Umschlag

Nach zwei Leben als Kampfpilot und in der Industrie begann Hannsdieter Loy ein drittes: das Krimischreiben. Sein erster Thriller »Der Lächler« wurde 2003 veröffentlicht. Neben der im Emons Verlag erschienenen Rosentrilogie – »Rosen für eine Leiche«, »Rosenschmerz«, »Rosenmörder« – »Spiel des Todes«, eine Liebestragödie, »Sakramentisch!«, eine Gaunerkomödie, und »Kirchwies«, ein Landkrimi, hat er sein Leben als Starfighterpilot in »Jahre des Donners« beschrieben. Zum Ausgleich übersetzt er englischsprachige Liebesromane ins Deutsche. HDL lebt in Oberbayern.
www.oberbayern-krimi.de
www.starfighter-der-roman.de

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.

© 2013 Hermann-Josef Emons Verlag
Alle Rechte vorbehalten
Umschlagmotiv: iStockphoto.com/repistu
Umschlaggestaltung: Tobias Doetsch
eBook-Erstellung: CPI – Clausen & Bosse, Leck
ISBN 978-3-86358-280-7
Originalausgabe

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München, 2. bis 25. August 1997

Er spürte einen beißenden Schmerz. Er kam von nirgendwoher und fuhr direkt durch ihn hindurch. Als steche jemand mit glühenden Nadeln in die empfindlichsten Punkte seines Körpers. Als der Schmerz wieder nachließ, waren zwanzig Minuten vergangen. Ein heftiger Regenschauer trommelte gegen das Wohnzimmerfenster, das auf den belebten Elisabethplatz hinausging.

Dieser Schmerz beherrschte ihn immer häufiger. Er war so etwas wie sein Herr geworden, dem er bedingungslos ausgeliefert war und dem er zu gehorchen hatte. Er stand auf, streckte den Rücken und dachte nach.

Joe Ottakring steckte in abgewetzten Jeans, die von hellen Hosenträgern gehalten wurden. Darüber trug er eine schwarzsamtene Trachtenweste mit zwei seitlichen Innentaschen und silberfarbenen Knöpfen. Ende des Jahres würde er seinen siebenundvierzigsten Geburtstag feiern, falls seine Kreuzschmerzen ihn nicht vorher umbrachten. Tiefe Tränensäcke ließen ihn bei genauerer Betrachtung älter wirken. Außerdem war Ottakring ein ehrgeiziger Mordermittler, er war ziemlich belesen und ziemlich verliebt. Er bewohnte eine geräumige Altbauwohnung im dritten Stock eines Achtzehn-Familien-Hauses im Münchener Norden. Die drei Meter hohen Räume waren mit wertvollen Gemälden bestückt, und Ottakring fuhr – wenn er fuhr – einen sechs Jahre alten orangefarbenen Sportwagen deutscher Fabrikation mit zweihundertfünfzig PS.

Der Kriminalrat hatte sich – wie meist am Wochenende – Arbeit mit nach Hause genommen. Unter anderem hatte er auf der Dienststelle angeordnet, zu jeder Zeit über alle greifbaren Kapitalverbrechen im mitteleuropäischen Raum informiert zu werden. Die Presseartikel darüber wollte er jedes einzelne Mal vorgelegt bekommen, um sich einen Überblick auch über den eigenen Tellerrand hinaus zu verschaffen.

Er ging in die Küche und goss sich ein Weißbier ein. Er öffnete das Küchenfenster – Küche mit Balkon und Blick auf den Innenhof – und lauschte für ein paar Sekunden dem eintönigen Trommeln des Regens auf dem Ziegeldach. Dann ging er ins Wohnzimmer zurück, nahm den Artikel aus dem Mattino di Padova zur Hand und las die Übersetzung.

 

Artikel

Joe Ottakring nahm einen weiteren Schluck aus dem schlanken Weißbierglas und besah sich das abgedruckte Foto unterhalb des Zeitungsartikels.

Die Frau hatte dunkles Haar und hohe Wangenknochen, ihre Augen waren geschlossen. Das Bild wirkte fast friedlich, doch Ottakring wusste, wie die Maskenbildner ein Gesicht verändern konnten, bevor es für die Öffentlichkeit freigegeben wurde. Das war märchenhaft.

»Bitte dranbleiben!«, notierte Ottakring an den Rand der Seite.

Zurück im Wohnzimmer, legte er den Ausschnitt in den Schnellhefter für den nächsten Tag und nahm eine gerahmte Fotografie von dem Sideboard neben der Tür. Lola auf einem Baumstamm sitzend. Das Bild stammte von ihrem ersten gemeinsamen Bergausflug im Frühjahr. Sie trug ein kariertes Hemd über kurzen Hosen und hatte einen Pullover über die Schultern gehängt. Ihre Augen strahlten ihn an.

Ottakring lächelte zurück und stellte das Foto wieder an seinen Platz. Dann durchzuckte ihn ein Gedanke.

Er kramte die Textstelle aus dem Mattino noch einmal hervor. »Sofort vorlegen, wenn identifiziert!«, merkte er zusätzlich an.

Drei Wochen später legte Ottakring die Stirn in Falten. Er fand den aktuellen Mattino auf seinem Schreibtisch.

 

Artikel

Südtirol, Gründonnerstag, 9. April 1998

»Wenn Engel reisen. Da schau hin, Giorgio.«

Giorgio hatte verstanden. Seine Augen folgten der Richtung ihres gestreckten Arms und Zeigefingers.

Amelie war in die Hocke gegangen. Ihre rechte Hand legte sich auf den Rücken ihres Hundes. Mit trillernden Fingerspitzen deutete sie an, welches unerwartete Glück sie hatten. Von Gargnano nach Riva hatte sie ein Lieferwagen mitgenommen, und nun schien ein ausgewachsener Laster auf sie zu warten.

»Schau, dort!«

Dort, das hieß gut fünfzig Meter vor ihnen auf der rechten Straßenseite, wo der Lkw hielt. Sein Motor lief, das Verdeck vibrierte leicht.

Es war ein unverschämt schöner Apriltag, wie im Sommer daheim in Innsbruck. Dabei war es erst Gründonnerstag. Ein paar saubere Schönwetterwölkchen schwebten am kornblumenblauen Himmel, ein Lüftchen verhinderte noch größere Hitze. Es duftete nach frischem Grün, und Amelie bildete sich ein, das Wasser des Gardasees bis hierher riechen zu können.

Giorgio bellte dreimal auf und zog an der Leine. Die Tür des Lkws hatte sich einen Armbreit geöffnet, der Fahrer schaute zu ihnen her. Amelie warf den Rucksack halb über die Schulter. Giorgio zog wie verrückt. Die Zunge hing ihm bis zum Boden, und die Augen fielen beinahe aus den Höhlen.

Giorgio war ein knapp vierjähriger hellbrauner Terriermischling mit Schlappohren, wuschelig von vorn bis hinten. Er ging Amelie bis zum Knie. Amelie war zwanzig Jahre alt, trug Jeans, hatte eine marineblaue Jacke über einem gestreiften hellen Top an und fast nur Bücher im Rucksack. Ihre Gesichtszüge waren regelmäßig, wenn man sie auch nicht unbedingt schön nennen konnte. Das Gesicht war von einer karottenroten Mähne umrahmt, die bis über die Schultern reichte. Die unvermeidliche Sonnenbrille war hochgeschoben und klebte im Haargestrüpp. Als sie den Fahrer anstrahlte, kamen zwei Reihen Zähne zum Vorschein, die ebenmäßig und weiß wie die eines Kindes waren. Ihre Augen im gebräunten Teint waren von einem tiefen Enzianblau und leuchteten mit den gleichfarbigen Ohrringen, die zu beiden Seiten des Gesichts baumelten, um die Wette.

Amelies Augen blitzten nur so vor Gesundheit und guter Laune. Sie strahlte, ohne es wahrzuhaben, eine naive und urwüchsige Sinnlichkeit aus.

»Wohin wollt ihr?«, rief der Fahrer.

Amelie war etwas außer Puste. Der Hund hechelte und wedelte mit dem Schwanz.

»Nach Innsbruck«, rief sie lachend zu ihm hinauf. Ihr tirolerischer Akzent war unüberhörbar.

Der Fahrer nickte. Trotz eines wilden Mehrtagesbarts kam er ihr vertrauenerweckend vor. »Passt. Steigt ein.« Er beugte sich hinüber und warf die Beifahrertür auf.

Das Mädchen und der Hund rannten um die Motorhaube herum. »Darf der Hund mit?«, fragte Amelie vorsichtshalber.

Der Fahrer lachte laut. Das machte ihn noch sympathischer. »Würdest du denn ohne Hund einsteigen?«, rief er hinunter.

Sie schüttelte den Kopf, während er ihr die Hand hinhielt.

»Na siehst du«, sagte er und zog die Hand wieder ein, als sie nach der Haltestange griff und sich mit dem Hund auf dem anderen Arm die drei Stufen zum Führerhaus emporhangelte.

Amelie setzte Giorgio am Fußboden ab und lehnte sich zurück.

»Anschnallen!«, befahl er.

Erst dann setzte sich der schwere Truck in Bewegung. Das Radio lief leise. Kurze Zeit später waren sie schon auf der Autobahn. Amelie legte Giorgio die flache Hand auf den Kopf. Das beruhigte ihn. Er ruckelte sich flach auf dem Boden zwischen ihren Füßen in eine geeignete Ruheposition.

»Wo kommt ihr her?«, fragte der Fahrer. »Ich heiße übrigens Thorsten.«

Amelie wollte nicht einfach so auf Anhieb persönliche Details preisgeben. Sie schwieg.

Er warf einen flüchtigen Blick herüber. Er sagte nichts. Dann angelte er mit einer Hand eine Zigarette aus der Packung, steckte sie in den Mund und zündete sie mit derselben Hand an. Am Mund hatte er eine kleine Narbe.

Die Auffahrt hatte Rovereto Nord geheißen, nun näherten sie sich Trento. Der Motor brummte gleichmäßig, sie fuhren exakt fünfundachtzig Stundenkilometer. Beiderseits der Autobahn breiteten sich weite Apfelplantagen aus, die Blüte ließ noch auf sich warten. Amelie machte die Fahrt nicht zum ersten Mal, sie kannte sich aus.

Den Rucksack hatte sie neben Giorgio abgestellt. Sie öffnete ihn und holte zwei Äpfel heraus, die ihr die Großmutter mitgegeben hatte.

»Möchten Sie einen?«, fragte sie den Fahrer. »Thorsten?«

Er grinste, schüttelte den Kopf und wippte die brennende Zigarette ein paarmal im Mund auf und ab.

»Wie heißt denn dein Hund? Verrätst du mir wenigstens das?«

»Giorgio«, nuschelte Amelie apfelkauend.

»Wie?«

Sie schob den unzerkauten Rest in die andere Wange. »Giorgio.«

Eine Zeit lang unterhielten sie sich über den Hund.

»In Brixen muss ich runter«, sagte er plötzlich und sah ihr in die Augen.

»Wie, runter?«, fragte sie überrascht. Brixen kam hinter Bozen, das fünfundzwanzig Kilometer vor ihnen lag.

»Na, von der Autobahn runter. Richtung Bruneck. Ich muss in Bruneck was abliefern.« Wieder sah er sie direkt an.

Sein Blick löste etwas in ihr aus, was ihr den Magen zusammenzog. Das gleiche Gefühl hatte sie verspürt, als im vergangenen Jahr vor ihren Augen eine Katze überfahren worden war. Deren Eingeweide waren bis zu ihr hingespritzt und hatten ihre Schuhe beschmutzt. Eine leichte Unruhe begann in ihr aufzusteigen.

Verstohlen schaute sie noch einmal hin. Seine Augen waren blau oder grau oder grün, schwer zu sagen. Der Mund war leicht geöffnet, als ob er gleich etwas sagen wollte. Sein Gesicht war mit kleinen Vertiefungen überzogen, und zwischen den Augenbrauen in dichtem Weizenblond hatte sich eine einzige senkrechte Falte gebildet. Als ob er über etwas nachdachte oder sich über etwas ärgerte. Doch – obwohl Amelie keine war, die rasch Vertrauen fasste – wirkte der ganze Kerl auch jetzt nicht wirklich furchterregend.

Giorgio zu ihren Füßen hatte sich zusammengekuschelt. Der Dreihundert-PS-Motor vor ihnen brummte. Gollek rauchte in hastigen Zügen die nächste Zigarette.

»Was müssen Sie denn dort abliefern?«, fragte Amelie, um die Stille zwischen ihnen zu unterbrechen.

Er zuckte mit den Schultern und nahm einen hastigen Zug. Es war, als müsste er überlegen. »Ich habe Fahrräder geladen. Mountainbikes. Mountainbikes und Fahrradteile.« Ein schelmischer Zug legte sich über sein Gesicht. »Magst mithelfen beim Abladen?«

Sie zog eine Schnute. »Ich übernehm dann die Ersatzteile. Giorgio kümmert sich um die Fahrräder«, sagte sie leichthin und kicherte verlegen. »Er beißt so gern in Reifen.«

Er verzog das Gesicht zu einem Lächeln und nickte wortlos. Auch sie schenkte ihm ein unbeachtetes Lächeln.

Der Verkehr wurde dichter. Sie näherten sich der Abzweigung vor Bozen, an der es links nach Meran und rechts nach Innsbruck ging. Gollek hielt sich rechts. Seine Finger trommelten auf das Lenkrad, das einen hellen Schutzbezug hatte. Hinter hässlichen Fassaden, die sich mitten in einem Gewerbegebiet auftürmten, legte die Sonne einen violetten Lichtschein über ein dunkles Tal, an dessen Ende eine halb verfallene Burg emporragte.

Giorgio hatte sich unbemerkt auf den Weg gemacht und sich im Raum zwischen den beiden Sitzen niedergelassen. Thorsten nahm die rechte Hand vom Lenkrad und ließ sie auf seinen Oberschenkel gleiten. Er trug grobe Leinenhosen mit Seitentaschen. Dann wanderte die Hand weiter über Giorgios flockigen Körper.

Amelie wollte nicht, dass ein fremder Mensch ihren Hund berührte. Sie langte hinüber und versuchte Giorgio wieder an seinen Platz zu zerren. Golleks Hand kam ihr entgegen. Sie berührten sich. Wie von der Tarantel gestochen zuckte sie zurück.

»War das Absicht?«, fragte sie ihn.

»War was Absicht? Was meinst du?«

Dass Sie mich mit der Fingerspitze berührt haben, wollte sie ihn fragen. Aber sie kam sich selbst lächerlich dabei vor. »Ach, nichts«, sagte sie stattdessen.

Sie spürte eine wachsende innere Erregung und kannte den Grund nicht. Der Mann war freundlich. Er benahm sich normal. Er wollte ihr und dem Hund schließlich helfen und hatte sie mitgenommen.

Trotzdem.

War das die berühmte weibliche Intuition, von der ihre Großmutter so viel hielt? Kind, pflegte sie zu predigen, folge deinem Bauchgefühl. Greif zu, wenn du von etwas oder von jemandem freudig gestimmt wirst. Und sei vorsichtig, wenn du ein schlechtes Gefühl im Magen hast.

Amelie hatte solch ein schlechtes Gefühl. Sie blickte auf ihre Hände. Etwas an der Art, wie er sie anschaute, weckte den Argwohn in ihr. Sie überlegte, woran das liegen mochte. Blödsinn, sagte sie sich. Ich sehe Gespenster. Was sollte sie schon tun? Was hätte sie dagegenzusetzen? Sollte sie in die Bremsen treten? Den Zündschlüssel umdrehen? Dem Mann in die Eier treten?

Sie brachte kein Wort über die Lippen. Großmutter hätte gesagt: Es war einer jener Augenblicke, in denen man nichts zu sagen weiß, obwohl es so viel zu sagen gäbe.

Verstohlen blickte Amelie aus dem Seitenfenster. Vertraute Landschaft – Berge, Täler, Kirchen, Dörfer – zog langsam vorbei. Sie war vier Tage zu Besuch bei den Großeltern gewesen. Hatte als Bedienung in deren kleinem Strandcafé in Gargnano direkt am Gardasee ausgeholfen. Sie war oft und gern bei den Großeltern. Ihr Vater stammte aus Gargnano. Er war Professor an der Uni Innsbruck, die Mutter arbeitete ganztags in einer großen Finanzberatung. Amelie war im Wesentlichen selbstständig, und das genoss sie. Sie spielte Tischtennis im Verein, hatte dabei ihren ersten Freund kennengelernt, ein Tiroler wie sie. Zurzeit war sie unbemannt und konzentrierte sich voll auf ihr Studium und das Sporttraining. Nun freute sie sich auf zu Hause, auf Ostern und die Zeit mit den Eltern und ihrem jüngeren Bruder, der aufs Gymnasium ging.

Ein urplötzlicher Bremsruck riss sie aus ihren Gedanken.

»Blödes Schwein!«, fluchte Thorsten. Er hatte das Lenkrad herumgerissen und war voll in die Bremsen gestiegen, um einem Pkw auszuweichen, der knapp vor ihnen eingeschert war. Mit einem lauten, langen Hupton setzte Thorsten noch eins drauf.

Amelie konnte nicht verhindern, dass Giorgio hart gegen die vordere Bordwand prallte und laut zu kläffen anfing. Sie warf Thorsten einen intensiven Blick zu. Er war blond, kräftig gebaut und mochte um die vierzig sein. Er hatte volle Wangen und eine hohe Stirn, schmale Lippen und eine schmale Nase, deren Spitze zaghaft nach oben zeigte, und im Gegensatz dazu ein energisches Kinn. Die Falte zwischen den Augenbrauen hatte sich geglättet.

Harmlos, redete sie sich ein.

Trotzdem war da eine Spannung zwischen ihnen, die sie sich nicht erklären konnte. Sie spürte ihr Unbehagen wachsen. Wenn sie abgebogen waren und Richtung Bruneck fuhren, wollte sie entscheiden, ob sie Giorgio und ihren Rucksack packen und aussteigen würde. Doch dann hockte sie in Bruneck. Gut, sie könnte Dad anrufen. Er würde sie bestimmt abholen, egal von wie weit her. Sofort jedoch hörte sie im Geiste sein gescheites »Siehst du? Ich hab’s doch gleich gesagt«.

»Mein Vater ist der Polizeipräsident von Innsbruck«, hörte sie sich sagen. Sie hatte sich die Lüge nicht lange überlegt, sie platzte einfach damit heraus, ohne zu wissen oder zu ahnen, welche Richtung die Konversation damit einschlagen würde.

Er nahm den Blick von der Straße und sah sie flüchtig an. Sie hatte den Eindruck, dass sich seine Miene für einen kurzen Augenblick verfinsterte. Doch dann formte sich ein amüsiertes Lächeln in den Mundwinkeln.

»Aha, hast du dich also doch durchgerungen, deine Familiengeschichte zu erzählen. Du bist also Österreicherin, nicht? Das habe ich gleich herausgehört.«

»Tirolerin«, warf sie ein. Sie wollte nicht mit Wienern in einen Topf geworfen werden.

»Und dein Vater ist der Chef der Polizei. Interessant. Kannst nachher weitererzählen. Wir müssen gleich abbiegen. Und dann kommen dreißig Kilometer Landstraße. Da muss ich mich konzentrieren. Und vorher noch kurz durchfunken.«

Er griff nach rechts zwischen die Sitze und schaltete die Musik aus. Er hob den Arm und deutete nach vorn. »Bressanone. Da vorn. Ausfahrt Brixen. Da müssen wir raus.«

Das klang alles sehr normal. Wieso regte sie sich auf?

Giorgio zu ihren Füßen hatte sich zusammengerollt und schlief. Tiere wittern Gefahr, sagt man. Wenn Giorgio recht hat, sind wir nicht in Gefahr. Warum ist eigentlich dieses Gefühl über mich gekommen? Ich sitze in einem deutschen Lkw mit einem absolut vertrauenswürdig wirkenden Fahrer, der mich samt Hund mitgenommen hat und freundlich ist. Der in diesem Moment die Autobahn verlässt, um ein paar Kilometer weiter einen Auftrag zu erfüllen. Der danach wieder ebenso sicher nach Brixen zurückfahren und mich und Giorgio eine gute Stunde später in Innsbruck abladen wird. Von dort komme ich irgendwie nach Hause. Es ist ja nicht das erste Mal, ich bin jedes Mal ohne Probleme heimgekommen.

Amelie Bartz atmete tief aus und lehnte sich zurück. Ihre Unruhe begann sich zu legen. Vollkommen unbegründet, redete sie sich ein.

* * *

Thorsten Gollek hatte es im Gespür, dass die Kleine etwas witterte. Er selbst wusste noch nicht, was, wie und wo. Doch dass er mit ihr etwas anfangen würde, wusste er, seit sie eingestiegen war.

Verstohlen blickte er über die Schulter nach hinten, wo die Koje verdeckt hinter einem dunkelgrauen Vorhang lag. Gut, dass er ein ausladendes HSV-Banner davorgehängt hatte, so fiel die Schlafkabine weniger auf. Als ob er geahnt hätte, dass er Frischfleisch laden würde.

Es war wie ein Fieber, das ihn packte. Er durfte gar nicht darüber nachdenken. Vor der Sache in Verona im Sommer letzten Jahres hatte er Hemmungen gehabt. Anhalterinnen hatte er schon immer auf seinen Fahrten durch ganz Europa mitgenommen. Doch früher hatte er sie mit anderen Augen betrachtet. Er hatte auch damals mit einigen geschlafen, die freiwillig mitgemacht hatten. Es war allerdings von Jahr zu Jahr schwerer geworden. Seit Verona aber wusste er, wie einfach es sein konnte, sich zu holen, was er wollte. Er spürte den besonderen Kick dabei. Als er die Kleine vorhin mit ihrem Hund am Straßenrand hatte stehen sehen, hatte ihn dieses Fieber wieder gepackt. Wie ein Blitz war es durch seinen Körper gefahren und hatte ihn zum Glühen gebracht: Die isses!

»Mein Vater ist Polizeipräsident!« Ihre Stimme hatte gezittert, als sie es sagte. Nie und nimmer war ihr Vater Polizeipräsident. Sie hatte nur plötzlich Angst bekommen und etwas Niedliches erfunden. Doch wovor hatte sie Angst bekommen? Er war zum Haareausreißen scheißfreundlich gewesen. Sogar zu dem Scheißköter war er freundlich gewesen.

Routinemäßig brachte er den Ausfahrtkringel von Brixen hinter sich. Am Stoppschild hielt er an und bog nach rechts ab. Bruneck 28 km.

Thorsten Gollek hatte Herzklopfen. Draußen war es windig, die Büsche und Bäume neigten sich. Er sah auf die Uhr. Es war Viertel vor fünf.

»Polizeipräsident?«, fragte er in die Stille hinein. »Dein Vater?« Es fiel ihm schwer, sich das vorzustellen.

»Ja, und wenn ich nicht rechtzeitig daheim bin, wird er nervös werden. Er ist sehr ängstlich, was mich angeht. Ich habe von Gargnano aus zu Hause angerufen, und er kann sich ja ausrechnen, wie lange es dauert.«

»Aha. Von Gargnano kommst du also. Und was hast du dort gemacht?«

Aus dem Augenwinkel notierte er, wie sie die Arme vor dem Körper verschränkte und die Haare zurückwarf. Wieder faszinierte ihn ihre rote Mähne. Es würde ihm großen Genuss bereiten, mit gespreizten Fingern durchzufahren. Ein körperliches Wohlbehagen kroch ihm in die Glieder, wenn er sich das vorstellte.

»Ach, ich habe jemanden besucht«, unterbrach sie seine Phantasie. »Nichts von Bedeutung. Und ich will bald nach Hause. Wie lange werden Sie mit dem Entladen brauchen?«

Tja, wie lange würde er brauchen? Er musste sich eingestehen, dass er überhastet und ohne Plan gehandelt hatte. Am liebsten hätte er jetzt eingeparkt, die Hände im Nacken verschränkt und nachgedacht. Doch dazu war es zu spät. Er musste handeln.

* * *

»Was tun Sie da? Wo wollen Sie hin? Warum wenden Sie? Wir sind doch noch nicht in Bruneck!« Amelie geriet außer sich vor Angst. Sie spürte, wie ihre Augen sich langsam mit Tränen füllten. Vergeblich rüttelte sie an der Tür. Er musste sie verriegelt haben, während er gewendet hatte. Nun fuhr er zurück Richtung Brixen.

»Ich möchte dir nur ein bisschen die wunderschöne Aussicht zeigen. Wir fahren dort hinauf«, er zeigte nach Norden auf einen bewaldeten Höhenrücken. »Wir befinden uns im Pustertal, und da drunten der Fluss, das ist die Rienz. Sie ist eiskalt …«

Zuerst stockte ihr der Atem. Dann nahm sie alle Luft zusammen und schrie unter Tränen hinaus: »Ich weiß, wo wir sind! Scheiß-Pustertal!«

Giorgio schien zu spüren, was los war. Er wuselte am Boden herum und machte einen Höllenlärm.

Amelie warf sich mit ihrem ganzen Gewicht zur Seite und griff mit beiden Händen ins Steuer. Mit großer Energie versuchte sie, es herumzureißen. Doch gegen seine urwüchsige Kraft hatte sie keine Chance. Er wischte ihre Hände weg wie ein Blatt Papier. Und er nutzte diese Kraft nicht nur, um sie abzuwehren. Er holte aus und schlug ihr mit dem Handrücken ins Gesicht.

»Halt’s Maul!«, brüllte er.

Für einen Augenblick spürte sie keinen Schmerz. Sie war so überrascht, dass ihr Herz auszusetzen drohte. Alles Blut wich ihr aus dem Gesicht. Ihre Hand fuhr über die Wange. Sie kam blutig zurück. Die Nase blutete.

Der Hund gebärdete sich wie rasend. Wie ein wildes Tier fletschte er das Gebiss und wollte sich auf die Beine des Fahrers stürzen, die in dicken Stiefeln steckten. Doch ein kräftiger Tritt traf seinen Unterkiefer. Er überschlug sich nach hinten und blieb benommen liegen.

Besorgt strich ihm Amelie über den Kopf. Giorgio öffnete die Augen, zitterte am ganzen Leib, blieb aber liegen.

Am liebsten hätte Amelie die Hände vors Gesicht geschlagen und wäre in verzweifeltes Jammern ausgebrochen, so wehrlos fühlte sie sich. Der Mann hatte eindeutig schlechte Absichten. Sehr schlechte wahrscheinlich. Sie war ihm hilflos ausgeliefert. Hilflos? War sie das? Mit einem Mal wurden all ihre Überlebensinstinkte geweckt.

Ihr kleines Reisebesteck mit Schere und Nagelfeile war tief unten im Rucksack unter den Büchern verborgen. Am Körper trug sie nichts Derartiges. Doch neben der Tür war ein spitzer Nothammer befestigt, mit dem man im Notfall die Scheibe einschlagen konnte. Sie warf einen schrägen Blick darauf.

»Lass das!«, ertönte rau die Stimme von gegenüber. »Ich bin schneller.«

* * *

»Los, geh voran. Ich zeig dir die Landschaft. Und das Tal. Und die Rienz. Und falls dir kalt wird – hier ist eine Decke.«

Er hatte den überlangen Lkw auf einen Waldparkplatz gefahren. Glück gehabt. Der Platz war leer, und auch unterwegs war wenig Verkehr gewesen. Thorsten Gollek wusste, was er wollte. Er wollte das Mädchen nicht töten. Doch für alle Fälle, um sie gefügig zu machen, hatte er sein Rasiermesser mitgenommen. Die Hülle hatte er im Lkw zurückgelassen. Von Kindesbeinen an war er beim Nassrasieren geblieben.

»Hier, nimm die Decke, hab ich gesagt. Trag sie.«

Amelie ging voran, er folgte ihr in Griffweite. Auf ihren Zügen hatte sich ein Ausdruck der Hilflosigkeit ausgebreitet. Sie schien um Jahre gealtert und im Gesicht grau geworden zu sein. Der Anstieg war nicht sehr steil. Doch beide atmeten sie heftig und hörbar.

»Ich kenne deinen Namen noch immer nicht«, rief er keuchend aus. »Wie heißt du, liebes Kind?«

»Der Hund«, wimmerte sie. »Ich darf ihn nicht allein lassen. Giorgio ist’s nicht gewöhnt, ohne mich zu sein.«

Der Wald wurde dichter. Es war ein fast undurchsichtiger Hoch- und Mischwald mit Fichten, Lärchen, Buchen, Bergahorn. Der Boden war dicht mit Blaubeersträuchern bedeckt. Farne streckten ihre langfingrigen Arme nach Amelies Beinen aus, die sich einen Weg durchs dichte Gestrüpp suchten.

»Der wird’s schon überleben, der Hund. Wir sind ja bald wieder zurück.« Tatsächlich hatte er daran allerdings seine Zweifel. Zumindest was das »bald« betraf.

In seiner Phantasie hatte er sie bereits ausgezogen. Er sah sie nackt den Berg hinaufgehen, ihr Hintern bewegte sich im Gleichmaß des Schritttempos hin und her. Wenn sie die Beine hob, um durchs Gebüsch zu kommen, meinte er ihr Geschlecht rötlich durchblitzen zu sehen. Das ungebändigte rote Haar streichelte die beweglichen Schulterblätter. Er war gespannt, wie sie in nacktem Zustand von vorn aussah. War sie rasiert? Die jungen Frauen heutzutage waren alle rasiert, oder? Die Vorstellung erregte ihn. Er musste aufpassen, dass es ihm nicht schon vorzeitig kam.

Sie erreichten eine Lichtung. Letzte Sonnenstrahlen brachen durch die Baumwipfel. Es wurde spät. Die Lichtung war nur von Nadeln, welken Blättern und kleinen Häufchen mit Zapfen bedeckt.

»Halt!«, befahl er laut und packte sie hart von hinten an der Schulter. Sie strauchelte und stützte sich mit einer Hand am Boden ab.

Ihre Hilflosigkeit machte ihn noch mehr an. Er rammte ihr sein Knie in die Seite, sodass sie vollends am Boden lag.

»Los, breite die Decke aus und leg dich drauf. Egal, wie du heißt. Leg dich auf die Decke und zieh dich aus.« Er beugte sich vor und strich ihr durchs Haar. »Du willst es doch auch, hab ich recht? Dass du ein geiles Stück bist, das versteckst du doch nur. Hab ich recht?«

* * *

»Amelie heiß ich«, schrie sie ihm entgegen.

Eine halbe Sekunde lang hatte sie überlegt, ihm einen falschen Namen hinzuwerfen. Doch was hätte das genutzt? Sie hatte von Vergewaltigungen in der Zeitung gelesen. Manchmal hatte sie es sich flüchtig vorgestellt, wie es sein würde, gewaltsam missbraucht zu werden. Doch nie ernsthaft, sie hatte es nie auf sich persönlich bezogen. Ihr würde das nie zustoßen, da war sie sich sicher gewesen. Keine Freundin in ihrer Umgebung hatte es je erleiden müssen. Soweit sie wusste. Wenn doch, wäre darüber bestimmt nicht gesprochen worden.

Sie stützte sich auf einem Ellenbogen ab und blickte ihrem Peiniger ins Gesicht. Was sie sah, war das, was sie bei ihrem Freund gesehen hatte, wenn er über ihr lag. Wilde, ungezügelte Erregung sprang ihr entgegen.

»Ausziehen, los!«

Gleichzeitig holte er aus und versetzte ihr einen Schlag mit der flachen Hand ins Gesicht. Es tat sehr weh, und sie glaubte, ihr halbes Ohr sei weggerissen. Sie hörte ein lautes Pfeifen, das blieb.

Dann schnappte ein Messer. Die Schneide blitzte auf. Amelie fielen die Augen aus dem Kopf. Mit einem mitleidlosen Ruck trennte er die Träger vom Top und schnitt den Gürtel durch.

Amelie war gelähmt. Weder konnte sie seinem Fordern nachgeben und sich ausziehen, noch fand sie die Kraft, sich zu widersetzen. Eines hatte sie begriffen: Es gab keinen Ausweg. Dieser Mensch würde sie vergewaltigen, und sie konnte nichts, aber auch gar nichts dagegen unternehmen.

Oder doch?

* * *

Er spürte ihre Hand im Nacken und ihre Finger, die unter den Kragen seines Hemdes schlüpften und sich bis zum Schlüsselbein vortasteten und wieder zurück. Sanfte Fingerkuppen strichen über sein nacktes Fleisch, wobei er deutlich ihre Fingernägel spürte. Offenbar war sie einverstanden, wahrscheinlich aus der Not heraus. Vorsichtshalber legte er das Messer zwar zur Seite, ließ es aber aufgeklappt.

»Heißt du wirklich Amelie?«, fragte er. Ein schöner Name.

Sie nickte nur. »Muss ich mich ganz ausziehen? Ich würde lieber den Slip anbehalten. Das geht doch auch mit Slip an.«

Ohne etwas zu erwidern, zerrte er an dem Slip, bis das dunkelblaue Höschen an der Seite riss und die gesamte Pracht ihres Unterleibs freigab. Vor Staunen und Lust blieb ihm die Luft im Hals stecken.

»Magst du es wirklich?«, krächzte er beinahe ungläubig und nur unter Mühen. Sein Hals war trocken.

Sie lag bewegungslos wie eine Leiche und starrte ihn aus riesigen Augen an. Dann lockerte sich etwas in ihrer Miene. »Ich mag’s am liebsten im Stehen«, brachte sie mühsam heraus. »Komm, lass es uns im Stehen machen. Liegen können wir nachher auch noch.«

Sie hatte sich hochgerappelt, beugte sich zu ihm und begann, sein Hemd aufzuknöpfen. Er ließ es widerspruchslos zu, stützte sich mit einer Hand ab und erhob sich. Dabei knöpfte er sich schon die Hose auf und streifte die Schuhe ab. Er tastete mit den Augen nach allen verführerischen Stellen ihres Körpers. Sie war so jung und frisch! Er streckte den Arm nach ihr aus und griff nach ihren Brüsten.

Von dem Hieb in den Unterleib und dem folgenden Stoß nach hinten wurde er auf ganzer Linie überrascht. Er geriet ins Taumeln und drohte den Halt zu verlieren. Es ging hangabwärts. Und plötzlich stand die nackte Frau vor ihm mit dem Rasiermesser in der erhobenen Hand.

»Hinlegen!«, schrie sie mit sich überschlagender Stimme. Aus ihren Augen schossen Blitze. »Sofort hinlegen. Sonst …«

Die Alternative blieb unausgesprochen. Doch die Verbindung aus ihrer Nacktheit, ihrer sichtbaren Angst und der Bedrohung bildeten ein Gemisch, das ihn fast zum Orgasmus führte. Er griff sich in den Schritt.

»Hinlegen! Zum letzten Mal. Sonst schneide ich dir den Schwanz ab, du Sau.«

Sie war niedlich anzuschauen, die Kleine. Plietsch, wie sie im Alten Land sagen, wo Gollek herkam. Ihre Schenkel glänzten, die Brüste wogten, sein Messer blitzte in ihrer Hand. Ringsum war es totenstill.

»Is gut, is gut«, warf er ihr mit schiefem Mund über die Schulter zu. »Beruhige dich.«

Dann war sie über ihm. Sie wollte ihm tatsächlich mit dem Messer an die Eier. Er spürte ihre Hand an seiner Hüfte. Die Schneide durchtrennte die Hose und drang tief in seinen Oberschenkel ein. Eine nackte Brust strich ihm um die Ohren.

Beides, der Schnitt und die Brust, ließen ihn jede Zurückhaltung, Scheu oder Vorsicht verlieren. Ein blitzschneller Zugriff, ein schwungvoller Ruck, und schon hatte er ihr das Rasiermesser entwunden. Mit vollem Gewicht rollte er herum und warf sich auf die zarte Gestalt, drückte sie zu Boden und hielt ihr das Messer an die Gurgel.

»So, jetzt ist’s aus! Du tust jetzt, was ich sage!«

Er hatte sich seiner Hose entledigt und drückte mit den Knien ihre Schenkel auseinander. Dass er aus der Schnittwunde am Oberschenkel blutete, spürte er nicht. Er war nur auf das eine konzentriert.

Über ihnen hob ein Specht an, ausgelassen zu klopfen.

Das Mädchen begann wie wild zu schreien.

Mit der Linken presste er ihr den Mund zu, während er mit der Rechten das Rasiermesser gegen den Hals drückte. Ihre Augen drohten zu platzen, das Blut pochte wie wild in ihrem Kopf. Mit aller Kraft wehrte sie sich und raste mit dem Kopf hin und her, um freizukommen. Durch die Hast ihrer Bewegungen rutschte das Messer ab und drang in den Hals. Blut pulsierte aus dem tiefen Schnitt. Amelie röchelte und schlug unter seiner starken Hand mit den Armen.

Als der Specht sein Werk vollendet hatte, röchelte sie nicht mehr. Alles war still im Wald.

Amelie Bartz starb mit seinem erschlafften Glied in ihrer Scheide und seiner Hand über ihrem Mund. Die scharfe Schneide des Rasiermessers hatte ihre Kehle durchtrennt und sich in den Knorpelspangen der Luftröhre festgefressen. Ihr Oberkörper war eine einzige Blutlache.

Thorsten Gollek hob die Decke vom Waldboden, umwickelte die Leiche und packte Amelies Kleider hinein. Sorgfältig suchte er den Waldboden ab, um keine groben Spuren zu hinterlassen. Dann nahm er das Paket auf die Arme und ging vorsichtig, um nicht gesehen zu werden, bergab, überquerte die Straße und ließ das Paket die Böschung hinunterrollen.

Weiße Gischt bestätigte ihm, dass sie im Fluss gelandet war. Die Decke war auf dem Weg nach unten im Ufergestrüpp hängen geblieben, aber das war ihm egal. Eines seltsamen Gefühls konnte er sich jedoch nicht erwehren. Ich zeig dir die Aussicht auf die Rienz, hatte er ihr gesagt. Und nun lag sie am Ende selbst darin.

Langsam, mit den Händen in der Tasche, ging er zurück zum Lkw. Er war sicher, dass er unbeobachtet geblieben war.

Giorgio, der Hund, erwartete ihn bellend. Er hatte Mühe, ihn zu bändigen.

Zwei Stunden später war er daheim in Rosenheim. Er hielt mit dem Lkw für kurze Zeit in einer Parkbucht nahe seinem Haus. Gollek sah an sich herunter. Er hatte sich sorgfältig abgestaubt, die Hose gewechselt und die Wunde verbunden. Helen durfte nichts merken. Er nahm den Hund auf den Arm, wehrte sich gegen seine aggressiven Bisse, konnte jedoch das Kläffen nicht verhindern. Dann leinte er ihn an und marschierte die paar Meter zu seinem Haus am Ende der Straße. Den Hund musste er am Hals hinter sich herziehen.

Helen öffnete auf sein Klingeln. »Karl schläft schon«, sagte sie nach einer flüchtigen Umarmung.

»Das ist gut«, sagte er. »Ich hab nämlich ein tolles Ostergeschenk für ihn. Schau her. Der ist mir unterwegs zugelaufen.«

München, Mittwoch, 15. April 1998

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Kaum hatte Joe Ottakring den Zeitungsausschnitt in die Hand genommen, überfiel ihn wieder dieser stechende Schmerz im Rücken. Er knickte zur Seite ab, hielt sich das Kreuz und knirschte mit den Zähnen.

Die Dämmerung war hereingebrochen, er war allein in der Direktion auf seiner Etage und in seinem Büro. Alle Mitarbeiter waren zu ihren Einsätzen und Ermittlungsaufgaben ausgeflogen. Nur zwei hatten regulären Feierabend gemacht. Von seinem Bürofenster aus konnte er die Türme der Frauenkirche erkennen. Er mochte es, und es beruhigte ihn, wenn große Vögel majestätisch um die beiden Zwiebelkuppeln kreisten und die Turmuhr zu jeder Viertelstunde schlug.

Ottakring schaltete ein Leselicht ein und überflog im Stehen noch einmal den Artikel, den er vom Pressesprecher erhalten hatte. Der hielt es zwar für Schwachsinn, dass der Chef der Münchener Mordkommission sich für Fälle interessierte, die sich außerhalb seines Zuständigkeitsgebiets ereigneten. Doch er respektierte die Marotte und bediente ihn aus lauter Freundschaft.

 

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Nachdenklich legte der Kriminalrat die Zeitungsmeldung zurück auf den Schreibtisch. Der Mord, auch wenn er noch so schrecklich war, haute ihn nicht gerade um. So etwas passierte jeden Tag. Doch nicht gerade im friedlichen Südtirol, wie er fand. Wer tat so etwas? Ein Bergbauer? Ein Landarzt? Ein Tourist? Das konnte er sich nicht recht vorstellen. Und es las sich auch nicht gerade wie eine Eifersuchtstat.

Ein Mädchen aus Innsbruck wurde im Pustertal ermordet im Bach gefunden. Die beiden Angler schieden seiner Meinung nach als Täter aus. Er war versucht, seine Tiroler Kollegen anzurufen und zu fragen, wie weit sie mit ihren Ermittlungen seien. Nicht, dass er nichts zu tun gehabt hätte. Der Raubmord an dem Münchener Juwelier und seiner Verkäuferin stand kurz vor der Aufklärung, und er hing als Ermittlungschef mittendrin. Außerdem hatte er sich außerplanmäßig in eine Polizeiaktion gegen Menschenhandel und eine andere gegen Kreditkartenbetrüger vom Balkan einspannen lassen. »Der Alte hat doch eine Macke«, flüsterten sich selbst die eigenen Mitarbeiter zu, wenn es um seine Eigenart ging, Meldungen von ausländischen Kapitalverbrechen zu sammeln.

Irgendwann würde es sich bezahlt machen, davon war er überzeugt. Er handelte nicht aus Neugier, sondern betrachtete seine kleine Sammlung als Vorarbeit für einen möglichen eigenen Fall. Laufend machte er sich Notizen. Jedes Mal, wenn er von einem neuen Kapitalverbrechen erfuhr, das sich in Mitteleuropa abgespielt hatte, erfasste ihn eine gewisse Unruhe. Als ob eine Uhr zu ticken begonnen hätte. Als ob er von irgendwoher lautlose Alarmsignale gesendet bekäme.

»Das arme Kind«, flüsterte er lautlos. Und noch etwas anderes kam ihm bei der Beschreibung in den Sinn. »Die bedauernswerten Eltern.«

Ottakring fühlte sich müde. Manchmal hatte er das Gefühl, den falschen Beruf ergriffen zu haben. Nach einer Weile heftete er die Zeitungsnotiz zu den wenigen anderen, die er in einem Schnellhefter sammelte.

»Südtirol. Innsbruck«, murmelte er befremdet.

München, Montag, 20. April 1998

Der Anruf erreichte den Kriminalrat um fünf nach neun in der Früh.

»Polizeioberleutnant Spurny in Innsbruck. Grüß Gott, Herr Kollege. Sie haben nachgefragt, was aus dem Mordfall Amelie Bartz geworden sei.« Der Oberleutnant hustete verhalten.

Joe Ottakring war durchaus bewusst, was jetzt folgen würde. Immer kommt erst ein verhaltenes Husten, bevor’s ans Eingemachte geht, dachte er. Er war auf eine naive Art gewappnet.

»Bittschön, wir haben ja nix dagegen, wenn man sich in unsrem verehrten Nachbarland für unsere Fälle interessiert …«

Und jetzt wird ein dickes Aber am Horizont erscheinen, sah Ottakring schon kommen.

»… aber wofür brauchen S’ denn des Material? Wollen S’ womöglich die Seiten wechseln?«

Ottakring erklärte es dem Oberleutnant. Er habe ein rein wissenschaftliches Interesse an dem Fall. Falls irgendwann einmal die unwahrscheinliche Möglichkeit einträte, dass über die Grenzen hinweg ein Tatbestand dem anderen gleiche. Nur für eine solche Eventualität. Nein, er würde die Details selbstverständlich zu nichts anderem verwenden. Und wenn er sie jemals verwenden sollte, würde er den Herrn Oberleutnant selbstverständlich vorher informieren. Ja, selbstverständlich.

Da war der bayerische Kriminalrat hartnäckig. Wie erschöpft und mutlos er auch ab und zu sein mochte, so verlor er doch niemals die Kontrolle über seinen inneren Richtungsweiser.

»Ihr Fall ist ja schließlich noch nicht gelöst«, fügte er hinzu. »Und falls er über längere Zeit nicht gelöst werden sollte, kann mein Gedanke doch einmal eine Rolle spielen, oder?«

»Sie meinen also, falls derselbe Täter auch in Ihrem Revier einmal zuschlagen sollte?«

»Genau.«

Damit hatte Ottakring den Tiroler auf seiner Seite. Niemand rechnete zwar damit, dass die Polizei den Fall Amelie nicht in akzeptabler Zeit aufklären würde. Aber für alle Fälle.

»Also, ich lasse Ihnen dann den Obduktionsbericht zukommen«, schloss Oberleutnant Spurny. »Ist nicht sehr delektabel zu lesen. Setzen Sie sich vorher besser hin.«