­ten die Be­cher wie­der voll, stopf­ten die Pfei­fen ih­rer Her­ren frisch und brach­ten glü­hen­de Koh­len zum An­zün­den. Se­lim aber er­frisch­te sei­ne Stim­me mit ei­nem tüch­ti­gen Zuge Sor­bet, strich den lan­gen Bart über dem Mund weg und sprach:

»So hört denn Die Ge­schich­te von Ka­lif Storch

Die Geschichte von Kalif Storch

I.

Der Ka­lif Cha­sid zu Bag­dad saß ein­mal an ei­nem schö­nen Nach­mit­tag be­hag­lich auf sei­nem Sofa; er hat­te ein we­nig ge­schla­fen, denn es war ein hei­ßer Tag, und sah nun nach sei­nem Schläf­chen recht hei­ter aus. Er rauch­te aus ei­ner lan­gen Pfei­fe von Ro­sen­holz, trank hie und da ein we­nig Kaf­fee, den ihm ein Skla­ve ein­schenk­te und strich sich al­le­mal ver­gnügt den Bart, wenn es ihm ge­schmeckt hat­te. Kurz man sah dem Ka­li­fen an, dass es ihm recht wohl war. Um die­se Stun­de konn­te man gar gut mit ihm re­den, weil er da im­mer recht mild und leut­se­lig war, des­we­gen be­such­te ihn auch sein Groß­we­sir Man­sor alle Tage um die­se Zeit. An die­sem Nach­mit­tag nun kam er auch, sah aber sehr nach­denk­lich aus, ganz ge­gen sei­ne Ge­wohn­heit. Der Ka­lif tat die Pfei­fe ein we­nig aus dem Mund und sprach: »Wa­rum machst du ein so nach­denk­li­ches Ge­sicht, Groß­we­sir?«

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Der Groß­we­sir schlug sei­ne Arme kreuzweis über die Brust, ver­neig­te sich vor sei­nem Herrn, und ant­wor­te­te: »Herr! ob ich ein nach­denk­li­ches Ge­sicht ma­che, weiß ich nicht, aber da drun­ten am Schloss steht ein Krä­mer, der hat so schö­ne Sa­chen, dass es mich är­gert, nicht viel über­flüs­si­ges Geld zu ha­ben.«

Der Ka­lif, der sei­nem Groß­we­sir schon lan­ge gern eine Freu­de ge­macht hät­te, schick­te sei­nen schwar­zen Skla­ven hin­un­ter, um den Krä­mer her­auf­zu­ho­len. Bald kam der Skla­ve mit dem Krä­mer zu­rück. Die­ser war ein klei­ner di­cker Mann, schwarz­braun im Ge­sicht und in zer­lump­tem An­zug. Er trug einen Kas­ten, in wel­chem er al­ler­hand Wa­ren hat­te. Per­len und Rin­ge, reich­be­schla­ge­ne Pis­to­len, Be­cher und Käm­me. Der Ka­lif und sein We­sir mus­ter­ten al­les durch, und der Ka­lif kauf­te end­lich für sich und Man­sor schö­ne Pis­to­len, für die Frau des We­sirs aber einen Kamm. Als der Krä­mer sei­nen Kas­ten schon wie­der zu­ma­chen woll­te, sah der Ka­lif eine klei­ne Schub­la­de, und frag­te: ob da auch noch Wa­ren sei­en? Der Krä­mer zog die Schub­la­de her­aus, und zeig­te dar­in eine Dose mit schwärz­li­chem Pul­ver und ein Pa­pier mit son­der­ba­rer Schrift, die we­der der Ka­li­fe noch Man­sor le­sen konn­ten. »Ich be­kam ein­mal die­se zwei Stücke von ei­nem Kauf­mann, der sie in Mek­ka auf der Stra­ße fand«, sag­te der Krä­mer, »ich weiß nicht, was sie ent­hal­ten; Euch ste­hen sie um ge­rin­gen Preis zu Dienst, ich kann doch nichts da­mit an­fan­gen.«

Der Ka­lif, der in sei­ner Biblio­thek ger­ne alte Ma­nu­skrip­te hat­te, wenn er sie auch nicht le­sen konn­te, kauf­te Schrift und Dose und entließ den Krä­mer. Der Ka­lif aber dach­te er, möch­te ger­ne wis­sen, was die Schrift ent­hal­te, und frag­te den We­sir, ob er kei­nen ken­ne, der es ent­zif­fern könn­te.

»Gnä­digs­ter Herr und Ge­bie­ter«, ant­wor­te­te die­ser, »an der großen Mo­schee wohnt ein Mann, er heißt Se­lim, der Ge­lehr­te, der ver­steht alle Spra­chen, lass ihn kom­men, viel­leicht kennt er die­se ge­heim­nis­vol­len Züge.«

Der Ge­lehr­te Se­lim war bald her­bei­ge­holt; »Se­lim«, sprach zu ihm der Ka­lif; »Se­lim, man sagt du sei­est sehr ge­lehrt; guck ein­mal ein we­nig in die­se Schrift, ob du sie le­sen kannst; kannst du sie le­sen, so be­kommst du ein neu­es Fest­kleid von mir, kannst du es nicht, so be­kommst du zwölf Ba­cken­strei­che und fünf­und­zwan­zig auf die Fuß­soh­len, weil man dich dann um­sonst Se­lim, den Ge­lehr­ten, nennt.«

Se­lim ver­neig­te sich und sprach: »Dein Wil­le ge­sch­ehe, o Herr!« Lan­ge be­trach­te­te er die Schrift, plötz­lich aber rief er aus: »Das ist la­tei­nisch, o Herr, oder ich lass mich hän­gen.« »Sag was drin steht«, be­fahl der Ka­lif, »wenn es la­tei­nisch ist.«

Se­lim fing an zu über­set­zen: »Mensch, der du die­ses fin­dest, prei­se Al­lah für sei­ne Gna­de. Wer von dem Pul­ver in die­ser Dose schnupft, und dazu spricht: Muta­bor, der kann sich in je­des Tier ver­wan­deln, und ver­steht auch die Spra­che der Tie­re.

Will er wie­der in sei­ne mensch­li­che Ge­stalt zu­rück­keh­ren, so nei­ge er sich drei­mal gen Os­ten, und spre­che je­nes Wort; aber hüte dich, wenn du ver­wan­delt bist, dass du nicht la­chest, sonst ver­schwin­det das Zau­ber­wort gänz­lich aus dei­nem Ge­dächt­nis und du bleibst ein Tier.«

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Als Se­lim, der Ge­lehr­te, also ge­le­sen hat­te, war der Ka­lif über die Ma­ßen ver­gnügt. Er ließ den Ge­lehr­ten schwö­ren, nie­mand et­was von dem Ge­heim­nis zu sa­gen, schenk­te ihm ein schö­nes Kleid und entließ ihn. Zu sei­nem Groß­we­sir aber sag­te er: »Das heiß ich gut ein­kau­fen, Man­sor! wie freue ich mich bis ich ein Tier bin. Mor­gen früh kommst du zu mir; wir ge­hen dann mit­ein­an­der aufs Feld, schnup­fen et­was we­ni­ges aus mei­ner Dose und be­lau­schen dann, was in der Luft und im Was­ser, im Wald und Feld ge­spro­chen wird!«

II.

Kaum hat­te am an­de­ren Mor­gen der Ka­lif Cha­sid ge­früh­stückt und sich an­ge­klei­det, als schon der Groß­we­sir er­schi­en, ihn, wie er be­foh­len, auf dem Spa­zier­gang zu be­glei­ten. Der Ka­lif steck­te die Dose mit dem Zau­ber­pul­ver in den Gür­tel, und nach­dem er sei­nem Ge­fol­ge be­foh­len, zu­rück­zu­blei­ben, mach­te er sich mit dem Groß­we­sir ganz al­lein auf den Weg. Sie gin­gen zu­erst durch die wei­ten Gär­ten des Ka­li­fen, späh­ten aber ver­ge­bens nach et­was Le­ben­di­gem, um ihr Kunst­stück zu pro­bie­ren. Der We­sir schlug end­lich vor, wei­ter hin­aus an einen Teich zu ge­hen, wo er schon oft vie­le Tie­re, na­ment­lich Stör­che, ge­se­hen habe, die durch ihr gra­vi­tä­ti­sches We­sen und ihr Ge­klap­per im­mer sei­ne Auf­merk­sam­keit er­regt ha­ben.

Der Ka­lif bil­lig­te den Vor­schlag sei­nes We­sirs, und ging mit ihm dem Teich zu. Als sie dort an­ge­kom­men wa­ren, sa­hen sie einen Stor­chen ernst­haft auf und ab ge­hen, Frösche su­chend, und hie und da et­was vor sich hin­klap­pernd. Zu­gleich sa­hen sie auch weit oben in der Luft einen an­de­ren Stor­chen die­ser Ge­gend zu­schwe­ben.

»Ich wet­te mei­nen Bart, gnä­digs­ter Herr«, sag­te der Groß­we­sir, »wenn nicht die­se zwei Lang­füß­ler ein schö­nes Ge­spräch mit­ein­an­der füh­ren wer­den. Wie wäre es, wenn wir Stör­che wür­den?«

»Wohl ge­spro­chen!« ant­wor­te­te der Ka­lif. »Aber vor­her wol­len wir noch ein­mal be­trach­ten, wie man wie­der Mensch wird. – Rich­tig! drei­mal gen Os­ten ge­neigt und Muta­bor ge­sagt, so bin ich wie­der Ka­lif und du We­sir. Aber nur ums Him­mels wil­len nicht ge­lacht, sonst sind wir ver­lo­ren!«

Wäh­rend der Ka­lif also sprach, sah er den an­de­ren Stor­chen über ih­rem Haup­te schwe­ben, und lang­sam sich zur Erde las­sen. Schnell zog er die Dose aus dem Gür­tel, nahm eine gute Pri­se, bot sie dem Groß­we­sir dar, der gleich­falls schnupf­te, und bei­de rie­fen: »Muta­bor.«

Da schrumpf­ten ihre Bei­ne ein, und wur­den dünn und rot, die schö­nen gel­ben Pan­tof­fel des Ka­li­fen und sei­nes Beglei­ters wur­den un­förm­li­che Storch­fü­ße, die Arme wur­den zu Flü­geln, der Hals fuhr aus den Ach­seln und ward eine Elle lang, der Bart war ver­schwun­den und den Kör­per be­deck­ten wei­che Fe­dern.

»Ihr habt einen hüb­schen Schna­bel, Herr Groß­we­sir«, sprach nach lan­gem Er­stau­nen der Ka­lif. »Beim Bart des Pro­phe­ten, so et­was habe ich in mei­nem Le­ben nicht ge­se­hen.«

»Dan­ke un­ter­tä­nigst«, er­wi­der­te der Groß­we­sir, in­dem er sich bück­te, »aber wenn ich es wa­gen darf zu be­haup­ten, Eure Ho­heit se­hen als Storch bei­na­he noch hüb­scher aus, denn als Ka­lif. Aber kommt, wenn es Euch ge­fäl­lig ist, dass wir un­se­re Ka­me­ra­den dort be­lau­schen, und er­fah­ren, ob wir wirk­lich Storchisch kön­nen?«

In­dem war der an­de­re Storch auf der Erde an­ge­kom­men; er putz­te sich mit dem Schna­bel sei­ne Füße, leg­te sei­ne Fe­dern zu­recht, und ging auf den ers­ten Stor­chen zu. Die bei­den neu­en Stör­che aber be­eil­ten sich in ihre Nähe zu kom­men, und ver­nah­men zu ih­rem Er­stau­nen fol­gen­des Ge­spräch:

»Gu­ten Mor­gen, Frau Lang­bein, so früh schon auf der Wie­se?«

»Schö­nen Dank, lie­be Klap­per­schna­bel! ich habe mir nur ein klei­nes Früh­stück ge­holt. Ist Euch viel­leicht ein Vier­tel­chen Ei­dechs ge­fäl­lig, oder ein Frosch­schen­ke­lein?«

»Dan­ke ge­hor­samst; habe heu­te gar kei­nen Ap­pe­tit. Ich kom­me auch we­gen et­was ganz an­de­rem auf die Wie­se. Ich soll heu­te vor den Gäs­ten mei­nes Va­ters tan­zen, und da will ich mich im Stil­len ein we­nig üben.«

Zu­gleich schritt die jun­ge Störchin in wun­der­li­chen Be­we­gun­gen durch das Feld. Der Ka­lif und Man­sor sa­hen ihr ver­wun­dert nach; als sie aber in ma­le­ri­scher Stel­lung auf ei­nem Fuß stand, und mit den Flü­geln an­mu­tig dazu we­del­te, da konn­ten sich die bei­den nicht mehr hal­ten, ein un­auf­halt­sa­mes Ge­läch­ter brach aus ih­ren Schnä­beln her­vor, von dem sie sich erst nach lan­ger Zeit er­hol­ten. Der Ka­lif fass­te sich zu­erst wie­der: »Das war ein­mal ein Spaß«, rief er, »der nicht mit Gold zu be­zah­len ist; scha­de! dass die dum­men Tie­re durch un­ser Ge­läch­ter sich ha­ben ver­scheu­chen las­sen, sonst hät­ten sie ge­wiss auch noch ge­sun­gen!«

Aber jetzt fiel es dem Groß­we­sir ein, dass das La­chen wäh­rend der Ver­wand­lung ver­bo­ten war. Er teil­te sei­ne Angst des­we­gen dem Ka­li­fen mit. »Potz Mek­ka und Me­di­na! das wäre ein schlech­ter Spaß, wenn ich ein Storch blei­ben müss­te! Be­sin­ne dich doch auf das dum­me Wort, ich bring es nicht her­aus.«

»Drei­mal gen Os­ten müs­sen wir uns bücken, und dazu spre­chen: Mu – Mu – Mu –«

Sie stell­ten sich ge­gen Os­ten und bück­ten sich in ei­nem fort, dass ihre Schnä­bel bei­na­he die Erde be­rühr­ten; aber, o Jam­mer! das Zau­ber­wort war ih­nen ent­fal­len und so oft sich auch der Ka­li­fe bück­te, so sehn­lich auch sein We­sir Mu – Mu dazu rief, jede Erin­ne­rung dar­an war ver­schwun­den, und der arme Cha­sid und sein We­sir wa­ren und blie­ben Stör­che. –

III.

Trau­rig wan­del­ten die Ver­zau­ber­ten durch die Fel­der, sie wuss­ten gar nicht, was sie in ih­rem Elend an­fan­gen soll­ten. Aus ih­rer Stor­chen­haut konn­ten sie nicht her­aus, in die Stadt zu­rück konn­ten sie auch nicht um sich zu er­ken­nen zu ge­ben, denn wer hät­te ei­nem Stor­chen ge­glaubt, dass er der Ka­lif sei, und wenn man es auch ge­glaubt hät­te, wür­den die Ein­woh­ner von Bag­dad einen Stor­chen zum Ka­li­fen ge­wollt ha­ben?

So schli­chen sie meh­re­re Tage um­her, und er­nähr­ten sich küm­mer­lich von Feld­früch­ten, die sie aber we­gen ih­rer lan­gen Schnä­bel nicht gut ver­spei­sen konn­ten. Zu Ei­dech­sen und Fröschen hat­ten sie üb­ri­gens kei­nen Ap­pe­tit denn sie be­fürch­te­ten, mit sol­chen Lecker­bis­sen sich den Ma­gen zu ver­der­ben. Ihr ein­zi­ges Ver­gnü­gen in die­ser trau­ri­gen Lage war, dass sie flie­gen konn­ten, und so flo­gen sie oft auf die Dä­cher von Bag­dad, um zu se­hen, was dar­in vor­ging.

In den ers­ten Ta­gen be­merk­ten sie große Un­ru­he und Trau­er in den Stra­ßen; aber un­ge­fähr am vier­ten Tag nach ih­rer Ver­zau­be­rung sa­ßen sie auf dem Palast des Ka­li­fen, da sa­hen sie un­ten in der Stra­ße einen präch­ti­gen Auf­zug; Trom­meln und Pfei­fen er­tön­ten, ein Mann in ei­nem gold­ge­stick­ten Schar­lach­man­tel saß auf ei­nem ge­schmück­ten Pferd, um­ge­ben von glän­zen­den Die­nern; halb Bag­dad sprang ihm nach, und alle schri­en: »Heil Miz­ra! dem Herr­scher von Bag­dad!«

Da sa­hen die bei­den Stör­che auf dem Da­che des Palas­tes ein­an­der an, und der Ka­li­fe Cha­sid sprach: »Ahnst du jetzt, warum ich ver­zau­bert bin, Groß­we­sir? Die­ser Miz­ra ist der Sohn mei­nes Tod­fein­des, des mäch­ti­gen Zau­be­rers Kaschnur, der mir in ei­ner bö­sen Stun­de Ra­che schwur. Aber noch gebe ich die Hoff­nung nicht auf. Komm mit mir, du treu­er Ge­fähr­te mei­nes Elends, wir wol­len zum Grab des Pro­phe­ten wan­dern, viel­leicht dass an hei­li­ger Stät­te der Zau­ber ge­löst wird.«

Sie er­ho­ben sich vom Dach des Palas­tes, und flo­gen der Ge­gend von Me­di­na zu.

Mit dem Flie­gen woll­te es aber nicht gar gut ge­hen, denn die bei­den Stör­che hat­te noch we­nig Übung. »O Herr«, ächz­te nach ein paar Stun­den der Groß­we­sir, »ich hal­te es, mit Eu­rer Er­laub­nis, nicht mehr lan­ge aus, Ihr fliegt gar zu schnell! Auch ist es schon Abend, und wir tä­ten wohl, ein Un­ter­kom­men für die Nacht zu su­chen.«

Cha­sid gab der Bit­te sei­nes Die­ners Ge­hör; und da er un­ten im Tale eine Rui­ne er­blick­te, die ein Ob­dach zu ge­wäh­ren schi­en, so flo­gen sie da­hin. Der Ort, wo sie sich für die­se Nacht nie­der­ge­las­sen hat­ten, schi­en ehe­mals ein Schloss ge­we­sen zu sein. Schö­ne Säu­len rag­ten un­ter den Trüm­mern her­vor, meh­re­re Ge­mä­cher, die noch ziem­lich er­hal­ten wa­ren, zeug­ten von der ehe­ma­li­gen Pracht des Hau­ses. Cha­sid und sein Beglei­ter gin­gen durch die Gän­ge um­her, um sich ein tro­ckenes Plätz­chen zu su­chen; plötz­lich blieb der Storch Man­sor ste­hen. »Herr und Ge­bie­ter«, flüs­ter­te er lei­se, »wenn es nur nicht tö­richt für einen Groß­we­sir, noch mehr aber für einen Stor­chen wäre, sich vor Ge­s­pens­tern zu fürch­ten! Mir ist ganz un­heim­lich zu­mut, denn hier ne­ben hat es ganz ver­nehm­lich ge­seufzt und ge­stöhnt.« Der Ka­lif blieb nun auch ste­hen, und hör­te ganz deut­lich ein lei­ses Wei­nen, das eher ei­nem Men­schen, als ei­nem Tie­re an­zu­ge­hö­ren schi­en. Voll Er­war­tung woll­te er der Ge­gend zu­ge­hen, wo­her die Kla­ge­tö­ne ka­men, der We­sir aber pack­te ihn mit dem Schna­bel am Flü­gel, und bat ihn fle­hent­lich, sich nicht in neue un­be­kann­te Ge­fah­ren zu stür­zen. Doch ver­ge­bens! Der Ka­lif, dem auch un­ter dem Stor­chen­flü­gel ein tap­fe­res Herz schlug, riss sich mit Ver­lust ei­ni­ger Fe­dern los, und eil­te in einen fins­tern Gang. Bald war er an ei­ner Türe an­ge­langt, die nur an­ge­lehnt schi­en, und wor­aus er deut­li­che Seuf­zer, mit ein we­nig Ge­heul, ver­nahm. Er stieß mit dem Schna­bel die Türe auf, blieb aber über­rascht auf der Schwel­le ste­hen. In dem ver­fal­le­nen Ge­mach, das nur durch ein klei­nes Git­ter­fens­ter spär­lich er­leuch­tet war, sah er eine große Nacht­eu­le am Bo­den sit­zen. Di­cke Trä­nen roll­ten ihr aus den großen run­den Au­gen, und mit hei­se­rer Stim­me stieß sie ihre Kla­gen zu dem krum­men Schna­bel her­aus. Als sie aber den Ka­li­fen und sei­nen We­sir, der in­des auch her­bei­ge­schli­chen war, er­blick­te, er­hob sie ein lau­tes Freu­den­ge­schrei. Zier­lich wisch­te sie mit dem braun­ge­fleck­ten Flü­gel die Trä­nen aus dem Auge, und zu dem großen Er­stau­nen der bei­den, rief sie in gu­tem mensch­li­chem Ara­bisch: »Will­kom­men ihr Stör­che, ihr seid mir ein gu­tes Zei­chen mei­ner Er­ret­tung, denn durch Stör­che wer­de mir ein großes Glück kom­men, ist mir einst pro­phe­zeit wor­den!«

Als sich der Ka­lif von sei­nem Er­stau­nen er­holt hat­te, bück­te er sich mit sei­nem lan­gen Hals, brach­te sei­ne dün­nen Füße in eine zier­li­che Stel­lung, und sprach: »Nacht­eu­le! dei­nen Wor­ten nach, darf ich glau­ben, eine Lei­dens­ge­fähr­tin in dir zu se­hen. Aber ach! Dei­ne Hoff­nung, dass durch uns dei­ne Ret­tung kom­men wer­de, ist ver­geb­lich. Du wirst un­se­re Hilf­lo­sig­keit selbst er­ken­nen, wenn du un­se­re Ge­schich­te hörst.« Die Nacht­eu­le bat ihn zu er­zäh­len, der Ka­lif aber hub an und er­zähl­te, was wir be­reits wis­sen.

IV.

Als der Ka­lif der Eule sei­ne Ge­schich­te vor­ge­tra­gen hat­te, dank­te sie ihm und sag­te: »Ver­nimm auch mei­ne Ge­schich­te und höre, wie ich nicht we­ni­ger un­glück­lich bin als du. Mein Va­ter ist der Kö­nig von In­di­en, ich, sei­ne ein­zi­ge, un­glück­li­che Toch­ter, hei­ße Lusa. Je­ner Zau­be­rer Kaschnur, der euch ver­zau­ber­te, hat auch mich ins Un­glück ge­stürzt. Er kam ei­nes Tags zu mei­nem Va­ter und be­gehr­te mich zur Frau für sei­nen Sohn Miz­ra. Mein Va­ter aber, der ein hit­zi­ger Mann ist, ließ ihn die Trep­pe hin­un­ter­wer­fen. Der Elen­de wuss­te sich un­ter ei­ner an­de­ren Ge­stalt, wie­der in mei­ne Nähe zu schlei­chen, und als ich einst in mei­nem Gar­ten Er­fri­schun­gen zu mir neh­men woll­te, brach­te er mir, als Skla­ve ver­klei­det, einen Trank bei, der mich in die­se ab­scheu­li­che Ge­stalt ver­wan­del­te. Vor Schre­cken ohn­mäch­tig, brach­te er mich hier­her und rief mir mit schreck­li­cher Stim­me in die Ohren:

›Da sollst du blei­ben, häss­lich, selbst von den Tie­ren ver­ach­tet, bis an dein Ende, oder bis ei­ner aus frei­em Wil­len dich, selbst in die­ser schreck­li­chen Ge­stalt, zur Gat­tin be­gehrt. So rä­che ich mich an dir und dei­nem stol­zen Va­ter.‹

Seit­dem sind vie­le Mo­na­te ver­flos­sen. Ein­sam und trau­rig lebe ich als Ein­sied­le­rin in die­sem Ge­mäu­er, ver­ab­scheut von der Welt, selbst den Tie­ren ein Gräu­el; die schö­ne Na­tur ist vor mir ver­schlos­sen, denn ich bin blind am Tage, und nur, wenn der Mond sein blei­ches Licht über dies Ge­mäu­er aus­gießt, fällt der ver­hül­len­de Schlei­er von mei­nem Auge.«

Die Eule hat­te ge­en­det, und wisch­te sich mit dem Flü­gel wie­der die Au­gen aus, denn die Er­zäh­lung ih­rer Lei­den hat­te ihr Trä­nen ent­lockt.

Der Ka­lif war bei der Er­zäh­lung der Prin­zes­sin in tie­fes Nach­den­ken ver­sun­ken. »Wenn mich nicht al­les täuscht«, sprach er, »so fin­det zwi­schen un­se­rem Un­glück ein ge­hei­mer Zu­sam­men­hang statt; aber wo fin­de ich den Schlüs­sel zu die­sem Rät­sel?«

Die Eule ant­wor­te­te ihm: »O Herr! auch mir ah­net dies; denn es ist mir einst in mei­ner frü­he­s­ten Ju­gend von ei­ner wei­sen Frau pro­phe­zeit wor­den, dass ein Storch mir ein großes Glück brin­gen wer­de, und ich wüss­te viel­leicht, wie wir uns ret­ten könn­ten.« Der Ka­lif war sehr er­staunt und frag­te, auf wel­chem Wege sie mei­ne? »Der Zau­be­rer, der uns bei­de un­glück­lich ge­macht hat«, sag­te sie, »kommt alle Mo­na­te ein­mal in die­se Rui­nen. Nicht weit von die­sem Ge­mach ist ein Saal. Dort pflegt er dann mit vie­len Ge­nos­sen zu schmau­sen. Schon oft habe ich sie dort be­lauscht. Sie er­zäh­len dann ein­an­der ihre schänd­li­chen Wer­ke, viel­leicht dass er dann das Zau­ber­wort, das ihr ver­ges­sen habt, aus­spricht.«

»Oh, teu­ers­te Prin­zes­sin«, rief der Ka­lif, »sag an, wann kommt er, und wo ist der Saal?«

Die Eule schwieg einen Au­gen­blick, und sprach dann: »Neh­met es nicht un­gü­tig, aber nur un­ter ei­ner Be­din­gung kann ich Eu­ern Wunsch er­fül­len.«

»Sprich aus! sprich aus!« schrie Cha­sid, »be­fiehl, es ist mir jede recht –«

»Näm­lich ich möch­te auch ger­ne zu­gleich frei sein, dies kann aber nur ge­sche­hen, wenn ei­ner von euch mir sei­ne Hand reicht.«

Die Stör­che schie­nen über den An­trag et­was be­trof­fen zu sein, und der Ka­lif wink­te sei­nem Die­ner, ein we­nig mit ihm hin­aus­zu­ge­hen.

»Groß­we­sir«, sprach vor der Türe der Ka­lif, »das ist ein dum­mer Han­del, aber Ihr könn­tet sie schon neh­men.«

»So?« ant­wor­te­te die­ser, »dass mir mei­ne Frau, wenn ich nach Haus kom­me, die Au­gen aus­kratzt. Auch bin ich ein al­ter Mann, und Ihr seid noch jung und un­ver­hei­ra­tet, und kön­net eher ei­ner jun­gen schö­nen Prin­zeß die Hand ge­ben.«

»Das ist es eben«, seufz­te der Ka­lif, in­dem er trau­rig die Flü­gel hän­gen ließ, »wer sagt dir denn, dass sie jung und schön ist? Das heißt eine Kat­ze im Sack kau­fen!«

Sie re­de­ten ein­an­der ge­gen­sei­tig noch lan­ge zu, end­lich aber, als der Ka­lif sah, dass sein We­sir lie­ber Storch blei­ben, als die Eule hei­ra­ten woll­te, ent­schloss er sich, die Be­din­gung lie­ber selbst zu er­fül­len. Die Eule war hoch er­freut. Sie ge­stand ih­nen, dass sie zu kei­ner bes­sern Zeit hät­ten kom­men kön­nen, weil wahr­schein­lich in die­ser Nacht die Zau­be­rer sich ver­sam­meln wer­den.

Sie ver­ließ mit den Stör­chen das Ge­mach, um sie in je­nen Saal zu füh­ren; sie gin­gen lan­ge in ei­nem fins­tern Gang hin, end­lich strahl­te ih­nen aus ei­ner halb­ver­fal­le­nen Mau­er ein hel­ler Schein ent­ge­gen. Als sie dort an­ge­langt wa­ren, riet ih­nen die Eule, sich ganz ru­hig zu ver­hal­ten. Sie konn­ten von der Lücke, an wel­cher sie stan­den, einen großen Saal über­se­hen. Er war rings­um mit Säu­len ge­schmückt und pracht­voll ver­ziert. Vie­le far­bi­ge Lam­pen er­setz­ten das Licht des Ta­ges. In der Mit­te des Saa­l­es stand ein runder Tisch, mit vie­len und aus­ge­such­ten Spei­sen be­setzt. Rings um den Tisch zog sich ein Sofa, auf wel­chem 8 Män­ner sa­ßen. In ei­nem die­ser Män­ner er­kann­ten die Stör­che je­nen Krä­mer wie­der, der ih­nen das Zau­ber­pul­ver ver­kauft hat­te. Sein Ne­ben­sit­zer for­der­te ihn auf, ih­nen sei­ne neues­ten Ta­ten zu er­zäh­len. Er er­zähl­te un­ter an­de­ren auch die Ge­schich­te des Ka­li­fen und sei­nes We­sirs.

»Was für ein Wort hast du ih­nen denn auf­ge­ge­ben?« frag­te ihn ein an­de­rer Zau­be­rer. »Ein recht schwe­res la­tei­ni­sches, es heißt Muta­bor.«

V.

Als die Stör­che an ih­rer Mau­er­lücke die­ses hör­ten, ka­men sie vor Freu­den bei­na­he au­ßer sich. Sie lie­fen auf ih­ren lan­gen Fü­ßen so schnell dem Tor der Rui­ne zu, dass die Eule kaum fol­gen konn­te. Dort sprach der Ka­lif ge­rührt zu der Eule: »Ret­te­rin mei­nes Le­bens und des Le­bens mei­nes Freun­des, nimm zum ewi­gen Dank für das, was du an uns ge­tan, mich zum Ge­mahl an.« Dann aber wand­te er sich nach Os­ten. Drei­mal bück­ten die Stör­che ihre lan­gen Häl­se der Son­ne ent­ge­gen, die so­eben hin­ter dem Ge­bir­ge her­auf­stieg; »Muta­bor«, rie­fen sie, im Nu wa­ren sie ver­wan­delt, und in der ho­hen Freu­de des neu­ge­schenk­ten Le­bens, la­gen Herr und Die­ner la­chend und wei­nend ein­an­der in den Ar­men.

Wer be­schreibt aber ihr Er­stau­nen, als sie sich um­sa­hen. Eine schö­ne Dame, herr­lich ge­schmückt, stand vor ih­nen. Lä­chelnd gab sie dem Ka­li­fen die Hand: »Er­kennt Ihr Eure Nacht­eu­le nicht mehr?« sag­te sie. Sie war es; der Ka­lif war von ih­rer Schön­heit und An­mut so ent­zückt, dass er aus­rief: es sei sein größ­tes Glück, dass er Storch ge­wor­den sei.

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Die drei zo­gen nun mit­ein­an­der auf Bag­dad zu. Der Ka­lif fand in sei­nen Klei­dern nicht nur die Dose mit Zau­ber­pul­ver, son­dern auch sei­nen Geld­beu­tel. Er kauf­te da­her im nächs­ten Dor­fe, was zu ih­rer Rei­se nö­tig war, und so ka­men sie bald an die Tore von Bag­dad. Dort aber er­reg­te die An­kunft des Ka­li­fen großes Er­stau­nen. Man hat­te ihn für tot aus­ge­ge­ben, und das Volk war da­her hoch er­freut, sei­nen ge­lieb­ten Herr­scher wie­der­zu­ha­ben.

Umso mehr aber ent­brann­te ihr Hass ge­gen den Be­trü­ger Miz­ra. Sie zo­gen in den Palast, und nah­men den al­ten Zau­be­rer und sei­nen Sohn ge­fan­gen. Den Al­ten schick­te der Ka­lif in das­sel­be Ge­mach der Rui­ne, das die Prin­zes­sin als Eule be­wohnt hat­te, und ließ ihn dort auf­hän­gen. Dem Sohn aber, wel­cher nichts von den Küns­ten des Va­ters ver­stand, ließ der Ka­lif die Wahl, ob er ster­ben oder schnup­fen wol­le. Als er das letz­te­re wähl­te, bot ihm der Groß­we­sir die Dose. Eine tüch­ti­ge Pri­se, und das Zau­ber­wort des Ka­li­fen ver­wan­del­te ihn in einen Stor­chen. Der Ka­lif ließ ihn in ein ei­ser­nes Kä­figt sper­ren und in sei­nem Gar­ten auf­stel­len.

Lan­ge und ver­gnügt leb­te Ka­lif Cha­sid mit sei­ner Frau, der Prin­zes­sin; sei­ne ver­gnüg­tes­ten Stun­den wa­ren im­mer die, wenn ihn der Groß­we­sir nach­mit­tags be­such­te; da spra­chen sie dann oft von ih­rem Stor­chen­aben­teu­er, und wenn der Ka­lif recht hei­ter war, ließ er sich her­ab, den Groß­we­sir nach­zuah­men, wie er als Storch aus­sah. Er stieg dann ernst­haft, mit stei­fen Fü­ßen im Zim­mer auf und ab, klap­per­te, we­del­te mit den Ar­men, wie mit Flü­geln und zeig­te, wie je­ner sich ver­geb­lich nach Os­ten ge­neigt und Mu – Mu – dazu ge­ru­fen habe. Für die Frau Ka­li­fin und ihre Kin­der war die­se Vor­stel­lung al­le­mal eine große Freu­de; wenn aber der Ka­lif gar zu lan­ge klap­per­te und nick­te und Mu – Mu – schrie, dann droh­te ihm lä­chelnd der We­sir: er wol­le das, was vor der Türe der Prin­zes­sin Nacht­eu­le ver­han­delt wor­den sei, der Frau Ka­li­fin mit­tei­len.

*

Als Se­lim Ba­ruch sei­ne Ge­schich­te ge­en­det hat­te, be­zeug­ten sich die Kauf­leu­te sehr zu­frie­den da­mit. »Wahr­haf­tig, der Nach­mit­tag ist uns ver­gan­gen, ohne dass wir merk­ten wie!« sag­te ei­ner der­sel­ben, in­dem er die De­cke des Zel­tes zu­rück­schlug. »Der Abend­wind we­het kühl, und wir könn­ten noch eine gute Stre­cke We­ges zu­rück­le­gen.« Sei­ne Ge­fähr­ten wa­ren da­mit ein­ver­stan­den, die Zel­te wur­den ab­ge­bro­chen, und die Ka­ra­wa­ne mach­te sich in der näm­li­chen Ord­nung, in wel­cher sie her­an­ge­zo­gen war, auf den Weg.

Sie rit­ten bei­na­he die gan­ze Nacht hin­durch, denn es war schwül am Tage, die Nacht aber war er­quick­lich und stern­hell. Sie ka­men end­lich an ei­nem be­que­men La­ger­platz an, schlu­gen die Zel­te auf und leg­ten sich zur Ruhe. Für den Frem­den aber sorg­ten die Kauf­leu­te, wie wenn er ihr wer­tes­ter Gast­freund wäre. Der eine gab ihm Pols­ter, der an­de­re De­cken, ein drit­ter gab ihm Skla­ven, kurz, er wur­de so gut be­dient, als ob er zu Hau­se wäre. Die hei­ße­ren Stun­den des Ta­ges wa­ren schon her­auf­ge­kom­men, als sie sich wie­der er­ho­ben, und sie be­schlos­sen ein­mü­tig, hier den Abend ab­zu­war­ten. Nach­dem sie mit­ein­an­der ge­speist hat­ten, rück­ten sie wie­der nä­her zu­sam­men, und der jun­ge Kauf­mann wand­te sich an den äl­tes­ten und sprach: »Se­lim Ba­ruch hat uns ges­tern einen ver­gnüg­ten Nach­mit­tag be­rei­tet, wie wäre es, Achmet, wenn Ihr uns auch et­was er­zähl­tet. Sei es nun aus Eu­rem lan­gen Le­ben, das wohl vie­le Aben­teu­er auf­zu­wei­sen hat, oder sei es auch ein hüb­sches Mär­chen.« Achmet schwieg auf die­se An­re­de eine Zeit lang, wie wenn er bei sich im Zwei­fel wäre, ob er dies oder je­nes sa­gen soll­te, oder nicht; end­lich fing er an zu spre­chen:

»Lie­be Freun­de! ihr habt euch auf die­ser un­se­rer Rei­se als treue Ge­sel­len er­probt, und auch Se­lim ver­dient mein Ver­trau­en; da­her will ich euch et­was aus mei­nem Le­ben mit­tei­len, das ich sonst un­gern und nicht je­dem er­zäh­le:

Die Ge­schich­te von dem Ge­s­pens­ter­schiff

Die Geschichte von dem Gespensterschiff

Mein Va­ter hat­te einen klei­nen La­den in Bal­so­ra; er war we­der arm noch reich und war ei­ner von je­nen Leu­ten, die nicht ger­ne et­was wa­gen, aus Furcht das we­ni­ge zu ver­lie­ren, das sie ha­ben. Er er­zog mich schlicht und recht, und brach­te es bald so weit, dass ich ihm an die Hand ge­hen konn­te. Gera­de als ich acht­zehn Jahr alt war, als er die ers­te grö­ße­re Spe­ku­la­ti­on mach­te, starb er, wahr­schein­lich aus Gram, tau­send Gold­stücke dem Mee­re an­ver­traut zu ha­ben. Ich muss­te ihn bald nach­her we­gen sei­nes To­des glück­lich prei­sen, denn we­ni­ge Wo­chen her­nach, lief die Nach­richt ein, dass das Schiff, dem mein Va­ter sei­ne Gü­ter mit­ge­ge­ben hat­te, ver­sun­ken sei. Mei­nen ju­gend­li­chen Mut konn­te aber die­ser Un­fall nicht beu­gen. Ich mach­te al­les vollends zu Geld, was mein Va­ter hin­ter­las­sen hat­te, und zog aus, um in der Frem­de mein Glück zu pro­bie­ren, nur von ei­nem al­ten Die­ner mei­nes Va­ters be­glei­tet, der sich aus al­ter An­häng­lich­keit nicht von mir und mei­nem Schick­sal tren­nen woll­te.

Im Ha­fen von Bal­so­ra schiff­ten wir uns mit güns­ti­gem Win­de ein. Das Schiff, auf dem ich mich ein­ge­mie­tet hat­te, war nach In­di­en be­stimmt. Wir wa­ren schon fünf­zehn Tage auf der ge­wöhn­li­chen Stra­ße ge­fah­ren, als uns der Ka­pi­tän einen Sturm ver­kün­de­te. Er mach­te ein be­denk­li­ches Ge­sicht, denn es schi­en, er ken­ne in die­ser Ge­gend das Fahr­was­ser nicht ge­nug, um ei­nem Sturm mit Ruhe be­geg­nen zu kön­nen. Er ließ alle Se­gel ein­zie­hen, und wir trie­ben ganz lang­sam hin. Die Nacht war an­ge­bro­chen, war hell und kalt, und der Ka­pi­tän glaub­te schon, sich in den An­zei­chen des Stur­mes ge­täuscht zu ha­ben. Auf ein­mal schweb­te ein Schiff, das wir vor­her nicht ge­se­hen hat­ten, dicht an dem uns­ri­gen vor­bei. Wil­des Jauch­zen und Ge­schrei er­scholl aus dem Ver­deck her­über, wor­über ich mich zu die­ser angst­vol­len Stun­de, vor ei­nem Sturm, nicht we­nig wun­der­te. Aber der Ka­pi­tän an mei­ner Sei­te wur­de blass, wie der Tod. »Mein Schiff ist ver­lo­ren«, rief er, »dort se­gelt der Tod!«

Ehe ich ihn noch über die­sen son­der­ba­ren Aus­ruf be­fra­gen konn­te, stürz­ten schon heu­lend und schrei­end die Ma­tro­sen her­ein: »Habt ihr ihn ge­sehn?« schri­en sie, »jetzt ist’s mit uns vor­bei.«

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Der Ka­pi­tän aber ließ Trost­sprü­che aus dem Koran vor­le­sen, und setz­te sich selbst ans Steu­er­ru­der. Aber ver­ge­bens! Zu­se­hends braus­te der Sturm auf, und ehe eine Stun­de ver­ging, krach­te das Schiff und blieb sit­zen. Die Boo­te wur­den aus­ge­setzt, und kaum hat­ten sich die letz­ten Ma­tro­sen ge­ret­tet, so ver­sank das Schiff vor un­sern Au­gen, und als ein Bett­ler fuhr ich in die See hin­aus. Aber der Jam­mer hat­te noch kein Ende. Fürch­ter­li­cher tob­te der Sturm, das Boot war nicht mehr zu re­gie­ren. Ich hat­te mei­nen al­ten Die­ner fest um­schlun­gen und wir ver­spra­chen uns, nie von­ein­an­der zu wei­chen. End­lich brach der Tag an; aber mit dem ers­ten Blick der Mor­gen­rö­te fass­te der Wind das Boot, in wel­chem wir sa­ßen, und stürz­te es um. Ich habe kei­nen mei­ner Schiffs­leu­te mehr ge­se­hen. Der Sturz hat­te mich be­täubt; und als ich auf­wach­te, be­fand ich mich in den Ar­men mei­nes al­ten treu­en Die­ners, der sich auf das um­ge­schla­ge­ne Boot ge­ret­tet, und mich nach­ge­zo­gen hat­te. Der Sturm hat­te sich ge­legt. Von un­se­rem Schiff war nichts mehr zu se­hen, wohl aber ent­deck­ten wir, nicht weit von uns, ein an­de­res Schiff, auf das die Wel­len uns hin­trie­ben. Als wir nä­her hin­zu­ka­men, er­kann­te ich das Schiff als das­sel­be, das in der Nacht an uns vor­bei­fuhr, und wel­ches den Ka­pi­tän so sehr in Schre­cken ge­setzt hat­te. Ich emp­fand ein son­der­ba­res Grau­en vor die­sem Schif­fe. Die Äu­ße­rung des Ka­pi­täns, die sich so furcht­bar be­stä­tigt hat­te, das öde Aus­se­hen des Schif­fes, auf dem sich, so nahe wir auch her­an­ka­men, so laut wir schri­en, nie­mand zeig­te, er­schreck­ten mich. Doch es war un­ser ein­zi­ges Ret­tungs­mit­tel, dar­um prie­sen wir den Pro­phe­ten, der uns so wun­der­voll er­hal­ten hat­te.

Am Vor­der­teil des Schif­fes hing ein lan­ges Tau her­ab. Mit Hän­den und Fü­ßen ru­der­ten wir dar­auf zu, um es zu er­fas­sen. End­lich glück­te es. Noch ein­mal er­hob ich mei­ne Stim­me, aber im­mer blieb es still auf dem Schiff. Da klimm­ten wir an dem Tau hin­auf, ich als der Jüngs­te vor­an. Aber Ent­set­zen! Wel­ches Schau­spiel stell­te sich mei­nem Auge dar, als ich das Ver­deck be­trat. Der Bo­den war mit Blut ge­rötet, 20–30 Leich­na­me in tür­ki­schen Klei­dern la­gen auf dem Bo­den, am mitt­le­ren Mast­baum stand ein Mann, reich ge­klei­det, den Sä­bel in der Hand, aber das Ge­sicht war blass und ver­zerrt, durch die Stir­ne ging ein großer Na­gel, der ihn an den Mast­baum hef­te­te, auch er war tot. Schre­cken fes­sel­te mei­ne Schrit­te, ich wag­te kaum zu at­men. End­lich war auch mein Beglei­ter her­auf­ge­kom­men. Auch ihn über­rasch­te der An­blick des Ver­deckes, das gar nichts Le­ben­di­ges, son­dern nur so vie­le schreck­li­che Tote zeig­te. Wir wag­ten es end­lich, nach­dem wir in der See­len­angst zum Pro­phe­ten ge­fleht hat­ten, wei­ter vor­zu­schrei­ten. Bei je­dem Schrit­te sa­hen wir uns um, ob nicht et­was Neu­es, noch Schreck­li­che­res sich dar­bie­te; aber al­les blieb, wie es war; weit und breit nichts Le­ben­di­ges, als wir und das Welt­meer. Nicht ein­mal laut zu spre­chen wag­ten wir, aus Furcht, der tote, am Mast an­ge­spieß­te Ka­pi­ta­no, möch­te sei­ne star­re Au­gen nach uns hin­dre­hen, oder ei­ner der Ge­tö­te­ten möch­te sei­nen Kopf um­wen­den. End­lich wa­ren wir bis an eine Trep­pe ge­kom­men, die in den Schiffs­raum führ­te. Un­will­kür­lich mach­ten wir dort halt und sa­hen ein­an­der an, denn kei­ner wag­te es recht, sei­ne Ge­dan­ken zu äu­ßern.

»O Herr«, sprach mein treu­er Die­ner, »hier ist et­was Schreck­li­ches ge­sche­hen. Doch, wenn auch das Schiff da un­ten voll Mör­der steckt, so will ich mich ih­nen doch lie­ber auf Gna­de und Un­gna­de er­ge­ben, als län­ge­re Zeit un­ter die­sen To­ten zu­brin­gen.« Ich dach­te wie er, wir fass­ten ein Herz und stie­gen voll Er­war­tung hin­un­ter. To­ten­stil­le war aber auch hier, und nur un­se­re Schrit­te hall­ten auf der Trep­pe. Wir stan­den an der Türe der Ka­jü­te. Ich leg­te mein Ohr an die Türe und lausch­te, es war nichts zu hö­ren. Ich mach­te auf. Das Ge­mach bot einen un­or­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­