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Karin Nohr

Herr Merse bricht auf

Roman

Knaus

1. Auflage

Copyright © 2012 beim Albrecht Knaus Verlag,

München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Satz aus der Minion von Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN 978-3-641-07375-6

www.knaus-verlag.de

für den Syltfreund L.K.
und
für Old Shatterhand

Montag

Dass er in den Schulferien Urlaub machen musste, empfand Herr Merse als einen großen Nachteil seiner Lebensgestaltung. Überall traf man auf Familien mit Kindern. Besonders am Meer. Aber da es finanziell günstig war und ihm nichts anderes einfiel, fuhr er auch dieses Jahr wieder in die Ferienwohnung seiner Schwester Barbara nach Wenningstedt auf Sylt. Barbaras Wohnung befand sich im zweiten Stock einer Apartmentanlage. Im Betonstil der sechziger Jahre erbaut, zwängte sich der graue Bau zwischen das weiß gestrichene Haupt- und Nebenhaus eines Schullandheims, in dem auch in den Ferien Kindergruppen betreut wurden. Barbara ließ ihm die Wohnung in der Hochsaison zum Preis der Nebensaison, »weil du eben ’ne Grille bist und nix hast«, wie sie sich ausdrückte. Er widersprach nicht. Barbara widersprach man nicht.

Herr Merse unterrichtete an einer Musikschule in Hamburg-Farmsen, hatte also feste Einkünfte. Zusätzlich kamen Privatschüler zu ihm, von denen er pro Stunde fünfzig Euro nahm. Zum Teil unterschlug er die privaten Einkünfte dem Finanzamt, ließ sich das Geld bar mitbringen und quittierte nicht auf Formularen, sondern in den Oktavheftchen, in die die Schüler ihre Aufgaben notierten. Gewitzt, wie er fand. Gar nicht so grillenhaft. Davon wusste allerdings seine Schwester nichts.

Barbara war Leiterin eines Gymnasiums, unterrichtete Chemie und Sport und stand kurz vor dem Erwerb eines zweiten Dan-Grades im Go-Spiel, dessen griffige weiße und schwarze Rundsteine sie sorgfältig in Beutelchen und Kästchen aufbewahrte. Dennoch fehlte immer wieder einer, was sie unbegreiflich fand. Sie verdächtigte jeden, ihre Steinchen »versust« zu haben: »Ihr treibt mich noch zum Wahnsinn damit.« »Die Steine verlieren sich«, hatte Herr Merse in beruhigender Absicht einmal zu ihr gesagt, »weil sie gesucht und gefunden werden wollen.« Er hatte einen der glatten Steine vom Teppich neben dem Tischbein aufgehoben und ihn ihr auf flacher Hand hingehalten. Barbara hatte verächtlich geschnaubt und ihn in den Beutel gleiten lassen. Leises Klicken.

Immer noch bin ich der kleine Bruder für sie, dachte er, während er seine Kleidung in den Koffer legte. Das bleibt. Barbara bildete die eine Uferlinie am Fluss seines Lebens. Dagmar, seine Exfrau, die andere. So empfand er es. Sein Lieblingsgedicht kam ihm in den Sinn: »Die Linien des Lebens sind verschieden / Wie Wege sind und wie der Berge Grenzen / Was hier wir sind …«, er zögerte, » wird dort ein Gott ergänzen …« Er stockte. Herr Merse empfand sich als ergänzungsbedürftig. Er legte ein Paar blau-grau gestreifte Wollsocken in den Koffer. Oder hieß es: »Mag dort ein Gott ergänzen«? Er stand unsicher vor dem Kleiderschrank. »Kann dort«? »Kann« würde am besten passen. Das würde alles offenlassen. Was wusste man schon über das Jenseits? »Kann« wäre allerdings nicht ganz so tröstlich wie das zuversichtliche, bei näherem Nachdenken aber größenwahnsinnige »wird«. Er hielt im Packen inne, wandte sich zum Bücherregal, entschied sich gegen ein sofortiges Nachschlagen, aber legte den Band mit einer Auswahl von Hölderlin-Gedichten auf die T-Shirts. Dazu ein weiteres Paar Wollsocken. Rot-grüne. Seine Mutter hatte in ihrem Leben Tausende Wollsocken gestrickt. Er besaß etwa dreißig Paar. Auf Sylt brauchte man auch im Sommer Wolle. »Wer in die Wärme will, wandert woanders«, hörte er den Vater trompeten.

Barbara liebte die Wärme woanders. Sie fuhr nur über Weihnachten in ihre Sylter Wohnung. Seit seiner Scheidung verbrachte Herr Merse das schwierige Fest dort mit ihr und ihrem Mann Oskar, einem Richter. Einem besserwisserischen Richter. Einem von Haus aus besserwisserischen und ihm, dem Musiker, gegenüber gönnerhaft auftretenden Richter, der gern seine eigenen Weine lobte. Barbara und Oskar machten in allen Ferien außer zu Weihnachten Fernreisen in die Wärme, nach Bali, auf die Kanarischen Inseln, auf die Seychellen. Die Wohnung auf Sylt vermieteten sie. Momentan bereisten sie Thailand.

Herr Merse reiste wenig. Seit er allein war. (»Single«, hätte Dagmar gesagt.) Zu Zeiten seiner Ehe war das anders gewesen. Dagmar hatte ideenreich bestimmt, wo es hingehen sollte. Sie hatte überhaupt bestimmt. Was ihm recht gewesen war. Er war ganz gern »mitgedackelt«, wie sie es ausdrückte. Dabei sah sie mehr wie ein Dackel aus als er: klein, gedrungen, mit neugierigen blauen Augen in einem runden, etwas bäuerlichen Gesicht. Sie war Flötistin. »Die Querflöte verschlankt und veredelt mich«, sagte sie gern, »das brauche ich dringend.« Herr Merse dagegen war mager, schmal und eins neunzig groß. Zu ihm hätte die Querflöte vom Äußeren her gepasst. Er spielte aber Horn. Dagmar war nur eins einundsechzig groß. Dreißig Zentimeter Höhenunterschied zwischen ihnen. Das hatte ihn nie gestört, er hatte das Kompakte, Griffige an Dagmar gemocht. Er hatte sich ihrer aber zu sicher gefühlt, und das war sein schwerer, sein lebensverändernder Fehler gewesen. Es hatte jenseits seines Denkhorizonts gelegen, dass sie sich mit einem anderen Mann einlassen würde oder, noch unwahrscheinlicher, ein anderer Mann sich mit ihr. Und doch war es geschehen, und er hatte lange nichts davon gemerkt, da er sich mit Dagmar in einem Sicherheitskokon wähnte. Hochsicherheitskokon. Bis Dagmar ihn eines Tages konfrontiert hatte, ihm von Andreas erzählte, und dass durch die Begegnung mit Andreas alles anders sei, dass sie Zeit brauche, sich »erst mal sortieren« müsse, das in seiner Anwesenheit aber nicht könne und ihn daher bitte auszuziehen: »Nur räumlich trennen, dann sehen wir weiter.« Das hatte nicht so schlimm geklungen, und Herr Merse hatte sich noch immer sicher gefühlt. Ja, Dagmar war durcheinander geraten, herausgefallen aus dem gemeinsamen Gehäuse, aber sie würde sich »sortieren«, also besinnen, und zurückfinden zu ihm. Er war ausgezogen in der Hoffnung, seine konstruktive Art, mit dem Unfasslichen umzugehen, würde sie erst beruhigen, dann beeindrucken und schließlich umstimmen. Er hatte sich getäuscht. Nur vier Monaten später trug sie ihm die Scheidung an: »Zwei Bläser, das konnte ja nicht gut gehen mit uns«, lautete ihre finale Erklärung.

Wieder und wieder hatte Herr Merse nach dem Zwei-Bläser-Diktum Dagmar brieflich, telefonisch, per Mail, per SMS und persönlich bedrängt. Mehrfach fing er sie auf dem Nachhauseweg ab, stellte ihr Fragen, kreiste sie mit Argumenten, Bitten, Beschwörungen ein. Was denn eigentlich ihr Problem mit ihm sei? Sie hätten doch gut miteinander gelebt. Geschlafen. Gegessen. Geredet. Hätten ihre Schüler, ihr Auskommen, ihre eigenen Räume in den Musikschulen gehabt. Sie seien sich doch zu Hause mit dem Üben nicht auf den Wecker gegangen, so seine Litanei, zwei anerkannte Musiker, die beide ungefähr gleich viele und gleichwertige Muggen in Hamburger Orchestern gehabt hatten, die sogar als Duo zusammen auftraten mit Bearbeitungen, die er selbst angefertigt hatte von berühmten Stücken, so zum Beispiel mit Duetten aus »Don Giovanni«. Ja, er gab zu: Es war eine ungewöhnliche Duo-Variante. Ja, manche lachten, wenn sie sich mit ihren Instrumenten auf Festen oder Hauskonzerten in Positur brachten und er auf dem Horn »Reich mir die Hand, mein Leben« zu ihr hin intonierte. Aber nur im ersten Moment. Denn es hatte gut zusammengepasst. Vor dem dunklen weiten Horizont seines warmen Hornklangs schwebte sie mit ihrem schmalen geraden Silberstrahl flink und geschmeidig wie eine Schwalbe hin und her. So hatte er es empfunden. So ergaben sie »ein Klangbild«. Zwei Bläser. Ha! Was sollte das heißen? Herr Merse starrte in den Koffer mit seinen Utensilien.

Dagmars Antworten auf seine Nachsetzungen waren stets verschleiert geblieben. »Die Chemie stimmt nicht«, sagte sie etwa, und wenn er dann auf Klarheit drang, wich sie aus: »Wenn du es nicht begreifst, kann ich dir nicht helfen.« Sie hatte sogar Tristan zitiert, obwohl sie Wagner verabscheute: »Ich kann es dir nicht sagen«, oder weihevoll Lohengrin: »Nie sollst du mich befragen.« Einmal hatte sie hingeworfen: »Zweimal Blech.« Wie ein falsch angesetzter Ton war das Wort »Blech« aus ihrem Mund gescheppert, ein abschließender, verkackter Fanfarenstoß: zweimal Blech, dä dä däää.

Danach war Herr Merse verstummt. Er hatte begriffen: Es war ein Fehler gewesen, so schnell auszuziehen. Wenn er beharrlich geblieben wäre, wenn SIE hätte ausziehen müssen, wäre sie vielleicht doch geblieben. Dagmar liebte wie er die ehemals gemeinsame Erdgeschosswohnung in Eppendorf. Ruhige Nebenstraße, praktisch zum Üben, Nähe Hochbahn, gut erreichbar; mit einem winzigen Stadtgarten davor, aus dem er ein Paradiesgärtlein gezaubert hatte (»Hast eben den grünen Daumen«), das den Passanten Ohs und Ahs entlockte. Ja, das alles war hin für ihn. Da wohnte sie jetzt mit ihrem Andreas, einem Dirigenten, der zehn Jahre jünger war als sie. Dagmar war einundvierzig, genauso alt wie Herr Merse.

Dies alles war drei Jahre her, und Dagmar wohnte immer noch mit Andreas in der Eppendorfer Wohnung. Und wird da bleiben, dachte er. Er sah sich um. Alles verstaut? Wird. Hier passte das Wörtchen. Wird so bleiben. Da zehn Jahre Altersdifferenz, hier dreißig Zentimeter Höhenunterschied. »Kokolores«, brummte er und schloss den Koffer mit einem Rums.

Halt. Welche Bücher mitnehmen? Und dann die schwierige Frage: Ferien vom Horn oder Ferien mit Horn? Auch in dieser Hinsicht war Dagmar führend gewesen. Sie wusste, was sie wollte. Vielleicht auch nur, weil er oft zögerte? »Die Flöte braucht ’ne Pause.« Damit legte sie sie in den Safe ihrer Eltern in Bergedorf und holte sie am Ende der Ferien von dort ab. Eine Goldflöte für achttausend Euro. »Bin zwar nicht Galway, aber das bin ich mir wert.« Galway, der berühmte Flötist, war, wie sie stets sagte, ihr innerer Herr und Meister: »Der hat auch pausiert.« Also. Dabei war dessen erste Ehe gerade an seinem pausenLOSEN nächtlichen Üben zerbrochen. Davon hatte Herr Merse in Galways Autobiographie gelesen. Sie sah das anders: »Das war nicht der wahre Grund.« Aber was ihrer Ansicht nach Galways Ehe auseinandergebracht hatte, bekam er ebenso wenig heraus wie die Botschaft, die in »zwei Bläser, zweimal Blech« verborgen lag. Galways Pausieren war laut Autobiographie durch einen Unfall erzwungen gewesen, es war keine Ferienfreiwilligkeit. »So weit lasse ich es nicht kommen, darum schreibt er ja darüber, man soll eben pausieren«, war Dagmars Resümee. Es blieb offen, ob darin schon damals eine kryptische Ehebotschaft an ihn gesteckt hatte.

Herr Merse trennte sich schwerer vom Horn. Mit Dagmar – ja. Auf ihren gemeinsamen Unternehmungen, die nach Dagmars Vorstellungen als Aktivurlaube gestaltet wurden, hatten sie die Instrumente nicht brauchen können. Herr Merse ließ die Kofferschlösser noch einmal aufschnappen, weil der Ärmel eines Hemdes heraushing. Das Schnappgeräusch klang aktiv. Oh, damals waren sie sportlich gewesen. Hatten Kurse besucht: Tauchen, Segeln, Kanu. Einmal hatten sie es auch ohne Kurs mit Wandern auf der Schwäbischen Alb versucht. Nur sie zwei. Das war nicht so gut gegangen, weil es Dagmar neben ihm zu schweigsam geworden war den ganzen Tag die weiten stillen Hügel entlang. Sie hatten abends Anschluss an andere Wanderer gesucht, ohne Erfolg. Viele waren älter, blieben für sich. Sie hatten die Wanderung aber trotzdem durchgehalten, denn Dagmar befand: »Beim Flöten belaste ich immer nur die eine Seite, jetzt muss mal mein ganzer Körper ran.« Er sah sie vor sich, wie sie in einem Kanukurs mit dem Paddel so schwungvoll erst rechts, dann links ins Wasser stach, dass es aufspritzte. Er legte die Sonnencreme in den Koffer und schloss ihn endgültig.

Herr Merse nahm das Horn mit. Ohne Horn fühlte er sich nackt und einsam. Außerdem wollte er Brahms üben.

Er steckte einen Krimi in seine Umhängetasche, trat noch einmal an das Bücherregal und glitt mit Händen und Augen über die Reihen, bis sein Blick an dem dicken Roman »Der Mann ohne Eigenschaften« von Musil hängen blieb. Das Buch gehörte Dagmar. Er zog es heraus und öffnete es; auf der Titelseite stand ihr Name. »Passt besser zu dir«, mit diesen Worten hatte sie es bei seinem Auszug in eine seiner Bücherkisten gesteckt. Da er wusste, dass sie nur den Titel und nicht den Text kannte, hatte er ihre Bemerkung als abfällig empfunden und das Buch nie gelesen. Er brauchte jetzt aber für die Ferien mindestens ein dickes gutes Buch, das war klar. »Der Mann ohne Eigenschaften« gehörte zur Weltliteratur. Also. Er musste eine Welt mitnehmen, in die er sich vertiefen und in der er seine vergessen konnte. Werden wir ja sehen, dachte er. Ohne Eigenschaften.

Er schloss seine kleine Wohnung ab und hinterlegte den Zweitschlüssel für Frau Niebuhr, die ältere Dame aus der Nachbarschaft, unter dem Stein auf dem Fenstersims. Frau Niebuhr goss für ihn die Blumen und sammelte die Post ein; vermutlich schaute sie nach, wer ihm schrieb, was Herrn Merse aber nicht störte. Er erhielt wenig Post. Seine Wohnung war praktisch. Sie lag ebenerdig neben einem Schuppen auf dem Gelände einer ehemaligen Fleischerei in Hamburg-Rahlstedt. Er konnte dort ungestört üben, und es war mit dem Fahrrad nicht weit zur Musikschule. Wenn es warm war, tranken die Hausbesitzer vor seinem Fenster im Garten Kaffee, und er hatte einmal gehört, wie sie von ihm als dem Mieter der Wurstbude sprachen, der so schöne Orchideen im Fenster habe.

Er verließ nun für vier Wochen seine Wurstbude.

Das Horn trug er im Kasten umgeschnallt und zog seinen Rollkoffer geräuschvoll über das Pflaster – ein unvermeidlicher Lärm, der ihm unangenehm war. Seitlich fühlte er seine Umhängetasche an einem breiten Gurt über die Schulter pendeln, in die er die Notwendigkeiten für die Zugfahrt gesteckt hatte. Darunter Ricola-Bonbons. Er lutschte gern Ricola-Bonbons und hatte immer welche dabei, alle seine Schüler wussten das und baten ihn oft um eines. Eine Gymnasiastin, Sofia von dem Trio »Die Hornissen«, stürmte oft in seinen Raum, hielt inne, schnupperte mit erhobener Nase und sagte: »Orange.« Oder: »Salbei.« Oder: »Holunder.« Je nachdem. Sie hatte immer recht.

Es war früh am Vormittag. Herr Merse fühlte die Sonne im Rücken. An der Bushaltestelle fiel ihm sein Schatten auf; mit den an ihm baumelnden Objekten formte sich eine bizarr ausladende Silhouette. Sie erinnerte ihn an den Umriss einer Reklamefigur für Sherry. Sandeman? Dry Sack? »Sandmann«, sagte er leise. »Trockener Sack«, hörte er Dagmars Stimme.

Herr Merse war zeitig am Hauptbahnhof. Der Zug nach Sylt kam gut besetzt aus Berlin angerollt. Herr Merse ging mit langen Schritten durch das Urlaubergewimmel auf dem Bahnsteig an den Fenstern entlang, besorgt, seinen Wagen mit dem vorbestellten Sitz zu verpassen und sich dann mit dem Gepäck durch enge Gänge schieben zu müssen. »Immer eckst du an mit diesem Ding«, hörte er Dagmar. Aber da stand er am richtigen Wagen und musste auch niemanden von seinem Sitz verscheuchen, was ihm trotz seiner Reservierungsberechtigung schwergefallen wäre. Er verstaute Horn und Rollkoffer, setzte sich und legte sein Plan-und-Spar-Ticket auf dem Tischchen vor sich bereit.

Es war ein Fensterplatz in Fahrtrichtung an einem Vierertisch, an dem schon eine Mutter mit zwei halbwüchsigen Kindern saß, einem zirka siebzehnjährigen Mädchen und einem vielleicht zehnjährigen Jungen. Als der Junge aufstand, um Herrn Merse auf seinen Platz zu lassen, musterte er interessiert den Hornkasten in der Gepäckablage, senkte aber den Blick, als er merkte, dass Herr Merse ihn ansah. Auf dem Tisch vor dem Jungen lag ein Blatt Papier mit Bleistiftkritzeleien, die er wieder aufnahm, als der Zug anfuhr. Es schienen komplizierte Labyrinthe zu sein, die er entwarf. Er wirkte vertieft. Das Mädchen gegenüber fummelte an ihrem iPod herum und hörte Popmusik, deren Rhythmen leise, aber aufdringlich ihren Weg in Herrn Merses Ohren fanden. Augenblicklich quoll in ihm ein Gefühl von Ärger und Ohnmacht auf, das nicht abgemildert wurde durch den Jugendliebreiz des rundlichen Mädchengesichts und auch nicht durch die Begrüßung der braunlockigen schlanken Mutter neben ihr, die von ihrem Buch aufsah und ihm freundlich zunickte. Er grüßte mit zusammengezogenen Augenbrauen kurz zurück, presste die Lippen aufeinander und fummelte seine Ohropax aus der Umhängetasche hervor. Er schottete sich ab.

Der Zug ließ Stadt, Vororte, Einkaufscenter, Dörfer und versprengte Gehöfte hinter sich. Die Stöpsel im Gehörgang funktionierten, Herr Merse träumte vor sich hin. Er schaute aus dem Fenster in die flache leere Marschlandschaft. Gar nicht so lange, dann würde der Nord-Ostseekanal kommen. Er kannte die Strecke seit seiner Kindheit.

Draußen leer, drinnen voll, dachte er. Vor seinem inneren Auge zog das Abschlussvorspiel seiner Hornklasse vorbei, die Eltern mit ihrem Lob, ihren Fragen, ihren guten Wünschen für seinen Urlaub. Sie hatten hinterher noch beisammen gesessen beim Griechen. Die Rede war auf die Präsidentenwahl gekommen, Gesine Schwan oder noch mal Köhler? Herr Merse hatte nichts dazu gesagt, weil er als Musiker meinte, sich aus Politischem heraushalten zu müssen. Dagmar hatte das natürlich nie daran gehindert, überall alles zu kommentieren: »Barenboim ist auch politisch aktiv. Guck dir sein Ost-West-Orchester an.« Mein Gott, Barenboim. Er jedenfalls nicht. Schwan oder Köhler. Ihm war es egal.

Früher hatte Herr Merse mit Nachnamen Schwan geheißen. Er hasste den Namen, Anlass unzähliger Hänseleien. Entweder hatten die Mitschüler den Namen zu »Schwanz« ergänzt, oder er wurde mit Augenaufschlag im schwulen Bogenschwung intoniert: »Schwaaaaan«. Mit der Behandlung der Oper »Lohengrin« im Leistungskurs Musik wurde eine Negativklimax erreicht: Der amerikanische Austauschschüler sprach naiv von Neuschwanzig statt von Neuschwanstein, als König Ludwigs Wagnerverehrung durchgenommen wurde. Der Lehrer hatte das aufgegriffen und gesagt: »Ok, wir wollen die Kursfahrt nach Neuschwanzig machen, und den Schwan bringen wir mit …« Es wurde unter »Lehrersprüche« in der Schülerzeitung abgedruckt.

Wahrscheinlich hatte Gesine Schwan als Frau mit all diesen Dingen nichts zu tun und konnte in »Lohengrin« oder im »Karneval der Tiere« den musikalischen Auftritt des Schwans genießen. Für Frauen war der Name einfach unproblematisch. Als Dagmar und er über ihre Heirat nachgedacht hatten, wollte sie sogar unbedingt seinen Namen annehmen, er hatte aber auf ihrem neutralen »Merse« beharrt. Es war ihr erster Streit gewesen. Sie hätte sich gern mit seinem Namen »verbessert«, wie sie sagte, da sie »Merse« wie eine Bestätigung eines farblosen Äußeren erlebte. Aber Herr Merse, damals Schwan, hatte sie überzeugt, dass dreimal a in »Dagmar Schwan« ein a zu viel sei. Zweimal a, zweimal e, damit stehe sie ausgeglichen in der Welt. Zwei dunkle, zwei helle Vokale. Wie Nacht und Tag. Er hatte eine seltene Beredsamkeit entwickelt, wie später kaum jemals wieder. Dagmar argumentierte, »Schwan« passe besser zu seinem Vornamen. Ingo. I o a. Es klinge abwechslungsreich. Bei ihr nicht. »Zweimal a und zweimal e, langweilig wie weißer Schnee«, reimte sie. Sie reimte gern. Aber Ingo blieb hart, und Dagmar gab schließlich nach. Es blieb unklar, ob sie einlenkte, weil er ihr von den Hänseleien erzählt oder sie mit seinem Klangargument überzeugt hatte.

Durch den Federstrich des Standesbeamten – der ihn von Mann zu Mann halblaut fragte: »Wollen Sie das wirklich?« – verwandelte sich Ingo Schwan in Ingo Merse. Es war für ihn der Höhepunkt der Hochzeit gewesen. Er hüllte sich glücklich in den neuen Namen wie in das blaue Tuch einer Schutzmantelmadonna. Die Lästigkeit, bei Behörden, Banken und Versicherungen die Namensänderung amtlich zu machen, nahm er geduldig hin. Barbara hatte ihn entgeistert gefragt, ob er noch bei Trost sei, den eigenen Namen abzugeben. »Häär Määääse«, äffte sie und gab dem Vokal durch dehnende Übertreibung die helle, oberton- und seelenlose Flachheit, die der Hamburger Dialekt aus ihrem Mund annehmen konnte und die sie noch dadurch unterstrich, dass sie die r-Konsonanten nur andeutete. Als er versuchte, ihr seine Entscheidungsgründe darzulegen, hörte sie nur halb zu und begann einen Singsang: »Määääse, Määäse, hast ein’ anner Fäääääse …«

Husum.

Bei Husum gab es einen Krokuspark. Im März färbte es sich, intensiviert durch Traubenhyazinthen, leuchtend blaulila um dicke, kahle Buchenstämme. Herr Merse war letztes Frühjahr auf einer Tagung des Musiklehrerverbandes in Husum gewesen, man machte einen Ausflug in den Park. Die Farbe des Blumenteppichs hatte ihn an die weiten Tücher erinnert, die manche Gestalten seiner Kinderbibel faltenreich umhüllten. Petrus zum Beispiel. Wie Petrus blaugraulila gewandet auf dem grünen Meer einherschritt und mit einem Bein schon halb eingesunken war und wie er zu Jesus hin die Arme ausstreckte. Herr Merse war vorsichtig und freudig berauscht durch den Park wie durch einen Götterhain geschritten. Barbara schickte er eine Postkarte: »Blaue Grüße aus Husum. Dein Ingo.« Sie hatte die Karte in der Küche aufgehängt. »Gut, dass du jetzt endlich allein was unternimmst und auch mal wieder einen trinkst«, sagte sie, und beim Wiedersehen erkundigte sie sich nach dem Frauenanteil bei den Tagungsteilnehmern.

Niebüll. Die letzte Station vor der Insel.

Er wartete ungeduldig auf den Hindenburgdamm, der das Festland mit der Insel verband. War der Damm erreicht, begannen die Ferien. Als er sechsjährig erstmals über den Damm fuhr, war Ebbe gewesen. Er hatte nur den graubeigen Boden mit den Wasserrückständen gesehen und gestaunt: »Wieso ist hier Wasser in der Wüste?« »Das ist keine Wüste, sondern Watt.« »Wat?«, fragte er zurück. Er verstand nicht. »Wat denn dat denn?«, zog ihn Barbara auf. »Wat denn dat denn: Watt?«, hätte er fragen sollen. Dann wäre er auch mal witzig gewesen, nicht immer nur Barbara. Aber er stellte selten Fragen. Die Eltern hatten damals die Fenster aufgemacht: »Riechst du das Watt?« In seine traurige Ratlosigkeit hinein roch er erstmals das Wattenmeer. Bald darauf die offene See. Seither machte ihn der Geruch glücklich.

Ob wohl heute Ebbe oder Flut war? Er schien den Jungen neben sich mit seiner unterdrückten Aufregung anzustecken. Der Junge schaute auch zum Fenster hinaus. Dabei knabberte er verwinkelte Gänge in einen sehr grünen, harten Apfel. Alles gerät ihm zum Labyrinth, dachte Herr Merse.

Der Zug verließ schon die Marschwiesen, sie waren auf dem Damm. Es war Flut. Ein grau melierter Himmel lag wie ein Seidentuch über einer anthrazit gewellten, weiten Wasserfläche. Von der Insel aus leuchtete ihm das weiße Kliff von Braderup entgegen. Unwillkürlich hob er die Arme, um das Fenster aufzureißen, aber das ging nicht. Es fehlte ein Quergriff zum Herunterziehen des Fensters. Früher stand auf einem weißen schmalen Emailleschild in vier Sprachen die Aufforderung, sich nicht aus dem geöffneten Fenster zu lehnen. Er hatte sie als Kind auf der langen Fahrt wieder und wieder gelesen und vor sich hin gemurmelt wie eine Melodie. Am schönsten war das Italienische: E pericoloso sporgersi. Hier aber war kein Griff, kein Schild.

Der Junge guckte ihn erstaunt an, weil er die Bewegung wahrgenommen hatte, die ins Leere lief. »Schade, dass man es so nicht riechen kann«, sagte Herr Merse wie zur Erklärung.

»Riechen?«, fragte die Mutter der beiden und sah ihn direkt an mit leuchtenden, braunen, durch fein gezeichneten Mascarastift hervorgehobenen Augen.

»Das Glück«, sagte Herr Merse und merkte mit augenblicklicher Bestürzung, dass er sich in diese Augen hinein versprochen hatte. Er lief rot an. »Das Meer«, sagte er. »Das Meer. Früher gingen die Fenster auf. Dann konnte man Seeluft riechen und sich freuen.« »Ja, blöd, diese modernen Züge«, stimmte die Frau zu.

Herr Merse nickte erleichtert. Das Mädchen hatte nicht zugehört und wackelte mit dem Kopf im Takt ihrer Musik. Der Junge sah Herrn Merse wortlos an und schaute weg, als dieser ihn, um seine Verwirrung zu verbergen, aus Höflichkeit fragte, wo es denn hingehe. Schweigend schauten sie beide danach aus dem linken Fenster, wo sich als graue ferne Köttel die Halligen und als länglicher Bauklotz Amrum vor dem Horizont abzeichneten.

* * *

Am Bahnhof in Westerland driftete alles mit Sack und Pack auseinander. Herr Merse nahm den Bus nach Wenningstedt, ging, vom Duft der überall auf den Feldsteinwällen blühenden Heckenrosen beglückt, über die Straße die kurze Strecke zum Bunker, wie er Barbaras Wohnanlage nannte, und stellte sein Gepäck in dem Apartment ab. Es war alles, wie er es kannte: Der Blick aus dem Fenster zeigte die zum Schullandheim gehörende Wiese mit den Sportgeräten und dem Fußballplatz, drinnen stand das Doppelbett in einer Nische, vor dem Fenster die Couch mit dem ovalen Couchtisch, auf dem zwei Beutel mit Go-Steinen lagen, diesseits des Glasovals ein Sessel, in der Ecke der Fernseher, an die Kochnische anschließend ein ausziehbarer Esstisch mit zwei Stühlen. Er würde sich später einrichten. Jetzt zum Kliff!

Rasch ging er mit seinen lang ausholenden Schritten am Haupthaus des Schullandheims vorbei. Er nahm nicht den direkten Weg zur Promenade, wo es von Menschen wimmelte, die an dem unvermeidlichen Fisch-Gosch vorbei die breiten Holztreppen zum Strand hinuntertrabten, sondern wählte den nördlicheren Zugang von einer der neu erbauten, feinen Siedlungen aus. Hinter den reetgedeckten Häusern stieg der Weg zwischen Heckenrosen und Strandhafer an. Herr Merse lief mit der Ungeduld des sechsjährigen Ingo, dem nach der »Watt«-Enttäuschung das »offene Meer« verheißungsvoll in Aussicht gestellt worden war. Tief atmend, gelangte er auf den Holzbohlenweg, der oben auf dem Kliff parallel zum Meer verlief und in die Strandtreppe mündete. Unter und vor ihm erstreckte sich wie in einem riesigen Amphitheater das grandiose Strand-Meer-Himmel-Panorama, das sich nach rechts, links und vorn ins Unendliche ausdehnte. Er starrte auf das Meer mit den langsam und rhythmisch heranrollenden Wellen. Das Brandungsrauschen und der Wind hüllten ihn in Altvertrautes ein. Das blieb also. Mit der Salzluft sog er den trockenen Duft des Strandhafers ein, in den sich, wenn Fußgänger nah an ihm vorbeikamen, ein Hauch verschiedener Sonnencremes mischte. Herr Merse liebte von früher her den Geruch von Delial, einer Sonnenmilch in orangefarbener Flasche, auf der sehr schlanke braune Frauen in elegant-fröhlicher Haltung abgebildet waren.

Versunken zog er Schuhe und Strümpfe aus und stieg die breite Treppe hinab. Unter den Fußsohlen spürte er die geriffelten Tropenholzbretter. Die Treppe mündete am Korbverleih, dahinter befand sich die Rettungsstation mit den flatternden Badeerlaubnis-Wimpeln. Das Kliff fiel sanfter ab als in seiner Erinnerung und war sorgfältig durch Anpflanzungen vor Aushöhlung durch Sturmfluten geschützt. Früher hatte das Kliff schroffer, gelber und lehmiger dagestanden, unregelmäßig von oben nach unten durchfurcht von Wasserrinnsalen, vor deren schmal mäandernden Bahnen er oft grübelnd gestanden hatte.

Er stapfte über den breiten Sandstrand nach vorn. Am Meer blieb er stehen. Die Wellen rollten in langen, parallelen, manchmal auch schrägen Reihen heran und türmten sich mehrfach übereinander; manchmal kamen die Wellenreihen vierfach geschichtet auf ihn zu. Dass Wasser auf Wasser lief! Die einzelnen Wellen bauten sich rund und wogend auf, erreichten ihre naturgegebene Höhe, brachen rauschend und prasselnd. Das weißgischtige Wasser lief flach aus, leckte den Strand feucht, hinterließ kranzartige dunkle Ränder und wurde auf unsichtbaren Befehl vom Meer zurückgesogen. Er breitete die Arme aus und stand still da, das Gesicht im Wind. Hinter seinem Rücken kreuzten Stimmen von Badegästen hin und her. Die Brandung war aber so laut, dass man nichts verstand. Gott sei Dank. Eine drahtige Frau trat neben ihm bis zu den Knöcheln ins Wasser und wusch den Sand aus ihrem schwarzen Badeanzug. Auf ihren muskulösen Waden zeigte sich Gänsehaut. Es war kein warmer Spätnachmittag.

Herr Merse stand unverwandt, den Blick auf die bewegte, graugrüne Fläche mit der scharfen waagerechten Horizontlinie gerichtet. Ihm fielen Eichendorff-Zeilen ein. Schumanns Eichendorff-Vertonungen waren kürzlich Bestandteil eines Musikschulvorspiels gewesen, an dem auch seine »Hornissen« teilgenommen hatten. Die Lieder, von einem noch sehr jungen Mädchen schlicht vorgesungen, hatten ihn aufgewühlt. Zu Hause hatte er nach dem Vorspiel seine alte Gedichtsammlung aus der Schulzeit hervorgezogen und sich in Eichendorff-Texte vertieft. Er sprach die Liedzeilen als Sylt-Variation laut in den Wind: »Ich steh in Meeresbrausen / Wie an des Lebens Rand …« Bei dem Schlesier Eichendorff stand natürlich »Waldes Schatten«, was hier nicht passte. Die sportliche Frau warf ihm einen verwunderten Blick zu und schlenkerte den Badeanzug, dass einzelne Tropfen ihn bespritzten. Herr Merse schaute an sich herunter. Neben seinen Füßen lag ein weißlicher Gischtballen. Die Schaumreste zitterten. Jetzt bin ich angekommen, dachte er.

Und nun?

Er schlenderte Richtung Kampen. Hier begann der FKK-Strand, dann kam der Hundestrand. Früher hatten da keine Strandkörbe gestanden, jetzt aber lagen hier die Nackten auch in Körben. Allerdings waren sie wegen des Windes und der mäßigen Temperatur in Decken gehüllt und hielten nur ihre braunen Gesichter in die schräger einfallende, ab und an unter Wolken hervorkommende Sonne. Hoffentlich bleibt das Wetter so, dachte Herr Merse. Es war ihm gerade recht. Bevor er den Strand verließ, ging er beim Korbverleih vorbei und mietete für vier Wochen die Nummer 1423. Das gönnte er sich. Einen geflochtenen, nummerierten weiß-blauen Kokon.

Am Abend ging er essen, um seinen ersten Ferientag zu feiern, aber schwor sich nach dem wässrigen Fisch, Restaurants in Zukunft zu meiden. Von jetzt ab würde er kochen. Er machte Pläne, wie er die Tage verbringen wollte: Morgens joggen am Strand, danach die Zeitung holen und ausgiebig frühstücken. Dann, wenn die anderen zum Strand gingen, üben. Herr Merse hatte einiges an Noten mit: vor allem das Brahms’sche Horntrio, dann Wagner, das Englisch-Horn-Solo aus dem dritten Akt von »Tristan und Isolde« (»Tristan und die Olle« laut Dagmar) in einer Bearbeitung für Horn, sein geheimes »Lebensstück«, und noch etwas Modernes für eine kleine Mugge auf dem Schleswig-Holstein-Festival. Nach dem Üben an den Strand mit einem Picknickkorb. Mit dem »Mann ohne Eigenschaften«. Baden. Lesen. Essen. Zwischendurch einkaufen. Vielleicht mit Leuten um seinen Strandkorb herum bekannt werden und hier und da klönen. Abends kochen. Ja. Und dann? Noch mal spazieren gehen, noch mal ans Meer. Es blieb ja lange hell. Er würde klarkommen. Die Luft machte müde. »Meer macht müde«, hörte er seinen Vater. Ja. Er könnte es wagen, die Tabletten langsam abzusetzen.

Die Tabletten abzusetzen, sich »auszuschleichen«, war Herrn Merses Urlaubsprojekt neben dem »Mann ohne Eigenschaften« und dem Horntrio. Als Dagmar ihn mit ihrem »zweimal Blech« vor vollendete Tatsachen gestellt hatte, war er tagelang herumgeirrt, hatte weder geschlafen noch gegessen, sich mit bohrenden Fragen ausgehöhlt und mit schneidender Selbstverachtung verhöhnt. Er ging nicht mehr zur Arbeit, bestellte alle Schüler ab. Die neue Wohnung war eine reine Bleibe und sah auch so aus. Er konnte nicht allein sein. Er musste reden, reden, reden. Monoton wälzte er dieselben Fragen: »Wieso habe ich es nicht gemerkt?« »Was fehlte ihr?« »Wie kann ich sie wieder umstimmen?« Er saß die Nachmittage und Abende über bei Barbara, die ihn erst aus Mitleid ermuntert hatte, zu ihr zu kommen, aber bald genervt reagierte und ihn zu einem Neurologen drängte, ihn schließlich persönlich zu einem brachte (»schleppte«). Dort wurden ihm erst Tranquilizer verschrieben, dann, als die nichts bewirkten, Antidepressiva. Dazu Schlafmittel. Er hatte alles wortlos akzeptiert, aber unzuverlässig eingenommen, war bedröhnt vor ein Auto getaumelt, das noch rechtzeitig einen Schlenker um ihn machte. Zufällig war der Fahrer »vom Fach«, wie er selbst sagte, ein Psychiatriepfleger, der Herrn Merse im ersten Moment beschimpfte, dann seinen Zustand erfasste, freundlich-professionell auf ihn einredete und ihn ohne Weiteres davon überzeugte, dass er in einer Klinik besser aufgehoben sei. Herr Merse sagte nicht Ja, nicht Nein. Der Pfleger nahm ihn einfach mit.

Tatsächlich brachte die Klinik Abstand. Die Medikamentierung wurde passender auf ihn eingestellt, die Einnahme überwacht, er aß, was ihm vorgesetzt wurde. In Gesprächen stand zu seinem großen Staunen er im Mittelpunkt, man wollte etwas von ihm wissen, das er selbst nicht wusste, und Dagmar war nicht da, an der er sich orientieren konnte. Aber die Gespräche halfen ihm nicht. Weil er Dagmars Abwendung eben nicht verstand. Besser war die Musiktherapie. Herr Merse war Teil einer Gruppe, die aus acht Patienten bestand. Er war aber hier nicht »zuständig« wie sonst immer. Er leitete gar nichts an. Er hatte sein Horn nicht dabei und stellte sich als Grundschullehrer vor, der Blockflöte unterrichtete. Er hatte vorher bemerkt, dass keine Blockflöten als Instrumente zur Verfügung standen. Er benutzte ausschließlich Trommeln und Schlagwerk. Am liebsten saß er still dabei. Er nahm in sich auf, was die anderen an Tönen und Geräuschen hervorbrachten, und wenn die Musiktherapeutin sich ihm zuwandte, schwieg er beharrlich. Weil sie ihm leidtat, erklärte er ihr einmal angestrengt: »Ich bin der Klangstaubsauger. Sauge alles auf. Und irgendwann bin ich voll. Und platze. Aber jetzt noch nicht.« Die Therapeutin setzte viel daran, ihn zum »Platzen« zu bringen, aber es gelang nicht. Er tröstete sie: »Diese Klänge füllen mich nun aus, und damit vertreiben sie das, was vorher war, das Gedankenmühlrad und den Schmerz.« Er lächelte sie aus seinem schmalen Gesicht heraus an, er hatte abgenommen. Sie stimmte ihm schließlich zu, dass Klangstaubsaugen für ihn ein Fortschritt war.

Nach der Klinik hatte Herr Merse wieder mit dem Arbeiten angefangen, eine ihm dringend ans Herz gelegte Psychotherapie jedoch abgelehnt. Mit Dagmar zusammen hatte er Paargespräche machen wollen, aber Dagmar lehnte so etwas strikt ab. Sie brauche keinen »Seelenklempner«. Er hatte in der Klinik gelernt, sich »mit anderem« aufzufüllen, und das reichte ihm. Die Tabletten nahm er weiter ein, sie halfen, Erinnerungen und Fragen fernzuhalten. In den Unterrichtsstunden war er ganz da, mehr als früher; er nahm den Unterricht sehr wichtig, denn hier fand nun sein Leben statt. Zu neuen Freundschaften oder Beziehungen hatte er keine Lust. Barbara hatte allerlei versucht, um ihn »unter Leute« (sie meinte natürlich: an eine neue Frau) zu bringen, aber er blieb zurückgezogen, las, schaute fern, surfte manchmal in Pornoseiten, schlief viel. Nur durch gelegentliches Muggen traf er auf neue Menschen. Auch auf Frauen.

Bei seinem letzten größeren Aushilfsjob bei den Hamburger Symphonikern hatte er eine sehr junge Geigerin kennengelernt, Yvonne, die ihn fragte, ob er den Hornpart im Brahms-Trio übernähme. Die Anfrage der schüchternen jungen Frau hatte ihn tagelang in Unruhe versetzt. Er erhöhte die Tablettendosis. War er als Hornist oder als Mann gemeint? Er hatte sich Bedenkzeit ausgebeten, indem er vorsichtig ausgebucht tat, und sagte schließlich, da es erst im Sommer des nächsten Jahres sein sollte, zögernd zu. Als Herr Merse das Aufleuchten in Yvonnes graublauen Augen wahrnahm, fasste er augenblicklich den Entschluss, von den Tabletten wegzukommen. Der Neurologe war überrascht gewesen und hatte ihn noch einmal ermahnt, doch eine Psychotherapie aufzunehmen, um bei der schwierigen »Entwöhnung« eine Begleitung zu haben, aber Herr Merse wollte es allein versuchen: »Hilfe erdrückt mich.« »Ich nenne es Begleitung, nicht Hilfe«, hatte der Neurologe erwidert, und Herr Merse hatte ihm daraufhin von einem Pianisten erzählt, der an der Hochschule als Begleiter für die Hornisten und andere Bläser zuständig gewesen war und von dem er sich als Student angetrieben, erdrückt und heruntergemacht gefühlt hatte. Drei Jahre lang. »So ein Begleiter verdirbt einem alles«, sagte er. Der Neurologe zuckte die Achseln. »Es gibt auch gute Begleiter. Aufbauende. Verständnisvolle. Aber wenn Sie nicht wollen …« Er machte sich einen Vermerk und bestellte ihn für nach den Ferien ein: »Mal sehen, wie’s Ihnen ergangen ist. So einfach ist das nicht.« Er schaute in den Computer. »Sie haben die Tabletten fast drei Jahre lang eingenommen.«

Herrn Merses Dosis bestand aus zwei Tabletten am Abend und einer am Morgen. Die abendlichen dämpften und beruhigten, die morgendliche schob an. Er beschloss, sehr langsam vorzugehen. Der Neurologe schien ihm zwar nichts zuzutrauen, aber er würde es versuchen. Eben schleichend. Vielleicht würde er dann gar nichts merken. Die Zeit heilt doch auch, dachte er. Er schnitt von der zweiten abendlichen Tablette ein Drittel ab. Also ein Zweidrittel heute. Klimawechsel. Reizklima. Trotzdem nagte die Angst an ihm, nicht einschlafen zu können. Ich muss doch am nächsten Tag nicht funktionieren, dachte er. Kann doch ’ne Weile wach liegen. Falls Gedankenqualen kämen, dann wäre noch SB als Einschlafhilfe möglich. SB war sein Kürzel für »Selbstbedienung«, wie er die Selbstbefriedigung für sich nannte. Er empfand seine Schlafstörungen als Makel. Dagmar hatte prächtig geschlafen, sogar geschnarcht. Das hatte ihn nicht gestört, im Gegenteil. Wenn er ihrem Schnarchen zugehört hatte, war er oft in eine weiche, leicht hypnotisierte Stimmung geraten und seinerseits eingeschlafen. Er legte sich auf die Seite und stellte sich Dagmars Schnarchen vor. Als harmonisch anflutendes und abebbendes Geräusch, hin und her, nicht zu laut, gleichmäßig wie das Meer