Hanser E-Book

 

ALEX CAPUS

 

Der Fälscher, die Spionin

und der Bombenbauer

 

Roman

 

Carl Hanser Verlag

 

ISBN 978-3-446-24427-6

© Carl Hanser Verlag München 2013

Alle Rechte vorbehalten

Satz: Satz für Satz. Barbara Reischmann, Leutkirch

Schutzumschlag: Peter-Andreas Hassiepen, München, unter Verwendung einer Fotografie, © Bert Hardy / Getty Images

 

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Datenkonvertierung E-Book:

Kreutzfeldt digital, Hamburg

 

Emile Gilliéron

1885–1939

 

Laura d’Oriano

1911–1943

 

Felix Bloch

1905–1983

Erstes Kapitel

Ich mag das Mädchen. Mir gefällt die Vorstellung, dass sie im hintersten Wagen des Orient-Express in der offenen Tür sitzt, während silbern glitzernd der Zürichsee an ihr vorüberzieht. Es könnte Anfang November 1924 sein, an welchem Tag genau, weiß ich nicht. Sie ist dreizehn Jahre alt und ein großgewachsenes, hageres, noch ein wenig ungelenkes Mädchen mit einer kleinen, aber schon tief eingefurchte Zornesfalte über der Nase. Das rechte Knie hat sie angezogen, das linke Bein baumelt über dem Treppchen ins Leere. Sie lehnt am Türrahmen und schaukelt im Rhythmus der Gleise, ihr blondes Haar flattert im Fahrtwind. Gegen die Kälte schützt sie sich mit einer Wolldecke, die sie vor der Brust zusammenhält. Auf dem Zuglaufschild steht »Constantinople–Paris«, darüber prangen goldene Messingbuchstaben und das Firmenzeichen mit den königlich-belgischen Löwen.

Mit der rechten Hand raucht sie Zigaretten, die im Wind rasch verglühen. Wo sie herkommt, ist es nichts Ungewöhnliches, dass Kinder rauchen. Zwischen den Zigaretten singt sie Bruchstücke orientalischer Lieder – türkische Wiegenlieder, libanesische Balladen, ägyptische Liebeslieder. Sie will Sängerin werden wie ihre Mutter, aber eine bessere. Niemals wird sie auf der Bühne ihr Dekolleté und die Waden zu Hilfe nehmen, wie die Mutter das tut, auch wird sie keine rosa Federboa tragen und sich nicht von Typen wie ihrem Vater begleiten lassen, der stets ein Zahnputzglas voll Brandy auf dem Piano stehen hat und jedes Mal, wenn die Mutter ihr Strumpfband herzeigt, augenzwinkernd ein Glissando hinlegt. Eine echte Künstlerin will sie werden. Sie hat ein großes und weites Gefühl in ihrer Brust, dem sie eines Tages Ausdruck verleihen wird. Das weiß sie ganz sicher.

Noch ist ihre Stimme dünn und heiser, das weiß sie auch. Sie kann sich selbst kaum hören, wie sie auf ihrem Treppchen sitzt und singt. Der Wind nimmt ihr die Melodien von den Lippen und trägt sie ins Luftgewirbel hinter dem letzten Wagen.

Drei Tage ist es her, dass sie in Konstantinopel mit den Eltern und ihren vier Geschwistern in einen blauen Wagen zweiter Klasse gestiegen ist. Seither hat sie viele Stunden in der offenen Tür verbracht. Drinnen im Abteil bei der Familie ist es stickig und laut, und draußen ist es mild für die Jahreszeit. In diesen drei Tagen hat sie auf ihrem Treppchen den Duft bulgarischer Weinberge geschnuppert und die Feldhasen auf den abgemähten Weizenfeldern der Vojvodina gesehen, sie hat den Donauschiffern gewinkt, die mit ihren Schiffshörnern zurückgrüßten, und sie hat in den Vorstädten von Belgrad, Budapest, Bratislava und Wien die rußgeschwärzten Mietskasernen mit ihren trüb erleuchteten Küchenfenstern gesehen, in denen müde Menschen in Unterhemden vor ihren Tellern saßen.

Wenn der Wind den Rauch der Dampflok nach rechts trug, saß sie in der linken Tür, und wenn er drehte, wechselte sie auf die andere Seite. Wenn ein Schaffner sie aus Sicherheitsgründen zurück ins Abteil scheuchte, tat sie, als ob sie gehorchen würde. Kaum aber war er weg, stieß sie die Tür wieder auf und setzte sich aufs Treppchen.

Am dritten Abend waren die Schaffner kurz vor Salzburg von Abteil zu Abteil gegangen, um eine außerfahrplanmäßige Routenänderung bekanntzugeben. Der Zug würde nach Innsbruck abbiegen und Deutschland südlich durch Tirol und die Schweiz umfahren; seit belgisch-französische Truppen ins Ruhrgebiet einmarschiert waren, gab es für den belgisch-französischen Orient-Express auf der gewohnten Route über München und Stuttgart kaum mehr ein Durchkommen. Die Fahrdienstleiter der Reichsbahn stellten absichtlich die Weichen falsch oder verweigerten der Lokomotive Kohle und Wasser, und in den Bahnhöfen ließ die Polizei sämtliche Passagiere aussteigen und nahm nächtelange Ausweiskontrollen vor, und wenn die Reise dann endlich weitergehen konnte, stand bei der Ausfahrt aus dem Bahnhof oft ein herrenloser Viehwagen oder Rundholztransporter auf der Schiene, den aufs Abstellgleis zu schieben kein Mensch im gesamten Deutschen Reich die Befugnis hatte, solange nicht die formelle dienstliche Einwilligung des rechtmäßigen Besitzers vorlag. Und diesen auf dem ordentlichen Dienstweg zu ermitteln, konnte äußerst zeitaufwendig sein.

Nach der Einfahrt in Tirol war es dunkel und kühl geworden, beidseits hatten sich Felswände himmelan getürmt und waren bedrohlich näher gerückt. Als das Mädchen sich auf den Rücken hätte legen müssen, um die Sterne am Nachthimmel sehen zu können, war sie ins Abteil gegangen und hatte sich schlafen gelegt in der muffigen Geborgenheit der Familie. Früh am Morgen aber, als der Zug sich endlich am Arlberg vornüberneigte und talabwärts Fahrt aufnahm, war sie mit ihrer Wolldecke zum Treppchen zurückgekehrt und hatte beobachtet, wie die Täler sich weiteten, die Berggipfel zurückwichen und im Sonnenaufgang erst den Dörfern und Bächen, dann den Städten und Flüssen und endlich den Seen Platz machten.

Die Eltern haben sich längst an den Eigensinn der Tochter gewöhnt, schon als kleines Mädchen hat sie draußen auf dem Treppchen gesessen. Während der zweiten oder dritten Bagdad-Tournee zwischen Tikrit und Mosul muss es gewesen sein, dass sie zum ersten Mal durch den Seitengang zur Ausgangstür lief, um die Kraniche am Ufer des Tigris besser sehen zu können; auf der Rückreise hatte sie sich wiederum aufs Treppchen gesetzt und war nicht loszureißen gewesen vom Anblick moskitoverseuchter Reisfelder, öder Steppen und rotglühender Gebirge. Seither sitzt sie immer auf ihrem Treppchen, auf der Fahrt durchs Nildelta von Alexandria nach Kairo genauso wie auf der Schmalspurbahn im Libanongebirge oder unterwegs von Konstantinopel nach Teheran. Immer sitzt sie auf dem Treppchen, schaut sich die Welt an und singt. Hin und wieder lässt sie es zu, dass eins ihrer Geschwister sich eine Weile zu ihr setzt. Aber dann will sie wieder allein sein.

In Kilchberg steigt ihr der Duft von Schokolade in die Nase, in ihrem Rücken zieht die prunkvolle Schlossfabrik von Lindt & Sprüngli vorbei. Auf dem See kreuzen ein paar Segelboote, an einer Anlegestelle liegt ein Raddampfer. Die Morgennebel haben sich verzogen. Der Himmel ist fahlblau. Die Wiesen am gegenüberliegenden Ufer sind, weil sich noch kein Frost übers Land gelegt hat, zu grün für die Jahreszeit. An der Spitze des Sees taucht aus dem Dunst die Stadt auf. Die Schiene beschreibt einen langen Bogen und vereinigt sich mit vier, acht, zwanzig anderen Schienen, die aus allen Himmelsrichtungen aufeinander zuführen, um schließlich parallel in den Hauptbahnhof zu münden.

Gut möglich, dass dem Mädchen bei der Einfahrt in die Stadt jener junge Mann auffiel, der im November 1924 oft zwischen den Gleisen auf der Laderampe eines grau verwitterten Güterschuppens saß, um die ein- und ausfahrenden Züge zu beobachten und sich Gedanken über sein weiteres Leben zu machen. Ich stelle mir vor, wie er seine Mütze knetete, während der Orient-Express an ihm vorüberfuhr, und dass ihm das Mädchen im hintersten Wagen ins Auge fiel, das ihn mit beiläufigem Interesse musterte.

Der Bursche passt nicht recht zur Laderampe und zum Güterschuppen. Rangierarbeiter oder Gleisbauer ist er jedenfalls nicht, und Kofferträger auch nicht. Er trägt Knickerbockers und eine Tweedjacke, und seine Schuhe glänzen in der Herbstsonne. Sein ebenmäßiges Gesicht zeugt von einer sorgenfreien Kindheit, oder zumindest einer katastrophenarmen. Die Haut ist klar, Augen, Nase, Mund und Kinn sind rechtwinklig angeordnet wie die Fenster und Türen an einem Haus. Sein braunes Haar ist akkurat gescheitelt. Ein bisschen zu akkurat vielleicht.

Sie sieht, dass sein Blick ihr folgt, und dass er sie anschaut, wie ein Mann eine Frau anschaut. Es ist noch nicht lange her, dass Männer sie so anschauen. Die meisten merken dann rasch, wie jung sie noch ist, und wenden sich verlegen ab. Der hier scheint es nicht zu merken. Der Bursche gefällt ihr. Stark und friedfertig sieht er aus. Und nicht dumm.

Er hebt grüßend die Hand, sie erwidert den Gruß. Dabei wedelt sie nicht mädchenhaft mit der Hand und winkt auch nicht mit allen fünf Fingern einzeln wie eine Kokotte, sondern hebt wie er lässig die Hand. Er lächelt, sie lächelt zurück.

Dann verlieren sie einander aus den Augen und werden sich nie wiedersehen, das ist dem Mädchen klar. Sie ist eine erfahrene Reisende und weiß, dass man einander normalerweise nur einmal begegnet, weil jede vernünftige Reise in möglichst gerader Linie vom Ausgangspunkt zum Ziel führt und zwei Geraden sich nach den Gesetzen der Geometrie nicht zweimal kreuzen. Ein Wiedersehen gibt es nur unter Dörflern, Talbewohnern und Insulanern, die lebenslang dieselben Trampelpfade begehen und einander deshalb ständig über den Weg laufen.

Der junge Mann auf der Laderampe ist zwar kein Dörfler und kein Insulaner, aber in Zürich geboren und aufgewachsen und mit den Trampelpfaden des Städtchens bestens vertraut. Dieses sonderbare Mädchen in der offenen Tür würde er gern wiedersehen. Wenn sie in Zürich aussteigt, wird er sie wiedersehen, dessen ist er sich gewiss. Wenn nicht, dann nicht.

Er ist neunzehn Jahre alt, vor vier Monaten hat er die Matura abgelegt. Jetzt muss er sich für ein Studium entscheiden. Die Zeit drängt, das Semester hat schon begonnen. Morgen um elf Uhr dreißig läuft die Immatrikulationsfrist ab.

Der Vater möchte, dass er Maschinenbau oder Ingenieurwissenschaften studiert. Die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich ETH hat einen ausgezeichneten Ruf, und am Stadtrand stehen die besten Industriebetriebe der Welt. Brown und Boveri in Baden bauen die besten Turbinen der Welt, Sulzer in Winterthur baut die besten Webmaschinen und Dieselmotoren, die Maschinenfabrik Oerlikon die besten Lokomotiven. Mach Maschinenbau, sagt der Vater, als Techniker hast du ausgesorgt.

Der Vater selber ist nicht Techniker, sondern Getreidehändler. Getreidehandel mit Osteuropa ist vorbei, sagt der Vater, den kannst du vergessen. Die Grenzen sind dicht, die Zölle hoch und die Bolschewiken haben nicht alle Tassen im Schrank, mit denen kannst du keine Geschäfte machen. Getreide war gut für deinen Großvater, der ist damit reich geworden. Weizen aus der Ukraine, Kartoffeln aus Russland, fürs Gemüt ein bisschen ungarischer Rotwein und bosnische Trockenfeigen. Das waren die guten Zeiten damals, die Eisenbahn war schon gebaut und der Nationalismus hatte sich noch nicht so richtig durchgesetzt, und als Jude konnte man unter der Herrschaft der morschen Imperien so halbwegs auskommen. Schade, dass du unser Haus in Pilsen nie gesehen hast. Dein Großvater hat noch an den Getreidehandel geglaubt, deshalb hat er mich hierher nach Zürich geschickt. Ich habe gehorcht und bin hergekommen und Schweizer Bürger geworden, aber geglaubt habe ich damals schon nicht mehr daran. Jetzt bin ich hier und mache weiter, solange es eben geht. Für mich und deine Mutter wird’s schon noch reichen.

Dich aber, mein Sohn, wird das ukrainische Getreide nicht mehr ernähren, und deswegen rate ich dir: Mach Maschinenbau. Heute wird alles von Maschinen gemacht. Das Getreide wird von Maschinen ausgesät, von Maschinen geerntet und von Maschinen gemahlen, das Brot wird von Maschinen gebacken, unser Vieh wird von Maschinen geschlachtet, und die Häuser werden von Maschinen gebaut. Die Musik kommt aus Automaten, die ihrerseits von Automaten gebaut werden, und die Bilder macht nicht mehr der Maler, sondern der Fotoapparat. Bald werden wir auch für die Liebe Apparate benötigen und für das Sterben saubere, geräuschlose Maschinen haben, und auch die unauffällige Beseitigung der Kadaver werden diskrete Gerätschaften besorgen, und wir werden nicht mehr Gott anbeten, sondern eine Maschine oder den Namen ihres Herstellers, und der Messias, der den Weltfrieden bringt und in Jerusalem den Tempel wieder aufbaut, wird kein Sohn des Stammes Juda sein, sondern eine Maschine oder deren Erbauer. Die Welt ist eine einzige Maschine geworden, mein Sohn, deshalb rate ich dir: Geh an die ETH und mach Maschinenbau.

Der Sohn hört zu und nickt, denn er ist ein braver Sohn, der dem Vater den geschuldeten Respekt erweist. Bei sich selber aber denkt er: Nein, ich mache nicht Maschinenbau. Ich kenne diese Maschine. Lieber tu ich gar nichts im Leben, als dass ich ihr zudiene. Wenn ich überhaupt etwas mache, wird es etwas ganz und gar Nutzloses, Zweckfreies sein; etwas, das die Maschine sich keinesfalls dienstbar machen kann.

Der junge Mann hat das Wüten der Maschine eine halbe Kindheit und Jugend lang aus der Ferne studiert. Er war noch keine neun Jahre alt, als der Vater ihm die »Neue Zürcher Zeitung« mit der Schlagzeile aus Sarajevo über den Frühstückstisch reichte, und von da an las er täglich die Nachrichten von der Maas, der Marne und der Somme. Er schlug im Atlas nach, wo Ypern, Verdun und der Chemin des Dames lagen, hängte in seinem Bubenzimmer eine Europakarte übers Bett und spickte sie mit Stecknadeln, und er führte Statistiken in karierten Schulheften, in denen er die Toten erst zu Tausenden, dann zu Hunderttausenden und schließlich zu Millionen zusammenfasste. Aber nie gelang es ihm, in all dem Morden einen Sinn zu finden. Oder zumindest eine Logik. Oder eine plausible Ursache. Oder wenigstens einen ordentlichen Anlass.

Sich selbst zum Trost spielte er stundenlang Klavier im Wohnzimmer der Eltern. Er war kein besonders begabter Schüler. Aber als ihm die Finger zu gehorchen begannen, entwickelte er eine tiefe Zuneigung zu Bachs Goldberg-Variationen, deren ruhige, zuverlässige und berechenbare Mechanik ihn an das galaktische Ballett der Planeten, Sonnen und Monde erinnerte.

Er war, das berichtete er Jahrzehnte später in seinen handschriftlichen Lebenserinnerungen, ein einsames Kind. An der Grundschule quälten ihn die Mitschüler, weil er Schweizerdeutsch mit böhmischem Akzent sprach, und der Lehrer erinnerte die Klasse immer wieder gern daran, dass Felix einer bösen, fremdartigen Rasse angehöre.

Seine Beschützerin und engste Vertraute war die drei Jahre ältere Schwester Clara. Als sie im zweiten Kriegsjahr starb, weil sie mit dem rechten Fuß in einen Nagel getreten war, versank er für Jahre in hoffnungsloser Schwermut. Die Ärzte konnten mit ihrer Wissenschaft des frühen 20. Jahrhunderts zwar recht genau erklären, was sich in Claras Körper abspielte – die bakterielle Verunreinigung, die Sepsis, schließlich der Kollaps –, ihre Heilkunst aber kannte noch keine Therapie, die Claras qualvollen, sinnlosen und banalen Tod hätte verhindern können. In den folgenden Monaten ließen seine Leistungen am Gymnasium stark nach. Warum sollte er sich in Biologie und Chemie anstrengen, wenn die Wissenschaft im entscheidenden Moment ohne Nutzen blieb? Wozu sollte er überhaupt etwas lernen, wenn Erkenntnis ohne Nutzen war?

Vergnügen bereitete ihm lediglich der Mathematikunterricht mit seinen verlässlichen, zweckfreien Gedankenspielen. Gleichungen mit mehreren Unbekannten, Trigonometrie, Kurvendiskussionen. Es war für den Jüngling eine Offenbarung, dass es in dieser aus den Fugen geratenen Welt etwas so Klares und Schönes wie das Verhältnis von Zahlen zueinander gab. Während der Herbstferien 1917 brachte er eine ganze Woche damit zu, mithilfe der Rotationsgeschwindigkeit der Erde, des Neigungswinkels ihrer Achse zur Sonne sowie Zürichs geographischer Breite die Dauer eines Oktobertags zu errechnen. Am nächsten Tag maß er mit seiner Taschenuhr die Zeitspanne von Sonnenaufgang bis -untergang und war unbeschreiblich glücklich, als die Messung mit seiner Berechnung übereinstimmte. Die Erfahrung, dass ein von ihm gedachter Gedanke – die trigonometrische Berechnung – tatsächlich etwas mit der realen Welt zu tun hatte und sogar mit ihr in Einklang stand, erfüllte ihn mit einer Ahnung von Harmonie zwischen Geist und Materie, die ihn zeitlebens nicht mehr verlassen sollte.

Am meisten verstörte den Jüngling während der Kriegsjahre, dass sein Zeitungswissen über die Welt in scharfem Kontrast zu seiner alltäglichen empirischen Beobachtung stand. Wenn er in seinem Bubenzimmer aus dem Fenster schaute, sah er unten auf der Seehofstraße keine Füsiliere durch Laufgräben rennen und keine aufgeblähten Pferdekadaver in Bombenkratern liegen, sondern wohlgenährte Dienstmädchen, die überquellende Einkaufstaschen heimwärts trugen, und rotwangige Kinder, die auf dem Pflaster mit Glasmurmeln spielten. Er sah Taxifahrer, die zigarettenrauchend beisammenstanden und auf Kundschaft aus dem Opernhaus warteten, und er sah dösende Kutscher hinter dösenden Pferden und den Scherenschleifer, der von Tür zu Tür ging. Derart groß war der Friede in der Seehofstraße, dass nicht einmal Polizei zu sehen war. Diese friedliche Straße lag im Herzen einer unfassbar friedlichen Stadt, die im Herzen eines unfassbar friedlichen Landes lag, dessen Bauern auf ihren von den Ahnen ererbten Äckern bedächtigen Schrittes ihre Furchen zu einem Horizont hin zogen, hinter dem das große europäische Menschenschlachten geschah. Nur in besonders stillen Nächten war über den Rhein und den Schwarzwald hinweg das Donnergrollen der deutsch-französischen Front zu hören.

Dieses Grollen verfolgte ihn in den Schlaf und schwoll dort zu ohrenbetäubendem Gebrüll an. In seinen Träumen watete er in Strömen von Blut durch zerfetzte Landstriche, und nach dem Aufwachen las er beim Frühstück im »Morgenblatt« in hilflosem Entsetzen, wie die Kriegsmaschine den Kontinent umpflügte und sich alles unter der Sonne einverleibte, was ihr irgendwie dienlich sein konnte. Sie verschluckte Mönche und spuckte sie als Feldprediger wieder aus, sie machte Hirtenhunde zu Grabenkötern und Flugzeugpioniere zu Kampfpiloten, Wildhüter zu Scharfschützen und Pianisten zu Feldmusikern und Kinderärzte zu Lazarettschlächtern, Philosophen zu Kriegstreibern und Naturdichter zu Blutgurglern, Kirchenglocken wurden zu Kanonen umgegossen und Opernguckerlinsen in Zielfernrohre eingebaut, Kreuzfahrtschiffe wurden zu Truppentransportern und Psalmen zu Nationalhymnen, und die Webstühle aus Winterthur woben keine Seide mehr, sondern Uniformdrillich, und die Turbinen aus Baden produzierten Strom nicht mehr für die Weihnachtsbeleuchtung, sondern für die Elektroloks aus Oerlikon, die keine Touristen mehr ins Engadin verfrachteten, sondern Kohle und Stahl zu den Hochöfen und Gießereien der Waffenschmiede schleppten.

Nach tausendfünfhundert Tagen war die Maschine kurz vor Felix Blochs dreizehntem Geburtstag mangels Treibstoff ins Stottern geraten und widerwillig zum Stillstand gekommen. Seither hat sie sich einigermaßen ruhig verhalten, das ist wahr, aber jetzt brummt sie schon wieder; bald wird sie wieder ruckeln und rattern, und über kurz oder lang werden ihre Schwungräder wieder zu drehen anfangen und ihre Schredderzähne sich aufs Neue durch die Landschaften und das Fleisch und die Seelen der Menschen fressen.

Mag sein, dass die Maschine nicht aufzuhalten ist, sagt sich der junge Mann, aber mich wird sie nicht kriegen. Ich mache nicht mit, ich studiere nicht Maschinenbau. Ich werde etwas ganz und gar Zweckfreies machen. Etwas Schönes und Nutzloses, was sich die Maschine keinesfalls einverleiben kann. Etwas wie die Goldberg-Variationen. Es wird sich schon was finden. Jedenfalls gehe ich nicht an die ETH. Ich mache nicht Maschinenbau, da kann der Vater lange reden. Eher werde ich Fuhrmann für eine Brauerei.

Trotzig stößt er sich vom Schuppen ab, zur Rebellion entschlossen springt er von der Laderampe. Aber noch bevor er unten auf dem Schotter landet, sinkt ihm schon der Mut und verlässt ihn die Entschlossenheit, und als er die ersten Schritte über den klappernden Plattenweg geht, der zwischen den Gleisen zur Bahnhofshalle führt, steigt ihm leise, aber unaufhaltsam wie eine bittere Champagnerperle die Erkenntnis aus den Eingeweiden übers Herz in den Kopf, dass er sehr wohl an die ETH gehen und Maschinenbau studieren wird – denn erstens würde er ein Zerwürfnis mit dem Vater nicht ertragen, zweitens hat er lauter Bestnoten in Mathematik, Physik und Chemie, und drittens will ihm auf den Tod nichts einfallen, was er mit seiner einseitigen Begabung anderes anstellen könnte, als Maschinenbau an der ETH zu studieren.

Zwischen den Gleisen springt ein Signal auf Grün und gibt dem Schnellzug nach Genf freie Fahrt aus der Bahnhofshalle. In einem Abteil erster Klasse sitzt an einem jener ersten Novembertage des Jahres 1924 – ob’s wirklich am selben Tag und zur selben Stunde war, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit sagen – der Kunstmaler Emile Gilliéron. Er ist geschäftlich aus Griechenland über Triest und Innsbruck nach Reislingen bei Ulm gereist, wo er einen Auftrag an die Württembergische Metallwarenfabrik zu vergeben hatte. Auf der Rückreise will er einen Abstecher an den Genfersee machen, um die Asche seines Vaters, der kurz vor seinem dreiundsiebzigsten Geburtstag in einem Athener Restaurant tot unter den Tisch gesunken war, in heimatlicher Erde zu bestatten.

Der Vater hatte ebenfalls Emile Gilliéron geheißen, war ebenfalls Kunstmaler in Griechenland und ein berühmter Mann gewesen. Er hatte Heinrich Schliemann bei den Ausgrabungen Trojas und Mykenes als Zeichner begleitet und eine Briefmarkenserie für die griechische Post gestaltet, und er war Zeichenlehrer der griechischen Königsfamilie gewesen und hatte ein stattliches Wohnhaus mit prächtiger Aussicht auf die Akropolis gebaut, und er hatte den Sohn zu seinem tüchtigen Geschäftspartner herangezogen. Groß war deshalb in der Familie die Überraschung gewesen, als bei der Testamentseröffnung nur Schulden zum Vorschein kamen und sich herausstellte, dass die Gilliérons zwar auf großem Fuß, aber ständig von der Hand in den Mund lebten.

Zusätzlich in Verlegenheit brachte die Hinterbliebenen der testamentarische Wunsch des Verstorbenen nach einer Bestattung in seiner alten Heimat am Genfersee; denn eine offizielle, legale Repatriierung des Leichnams über drei oder vier Landesgrenzen hinweg wäre mit einem finanziellen und administrativen Aufwand verbunden gewesen, den sich allenfalls der Papst, der König von England oder ein amerikanischer Eisenbahnmagnat hätte leisten können. Einigermaßen durchführbar war nur ein klandestiner Transport nach vorgängiger Einäscherung. Zwar waren Feuerbestattungen im orthodoxen Griechenland bei strenger Strafe verboten, aber im Botschaftsviertel von Athen gab es Bestattungsunternehmen, die auf ausländische Kundschaft spezialisiert waren. Gegen Aufpreis brachten sie am Tag der Beerdigung dem Popen einen mit Sandsäcken beschwerten, ansonsten aber leeren Sarg zum Friedhof und führten den Leichnam auf geheimen Wegen einer informellen Kremation zu.

Emile Gilliéron hatte mit Nachdruck darauf verzichtet, über den präzisen Ablauf dieser Dienstleistung ins Bild gesetzt zu werden; er wollte nicht wissen, welcher Bäcker, Töpfer oder Schlosser nachts seinen Ofen zur Verfügung stellte, bevor er am nächsten Morgen im selben Ofen wieder Brötchen buk oder Wasserkrüge brannte. Erst auf der Überfahrt von Piräus nach Triest mit dem Postschiff des Lloyd Triestino war ihm der Gedanke gekommen, dass er niemals mit Sicherheit wissen würde, ob sein Vater tatsächlich kremiert oder den Haien zum Fraß vorgeworfen worden war, und ob die Zigarrenkiste in seinem Koffer nicht die Asche eines Fremden enthielt oder die zerstampften Knochen eines Straßenköters.

Emile Gilliéron junior ist ein schöner Mann im besten Alter. Sein Gesicht ist noch immer jugendlich scharf geschnitten und goldbraun gebrannt von den Jahren, die er mit dem Vater auf den Ausgrabungsfeldern von Knossos verbracht hat, und seine Augen glühen wie die seiner italienischen Mutter Josephine, die ihn und den Vater zeitlebens mit ihrer Fürsorglichkeit und Eifersucht verfolgte. Sein Kopfhaar und der kühn geschwungene Schnurrbart sind ein wenig zu schwarz, um ganz naturbelassen zu sein, die Nase ist gerötet von der täglichen Flasche Armagnac, und in den Mundwinkeln liegt eine Spur Bitterkeit und enttäuschter Ehrgeiz. In Athen erwartet ihn seine italienische Ehefrau Ernesta, die in ihrer freien Zeit auf der Terrasse ihres Hauses liebliche Ölbilder mit der immer gleichen Ansicht der Akropolis malt, und sein erstgeborener Sohn, der auf den Namen Alfred hört und vier Jahre alt ist.