Über dieses Buch

Cover

Ein Wolf und eine Hündin haben sich zusammengetan, sind ein Paar, die Hündin ist hoch trächtig. Doch nun werden sie von Menschen verfolgt, von Jägern und Schamanen. Es wird eine lange, qualvolle Flucht, die, die beiden wissen es, im Himmel der Wölfe enden wird …

Galsan Tschinag

Galsan Tschinag, geboren 1943 in der Westmongolei, ist Stammesoberhaupt der turksprachigen Tuwa. Er studierte Germanistik in Leipzig und schreibt viele seiner Werke auf Deutsch. Er lebt in Ulaanbaatar und verbringt die restlichen Monate abwechselnd als Nomade in seiner Sippe und auf Lesereisen.

Dieses Buch gibt es in folgenden Ausgaben: Taschenbuch, Jubiläumsausgabe, E-Book (EPUB) – Ihre Ausgabe, E-Book (Apple-Geräte), E-Book (Kindle)

Mehr Informationen, Pressestimmen und Dokumente finden Sie auch im Anhang.

Galsan Tschinag

Der Wolf und die Hündin

Erzählung

E-Book-Ausgabe

Unionsverlag

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Impressum

Die Originalausgabe erschien 1999 im Verlag Im Waldgut, Frauenfeld.

Die erste Ausgabe dieses Werks im Unionsverlag erschien am 31.1.2002

© by Galsan Tschinag 1999

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Martina Heuer

ISBN 978-3-293-30348-5

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Version vom 23.01.2019, 01:17h

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Für Inbuandina,

die zahm-zähe Mutter der Hündin,

welche im Ursprung dieser

Geschichte gestanden und gewirkt.

Nun hatte sich die Sonne vom Erdrand gelöst, hatte sich über den schartigen Sattel des Akdosch, des ersten und östlichsten der Neun Gletscher, erhoben. So hing sie in der boden- und grenzenlosen Leere des blassvioletten Himmels, rund und schwer und schien zu stauben und zu rauchen wie gestern, wie damals viele Monate zuvor. Nur flammte sie heute wohl nicht so heftig, sie wirkte matt, angestrengt und rostrot. Vielleicht war auch sie gehetzt. Oder diesmal hatte sie nicht genug Zeit gehabt, Feuer zu fangen und alle Flammen in sich zu wecken, bevor sie auf den Weg ging, um die von der mondlosen gemeinen Nacht erblindete und von ihrer herzlos grimmigen Kälte erstarrte Erde wieder zu bescheinen und aufzutauen, wer weiß. Wie auch immer, so wie sie da hing, erinnerte sie fast mehr an einen verspäteten Sommervollmond über taufrischen, saftgrünen Gras- und Waldlandschaften als an eine Morgensonne über dem winterlich blassen Altai in Eis und Schnee.

Dieser Sonne nun schälten sich lange, kantige Strahlen ab, die gleich Lanzen, gleich Pfeilen auf die Erde zielten, herüberflogen, sie an der steinigen und eisigen Haut treffend, zerbrachen und in ein gleißendes, rötlich gefärbtes Meer ausliefen. So begann der Tag.

Vielleicht wussten die beiden, dass mit diesem neuen Tag ein Jahr zu Ende ging. Vielleicht – oder aber auch nicht. Wohl eher nicht, denn es waren ein Wolf und eine Hündin nur, um welche es sich hier handelte und handeln wird in dieser Geschichte. Doch ahnten sie, dass etwas, und damit für sie alles, zu Ende ging. Der schwarzmähnige blaugraue Wolf mit dem breiten, eckigen Kopf zum breiten, runden Rumpf auf den breit gespreizten langen, stämmigen Beinen wie die zartgliederige, dickbäuchige Hündin mit dem ziegenweißen Fell und dem beschädigten Hinterfuß, beide ahnten und fühlten, beide sahen es. Denn der Gipfel des Haarakan, des für Menschen unnennbaren und für Wölfe unnahbaren Berges inmitten der Wüstensteppe, war erreicht, und kein Weg und Steg führte weiter.

Weiter war einzig der Himmel, und dieser hatte nicht einmal ein paar Fetzen Wolken, die herübergesegelt und an dem Gipfel mit der glänzenden, runden Eiskuppel und den darüber hinausragenden, in der Mitte gegabelten und an beiden Seiten spitzen, lungenfarbenen Felsen hängen geblieben wären als Schutzschild gegen die mörderischen Strahlen der verräterischen Sonne. Dabei hat doch der himmelsteile Berg erst vorgestern wie alle Tage davor bis zur Achselhöhe in einer dichten graudunklen Wolke gesteckt! Heute aber war sie nicht mehr da, war wie weggeblasen und spurlos verschwunden.

Der wolkenlose Himmel döste schwärzlich blau vor sich hin, wirkte wie das Innere eines riesigen Loches, wirkte tot und leer; Leere also umgab den Wolf und die Hündin von oben, von den Seiten und zu einer Hälfte auch von unten her. Und zur anderen Hälfte stürzten die rutschigen Hänge steil hinab und verschwanden hinter Erhebungen aus Stein und Eis. Und von dem, was hinter den Erhebungen lag und im Versteck lauerte, von den schutzbietenden Geröllaugen und den felsigen Falten und Schluchten, von den Weiten der Steppe und den knittrigen Bergen mit den bläulich weißen Kuppen, rötlich gelben Hängen und gräulich schwarzen Schatten dazwischen waren sie schon seit gestern abgeschnitten. Abgeschnitten und umzingelt.

In der Ebene waren sie überrascht worden. Wohl konnte dies geschehen, da sie sich verspätet hatten. Obwohl sie sich vorher so manches Mal noch später auf den Weg in die Berge begeben hatten. Aber noch nie waren sie da einem Menschen begegnet. Vielleicht hatten sie diesmal einfach Pech. Ja, das Pech, das sie so oft haben umgehen können, muss diesmal auf vielen Wegen auf sie gelauert und sie zu der Stunde und an der Stelle ereilt haben.

Zuerst war die Stute, der sie hinterherspurteten, nachdem sie sie aus der Mitte der auseinanderberstenden Pferdeherde herausscheuchten und in die Einsamkeit trieben, unverhofft gut bei Kräften und konnte unglaublich weit, wie zum Fluch in die ebene Steppe mit dem schreienden Boden aus lauter jungem, männlichem Gestein hinaus flüchten. Endlos lang dauerte die Verfolgung. Sie hatten, so schien es, nicht mit einer trächtigen, von der Winterskälte verzehrten Stute, sondern mit einem Fetzen Fegesturm, einem Klumpen Sturzfelsen, einer bemähnten und behuften Teufelin mit dem betörenden Geruch eines schweißigen und fettigen Pferdeleibes zu tun. Dieses Teufelsvieh nun, das obendrein in einem nachtschwarzen Fell steckte, hätte es einige Male um ein Haar geschafft, seinen Verfolgern zu entwischen. Allein die steinharten und schweren Hufe mussten ohne Unterlass auf den klirrenden Steppenboden trommeln und so sie ständig verraten.

Dann, als sie die Flüchtende endlich eingeholt, ihr Batzen für Batzen Fleisch aus dem Leib heruntergerissen und so ihren Fall erzwungen hatten, spürten sie eine betäubende Erschöpfung in den Knochen und in den Sehnen, die sich nach den ersten Schlucken des heißen, schäumenden und würzigen Bluts in einen lähmenden Rausch verwandelte. Darauf fielen sie auf der Stelle um und versanken in einen jähen, fast todähnlichen Schlaf.

Und schließlich lag dieses so hart errungene Fleisch zäh und schwer im Magen. Dies erkannten sie aber erst in dem verhängnisvollen Augenblick, als sie die Reiter auf sich zukommen sahen. Da wurde ihnen schnell und schmerzlich bewusst, dass sie sich an dem Aas unverzeihlich lange aufgehalten hatten. Zudem mussten sie noch einsehen: sie haben sich überfressen an dem Fleisch. Sie fühlten sich vollgestopft wie Röhrenknochen mit Mark. Nun lag es zäh und schwer in ihnen und drückte sie auf die Erde.