Umschlag

1967 geboren, verbringt Sven Görtz seine Kindheit im Westerwald und studiert danach Philosophie in Gießen. Er ist Autor, Kabarettist und Sänger. Mit über 300.000 verkauften Hörbüchern zählt er zur ersten Riege der deutschen Hörbuchsprecher. Seit 2008 ist er die deutsche Stimme des Weltbestsellerautors Paulo Coelho. Er ist seit Jahren mit verschiedenen Live-Programmen im gesamten deutschsprachigen Raum unterwegs. Im Frühjahr 2013 erschien »Da liegt ein Toter im Brunnen«, der erste Band seiner Krimiserie um die Ermittler Christoph Rubin und Carl Bernstein.

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.

© 2013 Hermann-Josef Emons Verlag
Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung: Tobias Doetsch
eBook-Erstellung: CPI – Clausen & Bosse, Leck
ISBN 978-3-86358-263-0
Originalausgabe

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Wenn einer weiß, was Glück ist,
so soll er es allen anderen weitersagen.

Tom Smart

Willkommen in Bad Löwenau!

Der Schauplatz

Irgendwo in Deutschland liegt Bad Löwenau, eine Kleinstadt, wie sie im Buche steht: beschaulich, hübsch und friedlich. Wahrzeichen ist der Löwenbrunnen am Marktplatz mit seinem Kopfsteinpflaster und seinen Fachwerkbauten. Ein Vielfaches der eigenen Bevölkerung besucht jährlich die Stadt: Kurgäste, Touristen und Ruheständler. Doch hinter den schmucken Fassaden brodelt es, und die Idylle tut auch in unserer Stadt das, was sie immer tut: Sie trügt …

Einige Bad Löwenauer

Christoph Rubin

Fünfundvierzig Jahre, verheiratet, Kriminalhauptkommissar und Leiter der Polizeiinspektion. Er kehrt nach fünfundzwanzig Jahren Dienst in der Großen Stadt in seine Heimat Bad Löwenau zurück und kann sich nur wundern, was in der Zwischenzeit so alles passiert ist – und was heute so passiert.

Carl Bernstein

Vierundvierzig Jahre, unverheiratet, Journalist. Autor der legendären Kolumne »Der Tag in Bad Löwenau«. Er kleidet sich extravagant und spricht auch so. Bernstein hat nur zwei Schwächen: die Frauen und – die zweite hat er vergessen.

Ricardo

Einundfünfzig Jahre, verheiratet, Besitzer des italienischen Restaurants »Da Ricardo« am Marktplatz. Nur zwei Dinge können sein Leben versalzen: schlechte Pasta und eine Niederlage von Inter Mailand. Ein Lächeln seiner Frau Caterina versüßt es ihm wieder.

Freitag

Zwei Jahre, unverheiratet, Golden Retriever und der treue Begleiter von Hauptkommissar Christoph Rubin. Er bändelt gern mit Hundedamen an, bringt Stöckchen und tapst ansonsten sehr zufrieden durchs Hundeleben.

Franziska von Roth

Ungeklärtes Alter, geschieden, Bürgermeisterin von Bad Löwenau, auch »Die Fürstin« genannt, weil sie die Geschäfte der Stadt eigenmächtig nach Gutsherrenart führt. Wenn es um die Bewahrung des guten Rufs von Bad Löwenau geht, kennt sie weder Freund noch Feind.

Buchhändler Weimar

Zweiundsiebzig, verheiratet, versorgt die Bad Löwenauer mit guten Büchern und genauen Beobachtungen. Er ist ein klassischer Buchliebhaber, dessen Menschenkenntnis nicht zuletzt auf dem schönen Satz beruht: »Sage mir, was du liest, und ich sage dir, wer du bist.«

Iris Adler

Einundvierzig, unverheiratet und Inhaberin der Adler-Apotheke am Marktplatz. Sie sieht in Abendgarderobe wie im Apothekerkittel gleichermaßen blendend aus. Bernstein nannte sie in seiner Kolumne einmal »die attraktivste Pillendreherin seit Lucrezia Borgia«.

1

Die Frau im roten Kleid rammte die Faust in seine Brust und stürzte davon.

Er taumelte benommen, und für einen kurzen Moment schwanden ihm die Sinne. Als er wieder zu sich kam, nahm er augenblicklich die Verfolgung auf. Er hatte sie fast eingeholt, da schlug die Unbekannte einen Haken und verschwand durch eine offene Eisengittertür in die Finsternis eines Kellers. Er rauschte hinterher.

Die plötzliche Dunkelheit blendete wie Feuerschein, und aus der Tiefe schlug ihm Eiseskälte entgegen. Der Geruch von Schimmel und feuchtem Holz stieg ihm in die Nase. Nichts war zu erkennen, keine einsame Silhouette auf der schwarzen endlosen Treppe.

Die Frau war verschwunden.

Doch das war unmöglich. Er vernahm ein leises Geräusch, ein gedämpftes Keuchen, kaum eine Armlänge von ihm entfernt. Mit gespannten Nerven und rasendem Herzen hielt er den Atem an.

Da schrillte plötzlich sein Handy – verräterisch laut in dem totenstillen Kellergewölbe. Kurz darauf ein zweites Mal. Instinktiv tastete er nach der Jackentasche, um es abzustellen. Aber das Handy war nicht da. Er suchte in der Hosentasche, in der Brusttasche seines Hemdes, alles vergebens. Immer lauter dröhnte es in seinen Ohren.

Schließlich entdeckte er das Mobiltelefon. Es lag klingelnd und vibrierend auf dem Nachttisch neben dem Buch, das er am Abend zuvor gelesen hatte.

Hauptkommissar Christoph Rubin erwachte mit einem leichten Gefühl der Benommenheit, drückte den Schalter der Nachttischlampe und nahm das Gespräch an.

»Jana Cerni am Apparat, guten Morgen, Chef. Sind Sie schon wach?«

»Jetzt ja«, murmelte Rubin und versuchte, die Augen scharf zu stellen. Er blickte wie durch einen trüben, klebrigen Schleier, der sich erst allmählich lichtete.

»Bitte entschuldigen Sie die Störung am Sonntagmorgen. Aber es gibt Arbeit.«

»Wie spät ist es?«

»Kurz vor halb zehn.«

Rubin wunderte sich, wie lange er geschlafen hatte, denn er war nach dem letzten Rundgang mit Freitag nicht allzu spät zu Bett gegangen.

»Was gibt es, Frau Cerni?« Seine Stimme klang belegt, beinahe heiser, deshalb wirkte er mürrischer, als er in Wahrheit war. Zudem hatte er nach seinem Abendessen mit reichlich Knoblauch bei Ricardo einen faden Geschmack im Mund, mit dem er sich selbst am Telefon nur ungern unterhalten wollte.

»Wir haben eine Vermisstenmeldung.«

»Wo, in der Kurklinik?«

»Nein«, antwortete die Polizistin mit ernster Bestimmtheit, »im Hotel am Marktplatz. Eine Teilnehmerin des Seminars von Dr. von Rehheim, dem Glücksmediziner, ist heute früh nicht zur letzten Sitzung erschienen. Sie heißt Beatrice Hofmann.«

Rubin richtete sich mühevoll im Bett auf und fuhr sich durchs Haar. »Warum sollte das ein Fall für die Polizei sein?«, fragte er, jetzt schon klarer im Ton. »Die Frau könnte einfach nur verschlafen haben.«

»Ja, das habe ich auch gesagt, aber da ist noch etwas …«

Am anderen Ende der Leitung trat eine kurze Stille ein, die sich Rubin nicht erklären konnte. »Verraten Sie es mir?«

»Das Hotelzimmer der Frau ist total verwüstet worden«, flüsterte die Polizistin bewegt.

»Haben Sie das Zimmer selbst gesehen?«

»Ja, Chef, es sieht wirklich schlimm aus.«

»Haben Sie die üblichen Maßnahmen getroffen?«

»Selbstverständlich, Chef.«

Rubin starrte wie gebannt auf die Ecke im Zimmer, in die er am Abend zuvor achtlos seine Kleider geworfen hatte, während er nachdachte. »Wo sind Sie jetzt, Frau Cerni?«

»Ich bin noch im Hotel.«

»Wo ist Schwarze?«

»In der Polizeiinspektion.«

»Gut«, sagte Rubin. »Bleiben Sie, wo Sie sind. Ich bin sofort bei Ihnen.«

Er legte das Handy zurück auf den Nachttisch und stieß unwillkürlich einen Seufzer aus, während er sich ins Kissen zurückfallen ließ. Die Nachttischlampe mit dem hellgrünen Papierschirm beleuchtete das Schlafzimmer nur schwach und warf nicht mehr als einen blassen Schein auf den wuchtigen Holzschrank, die Bilder an den Wänden und den hohen gepolsterten Lehnstuhl, auf dem seine Frau für gewöhnlich ihre Kleider ablegte. Durch schmale Ritze in den Rollläden konnte Rubin den strahlenden Morgen erahnen.

Er war allein, seine Frau war vor zwei Tagen zu einem Besuch ihrer Mutter in der Großen Stadt aufgebrochen. Sie würde vor Dienstagabend nicht zurück sein.

Er schälte sich aus dem Bett und streckte mühevoll den Rücken. Die ersten Schritte waren ein Desaster. Das war vor nicht allzu langer Zeit auch schon mal besser gegangen. Ein Brennen, scharf wie ein Messerstich, durchfuhr ihn vom Nacken über die Rippen bis hinab in die Hüfte. Als er seinen Oberkörper erst nach links und dann nach rechts drehte, knackte es trocken in den Brustwirbeln. Danach ließ der Schmerz schlagartig nach. Er musste sich schütteln und gleichzeitig grinsen. Im nächsten Augenblick trat er ans Fenster und zog beherzt am Rollladengurt.

Grelles, glühendes Sonnenlicht sprang ihm in die Augen.

2

Kurze Zeit später war Rubin mit Freitag auf dem Weg zum Hotel am Marktplatz, über die Hauptstraße hinweg, durch die engen Gassen. Er hatte sich nach dem Anruf unverzüglich auf den Weg gemacht und noch schlaftrunken ein frisches marineblaues Hemd übergeworfen, dazu Sakko und die Jeans vom Vortag.

Nicht einmal die Zeit für einen Apfel zum Frühstück hatte er sich genommen und schweren Herzens auf seinen geliebten Earl Grey mit einer Extraportion Milch verzichtet.

Freitag lief unermüdlich vor Rubin hin und her. Der Golden Retriever wedelte mit dem Schwanz und schnüffelte. Rubin dachte: Freitag liest wieder Zeitung.

Der Himmel über Bad Löwenau war tiefblau und verströmte ein gläsernes, fast durchsichtiges Licht. Es war ein großes, starkes Sommerlicht, dem jedoch schon die Schwere des Herbstes beigemischt war.

Obwohl es noch nicht einmal zehn Uhr war, lag eine angenehme Wärme in der Luft. Es war nahezu windstill. Schon der gestrige Samstag hatte mit außergewöhnlichen Temperaturen überrascht. Der heutige Tag versprach noch heißer zu werden.

Rubin war jetzt hellwach und fragte sich, was ihn im Hotel erwartete. Vermisstenmeldungen konnten tückisch sein. Er erinnerte sich an einen schwierigen Fall vor rund zwanzig Jahren, den er als junger Polizist in der Großen Stadt bearbeitet hatte. Die Sache hatte ganz ähnlich begonnen, bloß war damals nicht ein Hotelzimmer, sondern eine sündhaft teure Penthousewohnung verwüstet worden. Der Vermisste war ein gerissener deutscher Geschäftsmann gewesen, der im Import-Export tätig war und der am Ende …

Plötzlich verspürte Rubin ein leichtes Unbehagen − irgendetwas störte ihn. War es die Erinnerung? Vielleicht. Möglicherweise lag es auch an der Wärme. Oder stimmte etwas mit seiner Kleidung nicht? Er fühlte sich wie eingezwängt. Er zuckte mit der Schulter, als wollte er eine unsichtbare Last abwerfen, und beschleunigte unwillkürlich seine Schritte.

In der Mitte des Marktplatzes erblickte er eine Menschenansammlung. Touristen mit karierten Wanderhemden und Rucksäcken und auch einige Einheimische hatten sich mit allerlei Arten von Trinkgefäßen feierlich, beinahe andächtig um den Brunnen, das Wahrzeichen der Stadt mit seinen vier Wasser speienden Löwenköpfen, versammelt. In Wahrheit jedoch standen sie Schlange, um ihre Ration Heilwasser für den Tag zu schöpfen.

Jetzt, im Spätsommer, beherrschten die mit weißen Tischtüchern bedeckten Tische und die verblichenen Plastikstühle des Café Schirner das Bild des Marktplatzes. Die äußeren Tische mit Frühstücksgästen reichten bis an den Brunnenrand, sodass sich Wasserschöpfer und Cafébesucher des Öfteren ins Gehege kamen.

Nahtlos schlossen sich in Blau und Schwarz die Sitzgarnituren von »Da Ricardo« an. Hier waren allerdings noch keine Plätze belegt, denn für die italienischen Köstlichkeiten war es noch zu früh.

Kurz vor dem Hotel witterte Freitag etwas Außergewöhnliches. Er schnüffelte aufgeregt an einem frischen Hundehaufen. Eine wichtige Eilmeldung in den Hundenachrichten?

Als sich Rubin zu dem Golden Retriever hinunterbeugte, um ihn zu beruhigen, entdeckte er den Grund für sein Unbehagen. Er hatte sich beim Anziehen des Hemdes verknöpft. Was sollte er jetzt tun? Er konnte nicht mitten auf dem Marktplatz sein Hemd aus der Hose ziehen, auf- und anschließend wieder zuknöpfen.

Außerdem hatte ihn längst seine Kollegin Jana Cerni durch die schimmernde Glastür des Hotels entdeckt. Sie stand in der belebten Halle neben einer schwarz gekleideten Frau und winkte.

Rubin winkte zurück.

Keine Chance.

Nun gut, dachte er, dann muss es eben so gehen.

3

Die blonde Polizistin lief Rubin aufgeregt entgegen und wandte sich nach einem herzlichen Handschlag im nächsten Moment nicht weniger herzlich Freitag zu.

Melanie Seifert, die Hotelmanagerin, folgte ihr. Die Lippen und Augen der Mittdreißigerin waren stark geschminkt. Sie trug eine schwarze Pagenfrisur, dazu ein vielleicht etwas zu tief ausgeschnittenes Kostüm, das nur unwesentlich dunkler als ihre akkurate Haarpracht war.

»Guten Morgen, Herr Hauptkommissar, guten Morgen, hallo … Eine Aufregung ist das hier, ich fasse es nicht. Was für ein Vormittag! Wahnsinn!«

Sie hatte eine kleine untersetzte Statur und strahlte Energie und Tatkraft aus. Als sie Rubin die Hand entgegenstreckte, war die Innenfläche feucht und der Händedruck überraschend weich.

»Ja, wie gesagt, das ist eine dumme Sache hier, ich habe Sie so schnell wie möglich informiert, als ich von unserem Serviceteam eben gerade erst die Rückmeldung erhalten habe, dass das Zimmer eines Gastes verwüstet worden ist. Aber was heißt verwüstet, es ist …«

Während sie weitersprach, hektisch, rasend und unnötig laut, klebte ihr Blick wie magisch an Rubins schiefem Hemdkragen. Von dort aus folgten ihre Augen der schiefen Knopfleiste nach unten. Sie zog abschätzig die linke Augenbraue hoch.

»Der Name der Vermissten ist Beatrice Hofmann«, fuhr sie fort, ohne auch nur einmal Luft zu holen. »Aber das habe ich Ihrer Kollegin, Frau, äh, ja schon mitgeteilt, sie ist Teilnehmerin des Seminars ›Lach dich frei zu deinem Glück‹ von diesem Doktor, Dr. von Rehheim, das in unserem schönen neuen Seminarraum stattfindet. Dort hinten sehen Sie übrigens das Plakat, sieht gut aus, oder? Ich meine das Design, sagen Sie selbst, ist doch sensationell geworden, oder? Der Grafiker hat wirklich einen super Job gemacht. War auch nicht ganz billig, aber egal. Die Farben des Hotels als Banner, einfach klasse, wir haben nämlich, müssen Sie wissen …«

Ihre Worte waren ein einziger überbordender Schwall, summend wie ein Bienenschwarm. Es schien, als wollte sie nie wieder aufhören zu reden, egal worüber. Rubin suchte nach einer Lücke, einem schmalen Sesam-öffne-dich, um eine Frage anzubringen, ohne so unhöflich zu sein, ihr ins Wort zu fallen. Doch er fand keine.

»Frau Seifert, Sie tragen schöne Schuhe. Haben Sie die aus Bad Löwenau?«, unterbrach er sie schließlich grinsend, doch mit unmissverständlichem Nachdruck.

Die Hotelmanagerin verstummte, schluckte und schwieg. Ja, sie war tatsächlich perplex. Auf genau diese Reaktion hatte Rubin spekuliert. In die Stille hinein stellte er jetzt seine eigentliche Frage: »Um welche Art von Seminar handelt es sich − ein wissenschaftliches?«

Unschlüssig, welche Frage sie zuerst beantworten sollte, entschied sich Melanie Seifert für die zweite. »Welche Art von Seminar? Keine Ahnung … Das weiß ich nicht, die Inhalte unserer Veranstaltungen gehen mich nichts an, ich vermiete lediglich die Räumlichkeiten. Aber ich muss Ihnen ehrlich sagen, und ich bin ein Mensch, der immer gern frei heraus sagt, was er denkt, wir beide kennen uns ja noch nicht, aber ich bin der Meinung, Offenheit und Ehrlichkeit, und ein Stück weit auch Verlässlichkeit, sind die Basis von allem. Deshalb sage ich Ihnen nun ganz offen: Ich bin über das Ganze hier nicht überrascht.«

Sie machte zum ersten Mal eine Pause und spielte mit ihrer Frisur, während sie Rubin und Jana Cerni abwechselnd erwartungsvolle Blicke zuwarf.

»Wovon überrascht?

»Ich hatte von Anfang an kein gutes Gefühl mit Dr. von Rehheim, so ganz intuitiv, es gibt ja so Momente, die man nicht erklären kann –«

Rubin unterbrach sie, bevor sie wieder loslegen konnte. »Was hat Sie gestört?«

»Na ja, irgendwie ist alles ein bisschen blöd angelaufen, schon im Vorfeld dieses ganze Stargehabe von diesem Dr. von Rehheim, also ich meine, er führt sich ja auch auf wie ein Popstar − oder eine Filmdiva! Also wirklich, das ist schon ein starkes Stück, muss ich sagen. Kennen Sie den Arzt eigentlich?«

Rubin nickte. Doch »kennen« war zu viel gesagt. Er hatte von dem ambitionierten Doktor gehört und in der Zeitung gelesen, der seit einiger Zeit eine Praxis in der Kurklinik hatte und eine medizinische Ratgebersendung auf TV 4, dem Bad Löwenauer Sender, moderierte.

Die Hotelmanagerin rückte näher an Rubin heran, sie berührte ihn sogar vertraulich am Arm. »Immerzu war ihm etwas nicht recht, und immer hat er alles Mögliche verlangt, wollte den Raum mit Plakaten dekorieren, bestimmte Pflanzen haben, Hyazinthen und Orchideen, stellen Sie sich das mal vor! Er sagte, weil die Blumen eine positive Ausstrahlung haben, immer wieder verlangte er etwas Neues, ich bin fast ausgerastet, also so was habe ich noch nicht erlebt, und ich mach das hier schon einige Jahre, wissen Sie, es ist nicht so, dass –«

»Wann hat das Seminar begonnen?«

»Gestern Morgen.«

»Und wann ist planmäßiger Schluss?«

»Heute Nachmittag um siebzehn Uhr.«

»Wie viele Teilnehmer hat Dr. von Rehheim?«

»Tja, gute Frage, müsste ich eigentlich wissen. Weiß ich aber nicht genau, fünfunddreißig oder vierzig? Irgendwas in der Größenordnung. Ich müsste nachschauen.«

»Läuft das Seminar gerade?«

»Ja, ich glaube, ja. Beginn war wie gestern neun Uhr. Erste Pause gegen zehn Uhr dreißig, mit frischen Getränken, Espresso, Kräutertee und Dinkelgebäck. So ist es ausgemacht, alles penibel geplant, und wehe, wenn wir uns verspäten, dann –«

»Haben Sie schon mit Dr. von Rehheim gesprochen?«

Melanie Seifert schob die Unterlippe vor. »Nein«, antwortete sie knapp. »Mit dem rede ich nicht mehr.«

Rubin runzelte die Stirn. »Warum?«

Sie setzte ein gequältes Lächeln auf. »Er hat es gestern einfach übertrieben und sich deutlich im Ton vergriffen. Glaubt wohl, er kann sich alles erlauben, aber seine Starallüren kann er sich sonst wo hinstecken! Bitte verzeihen Sie meinen Ton, aber das alles geht wirklich zu weit –«

»Könnten Sie deutlicher werden, Frau Seifert?«

Sie zerzauste nervös ihr Haar. Nachdem ihre Hand die Frisur verlassen hatte, war der Pagenschnitt wieder so akkurat wie zuvor. »Also, es ist so, Dr. von Rehheim hat bei uns den Seminarraum gebucht, dazu kleine Erfrischungen, außerdem übernachten alle auswärtigen Teilnehmer im Haus. Das ist schön, und deswegen ist es zu verschmerzen, dass er das gemeinsame Mittag- und Abendessen im ›Da Ricardo‹ bestellt hat, das ist zwar nicht ganz so schön für uns, aber okay, da will ich gar nichts sagen, soll Ricardo auch was verdienen. Aber gestern Nachmittag, Herr Hauptkommissar, das müssen Sie sich mal vorstellen, da hat von Rehheim außerplanmäßig fünf Salate geordert, die unsere Küche in den Seminarraum schicken sollte. Das machen wir gewöhnlich nur in Ausnahmefällen, weil Essen in den Räumen nur Dreck macht, und dann hat man wieder Ärger mit dem Sanitärteam, und ach, Sie können sich das nicht vorstellen, jedenfalls, als wir die Salate dann geliefert haben − wie er meinte, viel zu spät! −, hat er sie einfach wieder zurückgegeben, weil er in der Zwischenzeit vor lauter Ungeduld fünf Salate bei Ricardo bestellt hatte. Unsere hat er einfach zurückgegeben und wollte sie nicht auf die Rechnung setzen lassen, und da bin ich, nun ja, ich geb’s zu: geplatzt. Ja, ausgerastet! Ist doch verständlich, oder? Und da wird der Schnösel auch noch pampig, ich fasse es nicht! Und seitdem, was soll ich sagen, herrscht Funkstille. Aus und vorbei!«

Rubin erinnerte sich, dass er am Abend zuvor, als er mit Bernstein bei Ricardo gewesen war, eine größere Gruppe in angeregter Unterhaltung erlebt hatte. Aber Ricardo hatte nichts von einem Glücksseminar erzählt. Wenn irgendetwas außergewöhnlich an der Gesellschaft gewesen wäre, Ricardo hätte damit mit Sicherheit nicht hinter dem Berg gehalten, nein, nicht Ricardo.

Melanie Seifert verschränkte beleidigt die Arme vor der Brust, doch ihre Augen glühten noch immer vor Wut und Entrüstung. »Ja, so war das also gestern, und heute haben wir die Vermisste, ich schlage vor, wir geben dem Seminar einen neuen Titel: das Unglücksseminar

Rubin grinste und musste sich zusammenreißen, um wieder ernst zu werden. Er wusste noch immer nicht, was er von dem Fall halten sollte. Ja, er wusste nicht einmal, ob er überhaupt einen neuen Fall hatte, denn es war gut möglich, dass Beatrice Hofmann in der nächsten Minute mit dunklen Ringen unter den Augen und wirrem Haar um die Ecke gelaufen kam, allein oder in Begleitung, nach einer allzu langen Nacht in Bad Löwenau.

»Kann ich bitte das Anmeldeformular von Frau Hofmann sehen, Frau Seifert?«, fragte Rubin.

»Sicher, einen Moment.«

Während die Hotelmanagerin energischen Schrittes zur Rezeption eilte, dabei gleichzeitig einer Mitarbeiterin eine Arbeitsanweisung zuwarf und einen älteren Hotelgast mit überschwänglicher Geste begrüßte, deutete Jana Cerni zaghaft und schüchtern mit dem Zeigefinger auf Rubins Hemdkragen. »Chef, Sie haben da was.«

»Ich weiß, Frau Cerni, ich weiß.«

»War aber auch ganz schon früh heute Morgen, oder?«, sagte die blonde Polizistin lächelnd und fügte ernster im Ton hinzu: »Wie gehen wir jetzt vor?«

»Am besten, Sie begeben sich zu Schwarze in die Polizeiinspektion, und ich melde mich bei Ihnen, wenn ich hier weitergekommen bin«, sagte Rubin.

»Soll ich schon eine Vermisstenmeldung rausgeben?«

Rubin schüttelte den Kopf. »Ich will zuerst das Hotelzimmer sehen.«

Jana Cerni schickte sich an zu gehen, doch sie ging nicht. »Da wäre noch etwas, Chef«, sagte sie halblaut.

»Ja?«

»Als ich das Zimmer, das, wie gesagt, wirklich schlimm aussieht, vorhin gesehen habe, da dachte ich, wir brauchen bestimmt die Spusi. Und da Sie immer sagen, es ist gut, möglichst früh Gewissheit zu haben, habe ich sie schon mal … gerufen.«

Rubin stutzte. »Wollen Sie damit sagen, die Spurensicherung ist schon auf dem Weg nach Bad Löwenau?«

Jana Cerni blickte bekümmert auf ihre Schuhspitzen. Sie nickte zaghaft.

»Warum haben Sie mich nicht gefragt, bevor Sie das veranlasst haben? Wir wissen doch noch gar nicht, ob Frau Hofmann wirklich verschwunden ist!«

»Weil ich dachte, je schneller, desto besser.«

Rubin überlegte: Die Spurensicherung befand sich in der Stadt, vierzig Kilometer von Bad Löwenau entfernt. Bis die Experten im Hotel sein würden, konnte es eine Weile dauern, zumal Sonntag war. Das Peinlichste, was passieren konnte, war, dass die Ermittler und Beatrice Hofmann sich in ihrem Hotelzimmer begegneten. Dann würde Rubin gezwungen sein, eine Erklärung abzugeben. Er sah schon die strengen, anklagenden Mienen der Experten vor seinem inneren Auge, die seinetwegen für nichts und wieder nichts gekommen waren.

»Also gut, Frau Cerni, es ist, wie es ist. Bis später.«

Als die Polizistin, nicht ohne Freitag den Kopf getätschelt zu haben, gegangen war, kehrte Melanie Seifert mit dem Formular zurück.

Rubin überflog es rasch.

»Hier steht, Beatrice Hofmann hat schon am Donnerstagabend eingecheckt. Wissen Sie, was sie vorhatte? Das Seminar begann ja erst am Samstag, wenn ich es richtig verstanden habe.«

»Nein, tut mir leid. Das weiß ich nicht.«

»Ist Frau Hofmanns Zimmerkarte da?«

»Nein.«

»Sind Sie Frau Hofmann einmal persönlich begegnet?«

»Auch da muss ich passen. Wissen Sie, wir sind an diesem Wochenende komplett ausgebucht. Ich kann nicht alle Gäste kennen − gut, den älteren Herren eben kannte ich, das ist aber auch ein Stammgast, der seit …«

Rubin entnahm dem Formular, dass die Vermisste in der Großen Stadt wohnte, der Postleitzahl zufolge im selben Viertel, in dem auch Rubin viele Jahre gelebt hatte. Sie war fünfzig Jahre alt und hatte eine unleserliche, fast hektische Schrift, wie jemand, der nicht oft mit der Hand schreibt oder es gewohnt ist, lediglich kurze Gedankenstützen für den eigenen Gebrauch festzuhalten.

»Ich möchte das Zimmer von Frau Hofmann sehen. Wie lautet die Zimmernummer?«

»Das ist die 313«, antwortete die Hotelmanagerin prompt. »Ein besonders ruhiges Zimmer, wie sie es verlangt hat, wir haben die Zimmer erst kürzlich komplett renoviert, neues Bad, neue Betten und Matratzen, man muss halt was tun, man darf nicht stehen bleiben, die Konkurrenz schläft nicht. Soll ich mitkommen, Herr Kommissar?«

Rubin zögerte keine Sekunde. »Vielen Dank, Frau Seifert, machen Sie sich bitte keine Mühe.«

4

Rubin und Freitag stiegen in den Lift. Dem Golden Retriever war der ruckartige Start nicht geheuer, er fiepte und wollte wieder hinaus, reckte verzweifelt den Kopf zu Rubin, der ihn durch Kraulen und Gutzureden zu beruhigen versuchte. Das gelang so halbwegs, bis der dritte Stock erreicht war. Dann war Freitag wieder glücklich in Freiheit.

Gerade als Rubin mit dem Golden Retriever im Flur des dritten Stockwerks vor Zimmer 313 anhielt, kam Carl Bernstein freudestrahlend um die Ecke gebogen.

Freitag sprang begeistert an ihm hoch. Bernstein schien nur auf die Begrüßung durch Freitag gewartet zu haben und knuffte und puffte den Golden Retriever, der sich vor Freude gar nicht mehr einkriegen konnte.

Bernstein trug an diesem Morgen einen beigefarbenen, kunstvoll zerknitterten Leinenanzug und darunter eine längs gestreifte offene Weste über einem kragenlosen Grandpa-Shirt in Türkis. An seinen Füßen steckten gelbe Espandrillos, die schon bessere Zeiten gesehen hatten. Er hatte sie vor Jahren auf einem Markt in Algier bei einem Berber aus dem Saharaatlas erstanden. Auf dem Kopf trug er einen Strohhut mit breitem Hutband im Tigermuster, in dem, wie eine einsame Antenne, eine Habichtsfeder steckte.

»Guten Morgen, bester Rubin, alter Räuberhauptmann!«

Die beiden Schulfreunde begrüßten sich kurz und herzlich.

»Hast du dich heute Morgen in einem Verlies angekleidet, oder hat die Polizei eine neue Kleiderordnung?«, fragte Bernstein mit Blick auf Rubins verknöpftes Hemd.

Der konnte es schon nicht mehr hören und ging nicht auf Bernsteins Worte ein. Stattdessen fragte er: »Und du, was führt dich hierher? Erzähl mir nicht, dass du dich zufällig ins Hotel verlaufen hast!«

»Mein Bester, Zufälle gibt es nur in einem Spiel mit klaren Regeln. Doch das Spiel, das wir spielen, kennt keine Regeln, und folglich auch keine Zufälle.«

»Komm schon, raus mit der Sprache!«

»Bei allen Detektiven und Inspektoren! Ich weiß auch nur das, was mir ein zauberhaftes Vögelchen heute früh sanft zugezwitschert hat.« Er deutete auf das Türschild der einen schmalen Spaltbreit offen stehenden Tür. »Und das ist, wenn mich nicht alles täuscht, das Zimmer der Vermissten. Stimmt’s, oder hab ich recht?«

»Hat dir das auch das Vögelchen gezwitschert?«

»Ein anderes«, sagte Bernstein und wies auf das Ende des Flurs, wo eine junge Frau in einem weißen Kittel zerknitterte Bettlaken in einen Kleidersack stopfte. »Das ist Jamuna aus Bangladesch. Zwar lässt mein Bengalisch zu wünschen übrig, doch dasselbe trifft auch auf ihr Deutsch zu. Mit anderen Worten: Wir haben uns prächtig unterhalten.« Er beugte sich vornüber und spähte durch den Türspalt. »Sieht ziemlich chaotisch aus in der Räuberhöhle. Besser, wir gehen der Sache auf den Grund.«

Er wollte gerade seinen Fuß über die Türschwelle setzen, da hielt ihn Rubin am Arm zurück. »Halt, Bernstein! Das ist eine polizeiliche Ermittlung. In wenigen Minuten wird die Spurensicherung hier sein.«

Bernstein schürzte die Lippen. »Oh, wie aufregend! Hast du schon eine offizielle Vermisstenmeldung veranlasst?«

Tja, genau das war der Punkt. Eins zu null für Bernstein. Rubin schüttelte den Kopf.

»Na, siehst du, wo nichts ist, da kann ich auch keinen Schaden anrichten. Und wie heißt das alte Bad Löwenauer Sprichwort? Vier Augen sehen mehr als zwei, vier Hände greifen mehr als drei, und vier Füße laufen fast so flink wie Freitag.«

Mit diesen Worten enterte Bernstein das Zimmer und hing seinen Strohhut an die Garderobe links vom Eingang. Rubin folgte mit dem Golden Retriever. Das Erste, was der Hauptkommissar tat, als er im Vorraum des Zimmers mit dem dunklen Holzschrank und dem Ganzkörperspiegel stand: Er schloss die Tür hinter sich, zog sein Hemd aus der Hose und sorgte endlich für Ordnung in der schiefen Knopfreihe.

Danach fühlte er sich wie ein neuer Mensch.