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Liebe Hanni-und-Nanni-Fans!

Die Bücher von Enid Blyton über Hanni und Nanni, die lustigen Zwillinge, gibt es seit vielen Jahren. Millionen begeisterte Leserinnen haben sie verschlungen, und wir haben zahlreiche Leserbriefe zu dieser Serie bekommen. Viele Mädchen haben uns gebeten, es solle weitergehen mit Hanni und Nanni.

Die Geschichten ab Band 16 knüpfen aber nicht an den Abschied von Internat Lindenhof an, sondern an die lustigsten und aufregendsten Erlebnisse der Zwillinge im Alter von dreizehn, vierzehn Jahren.

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Wir wünschen euch viel Spaß beim Lesen!

02.jpgMarienkäfer und Grashüpfer

Es war Nachmittag, später Nachmittag. Die Hausaufgaben waren erledigt, das Sporttraining vorbei, die Lindenhof-Mädchen räkelten sich wohlig in der Sonne. Hanni und Nanni lagen mit ein paar anderen auf der Wiese, Hanni im Schatten der großen Blutbuche, Nanni ein paar Meter weiter in der prallen Sonne. Sie waren beide müde und zufrieden. Hanni, weil sie beim Handball wieder einmal eine gute Leistung gebracht hatte. Zwei Tore, das war gut, fand sie selbst. Und die Freundinnen fanden es auch. Hanni war die beste Handballspielerin der Klasse. Höchstens Katrin konnte mit ihr mithalten. Nanni hatte in diesem Sommer ihr Interesse einem anderen Sport zugewandt. Sie übte Kopfsprünge im Schwimmbad und wollte in den nächsten Tagen zum ersten Mal einen Salto versuchen. Kunstspringen war ihre neueste Leidenschaft, da musste Handball vorübergehend ein bisschen in den Hintergrund treten.

Diese verschiedenen sportlichen Aktivitäten waren der Grund dafür, dass die Zwillinge heute nicht wie sonst nebeneinanderlagen. Hanni war verschwitzt und dampfte wie ein Kochtopf, so sehr hatte sie sich auf dem Spielfeld verausgabt. Nanni dagegen fröstelte ein bisschen. Sie war zu lange im kalten Wasser gewesen. Deshalb nutzte sie die Nachmittagssonne, um sich aufzuwärmen und noch brauner zu werden, als sie schon war.

Die Zwillinge bräunten schnell und wurden so richtig knackig braun, aber Carlotta stahl ihnen jeden Sommer die Schau. Sie hatte die dunkle Haut der Südländer und da konnten die Zwillinge nun mal nicht mithalten. Natürlich wäre sie nie auf den Gedanken gekommen, sich wie die anderen Mädchen einzucremen und sich stundenlang in der Sonne zu grillen wie ein Brathähnchen am Spieß. Im Winter war sie blassbraun, am zweiten Sonnentag dunkelbraun. Elli, die Cousine der Zwillinge, litt unter ihren Spötteleien. Sie schmierte, röstete sich, gab ihr halbes Taschengeld für Sonnenöl aus und pellte sich pausenlos. Eigentlich war sie froh, wenn es Herbst wurde und Carlotta keinen Anlass mehr hatte, sie als „frisch gekochten Krebs“ oder als „zarte, kleine Pellkartoffel ohne Haut“ zu bezeichnen.

Die Sonne flimmerte zwischen den dunkelroten Buchenblättern hindurch und warf bizarre Muster auf den Rasen. Im Blumenbeet nebenan dufteten die Steinnelken. Auf Nannis Bein spazierte ein Marienkäfer. Anne quietschte, weil ein Grashüpfer ihren wohlgerundeten Po als Absprungbasis benutzte. Petra las.

Sicher etwas Bildendes, dachte Nanni belustigt und kaute auf einem Sauerampferstängel. Petra las immer nur nützliche Bücher. Sie war die Kleinste und Jüngste der Klasse und außerdem die beste Schülerin. Dabei wagte es niemand, sie eine Streberin zu nennen. Abgesehen davon, dass den anderen so viel Intelligenz und Eifer schon mal auf die Nerven gingen, war gegen Petra nichts zu sagen.

Die genüssliche Faulheit der Mädchen wurde vom Geräusch eines Autos unterbrochen. Ein Wagen kam durch die Einfahrt, hielt im Hof vor der Freitreppe. Ein junges Mädchen und eine elegante Dame stiegen aus, holten Koffer aus dem Gepäckraum und verschwanden im Haus.

„Schon wieder eine Neue“, bemerkte Bobby, die sich bisher in Schweigen gehüllt hatte, voll damit beschäftigt, eine Schorfkruste von ihrem verschrammten Knie abzureißen. Natürlich blutete es jetzt wieder.

„Ob die bei uns landet?“, überlegte Hanni. „Sie könnte ungefähr in unserem Alter sein.“

Sie hatten das Mädchen alle nur kurz und aus der Ferne gesehen. Sie war nicht besonders groß, eher stämmig und untersetzt, und sie hatte dunkle Haare.

„Bestimmt kommt sie in unsere Klasse“, ließ sich plötzlich Carlotta vernehmen. „Wetten, dass ...?“

„Woher willst denn du das wissen, du Schlafratz?“, lachte Jenny und warf Carlotta eine Handvoll Gras in den Ausschnitt. Es war kaum mehr Gras, beinahe Heu, denn der Gärtner hatte am Vormittag gemäht. „Du schnarchst die ganze Zeit und gibst dann Kommentare ab wie ein Orakel. Du hast die Neue überhaupt nicht angeschaut.“

„Klar hab ich“, grinste Carlotta, während sie die Halme aus ihrer Bluse klaubte. „Ich habe vorhin mein linkes Auge eine Viertelsekunde lang aufgemacht. Das genügt. Wisst ihr, beim Zirkus lernt man schnell zu sein, nicht so tranig wie ihr Zuckermäuse ...“

Die Freundinnen lachten und bewarfen Carlotta von allen Seiten mit Gras. Es gab reichlich Munition. Carlotta schoss zurück, es wurde eine richtige Grasschlacht mit Heuduft und ein paar kleinen Käferchen als Zugabe.

Als es am schönsten war, erklang der Gong zum Abendessen.

„Na gut, gehen wir“, meinte Hanni und spuckte ein paar abgemähte Gänseblümchen aus. „Ich hab sowieso Hunger.“

Petra klemmte ihr Buch unter den Arm, Bobby drückte ein Taschentuch gegen ihr Knie. Hanni wunderte sich, dass ein Marienkäferchen während der ganzen Grasschlacht auf ihrem Bein sitzen geblieben war. Sie transportierte es auf ein Löwenzahnblatt. Anne jammerte über Grasflecken am Hosenboden. Die Hose war reif für die Waschmaschine. Frau Theobald verlangte, dass die Schülerinnen selbst für ihre Kleidung sorgten. Waschen, bügeln, lose Knöpfe an- und heruntergerissene Säume aufnähen, das musste jedes Mädchen selber machen. Die Hausmutter sorgte dafür, dass diese Vorschrift auch eingehalten wurde. Damit löste sich ein Problem von ganz allein. Frau Theobald hielt bei ihren Schülerinnen nichts von extravaganter Garderobe. Manche Mädchen, die neu nach Lindenhof kamen, brachten schicke und teure Sachen mit, reinseidene Blusen, Angorapullöverchen, handbestickte Jeans und so weiter. Wenn sie ihre Kostbarkeiten zum dritten Mal mit der Hand gewaschen hatten, wenn sie Falten in ihre Blusen plätteten, entdeckten sie schnell und ohne strenge Erziehungsmethoden die Vorzüge einfacher, sportlicher Kleidung. Bald bevorzugten auch die Luxustöchter T-Shirts und Blusen, die man auch mal ungebügelt anziehen konnte, und Hosen, die es nicht übel nahmen, wenn man sie in die Waschmaschine steckte.

„Was gibt‘s denn zum Abendessen?“, wollte Jenny wissen, als die Mädchen ins Haus gingen.

„Ich habe Berge von Blaubeeren in der Küche liegen sehen“, teilte Anne mit.

Die anderen lachten. Anne war verfressen und man sah es ihr an. Doch beim Gedanken an einen zünftigen Blaubeerkuchen leckten sich alle die Lippen.