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Titelseite

Meike Haas

Janas Feriengeheimnis

Der Nachtfalter im Bauch

Als ich meinen Koffer packte, war es wieder da. Dieses Gefühl. Ich habe es oft. Es ist wie ein Flattern im Bauch, als ob jemand in mir drin sitzt und mit seinen Flügeln schlägt. Dann wird mir flau und erst dann merke ich, dass ich vor irgendetwas Angst habe. Das ist doch komisch.

Eigentlich sollte man denken, dass erst die Sache da ist, vor der man sich fürchtet, und dann das Gefühl. Tatsächlich ist es aber umgekehrt. Zumindest bei mir. Manchmal wache ich auf und das Gefühl ist so stark, dass ich meine, mein Bauch platzt und das Flatterwesen fliegt heraus – und erst dann merke ich, dass wir am selben Tag eine Französisch-Arbeit schreiben. Bei Frau Mayer-Höfelding. Der Horror pur. An solchen Morgen bin ich mir sicher, dass es ein ekliger Nachtfalter ist, der in meinem Bauch wohnt. So eine braungraue Motte, von der man auf gar keinen Fall gestreift werden möchte, wenn sie zur Lampe schwirrt.

Manchmal flattert es aber auch anders. Sanfter, kitzeliger. Dann denke ich – gut, das klingt jetzt vielleicht kitschig, aber ich verrate es trotzdem – dann denke ich an eine kleine Elfe. Sie hat helle, weiche Haut und sehr dunkle Augen. Ihre hauchdünnen Flügel glitzern und streifen ganz sanft innen am Bauchnabel entlang. Dann ist das Flattern ein tolles Gefühl und ich merke erst, dass die Sache, wegen der ich so aufgeregt bin, Tim ist.

Na ja, „Sache“ ist wohl das falsche Wort. Tim ist ja ein Mensch. Ein Junge. Ein 15-jähriger Junge.

Es war total logisch, dass ich beim Kofferpacken seinetwegen nervös wurde. Schließlich packte ich, weil wir auf den Reiterhof Staudacher im Allgäu fahren würden, wie jeden Sommer. Und dort würde ich wie jeden Sommer Tim treffen. Trotzdem war erst das Flattern da, dann kam der Gedanke an die glitzernden Elfenflügel und dieses Glitzern erst erinnerte mich an die hellen Härchen auf Tims brauner Haut. Daran, wie sie geschimmert hatten, vor einem Jahr, im Stall von Staudachers. Wie Goldflitter hatten sie ausgesehen.

Als ich dieses Bild vor Augen hatte, ließ ich die Socken fallen, die ich in den Koffer legen wollte, setzte mich auf den Boden, schloss die Augen und lehnte mich mit dem Rücken an meinen Schrank. Ich wollte, dass das Bild blieb. Es war gerade so deutlich und ich hatte schon so oft versucht, es heraufzubeschwören. Bronzebraune Haut mit Goldflitter.

Wir hatten jeden Tag Ausritte gemacht und das bei strahlendem Sonnenschein. Darum war Tims Haut so braun. Und durch den offenen Giebel des Stalls fiel ein Sonnenstrahl, der die Härchen leuchten ließ. Und diese Härchen starrte ich an, weil ich mich nicht traute, in sein Gesicht zu schauen. Im Rücken spürte ich die Wand von Mirandas Box. Die Elfe flatterte und flatterte. Ich hatte Angst, dass Tim vielleicht zurückweichen würde, er war schon ganz nah mit seinem Mund und bestimmt würde er mich gleich …

„Jana?!!!“

Der Schrei riss mich aus meinem Traum. Die Boxenwand in meinem Rücken wurde wieder zur Schranktür und vor meinem Gesicht war rein gar nichts, was zurückweichen oder mich küssen konnte. Nein, ich hatte freie Sicht auf die Kleidungsstücke, die ich auf dem Boden meines Zimmers ausgebreitet hatte. Eigentlich ziemlich viele, dafür, dass ich erst seit fünf Minuten packte.

„Jana?“

Die Stimme, die alles zerstört hatte, klang schrill, ein wenig krächzend, wie ein Papagei im Stimmbruch und sie kam aus dem Erdgeschoss. Es war eindeutig meine Mutter.

„Weißt du, wo Idas Reitkappe ist?“

Warum fragte meine Mutter immer mich, wenn meine kleine Schwester etwas verloren hatte?

„Keine Ahnung!“

„Was ist mit deinen Sachen? Hast du fertig gepackt?“

Fertig? Was stellte sie sich vor?

„Oder träumst du schon wieder?“

Ich stöhnte nur anstelle einer Antwort. Diese Frage ging mir auf die Nerven. Meine Mutter stellte sie bestimmt zehn Mal am Tag. Gut, nicht ohne eine gewisse Berechtigung. Aber ich möchte mal wissen, was daran schlimm ist, wenn man träumt? Frau Trautmann, meine Lehrerin in der 5. Klasse, hat immer gesagt, dass Träumen sehr wichtig sei. Eigentlich das Wichtigste überhaupt. Ohne Träume keine großen Ziele, keine guten Taten, keine tollen Aufsätze. Da habe ich mich dann immer wie ein sehr guter Mensch gefühlt. Ich kann nämlich gar nicht anders. Ich träume ständig. Schließlich ist die Wirklichkeit so … wie soll ich sagen … so unnachgiebig. Sie schert sich kein bisschen um meine Wünsche. Aber im Traum …

Im Traum ist es mir sogar schon mehrmals gelungen, Tim zu küssen. In meinem großartigen Liebesfilm-Traum, in dem ich alles richtig mache.

Ich nenne diesen Traum „Liebesfilm“-Traum, weil ich mich darin immer nur von außen sehe. Wie in einem Film eben. Einem großartigen Liebesfilm mit mir als Hauptdarstellerin. Er geht so:

Ein dünnes Mädchen mit rotbraunen welligen Haaren und relativ blasser Haut lehnt an der Boxenwand. Ein blonder Junge steht vor ihr. Sein Gesicht nähert sich ihrem. Sonnenstrahlen fallen durch den offenen Giebel und beleuchten beide. Goldflitter und so weiter, das habe ich ja schon erzählt. Ein schrecklicher, krächzender Schrei ertönt: „Jana!!! Wir fahren!!!!!“

Bis dahin stimmt der Liebesfilm-Traum absolut mit dem überein, was tatsächlich passiert ist. In echt bin ich dann leider aus dem Stall gerannt, habe mich ins Auto gesetzt und bin heimgefahren. Ohne Tims Telefonnummer, ohne seine E-Mail-Adresse, ohne jeden Abschied!

Das Mädchen im Film macht alles besser. Sie kümmert sich nicht um den Schrei. Sie stößt sich leicht von der Boxenwand ab und greift mit der Hand zärtlich in das Haar des Jungen. Sie zieht seinen Kopf zu sich heran, dann treffen ihre Lippen seinen Mund. Die Kamera beginnt, um das Paar zu kreisen, immer schneller, bis das Sonnenlicht mit dem Holz der Boxenwand verschwimmt. Schnitt. Die Kamera zeigt eine braune Stute mit einem winzigen weißen Abzeichen auf der Stirn, die neben dem Paar steht und zufrieden wiehert. Das ist Miranda, mein Lieblingspferd, und sie gehört unbedingt dazu.

Leider konnte ich den Film dieses Mal nicht bis zu der süßen Abschlussszene mit Miranda fertig träumen, denn die schreckliche Papageien-Stimme erklang in echt und zwar direkt über mir.

„Was ist denn das?!!“

„Was?“

Ich sah zu meiner Mutter auf. Äußerlich hat sie rein gar nichts mit einem Papagei zu tun. Allenfalls mit einem Albino-Papagei, wenn es die gibt. Farben kommen weder in ihrer Garderobe noch in ihrem Gesicht vor. Sie ist so ein Natur- und Outdoor-Mensch und besitzt nur matschfarbene Wanderhosen und sandfarbene T-Shirts. Ich weiß nicht, ob sie jemals von Make-up gehört hat. Gekauft oder benutzt hat sie es jedenfalls noch nie. Sogar ihre Haare sind irgendwie farblos und sie trägt tagein, tagaus einen Pferdeschwanz. Das findet sie „praktisch“. „Praktisch“ ist überhaupt das Lieblingswort meiner Mutter und für sie gleichbedeutend mit „wunderbar“, „herrlich“ und „nicht zu überbieten“.

„Warum hast du den ganzen Inhalt deines Schranks auf dem Boden ausgebreitet?“, krächzte sie jetzt.

„Um auswählen zu können, was ich mitnehmen soll.“

Sie scannte die ausgebreiteten Sachen ab. Schnell griff ich nach dem schwarz-grau-hellrosa Shirt, das ich mir heimlich gekauft hatte, und schob es unter irgendeinen Pulli. Es sieht total cool aus: als ob sich dunkle Schlingpflanzen vor einem rosa Nachthimmel in die Höhe winden. Außerdem rutscht es immer über die Schulter, also mit Absicht. Man kann einen schönen BH darunter anziehen und alle sehen die Träger. Also wenn man einen BH besitzt.

Ich tue das nicht. Weil ich keinen Busen habe. Aber meine beste Freundin Lilian, die sich dasselbe Shirt gekauft hat. Bei ihr sieht man nicht nur den Träger, sondern sogar ein bisschen von der Wölbung. Meine Mutter findet das „unmöglich!!!!!“. Genau: unmöglich mit fünf Ausrufezeichen. Mit Sicherheit würde sie das Shirt sofort einkassieren.

„Jana! Wir fahren auf den Reiterhof, nicht zu einer Modenschau. Den ganzen Schnickschnack kannst du hierlassen, schließlich brauchst du noch Platz für die Wandersachen.“

Wandersachen! Gerade noch rechtzeitig verkniff ich mir das nächste laute Stöhnen. Mit Mama über die Sinnlosigkeit von Bergtouren zu diskutieren, ist ungefähr so aussichtsreich, wie einer Nacktschnecke das Bruchrechnen beizubringen. Man muss andere Mittel und Wege finden, um dem Wanderzwang, der in unserer Familie herrscht, zu entkommen.

„Ach Mama, weißt du, ich habe ja leider gar keine Zeit, in die Berge zu gehen. Ich reite doch jeden Tag!“, antwortete ich so freundlich wie möglich. Da legte mir Mama ihre Hand auf die Schulter und meinte mit tröstendem Lächeln: „Dieses Jahr schaffen wir es bestimmt, einmal alle zusammen wandern zu gehen. Ich habe es mir fest vorgenommen.“ Ich wollte gerade protestieren, da sagte sie noch: „In diesem Jahr wird alles anders.“

Und diese sechs Worte, die machten die Elfe in meinem Bauch ganz verrückt. Sie zappelte und flatterte und strampelte. In diesem Jahr wird alles anders! Wie recht Mama hatte! Wenn auch ganz anders, als sie dachte.

In diesem Jahr würden Tim und ich …

… ja, was eigentlich? Um ehrlich zu sein, fiel mir erst in diesem Moment, zwischen meinen ganzen Klamotten, vor dem geöffneten Koffer, neben meiner verzückt lächelnden Mutter ein, dass es auf keinen Fall so sein würde wie in meinem Traum. Sondern irgendwie anders. Und dass dieses „irgendwie“ ein Mega-Problem war.

Tausend Fragen taten sich auf: Wo genau würde ich ihn wiedersehen? Wer würde dabei sein? Was sollte ich sagen? War er überhaupt noch verliebt? Und was sollte ich anziehen?

Jetzt stöhnte ich doch. Das weckte meine Mutter aus ihrem Wandertraum. Sie strich mir über die Schulter und sagte: „Du wirst schon sehen: In diesem Jahr klappt es!“ Dann nahm sie diese furchtbare Wanderhose und das ekelhafte Funktions-T-Shirt aus meinem Schrank, packte die hässliche Fleecejacke obendrauf und stopfte gleich noch zwei paar Wandersocken dazu.

„Also, beeil dich“, meinte sie. „In einer Viertelstunde wollen wir fahren.“ Dann verließ sie das Zimmer. Zum Glück!

Kaum war sie draußen, legte ich das Shirt noch oben drauf. Das Einzige, was ich sicher wusste, war, dass ich in diesem Jahr gut aussehen musste. Oder? Plötzlich begann ich zu zweifeln. Tim kannte mich schließlich nur in Reitklamotten. Seine Familie kam ja auch schon seit drei Jahren auf den Reiterhof Staudacher. Eigentlich wegen Tims kleinen Halbschwestern, Leonie und Sarina, die unbedingt reiten wollten. Aber Lulu und ich hatten Tim dann überredet, es auch zu lernen.

Ein Schwall von lustigen Erinnerungen strömte durch meinen Kopf: Wie Tim zum ersten Mal aufsitzen sollte – und prompt auf der anderen Seite von Irmi wieder hinunterfiel. Oder wie er vergessen hatte, den Sattelgurt festzuziehen und mitsamt dem Sattel immer weiter zur Seite rutschte! Wir hatten jede Menge Spaß gehabt.

Und eins muss man sagen: Er ist begabt! Lulu und ich reiten ja das ganze Jahr, wir haben zu Hause auch Unterricht in einer Reitschule. Aber Tim reitet nur in den Ferien und trotzdem kann er immer locker in Lulus und meiner Gruppe mitmachen.

Vielleicht hielt er mich für eine Tussi, wenn ich plötzlich in schicken Klamotten über den Reiterhof spazierte. Was sollte ich da machen?

Ich starrte das Shirt verzweifelt an, als würde dort jetzt eine Antwort aufblinken. Sollte ich es mitnehmen? Und die zwei Schals und die engen Jeans? Und den Lidschatten, den ich mir auch heimlich gekauft hatte? Und die großen Ohrringe, die Lilian mir geschenkt hatte?

Ich zog einen der Schals aus dem Schrank und betrachtete ihn genauso unschlüssig wie vorher das Shirt. Wie sollte ich feststellen, ob er Tim gefiel?

Lulu. Genau. Sie war die Einzige, die mir helfen konnte. Lulu hieß eigentlich Luise Monkewitz und war meine Sommerferien-Reiterhof-Freundin. Ich sah sie immer nur in Mühlberg. Genau wie wir verbrachten die Monkewitz’ dort nämlich seit sechs Jahren die zweite Sommerferienwoche. Lulu und ich haben uns gleich im ersten Sommer angefreundet. Da waren wir beide sieben und noch nie auf einem Pferd gesessen. Wir hatten jeden Tag Longenstunden bei Frau Staudacher gehabt. Immer abwechselnd durften wir auf der braven Haflinger-Stute Irmi sitzen, davor mussten wir sie putzen und satteln. Ich hatte immer eine höllische Angst davor, die Trense in Irmis Maul zu schieben – das hat dann Lulu für mich gemacht. Dafür hatte Lulu Angst, den Huf zum Auskratzen anzuheben, das habe ich für sie gemacht. So was verbindet.

Sie kannte Tim, und was stylische Klamotten betraf, war sie mir auch um einiges voraus. (Erstens war sie Einzelkind und bekam daher viel mehr gekauft, zweitens war ihre Mutter ganz anders als meine: Isabel Monkewitz trug Make-up und war immer schick angezogen.)

Hatte ich ihre Nummer? Zum ersten Mal fiel mir auf, dass ich noch nie in meinem Leben mit Lulu telefoniert hatte. Sie war meine Sommerferien-Freundin und unterm Jahr lebten wir in völlig verschiedenen Welten. Ich wusste gerade mal, dass sie irgendwo aus Baden kam. Aber wo war Baden? Und half mir das irgendwie bei der Suche nach der Telefonnummer?

„Jana, wir warten nur noch auf dihich!“

„Gleich!“

„Was heißt gleich?“

Eigentlich hieß gleich: nachdem ich Lulu angerufen und mich ausführlich mit ihr darüber beraten hatte, was Tim wohl mögen würde und was nicht. Aber vielleicht … Halt! Es hieß noch viel mehr. Ich musste Lulu ja erst einmal erzählen, dass ich vergangenes Jahr kurz vor der Abfahrt noch einmal in den Stall gerannt bin, um …

„Wir sind alle reisefertig! Komm jetzt!“

Es ging einfach nicht.

Ich würde einfach alle schicken Sachen mitnehmen und dann in Mühlberg auswählen.

Aber dazu war der Koffer zu klein. Also riss ich die potthässlichen Wandersachen wieder heraus, stapelte Shirts, Schals, Jeans, Lidschatten und Schmuckkästchen in den Koffer und presste dann mit aller Gewalt den Deckel zu. Noch ein bisschen fester, dann ging es vielleicht.

Das Klappern der Zimmertür hörte ich nicht. Aber es muss Ida gewesen sein, die von meiner Mutter geschickt worden war, um mich zu holen. Jedenfalls hörte ich Sekunden später Idas durchdringende Stimme: „Das ist gemein! Jana muss keine Wandersachen mitnehmen, aber ich schon!!!!!“

Flucht in den Stall

Im Gegensatz zu meiner Papageien-Mutter erinnert mich meine Schwester Ida an eine Katze.

Im Gegensatz zu mir träumt sie nie. Sie liegt immer irgendwie auf der Lauer. Nur dass sie nicht auf eine Maus wartet, sondern auf eine Ungerechtigkeit. Und wenn sie die dann endlich entdeckt hat, fängt sie an zu schreien. „Gemein! Jana hat zwei Gummibärchen mehr bekommen als ich!“ oder etwas ähnlich Wichtiges. Dabei kneift sie ihre grünen Katzenaugen zu ganz kleinen Schlitzen zusammen und stellt ihr rotbraunes Fell auf. So kommt es mir jedenfalls vor. Vermutlich liegt es nur daran, dass sie sich so selten kämmt und ihre Haare in alle Richtungen stehen.

Wenn sich Ida kämmen würde, hätten wir vielleicht ein bisschen Ähnlichkeit miteinander.

Äußerlich.

Darauf lege ich großen Wert. Innerlich ist natürlich kein bisschen Ähnlichkeit mit diesem kleinen Biest vorhanden. Sie ist vier Jahre jünger als ich, also 9. Mit ihr zusammen in einem Haus zu leben, ist ein weiterer Grund, sich in Träume zu flüchten. Erst recht: mit ihr in einem Auto zu fahren. Und das mussten wir ja jetzt wohl oder übel die nächsten zwei Stunden tun.

Mein Vater steckte den Schlüssel ins Zündschloss. Er erinnert mich übrigens auch an ein Tier. An einen Hund. Genauer gesagt: an einen großen gutmütigen Berner Sennenhund, der alles mit seinen freundlichen Augen beobachtet und alle zwei Tage einmal bellt, beziehungsweise etwas sagt. Jetzt war es: „Sind alle angeschnallt?“

„Jaa!“, rief Ida ungeduldig.

Ich schwieg. Ich finde, mit 13 muss man auf solche Fragen nicht mehr antworten. Außerdem war das Anschnallen für mich schlichtweg unmöglich, schließlich war ich komplett eingequetscht von meinem Koffer (der lag auf meinem Schoß, weil ich angeblich so lange gebraucht hatte, dass Papa nicht mit dem Kofferraum-Packen warten konnte) und Idas neun Haupt-Kuscheltieren (warum sie die mitnehmen durfte, ist mir ein Rätsel, wahrscheinlich war Mama froh, dass nicht auch noch die 23 Neben-Kuscheltiere mitmussten). Am Rücken drückte das neue Shirt, das ich mir als Knäuel unters T-Shirt geschoben hatte, und in die Seite stach mein Schmuckkästchen, das ich mir in den Hosenbund gesteckt hatte. Nach Idas „Ungerecht!“-Schrei war Mama nämlich in mein Zimmer gestürmt und hatte aus meinem Koffer geräumt, was ihrer Meinung nach nicht hineingehörte. (Zum Glück ohne das geheime Shirt zu bemerken!)

Ich ruckelte mit dem Po herum, bis ich einigermaßen bequem saß, schaute aus dem Fenster und dann durchströmte mich wie jedes Jahr die Vorfreude.

Eine Woche lang würde ich mein Lieblingspferd Miranda jeden einzelnen Tag sehen. Ich freute mich auf alles: darauf, in den Stall zu gehen und ihr leises Wiehern zu hören. In ihre Box zu kommen und ihren Kopf an meiner Schulter zu spüren, mit meinen Fingern durch ihre Mähne zu streifen und ihr irgendwelchen freundlichen Quatsch ins Ohr zu säuseln. Am meisten freute ich mich natürlich aufs Reiten und am allermeisten auf die Ausritte. Ob wir jeden Tag ins Gelände gehen würden? Wohin sollten wir reiten? Lulu, Tim und … Hoppla.

Beim Gedanken an Tim wurde mir klar, dass ich gar keine Zeit hatte, über mögliche Ausritts-Ziele nachzudenken. Ich musste erst mal etwas anderes planen. Das Wiedersehen.

Das Wichtigste war, dass ich zuerst Lulu traf und dann Tim. Hoffentlich war sie schon da, wenn wir ankamen! Dann wäre eigentlich alles ganz einfach. Ich würde mich mit Lulu in ihr Matratzenlager verziehen und dort alles genau besprechen.

Die Ferienwohnungen auf dem Reiterhof Staudacher sind nämlich super gemütlich. Sie sind alle drei nebeneinander in einen alten Pferdestall hineingebaut, wie klitzekleine Reihenhäuser. Und weil der alte Stall so niedrig war, sind die Kinderzimmer nur Matratzenlager unter der Dachschräge. Man muss aus der Wohnküche eine Leiter hinaufklettern und dann kann man oben einen Vorhang zuziehen. In diese Dachschräge habe ich mich schon oft mit Lulu verkrochen und geheime Dinge besprochen! Das geht eigentlich nirgendwo sonst besser.

Wir würden uns jeder ein Kissen unter den Kopf stecken und ich würde sagen: „Stell dir vor, was letztes Jahr kurz vor der Abfahrt passiert ist!“

„Was?“, würde Lulu fragen und ihre Augen so weit aufreißen, dass das Blau vollkommen von Weiß umrandet war. Ich kenne niemanden, der die Augen so weit aufreißen kann wie sie. Beziehungsweise: der die Augen so lang so weit aufreißen kann. Wenn ich das mache, klappt es nur ein paar Sekunden und ich muss auch ganz starr geradeaus schauen. Lulu kann bestimmt eine Viertelstunde die Augen aufreißen und sie sieht dabei auch noch gut aus. Trotz ihrer sehr blauen Augen hat sie nämlich ganz dunkle Haare, und das wirkt so besonders.

„Erzähl!“, würde sie sagen. Und dann würde ich beginnen: „Also, wir saßen eigentlich schon alle im Auto, aber dann hat Mama vergessen, sich von der alten Frau Staudacher zu verabschieden und stieg noch mal aus. Da dachte ich, ich guck noch mal kurz in den Stall …“

Leider bog ich an dieser Stelle gedanklich ab. Ich meine, ich überlegte nicht weiter, was ich mit Lulu besprechen würde und wie ich das Wiedersehen mit Tim am besten über die Bühne brachte. Nein, ich träumte den ganzen Liebesfilm-Traum bis zur Schlussszene mit Miranda. Und dann noch mal. Und möglicherweise sogar ein drittes Mal.

„Juhuu, die große Linde!“ Ida jubelte und schmetterte mir dabei den Rüssel ihres Elefanten ins Auge.

„Lass das!“

„Aber die Linde! Wir sind gleich da!“

Ich schaute aus dem Fenster und erschrak. Da stand sie ja wirklich. Konnte das sein? Sonst hatte die Fahrt doch immer viel länger gedauert!

Die letzten Jahre hatte ich immer mitgemacht beim Spiel „Wer sieht die Linde zuerst?“. Denn an der Linde muss man auf eine winzig kleine Landstraße abbiegen, die nirgendwohin führt außer auf den Staudacher-Hof. Beim Anblick der Linde hatte mich immer so ein feierlich-frohes Gefühl ergriffen, ein bisschen wie an Weihnachten.

Dieses Jahr bekam ich einen Kloß im Hals. Schlagartig wurde mir klar, dass ich mir über tausend Möglichkeiten hätte Gedanken machen sollen. Was, wenn Lulu noch nicht da war und Tim schon? Wie würde es sein, ihm plötzlich wieder gegenüberzustehen? Hatte er auch das ganze Jahr von mir geträumt?

Was, wenn sowohl Friedmanns, also Tims Familie, als auch Monkewitz’ gerade das Gepäck ausluden? Dann musste ich vor allen Leuten irgendwie herausfinden, wie ich Tim begrüßen sollte. Vor seinen Eltern, meinen Eltern, Lulus Eltern, Leonie und Sarina …

Das ging nicht.

Dann würde ich so tun, als sei nichts. Liebe hin, Liebe her, das brachte ich nicht fertig. Dann würde ich ihm nur zunicken und Hallo sagen. Fertig. Das war zwar unaufrichtig, aber …

Ich seufzte laut.

„Was hast ’n du?“ Ida drehte sich zu mir. Dabei schaute sie genauso dümmlich wie das rosa Plüschschwein in ihrem Arm.

„Nichts!“, zischte ich.

Ich kniff die Augen zusammen und murmelte: „Lass Lulu da sein und Tim nicht, lass Lulu da sein und Tim nicht.“

„Ich sehe das Taubenhaus. Ich sehe das Taubenhaus!“ Wieder fuhr mir der Rüssel übers Gesicht. Das Taubenhaus ist das erste, was man vom Staudacherhof sieht. Wenn wir jetzt die Kuppe weiter hinauffuhren, würde immer mehr auftauchen. Erst das Dach des Haupthauses, dann die Reithalle und die Ställe, ganz zum Schluss der alte Pferdestall, in dem jetzt die Ferienwohnungen sind.

Ida hüpfte auf ihrem Sitz herum und ich wurde ganz neidisch: Sie konnte sich einfach so auf die Reiterferien freuen! Und für mich war es so kompliziert. Einerseits konnte ich es gar nicht erwarten, die Autotür zu öffnen und zum Stall zu rennen. Andererseits hatte ich furchtbar Schiss, dann Tim zu begegnen. Wenn ich nur wüsste, ob Lulu schon da war!

Ich ließ die Scheibe herunter und streckte den Kopf heraus. Jetzt konnte ich die Ferienwohnungen sehen. Und – zum Glück! – ein Auto stand davor. Rechts. Dort, wo Monkewitz’ ihre Wohnung hatten.

Ich würde mich also sofort mit Lulu besprechen können, wenn wir ankamen. Das war gut. Und wenn wir alles besprochen hatten, würde ich Miranda begrüßen. Perfekt.

Der Parkplatz vor der anderen Ferienwohnung war leer. Erleichtert zog ich meinen Kopf wieder zurück.

Ich grinste meiner Schwester zu und hüpfte jetzt genauso ungeduldig auf dem Sitz hin und her wie sie.

Dass es nicht der uralte klapprige Golf war, mit dem Monkewitz’ sonst immer gekommen waren, störte mich wenig. In meinen Augen war da schon lange mal ein neues Auto fällig gewesen.

Sekunden später hielten wir vor dem umgebauten alten Stall. Ich stieß die Autotür auf und rannte los. Das Schmuckkästchen drückte und das Shirt drohte herauszurutschen, aber ich presste noch rechtzeitig meine Hand auf den Rücken. Die Tür zu Monkewitz’ Wohnung stand offen. Ich stürmte hinein. In der Wohnküche war niemand. Ich krabbelte die Leiter zum Matratzenlager hinauf und zog gleichzeitig das Shirt unter meinem T-Shirt hervor. Als ich auf die Empore blicken konnte, erfüllte mich Erleichterung pur. Wie tausend duftige Daunenfedern rieselte es durch mich hindurch.

Lulu war da! Ich sah sie von hinten, sie kniete auf dem Bett und legte ihre Bücher am Kopfende auf das Bord. Ganz kurz wunderte ich mich, warum sie ihre schönen langen Haare abgeschnitten hatte, dann warf ich mich ganz einfach neben sie, schlang dabei meine Arme von hinten um ihren Hals und rief: „Lulu! Hallo! Stell dir vor, was letztes Jahr kurz vor der Abfahrt passiert ist!“

Mit diesen Worten sank ich neben ihr auf die Kissen. Sie drehte den Kopf zu mir und ich erschrak.

Das war nicht Lulu. Das war überhaupt kein 13-jähriges Mädchen. Das war ein völlig fremder, dunkelhaariger, stupsnäsiger Junge!

So schnell ich mich aufs Bett geworfen hatte, so schnell sprang ich jetzt wieder auf. „Ähh … ’tschuldigung …“, stotterte ich, schnappte mein Shirt und streckte einen Fuß über den Rand der Empore in Richtung Leiter.

„Wart doch mal“, sagte der Junge. Also, ich glaube, dass er das sagte, so genau habe ich es in der Hektik nicht mitgekriegt. Ich konnte auch nicht gut hören, weil das Blut in meinen Ohren so laut pochte wie ein Presslufthammer. Sie müssen geglüht haben, so peinlich war mir das alles.

Ich wollte nichts wie weg. Aber natürlich verhedderte sich das Shirt am Geländer und ich stolperte. Ich fiel zwar nicht hin, aber das Schmuckkästchen rutschte aus dem Hosenbund, segelte ins untere Stockwerk, klappte dabei auf und alle meine Ohrringe und Armbänder prasselten unten in der Wohnküche auf die Holzdielen. Ich sprang hinterher, sammelte alles auf, und genau in dem Moment, als ich wie ein schnüffelnder Hund auf Knien über den Boden rutschte, kamen auch noch zwei Erwachsene hereinmarschiert.

„Hallo!“, schmetterte die Frau fröhlich. „Du gehörst bestimmt zur Familie, die gerade angekommen ist! Hast du dich schon mit Moritz angefreundet? Das ist ja schön!“

Ich hörte das Pochen in meinen Ohren und spürte das Zucken in meinen Beinen. Das war der Fluchtimpuls. Die Beine wollten mich unbedingt wegtragen. Nur noch das Lederarmband ins Kästchen und los! Ich sprang auf und drängelte an der Frau vorbei ins Freie.

„Nun mal nicht so schnell!“, lachte sie. „Wir haben uns doch noch gar nicht vorgestellt! Wie heißt du denn?“

„Jana“, quiekte ich und dann war ich zum Glück draußen.

Ich wollte nur noch weg. Wie peinlich! Ich brauchte jetzt dringend jemanden, der mich verstand und mit dem ich reden konnte. Also rannte ich zum Stall. Dazu muss man schräg über den Hof laufen, in dessen Mitte eine große Linde steht, immer bergab. Ich war schnell. Ich schob das Tor auf, es knarrte laut, und daran, dass mir das auffiel, erkannte ich, dass das Pochen in meinen Ohren nachließ. Ich trat ein.

Meine Augen waren an die Hochsommerhelligkeit gewöhnt und zuerst kam mir alles ganz schummrig vor, obwohl der neue Pferdestall ja offen und licht ist. Ich atmete tief ein. Dieser Geruch! Diese Mischung aus Heu, Pferd und Leder! Nichts riecht besser.

Augenblicklich wurde ich ruhiger. Meine Hände fühlten sich nicht mehr so feucht an, mein Herz schlug langsamer und sogar meine Gedanken kamen wieder in geordneter Reihenfolge.

Am Ende der Stallgasse hörte ich ein leises Wiehern.

„Miranda!“, rief ich zurück. Ich ging durch den Vorraum, in dem das Heu lagert. Sie wieherte wieder und zwei Sekunden später stand ich vor ihrer Box. Sie streckte ihren Kopf zu mir. Ich legte meine Wange an ihren Hals und alles war gut.

Plan B

Also fast. Das Blöde war, dass ich jetzt wieder denken konnte. Und während mir Miranda zärtlich auf die Schulter schnaubte, wurden mir ein paar ausgesprochen unangenehme Sachen klar.

Dieser Junge und diese zwei Erwachsenen waren eine Familie und sie hatten die Ferienwohnung neben uns gemietet. Das bedeutete

1. dass Lulus Familie diese Wohnung nicht gemietet hatte! Ich würde Lulu in diesem Sommer nicht sehen! Warum nur?

2. dass der Junge morgen auch noch da sein würde. Und übermorgen auch. Die ganze Woche. Ein Wiedersehen mit ihm war also unausweichlich. Das würde uferlos peinlich werden!

„Das ist gemein!“, flüsterte ich Miranda zu.

Sie hielt es offenbar für eine Begrüßung, denn sie schnaubte freundlich und beugte ihren Kopf nach unten. Ich musste lachen. Ich verstand sofort, was sie machte: Sie suchte nach einem Leckerli. Sonst hatte ich ihr immer einen Apfel oder eine Möhre gebracht! Aber daran hatte ich in der Aufregung nicht gedacht.

„Tut mir leid“, murmelte ich und strich ihr durch die weichen Ponyfransen, „ich hab’s vergessen!“

Sie hob ihren Kopf wieder an und ich sah in ihre dunkel glänzenden, freundlichen Augen. Mir kommt das immer ein bisschen vor, als ob ich in die schimmernde Kristallkugel einer Wahrsagerin schaue. Als ob in diesen dunkelbraunen Kugeln eine neue Welt auftaucht, eine freundlichere, wärmere Welt, in der es nichts gibt als Sommer, Sonne und Pferdeglück.

„Das Wichtigste ist, dass ich jetzt eine Woche bei dir bin“, sagte ich und öffnete vorsichtig das Tor zu ihrer Box. Ich schlüpfte hinein.

Ein leichter Schauder erfasste mich, denn hier, genau hier war es ja passiert. Die Sache mit Tim, meine ich. Auf einmal fiel mir auf, dass Miranda meine einzige Mitwisserin war. „Erinnerst du dich?“, fragte ich sie.

Natürlich konnte sie nicht antworten und mich auch nicht verstehen, aber trotzdem fühlte ich eine Art Einverständnis zwischen uns. Das geht mir mit Miranda oft so. Das ist ja das Großartige an ihr. Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich sie schon von Geburt an kenne. Ganz genau! Seit dem ersten Tag ihres Lebens. Als wir nämlich zum ersten Mal auf dem Reiterhof Staudacher Urlaub machten, kam sie zur Welt. Und Lulu und ich haben zugesehen, wie Jolanda, das ist Mirandas Mutter, ihr Fohlen abgeleckt hat und wie Miranda sich zum ersten Mal auf ihre zittrigen Beine gestellt hat. Das war toll!

Sie hat sich eng an ihre Mutter geschmiegt und dann zu Lulu und mir geschaut. Da haben wir zum ersten Mal das winzige Abzeichen auf ihrem Kopf gesehen. Es ist ein ganz kleiner weißer Punkt genau in der Mitte, als hätte der liebe Gott nur ganz kurz mit der äußersten Pinselspitze daraufgetupft. Ansonsten ist Miranda dunkelbraun, komplett, von oben bis unten und von hinten bis vorne. Schweif, Mähne, Ohren, Fesseln – alles.

Vor zwei Jahren hat Frau Staudacher dann begonnen, sie zuzureiten, und vergangenen Sommer ging sie zum ersten Mal im Unterricht mit. Das war wunderbar! Normalerweise sind ja so junge Pferde noch zu ungestüm für den Unterricht, aber sie benahm sich ruhig und gelassen – einfach perfekt!

Klar, die Anfänger durften noch nicht auf ihr reiten, aber Lulu und ich schon. Zum Glück ritt Lulu lieber auf Liz, schon immer. So kam es, dass ich im vergangenen Sommer jeden Tag auf meiner geliebten Miranda reiten konnte.

Ich strich mit der Hand über die weiche Stelle zwischen ihren Nüstern. „Das machen wir in diesem Jahr wieder so, in Ordnung?“

Im gleichen Moment hörte ich draußen einen Motor. Das musste Friedmanns Auto sein. Tims Familie! Ein Zucken lief durch mich hindurch, aber der Schreck ebbte schnell wieder ab.

Ich begriff auch warum: Bei Miranda fühlte sich alles ruhig, sicher und gut an. Der Plan B, den ich zu machen vergessen hatte, stellte sich ganz von selber ein. Ich musste in Mirandas Box auf Tim warten. Wenn Tim jetzt in den Stall kam, würde alles gut laufen. Dann würde ich mich so an die Boxenwand stellen wie bei unserer letzten Begegnung. Und dieses Mal würde ich den Kopf nicht wegziehen, weil Mama „Wir fahren!“ rief. Wir würden uns anstelle eines Abschiedskusses eben einen Begrüßungskuss geben.

Der Motor erstarb. Jetzt stiegen sie aus. Ob Tim mich gleich suchen würde? Ich spürte leichtes Magenflattern. Wahrscheinlich würde er erst einmal seine Sachen auspacken, sagte ich mir, um nicht ungeduldig zu werden. Dann würde er zuerst in unserer Wohnung schauen. Klar. Aber dann … dann musste er einfach in den Stall kommen. Ganz bestimmt!

Ich zwang mich, nicht so nervös von einem Fuß auf den anderen zu hopsen. Ich musste ein wenig warten, okay. Das war doch nicht so schlimm! Mit ein bisschen Geduld konnte alles prima klappen! Ich würde so lange hier stehen bleiben, bis er da war. Eigentlich ganz einfach.

Langweilig wurde mir nicht. Nicht bei Miranda. Ich ließ meine Finger durch ihre Mähne gleiten und stellte fest, dass sie ziemlich zottelig war. Zumindest nicht so gepflegt, wie wenn ich mich um sie kümmerte. Strähne um Strähne löste ich die Zieper und sprach auf sie ein: „Ist ja alles gut, meine liebe braun-weiß Betupfte! Hmmm? Keine Angst, das ziept nur ein kleines bisschen …“ So lange ich das tat, ging es mir gut. Aber sobald ich aufhörte mit meinem beruhigenden Singsang, zerriss es mich fast vor Nervosität und Erwartung. Es war ein bisschen so, als spräche ich mir selbst gut zu und nicht Miranda.

Dann endlich hörte ich, wie sich die Stalltür öffnete. Schritte in der Stallgasse. Ich kniff die Augen zu. Die Schritte kamen zu Mirandas Box. Das musste er sein. Ich drückte mein Gesicht in Mirandas Mähne. Gleich war er da.

Halt! Ich stand noch falsch! Schnell drehte ich mich um. Ein Schritt nach hinten und ich würde die Boxenwand berühren. Das war die richtige Ausgangsposition für meinen Film. Die Augen ließ ich geschlossen. Jetzt wurde das Tor der Box geöffnet.

„Hallo, Jana!!“, hörte ich eine Frauenstimme.

Verwirrt riss ich die Augen auf. Schräg vor mir stand Frau Staudacher.

„Äh … ähh …“ Sie musste ja denken, ich sei behämmert! Bestimmt hatte ich total blöd ausgesehen, wie ich da mit geschlossenen Augen in Mirandas Box gestanden hatte.

Aber Frau Staudacher schien nichts bemerkt zu haben.

„Schön, dass du da bist!“ Sie lachte mich an. „Na, was ist? Stumm vor Wiedersehensfreude?“

„Nee, Quatsch! Hallo, Frau Staudacher!“ Ich gab ihr die Hand, sie schlug ein und sagte fröhlich: „Willkommen!“

Ich mag Frau Staudacher sehr, sie lacht nämlich so viel und dann drückt es ihre Wangen wie zwei kleine knackige Äpfel nach vorne. Auch jetzt. Es sah total nett aus. Sie war ein bisschen älter als meine Mutter und auch sie benutzte natürlich kein Make-up und nichts und hatte einen praktischen Kurzhaarschnitt. Aber interessanterweise war ihr Gesicht trotzdem farbig: rote Wangen, dunkle Wimpern und Augenbrauen, rote Lippen, irgendwie war alles ganz voller Leben und frisch.

„Dein erster Weg führt natürlich zu unserer Miranda!“, stellte sie fest, dann wurde ihr Gesicht ernst. „Hast du’s schon gesehen?“

Ihr Tonfall bewirkte, dass mir ein wenig mulmig wurde. „Was?“

Sie deutete auf Mirandas rechtes vorderes Bein. Die Fessel war bandagiert.

„Ist was passiert?“

„Ein Ballentritt. Sie ist sich selbst mit dem Hinterhuf in die Fesselbeuge des Vorderhufes getreten. Es ist erst gestern passiert. Ich habe mit den Ferienkindern von letzter Woche zum Abschluss einen langen Ausritt ins Gelände gemacht. Der Weg von der Wallstein-Höhe herunter war ziemlich feucht und matschig, da ist sie ins Rutschen gekommen …“ Frau Staudacher zog sorgenvoll die Luft durch die Zähne. „Passiert leider immer wieder, so ein Ballentritt.“

Ich starrte den Verband an und spürte den Schmerz in meinem eigenen Knöchel. „Oh, die Arme!“ Ich legte meinen Arm um Mirandas Hals.

Frau Staudacher muss das Entsetzen auf meinem Gesicht gesehen haben, denn jetzt lächelte sie wieder. „Aber für einen Ballentritt war es recht harmlos“, beruhigte sie mich. „Ganz kleine Wunde, ich musste nicht einmal den Tierarzt holen. Noch zwei Tage Boxenruhe und alles ist wieder in Ordnung.“

„Zum Glück!“, meinte ich.

„Für dich tut es mir leid“, hörte ich Frau Staudacher.

„Wieso?“

„Jetzt kannst du in dieser Woche nur vier Tage auf ihr reiten.“

Nur vier Tage! So weit hatte ich noch gar nicht gedacht! „Oh nein!“

„Na ja“, meinte Frau Staudacher begütigend. „Wir haben ja auch noch andere nette Pferde. Und ich würde mich freuen, wenn du mir bei der Pflege von Mirandas Bein hilfst.“

„Klar mache ich das!“, rief ich. Aber gleichzeitig war ich ein wenig enttäuscht. Ich hatte mich so darauf gefreut, jeden Tag auf Miranda zu reiten!

„Und dann habe ich noch einen Anschlag auf dich vor, aber da muss ich erst noch mit deinen Eltern reden.“ Ich nahm gar nicht richtig wahr, was Frau Staudacher sagte, denn ich war noch ganz damit beschäftigt, die Neuigkeiten zu verkraften. Miranda durfte die nächsten Tage nicht geritten werden!

„Wir treffen uns heute Abend um fünf im Stall. Ich zeige dir, wie man den Verband wechselt“, hörte ich wie von weit weg.

„In Ordnung“, sagte ich. Es klang ein bisschen schlapp. Ich konnte die Enttäuschung nicht verbergen und darum verdrückte ich mich lieber. „Ich muss jetzt auspacken helfen“, sagte ich schnell und trottete nach einer kurzen Abschiedsumarmung für Miranda zur Ferienwohnung zurück.

Falsch, falscher, am allerfalschesten!

Die Decke über dem Matratzenlager in unserer Ferienwohnung ist von drei Holzbalken durchzogen, dazwischen ist sie weiß gestrichen. Zwischen dem ersten und dem zweiten Balken befinden sich drei dunkle Flecken, ich tippe auf totgeklatschte Mücken. Auf dem ersten Balken sind ein paar Buchstaben eingeritzt: Mer 2011 oder so ähnlich, recht krakelig auf jeden Fall. Auf dem dritten Balken beschreibt die Maserung eine Welle, die mich ein bisschen an Mirandas Mähne im Wind erinnert.

Ich weiß das alles so genau, weil ich die Decke bestimmt eine Stunde lang angestarrt habe, nachdem ich aus dem Stall zurückgekehrt war und mich enttäuscht auf mein Bett geworfen hatte.

Ab und zu rief mir Mama von unten so interessante Sätze zu wie: „Dein Koffer läuft nicht von alleine in euer Zimmer!“, „Die Bettbezüge liegen im unteren Schlafzimmer!“ oder „Ich mache dein Bett ganz bestimmt nicht!“

Ich ließ die Sätze an mir vorbeirauschen, starrte die Welle an und stellte mir vor, es sei tatsächlich Mirandas Mähne und ich säße auf ihrem Rücken und wir galoppierten durch den Wald. Ausnahmsweise zwang ich mich dazu zu träumen. Eigentlich wollten meine Gedanken nämlich ganz woanders hin. Zu dem dunkelblauen Volvo, den ich auf dem Rückweg vom Stall vor der dritten Ferienwohnung gesehen hatte.

Ich kannte ihn. Ich kannte den kleinen grünen Aufkleber auf der Heckscheibe, ich kannte den komischen Perlenanhänger, der vom Rückspiegel herunterbaumelte. Es gab keinen Zweifel. Der Volvo war Friedmanns Auto. Tim war also hier. Irgendwo ganz in der Nähe. Aber offensichtlich suchte er mich nicht.