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Der Herbst ist tödlich: Drei Krimis

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DER SCHLÄCHTER VON BERN

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Killer ohne Reue

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Der Herbst ist tödlich: Drei Krimis

von Alfred Bekker, Ursula Gerber & Thomas West

Der Umfang dieses Buchs entspricht 884 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält folgende drei Romane:

Ursula Gerber: Der Schlächter von Bern

Alfred Bekker: Killer ohne Reue

Thomas West: Richter und Rächer

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Authors

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

DER SCHLÄCHTER VON BERN

von Ursula Gerber

Bei seinem Einsatz im Berner Münster stößt Kriminalkommissar Paolo Moretti mit seinem Team auf einen entsetzlich zugerichteten Toten. Von Beginn an wird klar, dass der Mörder das perfekte Verbrechen versucht. Obwohl der mögliche Auftraggeber bald im Familienkreis des Opfers gefunden scheint, teilt Polizeiaspirant Morgan Custer Morettis Auffassung nicht: Er glaubt an die Tat eines Serienkillers. Auch der Mord an einer Prostituierten bringt die Polizei trotz der eindeutigen Handschrift des Schlächters nicht weiter. Dieser ergötzt sich am vergeblichen Bemühen der Polizei, seiner habhaft zu werden. Wie eine Spinne hockt er in seinem Netz und wartet auf die nächste Gelegenheit zum Töten. Als ihm Moretti endlich auf die Spur kommt, bringt der Kriminalkommissar sich selbst in tödliche Gefahr ...

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Der entstellte Leib des Mannes sah entsetzlich aus. Der geschockte Blick der Polizeibeamten war auf den brutal zugerichteten Körper gerichtet, der leblos zwischen den letzten Sitzbänken und dem freistehenden Altartisch über den beiden Treppenstufen lag.

Obwohl ihm Röbi Gehrig von der Einsatzleitzentrale des Polizeinotrufs 117 beim Aufgebot berichtet hatte, dass ein Toter im Münster gefunden worden sei, dem die Därme heraushingen, hatte es sich Stefan Zollinger von der Autopatrouille nicht so schlimm vorgestellt.

Er sah in der Tat wie abgeschlachtet aus! Mit weit aufgerissenen Augen, ausgestreckten Armen und angewinkeltem Bein wie ein Gekreuzigter lag er da, den Oberkörper halb nackt, das Gesicht bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Die Fetzen seines Hemdes klebten an teilweise bereits verkrusteten Wunden, andere hingen mit Blut vollgesogen an den Seiten seiner Rippenbögen hinunter, und der Rest... - das personifizierte Grauen! Zollinger war nahe daran, sich zu übergeben, obwohl er erst beim Eingang stand und zu ihm hinüberblickte. Der Anblick war schon von Weitem entsetzlich genug, und er hatte Mühe, seinen Magen unter Kontrolle zu halten. Als er sich seinen Kollegen näherte, glitten seine Finger eher unbeabsichtigt fahrig durch das kurze, aschfarbene Haar, das er mit Gel zu einer Igelfrisur gestylt trug.

Sanitätsarzt Beat Vollmer stellte seinen schwarzen Koffer auf der vordersten Sitzbank ab und machte sich für die Arbeit bereit. Mit übergestülpten Plastikhauben an den Füßen und Latexhandschuhen, beugte er sich gerade über ihn, um am Hals nach der Yugularisvene zu tasten und den Puls zu fühlen, ob dieser überhaupt noch da war, als sich Zollinger endlich bei ihnen einfand.

Korporal Jacques Federer, Teamchef der aufgebotenen Autopatrouille, trat mit etwas Abstand neben ihn und erwartete, dass er hoch blickte und ihm Bescheid gab.

Vollmer warf dem breitschultrigen Mann, der mit seiner Größe und dem Bart ein bisschen wie der Filmschauspieler Bud Spencer in jungen Jahren aussah, einen ausdruckslosen Blick zu und schüttelte den Kopf. „Da ist nichts mehr zu machen. Wir brauchen den Kriminal Technischen Dienst und die Spezial Fahndung.“

Federer hatte nichts anderes erwartet, alles andere wäre ein krasses Wunder gewesen. Nickend drehte er sich mit verzerrter Miene nach Zollinger um. Seine dunkle Stimme klang rau, als er ihm seine Anweisungen erteilte: „Steffu, gib die Instruktionen weiter. Du weißt ja, was zu tun ist.“ Mit dem Kinn deutete er auf den kreidebleichen Sigrist: „Und wir brauchen einen Notfallpsychiater hier zur Personenbetreuung!“

Zollinger, der selbst würgte, war froh, sich zum Telefonieren abwenden zu können, ehe die Rebellion seines Magens überhand nahm. Er zog sein Handy hervor und wählte die Nummer der benötigten Dienststelle.

2

Bei der Kriminalpolizei Bern hatte Kriminalkommissar Paolo Moretti, der Chef der Spezial Fahndung III, seinen Dienstkollegen, der die Nachtschicht geleistet hatte und mit ihm das gemeinsame Büro teilte, erst unlängst verabschiedet. Mit einem dampfenden Kaffeebecher in der Hand, kehrte er soeben zurück und drückte die Türe hinter sich ins Schloss. Er war untersetzt und von mittelmäßiger Statur. Der Blazer seines Jacketts spannte sich leicht über seiner Bauchrundung, die vergoldeten Knöpfe hingen ein wenig schief. Moretti stellte den Becher auf dem Schreibtisch ab, um sich aus der Jacke zu zwängen, die er anschließend ordentlich über einen Bügel an den stehenden Kleiderständer hängte, dann zog er den rollenden Bürostuhl zurück und nahm auf dem Sitz Platz. Das Gestänge quietschte, als er seinen Hintern in das Sesselpolster hineindrückte, bis er bequem saß, danach zog er die Dienstpistole aus dem Gürtelholster und verstaute sie in der Schreibtischschublade.

Er hatte kaum die Hand nach dem Becher wieder ausgestreckt, als Charles Renoir, der sich länger als vorgesehen auf dem Revier hatte aufhalten lassen, ins Büro zurückkehrte und jetzt nochmals einen kurzen Blick zu ihm hineinwarf, um seine Sachen zu holen. Renoir war schlank, drahtig und in der Größe das absolut krasse Gegenteil zu seinem rundlichen Kollegen. Um seine Mönchstonsur krausten sich die letzten Reste seiner ehemals üppigen Haarpracht. Das lange Gesicht wirkte vom mangelnden Schlaf etwas grau. Im Gegensatz zu Moretti war er ein Choleriker, der leicht reizbar und seinen Untergebenen gegenüber nicht immer nur freundlich gesinnt war, doch jetzt war er müde von der durchwachten Nacht und dadurch friedlich gestimmt, dass sich alles zu seiner Zufriedenheit entwickelt hatte. Jetzt sehnte er sich nur noch nach einer Handvoll Schlaf. Er richtete den Revolver an seinem Gürtel, dann nahm er seine Jacke vom Kleiderbügel und schlüpfte hinein. Aufbruchbereit sagte er, um sich zu verabschieden: „Ich geh dann jetzt“, und winkte Moretti zum Gruß ein letztes Mal zu. Mit derselben Bewegung hob er die Hand vor den Mund, um das Gähnen dahinter zu verstecken.

Über Morettis Züge glitt ein schwaches Lächeln, als er die Hand hob und ihm ebenfalls zuwinkte. „Okay, mach’s gut.“

„Du auch.“

„Und schlaf gut.“

Renoir gähnte ungeniert und kam diesmal mit seiner Handbewegung zu spät. „Das hoffe ich, danke. Ich wünsche dir einen ruhigen Tag. Bis heute Abend.“

„Ja klar, ich bin da“, entgegnete der kleine Mann aufgekratzt und nickte ihm zufrieden zu. Die Nacht war ziemlich ruhig verlaufen und er war guten Mutes, dass auch dieser Tag – wie die meisten dieser Stadt jedenfalls – recht angenehm verstreichen würde. Renoir nickte. Während Moretti vorsichtig an seinem dampfenden Kaffee nippte, indem er nur kleine Schlückchen zu sich nahm, ging er hinunter in die Tiefgarage und verließ im Gefolge seiner Mannschaft die Hauptwache der Kriminalpolizei.

Doch kaum war er verschwunden, Moretti hatte sich moralisch auf einen ruhigen Tagesablauf eingestellt, läutete draußen im Flur bei der Zentrale das Telefon und der erste Notruf ging ein. Korporal Karl Sutter warf tief seufzend einen kurzen Blick zu seinem Kollegen Fritz Morand hinüber. Er war ein Mann um die vierzig, mit kurzem, dunklem Haar, das eng seinem Kopf anlag und trotz seinem leicht fortgeschrittenen Alter noch kein einziges graues Haar aufwies. „Nicht zu fassen, es geht schon los!“, murmelte er mit seinem Bariton sauer und machte deutlich, dass er gar nicht für stressige Arbeit aufgelegt war. „Wenn sich die Leute doch ein bisschen besser benehmen könnten!“

Morand strich sich mit dem Finger über seinen dünnen Oberlippenbart und nickte ihm aufmunternd zu. „Darauf kannst du wohl ewig warten“, meinte er trotz allem gutgelaunt. Aber es war in der Tat kläglich, dass sich die Bevölkerung der Schweiz immer mehr an die USA anlehnte; leider auch in Bezug auf die zunehmende Kriminalität und Gewaltbereitschaft.

„Ja, scheint so“, stöhnte jener.

Morand verzog das Gesicht zu einem spöttischen Grinsen. „Bist wohl mit dem falschen Fuß aufgestanden, was?“, zog er ihn gutmütig auf.

Sutter schüttelte müde den Kopf. „Nein, schlecht geschlafen. Franziska war mal wieder hier und hat den größeren Teil des Bettes für sich beansprucht.“ Um einer weiteren Bemerkung zuvorzukommen, hob er ab und meldete sich. „Kriminalpolizei, Bern, Sutter am Apparat, guten Tag“, nahm er den Anruf so salopp wie möglich entgegen.

Die Stimme des Beamten am anderen Ende der Leitung klang ziemlich außer sich, er sprach hektisch und atemlos: „Hallo, Kari. Ich bin’s, Steffu Zollinger vom 827. Wir haben einen außergewöhnlichen Todesfall im Münster! Kommt bitte schnell! Es ist grässlicher als alles, was ihr euch vorstellen könnt! Und das in einer Kirche!“ Es klang, als könnte er nicht begreifen, dass selbst in einem Gotteshaus so etwas passieren konnte.

Sutter lehnte sich im Sessel zurück, deutete mit dem erhobenen Finger und drehte sich herum, um die Kollegen auf sich aufmerksam zu machen, während er das Telefon ans Ohr drückte. „Hallo, Steffu. Was ist passiert?“, erkundigte er sich gespannt.

„Ein Toter im Münster! Er ist fürchterlich zugerichtet, seine Därme hängen raus! Er ist ausgeweidet worden wie ein...!“ Er bemühte sich um die richtigen Worte, um nicht Schwein zu sagen.

Sutter zog beunruhigt eine Braue in die Höhe. „Was sagst du da?“ Am anderen Ende der Leitung hörte er Zollinger entnervt seufzen.

„Es klingt ziemlich ausgeflippt, ich weiß. Wenn es nicht der Sigrist gewesen wäre, der uns angerufen hat, dann hätten wir das auch gedacht. Aber ich kann dir versichern, es ist kein schlechter Scherz! Leider!“

Hoffentlich interpretierte Steffu Zollinger nicht mehr in seinen Bericht hinein, als es in Wirklichkeit war!, dachte Sutter bei sich. Wenn es zutraf, dann musste es wirklich fürchterlich sein; so unheimlich hatte bisher noch keiner seiner Anrufe geklungen! „Hast du den Kriminal Technischen Dienst schon verständigt?“

„Mache ich gleich. Und den Staatsanwalt und den Leichenbestatter... Kommt bitte schnell!“, jammerte der arme Mann hörbar vor Entsetzen mit grellem Ton in die Muschel.

„Wir kommen sofort.“ Sutter nickte und hängte auf. Er drehte sich zu seinen Kollegen um, die das Gespräch bereits neugierig mitverfolgt hatten. „Ein Toter im Münster!“, wiederholte er Zollingers Worte nur kurz.

Die Kollegen an den drei Tischen des großen Empfangsbüros warfen ihm baff ungläubige Blicke zu. Er war sicher, dass es einige für einen makabren Scherz hielten. Während er sich neben Uhrzeit und Zollingers Name ein paar Notizen auf seinen Block kritzelte und dabei fast zu atmen vergaß, weil sich ihm die beschriebene Szene automatisch bildlich aufdrängte und er heftig dabei heftig schlucken musste, machten sich seine Kollegen trotz ihrer Skepsis aufbruchbereit. Rasch legte er den Stift beiseite und erhob sich.

„Das ist unglaublich! Ein Toter im Münster? Bist du sicher?“, fragte Patrik Berger mit gerunzelter Stirn skeptisch. Er lehnte gelangweilt in seinem Sessel und machte nicht den Eindruck, als würde er viel davon halten.

Bereits etwas steif vom Sitzen angelte Sutter nach seiner Jacke. Er riss sie von der Sessellehne, während er bereits um den Schreibtisch herum eilte und dann als Erster gegen die Türe stürmte, um Kommissar Moretti die Nachricht zu überbringen. Er nahm sich nicht einmal die Zeit, sich über seinen jungen Kollegen zu ärgern, der weiterhin in seinem Sessel lümmelte und keine Anstalten machte, sich zu erheben. Sutter nickte nur knapp über die Schulter zurück. Bevor er um die Ecke verschwand, sah er, dass ihm die anderen hinterher eilten. Auf dem Korridor jedoch hörte er das Stakkato zusätzlicher Schritte und war ganz erstaunt, wie schnell der Junge mit einem Sprint aufholte, wenngleich er missmutig zwischen den anderen hinter ihm her trabte. Dennoch musste er sich ein Grinsen verbeißen, weil ihn scheinbar doch plötzlich die Neugier gepackt hatte, als er drängend fragte: „Was hat er denn gesagt? Wie sieht er denn aus? Der Tote, meine ich.“

„Wie jemand aussehen kann, dem die Därme aus dem Bauch hängen und es sich offensichtlich um einen Mord in der Kirche handelt!“, knurrte ihm Sutter ohne sich umzudrehen unwirsch zu. Ohne darauf zu achten, wie weit ihm die Kollegen folgten, eilte er über den Korridor der Chefetage zu und stieß ohne Vorwarnung heftig die Türe zu Morettis Büro auf. Im Gang blieb er stehen und streckte er lediglich den Kopf zur Türe herein, während er atemlos rief: „Ein AgT im Münster, Chef! Es scheint Furchtbarer als alles zu sein, was wir uns vorstellen können! - Jedenfalls sagte das Steffu Zollinger von der 827!“, relativierte er auf Morettis überraschtes Hochziehen der Augenbrauen schnell.

Dieser war überrascht, dass sein sonst eher besonnener Beamter für einmal völlig aus der Fassung geraten schien und vor Aufregung sogar beinahe zu atmen vergaß. Er fragte sich, was ihn an dem entgegengenommenen Telefonanruf derart entsetzt haben mochte. Aber er nickte und stemmte sich sofort aus seinem Sessel in die Höhe. Ohne nachzuhaken ordnete er noch schnell ein paar Papiere auf dem Schreibtisch, um nach seiner Rückkehr alles Erledigte fein säuberlich vom Rest getrennt ohne Unordnung vorzufinden.

„Sorry.“ In der allgemeinen Hektik des Aufbruchs drückte sich Wachtmeister Franz Scherrer, der die Abteilung leitete, an seinem Teamkollegen vorbei. Er musste sich querstellen, um sich zwischen Tür und Angel an Sutter vorbeizuschieben. Genervt warf ihm dieser einen ärgerlichen Blick zu, weil er dabei von ihm angerempelt wurde. Scherrer war ein großgewachsener, sommersprossiger Mann mit raspelkurz geschorenem, rostrotem Haar. Wieder einmal hatte der Wachtmeister als Portier freiwillig den Empfangsdienst übernommen. Als dieser war er der Erste, der die Anliegen von Personen in Empfang nahm, die persönlich auf dem Revier vorsprachen oder sich telefonisch meldeten, um ihre Anliegen vorzubringen. Eigentlich entsprach die Stelle nicht seinen Fähigkeiten, aber er wollte damit allen demonstrieren, dass hier jeder gleichgestellt war und gleich behandelt wurde und halt auch manchmal unqualifizierte Arbeiten erledigt werden mussten. Mit einem gleichgültigen Schulterzucken warf er, von einem weiteren „sorry“, begleitet, einen entschuldigenden Blick über die Schulter auf seinen Teamkollegen zurück. Sutter sah, dass er ein Stück Papier in der Faust hielt, als er zielstrebig auf ihren Vorgesetzten zueilte.

Dieser ließ sich bei der Zusammenkrämerei seiner Utensilien nicht stören. Er hatte die Angewohnheit, seine Taschen zu leeren, wenn er sich in seinen Bürostuhl setzte, da ihn das Zeug in den Gesäß- und Hosentaschen beim Sitzen störte. In dem Moment klaubte er seine Dienstmarke von der Tischplatte und zog die Schreibtischschublade auf, in der er erst vor wenigen Minuten seinen Revolver verstaut hatte.

„Entschuldige, Chef“, wiederholte Scherrer ungeduldig, um seine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

„Ja?“ Moretti blickte mit leicht missmutigem Gesichtsausdruck zu ihm hoch. Sutter und Scherrer überragten ihn um Haupteslänge.

„Besuch für dich da, Paolo!“, meldete der Beamte mit unüberhörbar gereiztem Ton, während er seine Worte mit einem Kinnrecken hinüber zur Türe begleitete, hinter der sich der angekündigte Besuch befand.

Ungehalten schüttelte Moretti den Kopf. „Jetzt nicht, keine Zeit! Ein neuer Fall!“, knurrte er verdrossen. Er war in Eile und gespannt darauf, was so fürchterlich war, dass er so etwas Grausiges in seiner jahrelangen Laufbahn noch nicht erlebt haben sollte.

Raufbolde, Besäufnisse und Prügeleien waren ja leider auch in Bundesbern nichts Ungewöhnliches und an der Tagesordnung, genauso wie die mutwillige Zerstörung von Gemeindegut wie Stadtbrunnen oder schmutzige Sprayereien an den altehrwürdigen sandsteinernen Fassaden der ehemaligen hochmittelalterlichen Herrschafts- und Stadthäuser, womit sich die normalen Polizisten auseinanderzusetzen hatten, während sie sich dafür mit Vergewaltigungen, schwerer Körperverletzung, Entführungen, Menschen- und Waffenhandel oder Wirtschaftsdelikten herumschlugen. Noch nicht mal ein Mord war, wenn auch ganz, ganz selten, etwas Außergewöhnliches. Aber da selbst Sutter vor Aufregung beinah außer Atem war, klang der Notruf aus dem Berner Münster für den untersetzten Endfünfziger schon ziemlich alarmierend, wenngleich er sich nichts Vergleichbares vorstellen konnte, das den gewöhnlichen Rahmen so sprengen sollte. 

Scherrer wusste selbst, dass der Besucher in Anbetracht des neuen Falls äußerst ungelegen kam, blieb aber hartnäckig: „Ich weiß. Er kommt direkt von der Polizeischule“, entschuldigte er sich.

Als habe sein Untergebener nicht verstanden, wurde Morettis Miene noch um ein Vielfaches abweisender. „Ich habe jetzt keine Zeit!“, schleuderte er ihm ungehalten lauter entgegen.

Doch Scherrer kam nicht darum herum, auf seiner Ankündigung zu bestehen: „Er hat ein Empfehlungsschreiben bei sich - von Sam Mosley!“ Das war der höchste dekorierte Kriminalist der Westschweiz, eine ursprünglich amerikanische Spürnase und seit Jahren Morettis Freund. Er hatte Rang und Namen und wenn er jemanden empfahl, dann galt das wohl etwas.

Die Erwähnung des Namens versetzte selbst den eingefleischten Kommissar in Erstaunen. „Mosley?“ Er richtete sich aus seiner gebeugten Haltung auf und streckte den Rücken durch. Mit hochgezogener Augenbraue blickte er Scherrer überrascht an. „Muss ja ein wahrer Teufelskerl sein!“

Der Beamte kam gar nicht dazu, ihm darauf zu antworten, weil sich sein angekündigter Besuch verselbständigte und in dem Moment unaufgefordert ins Büro hereinplatzte, aufgerichtet mit geradem Rücken, als hätte er einen Stock verschluckt, und aufgekratzt fragte: „Sprechen Sie von mir, Sir?“ So als hätte er gemerkt, dass er etwas falsch gemacht hatte, nahm er sich zurück, deutete einen koketten Bückling an und stellte sich vor: „Morgan Custer, Sir. Zu Ihren Diensten, Sir.“ Er sprach sehr gut Hochdeutsch, wenn auch mit unüberhörbar amerikanischem Akzent. Indem er zusätzlich das i als ö und das ch wie ein k aussprach, hörte es sich erst recht so an, als hätte er eine Kartoffel oder sonst eine teigige Masse im Mund.

Scherrer wirbelte herum und zuckte bei seinem Eintritt ungemütlich die Achseln. Die Frechheit, die der junge Mann durch sein forsches Eindringen an den Tag legte, raubte ihm kurzfristig die Sprache.

Mit zielstrebigen Schritten hielt Custer auf den fülligen Mann hinter seinem Schreibtisch zu und schlug militärisch die Hacken zusammen, als er neben Scherrer vor dem Schreibtisch stehenblieb.

Begleitet von einem weiteren, missbilligenden Blick und einer Bewegung aus dem Handgelenk heraus, reichte ihm dieser sein Empfehlungsschreiben zurück, das bisher noch keine Aufmerksamkeit gefunden hatte.

Moretti betrachtete den jungen Mann nur kurz. Er war schlank und großgewachsen. Das hellblonde Haar schimmerte im Schein der Deckenbeleuchtung fast silbrig-weiß, während ihm aus dem schmalen Gesicht zwei ausdrucksstarke, blaue Augen entgegen leuchteten. Obwohl er in Zivil gekleidet war, ließ ihn sein knielanger Trenchcoat ziemlich adrett und dienstlich erscheinen.

„Tag!“ Moretti bückte sich wieder und suchte weiter seine Siebensachen zusammen. Damit gab er ihm zu verstehen, dass er sich mit seinem Eintritt zu viel herausgenommen hatte und dass er in Eile war.

„Yeah, guten Tag, Sir.“ Etwas verloren stand der junge Mann vor ihm und drehte, weil Moretti nichts weiter sagte und sich nicht um ihn kümmerte, sein Empfehlungsschreiben zwischen den Fingern.

Sutter wartete ungeduldig auf den Zehen wippend einen halben Schritt hinter ihm. Er beugte sich leicht nach vorn, um Scherrer über die Schulter ins Ohr zu flüstern: „Sieht so aus, als hätten wir ein Problem.“

Dieser nickte andeutungsweise und stieß einen ungehaltenen Seufzer aus.

Schließlich war es Custer, der den Faden für ein Gespräch wieder aufnahm: „Ich wurde hergeschickt, um Sie bei Ihrer Arbeit zu unterstützen, Sir.“

„Aha.“ Moretti warf ihm nur einen kurzen, gleichgültigen Blick zu. Er hatte alles andere als Interesse daran, einen solchen Jungspund unter seine Fittiche zu nehmen, was er diesen auf brutale, fast bösartige Weise spüren ließ: „Und Sie denken, einen Frischling wie Sie kann ich hier brauchen?“

Morgan Custer blieb die Luft weg, er öffnete den Mund und schluckte etwas betreten. Er fühlte sich beleidigt und war irritiert, dass seine Empfehlung ihm scheinbar doch nicht alle Türen öffnete. „Ich war Jahrgangsbester, Sir!“, warf er sich protestierend in die Brust.

„So, so“, knurrte Moretti gedehnt. Endlich hatte er seine Stapel so geordnet, dass er sie verlassen konnte und die nötigen Utensilien wieder in seine Taschen gestopft; er war bereit zum Aufbruch. Sein Blick streifte Custer wieder nur kurz, bevor er gleichgültig zum Abmarsch drängte: „Wie dem auch sei – wir haben einen Tatort! Also, kommen Sie!“ Er hatte keine Lust, sich von dem Grünschnabel an seinem Tempo hindern zu lassen, er würde sich später um sein rühmliches Empfehlungsschreiben kümmern. Allen voran stürmte er aus dem Büro.

3

Auf der Fahrt vom Polizeirevier bis zum Tatort in der Stiftskirche des Berner Münsters flogen die Aare, die Nydeggbrücke und die Sandsteinfassaden von Berns Altstadthäusern nur so an ihrem Fenster vorbei. Während Moretti und Sutter nebeneinander im Fond und Custer vorne neben dem fahrenden Scherrer im selben Dienstwagen saßen, der mit Blaulicht und Sirene ostwärts am Kornhaus vorbei durch die asphaltierten Straßen bretterte, bequemte sich der Alte endlich, sich seinem Gast mit etwas mehr Interesse zuzuwenden: „Sie sind kein Hiesiger? Wie kommt das?“

Custer musste sich halb nach rückwärts umdrehen, um zwischen den Sitzen über die Schulter hinweg zu den beiden nach hinten blicken zu  können. Er lächelte schmal im Versuch, die vorbeifliegende Gegend dennoch halbwegs im Auge behalten zu können. „No, right“, bestätigte er, während sie die hohen Stadthäuser hinter sich ließen und über die Nydeggbrücke rasten. „Amerikaner mit hiesigen Wurzeln. Und Sie? Italiener?“, konterte er. Dabei fiel ihnen auf, dass sich immer wieder amerikanisch-englische Brocken in sein Deutsch einschlichen.

Sutter entwich ein tiefer Seufzer. Er fragte sich einmal mehr, woher das Jungchen die Frechheit nahm, so mit seinem Vorgesetzten zu sprechen, und warf ihm einen kurzen, strafenden Blick zu, den er aber nicht wahrzunehmen schien.

Moretti schüttelte den Kopf. „Auch mal emigriert. Mein Urgroßvater, glaube ich“, war alles, was er sich dazu zu sagen bequemte.

Der junge Mann drehte sich wieder nach vorne, um sich bequemer hinzusetzen. Franz Sutter hatte den Eindruck, dass er pikiert war, weil der Kriminalkommissar sich nicht mit ihm unterhalten wollte.

„Woher kommen Sie, Custer?“, forschte er notgedrungen, weil er sich halbwegs dazu verpflichtet fühlte, als Moretti schwieg  um sich moralisch auf den neuen Fall vorzubereiten.

Er drehte sich wieder zurück, um nach hinten zu sehen. „Aus Wisconsin, Sir. Aber aufgewachsen bin ich in Kansas City.“

„Eine etwas größere Stadt als unsere“, mokierte sich Scherrer, der das Lenkrad mit beiden Fäusten umklammerte und den Blick starr auf die Straße gerichtet hielt. 

Morgan Custer nickte ernsthaft. „Right. Aber weniger schön.“

Moretti pflichtete ihm erfreut zu. Zufrieden nahm er zur Kenntnis, dass der Ami seiner Stadt Tribut zollte. Das Gespräch versandete.

Scherrer bog um eine scharfe Kurve. „Was denken Sie, was wird uns erwarten?“, erkundigte sich Custer, der unwissend rücksichtslos die kurze, wertvolle Zeit der moralischen Vorbereitung auf das Entsetzliche zerstörte. Moretti schüttelte unwirsch den Kopf. „Weiß’ nicht!“, knurrte Sutter ungehalten. Er hatte keine Lust, dem Grünschnabel seine dürftigen Informationen auf die Nase zu binden, er würde es ja gleich selbst sehen! „Hoffentlich können Sie Blut sehen!“ Er freute sich schon darauf, dass der Großkotz gleich seine erste Schwäche zeigen würde.

Custer nickte. Seine ausdrucksstarken, blauen Augen begannen vor Vorfreude auf seinen ersten Fall zu glänzen.

Aus dem südöstlichen Stadtteil bogen sie rechts gegen die Kirchenfeldbrücke ein, überquerten zum zweiten Mal die Aare, den breiten Fluss aus den Bergen, der sich um Berns Altstadt herumschlängelt und sie zu einer Halbinsel macht. Durch die hervorragende geologische Begebenheit war Bern in früheren Jahrhunderten dadurch eine praktisch uneinnehmbare Festung gewesen, die leicht zu verteidigen war. Die Fußgänger und Touristen auf der Brücke drehten sich neugierig nach dem Einsatzwagen um, der mit heulender Sirene und Blaulicht über die altehrwürdigen Pflastersteine fuhr. Aus der Hotelgasse bogen sie rechts in die Münstergasse ab. Vor dem inzwischen stark mit neugierigen Besuchern frequentierten Münsterplatz musste Scherrer unerwartet scharf auf die Bremse treten, um einen Fußgänger zu verschonen. Mit einem harten Ruck brachte er das Fahrzeug beinahe zum Stehen; die Insassen wurden aus ihren Sitzen nach vorne und wieder zurückgeschleudert.

Nachdem der Wagen von zu schnell auf beinahe Null herabgebremst hatte, ohne den unvorsichtigen Passanten auch nur zu streifen, stieß Moretti einen Seufzer der Erleichterung aus. Obwohl er Scherrers Fahrkünste kannte, hatte er dennoch befürchtet, dass er diesen mit seinem wildwestlichen Fahrstil diesmal überfahren würde. Glücklicherweise war seinen Männern so etwas bisher noch nie geschehen, aber man konnte ja nie wissen, und er fand, das Manöver vorhin sei ziemlich gefährlich gewesen. Während er darüber nachdachte und sein Adrenalin unter Kontrolle zu halten versuchte, bekundete Scherrer ziemliche Mühe, sich nun durch die dichte Menschenmasse einen Weg auf den Münsterplatz zu bahnen, ohne Morettis Befürchtungen doch noch umzusetzen. Die Leute standen so eng beisammen, dass es äußerst schwierig war, niemanden anzufahren. Er musste mehrmals hupen und sich mit heftigem Winken und Blinken die letzten Meter bis zum Ziel erkämpfen. Schließlich brachte er sein Fahrzeug hinter dem Einsatzwagen der Autopolizei und dem Krankenwagen zum Stehen und schaltete Motor und Sirene aus. Auch das Blaulicht hörte auf, sich zu drehen.

Erleichtert über die glückliche Ankunft wuchtete Moretti die Wagentüre auf, rangelte sich zurecht und hievte seine Pfunde in die Höhe. Nach ihm warfen Sutter und Custer ihre Türen zu und folgten ihm, der Amerikaner etwas langsamer, weil er damit beschäftigt war, die eindrucksvolle Kirche mit ihren filigranen Spitzen, Bögen und Türmchen zu betrachten. Am Heck des Wagens blieb er einen Moment lang stehen und blickte an der kunstvoll verzierten Fassade entlang in die schwindelerregende Höhe des Turms empor, dessen Spitze an die hundert Meter in den hellblauen Morgenhimmel ragte.

Zwischen ihnen kamen der zweite Einsatzwagen und der Kleinbus des Kriminaltechnischen Dienstes inmitten der neugierigen Zaungäste zum Stehen. Scherrer warf die Wagentüre zu und eilte hinter Moretti und Sutter her zum Eingang, was bereits nicht mehr so einfach war, weil die umstehenden Leute sie bedrängten, so dass sie sich mit den Ellbogen einen Weg durch sie hindurchbahnen mussten. Obwohl aus dem Pulk heraus schreiend die ersten Fragen gestellt wurden, was denn passiert sei, trafen sie bei Moretti auf taube Ohren. Ohne davon Notiz zu nehmen, walzte er durch die Menschenmenge hindurch wie ein Schneepflug.

Obwohl er leicht mehr als untersetzt war, staunte Custer über die Leichtigkeit, mit der er sein Gewicht vorwärts trug. Mit einem Ruck stieß er sich von der Motorhaube ab, an der er eben noch gelehnt hatte. Mit langen Schritten heftete er sich ihnen an die Fersen, als befürchte er, durch die Behinderung aufgehalten zu werden oder für den Einsatz zu spät zu kommen.

Die zweite Patrouille und die Beamten des kriminaltechnischen Diensts stiegen eilig aus ihren Wagen. Mit ihren unhandlichen Arbeitskoffern beladen, folgten sie ihnen.

4

Als Moretti mit seinen Leuten im Schlepptau vor dem Portal eintraf, riss Heino Bach von der Notfallpolizei die schwere Pforte des mittleren Haupttors auf, um sie einzulassen. Einen kurzen Augenblick blieb der Polizeichef schnaufend vor dem Eingang stehen und wandte den Kopf zurück. „Jordi, Seematter, schafft die Leute hier weg oder seht zumindest zu, dass hier keiner reinkommt!“, wies er die hinzueilenden Beamten der zweiten Patrouille befehlsgewohnt über die Schulter hinweg an.

Die beiden nickten ihm mit vor Enttäuschung langen Gesichtern zu. Sie hätten das Szenario im Innern selbst gern miterlebt, wussten aber, dass sie hier draußen nicht weniger wichtig waren, um die Kriminalisten bei ihrer Arbeit zu unterstützen.

Die Sonne glänzte kurz auf Morettis Halbglatze auf, ehe er als erster in den Schatten des reich geschmückten Vorbaus des dreiteiligen Westportals eintauchte. „Hallo, Heino.“ Mit ausgestreckter Hand blieb er in der Tür erneut kurz stehen, um Bach zu begrüßen, der einer der wenigen Beamten im Bezirk war, der ihn nicht um mindestens einen halben Kopf überragte.

Custer nutzte den Moment, um mit einem raschen Blick den weltberühmten Eingang in sich aufzunehmen. Allein schon das Portal mit seinen 234 fein gearbeiteten und 47 lebensgroßen Sandsteinfiguren, die das Jüngste Gericht darstellten, war ein Meisterstück gotischer Feinsteinzeug- und Handwerkskunst. Während er das Bild in sich einsog wie ein Sammler, um es bis in alle Ewigkeit in Erinnerung zu behalten, huschte ein schwaches Lächeln über seine erwartungsvollen Züge. Vor ihm verschwanden die Beatmen im dunklen Innern der Stiftskirche. Er gab sich einen Ruck und folgte ihnen.

Bach führte den Kommissar ein paar Schritte in den dunklen Vorbau hinein, während dieser sich erkundigte: „Wer ist zuständig bei euch, Heino? Wer leitet die Aktion?“

Der Beamte deutete nach hinten gegen den Altar. „Jacques Federer.“

Moretti nickte ihm zu. „Ah, ja, das ist gut, danke.“ Seine Augen begannen sich langsam ans Halbdunkle im Kircheninnern zu gewöhnen. Als er durch die Kirche nach hinten blickte, konnte er schon von Weitem Federer mit seinem Team um den Toten herumstehen sehen, der mit ausgestreckten Armen und angewinkeltem Knie über den beiden Treppenstufen unter dem freistehenden Altartisch lag. Bereits aus der Ferne nahmen ihm die nur teilweise sichtbaren oder angedeuteten Attribute über das fürchterliche Geschehen, die ihm angekündigt worden waren, den Atem. „Wer hat ihn denn gefunden?“ Aufgrund der Atmosphäre der Kirche war er bemüht, sein Organ etwas zu dämpfen. Lauter zu sprechen wäre ihm als Lästerung vorgekommen, entsprechend klang sein Zischen ziemlich düster und tonlos.

Heino Bach musste sich zu ihm hinüberbeugen, um ihm ebenso leise zuzuraunen: „Der Sigrist. Er ist da drüben.“ Gleichzeitig deutete er mit der Hand auf den blassen Kirchenmann, der sich noch immer atemlos vor Grauen an einer Säule anlehnen musste und scheinbar unschlüssig zwischen Kirchenmitte und Ausgang im Halbdunkeln stand, und begleitete ihn zu ihm hinüber. „Das ist Herr Kummer. Kommissar Moretti von der Mordkommission“, machte er die beiden miteinander bekannt.

Der Sigrist streckte ihm eine eiskalte Hand entgegen, die sich anfühlte wie die Hand eines Toten. „Hallo. Ich habe angerufen“, stellte er sich mit abgehackten Sätzen tonlos vor.

Moretti nahm ihm nickend den Gruß ab. „Guten Morgen. Sie haben den Toten gefunden?“

Kummer nickte heftig und deutete mit der freien Hand gegen das Chorgestühl nach hinten, während er sich mit der anderen sicherheitshalber weiterhin an der massigen Säule festhielt, was eigentlich mehr psychologisch als hilfreich war, weil er sie ja nicht umfassen konnte. Ohne den Blick zu wenden, streckte er die Hand nach hinten aus, während er überflüssigerweise: „Dort liegt er!“, sagte. Er schwankte wie ein Blatt im Wind, sein Gesicht war kalkweiß.

Er sieht aus wie ein wandelndes Gespenst, ging es Custer schmunzelnd durch den Sinn. Sein Blick war nur einen kurzen, einprägsamen Moment auf den Kirchenmann gerichtet, ehe ihn der Anblick des entfernt wie drapiert daliegenden Toten und die um ihn herumstehenden Beamten wie magisch in seinen Bann zog.

Die Beamten ließen Moretti bei Kummer stehen. Draußen versuchten Jordi und Seematter zwischen dem Portal und der Menschenansammlung eine akzeptable Distanz durchzusetzen, obwohl dies zu zweit fast unmöglich war, da es immer wieder Leute gab, die sich in ihrem Rücken zum Eingang hinüberstahlen, um einen neugierigen Blick ins Innere auf das verborgene Geschehen zu werfen.

Während Bach an die Türe zurückkehrte, um die vorwitzigen Gaffer energisch am Eindringen zu hindern, traten die Männer aus dem Vorbau heraus in die eigentliche Kirche, und stürmten durch den Mittelgang der Basilika.

„Danke, Herr Kummer. Unser Notfallpsychiater wird sich gleich um Sie kümmern. Halten Sie sich bitte zur Verfügung, ich komme später auf Sie zurück“, bemerkte Moretti knapp, ehe er ihnen eilig folgte.

Über ihren Köpfen rückten die Pfeiler und das gewölbte Dach der Kathedrale in schwindelerregende Höhen. Die Größe und Höhe des Kirchenraums waren imposant. Unter dem Kreuzrippengewölbe, das normalerweise durch seine Akustik einem Orchester zu hervorragendem Klang verhalf, hallte das Stakkato ihrer Schritte hingegen laut durch das Gotteshaus, doch ungeachtet dessen eilten sie den hölzernen Sitzreihen entlang durchs Mittelschiff auf den durch die beiden Stufen erhöht stehenden Alter zu. Durch die Strahlen der Morgensonne, die durch die vielfarbigen Glasfenster der religiösen Bildnisse der Kirche hineinschienen, wurde der Klinkerboden in allen Regenbogenfarben angestrahlt.

Der Sigrist folgte den Kriminalisten mit langsamen, fast bleiernen, kleinen Schritten. Obwohl ihn der Anblick des Leichnams grauste, gewann seine Neugier über das Geschehen und die erwartete Polizeiarbeit für einen kurzen Moment die Oberhand, bevor ihn der Mut wieder verließ. In sicherem Abstand, jedoch auf Hörweite, blieb er dann doch lieber wieder stehen und beäugte die Szenerie nur von Weitem.

„Ah, Paolo, endlich! Gott sei Dank, dass ihr kommt!“ Einsatzleiter Federer unterbrach das Gespräch mit dem Beamten; er umging den toten Mann und eilte den Ankömmlingen erleichtert entgegen.

„Hallo, Jacques.“ Über Morettis Gesicht glitt nur kurz ein erfreuter Schimmer. Je näher sie dem Toten kamen, desto mehr war von den schrecklichen Verletzungen zu erkennen, die ihm zugefügt worden waren, dennoch prallten die Polizisten geschockt zurück, als sie ganz heran waren und sich das volle Ausmaß des Entsetzens vor ihren Augen ausbreitete.

Die leblose, halb entkleidete Gestalt des Mannes, der mit ausgestreckten Armen über den beiden Treppenstufen herabhing, war bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt, Fetzen seines Hemdes klebten an verkrusteten Wunden, andere hingen blutdurchtränkt und starr nach dem Eintrocknen von seinen Seiten herab. Der obere Teil des Bauchs sowie der knorpelige Teil seines Brustkorbs klafften auf, und aus der Öffnung quollen ihnen die Eingeweide entgegen. Einzig der Unterleib mit den Beinen schien relativ unversehrt, obwohl auch die Hose bis hinunter auf die Schuhe von Blut vollgesogen und verspritzt war, jedoch ansonsten intakt aussah.

„Großer Gott!“ „Grundgütiger!“ „Was für eine Sauerei! Wer hat das arme Schwein so ausgeweidet?“, stießen die Männer ihr Entsetzen über die Gräueltat mit lautstarken Mutausdrücken aus. Es half ihnen, sich Luft zu machen und sich gleichzeitig von dem schrecklichen Anblick etwas zu distanzieren. Ihre Ausrufe widerhallten in der Kirche und drangen zumindest teilweise bis auf den Platz hinaus. 

Vor dem Portal hatten Jordi und Seematter alle Hände voll zu tun, die immer stärker drängelnden Gaffer am Näherkommen zu hindern, die mit langen Hälsen über ihre Schultern hinweg einen Blick ins Innere der Basilika zu erhaschen versuchten, um ihre Neugier zu stillen, während andere in ihrem Rücken frech an ihnen vorbeimarschierten, bis sie an der Türe grob von Heino Bach gestoppt wurden. Frustriert mussten sie einsehen, dass sich durch den Druck der Hintenstehenden der vorgegebene Distanzring zunehmend verkleinerte. Während sie sich vergeblich bemühten, die Gaffer auf Abstand zu halten, markierte Heino Bach inzwischen mit der Hand am Pistolenhalfter Präsenz, um die Vorwitzigsten in letzter Instanz doch noch zu stoppen. Er hatte Kinn und Brustkorb vorgeschoben, um damit etwas eindrucksvoller zu wirken, jedoch war es wohl eher die Waffe, die schließlich ihren Zweck dazu erfüllte.

Durch die mit ihren filigranen Steingittern unterbrochenen Glasmalereien an den Fenstern entstellte das fleckige Licht der Sonne die Gesichter der Beamten. Für einmal war tatsächlich auch Kommissar Paolo Moretti sprachlos vor Entsetzen. Wie der Sigrist vorausgesagt hatte, hatte er in seiner langjährigen Laufbahn etwas so Grausiges wirklich noch nie erlebt.

Hinter ihnen im Schlepp blieb auch Custer mit offenem Mund stehen und schluckte. „O my God, was für ein Schlachtfeld!“

Federer trat nickend zu ihnen. Er sah krankhaft blass aus und war kurzatmig wie ein Nilpferd. „Nicht wahr, es ist grauenvoll?“, heischte er für sein Entsetzen um Verständnis.

„Hoffentlich wird Ihnen bei soviel Blut nicht schlecht!“, rief Sutter feixend über die Schulter zurück, der froh war, sich einen Moment auf etwas anderes als den scheußlichen Anblick konzentrieren zu können.

Auch das Augenmerk der Kollegen schweifte zu Custer zurück. „Verkotzen Sie mir nicht eventuelle Spuren! Wenn Ihnen übel wird, bleiben Sie mir ja von dem Toten weg!“, knurrte Moretti warnend, während er innehielt, um den Grünschnabel allenfalls abzuwehren. Er ließ dafür sogar seinen Kollegen stehen.

Federer beobachtete, wie Custer beruhigend den Kopf schüttelnd mit einem schiefen Grinsen zu ihnen trat und fragte sich, wie so etwas möglich war und ob er sich allenfalls sogar verhört habe, als dieser unbekümmert hervorstieß: „No, Sir, mir wird nicht schlecht, keine Angst. Ich bin abgehärtet genug und auf alles vorbereitet!“

Nun war es an Sutter, verblüfft zu sein, wobei es allen anderen ebenso erging. Ihre Unterkiefer sackten herab, mit offenen Mündern starrten sie den Ami ungläubig an. Ihren Mienen war zu entnehmen, dass sie über die Äußerung genauso bestürzt waren wie er. Sutter hingegen fühlte sich zunehmend enttäuscht. Es hätte ihn echt gefreut, wenn’s dem Greenhorn schlecht geworden wäre.

„Wie kann man sich auf so etwas vorbereiten?“, krächzte Federer lahm, während er mit der Hand in die Richtung des Leichnams deutete.

Custer wandte sich ihm mit einem, wie ihm schien, überheblichen Lächeln zu. Mit scheinbarer Genugtuung über die bestehende Tatsache, als hätte er den Toten völlig vergessen, erklärte er gelassen: „Ich habe in einer Schlachterei gearbeitet. Verstehen Sie, Geld verdienen, um mein Studium zu finanzieren.“

Großmaul!, dachte Sutter genervt. Eines stand für ihn bereits von vorne herein fest: dass er den eingebildeten Schnösel nicht leiden konnte, egal mit wie vielen Empfehlungen er hier antanzte!

Moretti sah sich genötigt, dem unsinnigen Geplänkel Einhalt zu gebieten, bevor die Sache eskalierte. „Das ist Korporal Jacques Federer, Einsatzleiter der mobilen Patrouille“, stellte er die beiden einander vor. „Morgan Custer, ein Neuer.“

„Ein Frischling von der Polizeischule!“, warf Sutter gehässig ein. Federer sollte ja nicht etwa denken, dass das Arschloch für diese Arbeit bereits tauglich war!

Dennoch streckte ihm dieser die Hand zum Gruß entgegen: „Willkommen, Herr Custer. Amerikaner?“

Morgan nickte. „Wisconsin, Sir.“

„Und was verschlägt Sie in die Schweiz?“

„Let’s see, i hope, ik wollte eine etwas ruhigere Arbeit finden“, sagte er mit einem raschen Seitenblick auf den Toten gepresst.

Federer nickte, während ihm die Männer einen betretenen Blick zuwarfen. „Nun, da haben Sie sich ja wohl geirrt“, murmelte er gedehnt.

Custer lächelte verzeihend. „Das scheint mir auch so.“

Als daraufhin eine lähmende Pause eintrat, nutzte Moretti die Gelegenheit, um Federer die Hand entgegenzustrecken, während er mit erstarrter Miene feixte: „Schön, dich zu sehen, Jacques. Hat es dich auch mal wieder aus dem Büro getrieben?“

Dieser nickte. „Gewiss. Das konnte ich mir doch nicht entgehen lassen. Es ist unfassbar, es verschlägt einem die Sprache!“ Die Kriminalisten beäugten den Leichnam und die ihn ratlos umstehenden Polizisten einen Moment lang aus einigen Metern Entfernung. Sie warteten auf ihren Chef und seine Befehle.

Moretti blickte nachdenklich auf den Toten hinab. Nebst der Tatsache, dass er ihn aufgeschlitzt hatte, hatte ihm der Mörder die Arme gebrochen, den Brustkorb eingedrückt und ihn mit Stichen traktiert. Das Gesicht wies Schnitte quer über Stirn, Nase und Wangen auf, Brauen und Wimpern waren weggesengt. „So etwas habe selbst ich während meiner ganzen Laufbahn noch nicht gesehen!“, brummte er entgeistert.

„Und das will was heißen!“, konstatierte Scherrer trocken. Es war, als wäre dies sein Stichwort; er schob sich an ihnen vorbei und nahm ein paar Meter seitwärts die beiden Stufen mit einem Schritt, um aus der erhöhten Warte des Altars von oben herab eventuell erste Indizien erkennen zu können, aber einzig die verschiedenen Tötungs- oder Foltermethoden konnte er dabei feststellen. Der Anblick machte ihn noch immer sprachlos. „Unglaublich, was der arme Mann durchmachen musste!“, stieß er voller Bedauern hervor. 

„Das arme Schwein!“, versuchte Custer etwas mehr Mitgefühl in seine Worte zu legen, um nicht den Gedanken zu erwecken, er sei zu gefühllos. „Ist er tot?“

Federer warf ihm einen undefinierbaren Blick zu. Mit einem Mal klang seine Stimme gereizt: „Was meinen Sie denn? Sonst hätte ich wohl zuerst die Ambulanz statt euch gerufen! Toter kann man ja wohl kaum sein, wenn man so aussieht!“

„Und das durchgemacht hat, was der arme Mann erdulden musste!“, nickte der Forensiker Hans Mäder mitleidsvoll. Er hatte sich in einen sterilen Kittel und Operationshaube gestürzt, um mit der Situationsaufnahme zu beginnen.

„Sie haben wohl noch nicht manche Leiche gesehen, oder?“, erkundigte sich Federer. Er war an der Antwort nicht wirklich interessiert, aber die Frage führte durch ihre Verzögerungstaktik zu einer neuerlichen Ablenkung.

Custer pflichtete ihm hastig nickend bei: „Right, Sir, es ist meine erste.“

„Können wir jetzt endlich hier weitermachen?“, knurrte Moretti verärgert, um das Gespräch auf den eigentlichen Grund ihrer Anwesenheit zurückzuführen und aller Augenmerk endlich auf den Tatort zu richten. „Der arme Kerl wurde richtiggehend ausgeweidet! Was fällt euch sonst noch dazu ein?“  wiederholte er mürrisch Sutters Worte.

Dieser war dem Freund gefolgt, stand nun auf der Erhöhung neben ihm und nickte mit offenem Mund vor Betroffenheit. Dabei beugte er sich etwas vor, um es besser sehen zu können, bevor er festhielt: „Er sieht aus, als sei er geblendet worden. Deshalb die Versengung der Brauen und das Fehlen seiner Augenlider.“

„Jedenfalls wurde er bestialisch zu Tode gequält!“, hielt Sanitätsarzt Beat Vollmer mit brutaler Nüchternheit fest, der zwischen ihnen in derselben sterilen Aufmachung neben dem Toten auf den Fersen hockte wie Profiler Hans Mäder und zu den beiden hochsah.

„Was für ein furchtbares Sterben!“

Er nickte. „Vermutlich Tod durch Verbluten oder Ersticken wegen seiner Rippenbrüche.“

„Dieser abartige Schweinefurz!“, drückte Federer sein Entsetzen über das unsägliche Leid aus, das dem Mann wiederfahren war.

Moretti nickte. „Der Mörder hatte lange Zeit, um mit ihm zu spielen.“

Custer warf Federer einen düsteren Blick zu. Schweigend umrundete er ihn in sicherem Abstand. Die beiden Beamten hinter sich, hockte er sich vor dem Altartisch auf die Fersen nieder, stützte die Unterarme auf den Schenkeln auf, verschränkte die Hände zwischen den Knien und besah sich den Toten ebenfalls von oben herab sehr aufmerksam und mit einem scheinbar fast heiteren Lächeln. „Wenig Blut rundum“, konstatierte er.

Sigrist Kummer hatte sich weiter vorgearbeitet und stand nun in der Nähe der letzten Sitzbänke, um ihre Gespräche besser mithören zu können. Unmittelbar hatte das entsetzliche Grauen sogar einen etwas prickelnden Charakter angenommen. Nun schluckte er heftig und griff sich mit der freien Hand an den Hals, während er sich mit der anderen weiterhin an der Holzlehne festhalten musste. Wenn die Lachen rundum wenig Blut waren, wie wäre es dann, wenn Blut da war? Er wagte sich die Sauerei in seiner Kirche kaum anders vorzustellen.

Moretti nickte. Er warf dem Amerikaner einen anerkennenden Blick zu, den Sutter und Scherrer mit einem gegenseitigen Stirnrunzeln quittierten. „Was sagt Ihnen das?“, erkundigte er sich wie ein Schulmeister.

Custers Antwort folgte prompt: „Dass er nicht hier ermordet wurde.“

„Richtig. Und was noch?“

„Hm...“ Der junge Mann sann über eine weitere mögliche Antwort nach.

„Die Person, die ihn getötet hat, wollte auf jeden Fall, dass man ihn findet! Um auf sich aufmerksam zu machen!“, half Moretti nach.

Custer blickte ihn erstaunt von oben herab an. „Und aus welchem Grund sollte er das tun?“ Er sprach das Er für Mörder völlig unbedacht aus, ohne zu bedenken, dass es auch eine Frau hätte sein können.

„Daran arbeite ich noch, was weiß ich? Rache an irgend jemandem, ein Beziehungsdelikt... Vielleicht wünscht er sich auch einfach nur das Interesse der Medien.“

Custer warf ihm einen undefinierbaren Blick zu und blieb ihm diesmal eine Antwort schuldig. Er umrundete den Toten auf der anderen Seite, stieg die Stufen hinab und kehrte zu seinen Füssen zurück.

Wachtmeister Franz Scherrer und Korporal Karl Sutter folgten ihm auf der anderen Seite und gesellten sich unten zu ihnen, ohne den Leichnam dabei aus den Augen zu lassen.

„Ritualmord?“, warf Scherrer fragend in die Runde, weil ihm gerade nichts Besseres einfiel. Auch wenn es nichts annähernd Ähnliches gab, das ihm bekannt war, so konnte zumindest die Andeutung dieser Idee nichts Falsches sein, um sie mindestens vor dem Verwerfen erwähnt zu haben.

„Du liest zu viele von deinen Schauermärchen.“ Sutter warf ihm einen feixenden Blick zu, während er sich vor der Bank die Ärmel hochrollte.

Scherrer protestierte kopfschüttelnd: „Nein, im Ernst!“

Moretti nickte auf Sutters Andeutung und zeigte damit sein Einverständnis. „Das ist ein Schauermärchen! Was fällt dir dazu noch mehr ein, Franz?“

Mit einem tiefen Stöhnen schüttelte Scherrer bedauernd den Kopf. „Nichts, das ich kenne, Paolo.“

„Da kommt mir nur Jack the ripper in den Sinn“, feixte Federer, der relativ tatenlos dastand und auf seine Leute wartete, die noch die letzten Schreibarbeiten vor Ort erledigten.

Sutter warf diesmal ihm einen genervten Blick zu. Er streifte ein paar sterile Latexhandschuhe über. „Das war vor unserer Zeitrechnung!“, erinnerte er grantig. 

Moretti seufzte. „Reine Zeitverschwendung! Dann befassen wir uns jetzt mal mit den Tatsachen. Wer macht Fotos?“

„Ich.“ Scherrer zog die Kamera aus seiner Jackentasche und schob sich mit ihr in der Hand an ihm vorbei. Er machte das erste Foto vom Toten von vorne, als er bei seinen Füssen stand.

„Ist der Alte immer so?“, fragte Custer flüsternd an Sutter gewandt.

Dieser warf ihm verärgert einen impertinenten Blick zu. Es passte ihm nicht, dass der Ami ihn ansprach. „Immer so - wie?“

„Na ja“, der Blondschopf zuckte entschuldigend mit den Achseln und zog ein wenig den Kopf ein, bevor er seine Erklärung vollendete: „so aggressiv irgendwie.“

Obwohl er ihm den Eindruck vermittelte, die Frage täte ihm leid, fühlte sich Karl Sutter für den Alten halbwegs angegriffen. Entsprechend garstig gab er zur Antwort: „Er ist streng, nicht aggressiv! Wenn Sie hier arbeiten wollen, müssen Sie sich schon daran gewöhnen!“

Der junge Mann nickte entschuldigend mit der Andeutung eines schwachen Lächelns. „Kein Problem, ich möchte mich nur darauf einstellen.“

„Dann stellen Sie mal! Aus dem Weg, bitte!“