Umschlag

Jutta Mehler, Jahrgang 1949, hängte frühzeitig das Jurastudium an den Nagel und zog wieder aufs Land, nach Niederbayern, wo sie während ihrer Kindheit gelebt hatte. Ihre Romane und Erzählungen basieren häufig auf authentischen Lebensgeschichten; für ihre Kriminalromane bevorzugt sie den Schauplatz Niederbayern.
www.jutta-mehler.de

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.
 
Dieser Roman wurde vermittelt durch die Aulo Literaturagentur.

© 2013 Hermann-Josef Emons Verlag
Alle Rechte vorbehalten
Umschlagmotiv: photocase.de/Francesca Schellhaas
Umschlaggestaltung: Tobias Doetsch
eBook-Erstellung: CPI – Clausen & Bosse, Leck
ISBN 978-3-86358-284-5
Originalausgabe

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»Ich werde älter und höre doch nicht auf,

immer noch viel zu lernen.«

Solon

Mittwoch, der 15. Juni

Nachmittags im Café Krönner

»Der Dichter ist tot«, platzte Hilde heraus, kaum hatte Thekla Zeit gefunden, sich auf dem dunkelroten Samt der Stuhlpolsterung niederzulassen.

Thekla verzog keine Miene.

Ganz im Gegensatz zu Wally. »Oh Gott, nein!«, rief sie entsetzt und presste beide Hände auf den Mund.

Thekla registrierte amüsiert, wie Hilde gespannt auf eine der Nachricht würdige Reaktion auch von ihr wartete. Doch anstatt auf Hildes Mitteilung einzugehen, verstaute sie gleichmütig ihre Sonnenbrille im Etui.

»Oh Gott, nein«, wiederholte Wally und starrte Hilde entgeistert an.

Solche Kulleraugen zu machen sollte sie sich lieber versagen, dachte Thekla schonungslos, wenn sie nicht vollkommen wie eine Kröte aussehen will. Eine Kröte mit lila Lidschatten, pinkfarbenem Lippenstift und kreisrunden Rougeflecken auf den Wangen.

»Heilige Muttergottes, der Dichter, der Dichter, der allseits verehrte Dichter …«, stammelte Wally.

Thekla rückte ihren Stuhl zurecht und lehnte sich entspannt zurück. Sie liebte die Wiener-Kaffeehaus-Atmosphäre im Krönner, deshalb – hauptsächlich aber wegen der Agnes-Bernauer-Torte – fand sie sich jeden Mittwochnachmittag hier ein, um sich mit Hilde und Wally zu treffen.

»Hast du gehört, Thekla«, sagte Hilde scharf, »der Dichter –«

»Ich bin zwar mit den Jahren grauhaarig, spitznasig und unleidlich geworden, aber taub bin ich bis jetzt noch nicht«, unterbrach Thekla sie. Dann wandte sie sich der Frau in weißer Bluse und schwarzem Rock zu, die soeben an ihren Tisch trat. »Hallo, Elisabeth.«

Sie hörte das ärgerliche Zischen, mit dem Hilde die Luft einsog, und verbot sich ein Grinsen.

Seit etliche eingefleischte Niederbayern damit angefangen hatten, sich über »Hallo« und »Tschüss« zu mokieren und gar eine hallo- und tschüssfreie Sprache zu fordern, hatte Thekla im Gegenzug konsequent und rigoros »Grüß Gott« und »Pfüat Gott« aus ihrem Sprachschatz gestrichen. Sie war schon immer aufmüpfig gewesen, besonders wenn es darum ging, gegen Ansichten zu rebellieren, die sie für vernagelt hielt.

Thekla nickte Elisabeth freundlich zu. »Dasselbe wie immer.«

»Milchkaffee, Agnes-Bernauer-Torte«, vergewisserte sich Elisabeth, die seit Jahrzehnten an den Tischen neben den Fenstern zur Steinergasse bediente. Jeden Mittwoch fragte sie erneut nach Theklas Wünschen, obwohl sich noch nie eine Änderung ergeben hatte.

Thekla nickte abermals, woraufhin sich Elisabeth an Hilde wandte. »Was darf ich Ihnen denn heute bringen, Frau Westhöll?«

Hilde schlug eilig die Speisekarte auf und fuhr mit dem Finger die Zeilen entlang abwärts. In der Mitte der Seite verhielt sie kurz, murmelte: »Blätterteigpastete mit Ragout fin. Nein, das hatte ich vorige Woche«, dann machte sie weiter.

Wie lange es jetzt wohl her ist, überlegte Thekla, dass Hilde aufgehört hat, Kuchen zu essen? Fünf Jahre? Sieben? Dabei könnte sie sich drei Stück pro Tag erlauben, klapperdürr, wie sie ist. Aber sie hat sich ja noch nie viel aus Süßigkeiten gemacht, und irgendwann war wohl ganz damit Schluss – während sich das Naschen bei Wally nachgerade zu einer Sucht entwickelt hat.

Hilde war schon während ihrer gemeinsamen Schulzeit schlank und drahtig gewesen. Damals – und auch später noch – hatte sie eine sehr attraktive, sportliche Figur gehabt. Erst mit den Wechseljahren war sie regelrecht mager geworden. Und jetzt, mit gut über sechzig, spannte sich nur noch Haut über ihre Knochen, eine dünne, gelbliche Haut, die aussah wie zerknittertes Pergament.

»Käse-Krabben-Toast«, schoss es plötzlich aus Hildes Mund wie aus einem Gewehrlauf.

»Dazu grüner Tee Natur?«, fragte Elisabeth, obwohl sich auch das seit dem erstem Treffen der drei Damen im Krönner nicht geändert hatte.

Hilde deutete ein Nicken an und fasste Wally ins Auge. »Wally.« Es klang wie eine Drohung.

Thekla seufzte. Nicht einmal Hilde würde abwenden können, was jetzt anstand.

Wally machte bereits: »Oh.«

Elisabeth neigte sich zu ihr hin. »Die Prinzregententorte ist heute wieder besonders saftig, Frau Maibier.«

»Oh nein«, entfuhr es Wally, während sich ihre Hände wie schützend auf den Speckwulst legten, der ihre Taille wie eine eingerollte Markise umgab.

Die Natur ist ein boshafter Gestalter, dachte Thekla, während sie Wallys Bestellung abwartete. Statt ihr ein Kinn zu bewilligen, hatte sie Wally um Bauch und Hüften Fettpolster ansetzen lassen, die tüchtigst gediehen, weil die Ärmste auch noch mit einem unstillbaren Hunger nach Süßem geschlagen war.

Thekla glaubte, Mitleid in Elisabeths Stimme mitklingen zu hören, als sie sagte: »Wie wär’s mit einer Krönner-Waffel, Frau Maibier? Da stecken kaum Kalorien drin.«

Wally machte ein Gesicht, als hätte man sie auf Wochen hinaus zu Wasser und Brot verdammt, und nickte fügsam.

»Und dazu eine schöne heiße Schokolade«, fuhr Elisabeth liebenswürdig fort.

»Mit Sahne«, flüsterte Wally.

»Mit Sahne«, bestätigte Elisabeth verschwörerisch lächelnd, wandte sich ab und steuerte auf die Theke zu. Wallys Stimme holte sie nach zwei Schritten ein.

»Zur Krönner-Waffel bitte ein Stück Prinzregententorte.«

Thekla beobachtete, wie Hilde die Augen verdrehte. Arme Wally. Was Hilde zur eben ausgesprochenen Bestellung zu sagen hatte, würde bestimmt wehtun. Thekla empfand beinahe Mitleid mit Wally, obwohl sie selbst oft wenig einfühlsam mit ihr umsprang.

Man sollte sie in Frieden lassen, dachte sie. Wally hatte schon genug unter der eigenen Gewissenspein, unter der Verachtung ihres Mannes und unter dem Gespött ihrer Familie zu leiden.

Wie sich zeigte, beabsichtigte Hilde jedoch keineswegs, Wally wegen der Prinzregententorte zu rüffeln. Stattdessen wiederholte sie in einem Ton, als hätte sie eine Klasse unaufmerksamer Schüler vor sich: »Der Dichter ist tot. Gestern ist er gestorben, in der Blüte seiner Jahre.«

Thekla prustete. »Jahre sind wirklich das Einzige, was bei dem geblüht haben mag.« Dann fügte sie ernst hinzu: »Dieser Schmierfink war ja zu seinen Lebzeiten bereits eine Leiche – eine Schnapsleiche ohne Talent und ohne Charisma.«

Hilde warf ihr einen derart erzürnten Blick zu, dass Thekla beinahe zusammenzuckte. »Ein bisschen Respekt vor einem Verstorbenen wäre doch wohl angebracht, Thekla – Kruzitürken.«

Thekla staunte. Seit wann, fragte sie sich, legt Hilde Wert auf pietätvolles Totengedenken? Seit wann macht sie sich mit einem »Kruzitürken« dafür stark? Nicht dass Fluchen bei ihr ungewöhnlich gewesen wäre – aber trotzdem. Hat sie ihn etwa heimlich verehrt, diesen großtuerischen Schwafler?

Bevor sie diesem Gedanken nachgehen konnte, kehrte Elisabeth bereits wieder an den Tisch zurück und begann zu servieren.

Wally nahm einen mit Kuchen überladenen Teller in Empfang. Während sie die üppigen Buttercremeschichten in ihrem Stück Prinzregententorte bereits mit den Augen verschlang, seufzte sie theatralisch: »Er hat doch so herrliche Gedichte geschrieben …!«

Thekla wand sich, als habe sie Bitterwurzel geschluckt, und sämtliche guten Vorsätze – nämlich Nachsicht und Toleranz gegenüber Wally zu üben – machten sich wie von Furien gehetzt aus dem Staub. Das geschah immer dann, wenn Wally anfing, für Kitsch und Schund zu schwärmen. Genauer gesagt für das, was Thekla dafür hielt.

Theklas Stimme troff vor Hohn, als sie deklamierte: Dunkle Schwaden entweichen feuchten Auen. Betäubt vom Nebel stirbt der September.«

Hilde legte das Besteck, mit dem sie sich gerade über ihren Käse-Krabben-Toast hermachen wollte, auf die Serviette zurück. »Mangelndes Verständnis für Lyrik gibt dir noch lange nicht das Recht, dich über die Dichtkunst lustig zu machen«, sagte sie streng.

»Ich«, antwortete Thekla und machte nach jedem Wort eine greifbare Pause, »habe – nur – zitiert.«

Wally leckte den Löffel ab, mit dem sie die Sahnehaube in ihrem Kakao verrührt hatte, setzte ein entrücktes Lächeln auf und begann nun ihrerseits zu deklamieren: »Bebend hängt an nackten Zweigen –«

Thekla unterbrach sie ruppig. »Blödsinn, Quatsch, Papperlapapp. An nackten Zweigen hängt nichts. Rein gar nichts, verstehst du, sonst wären sie ja nicht nackt.«

Hilde hob ihre Gabel und stieß damit in Theklas Richtung. »Dichterische Freiheit, verstehst du

Bevor Thekla spitz entgegnen konnte, purer Unsinn ließe sich nur dann entschuldigen, wenn der Verfasser es genau darauf angelegt habe – wie bei »Dunkel war’s, der Mond schien helle« beispielsweise –, stellte Elisabeth den Milchkaffee, den sie erst jetzt brachte, vor sie hin.

Elisabeth schien einen Teil des Gesprächs mitbekommen zu haben, denn sie sagte: »Ich habe mir auch eine Zeile aus einem seiner Gedichte gemerkt.« Sie schloss die Augen und faltete die Hände wie zum Gebet. »Ich umarme freudetrunken den Lindenbaum, atme Stille, empfange Traum.«

Diesmal lachte Thekla so laut, dass die Gäste am Nebentisch konsterniert aufsahen.

Im Krönner herrschte generell eine gepflegte Atmosphäre, flegelhaftes Lachen älterer Damen war da fehl am Platz. Solche Entgleisungen wurden äußerstenfalls von Teenagern hingenommen, aber auch da nicht ohne Stirnrunzeln.

Thekla räusperte sich, als könne sie den Lacher damit vertuschen, und dämpfte ihre Stimme. »Die Schnapsflasche hat er umarmt – stockbesoffen. Und die Träume, die er empfangen hat, müssen Alpträume gewesen sein. Schreckgespenster im Gewand jämmerlicher Verse.«

Hilde legte das Besteck erneut beiseite und klopfte mit ihrem knochigen Finger auf die Tischplatte. »Du kannst ihn verunglimpfen, kannst seine Verse verreißen, aber du wirst nichts daran ändern können, dass Lanz eine bedeutende Persönlichkeit war. Viele, viele Menschen werden sich am Totenbett von ihm verabschieden wollen.« Sie machte eine inhaltsschwere Pause, bevor sie weitersprach. »Seine Witwe hat heute in aller Früh schon meinen Neffen zu sich ins Haus bestellt. Sie möchte, dass Lanz aussieht wie Apoll, wenn die Trauernden an seinem offenen Sarg vorbeidefilieren.«

Um nicht noch einmal Anstoß zu erregen, presste Thekla die Serviette auf den Mund, bis sie sich so weit erholt hatte, dass sie mit gedämpfter Stimme sagen konnte: »Apoll! Ein Jüngling von göttlichem Wuchs, von natürlicher Schönheit. Nicht einmal runderneuert kann Lanz einem Apoll das Wasser reichen. War seine Nase nicht bläulichrot wie eine überreife Pflaume?«

Hilde hob spöttisch eine Augenbraue. »Habe ich behauptet, dass die Verwandlung billig kommt?«

Thekla stach in ihr Tortenstück. »Apoll«, murmelte sie erbost, »in seinem ganzem Leben hat Hermann Lanz keinen einzigen Tag ausgesehen wie Apoll, und ein guter Dichter war er auch nicht.«

Hilde hatte ihren Toast noch nicht einmal zur Hälfte aufgegessen legte jedoch das Besteck quer über den Teller und tupfte sich mit der Serviette den Mund ab. »Er wird auch nie so aussehen«, sagte sie versöhnlich. »Mein Neffe ist zwar gut in seinem Beruf – man kann getrost sagen, er ist der Beste –, doch selbst der Meister aller Thanatologen könnte aus Lanz keinen Apoll machen. Aber«, sie hob beide Hände und legte jeweils den Daumen und den Zeigefinger aneinander, um das Delikate in ihren nächsten Worten zu unterstreichen, »Rudolf hat einen Göttervater aus ihm gemacht.«

»Feuf?« Thekla hatte eine Gabelvoll von ihrer Torte im Mund und ließ das Gemisch aus Mokkabuttercreme und Mandelbaiser genießerisch zergehen. Für keine Unterhaltung der Welt hätte sie den Bissen einfach hinuntergeschluckt, ohne ihn gebührend auszukosten. Die beiden Damen am Tisch hatten ohnehin verstanden, was sie meinte. Sogar Wally.

»Zeus!«, rief sie begeistert. »Dein Neffe ist ein Genie, Hilde. Unser verehrter Dichter wird im Olymp thronen als Gottvater aller Poeten.«

Thekla schluckte nun doch früher als beabsichtigt. Es reichte. Sie würde Wally den Marsch blasen, und zwar gehörig. Lanz, dieser Verse-Verhunzer, war allenfalls der billige Abklatsch eines minderwertigen Poeten, und thronen würde er sicherlich nirgendwo.

Als sie gerade loslegen wollte, streifte ihr Blick Hilde, deren Mundwinkel streng nach unten gebogen waren und an beiden Seiten ihres Kinns tiefe Gräben modellierten, die auf Unmut schließen ließen. Hildes Gesichtsausdruck veranlasste Thekla, innezuhalten. Statt Wally zu attackieren, fragte sie überrascht: »Nicht Zeus? Nicht der mächtige Herrscher mit Kräuselbart und Lockenmähne? Ah, verstehe, auch dafür gibt Lanz nicht genügend her. Er war ja so unbehaart wie ein Hühnerei.« Sie tat, als würde sie scharf nachdenken. »Ist mir je ein Mythos untergekommen, in dem von einem glatzköpfigen Göttervater die Rede ist? Wen kann dein Neffe bloß vor Augen gehabt haben?«

»Wotan«, schnappte Hilde.

Thekla grinste breit. »Hätte ich mir ja denken können. Liest dein Neffe immer noch so gern in seiner Sammlung nordischer Göttersagen?«

Hilde presste ärgerlich die Lippen aufeinander.

»Zeus, Wotan«, mischte sich Wally ein. »Kommt das nicht auf dasselbe heraus?« Träumerisch fuhr sie fort: »Unser Dichter gleicht tatsächlich einem heidnischen Göttervater: ein bisschen verlebt, ein bisschen von Ausschweifungen gezeichnet, aber machtvoll.«

Thekla ignorierte sie und fragte stattdessen Hilde: »Hat Rudolf dem Dichter einen Kriegerhelm aufgesetzt und einen Speer in die Hand gedrückt? Oder was sonst soll ihn wie Wotan aussehen lassen?«

»Mein Neffe«, erwiderte Hilde blasiert, »hat aus Hermann Lanz einen bayerischen Wotan gemacht – mit Janker, Trachtenhut und Schnupftabakdose.«

Um nicht laut herauszuprusten, schob sich Thekla schnell einen großen Happen von ihrem Tortenstück in den Mund, schloss die Augen und konzentrierte sich auf den Mokka-Nuss-Geschmack.

Sie hörte Wally plappern, ließ die Worte jedoch unbeachtet an sich vorbeihüpfen.

Als Thekla die letzte würzige Süße von der Zunge saugte, fiel ihr auf, dass es am Tisch still geworden war. Sie öffnete die Augen, sah Hilde von ihrem Tee trinken, Wally sich die Nase putzen und wollte gerade einen weiteren Bissen von ihrem Tortenstück abstechen, da murmelte Hilde mit der Tasse an den Lippen: »Er hat so komische Verfärbungen.«

»Dein Tee?«, fragte Wally.

Hilde schoss einen unwilligen Blick über den Tisch. »Von wem, zum Teufel, reden wir denn die ganze Zeit? Vom Dichter, Wally, vom toten Dichter. Lanz hat ganz seltsame Flecken – ominöse Flecken, sagt Rudolf.«

Thekla legte die Gabel weg. »Bei einem, der sich zu Tode gesoffen hat, lässt sich ja vermutlich eine ganze Palette von Farberscheinungen feststellen: Die Haut ist von bläulichen Adern durchzogen. Die Nase glänzt lila. Zähne und Nägel sind bräunlich verfärbt. Falls die Leber nicht mehr mitgemacht hat, ist das Gewebe unter seiner Haut quietschgelb angelaufen. Außerdem«, sie verbiss sich ein Schmunzeln, »wird er wohl im Laufe der Zeit einen stattlichen Busen entwickelt haben – das kommt vom Östrogen im …«

»Hör auf, hör sofort auf damit.« Wallys Glupschaugen traten hervor, als müssten sie jeden Moment auf ihren leer geputzten Teller purzeln. Sie schluckte hart.

Hilde winkte Elisabeth an den Tisch, bestellte einen doppelten Cognac für Wally und wandte sich dann scharf an Thekla. »Das hättest du dir sparen können! Als ob du nicht genau wüsstest, wie empfindlich Wally ist. Und mir musst du keine Vorträge über die Auswirkungen von Alkoholmissbrauch halten, ich kenne die Zeichen besser als du. Im Gegensatz zu dir konnte ich sie oft genug studieren, als ich im Bestattungsinstitut noch selbst Verstorbene versorgt habe. Glaub bloß nicht, mich belehren zu können, nur weil du ab und zu in der Apotheke deines Bruders aushilfst.«

Thekla ließ sich von Hildes rüdem Ton nicht beeindrucken. So benahm sich Hilde nun mal – und zwar schier jedem gegenüber. Schon zu der Zeit, als Hilde das Bestattungsinstitut Westhöll noch mit ihrem Mann geführt hatte, war sie für ihre Ruppigkeit Lebenden und Toten gegenüber bekannt gewesen. Bei Wally machte sie allerdings manchmal eine kleine Ausnahme, und Thekla hatte sich schon ab und zu Gedanken darüber gemacht, warum. Letztendlich war sie zu dem Ergebnis gekommen, dass Wally in Hilde sporadisch eine – normalerweise gut verborgene – mütterliche Saite zum Klingen brachte, denn Wally wirkte bisweilen wie ein etwas debiles Kind. Das war insbesondere dann der Fall, wenn sie anfing zu trällern »Komm mit nach Varaždin, solange noch die Rosen blühn.«

Ja, Wally war unverbesserlich romantisch, beispiellos naiv, und sie schwärmte für Kitsch, Tand, Schlager aus den Sechzigern und für Operettenmelodien, die ihre beste Zeit hatten, als sie ausschließlich auf Schelllackplatten abgespielt werden konnten. Wenn Rudolf Schock »Ich bin nur ein armer Wandergesell« sang, traten ihr die Tränen in die Augen, und bei Fritz Wunderlichs »Treu sein, das liegt mir nicht« verzauberte ein melancholisches Lächeln ihr Gesicht. Wallys einfältige, arglose Wesensart schien den stürmischen Wellenschlägen, die in Hildes Gemüt brandeten, von Zeit zu Zeit die Spitze zu nehmen.

Hildes tief in ihr verwurzelte Schroffheit, überlegte Thekla, während sie sich dem letzten Bissen ihres Tortenstücks widmete, wird der Grund dafür gewesen sein, dass Rudolf Westhöll seine Tante schleunigst loswerden wollte, nachdem er ihr Geschäft übernommen hatte. Offenbar war er der Meinung, dass weder fundierte Kenntnisse des Bestattungsrechts noch erhebliches Geschick beim Versorgen von Toten mangelnde Umgänglichkeit aufwiegen können.

Sie dachte darüber nach, wie lange Rudolf das Bestattungsinstitut Westhöll inzwischen führte, rechnete zurück, wann Hildes Mann verstorben war, und kam auf ungefähr drei Jahre. Bereits wenige Wochen später hatte Hilde das Bestattungsinstitut an ihren Neffen übergeben, und Rudolf hatte das Steuerrad seines Fahrschulautos von einem Tag auf den anderen mit dem Lenker des Leichenwagens vertauscht. Doch, wie man bald reden hörte, hatte er schnell gelernt, was ein guter Bestatter können musste. Hilde hielt sich viel darauf zugute, Rudolf bei seinem Start eine unentbehrliche Stütze gewesen zu sein. Es war ihr keineswegs leichtgefallen, das Geschäft abzugeben, aber wie hätte sie es alleine weiterführen sollen? Inzwischen saß Rudolf fest im Sattel, und eigentlich hätte Hilde sich nun zurückziehen können. Das war allerdings das Allerletzte, was sie wollte. Rudolf hingegen schien geradezu darauf zu drängen. Hildes Tage bei Westhöll seien gezählt, hieß es.

Bleibt die Frage, ob sie sich so einfach ausbooten lässt, dachte Thekla. Vielleicht, ging es ihr durch den Sinn, sorgt aber auch Rudolfs Frau dafür, dass Hilde bleiben und ihr zur Seite stehen kann, wenn Rudolf unterwegs ist, womit man ja ständig rechnen muss.

Thekla schluckte den köstlichen Nuss-Mokka-Brei und schaute zu, wie Wally nach ihrem Glas griff und den Rest des Cognacs kippte.

»Totenflecken«, sagte sie dann zu Hilde, »was Rudolf an Lanz aufgefallen ist, waren wohl ganz gewöhnliche Totenflecken, vielleicht etwas ausgeprägtere als sonst. Sobald der Blutkreislauf still steht«, fügte sie gedämpft hinzu, »sinkt das Blut entsprechend der Schwerkraft in die unten liegenden Körperpartien, das kann schon mal bizarre Bilder ergeben.«

Hilde ließ ein Zischen hören. »Was glaubst du denn, was mein Neffe seit drei Jahren tagtäglich zu sehen bekommt? Totenflecken, Leichenstarre, Zersetzung. Er kümmert sich doch selbst um fast jeden Leichnam, stopft den Toten mit Bio Air getränkte Wattebäusche in die Körperöff–«

Wally gab ein Würgen von sich.

»Rudolf färbt Wimpern, pudert Gesichter, trägt Lippenrot auf«, setzte Hilde ihre Schilderung gemäßigter fort. »Wie ich schon sagte, Rudolf ist der Beste. In knapp drei Jahren hat er es ein ganzes Stück weiter gebracht als einige seiner Kollegen in Jahrzehnten.« Sie stach ihren knochigen Zeigefinger in Richtung Theklas Brustbein. »Rudolf weiß genau, wie frische und wie altbackene Totenflecken aussehen, und er weiß auch ganz genau, wo sie hingehören und wo ni–«

»Hilde«, wurde sie von Wally unterbrochen. »Kennst du vielleicht den jungen Mann dort drüben an dem Tisch unterm Mauerbogen? Der schaut dauernd zu uns herüber.«

Thekla beobachtete, wie Hildes Blick die Arkaden entlangzuwandern begann, die sich auf der gegenüberliegenden Seite durch den Raum zogen, und schließlich verharrte. Im nächsten Moment registrierte sie, dass Hilde jemandem grüßend zunickte.

Sie fasste nun ebenfalls die Plätze unter den Arkaden genauer ins Auge und sah einen Mann in den Vierzigern sich halb von seinem Sitz erheben und höflich verneigen.

»Du kennst den tatsächlich, Hilde«, stellte Wally hingerissen fest. »So einen gut aussehenden jungen Mann kennst du. Und wie galant er dich gegrüßt hat. Ist er etwa ein leidenschaftlicher Verehrer von dir?«

Thekla verdrehte die Augen. Wally las eindeutig zu viele Schundromane. Um Hilde eine romantische Beziehung mit einem Mann welchen Alters auch immer zu unterstellen, brauchte es eine geradezu groteske Phantasie.

»Das da drüben ist Oskar Pfeffer«, erklärte Hilde kurz angebunden. »Särge, Sargwagen, Tragen, Grabroste, Rasenmatten, Pietätsartikel. Alles, was ein Bestatter braucht, kann er besorgen und liefert es umgehend in seinem Transporter an.«

Das also steckt hinter der galanten Verbeugung, dachte Thekla spöttisch. Für eine umfangreiche Bestellliste würde der Kerl Bluthund und Zerberus hofieren.

»Pfeffer weiß ganz genau, dass die Bestellungen vom Bestattungsinstitut Westhöll über meinen Schreibtisch gehen«, sagte Hilde.

Thekla schenkte ihr ein anerkennendes Lächeln. Nein, Hilde ließ sich nichts vormachen – von niemandem. Das war schon immer so gewesen. Bereits während ihrer gemeinsamen Schulzeit hatte Thekla sie für ihre bemerkenswerte Klarsicht bewundert und ihr dafür die eklatante Barschheit und das mangelnde Einfühlungsvermögen nachgesehen.

»So ein strammer Bursche«, sagte Wally mit einem Seufzer und warf einen verträumten Blick in Richtung Arkaden. »Und ich hatte den Eindruck, als würde er sich ernstlich für dich interessieren, Hilde.«

Hilde ignorierte Wallys Bemerkung. »Rudolf hat diese seltsamen Flecken schon an anderen Toten gesehen«, sagte sie stattdessen. »Er hält sie für verdächtig.«

Sie ist klarsichtig, vernunftbegabt, scharfsinnig – vor allem aber ist sie halsstarrig, dachte Thekla.

Laut sagte sie: »Bevor man den Bestatter an eine Leiche lässt, muss sie doch von einem Arzt genauestens untersucht worden sein. Ominöse Flecken hätte der …« Sie verstummte, weil Elisabeth, von Wally herangewunken, eilig an den Tisch trat.

»Bitte«, hechelte Wally, »bringen Sie mir noch einen doppelten Cognac.«

»Bringen Sie gleich drei, Elisabeth«, sagte Thekla. »Ich glaube, wir haben heute alle ein Beruhigungsmittel nötig.«

Elisabeth schaute fragend in die Runde, als jedoch keine weiteren Erklärungen folgten, ging sie zur Theke, um drei Cognacgläser zu füllen.

»Rudolf hat Dr. Stenglich schon in zwei Fällen auf die Besonderheit dieser Flecken aufmerksam gemacht«, berichtete Hilde.

»Ja und weiter?«, fragte Thekla ein wenig gereizt. »Was ist dabei herausgekommen?« Sie machte eine unwillige Geste. »Muss ich es dir aus der Nase ziehen?«

»Stenglich ist ein verdammter Idiot«, erwiderte Hilde. »Ein seniler, uneinsichtiger Idiot.«

»Er hat einen Doktor in Medizin und jahrzehntelange Erfahrung in seinem Beruf«, entgegnete Thekla trocken und fügte dann jede Silbe betonend hinzu: »Was – hat – te – er – zu – den – Fle – cken – zu sa – gen?«

Hilde zog ein Gesicht. »Nichts wirklich Erhellendes: Nebenwirkungen von Arzneien, Wundliegen, Allergien, blablabla.«

»Hört sich das nicht einleuchtend an?«, fragte Thekla.

Hilde schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, dass die Cognacschwenker tanzten, die Elisabeth soeben hingestellt hatte, und erneut einige Gäste die Köpfe drehten. »Nein, gar nicht, nicht im Mindesten.« Sie äffte Thekla nach: »Sol – che Fle – cken – sind – das – nicht.« Mit normaler Stimme fuhr sie fort: »Rudolf hat mir die Flecken – manchmal nennt er sie auch Blasen, weil sie sich ein wenig von der Haut abheben – genau beschrieben. Er muss sie gründlich studiert haben, als er die Leiche des Dichters auf dessen Sterbebett versorgte, und ich stimme ihm uneingeschränkt darin zu, dass Wundliegen anders aussieht, auch gängige Allergien sehen anders aus, Totenflecken ebenso. Am ehesten ähneln sie Brandblasen. Und soll ich dir sagen, worin sich die ominösen Blasen-Flecken am meisten von mir bekannten Hautveränderungen bei Toten unterscheiden?«

Thekla nickte.

Wally hatte nach ihrem Glas gegriffen, hielt es umklammert und starrte Hilde so ängstlich an, als erwarte sie Giftpfeile statt Worte. Ihre Fingernägel schimmerten korallenrot, sie waren mit Glitzersteinchen besetzt, von denen sich jedoch einige abgelöst und unschöne Ränder hinterlassen hatten.

»Weil sich die flachen Blasen«, fuhr Hilde bedeutungsvoll fort, »fast ausschließlich an den Knie-Innenseiten der Toten befinden. Verstehst du, Thekla«, fügte sie eindringlich hinzu, »es muss sich um ein ganz spezielles Symptom handeln.«

»Ja«, antwortete Thekla nüchtern, »um die Nebenwirkung eines Medikaments eben – wie Dr. Stenglich angeführt hat.«

Hilde betrachtete eine Weile nachdenklich eine kleine Verfärbung in der Tischplatte, dann sagte sie leise: »Eine Nebenwirkung, ja. Und sie hinterließ womöglich deshalb so eindeutige Spuren, weil das Medikament überdosiert war und zum Tod geführt hat.«

Thekla griff nach ihrem Glas und trank es in einem Zug leer. Sie musste husten und sich schnäuzen, bevor sie fragen konnte: »Was hat denn Stenglich in die jeweiligen Totenscheine geschrieben?«

Hilde zuckte die Schultern. »Herzinsuffizienz, kardiogener Schock, Sepsis, was er halt immer reinschreibt.« Einen Moment lang war es still, dann fügte sie hinzu: »Rudolf hat Stenglich mal gefragt, woran man eine unnatürliche Todesursache erkennen kann. Das ist nämlich gar nicht so einfach, wenn nicht gerade ein Messer in der Brust der Leiche steckt oder Würgemale am Hals zu sehen sind. Deshalb dürfen die Ärzte auch keine allzu verallgemeinernden Todesursachen angeben, wie Herzversagen beispielsweise. Was meinst du, was Stenglich darauf erwidert hat?«

Thekla regte sich nicht.

Hilde trank nun ihrerseits den Cognac aus, ehe sie die Antwort des Doktors wiedergab. »Ja, glauben Sie vielleicht, alte Leute, die seit Jahren in ihren Betten dahinsiechen, sterben an den Folgen eines Schusswechsels mit der Granzbacher Polizei?«

Daraufhin herrschte Schweigen in der Runde. Elisabeth kam an den Tisch, räumte die leeren Gläser ab und fragte, ob die Damen noch einen Wunsch hätten.

Thekla bestellte Mineralwasser, Hilde noch mal Tee und Wally eine weitere heiße Schokolade.

»Rudolf und auch ich möchten wissen, was die Flecken zu bedeuten haben«, sagte Hilde nach einer Weile. »Deshalb bitte ich dich, Thekla, die Sache mit deinem Bruder zu besprechen. Als Apotheker muss er doch über die Nebenwirkungen von Arzneien genauestens Bescheid wissen.«

Müsste er, dachte Thekla, während sie Elisabeth beim Servieren der eben bestellten Getränke zusah. Würde er, wenn er sich mehr für seinen Beruf begeistern könnte.

Nach althergebrachtem Brauch hatten die Eltern von Martin und Thekla Stein schon frühzeitig festgelegt, was aus ihren Kindern einmal werden sollte. Der Junge – wer sonst? – würde die Stein’sche Apotheke übernehmen, das Mädchen würde einen Lehrberuf ergreifen. Deutsch und Geschichte, das fanden die Steins angemessen für die Tochter eines Apothekers. Es kam ihnen wohl überhaupt nicht in den Sinn, darauf Rücksicht zu nehmen, dass Martin geradezu süchtig nach technischem Spielzeug war, wogegen Thekla den ganzen Tag in der Apotheke zubrachte und mit sechs Jahren bereits wusste, warum Antibiotika nur auf ärztliche Anweisung ausgegeben werden durften, Retterspitz dagegen frei verkäuflich war.

Martin, von Natur aus fügsam, schrieb sich Anfang der Siebziger für das Fach Pharmazie an der Universität in München ein. Vier Jahre später machte er seinen Abschluss, heiratete eine Studienkollegin und übernahm kurz darauf die Stein’sche Apotheke, weil sein Vater an Magenkrebs erkrankt war. Nach dessen Tod (die Mutter war schon etwas früher verstorben) zog das junge Paar in Martins Elternhaus – und dort ging die Ehe zu Bruch.

Schon zuvor hatte sich Martin jede freie Minute mit seiner Modelleisenbahn, seinen Miniaturdampfmaschinen und Miniaturdieselmotoren beschäftigt. Nach dem Umzug hatte er das gesamte Dachgeschoss des Elternhauses für seine Spielereien in Beschlag genommen und dort seiner Liebhaberei gefrönt. Indessen war seine Frau gezwungen, sich um die Kundschaft in der Apotheke und um das gemeinsame Kind zu kümmern. Irgendwann bekam sie genug vom strapaziösen Alltag, vom Leben auf dem Land und von Martin sowieso. Mitte der Achtziger ließ sie sich großzügig abfinden und kehrte samt Tochter nach München zurück, wo sie aufgewachsen war.

Notgedrungen musste sich Martin nun wieder selbst um die Kunden in der Apotheke bemühen, wenn er nicht auch noch beruflich Schiffbruch erleiden wollte.

Paradoxerweise zeigte es sich jetzt von Vorteil, dass auch Thekla von ihren Eltern auf einen Weg gezwungen worden war, der an kein glückliches Ende führen sollte. Weniger fügsam als ihr Bruder, hatte sie sich zwar aufgelehnt und darauf bestanden, ebenfalls Pharmazie zu studieren, hatte aber zähneknirschend nachgeben müssen, als ihr Vater sagte: »Lehramt oder gar nichts.«

Letztendlich war es dann auf gar nichts hinausgelaufen.

Thekla hatte ihr Studium vorzeitig abgebrochen, hatte geheiratet, war geschieden worden und stand Mitte der Achtziger allein und ohne Ausbildung da. Martin bot ihr an, zu ihm ins gemeinsame Elternhaus zu ziehen, sich um den Haushalt zu kümmern und – falls sie noch Lust dazu hatte – die kurze Ausbildung zur PTA zu absolvieren, damit sie auch in der Apotheke mithelfen könne. Thekla hatte das Angebot angenommen, und somit war ihrer beider Leben schließlich in die erhoffte Bahn geschwenkt – halbwegs zumindest.

Da Thekla nun seit bald dreißig Jahren täglich mitbekam, wie wenig Martin sich für die Ware interessierte, die er von Berufs wegen unter die Leute bringen musste, war ihr klar, dass er keine Ahnung haben würde, welches Medikament seltsame Flecken oder Blasen an den Knie-Innenseiten verursachen konnte.

Und sie selbst? Obwohl sie sich viel mit Nebenwirkungen von Arzneien beschäftigte, um ihre Kundschaft sachkundig beraten zu können, hatte sie noch nie von einem derartigen Symptom gehört.

Was zu bedeuten haben dürfte, dachte Thekla, dass es außerordentlich selten auftritt.

Nachdenklich sagte sie zu Hilde: »Warum hat dein Neffe nicht einen weiteren Arzt hinzugezogen? Das hätte ihm doch niemand verbieten können. Und mit einer gründlichen Untersuchung wäre man dem Phänomen schon auf die Spur gekommen. Dr. Friesing, der seit ein paar Monaten in Moosbach …«

Hilde stellte die Tasse, aus der sie gerade hatte trinken wollen, mit einem Knall zurück auf den Tisch. »Könntest du mal eine Sekunde lang nachdenken, bevor du solchen Unsinn plapperst. Soll Rudolf sich das Geschäft ruinieren?« Mit einem verächtlichen Blick wandte sie sich von Thekla ab und sah Wally ermunternd an. »Was wäre denn deiner Meinung nach geschehen, wenn Rudolf auf einer zweiten Totenschau bestanden hätte?«

Wally machte wieder Kugelaugen. »Oh Gott, so was darf man doch den trauernden Hinterbliebenen nicht antun!«

»Richtig«, sagte Hilde beifällig. »In dir steckt eine Menge mehr Geschäftssinn als im Management der Stein’schen Apotheke.«

Wally strahlte. Geschäftssinn hatte ihr wohl noch nie jemand bescheinigt.

Dozierend fuhr Hilde fort: »Die Hinterbliebenen würden sich bitterlich beschweren. Im Nu würde sich in Granzbach, Moosbach und Scheuerbach verbreiten, dass Rudolf Westhöll ein misstrauischer Hund sei, der gern mal eine Todesursache überprüfen lasse, weil er seine Kunden verdächtige, beim Sterben von Oma oder Opa nachgeholfen zu haben.« Sie bohrte ihren Blick in Theklas Augen und fragte streng: »Wie lange, glaubst du, würde er sich daraufhin noch im Geschäft halten können?«

Thekla dachte, dass man – Gerede der Leute hin oder her – immer den geradlinigen Weg beschreiten sollte, mochte sich jedoch auf keine Diskussion darüber einlassen. Deshalb zuckte sie bloß die Schultern.

Weil Hilde daraufhin sichtlich verschnupft schwieg, sagte sie nach einer kurzen Pause einlenkend: »Dein Neffe steckt also in der Zwickmühle. Einerseits macht er sich Sorgen wegen der merkwürdigen Flecken, andererseits wagt er es nicht, offen darüber zu sprechen.«

Hilde nickte, antwortete aber nicht, denn Elisabeth war an den Tisch getreten und begann damit, auf einem schmalen Notizblock zu addieren, was die Damenrunde an diesem Nachmittag konsumiert hatte. Das tat Elisabeth jeden Mittwoch auf die Minute um sechzehn Uhr dreißig, seit vor einigen Jahren Wallys Mann ins Café Krönner gestürmt war, Wally von ihrem Platz gezerrt und hinausgeschleift hatte. Inzwischen hatte sich einiges geändert, weshalb es eigentlich nicht mehr nötig gewesen wäre, den Kaffeeklatsch pünktlich zu beenden. Aber irgendwie war es unterblieben, Elisabeth davon in Kenntnis zu setzen.

Zu Anfang waren Thekla, Hilde und Wally mittwochs immer getrennt nach Straubing gekommen: Thekla aus Moosbach, Wally aus Scheuerbach, Hilde aus Granzbach – drei kleine Städtchen, die sich ein schönes Stück donauabwärts der Kreisstadt aufreihten. Moosbach lag Straubing am nächsten, Granzbach war am weitesten entfernt, und genau in der Mitte zwischen den beiden Orten erhob sich der Kirchturm von Scheuerbach. Die drei Frauen hatten Einkäufe gemacht, dies und das erledigt und sich anschließend im Krönner zum Kaffee getroffen, denn seit Langem verband sie eine – wenn auch recht lose – Freundschaft.

Ihre Wurzeln hatte diese Freundschaft in der gemeinsamen Internatszeit im Straubinger Ursulinenkloster, in dem seit 1691 mit kurzen kriegsbedingten Unterbrechungen kleine Mädchen zu frommen, gebildeten jungen Frauen erzogen wurden (was allerdings nicht durchwegs gelang). Thekla, Hilde und Wally hatten sich seit den inzwischen gut fünf Jahrzehnte zurückliegenden gemeinsamen Nächten in einem Zwanzigbettenschlafsaal und gemeinsamen Mahlzeiten im ungastlichen Hundertplätzespeiseraum erstaunlicherweise nicht aus den Augen verloren, obwohl Wally bereits in der Unterstufe und Hilde nach der mittleren Reife von der Klosterschule abgegangen waren.

Bis zu einem tiefwinterlichen Mittwoch im Januar vor vier Jahren waren die drei Frauen also jede Woche getrennt nach Straubing gefahren: Thekla in ihrem Peugeot, Hilde in ihrem Passat und Wally im Wagen ihres Mannes. Sie waren auch an jenem Januarmittwoch getrennt gekommen, an dem es seit dem frühen Morgen große Flocken schneite. Als sich die drei wieder auf den Nachhauseweg machten, lag eine dichte, von vielen Autoreifen glatt gebügelte Schneedecke auf den Straßen, was Wally aber nicht zu einer Änderung ihres Fahrstils veranlasste. Sie startete den Mercedes, den sich ihr Mann erst die Woche zuvor angeschafft hatte (hauptsächlich um der Konkurrenz zu zeigen, wie gut die Tischlerei Maibier & Söhne dastand), und fuhr forsch davon.

Der Grund, weshalb sie nicht schon viel früher von der Straße abkam, lag vermutlich darin, dass die Strecke Straubing–Scheuerbach keine nennenswerten Kurven aufwies, bis man die Christophorus-Statue auf der Brücke über den Moosbach erreichte, wo sie sich nach einem Gefälle zu winden begann und in Form mehrerer aneinandergereihter S nach Scheuerbach hineinführte.

Der Wagen rollte flott die Anhöhe zur Brücke hinunter, hielt die Spur sogar, bis er sie überquert hatte, brach jedoch in der ersten Krümmung des ersten S aus, schrammte an einer Betonmauer entlang, kippte zur Seite und blieb ziemlich ramponiert liegen. Im Gegensatz zum Mercedes ihres Mannes hatte Wally nicht den kleinsten Kratzer abbekommen.

Bei ihrem nächsten Treffen erzählte sie Thekla und Hilde, ihr Mann habe keinen Zweifel daran gelassen, dass es ihm umgekehrt lieber gewesen wäre. Zudem habe er ihr die Autoschlüssel abgenommen, und von da an wurde Wally von ihrem Mann oder von einem ihrer Söhne chauffiert, wenn sie Besorgungen machen musste. Auch eine wöchentliche Fahrt nach Straubing wurde ihr zugestanden, allerdings mit der Auflage, dass Wally sich pünktlich um sechzehn Uhr fünfundvierzig auf dem Parkplatz am Hagen einzufinden habe.

Sie hielt sich streng daran. Fast ein ganzes Jahr lang stand sie mittwochs pünktlich um Viertel vor fünf neben dem Nachfolger des geschrotteten Mercedes. An dem Tag, an dem sie es vergaß, weil Hilde so unterhaltsam von der Beerdigung des Granzbacher Bürgermeisters erzählte, war ihr Mann wütend ins Krönner marschiert und hatte Wally vor aller Augen hinausgeschleift.

»Aus«, hatte Wally ins Telefon geheult, als Thekla am folgenden Tag bei ihr anrief. »Kein Kaffeeklatsch mehr bei Krönner. ›Einkaufen‹, hat mein Mann gesagt, ›kannst du zukünftig in Scheuerbach. Wir haben ein Edekageschäft und neuerdings sogar einen Lidl. Wir haben eine Drogerie, einen Friseur, eine …‹« Wallys Aufzählung war in Schluchzen übergegangen.

»Mitnichten Schluss«, hatte Thekla geantwortet und den Kopf geschüttelt. »Ich frage mich bloß, warum ich erst jetzt darauf komme. Wir hätten es ja gleich von Anfang an so machen können, dass Hilde dich mitnimmt. Auf dem Weg von Granzbach nach Straubing fährt sie doch sowieso an eurer Tischlerei vorbei, fast jedenfalls. Du könntest an der Brücke zu …«

Wally hatte Thekla gar nicht ausreden lassen. »Ich frag sie. Ich frag sie jetzt gleich!«

Seither wartete Wally jeden Mittwoch an der Christophorus-Statue auf Hildes Passat. Die beiden hätten zehn Kilometer weiter eigentlich auch noch Thekla aufpicken können, aber die wollte lieber unabhängig sein, denn manchmal hatte sie vor dem gemeinsamen Treffen bei Krönner mehr zu erledigen, manchmal weniger.

Elisabeth bedankte sich fürs Trinkgeld und wünschte den Damen eine schöne Woche.

Thekla, die heute mit dem Bezahlen dran gewesen war, verstaute ihr Portemonnaie in der Handtasche. Sie wollte sich gerade von ihrem Platz erheben, da sagte Wally: »Gehört es sich nicht, der Witwe des Dichters zu kondolieren?«

Hilde lachte spöttisch. »Die Neugier lässt dir wohl keine Ruhe, was? Willst ihn dir unbedingt ansehen, den Dichter Hermann Lanz als bayerischen Wotan.« Etwas ernster fuhr sie fort: »Ehrlich gesagt würde es mich selbst interessieren, wie Rudolf die Verwandlung gelungen ist.« Sie wandte sich an Thekla. »Außerdem werden eine Menge Leute da sein, die wir in Augenschein nehmen könnten. Vielleicht ist jemand dabei, der ein auffallend zufriedenes Gesicht macht.«

Thekla verdrehte die Augen. »Jeder, der – so wie ich – Lanzens Gedichte kläglich fand, könnte einen Ausdruck von Zufriedenheit zeigen. Was noch lange nicht heißt, dass er den Stümper umgebracht hat.«

»Thekla! Oh Gott, nein!« Wally machte das Krötengesicht.

»Du gehst zu weit, Thekla«, sagte Hilde streng.

Thekla ließ sich nicht einschüchtern. »Ja, wer hat uns denn des Langen und Breiten von ominösen Flecken vorgeschwafelt? Wie ernst ist es dir denn damit, dass sie möglicherweise Anzeichen dafür sind, beim Sterben könnte nachgeholfen worden sein? Hast du etwa zu viel Schiss davor, dein Neffe könnte Leichen eingebuddelt haben, die ins gerichtsmedizinische Institut eingeliefert hätten werden sollen, um der Sache nachzugehen?«

Während Thekla sprach, war Hilde sichtlich in sich zusammengesunken. Plötzlich tat sie Thekla leid. Behutsam legte sie ihre Hand auf Hildes Arm. »Wir machen einen Kondolenzbesuch – wir alle drei. Wir sehen uns den toten Dichter an, betrachten die Trauergäste kritisch und fragen die Witwe, was er in letzter Zeit für Medikamente einnehmen musste.«

Hilde straffte sich etwas. »Von der Witwe werden wir nicht einmal erfahren, ob der Dichter in letzter Zeit vornehmlich Wein oder Kräutertee getrunken hat. Gerlinde Lanz …« Sie tippte sich an die Stirn.

Thekla nickte wissend, dann stand sie auf und wandte sich zum Ausgang. Auf dem Weg dorthin warf sie Elisabeth ein »Tschüss« zu; dabei registrierte sie wieder einmal belustigt, wie sich Hilde und Wally, die sich ebenfalls erhoben hatten, mit »Auf Wiedersehen« und mit »Pfüat Gott« verabschiedeten.

Im selben Augenblick, in dem Thekla die Eingangstür erreichte, spürte sie eine Bewegung schräg hinter sich. Noch bevor sie sich umsehen konnte, kam eine Hand zum Vorschein, legte sich um den Knauf und zog daran, sodass sich die Tür bis zum Anschlag öffnete. Gleichzeitig hörte sie Hildes Stimme: »Besten Dank, Herr Pfeffer.«

»Auf bald, Frau Westhöll«, antwortete der Mann, der das Portal so formvollendet aufhielt, als wäre er im Krönner als Lakai angestellt.

»Oh, vielen lieben Dank«, quiekte Wally.

Thekla trat schmunzelnd auf die Straße. Dieser Sarghändler wusste sich Liebkind zu machen.

Nachdem Wally im Kielwasser von Hilde herausgekommen war, bemerkte Thekla, dass eine weitere Person im Begriff stand, durch die noch immer offen stehende Tür zu treten, und nahm an, dass es sich um den jungen Mann handelte, der sich als so überaus höflich erwiesen hatte. Als sie aber einen eher desinteressierten Blick über Wallys Schulter warf, errötete sie tief.

Thekla musste dreimal schlucken, bevor sie ein gepresstes »Hallo« über die Lippen brachte.

»Guten Tag, Frau Stein«, sagte der gut aussehende ältere Herr, der vor ihr stehen geblieben war.

»Mit wem haben wir denn das Vergnügen?«, fragte Hilde schroff. »Willst du uns nicht bekannt machen, Thekla?«

Weil Thekla die Antwort schuldig blieb, antwortete der Herr: »Heinrich Held. Ich habe mich vor ein paar Monaten in Moosbach angesiedelt, wo mich eine hartnäckige Halsentzündung zum Dauerkunden der Stein’schen Apotheke gemacht hat.«

Thekla spürte ihre Wangen brennen. Ein Dienstag war es gewesen – der letzte Dienstag im Mai –, als Held zum ersten Mal in die Apotheke gekommen war und um ein Mittel gegen Halsschmerzen gebeten hatte. Thekla hatte ihm Anginosan verkauft, und sie hatten sich ein wenig unterhalten – über die Stadt Straubing und den Landkreis, über die Infrastruktur, über die Einheimischen. Während sie redeten, hatte Thekla gespürt, wie sich ein Kribbeln von ihrem Magen bis in die Fingerspitzen ausbreitete, wie ihr warm und wärmer wurde, wie ihr Atem rascher ging und ihr Herz schneller schlug.

Nachdem Held gegangen war, hatte sie sich in der Teeküche auf einen Hocker gesetzt und sich gefragt, ob sie irre geworden war oder ob die Symptome einen Herzinfarkt ankündigten.

Thekla Stein, hatte sie sich nach reiflicher Überlegung gesagt, du bist kerngesund. Aber offenbar hast du die falschen Hormone mit in die Menopause genommen, denn wie sonst hätte es geschehen können, dass du dich Hals über Kopf in einen wildfremden, wenn auch zugegebenermaßen überaus sympathischen Mann verliebst, und das mit nachweislich über sechzig!

Na und, hatte sie sich mit einem Mal gegen Normen und Gesetzmäßigkeiten aufgelehnt. Er sieht ungemein gut aus und hat die vertrauenswürdigsten blaugrauen Augen, die dir je untergekommen sind. Er hat Klasse und Niveau, scheint sehr von dir angetan zu sein, ist offenbar Single wie du und bestimmt schon im Rentenalter.

Jenes Aufbegehren hatte jedoch nicht lange vorgehalten, und kleinlaut hatte Thekla sich beschworen, kein Risiko einzugehen.

Eine verkorkste Ehe ist genug, dachte sie. Geh lieber auf Abstand zu diesem Kerl, zieh dich zurück. Du solltest deine Ungebundenheit wirklich mehr zu schätzen wissen.

»Äh, ehm, tschüss«, stammelte Thekla, als sie mitbekam, dass sich Held bereits verabschiedet und ein paar Schritte in Richtung Steinergasse gemacht hatte.

Während die drei Frauen gemeinsam zum Großparkplatz am Hagen gingen, wo die Autos geparkt waren, warf ihr Hilde immer wieder forschende Blicke zu.

»So kenne ich dich gar nicht – so konfus«, sagte sie nach einiger Zeit.

Thekla antwortete nicht.

»So ein fescher Kerl«, plapperte Wally. »Und der kommt ständig zu dir in die Apotheke? Schaut er dich da auch immer so – so schmachtend an wie vorhin?«

Thekla schwieg grimmig. Einen Moment später hörte sie Hilde scharf die Luft einziehen.

»Du hast dich in ihn verknallt! Stimmt’s?«

Wieder blieb Thekla eine Antwort schuldig.

»Schockschwerenot. Du hast dich verknallt und willst es nicht wahrhaben«, beharrte Hilde.

»Falsch«, erwiderte Thekla. »Die Diagnose ist gestellt, die Therapie ist eingeleitet.«

Hilde lachte laut, und die Art, wie sie das tat, ließ keinen Zweifel, dass sie Thekla auslachte.

»Ich glaube, er mag dich wirklich«, begann Wally nun wieder zu plappern. »Und du magst ihn auch sehr.« Sie kicherte. »Du bist rot geworden wie ein Teenager, als er dich so angesehen hat.«

Thekla biss die Zähne zusammen.

»Heinrich Held«, sagte Hilde plötzlich in einem Ton, als wäre er kein Unbekannter für sie.

»Du kennst ihn?«, fragte Thekla alarmiert. »Aber vorhin hast du doch so getan, als müsse er dir vorgestellt werden.«