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Lust auf mehr?

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Eins

Allie steckte das Handy ein und kuschelte sich in ihre schwarze Jacke. Da sie dazu eine dunkle Jeans trug, war sie im spätnachmittäglichen Dämmerlicht praktisch unsichtbar.

Nervös sah sie auf ihre Uhr. Sie wartete nun schon seit zwanzig Minuten. Wenn das noch sehr viel länger dauert, dann …

Sie musste schlucken.

Vor ihr lag das imposante, schwarze Eisentor mit den scharfen Spitzen obendrauf. Soweit sie wusste, war das der einzige Zugang zum Schulgelände der Cimmeria Academy. Es befand sich ein paar Hundert Meter vom Internatsgebäude entfernt und konnte nur mittels einer Fernbedienung geöffnet werden, die im Büro der Rektorin unter Verschluss war.

Autos waren ohnehin eine Seltenheit in Cimmeria. Die meisten Lehrer und Angestellten lebten auf dem Gelände. Freilich kamen jeden Tag Lieferwagen und Postautos, nicht zu vergessen die Wachleute, die für Raj Patel arbeiteten. Allie hatte die Wachen eine Zeit lang beobachtet und herausgefunden, dass sie um acht, sechzehn und vierundzwanzig Uhr Schichtwechsel hatten. Es war nun kurz vor vier, und wenn sie Glück hatte, würde bald jemand durch dieses Tor fahren, ehe sie entdeckt wurde.

Ihr Versteck befand sich in unmittelbarer Nähe der Stelle, an der Jo getötet worden war. Die Erinnerung an jene Nacht quälte sie noch immer. Wenn sie die Augen schloss, sah sie wieder alles vor sich – die weiße Schneedecke, den zerbrechlichen Körper, der wie eine Stoffpuppe leblos auf der Straße lag … Und die Blutlache, die in den Schnee hineinwuchs wie die Blütenblätter einer tödlichen Blume.

Sie machte die Augen wieder auf.

Heute war da nur ein menschenleerer Waldweg.

Soll ich wirklich?, fragte sie sich unablässig, seit sie das Tor erreicht hatte. Ein Teil von ihr wollte einfach losheulen oder zurück auf ihr Zimmer rennen. Beides tat sie nicht. Stattdessen wappnete sie sich.

Sie musste hier raus.

Ein eisiger Wind schüttelte die Bäume in ihrer Umgebung und sandte einen Schauer eisiger Regentropfen auf sie hernieder. Bibbernd wickelte sie sich den Schal enger um den Hals. Das Rauschen im Geäst überdeckte den näher kommenden Motorenlärm. Als sie ihn endlich registrierte, waren die Scheinwerfer schon ganz nah.

Sie duckte sich, um nicht vom Lichtkegel erfasst zu werden, und wartete startbereit wie die Leichtathletin, die sie bis vor ein paar Wochen gewesen war. Bis zu dem Überfall. Wegen der unnatürlichen Haltung tat ihr der ganze Körper weh. Auf ihren Körper zu hören, dafür war jetzt keine Zeit. Jetzt war abhauen angesagt.

Atemlos beobachtete sie durch das Gitter des Zauns, wie das Auto langsam auf das Tor zufuhr und schließlich anhielt.

Das war ihre Chance. Ihre einzige vielleicht.

Doch erst mal tat sich gar nichts. Das Pochen in Allies verletztem Knie wurde schlimmer. Sich ruhig zu verhalten, kostete sie entsetzliche Mühe. Sehr viel länger würde sie das nicht schaffen.

Sie schloss die Augen und versuchte, das Tor durch reine Willensanstrengung zu öffnen, doch es rührte sich nicht.

Irgendwas stimmt da nicht.

Vielleicht wissen sie längst Bescheid. Vielleicht hat Raj seine Wachleute losgeschickt, damit sie mich schnappen. Vielleicht sind das schon seine Leute.

Ihr Mund war ganz trocken. Das Atmen fiel ihr schwer.

Endlich setzte sich das große, schmiedeeiserne Tor zitternd in Bewegung und ging mit einem metallischen Quietschen auf.

Allie zählte leise ihre Atemzüge mit – als sie bei acht war, kam das Tor mit einem Scheppern zum Stehen. Es stand nun komplett offen. Die Straße dahinter beschrieb eine Kurve und verschwand im dunklen Wald. In der Dämmerung sah es so aus, als würde sie gleich hinter dem Tor aufhören – als gäbe es da draußen gar keine Welt mehr. Allie wusste nicht, was geschehen würde. Wie aufmerksam Nathaniel die Schule überwachte. Aber das spielte nun keine Rolle mehr.

Sie zog das Handy aus der Tasche und ließ es unter einen nahe gelegenen Baum fallen. Es würde ihr ohnehin nichts mehr nützen – da es jederzeit geortet werden konnte. Sie musste sich einfach darauf verlassen, dass Mark ihre Verabredung einhalten würde.

Der Wagen musste jetzt nur noch weit genug ins Schulgelände hineinfahren, damit sie entwischen konnte, ohne vom Fahrer bemerkt zu werden.

Doch quälend lange passierte erst mal gar nichts. Der Wagen blieb stehen, und der Motor tuckerte im Leerlauf vor sich hin – wie eine Katze, die schnurrend mit ihrer Beute spielt. Von ihrem Versteck aus konnte Allie den Fahrer nicht sehen.

Was ist denn los, verdammt noch mal? Jetzt fahr endlich, Mann!, hätte sie am liebsten gebrüllt.

Als sie schon dachte, sie wäre aufgeflogen, setzten sich die Reifen des schwarzen Audi knirschend in Bewegung, und der Wagen fuhr langsam über den Kiesweg auf die Schule zu.

Beinahe zeitgleich setzte sich auch das Tor wieder in Bewegung, doch Allie wagte nicht, sich zu rühren. Das Auto war immer noch zu nahe – der Fahrer hätte sie im Rückspiegel sehen können.

Die Augen fest auf das Tor gerichtet, wartete sie mit angespanntem Körper. Ihre Muskeln brannten. Fahr weiter!

Doch der Fahrer schien sich bewusst Zeit zu lassen.

Als wüsste er, dass ich da bin.

Bei dem Gedanken wurde ihr ganz anders. Sie holte tief Luft, um sich zu beruhigen.

Jetzt bloß nicht die Nerven verlieren, Allie!, schalt sie sich. Reiß dich zusammen! Wenn er dich gesehen hätte, wäre er doch schon längst ausgestiegen.

Sie sah zu, wie sich das Tor langsam schloss, und zählte die Atemzüge. Drei. Vier. Fünf.

Ein Spaltbreit nur noch. Der Wagen war zwar immer noch in Sichtweite, doch sie hatte keine Wahl – wenn sie es jetzt nicht versuchte, dann würde sie nie hier rauskommen.

Sie schnellte aus ihrem Versteck hervor und rannte los. Das Knie schmerzte, ihre Lungen brannten. Die Lücke zwischen Tor und Zaun wirkte winzig klein. Zu klein. Hatte sie sich verkalkuliert? War es zu spät?

Dann hatte sie das Tor erreicht. Ihre Hände umklammerten die kalten Gitterstäbe, als könnte sie sie so aufhalten. Doch das Tor funktionierte automatisch – es ließ sich nicht stoppen. Unaufhaltsam schloss es sich, erbarmungslos.

Allie zögerte trotzdem nicht und schoss durch die enge Lücke. Die Gitterstäbe zerrten an ihrer Jacke wie knochige Finger und rammten ihre Schulter mit einer solchen Wucht, dass sie sich vor Schmerz auf die Lippe biss.

Mit einem unterdrückten Schrei riss sie sich los und stolperte auf die andere Seite, während das Tor scheppernd ins Schloss fiel.

Sie war frei.

Zwei

Allie hatte zunächst gar nicht vorgehabt, abzuhauen. Eigentlich wollte sie nur den Unterricht schwänzen.

Wie so oft in letzter Zeit. Lernen passte irgendwie nicht mehr zu ihrem Leben. Wozu sich also Mühe geben?

Nachdem man sie ein paar Mal gegen ihren Willen in den Unterricht gezerrt hatte, war sie dazu übergegangen, sich Verstecke zu suchen, damit es erst gar nicht so weit kam. Das weitläufige, viktorianische Schulgebäude mit seinen zahllosen Ecken und Winkeln eignete sich hervorragend für solche Zwecke – besonders gern nutzte sie leer stehende Zimmer und Dienstbotenstiegen, wo niemand auf die Idee kam, nach ihr zu suchen. Die Krypta, die Kapelle … Die Möglichkeiten, sich zu verstecken, waren unbegrenzt.

Nachdem sie an diesem Tag mehrere Unterrichtsstunden über sich hatte ergehen lassen, war sie aus dem Fenster ihres Zimmers geklettert, über das schmale, steinerne Sims zu der Stelle geschlichen, wo die Dachschräge nicht ganz so abschüssig war, und hinaufgeklettert bis zu der Stelle, wo Jo einmal mit einer Flasche Wodka in der Hand wie irre herumgetanzt hatte und Allie und Carter sie davor bewahrt hatten, abzustürzen.

Allein mit ihren Erinnerungen hatte sie mehrere Stunden lang in der Kälte gehockt und die Schüler und Angestellten unten auf dem Gelände beobachtet. Erstaunlich, dass nie mal jemand nach oben schaute. Allerdings strotzte das Dach nur so von Schornsteinen und schmiedeeisernen Ornamenten, weshalb es ihr leichtfiel die anderen zu beobachten, ohne selbst gesehen zu werden; eine lebendige Zierfigur.

Und so ging auch dieser Tag an ihr vorbei wie so viele in letzter Zeit, bis sie irgendwann vertraute Stimmen hörte, und zwar überraschend nah. Haben die mich entdeckt?, fragte sie sich erschrocken, doch nach einer Weile merkte sie, dass die Stimmen aus ihrem Zimmer kamen und durchs offene Fenster, das sich genau unter ihrem Sitzplatz befand, zu ihr hochdrangen.

Allie hielt sich an einer Wasser speienden, drachenköpfigen Zierfigur fest und lehnte sich über den Rand des Dachs, um zu lauschen.

»Ihr habt sie also noch nicht gefunden?« Isabelles Stimme klang nervös.

»Nein«, antwortete Raj so leise, dass Allie Mühe hatte, ihn zu verstehen. »Mein Team sucht gerade das Gelände ab.«

Sie würden sie nicht finden, auch diesmal nicht. Der Gedanke verschaffte ihr ein wenig Befriedigung. Sie mochte eine komplette Niete sein, wenn es darum ging, ein Leben zu retten, aber die angeblich besten Wachleute der Welt auszutricksen, das hatte sie drauf.

Isabelle sprach weiter, und ihre Stimme klang nun näher. Offenbar war sie ans Fenster getreten und beobachtete die gleiche Szenerie wie Allie.

»Was glaubst du … wie geht es ihr eigentlich?«, fragte die Rektorin zögernd. »Hat Rachel irgendwas gesagt?«

Ein Seufzer.

»Ob’s ihr inzwischen besser geht oder schlechter, meinst du?«, entgegnete er. »Schwer zu sagen. Vermutlich unverändert. Rachel macht sich ziemliche Sorgen. Geht sie denn noch zu Dr. Cartwright?«

Allie runzelte die Stirn. Dr. Cartwright war der Psychotherapeut, den Isabelle nach dem schrecklichen Ereignis angeschleppt hatte.

»Nicht mehr«, erwiderte Isabelle. »Anfangs ist sie noch hingegangen, aber er hat nicht viel aus ihr herausbekommen. Er hat sie als ›wenig responsiv‹ beschrieben.«

Das geht euch einen Dreck an!, dachte Allie wütend. Das ist meine Privatsache.

Allie musste an ihre Albträume und die schrecklichen Grübeleien denken – das wenige, was sie Dr. Cartwright ganz zu Anfang erzählt hatte.

Sie wollte nicht, dass sie davon erfuhren.

»Wieder am Unterricht teilnehmen – wie soll das gehen, wenn man gerade mit angesehen hat, wie die beste Freundin stirbt?«, hatte sie Dr. Cartwright gefragt, in einer der wenigen Sitzungen, zu denen sie überhaupt gegangen war. »Wie soll man sich da noch auf französische Verben konzentrieren? Oder auf die Spanische Armada?«

»Man tut es einfach«, hatte der Psychologe erwidert. »Jeden Tag setzt man einen Fuß vor den anderen. Und versucht es. Immer wieder.«

»So ein Schwachsinn«, hatte Allie zurückgegiftet.

Er konnte nicht wissen, wie es war, wenn man wegen der schlimmen Träume Angst vor dem Einschlafen hatte. Er konnte nicht wissen, wie sich das anfühlte.

Keiner konnte das.

Raj stieß ein humorloses, bellendes Lachen aus, das wohl ausdrücken sollte, dass er Allie ebenfalls für wenig responsiv hielt.

»Er vermutet, dass sie Jos Tod einfach noch nicht akzeptiert hat – und nach einem Sündenbock sucht«, sagte Isabelle. Allie beugte sich weiter vor und lauschte gespannt der Insiderinformation. »Das erlaubt einem, die Wutphase in der Trauerarbeit praktisch beliebig zu verlängern. Solange sie sich das nicht klarmacht, wird sie das Geschehene nie akzeptieren und lernen, damit umzugehen.«

Und wenn schon, dachte Allie unwirsch. Ich hab ja auch einen Grund, wütend zu sein. Und der bist du.

Trotzdem, unterschwellig wusste sie, dass in Isabelles Worten ein Fünkchen Wahrheit steckte, und das nagte an ihr.

Isabelle sprach weiter: »Dann hat Allie beschlossen, dass sie ihn nicht mag. Eigentlich haben sie heute Nachmittag einen Termin, und …«, Allie konnte sich genau vorstellen, wie Isabelle müde die Schulter zuckte, »… prompt ist sie wie vom Erdboden verschwunden.«

Raj fuhr auf, und selbst auf dem Dach hörte Allie den Zorn in seiner Stimme. »Das kann so nicht weitergehen, Izzy. Du musst etwas unternehmen. All meine Leute sind im Moment da draußen und suchen nach ihr. Dabei sollten sie sich um die Sicherheit der Schule kümmern. Wir wissen immer noch nicht, was Nathaniel vorhat. Er kann jeden Augenblick zuschlagen. Allie verschwendet unsere Zeit. Wir können so nicht weitermachen. Sie benimmt sich wie …«

»Wie früher«, unterbrach Isabelle ihn. »Das gleiche Verhalten hat sie an den Tag gelegt, als ihr Bruder damals verschwunden ist. Sie ist einfach … wütend, und das kann ich ihr nicht mal verdenken. Ich bin ja selber wütend. Aber ich bin nicht mehr sechzehn, deshalb kann ich das kanalisieren. Sie nicht.«

Ein Klopfen unterbrach sie.

Wer ist denn das jetzt?

Allie beugte sich noch etwas weiter vor, weil sie unbedingt mitbekommen wollte, was geredet wurde, so weit, bis Kopf und Schultern über den Rand des Daches hervorschauten. Raj und Isabelle waren offenbar an die Zimmertür getreten. Sie hörte ihr Gemurmel, aber viel zu weit weg, als dass sie die Worte verstanden hätte.

Kurz darauf wurde die Tür zugeschlagen. Danach … Stille.

Sie waren weg.

Enttäuscht trat Allie den Rückzug an; dabei wanderte ihr Blick nach unten. Wo zwei von Rajs Männern standen und zu ihr hinaufstarrten.

Allie schlug das Herz bis zum Hals.

O Scheiße.

Von Panik erfasst, krabbelte sie vom Dachrand weg und wäre dabei fast auf den nassen Dachziegeln ausgerutscht. Als sie glaubte, außer Sichtweite zu sein, beugte sie sich gerade so weit vor, dass sie nach unten spähen konnte. Die Wachleute winkten jemanden, den Allie nicht sehen konnte, zu sich her. Im nächsten Augenblick stand Raj neben ihnen. Die Männer deuteten zum Dach hinauf. Raj verschränkte die Arme und heftete seinen Blick auf sie.

Allie schluckte.

Höchste Zeit für ein neues Versteck.

Sie sprang auf, lief zu der Dachschräge und rutschte auf dem Hosenboden hinunter. Ihr kurzer Faltenrock war für solche Unternehmungen nicht gemacht und knüllte sich unter ihr, die dunklen Strumpfhosen sogen sich auf den nassen Ziegeln voll. Mit den Fingerspitzen hielt sie sich an der Dachrinne fest, balancierte über das Gesims und schwang sich durchs offene Fenster auf den Schreibtisch in ihrem Zimmer.

Als sie wohlbehalten gelandet war, wollte sie sich triumphierend strecken – und erstarrte: Vor ihr stand Isabelle, die Arme vor der Brust verschränkt.

Die Rektorin wartete nicht auf ihre Entschuldigung.

»Jetzt ist es aber genug!« Sie klang wütend, doch aus ihrer Stimme klang auch Traurigkeit.

Ein Teil in Allie fühlte sich schuldig, weil sie Isabelle verletzte. Doch diese Stimme schob sie mühelos beiseite. Stattdessen zuckte sie verächtlich die Achseln.

»Schön. Wie du meinst. Mir geht’s wieder richtig gut. Ich gelobe Besserung und tu’s auch nie wieder, bla, bla, bla …«

Isabelle atmete hörbar ein. Mitleid mit der gekränkten Isabelle zu haben, war das Letzte, was Allie wollte. Da nahm sie ließer Reißaus. Sie ging auf die Tür zu.

Isabelle hatte sich offenbar wieder gefangen. »Ich bin nicht deine Feindin, Allie.«

»Ach nein?« Allie stand an der Tür und musterte sie, als wäre Isabelle eine Probe unterm Mikroskop.

»Allie …« Isabelle griff nach ihrem Arm, besann sich dann aber und ließ die Hand sinken. »Ich mache mir einfach Sorgen um dich. Und ich möchte dir helfen. Aber ich kann dir nicht helfen, wenn du mich nicht lässt.«

Es hatte eine Zeit gegeben, da hätte Allie sich um Hilfe und Rat an Isabelle gewandt – damals, als sie sich noch nahestanden. Als sie ihr noch vertraute.

Das war endgültig vorbei.

Sie bedachte die Rektorin mit einem gleichgültigen Blick. »Es ist nur so, Isabelle: Deine Hilfe führt jedes Mal dazu, dass Menschen sterben. Und deshalb … Nein, danke.«

Das saß.

Isabelles Gesicht fiel in sich zusammen, und Allie lief hinaus.

Mit den Tränen kämpfend, humpelte sie durch die große Halle. Das Knie tat ihr weh, und das Geräusch ihrer ungleichen Schritte (tapp-TAPP, tapp-TAPP) hallte in der Stille wider wie hämisches Gelächter.

Mit gesenktem Kopf ging sie an den polierten Eichenpaneelen vorbei, mit denen die alten Mauern der Cimmeria Academy getäfelt waren. Auch für die großen Ölgemälde hatte sie keinen Blick. Manche der Porträts waren doppelt so groß wie sie selbst und zeigten längst verstorbene Männer und Frauen in schweren Seidengewändern und Geschmeide. Genauso wenig beachtete sie die vielhundertteiligen Kristalllüster an der Decke, die anderthalb Meter hohen Kerzenhalter und die Wandteppiche, die blässliche Edelfrauen darstellten, wie sie auf Pferden sorglosen Füchsen hinterherjagten.

Für all das hatte sie keine Augen, als sie zum Rittersaal schlich und die Tür hinter sich zumachte. Der riesige Festsaal war leer und wurde nur von dem schwachen Nachmittagslicht erhellt, das durch die riesigen Fenster am anderen Ende des lang gestreckten Raums einfiel. Allies Schritte hallten von den Wänden zurück, während sie über den Boden lief, den Kopf voll düsterer Gedanken, die sie bedrängten wie Dämonen.

Dreiunddreißig Schritte in die eine Richtung, und kehrt. Dreiunddreißig Schritte zurück. Und wieder von vorn.

Sie schäumte innerlich. Warum sollte es mir leidtun? An allem, was passiert ist, ist Isabelle schuld. Jo hat ihr vertraut. Und jetzt ist Jo tot.

Allie wirbelte herum und stapfte in die andere Richtung.

Wie so oft in diesen Tagen, eilten ihre Gedanken zurück in den verschneiten Wald, zu den flatternden Elsternflügeln, einer kleinen Gestalt, die durch den Schnee flitzte.

Es war wie mit dem Schorf auf einer Wunde, die sie nicht in Ruhe lassen konnte, obwohl es wehtat. Sie zupfte die ganze Zeit an den Rändern ihrer Erinnerung herum, und so ließ der Schmerz nie nach.

Vielleicht wollte sie ja gar nicht, dass der Schmerz nachließ.

Jo ist tot. Alle haben sie im Stich gelassen. Und jetzt soll ich so tun, als ob alles »normal« wäre, Isabelle? Leck mich!

Allie machte kehrt und marschierte weiter.

Sie würde Isabelle nie mehr vertrauen können. All das war nur ihretwegen passiert und wegen der Auseinandersetzung mit ihrem Bruder, die Allie nicht mal verstand. Sie alle waren mit hineingezogen worden, und Jo hatte dafür bezahlen müssen.

Raj vertraute sie auch nicht mehr. Er war für die Sicherheit der Schule verantwortlich gewesen. Angeblich war er ja der große Experte für so was. Trotzdem war er weggefahren und hatte sie allein gelassen, obwohl Allie ihn noch angefleht hatte, dazubleiben. Angefleht hatte sie ihn. Aber er war nicht da gewesen, als irgendwer aus der Schule – jemand, den Allie kannte und dem sie vertraute – das Tor geöffnet und Gabe ermöglicht hatte, Jo umzubringen.

Sie machte eine schmerzhafte Spitzkehre, die Wut trieb sie an.

In den acht Wochen, die seit dem Mord vergangen waren, hatten Raj und Isabelle nicht herausgefunden, wer in jener Nacht das Tor geöffnet hatte. Wer Nathaniel die ganze Zeit geholfen hatte. Irgendein Lehrer, ein Night-School-Ausbilder, ein Schüler – irgendwer, dem sie Tag für Tag im Flur begegnete, wollte, dass sie starb.

Und die beiden hatten nichts dagegen getan.

Alle haben mich im Stich gelassen. Alle haben uns verraten. Das lasse ich nicht noch mal zu.

Abrupt blieb sie stehen. Plötzlich wusste sie, was zu tun war.

Sie riss die schwere Tür auf und rannte schnurstracks zu Isabelles Büro – so schnell sie konnte, damit sie nicht schon vorher ausrastete. Sie wollte der Rektorin sagen, dass sie hier nicht mehr zur Schule gehen wollte. Dass sie so nicht weitermachen konnte. Sie musste irgendwohin, ganz egal wohin, nur möglichst weit weg von hier. Draußen in der realen Welt konnte sie herausfinden, was wirklich vor sich ging. Sie würde mit ihrer Großmutter sprechen und gemeinsam mit ihr Jos Mörder ausfindig machen. Und sie würden sie bestrafen.

Versteckt unter der mit Schnitzereien verzierten Eichentreppe, die in theatralischem Schwung aus dem Hauptflur in den ersten Stock hinaufführte, war die Tür zu Isabelles Büro so geschickt in die Wandtäfelung eingelassen, dass Allie damals, als sie zum ersten Mal dorthin wollte, Mühe gehabt hatte, sie zu finden. Dieses Problem hatte sie mittlerweile nicht mehr.

Wild entschlossen stieß sie die Tür auf, ohne anzuklopfen. »Isabelle, ich werde …«

Das Büro war leer.

Offenbar hatte die Rektorin es in großer Hast verlassen – die schwarze Kaschmirjacke, die sie zuvor angehabt hatte, lag achtlos über eine Sessellehne geworfen da, auf dem Schreibtisch neben ihrer Brille stand mitten auf der schwarzledernen Kladde eine Tasse Earl Grey, die noch dampfte …

Und dann lag da auch noch ihr Handy.

Mit offenem Mund starrte Allie darauf. Ihr Gehirn hatte Mühe zu verarbeiten, was ihre Augen sahen.

In Cimmeria waren elektronische Geräte tabu. Von allen Hausregeln wurde diese am striktesten angewandt. Keine Computer, keine Fernseher – und auf gar keinen Fall Handys.

Wollte ein Schüler telefonieren, musste er die Rektorin um Erlaubnis fragen. Einzig und allein Gespräche mit den Eltern waren erlaubt, und auch diese nur mit triftigem Grund.

Und doch lag jetzt hier ein Handy vor ihr.

Wie gebannt starrte Allie darauf und ging in Gedanken rasch die möglichen Konsequenzen eines Diebstahls durch. Isabelle würde ihr nie verzeihen. Sie würde der Schule verwiesen werden. Sie würde ihre Freunde verlieren. Andererseits konnte sie so vielleicht herausfinden, was wirklich vor sich ging. Und dadurch Isabelle und Raj nötigen, endlich etwas zu unternehmen.

Langsam streckte sie die Hand aus, nahm das Handy, steckte es in die Tasche und verließ das Büro.

Drei

Außerhalb von Cimmeria stand der Wald dichter; die Strahlen der Nachmittagssonne drangen nicht bis zum Boden, hier war es bereits dunkel, und Allie schaute sich immer wieder beunruhigt um, während sie durch diese Düsternis eilte.

Bei jedem Schritt redete sie sich ein, dass sie das Richtige tat. Nathaniel musste irgendwo hier draußen sein und ihr auflauern, aber das war ihr inzwischen längst egal. So erschöpft war sie, so wütend, so gebrochen … Hierbleiben war keine Option. Sie musste fort.

Doch sie war sich noch nie so ausgeliefert vorgekommen. Sie war nun völlig allein. Jos Mörder konnten überall sein.

Es herrschte eine unerträgliche Stille, unterbrochen nur ab und zu vom Knacken trockener Äste unter ihrem Fuß. Die Sonne ging allmählich unter, und es wurde merklich kälter. Der schneidende Wind fuhr durchs Gewebe ihrer Jacke und ließ den Schweiß auf ihrer Haut empfindlich kalt werden. Allie hatte die behandschuhten Hände in die Taschen gesteckt und ballte sie zu eiskalten Fäusten.

Wenigstens weiß ich, wo ich lang muss, sagte sie sich.

In letzter Zeit war sie so oft im Krankenhaus gewesen, dass sie sich in der Gegend gut auskannte. Es beruhigte sie, über den genauen Weg nachzudenken und sich eine Route zurechtzulegen.

Nach ihrer Berechnung konnte die Hauptstraße nicht weit sein. Dort musste sie sich nur nach rechts wenden und den Schildern folgen. An der Straße standen auch weniger Bäume, und es war heller. Und bestimmt nicht mehr so gruselig.

Ich muss nur diesen Wald durchqueren, dann bin ich in Sicherheit. Ganz einfach.

Alles ging glatt, und sie hatte die Kreuzung fast erreicht, als sie ein Geräusch vernahm, ganz leise, wie wenn jemand einatmet. Ihr stellten sich die Nackenhaare auf.

Sie schnappte nach Luft, machte eine Finte nach rechts und duckte sich hinter den dicken Stamm einer mächtigen Kiefer. Die Hände an der rauen Rinde, spähte sie in die Finsternis.

Was immer es war, sie glaubte nicht, dass es nur ein Rauschen der Zweige gewesen war. Von ihrem Versteck aus konnte sie niemanden sehen. Doch der Wald war dunkel und voller Schatten, die im Wind zitterten und tanzten. Jeder konnte ein Mensch sein. Jeder ein Mörder.

Das Atmen fiel ihr zunehmend schwerer.

Da könnte irgendwer genau hinter mir stehen, und ich würde ihn nicht mal erkennen. Gerade jetzt könnte Gabe nur ein paar Meter entfernt dastehen und mich beobachten. Der Gedanke jagte ihr Angst ein. Ein mulmiges Gefühl überkam sie, und sie hämmerte sich mit der behandschuhten Faust gegen die Stirn. Gott, warum habe ich das getan? Was bin ich für eine Idiotin. Ich bin ihm geradewegs in die Arme gelaufen …

Sie klammerte sich an den Baumstamm und versuchte, Ruhe zu bewahren. Falls da tatsächlich jemand war, dann musste sie jetzt unbedingt nachdenken.

Eine Weile stand sie da wie erstarrt und lauschte – bereit, beim geringsten Geräusch davonzurennen. Aber da waren nur die Stille und Bäume, die sich über ihr im Wind wiegten.

Allie überlegte. Sie sah und hörte nichts. Dass da wirklich noch jemand war, sagte ihr einzig und allein ihr Instinkt. Sie versuchte, sich ans Training zu erinnern. Was hätte Raj ihr in so einer Situation geraten?

Vertraue deinem Instinkt, aber mach dich nicht zu seinem Sklaven, hätte er gesagt. Reagiere nicht auf deine Angst – reagiere auf Fakten.

Fast konnte sie die beruhigende Stimme ihres Ausbilders hören: »Und was sagen dir die Fakten in diesem Moment, Allie?«

Ich kann niemanden sehen oder hören. Ich habe alles nach Vorschrift geprüft und keine echte Bedrohung entdeckt.

»Die Fakten sagen mir, dass da niemand ist«, flüsterte sie und versuchte, das zu glauben.

Wie auch immer – ob sich da nun wirklich jemand hinter den umstehenden Bäumen versteckte oder nicht –, sie hatte zwei Optionen: abwarten und sehen, ob jemand auftauchte, oder weitergehen und hoffen, dass dem nicht so war.

Sie entschied sich für die zweite Option.

Mit schmerzverzerrtem Gesicht hinkte sie, so schnell sie konnte, durch den Wald Richtung Straße. Ihre Strickmütze rutschte ständig zur Seite. Sie riss sie sich vom Kopf und hielt sie fest in der Hand, bis sie endlich auf der Kreuzung stand. Erst da traute sie sich, stehen zu bleiben und zurückzuschauen.

Da war nichts als leerer Wald.

Keuchend beugte sie sich vor und stützte die Hände auf die Knie. Ihre Lunge schmerzte vor Anstrengung und Kälte.

Dabei hatte sie noch einen weiten Weg vor sich. Jeden Augenblick konnten die hier sein – sie musste weiter.

Sie schlug den Weg ein, den die Landkarte in ihrem Kopf ihr anwies. Rechts und links der gepflasterten, einspurigen Straße standen hohe Hecken, die um diese Jahreszeit alle Blätter verloren hatten. Dahinter erstreckten sich matschige Weiden und Felder, die alsbald im Dämmerlicht verschwanden.

Die Straße war eben. Ab und zu tauchte eine Laterne auf. Wenn sie recht hatte, lag die Stadt nur ein paar Kilometer entfernt an der Straße.

Ich muss nur weitergehen und unterwegs keinen Nervenzusammenbruch kriegen, dachte sie und zog eine Grimasse.

Um sich die Zeit zu vertreiben, ließ sie ihre Flucht Revue passieren.

Letztlich war es kinderleicht gewesen. Fast als hätten sie es herbeigesehnt, dass sie ging.

Nachdem sie Isabelles Handy an sich genommen hatte, war sie die Treppe hinaufgeeilt. Das kleine Gerät in ihrer Tasche wog schwer wie ein Betonklotz, als wäre es glühend heiß. Sie war sich sicher, dass die anderen es durch den dicken, blauen Stoff ihres Rocks erkennen konnten.

Oben auf dem Treppenabsatz schob sie sich durch Massen von plappernden und lachenden Schülern auf die schmalere Treppe zum Mädchentrakt zu. Damit ihr schuldbewusster Blick sie nicht verriet, sah sie die ganze Zeit nicht ein Mal auf.

»Die hat ’ne Klatsche«, sagte jemand hinter ihr, leise und höhnisch. Der kristallklare Akzent klang unangenehm vertraut.

Allie schaute nicht auf, das brauchte sie auch nicht – Katie Gilmores Stimme hätte sie immer und überall erkannt.

»Macht Platz, oder ihr seid als Nächste dran«, sagte eine andere, und die Mädchen lachten.

Allie kämpfte gegen den Wunsch an, Katie zu ohrfeigen, blickte weiter starr zu Boden und zählte leise ihre Schritte. Mit jeder neuen Zahl wurde sie ruhiger.

… fünfundfünfzig, sechsundfünfzig, siebenundfünfzig, achtundfünfzig, neu…

»Allie!«

Ein Paar weiche, cremefarbene Schaflederstiefel hatten sich ihr in den Weg gestellt, und Allie blieb abrupt stehen.

Langsam hob sie den Blick. Vor ihr stand Jules, die Vertrauensschülerin für den Mädchentrakt mit dem rasiermessergerade geschnittenen, weißblonden Pony, der bis zur Schulter reichte, und versperrte ihr den Weg. »Isabelle hat mich beauftragt, dich zu suchen«, sagte sie und verschränkte missbilligend die Arme vor dem Körper.

Allies Herzschlag setzte kurz aus. Unwillkürlich fuhr ihre Hand zur Rocktasche und umklammerte das gestohlene Handy.

Wie kann sie das schon wissen?

Doch trotz des Adrenalins, das ihr durch die Adern schoss, kam ihre Antwort eigenartig ruhig: »Was will sie denn?«

Jules sah sie befremdet an, als hätte sie diese Frage nicht erwartet. »Das weiß ich nicht. Sie hat nur gesagt, dass sie dich sucht und dass ich dich zu ihr ins Büro schicken soll, falls ich dich sehe.«

Allie fiel ein Stein vom Herzen. Isabelle weiß nichts von dem Handy. Noch nicht.

Diese Erkenntnis machte sie kühner. »Okay, du hast deine Botschaft überbracht, Jules, du kannst gehen.« Sie machte einen Schritt auf die Vertrauensschülerin zu. »Wartet nicht dein Freund schon auf dich oder so? Solltest du nicht bei dem sein?«

Jules zuckte mit keiner Wimper, doch von ihrem Nacken aus breitete sich die Röte übers ganze Gesicht aus.

Seit dem Winterball waren Jules und Carter zusammen, sie und Allies Exfreund waren das Cimmeria-Power-Paar. Allie hatte sich daran gewöhnt, sie auf den Fluren herumspazieren zu sehen, wenn Carter den Arm locker um Jules’ Schulter gelegt hatte; sein dunkles Haar kontrastierte auffällig mit ihrem Blondschopf. Wie Schachfiguren – der schwarze König mit der weißen Dame.

Es drehte ihr immer noch den Magen um, wenn sie die beiden sah.

»Ich will mich nicht mit dir rumstreiten, Allie«, sagte Jules gelassen.

»Prima. Okay, ich geh nur schnell auf mein Zimmer, dann laufe ich gleich zu ihr runter wie es sich für ein braves kleines Mädchen gehört.« Allie wusste selbst, dass es kindisch war, gehässig zu Jules zu sein, aber sie konnte sich einfach nicht beherrschen. Sie wollte sie provozieren – sie sehnte sich nach einem Schreiduell. Oder nach einer Schlägerei.

Doch den Gefallen tat Jules ihr nicht, und Allie schob sich schnell an ihr vorbei und ging auf ihr Zimmer, wo sie die Tür hinter sich zuknallte. Sie hatte nicht viel Zeit. Isabelle würde sicherlich bald merken, dass ihr Handy weg war, und bestimmt nicht lange überlegen müssen, wer es gestohlen haben könnte.

Allies Zimmer war ein einziges Chaos. Schmutzige Kleidungsstücke lagen über den Boden verstreut, zusammen mit Papieren, Bettzeug und anderem Kram. Als sie damals die Krankenstation hatte verlassen dürfen, hatte Allie sich verbeten, dass in ihrem Zimmer sauber gemacht wurde, und die Rektorin hatte widerwillig zugestimmt. Jetzt sah es hier aus wie auf einer Müllhalde.

Genau nach Allies Geschmack.

Sie zog den Rock und die bequemen, schuleigenen Schuhe aus und schlüpfte in eine enge, schwarze Jeans. In den Wochen nach Jos Tod hatte Allie abgenommen, die Hose schlackerte ein bisschen, aber es ging. Sie zog die Reißverschlüsse der kniehohen roten Doc Martens hoch, schnappte sich eine dunkle Jacke von der Garderobe und kramte in dem Krempel auf dem Boden nach ihrem Schal. Während sie noch mit ihrer Jacke kämpfte, wählte sie schon die vertraute Nummer.

»Ja!?«, antwortete eine aggressive Stimme in breitem Londoner Akzent. Für Allie klang es nach Heimat.

»Mark!«, sagte sie leise und eindringlich. »Ich bin’s.«

»Allie?« Der Klang der Stimme veränderte sich. »Verdammte Sch… Wie geht’s dir, ey?«

»Ich steck in der Klemme.«

Aus seiner Stimme wich die Freude. »Wo bist du? Zu Hause? Stress mit deinen Eltern?«

»Nein«, sagte sie. »Ich bin in der Schule. Es ist was passiert. Was Schlimmes.«

»Was soll ich tun?«, fragte er, ohne zu zögern.

Sie sah aus dem Fenster, wo langsam die Dämmerung einsetzte: »Willst du mit mir abhauen?«

 

Um diese Uhrzeit war auf der Straße nicht viel los. Allie hob einen Stock auf, warf ihn mit Macht auf eine Wiese, über die sich gerade die Dunkelheit senkte, und lauschte auf das dumpfe Geräusch, mit dem er irgendwo auf dem weichen Boden aufschlug.

Hier gab es keine Straßenlaternen, und die einzigen Häuser standen ein gutes Stück von den Feldern entfernt – gerade dass man deren Beleuchtung noch sehen konnte. Und trotzdem: Hier, wo nicht die Bäume alles Licht verschluckten, ging es ihr besser. Überhaupt ging es ihr immer besser, je weiter die Schule hinter ihr lag.

Ihr linkes Knie fühlte sich ein bisschen taub an, aber es trug ihr Gewicht. Es würde durchhalten, bis sie in der Stadt war.

Gedankenverloren stolperte Allie in der Dunkelheit über ein Schlagloch und konnte sich gerade noch auf den Beinen halten.

Konzentrier dich, Allie, schalt sie sich. Wenn du dir jetzt die Haxen brichst, landest du nur wieder auf der bescheuerten Krankenstation.

Plötzlich durchbrach ferner Motorenlärm die Stille der Landstraße. Allie versuchte, sich durch die Hecke zu zwängen, doch diese bildete zu beiden Seiten der Straße eine dichte Wand. Die Scheinwerfer des Wagens kamen näher.

Panisch warf sie sich in die Hecke, ohne auf die scharfen Äste zu achten, die in ihre Haut stachen. Sie schob sie, so gut es ging, beiseite, bis sie nicht mehr weiterkam, und wartete dort.

Könnte auch einfach nur jemand hier aus der Gegend sein, überlegte sie. Das muss nicht unbedingt einer von den Wachleuten aus Cimmeria sein.

Dennoch hielt sie so lange die Luft an, bis der Wagen an ihr vorbeigerauscht war, und atmete erst aus, als er in der Nacht verschwunden war.

Sie hatten sie nicht entdeckt.

Sie ging weiter und pflückte sich dabei ein paar trockene Zweige aus dem Haar. Nach diesem Erlebnis schien die Dunkelheit noch schwerer.

Der ganze Körper tat ihr weh, und die Kälte kroch ihr in die Knochen. Um sich abzulenken, versuchte sie sich vorzustellen, was Rachel in der Schule jetzt wohl gerade tat.

Rachel war ihre beste Freundin und ein totaler Bücherwurm, deshalb war Allie sich ziemlich sicher, dass sie genau wusste, womit Rachel sich beschäftigte: mit ihrer Hausarbeit für den Chemie-Vertiefungskurs. Vermutlich saß sie in einem Ledersessel in der Bibliothek, ihre Bücher um sich herum ausgebreitet im Schein der Tischleuchte. Die Lesebrille rutschte ihr von der Nase, und sie war glücklich versunken in komplexe Formeln und Diagramme.

Bei diesem Bild musste Allie lächeln. Aber das Lächeln verschwand schnell wieder.

Wird sie mir je verzeihen, dass ich fortgelaufen bin, ohne ihr Bescheid zu sagen?

Sie schüttelte den Kopf, um den Gedanken zu vertreiben. Es spielte keine Rolle, was die anderen dachten – auch nicht Rachel. Sie musste das tun.

Jos Mörder mussten bestraft werden. Und wenn sonst keiner etwas tat, würde Allie das eben allein erledigen.

Vier

Die Marschrichtung stimmte, aber was die Entfernung anging, hatte sie sich ziemlich verschätzt – es waren weit mehr als drei Kilometer, und als Allie zwei Stunden später das kleine Städtchen erreichte, spürte sie ihre Füße kaum noch.

Nach dem langen Marsch auf der dunklen Straße musste sie sich erst wieder an das grelle Licht und den Verkehrslärm gewöhnen, doch zum Glück war der Ort nicht besonders groß, und Allie wusste, dass sie, wenn sie nur immer Richtung Zentrum ging, schließlich finden würde, wonach sie suchte.

Und tatsächlich wies ihr bald ein altmodisches, schmiedeeisernes Schild den Weg zum Bahnhof. Er war fast menschenleer – der nächste Zug kam noch eine ganze Weile nicht. Der Wartesaal war verschlossen, die Fahrkartenausgabe ebenfalls zu. Deshalb ließ sie sich auf einer kalten Metallbank am Bahnsteig nieder und wartete. Die Nachtluft war frostig – Allies Atem bildete kleine Wölkchen in der Luft, und eine Zeit lang versuchte sie aus Spaß, Rauchringe zu blasen.

Aber ewig konnte man das auch nicht machen. Und so ließ sie es irgendwann sein, zog sich den Kragen bis über die Ohren und vergrub sich bibbernd in ihrer Jacke.

Sie musste irgendwann eingedöst sein, denn als der Zug donnernd in den Bahnhof einfuhr, schreckte sie hoch. Die lang gezogenen, roten Waggons waren voller Pendler in Anzug oder Kostüm, die von ihren Bürojobs nach Hause kamen. Ohne Allie eines Blickes zu würdigen, hasteten sie den Bahnsteig entlang, zurück zu ihren Autos, ihren warmen Wohnungen und ihren glücklichen Familien. Allie sah ihnen mit leeren Augen nach.

Sie war derart versunken in ihre Beobachtungen und Grübeleien, wie es sich wohl anfühlen mochte, einer von denen zu sein, dass sie den Jungen gar nicht bemerkte, der sich angeschlichen hatte und nun plötzlich hinter ihr stand.

»Darf ich mal Ihre Aufenthaltsgenehmigung sehen, Fräulein?«

Allie sprang auf und warf sich derart stürmisch auf den Jungen, dass sie ihn beinahe umgeworfen hätte. Die Mütze flog ihr vom Kopf und landete einen halben Meter neben ihr auf dem Bahnsteig.

»Mark!«, rief sie, drückte ihren Freund fest an sich und atmete dabei seinen Duft ein. Marks Klamotten rochen immer leicht nach Zigaretten, was ihr aber gar nicht unangenehm war.

Er hatte sich die dunklen Haare an den Spitzen blau gefärbt und sie zu einem blau-schwarzen Wirrwarr verwuschelt. Durch die Strähnen lugte ein klitzekleiner Ohrring aus Gold, der zu dem Ring passte, der seine Augenbrauen zierte. Seit sie sich das letzte Mal gesehen hatten, waren die Pickel weitgehend aus seinem Gesicht verschwunden, und er sah jetzt erwachsener aus. Doch seine Klamotten waren immer noch dieselben. An diesem Abend trug er zerrissene Jeans und ein verblichenes, schwarzes T-Shirt, auf dem in Spiegelschrift das Wort »Revolution« stand.

Von Allies Ungestüm ganz offensichtlich überrascht, zögerte Mark einen Augenblick, ehe er ihre Umarmung erwiderte. »Was geht hier eigentlich ab, Allie? Was soll ich hier in …« Er unterbrach sich und beobachtete, wie die letzten Pendler aus dem Bahnhof strebten. »Wie heißt das Scheißkaff noch mal?«

In diesem Augenblick musste sie wohl in den Lichtkegel der Notbeleuchtung getreten sein, denn sie bemerkte, wie er zum ersten Mal Notiz von der Narbe an ihrem Haaransatz nahm. Die Ärzte hatten ihr die Schläfen rasiert, damit die Wunde nicht verunreinigt wurde. Die Haare waren zwar inzwischen wieder nachgewachsen, doch die rot gezackte Linie war noch immer deutlich zu sehen.

Mark pfiff anerkennend. »Hübsche Narbe. Mit wem hast du dich denn gekloppt?«

»Ist ’ne lange Geschichte. Aber auch der Grund, warum ich dich angerufen habe«, sagte sie. »Ich brauch deine Hilfe.«

»Was du nicht sagst.« Sie sah, wie er mit wachsender Sorge die Ringe unter ihren Augen betrachtete und wahrnahm, wie dürr und blass sie war. »Mann, du siehst echt scheiße aus, Al. Was haben die bloß mit dir gemacht?«

Der Bahnhof hatte sich geleert. Ächzend und quietschend setzte sich der Zug wieder in Bewegung. Aber Allie senkte die Stimme trotzdem.

»Irgendwer hat versucht, mich umzubringen. Und jetzt kann ich nicht …« Sie hielt inne. Wie sollte sie das alles erklären? Mark hatte ja praktisch keine Ahnung von dem, was sie erlebt hatte, seit sie aus London weggegangen war. Er wusste nichts über Cimmeria und nichts von der Night School. Geschweige denn von Nathaniel und den Morden. Er war außen vor, außerhalb dieser Welt.

»Komm, lass uns einfach in den nächsten Zug einsteigen und von hier abhauen«, sagte sie und packte in einem Anfall von Dringlichkeit seinen Arm. »Ich erzähl’s dir unterwegs.« Sie zerrte Mark zum Fahrplanaushang. »Lass mal sehen. Wann geht denn der nächste Zug nach London?«

Ihr plötzlicher Stimmungsumschwung schien ihn unvorbereitet zu treffen. »Moment, Moment, immer mit der Ruhe«, sagte er und hob beschwichtigend die Hände. »Schau mal auf die Anzeige da.« Er deutete auf den beleuchteten Fahrplan neben der Tür zum Bahnhofsgebäude. »Der nächste Zug geht erst in zwei Stunden. Wir sind hier mitten in der Pampa. Hast du das vergessen?«

Allie musste wohl die Kinnlade heruntergefallen sein, denn er überlegte sofort fieberhaft nach einer Alternative.

»Lass uns erst mal irgendwo einen trinken gehen, wo man sich ungestört unterhalten kann. Wir haben jede Menge Zeit.«

Allie gab nach. Sie warf noch einmal einen sehnsüchtigen Blick zurück auf die stillen Gleise und ließ sich widerstandslos von Mark aus dem Bahnhof führen. Was blieb ihr auch anderes übrig?

»Na gut«, sagte sie. »Aber den Zug … den möchte ich auf jeden Fall kriegen!«

»Und wohin jetzt?«, fragte Mark, als sie auf die dunkle Straße traten. Ein Stück entfernt sah man die Lichter der Hauptstraße. »Geht hier überhaupt irgendwas?«

Vor ihrer Zeit in Cimmeria war Mark Allies engster Freund gewesen. Sie waren ein paar Mal von der Polizei festgenommen worden, weil sie ihre Tags an irgendwelche Schulwände oder Brücken gesprüht hatten. Er hatte ihr eine Seite von London gezeigt, die Mädchen wie sie eher selten zu sehen bekamen – eine Welt voller Rebellion und Anarchie.

Was sie verbunden hatte, war vor allem ihre Wut.

»Keine Ahnung«, musste sie zugeben. »Ich war hier immer nur im Krankenhaus.«

Mark zog die Brauen hoch, sodass sein Piercing glitzerte. »Na, dann los«, sagte er und zerrte sie Richtung Hauptstraße. »Komm, wir schauen, wo’s hier Alk gibt. Und dann suchen wir uns irgendwo ein Plätzchen, wo du mir deine ganzen Sorgen erzählen kannst. Interessiert mich echt, wie du zu diesen Kampfnarben gekommen bist.«

Allie nickte und folgte ihm die Straße entlang. »Guti.«

»Guti?«, fragte Mark und äffte ungläubig ihren Akzent nach.

»Ach, halt die Klappe«, erwiderte Allie lachend und verpasste ihm einen Schubser. Sie hatte nicht gemerkt, wie stark sich ihr Akzent verändert hatte, seit sie auf diese Schule ging. Von da an gab sie sich Mühe, weniger schickimicki zu klingen.

An der Hauptstraße reihte sich eine teure Boutique an die nächste. Mark quittierte die Seiden- und Kaschmir-Stapel in den Auslagen mit giftigen Blicken und murmelte etwas von »Wichtigtuern«. Doch dann fanden sie in einer Nebenstraße einen Getränkeladen.

»Ich geh mal rein und schau, was die so haben«, sagte Mark und musterte dabei Allies entschieden minderjährige Gesichtszüge. »Bleib du mal lieber hier. Wenn wir da beide reinlatschen, werden die bloß misstrauisch.«

Also wartete Allie draußen und vertrat sich die Füße, bis Mark ein paar Minuten später mit einer Plastiktüte auftauchte. Sie konnte die Dosen klackern hören.

»Okay«, sagte er. »Jetzt brauchen wir nur noch ’n Ort, wo wir hinkönnen.«

Beinahe zehn Minuten lang trotteten sie die stille Straße auf und ab, auf der Suche nach einem Ort, wo sie in Ruhe etwas trinken konnten. Bis Allie einen engen Pflasterweg entdeckte, der zu einer abgelegenen Kirche mit zinnenbewehrtem Glockenturm führte.

Das historische Gemäuer wurde von Scheinwerfern angestrahlt, doch der sie umgebende Friedhof lag völlig im Dunkeln. Mark und Allie ließen sich auf einer feuchten Holzbank nieder, die sich unter den ausladenden Ästen einer Eiche versteckte.

Mark holte zwei Dosen billigen Ciders aus der Tüte und reichte Allie eine davon. Mit einem Knacken öffnete er seine Dose, nahm einen tiefen Schluck und stieß einen wohligen Seufzer aus. »Schon besser.«

Allie tat es ihm nach. Der bitzelige Alkohol mit Apfelgeschmack ging runter wie nichts und wärmte tatsächlich von innen.

Nachdem sie eine Weile getrunken hatten, wandte sich Mark ihr zu und fragte: »Also. Wie ist das jetzt passiert mit deinem Kopf?«

Woher sollte er wissen, was für eine gewaltige Frage er da stellte? Und wie lang die Antwort sein würde.

Sie nahm einen großen Schluck und ließ das Feuer des Alkohols durch ihre Adern lodern.

»Es gibt da so eine Gruppe in der Schule«, sagte Allie. »Ich bin da auch mit drin. Alles streng geheim. Wir trainieren da lauter so abgefahrenen Kram.«

»Was für ’n abgefahrener Kram?« Mark zerdrückte die leere Dose und warf sie ins Gras.

Allie zuckte zusammen, aber dann dachte sie: So ist er eben.

Sie brauchte Zeit, um nachzudenken. Also kippte sie sich erst einmal den Rest der Dose hinter die Binde und rülpste dann laut.

»Alter Schwede, der war gut«, kommentierte Mark anerkennend und schickte sich an, die nächste Dose zu öffnen.

»Danke sehr«, sagte Allie etwas förmlich und fuhr fort: »Na ja, Selbstverteidigung, Kampfsport und so Sachen. Und wie man Menschen mit bloßen Händen umbringt.«

Die Dose noch ungeöffnet in der Hand, hielt Mark inne und starrte sie an. »Jetzt im Ernst?«

»Im Ernst.« Sie schob die leere Dose neben sich auf die Bank und streckte die Hand aus, um eine neue in Empfang zu nehmen. Mit einem erstaunten Stirnrunzeln reichte er ihr eine. »In der Gruppe sind nur so Kinder aus superreichen, mächtigen Familien. Und es gibt eben so ’nen Typen, der sich alles untern Nagel reißen will: die Gruppe, die Schule – und mich.«

Mark sah sie an, auf der Hut, als könnte sie jeden Moment zubeißen. »Willst du mich verarschen? Weil das fänd ich irgendwie nicht so …«

»Nein, ich will dich nicht verarschen, Mark«, erwiderte sie schärfer als beabsichtigt. »Das gibt es alles wirklich«, mäßigte sie ihren Ton. »Ohne Scheiß.«

Mark wirkte nicht sonderlich überzeugt. »Okay. Und dieser Typ. Wieso will der … dich haben?«

Allie machte den Mund auf – und klappte ihn wieder zu. Jetzt hatte er sie erwischt. Denn eigentlich war sie sich immer noch nicht ganz im Klaren darüber, was Nathaniel überhaupt von ihr wollte. »Hat was mit seiner und meiner Familie zu tun«, sagte sie schließlich. »Es geht um irgendeinen Riesenstreit, und ich bin da nur ein kleines Puzzleteil.«

Besonders überzeugend klang das nicht, wie sie selber fand. Mark sah etwas verwirrt drein. Doch er musste ihr einfach glauben. Sie musste es ihm begreiflich machen. Ohne seine Hilfe war sie aufgeschmissen.

Sie sah ihm fest in die Augen. »Ich weiß, es klingt total bescheuert, Mark, aber das ist alles echt so. Der Mann ist gefährlich. Letzte Weihnachten hat er meine beste Freundin ermordet.«

»Halt, halt, jetzt mal langsam: Ermordet?« Mark sah aus, als wüsste er nicht recht, ob er ihr glauben sollte oder nicht. »Bei euch im Internat wurde ein Mädchen ermordet?«

Allie versuchte, nicht daran zu denken, wie Jo ausgesehen hatte, als das Leben aus ihr wich. »Ja«, sagte sie und nickte traurig. »Ich hab sie gefunden, Mark. Es war furchtbar. Das ganze Blut …« Sie vollendete den Satz nicht.

Mark saß eine längere Weile nur da und starrte sie an, als suchte er eine Bestätigung, dass er ihr glauben könne. Was er sah, überzeugte ihn offenbar nicht.

»Aber wieso hab ich dann nix davon in der Zeitung gelesen, Al? Wenn in irgend ’nem Internat so ’ne Schickibraut abgemurkst wird – da machen die doch ’ne fette Schlagzeile draus. Aber hundertpro!«

Er glaubt mir immer noch nicht, dachte Allie mutlos.

»Die haben es eben vertuscht«, erklärte sie, obwohl sie, während sie es sagte, bereits wusste, wie wahnwitzig das klang. »Die vertuschen immer alles.«

Mark wirkte immer noch nicht überzeugt. Sie machte ihre neue Dose auf und nahm erst einmal einen kräftigen Schluck. Wenn ich nur so lange trinken könnte, bis es besser wird.

Mark versuchte immer noch, sich einen Reim auf das Ganze zu machen.

»Aber wie hätten sie das denn anstellen sollen?«, fragte er. »Ich mein, wie willste so ’n Mord an ’nem reichen Mädchen vertuschen?«

»Weiß ich auch nicht«, gab sie hilflos zu. »Sie … machen’s eben. Viele mächtige Leute sind auf meine Schule gegangen. Die können so was eben.«

»Und hast du dir die Verletzung dabei geholt?« Er zeigte auf die Narbe an ihrem Haaransatz. »Warst du auch dabei?«

»Gabe – also der Typ, der sie ermordet hat – hat vorher schon mal versucht, mich zu entführen, aber meine Freunde haben mich beschützt …« Irgendetwas an dem, was sie da sagte, störte sie – irgendetwas Wichtiges –, doch der Cider tat seine Wirkung – und so schnell der Gedanke gekommen war, so schnell war er ihr auch wieder entwischt.

Stirnrunzelnd betrachtete sie die Dose in ihrer Hand.

Mark stupste sie an. »Und dann? Was ist dann passiert?«, fragte er.

»Und dann ist Gabe zurückgekommen«, sagte Allie schlicht. »Er hat Jo abgestochen und dann zusammen mit noch so ’nem Typen mich entführt. Die haben mir ’n Sack übern Kopf gestülpt, mich ins Auto geschmissen und sind dann mit mir weggefahren.«

Mark war ganz still geworden.

»Aber ich hatte ja jetzt diese Ausbildung. Und daher wusste ich, wie ich ihnen richtig wehtun kann. Und das hab ich dann auch gemacht.« Sie ließ ihn los und nickte abermals. »Ich hab ihnen wehgetan.«

Sie sah, wie Marks Adamsapfel hüpfte, als er nervös schluckte. »Was hast du gemacht?«

»Ich hab mich über die Rückenlehne geworfen und dem Fahrer meine Finger in die Augen gestochen, damit er nichts sieht«, sagte sie emotionslos. »Er hat geschrien wie am Spieß, aber ich hab nicht aufgehört. Gabe hat mir eine reingehauen, aber ich hab nicht aufgehört, und dann hat sich der Wagen überschlagen, und ich hab mir den Arm und das Knie gebrochen, und den Kopf und so weiter.« Sie nahm einen Schluck. »Aber ich hab’s geschafft, abzuhauen.«

»Meine Fresse, Allie.« Mark sah perplex drein, vielleicht sogar ein wenig ängstlich. »Ich mein … Wie krass ist das denn?«

»Aber es hat nichts gebracht, verstehst du das nicht?« Sie sah ihn aufmerksam an. »Ich bin verletzt worden, als ich versucht hab, Jo zu helfen, aber es hat nichts gebracht, weil er sie trotzdem getötet hat. Er hat sie ermordet, und ich hab sie geliebt, und jetzt ist sie tot, und es ist alles meine Schuld, und jetzt kann ich nicht mehr dorthin zurück, weil irgendwer ihm geholfen haben muss.« Sie brach unvermittelt ab. »Meine Schuld«, wiederholte sie und befand, dass es stimmte. »Meine Schuld. Alles meine Schuld.«