cover

Aprilynne Pike

PIKE_Kuss_FIN_Typo.tif

Aus dem Amerikanischen
von Karen Gerwig

cbj_sw.tif

cbj ist der Kinder- und Jugendbuchverlag
in der Verlagsgruppe Random House

Gesetzt nach den Regeln der Rechtschreibreform

1. Auflage 2013
© 2013 by Aprilynne Pike
Die Originalausgabe erschien 2013 unter dem Titel »Earthbound« bei
Razorbill, an Imprint of Penguin Group, New York
© 2013 für die deutschsprachige Ausgabe cbj, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten
Aus dem Amerikanischen von Karen Gerwig
Redaktion: Carola Henke
Dieses Werk wurde vermittelt durch die
Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen.
Umschlagbild: Shutterstock (S.P., argus, conrado)
Umschlagkonzeption: *zeichenpool, München

MG Herstellung: UK/LJ
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN: 978-3-641-10858-8

www.kussdergoettin.de
www.cbj-verlag.de

Kapitel 1

53513.jpg

Ich erinnere mich an den Flugzeugabsturz.

Nicht direkt an den Aufprall, aber an die Augenblicke davor – und obwohl es wirklich nur Augenblicke gewesen sein können, dauert es im Rückblick viel länger.

Ich schaute, die Stirn an das winzige Fenster gedrückt, durch die wolkenlose Luft auf Bauernhöfe und Siedlungen, die unter mir dahinzogen, als der Motor explodierte und das Flugzeug in eine irre Schieflage brachte, dass es mich auf meinem Sitz herumschleuderte. Die eigentliche Explosion war überraschend leise – gedämpft vom isolierten Flugzeugrumpf, nehme ich an –, aber die wogenden Wolken von kohlschwarzem Rauch, die aus dem Flügel strömten, waren nicht zu übersehen.

Jeder einzelne Nerv in meinem Körper vibrierte, doch meine Augen blieben auf den wabernden Rauch gerichtet, der von dem Motor aus nur knapp unter meinem Fenster entlangzog. Mit schmerzenden Fingern klammerte ich mich an die Armlehnen, um mich gerade zu halten, während das Flugzeug sich nach vorn neigte und dann abstürzte. Die Fliehkraft drückte mich in den Sitz.

Das Herunterfallen und Zischen von Hunderten von Sauerstoffmasken, die aus der Decke sprangen wie Giftschlangen, erschreckte mich und lenkte meine Aufmerksamkeit von dem rauchenden Flügel ab. Reflexe, die von Dutzenden von heruntergeleierten Sicherheitsvorträgen feingeschliffen waren, ließen Hände vorschießen, um die Sauerstoffmasken zu packen; die Erwachsenen drückten die Öffnungen fest auf Mund und Nase. Danach halfen sie mitreisenden Kindern.

Aber ich kümmerte mich nicht um meine.

Nicht einmal, als meine Mutter sie mir hinhielt. In ihren Augen flackerte das Entsetzen, und sie umklammerte den Arm meines Vaters so fest, dass ich wusste: Ihre Fingernägel kratzten ihn blutig.

Es war ein Flugbegleiter, der es mir begreiflich machte. Zwei von ihnen standen im Gang, versuchten, die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, und demonstrierten die Aufprallposition – als würde das etwas helfen. Aber ich konzentrierte mich auf den Dritten. Er versuchte nicht, die Passagiere anzuschnallen oder ihnen zu helfen; er stand nur da, seltsam reglos inmitten des Chaos, und schaute aus dem Fenster, während ihm zwei Tränen über die Wangen rollten.

Da wusste ich, wir würden alle sterben.

Und in diesem Augenblick schmolz meine Angst dahin und ich fühlte mich vollkommen friedlich. Kein Leben, das vor meinem inneren Auge ablief, oder plötzliche schmerzliche Reue. Nur ein überwältigender Friede.

Ich entspannte mich, hörte auf zu kämpfen und sah durch das Fenster zu, wie der Boden auf mich zuraste, um mich zu verschlucken.

53511.jpg

Ich starre voller Entsetzen auf die Fotos. Es muss wahr sein; es gibt keine andere Erklärung.

Der Zeitpunkt hätte nicht günstiger sein können.

Oder ungünstiger.

»Sie ist weg?«, frage ich mit meiner eisigsten Stimme. Ich bin nicht sauer auf ihn; ich bin sauer auf mich selbst, weil ich es nicht früher gesehen habe. Ich hätte es früher erkennen müssen. Das Ganze steht auf Messers Schneide und das könnte alles zerstören.

Oder retten.

»Wir tun, was wir können.« Er faselt von ihren Fortschritten, aber ich habe nicht die Geduld, ihm zuzuhören. Ich gehe hinüber zum Fenster, die Arme vor der Brust verschränkt, starre hinunter in den üppig grünen Garten und sehe nichts.

Nicht nichts. Ich sehe ihr Gesicht. Dieses Gesicht, an das ich mich fast länger als an mein eigenes erinnern kann. Ich hatte gedacht, ich sei endlich von diesem Gesicht befreit.

Nur dass ich jetzt niemals frei sein kann. Ich brauche sie. Wir brauchen sie. Es ist schwer, nicht an dieser bitteren Ironie zu ersticken, dass wir sie, nach allem, was sie getan hat, brauchen. Ohne sie würde alles zusammenbrechen.

Es würde noch schlimmer, als es sowieso schon ist.

Und ich hätte sie beinahe umgebracht.

Kapitel 2

53509.jpg

Therapie ist der Inbegriff des Besten und des Schlimmsten in meinem Leben. Ich sitze stocksteif auf dem Sofa, den Tränen nahe, doch ich blinzle sie weg. Nicht weil es mir peinlich ist – ich habe schon literweise davon vor Elizabeth geweint. Ich habe es nur gründlich satt zu weinen.

Ich mag nicht über meine Eltern reden, aber es ist Elizabeths Job, mich ab und zu dazu zu zwingen. Wie heute. Sie hat versucht, sich auf glückliche Erinnerungen zu konzentrieren, aber diesmal hat sie mich damit nur daran erinnert, dass es all das nie wieder geben wird. Dieses Kapitel meines Lebens ist vorbei.

Für immer.

Ein riesiges, klaffendes »für immer«.

»Hey«, sagt Elizabeth und reißt mich mit einem hörbaren Luftschnappen zurück in ihr Büro. »Es könnte schlimmer sein. Du könntest eine Waise mit Kopfverletzung, schwachem Bein und bad hair day sein.«

Nur eine Sekunde starre ich sie mit großen Augen an und versuche zu entscheiden, ob dieser Witz lustig ist oder nicht. Aber ihr Gesichtsausdruck – melodramatische Sorge mit einem Hauch echtem Mitleid dahinter – bricht durch meinen Panzer, und ich fange an zu lachen und wische mir gleichzeitig die Augen.

Ich habe, das muss ich zugeben, eine merkwürdige Beziehung zu meiner Therapeutin. Ich nehme an, das liegt daran, dass keine von uns beiden glaubt, ich sei verrückt.

Sie lässt sich von mir nicht einmal Dr. Stanley nennen – was auf den Diplomen steht, die an ihrer Wand hängen –, nur Elizabeth. Am Anfang dachte ich, das sei einer dieser billigen Tricks, die Erwachsene an Teenagern ausprobieren, damit die locker werden und ihr Herz ausschütten, aber Elizabeth hat sich wirklich jedes Mal gewunden, wenn ich sie Dr. Stanley nannte, und nach einer Weile bin ich schließlich umgeschwenkt. Inzwischen fällt es mir leicht.

»Ernsthaft, Tavia«, sagt Elizabeth mit leiser Stimme. »Es muss nicht leicht sein. Ich finde, du bist sehr tapfer und kommst extrem gut mit allem zurecht.«

»Mir kommt es aber nicht so vor«, gebe ich zu und zucke die Schultern in meinem schwarzen Kapuzenpulli. Mir haben Sweatshirts im Allgemeinen schon immer gefallen, aber in letzter Zeit ist mir eindeutig alles am liebsten, was meinen Kopf bedeckt – und damit die Narbe unter meinen immer noch zu kurzen Haaren.

»Dann vertrau meiner professionellen Analyse«, sagt Elizabeth mit einem Lächeln, als sie mich durch das abgedunkelte und leere Wartezimmer begleitet. »Du gehst doch nicht zu Fuß nach Hause, oder?«, fragt sie, als wir den Ausgang erreichen. Wir mussten unseren normalen Termin verschieben, deshalb ist es schon nach Praxisschluss, und ihre Sekretärin – Sekretärin Barbie, wie ich sie nenne, weil ihr Gesicht aussieht, als sei es aus Plastik, und sie eigentlich nie mit mir spricht – ist schon nach Hause gegangen.

»Nein, Reese kommt.« Ich gehe normalerweise – auf Anraten meiner Physiotherapeutin – tatsächlich zu Fuß, aber da es bald dunkel wird, hat Reese darauf bestanden, mich heute abzuholen.

Das ist wohl in Ordnung.

Organisiert und pünktlich, wie meine Tante ist, wartet sie schon auf mich. Ihr BMW parkt direkt vor der Tür. Sie lehnt sich über den Beifahrersitz, stößt die Beifahrertür auf und winkt Elizabeth zu.

»Hey, Tave. Wie war’s?«, fragt sie mit Blick nach vorn, als sie losfährt.

»Es war eine Therapiestunde«, sage ich, während ich meinen Gurt schließe. »Es war therapeutisch.« Ich lehne den Kopf gegen das Beifahrerfenster; ich will nicht darüber sprechen. Therapie ist … na ja, es ist persönlich. Und auch wenn ich Reese und meinem Onkel Jay unendlich dankbar bin, dass sie eine Stiefnichte bei sich aufgenommen haben, die sie kaum kannten, fühlen sie sich nicht so recht nach Familie an.

Zum Glück versteht Reese den Wink und schaltet das Radio ein, als wir vom Parkplatz auf die Straße abbiegen. Sie hat eine unendliche Geduld. Zumindest mit mir. Mit Kunden am Telefon nicht so viel.

Während der Fahrt schaue ich mir die Straßen um mich herum an – Portsmouth, New Hampshire, ist eine der ältesten Städte der Vereinigten Staaten von Amerika, und sie haben die alten Kolonialbauten wirklich gut erhalten. Ich bin ein heimlicher Geschichts-Fan, und in den ersten paar Monaten hier bin ich so lange herumspaziert, wie es mein verletztes Bein zuließ, und habe die Denkmäler, Sehenswürdigkeiten und Museen erkundet. Es fühlt sich irgendwie passend an – eine Stadt, die in ihrer Vergangenheit stecken geblieben ist, und ich gefangen in meiner eigenen.

Und die ganze Stadt ist so schön. Ich liebe alte Gebäude – so wird heutzutage einfach nicht mehr gebaut. Sie haben eine Anmut und Schönheit an sich, die der Gesellschaft abhandengekommen ist. Egal, wie elegant das ganze moderne Zeug sein soll: Irgendetwas an den handgeschnitzten Feinheiten der Kolonialarchitektur löst in mir Trauer um etwas aus, das einmal war.

Am liebsten habe ich die perfekt erhaltenen Häuser aus dem achtzehnten Jahrhundert, die man hier und da mitten in einem modernen Stadtviertel findet. Wie ein im Sand vergrabener Schatz, der nur darauf wartet, gehoben zu werden. Sie sind schwer zu finden, wenn man mit der halsbrecherischen Geschwindigkeit herumfährt, die Reese bevorzugt, denn sie stehen normalerweise von der Straße zurückgesetzt und werden oft vom Blätterbaldachin eines alten Baumes geschützt. Aber wenn ich allein zu Fuß unterwegs bin, suche ich nach ihnen. Ich würde so gern ihre Geschichten kennen, aber ich traue mich nicht, an die Tür eines Fremden zu klopfen.

Stattdessen mache ich Fotos und denke mir selbst Geschichten aus. Ich schwöre, ich habe ungefähr tausend Fotos auf meinem Handy. Ich wünschte … ich wünschte, ich könnte sie zeichnen, malen.

Aber ich kann seit dem Unfall nicht mehr zeichnen.

Trotzdem haben diese alten Häuser etwas Beruhigendes; irgendwie rühren sie mich an. Ich ziehe mein Handy heraus, scrolle zu einem der Bilder von meinem Lieblingshaus und zoome es heran. Ich versuche, mir vorzustellen, wie ich mit Aquarellfarben die Holzbretter male, die hauchdünnen Vorhänge, die ich hinter den Fenstern sehen kann.

»… Ich dachte, es macht dir bestimmt nichts aus.« Reese schaut mich erwartungsvoll an, und mein Gehirn merkt langsam, dass sie mit mir spricht.

»Es tut mir leid, ich … was?« Ich stecke mein Handy in meinen alten roten Rucksack. Ich fürchte, mit den Gedanken woanders zu sein, ist in letzter Zeit eine Spezialität von mir.

Früher war ich nicht so.

»Macht es dir etwas aus, wenn wir unterwegs kurz Milch kaufen gehen? Wir haben keine mehr«, wiederholt Reese und dreht das Radio ein bisschen leiser.

Ich denke trübsinnig an den versnobten Bio-Supermarkt mit den regionalen Produkten, in dem Reese einkauft. Super. »Kann ich im Auto warten? Mein … mein Bein tut weh«, lüge ich.

Es ist nur mehr oder weniger eine Lüge. Der Gips ist seit drei Monaten ab, doch zersplittert ist das Wort, das die Ärzte benutzten, um die Brüche sowohl über als auch unter meinem rechten Knie zu beschreiben. Es dauert seine Zeit, sich von so etwas zu erholen, auch wenn man außer Acht lässt, dass ich seit meiner Gehirnoperation letztes Jahr sowieso nicht mehr allzu anmutig bin.

Zumindest sagen mir das die Physiotherapeuten immer, wenn ich mich entmutigen lasse.

Nur einen Augenblick lang erscheint eine Falte auf Reese’ Stirn, bevor sie meine Ausrede akzeptiert. »Klar – es dauert nur ein paar Minuten.«

Sie springt aus dem Wagen und eilt im Laufschritt auf den Laden zu. Sobald sie außer Sicht ist, drehe ich die Heizung auf und lehne den Kopf ans Fenster.

In den Ecken des Parkplatzes liegen immer noch ein paar schiefergraue Schneehügel, aber es wird nicht mehr lange dauern, bis sie ganz weggeschmolzen sind. Grüne Blätter recken sich durch das knittrige braune Gras vom letzten Jahr und überall in der Stadt sprießen die Tulpen.

Wenigstens hagelt es nicht, so wie gestern.

Es ist diese beinahe-frühlingshafte Jahreszeit – Jackenwetter, kein Mantelwetter. Aber das Wetter ist schon das ganze Jahr merkwürdig. Im Februar ist der ganze Schnee geschmolzen und die Wettervorhersage kündigte Dürre und Hitzewellen an. Aber zwei Wochen später wurde in einer einzigen Nacht fast ein Meter Schnee über uns abgeladen. Als die Schneepflüge sich endlich selbst ausgegraben und die Straßen freigeräumt hatten, war es wieder mehr oder weniger Winter. Es waren seltsame Monate.

Ich ziehe meine Jacke ein wenig fester um mich, denke an die paar Tage, die wir Temperaturen unter null hatten – ganz zu schweigen von dem Mörder-Eissturm davor –, und halte die Hände vor die Lüftung. Abgesehen von dem Kapuzenpulli bin ich nicht recht für den Winter angezogen. Ich sollte vielleicht etwas anderes als meine alten Tanktops und T-Shirts mit den Aufdrucken tragen, zumindest bis zum Sommer, aber dann hätte ich einkaufen gehen müssen, und ich gebe nicht gern Geld aus, das nicht mir gehört. Auch wenn Reese sagt, ihr Geld sei mein Geld. Allerdings werde ich bald nachgeben und mir eine neue Jeans kaufen müssen – diese hier ist an den Knien ziemlich fadenscheinig. Weil ich groß und ziemlich dünn bin, mit extrem langen Beinen, finde ich immer schwer Jeans, die nicht zu kurz sind. Wenn ich dann also einmal welche aufstöbere, trage ich sie, bis sie zerfetzt sind – was so ungefähr der Zustand der jetzigen ist.

Während meine Fingerspitzen warm werden, schaue ich über die langsam dunkler werdende Straße und lasse meinen Blick auf einem Haus gegenüber ruhen. Es ist kirschrot gestrichen und vor der Veranda blühen weinrote und gelbe Tulpen. Ein kleines Mädchen sitzt auf der Terrasse und spielt mit einer Puppe. Ich lächle, als ich sehe, dass sie ein niedliches altmodisches Kleid mit Schürze trägt – was hier nicht unüblich ist. In Städten, die so alt sind wie Portsmouth, gibt es immer irgendeine Art von Historienspektakel, normalerweise wird die Amerikanische Revolution nachgespielt. Dieses kleine Mädchen sieht super aus. Authentisch.

Na ja, ihre Kleider sind vielleicht ein bisschen zu bunt, und die Locken sind zweifellos mit einem Lockenstab gemacht, nicht über Nacht mit Stoffstreifen, aber hey – dafür sind die Annehmlichkeiten der Moderne da. Ein Lächeln stiehlt sich auf mein Gesicht, als ich erkenne, dass die Puppe sogar eine von diesen altmodischen Stoffpuppen ist.

Sie hebt das süße kleine Kinn und ich sehe einen Mann aus dem Haus zu ihr auf die Veranda treten.

Eigentlich kein Mann, schätze ich. Zu jung, um ihr Vater zu sein. Ich sehe sein Gesicht nur ganz kurz, aber ich denke, er ist ungefähr so alt wie ich, achtzehn. Vielleicht ein kleines bisschen älter. Die Vorliebe für historische Nachstellungen muss in diesem kirschroten Haus in der Familie liegen, denn er trägt eine marineblaue Jacke und einen großen Hut auf goldblonden Haaren, die er im Nacken zusammengebunden hat.

Er ist etwas fürs Auge; ich würde mich nicht beschweren.

Leider sind diese üppigen Haare wahrscheinlich eine Perücke. Die meisten Leute sind nicht hart genug drauf, um sie wirklich wachsen zu lassen. Und die, die es sind – na ja, die sind dafür dann ein bisschen gruslig.

Als der Typ neben dem kleinen Mädchen in die Hocke geht, frage ich mich, warum Kniehosen aus der Mode gekommen sind. Sagen wir einfach: Von hinten sehen sie super aus. Ich ziehe anerkennend eine Augenbraue hoch und kneife die Augen zusammen, um besser sehen zu können, froh, dass der BMW getönte Scheiben hat und ich mein kleines Augenschmaus-Festmahl ungesehen genießen kann. Irgendwie sind meine Momente der unbeschwerten Zufriedenheit in letzter Zeit dünn gesät.

Der Typ steht auf und hält das kleine Mädchen jetzt an der Hand. Showtime, nehme ich an.

Als hätte er meinen Laserblick bemerkt, hält er inne, dann dreht er sich um. Mein Mund wird trocken, als er direkt in meine Richtung schaut.

Er kann mich nicht sehen, oder? Die Scheiben von Reese’ Auto sind von außen gesehen fast verspiegelt. Aber sein Blick bleibt auf mich gerichtet, und ich kann sogar von hier aus sehen, wie er überrascht die Augen aufreißt.

Er macht ein paar Schritte in meine Richtung, und ich balle die Fäuste, während sein Blick sich in meine Augen brennt. Ich bin mir sicher, er kann nicht wissen, dass ich hier bin. Wie …?

Auf der zweiten Stufe hält er an und schaut wieder auf das kleine Mädchen, das seine Hand hält und ihn zurückzieht. Er hält inne, zögert, schaut kurz das Mädchen an, dann zurück zum Auto, er ist hin- und hergerissen, das sehe ich an seinem Gesichtsausdruck.

Ich kann den Blick nicht abwenden, obwohl ich spüre, wie sich die Hitze auf meinen Wangen ausbreitet. Aus dieser Entfernung kann ich die Farbe seiner Augen nicht erkennen, aber sie fesseln mich an Ort und Stelle, und ich brauche ein paar Sekunden, bis ich merke, dass ich die Luft anhalte.

Plötzlich piepst mein Handy und bricht den Bann. Ich senke den Blick und sehe einen Text mit der Überschrift Benson Ryder aufblinken.

Fertig?

»Perfektes Timing«, murmle ich. Aber ich kann ein leichtes Lächeln nicht unterdrücken, als ich eine schnelle Antwort tippe.

Ich hatte Freunde, damals in Michigan – in meinem früheren Leben, wie ich es in Gedanken gerne nenne –, aber es waren lockere Freundschaften. Meine Kunst war mein Leben, und Freunde hatten die Tendenz, mich davon abzulenken. Es waren wohl einfach Schulfreunde, schätze ich. Als Reese und Jay mir sagten, ich würde den Kontakt mit allen in Michigan abbrechen müssen, um meinen Aufenthaltsort vor den Medien geheim zu halten, muss ich zugeben, dass ich nicht traurig war, sie aufzugeben. Sie fühlten sich … flatterhaft an, das war es wohl.

Benson ist … na ja, es ist einfach anders. Ich sehe ihn fast jeden Tag. Wir simsen viel. Manchmal telefonieren wir lange.

Und er weiß es. Alles.

Sonst keiner.

Die einzige Überlebende einer Großkatastrophe zu sein, führt zu Aufmerksamkeit. Fragen. Und das bedeutet, sich erinnern zu müssen – der Schmerz, die Operationen, die unzuverlässigen Erinnerungen.

Meine Eltern.

Es ist einfacher zu lügen, allen zu erzählen, ich hätte mir das Bein bei einem Autounfall gebrochen. Niemand hinterfragt das. Manchmal sagen sie mir, ich hätte Glück, noch am Leben zu sein.

Die Leute, die so etwas sagen, haben nie einen nahestehenden Menschen verloren.

Meine Ärzte wissen, was passiert ist, meine Psychotherapeutin Elizabeth und natürlich Reese und Jay, aber sonst niemand. So sind es weniger Leute, die den Medien verraten könnten, wo ich bin, denn die würden zu gerne über mich herfallen und eine Exklusiv-Story abgreifen, auch noch Monate danach.

Na ja, Benson habe ich es auch erzählt. Genauer gesagt hat Benson es aus mir herausgeholt. Nicht ganz ungewollt. Je näher ich Benson kam, desto mehr wollte ich es ihm erzählen. Aufhören zu lügen. Als es endlich heraus war, war es eine riesige Erleichterung. Es war schön, die Wahrheit zu sagen. Vor allem jemandem, den ich ausgesucht hatte.

Ich habe Reese gegenüber nicht erwähnt, dass ich ihm alles erzählt habe. Ich weiß nicht, ob sie sauer wäre oder nicht – es ist schließlich mein Leben –, aber die Tatsache, dass ich mir nicht sicher bin, ist Grund genug für mich, es ihr nicht zu sagen.

Abgesehen davon wird Benson mein Geheimnis bewahren.

Manchmal denke ich, ich brauche ihn – unsere ungezwungene Kameradschaft –, und das macht mir Angst.

Alle, die ich in meinem Leben je gebraucht habe, sind tot.

Sobald ich auf Senden gedrückt habe, schießt mein Blick wieder zu dem großgewachsenen Jungen mit dem kleinen Mädchen, aber sie sind hineingegangen. Ich versuche, die seltsame Melancholie abzuschütteln, die mich erfasst. Ich starre auf das Haus – und wünsche wohl, dass die Fremden wieder erscheinen –, und gerade als ich blinzle, blitzt etwas über der Tür auf. Ich öffne weit die Augen, aber das Blitzen ist weg …

Nein, nicht ganz weg …

Beinahe wie ein Schatten im Augenwinkel, so schwach, dass ich ein paar Mal blinzeln muss, um sicherzugehen, dass ich sie sehe, glänzt eine Kontur direkt über der Tür. Ein Dreieck.

Und aus Gründen, die ich weder verstehe noch erklären kann, beginnt mein Herz zu rasen.

Kapitel 3

53507.jpg

Normalerweise handeln meine Albträume von dem Absturz, von den Augenblicken, an die ich mich nicht erinnere. Manchmal muss ich zusehen, wie die Körper meiner Eltern in Zeitlupe zerrissen werden; Blut spritzt mir in die Augen und färbt meine Sicht in diesem unverwechselbaren Rot. Manchmal bin es ich – meine Hände –, die in den Trümmern zerquetscht werden. Sie biegen sich in unnatürlichen Winkeln, die Knochen knicken, bis alles nur noch eine übel zugerichtete Masse ist.

Denn das hätte passieren müssen.

Vielleicht bin ich morbid, aber während ich im Krankenhaus lag, habe ich viel Zeit im Internet verbracht und mir Fotos von der Absturzstelle angeschaut. Und obwohl die Medien meinen Namen nicht erfahren haben, wussten sie, auf welchem Sitz ich saß.

»Laut den Analysten hätte es den Rahmen hier und hier zusammendrücken müssen«, sagte eine Reporterin und zeigte auf zwei Stellen der Passagierkabine. »Aber Sie können sehen, dass das Innere des Flugzeugs vollkommen unberührt aussieht. Der Passagier auf 24F, laut Aussage der Fluglinie eine weibliche Minderjährige, erlitt lebensbedrohliche Verletzungen, überlebte aber in diesem höchst unwahrscheinlichen Kokon, den die Experten nicht erklären können. Es ist, als wäre dieser Teil des Flugzeugs gar nicht an dem Absturz beteiligt gewesen.«

Ich meide Berichte, in denen die Opfer gezeigt werden. Reihen um Reihen von Leichen, manchmal ragen gebrochene Arme oder Beine unter den Tüchern hervor. Die kann ich mir einfach nicht anschauen.

Ein Teil von mir fürchtet, ich könnte meine Eltern unter den Leichen erkennen: die linke Hand meiner Mutter mit dem Ehering, den Knöchel meines Vaters mit einer Armee-Tätowierung, die sich seine Wade hinaufwindet.

Ein anderer Teil von mir ist einfach von Schuldgefühlen überwältigt, weil ich von 256 Passagieren die Einzige war, die irgendwie überlebt hat.

Aber in dieser Nacht gibt es keine Leichen, kein Blut.

Es gibt überhaupt kein Flugzeug.

Ich schwebe.

Ich schwimme. Im Meer? Einem Fluss? Einem See? Ich weiß es nicht.

Aber es ist kalt. Die Art Kälte, die sich eher wie eine Klinge auf der Haut anfühlt, die einem die Haut abzieht und die Knochen freilegt. Obwohl ich irgendwie weiß, dass es ein Traum ist, zittere ich.

Meine Haare sind lang und offen, treiben um mich herum, und als ich bemerke, dass ich unter Wasser gezogen werde, greife ich nach Gegenständen, die einfach plötzlich da sind – eine Rettungsweste, ein schwimmender Baumstamm, ein kleines Boot. Aber sobald meine Finger sie berühren, verschwinden sie einfach, sie sind sogar noch weniger real als der Traum. Erschöpft paddle ich einfach im Wasser, aber meine Arme verheddern sich in meinen Haaren, die mich fesseln wie Seile.

Etwas zieht mich unter Wasser. Ich weiß nicht, ob es eine Strömung ist oder meine schweren Kleider. Warum trage ich schwere Kleider?

Ich gehe unter.

Ich strecke die Arme aus, suche nach etwas, woran ich mich festhalten kann, aber das Wasser steigt. Oder ich sinke.

Ich hebe das Kinn, versuche verzweifelt zu atmen und sehe einen großen, hellen Mond auf mich herabscheinen. Tränen brennen mir in den Augen, als mir klar wird, dass er das Letzte ist, das ich sehen werde, bevor ich sterbe – aber ich verspüre keine Angst. Ich fühle etwas anderes.

Einen schmerzlichen Verlust.

Dieses Wasser nimmt mir etwas weg.

Ich öffne den Mund und will schreien, aber eisige Flüssigkeit rauscht herein, füllt meine Kehle und tut mir bis zu den Kieferknochen in den Zähnen weh. Die Wasseroberfläche schließt sich über meinem Gesicht, doch meine Augen bleiben offen und sehen den hellen silbernen Mond an.

Verzweifelt schaffe ich es, mein Bewusstsein aus dem Traum zu reißen, und zwinge meine echten Augen, sich zu öffnen. Ein Mond begrüßt sie, der zum Glück durch mein Fenster scheint, nicht durch die wogende Oberfläche von eisigem Wasser. Meine Lungen brennen, und ich sauge die Luft ein, als hätte ich wirklich kurz vor dem Ertrinken gestanden. Als sich mein Herzschlag wieder beruhigt, fasse ich mir an die Stirn und spüre Schweißtropfen. Es ist Wochen her, seit ich so einen schlimmen Albtraum hatte.

Wochen. Ich weiß noch, als solche Albträume alle paar Jahre vorkamen.

Und damals hatte ich eine Mutter, in deren Bett ich schlüpfen konnte.

Ich werfe die Decke zurück, und auch wenn mir die Gänsehaut die Beine heraufkriecht, als die Nachtluft sie trifft, versichert mir der Schock zumindest, dass ich wach bin – der Albtraum ist vorbei. Meine Füße ruhen auf festem Holz und strampeln nicht in der undurchdringlichen Schwärze eines bodenlosen Sees.

Ein See – es war ein See.

Aber ich schiebe den Gedanken von mir. Ich will nicht über den Traum nachdenken. Er wirkt sowieso schon viel zu lange nach.

Seit der Therapiestunde ist alles ein bisschen aus dem Gleichgewicht. Das kommt vom Sprechen über meine Eltern.

Nein, ich muss ehrlich zu mir sein. Es ist mehr als das. Es ist dieser Typ. Dieses Haus. Das Dreieck.

Der Gedanke daran hat bereits den ganzen Abend an mir genagt – als hätte ich es schon einmal gesehen. Aber wo? Ich versuche, nicht zu sehr darüber nachzudenken, stehe mit wackligen Beinen auf und gehe durch den dunklen Raum zur Tür.

Warme Milch – das jahrhundertealte Heilmittel für Albträume.

In der Küche versuche ich, leise zu sein, aber als ich die Treppe knarren höre, bin ich nicht überrascht, Jays Kopf in der Tür auftauchen zu sehen. »Alles klar?«, fragt mich mein Onkel leise.

»Albtraum«, antworte ich und wedle mit meinem Löffel in Richtung Mikrowelle. Mehr muss ich nicht sagen. Sie sind daran gewöhnt.

Jay kommt vollends in die Küche und lehnt sich mit der Schulter an die Wand. Er hat leichte, aber eindeutige Ringe unter den Augen.

»Es tut mir leid, wenn ich dich aufgeweckt habe«, füge ich hinzu, aber er winkt ab und fährt sich mit den Fingern durch die schlafzerzausten Haare.

»Ich war sowieso wach. Mir war nicht so besonders – Schlafstörungen, weißt du. Vielleicht hat Reese recht und ich arbeite in letzter Zeit zu viel«, sagt er mit einer selbstironischen Grimasse. »Aber der Boss lässt alle wegen dieses neuen Virus Überstunden machen.« Er runzelt die Stirn. »Er ist … anders als alles, was ich je zuvor gesehen habe.«

Jay muss ungefähr fünfunddreißig sein, aber er sieht aus wie ein Mittzwanziger, der in Erwachsenenklamotten herumläuft. Wenn ich ihm auf der Straße begegnet wäre, hätte ich nie geglaubt, dass er Wissenschaftler ist, aber er ist tatsächlich irgendein spezialisierter Biochemiker.

Und er ist nett. Man kann gut mit ihm reden.

Ich kannte ihn nicht, bevor meine Eltern starben. Reese’ Mutter und mein Opa haben geheiratet, als sie und mein Vater fast erwachsen waren. Ich war acht oder so. Reese hatte gerade auf dem College angefangen und wohnte auf dem Campus, und ich habe sie in den ersten Jahren nie gesehen. Also war es super, Reese und Jay endlich doch noch kennenzulernen.

Ich wünschte nur, es wäre aus einem anderen Grund gewesen.

»Wieder der Flugzeugabsturz?«, fragt Jay, der meinen Gesichtsausdruck bemerkt hat, leise.

Ich ziehe die Tür der Mikrowelle auf und halte sie damit an, bevor sie piepst und Reese auch noch weckt. »Ehrlich gesagt, nein.« Ich nehme die Porzellandose mit dem Zucker und löffle eine großzügige Portion in meine Tasse. »Ausgerechnet ertrinken.« Ich meide seinen Blick und rühre angestrengt.

»Glaubst du, dein Unterbewusstsein lässt es langsam hinter sich?«, fragt Jay, der ewige Optimist.

»Vielleicht.« Ich werfe einen Blick auf die Uhr am Herd.

2.36 Uhr.

»Mir geht es gut, Jay«, beharre ich. Jetzt, wo ich wieder ganz in der Realität angekommen bin, wünschte ich, er wäre nicht da – hätte meinen Ausraster nicht mitbekommen. »Du kannst zurück ins Bett gehen. Ich trinke das hier nur aus, dann lege ich mich auch wieder hin.«

»Bist du sicher?«, fragt Jay, und seine blassblauen Augen glitzern sogar in den düsteren Schatten der schlecht beleuchteten Küche. »Denn wenn du nicht allein sein willst, dann warte ich, bis du fertig bist.«

»Alles in Ordnung. Wie gesagt, es ging nicht um den Absturz, es war einfach ein ganz normaler Albtraum.« Noch während ich die Worte ausspreche, erinnere ich mich an die Eiseskälte des Wassers und das seltsame, hohle Gefühl des Verlustes. Normal ist auch nicht das richtige Wort.

Ich zwinge mein Gesicht zu einem leichten Lächeln und nehme einen Schluck von der schaumigen Milch. Ahhh! Das ist den Albtraum beinahe wert.

Beinahe.

Jay schenkt mir einen langen Blick, aber er kann nichts mehr tun und scheint es zu wissen. Mit einem Nicken dreht er sich um, bevor ich ihn beim Gähnen erwische – was ich trotzdem tue –, und macht sich wieder auf den Weg nach oben.

Als die Stufen leise knarzen, lasse ich mich auf einen Stuhl am Küchentisch fallen und trinke meine Milch. Mein Blick schweift über den mondbeschienenen Garten – so silbern, dass er aussieht wie ein Bühnenbild. Die Wärme der Milch breitet sich in meinem Körper aus, und als das Glas leer ist, geht es mir viel besser. Die bittere Kälte hat mich verlassen, und ich glaube, ich kann vielleicht wieder einschlafen.

Vielleicht.

Ich reibe einen Augenblick meine Schläfen, dann erstarren meine Finger, als eine Erkenntnis fast mit einem Klick in meinem Gehirn ankommt.

Ich weiß, wo ich dieses Dreieck schon einmal gesehen habe.

Ich versuche, leise zu sein, als ich nach oben eile und mein Handy von meinem Nachttisch hole. Meine Füße wandern zum Fenster hinüber, während ich ein paar Fotos durchscrolle, die ich bei einem meiner Geschichts-Spaziergänge gemacht habe. Unten an der Fifth Street – zwischen Piper- und Sandstreet. In dem Stadtteil, wo der alte Geldadel wohnt.

Da! Ein weißes Haus, geschmückt mit sechs wundervollen Giebeln und verschnörkelten Dachvorsprüngen. Ich klicke ein paar Bilder weiter, bis ich eine gute Aufnahme des Haupteingangs finde – eine fröhliche grüne Tür mitten zwischen frischen weißen Wänden.

Und da ist es. Auf dem Foto blitzt und blinkt es nicht wie das Dreieck an dem Haus von dem Typen. Und obwohl das Foto nicht ganz scharf ist, ist es eindeutig da – ein schwach glühendes Dreieck.

Ich habe es nicht einmal bemerkt, als ich das Foto machte. Was bedeutet es? Ein Teil von mir glaubt, es ist wahrscheinlich nur eine Art verrücktes Kennzeichen des Erbauers, aber aus irgendeinem Grund erscheint mir das nicht ganz richtig. Ich setze mich auf die Fensterbank und lehne mich mit dem Rücken an die Wand, ziehe nervös an einer kurzen Locke, während ich in den Garten hinunterspähe.

Eine Bewegung erregt meine Aufmerksamkeit. Eine große, dunkle Gestalt taucht gerade am Waldrand auf. Wahrscheinlich nur ein hungriges Reh, denke ich. Blinzelnd spähe ich in die tiefe Dunkelheit und erschrecke, als ein Mensch auf die Wiese tritt. Er trägt einen langen Mantel, einen Hut und …

Es ist der Typ von der Veranda. Der, den ich am Nachmittag gesehen habe.

Der Schreck fährt mir in die Glieder, erschüttert meine Knochen, die plötzlich wieder eiskalt sind. Es ergibt keinerlei Sinn, aber ich sehe den blonden Pferdeschwanz und ich … ich weiß es einfach. Er ist es.

Er ist mitten in der Nacht vor meinem Haus.

Ist er mir gefolgt? Was um alles in der Welt tut er da? Jede Faser der Vernunft in mir schreit, ich solle Jay holen gehen. Er schläft nur ein paar Zimmer weiter den Flur entlang.

Aber stattdessen bleibe ich sitzen und starre hinaus.

Der blonde Kerl durchquert den Garten, ganz langsam, und tritt mit den Spitzen seiner kniehohen Stiefel Grasfetzen los. Seine Hände sind tief in den Taschen der Kniehose vergraben, die ich am Nachmittag bewundert habe, sodass sein langer Mantel an der Hüfte nach hinten geschoben wird und eine bestickte Weste entblößt. Er scheint sich keinerlei Gedanken darüber zu machen, dass er zu vollkommen unangemessener Uhrzeit auf einem fremden Grundstück steht. Er versteckt sich nicht oder hält sich auch nur in den Schatten. Er … geht einfach.

Meine Nasenspitze streift das eiskalte Glas, und ich merke, dass ich praktisch meinen ganzen Körper ans Fenster gedrückt habe. Er dreht sich um und schaut direkt zu mir herauf. Unsere Blicke treffen sich.

Ich erstarre.

Irgendetwas scheint in den letzten zwölf Stunden mit meinem Körper nicht mehr zu stimmen; mein Fluchtreflex funktioniert nicht richtig, er steht einfach auf Stopp und klemmt. Ich zucke nicht einmal, als er mich ansieht – meine aufgerissenen Augen, meinen offenen Mund, meine Fingerspitzen, die zehn kleine Flecken auf dem beschlagenen Glas hinterlassen.

Dann lächelt er – halb interessiert, halb amüsiert, als sei das eine Art Spiel.

Aber ich kenne die Regeln nicht.

Die Kraft scheint aus meinen Armen zu weichen, und meine Hände sinken langsam herab, meine Finger ziehen Streifen auf der beschlagenen Fensterscheibe. Wir verharren beide – die Zeit ist stehen geblieben – und starren uns nur an.

Er hebt eine Hand und winkt mich mit einem behandschuhten Finger heran, lädt mich ein, zu ihm hinauszukommen. Ich quieke und weiche zurück, drücke mich flach an die Wand, damit er mich nicht mehr sehen kann.

Damit ich ihn nicht mehr sehen kann.

Das Herz pocht mir in den Schläfen und Fingerspitzen, während ich dort stehe, meine Atemzüge zähle und mich zu beruhigen versuche. Wer ist dieser Kerl? Wie hat er mich gefunden? Nach zehn langen Atemzügen flitze ich hinüber und drehe mich um, spähe hinter dem Vorhang hervor. Ich muss mich nicht verstecken, sage ich mir, ich bin nicht diejenige, die etwas falsch macht.

Doch obwohl ich mehrere Minuten am Fenster stehe und hinabstarre, rührt sich nichts, bewegt sich nichts.

Er ist fort.

Ich bin so verwirrt. Ich kenne diesen Typen nicht – ich habe ihn noch nie zuvor gesehen.

Warum vermisse ich ihn also?