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Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.

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© 2012 novum publishing gmbh

ISBN Printausgabe: 978-3-99026-367-9

ISBN e-book: 978-3-99026-369-3

Lektorat: Dipl.-Theol. Christiane Lober

Umschlagfoto: Umschlagfoto: Willy Heinzelmann

Gedruckt in der Europäischen Union auf umweltfreundlichem, chlor- und säurefrei gebleichtem -Papier.

www.novumverlag.com

Kapitel 1

Wo die Welt aus Sand besteht

Eine Windböe packt das Flugzeug und schüttelt es kräftig. Caroline hält den Atem an und bohrt ihre Fingernägel in die abgegriffenen Armlehnen. Die alte Maschine ächzt und stöhnt. Unablässig rüttelt der Sturm an den Tragflächen, als wollte er den Flieger auseinanderreißen. Caroline wirft einen verstohlenen Blick auf ihren Sitznachbarn: Der Mann mit den edlen Gesichtszügen, den der Kapitän ehrfurchtsvoll Abdullah nannte, scheint die Ruhe selbst. Doch lässt er unentwegt die Holzperlen seines Tasbih – der Gebetskette – durch die Hand gleiten, während er mit geschlossenen Augen lautlos die 99 Namen Allahs aufzählt. Das Geschöpf mit den roten Haaren und den smarten Kurven jenseits des Gangs mustert verängstigt den düsteren Himmel, in dem die Sonne als milchige Scheibe hängt. Immer wieder betastet sie das Goldkreuz, das auffällig um ihren Hals baumelt, als müsse sie sich Vertrauen einflößen. Dann greift sie wieder zur Designertasche, pudert etwaige glänzende Stellen ab und zieht nervös die Lippen nach. Plötzlich heulen die vier Strahltriebwerke der Iljuschin II-62 auf. Einen Moment lang taumelt das 70-Tonnen-Monstrum im heftigen Sandwind. Dann verliert es jäh an Höhe, und eine staubige Piste zeichnet sich auf dem Wüstenboden ab. Bebend und polternd setzt der russische Vogel endlich zur Landung an. »El-Hamdulillah«, flüstert Abdullah, als die Maschine zum Stillstand kommt. Alle streben erleichtert dem Ausgang zu.

Der herumwirbelnde Sand taucht die arabische Wüste in Sepiatöne. Hier purzeln entwurzelte Sträucher über die steinige Ebene, dort macht sich gerade eine leere Mineralwasserflasche aus dem Staub. Vor dem Flughafengebäude biegen sich die Palmen, die Wedel zerzaust vom Wind. Ein Mann im Djellabah-Kapuzenmantel hat sein Dromedar hinters Haus gebracht, wo schon ein paar Geländewagen und ebenso geduldig wartende Maulesel parkiert sind. Er bindet ihm die Vorderläufe zusammen, damit sein Transportmittel im Sturm nicht davonläuft und sich verirrt. Das Tier weiß die Vorsichtsmaßnahme nicht zu schätzen. Aufgebracht brüllt es ihn an und fletscht drohend seine gelblichen Zähne. Da weht der Wind den Zweig eines Dornenbusches vorüber. Behände packt der Vierbeiner den Leckerbissen mit seinen Lippen und zerkaut dann genüsslich die langen, spitzen Stacheln.

Im Torbogen steht ein hochgewachsener Mann –, ein Fels im tosenden Ozean. Seine sandfarbenen Jeans und das Ton in Ton darauf abgestimmte weite Hemd scheinen mit der Umgebung zu verschmelzen. Um den von Sonne und Wetter gebräunten Kopf hat er einen Turban gewickelt, dessen Ende im Wind flattert. Vergnügt blitzen die blauen Augen hinter der getönten Brille.

„Paps!“ Carolines Stimme versagt, als sie den hageren Körper mit beiden Armen umschlingt.

„Ein volles Jahr hast du mich warten lassen“, grollt er. Mit einer tüchtigen Portion Besitzerstolz schaut er die junge Frau vom Scheitel bis zur Sohle an und zieht sie dann zärtlich an sich. „Das ist ein Jahr zu viel.“

„Du weißt, mein Studium …“, entgegnet Caroline entschuldigend.

„Ja, und nun feiern wir die diplomierte Innenarchitektin, auch nicht übel.“

Bernard legt seinen Arm um die Schultern der Tochter. Caroline betrachtet liebevoll von der Seite das feine Gesicht mit der kühn geschwungenen Nase, den Lachfältchen in den Augenwinkeln, das volle Haar. Welch ein Womanizer! Diese Mischung aus Geist, Witz und Charme – einfach unwiderstehlich! Kein Wunder, dass ihm die Evastöchter massenweise zu Füßen liegen! Wieso er wohl je geheiratet hat? Und dann ausgerechnet ein derart hochnäsiges Wesen, das sich keinen Deut um seinen Archäologengatten und dessen Job schert, dafür lieber die Boutiquen zwischen Paris, Nizza und Monte Carlo ausräumt! Jedenfalls passen Mum und er zusammen wie eine Verdi-Oper und lauwarmer Krautsalat, das ist Fakt!

Das Gebäude des kleinen Flughafens ist ein rechteckiger Klotz im Sandkasten der Wüste, umrahmt von Palmen und ein paar Jasminbüschen. Seine Wände sind weiß gestrichen, der Boden mit dunklen Kacheln bedeckt. Die eine Ecke des Raums schmückt eine überdimensionierte Blumenvase mit Plastik­rosen, denen Zeit und Staub die ursprüngliche Farbe stahlen. Dominant guckt der ehemalige Staatspräsident von einem leicht verblichenen Foto auf die Menschen herunter, die ihn keines Blickes würdigen. Sein stechender Blick und der kleine, pechschwarze Schnauz im bleichen Gesicht machen jede Anstrengung zunichte, als gütiger Landesvater zu wirken. Auf der andern Seite des Raums hängt das Konterfei der Grand Old Lady des arabischen Gesangs, Oum Kalthoum, die schwarzen Haare hochgesteckt, den stets undefinierbaren Ausdruck ihrer Augen hinter dicken Brillengläsern versteckt. Manch ein Gast schickt verstohlen einen bewundernden, ja fast ehrfürchtigen Blick empor zur Musikikone des Mittleren Orients. Wo zwischen Beirut und Casablanca aus dem Lautsprecher eines Straßencafés ihre gewaltige Stimme ertönt, lauschen die Menschen andächtig, summen die jedem Araber geläufigen Melodien mit, sogar die orchestralen Intermezzi. Die Luft ist stickig. An der Decke dreht – gefährlich schwankend – ein Ventilator seine Runden und versucht vergeblich, die stehende Hitze durch ein Lüftchen erträglicher zu machen.

An wackeligen Holztischchen sitzen Einheimische, plaudern und vertreiben sich die Zeit mit Sabo, einem afrikanischen Bohnenspiel. Sie warten, bis der Wind sich legen wird. Unter der Tür taucht ein zottiger Hund auf, irgendein Mix aus Labrador, Neufundländer und Border Collie, vermutlich auch auf der Flucht vor dem Sandwind. Der scheue Vierbeiner schnuppert interessiert nach Fressbarem. Als er nichts entdeckt, verkrümelt er sich. „Komm, trinken wir einen Tee, bis das Gröbste vorüber ist!“, rät Bernard und peilt die Bar an, um zu bestellen.

Ahlan wa sahlan! Herzlich willkommen, Caroline!“

Ein kleiner, untersetzter Mann steuert auf Caroline zu. Der perfekt gebügelte Anzug und das blütenweiße Hemd scheinen in anderen Breitengraden beheimatet zu sein. Dem dichten Haar nach zu schließen, das als dunkles Kränzchen an seinem Hinterkopf verläuft, ist er kaum über 30.

„Schön, Sie endlich bei uns Maulwürfen begrüßen zu dürfen!“

Strahlend streckt er ihr die Hand hin, nicht ohne seinen Blick genüsslich über die Model-Maße der Europäerin gleiten und an ihren knackigen Brüsten haften zu lassen.

„Ah, unser Freund Ismail!“ Bernard ist aufgesprungen. „Er ist verantwortlich für die Sicherheit im Camp, damit uns Schelme nicht nächtlich die teuersten Ausgrabungsstücke davontragen.“

„Passiert dies tatsächlich?“, horcht Caroline erstaunt auf und reicht dem Neuankömmling die Hand. „Hallo!“

„Ja, wir Archäologen sind gesuchte Handelsobjekte“, gibt dieser sich witzig und streicht sich über den kahlen Kopf, als müsse er dort zufällig verbliebene Härchen in Ordnung bringen. Wie er den Arm hebt, öffnet sich sein Hemd und lässt den Blick frei auf ein kleines Amulett, das an einer Goldkette um seinen Hals baumelt. Was dieses rätselhafte Zeichen wohl bedeutet?

„Na, wenigstens steht das, was wir hier ausbuddeln, hoch im Kurs“, relativiert Bernard. „Aber keine Angst: Der Langfingerzunft klopfen wir auf die Finger. Schließlich wissen wir unsere Frauen im Camp ritterlich zu schützen!“

„‚Unsere Frauen‘ …“, echot Caroline belustigt und zwinkert ihrem Vater zu. „Also gibt es da mehrere Exemplare dieser Gattung inmitten der Wüste?“

„Zum Beispiel Frau Professorin Dr. h. c. Sabine Keller, die für das deutsche Fernsehen einen Film drehen will“, beeilt sich Ismail, die Dinge ins rechte Licht zu rücken. Beim Nennen dieses Namens schneidet Bernard eine Grimasse, als hätte man ihm eben eine lebendige Kröte auf den Speiseplan gesetzt.

„Ihre rothaarige Tochter soll halten, was Blondinen versprechen“, fügt der Araber anzüglich hinzu. „Übrigens ist sie heute im selben Flieger wie Sie angekommen, Caroline.“

Doch in ihrer Wiedersehensfreude haben die beiden nicht Notiz genommen von den anderen Fluggästen, bemerkten nicht, wie Helena von ihrer Mutter abgeholt wurde, sahen auch nicht, dass Abdallah unbemerkt in einem diskret hinter dem Flughafengebäude parkierten Jeep davonfuhr.

„Wo ist eigentlich Karim?“, wundert sich Bernard. „Er wollte doch auch zum Empfangskomitee gehören!“ Und zu Caroline gewandt, fährt er fort: „Karim beaufsichtigt die Grabungen im Auftrag der Regierung, ist sozusagen unser Obergendarm.“

„Er hat wohl etwas Besseres, äh … etwas anderes vor.“

Ismails Ton ist plötzlich auffallend schnippisch.

Mit klapperndem Geräusch stellt Moussa, der dunkelhäutige Wirt, die reich verzierten Teegläser auf den Tisch. Aus der Kanne guckt ein Zweiglein Minze. Seine Blättchen sind winzig, doch verströmen sie einen betörenden Duft. Am Nebentisch wird heftig getuschelt. Caroline bemerkt, wie eine alte Frau das Kopftuch noch stärker in die Stirn zieht, sodass man die blauschwarze Tätowierung auf ihrer Stirn fast nicht mehr erkennt, und sich dann abwendet, ihr manifest den Rücken zukehrt.

„Hat sie was gegen mich?“, erkundigt sich Caroline.

Moussa, das dürre Klappergestell von Wirt, lächelt spöttisch, während er den heißen Tee im hohen Bogen gezielt in die Gläser manövriert.

Ya sayyida, Caroline, Sie haben blaue Augen.“

„Na und?“

„Im Islam sagt man, dass solche Menschen den ‚bösen Blick‘ hätten. Wen diese anschauten, über den werde Unheil hereinbrechen …“

„Das ist völliger Quatsch, hat mit dem Islam nichts zu tun!“, ertönt da eine markige Männerstimme. Caroline fährt herum. Vor ihr steht ein schlanker junger Mann. Samtbraune Augen blitzen zornig unter geschwungenen Augenbrauen, das dichte schwarze Haar glänzt im Schein der kaltes Licht versprühenden Neonlampe, die über der Theke baumelt.

„Karim! Schön, dass du doch noch gekommen bist!“

Bernard klopft ihm fröhlich auf die Schulter und lacht. „Wir wollten schon eine Vermisstenmeldung aufgeben.“

„Entschuldige bitte, dass ich mich verspätet habe, aber so ein Witzbold hat mir einen Zettel aufs Pult gelegt, ich müsse mich dringend beim Unterpräfekten von Ras el Bir melden!“

„Soll das ein Scherz sein?“

„Aber sicher, und ein sehr dummer, denn der Unterpräfekt hatte keine Ahnung davon!“

Bernard schüttelt verständnislos den Kopf. Ein giftiger Blick Karims trifft Ismail. Dieser poliert wie geistesabwesend seine Fingernägel an der Jacke und studiert dann eingehend die Risse in der weiß getünchten Decke. Plötzlich bemerkt Karim Caroline und errötet. „Oh, es tut mir schrecklich leid, nein, ich bin unentschuldbar“, flüstert er mit ungespielter Entrüstung. Lebhaft schüttelt er ihr beide Hände und legt dann seine Rechte aufs Herz: „Ich möchte Sie natürlich recht herzlich willkommen heißen. Ihr Vater hat schon so viel erzählt über Sie.“

„Hoffentlich nur Gutes!“, misst ihn die junge Frau belustigt.

„Nur Gutes, bei Allah!“, bestätigt er und verscheucht ein paar lästige Fliegen.

„Nimmst du auch ein Glas Tee?“, lädt ihn Bernard ein.

Karim setzt sich neben Caroline, während ihn Ismail mit seinen Augen förmlich durchbohrt. Nachdem Moussa den Tee gebracht hat, stellt er einen Teller belegter Brote auf einen Nebentisch. Es sind knusprig gebackene Baguettes –, eine angenehme Hinterlassenschaft der französischen Kolonialherren. Ein beleibter Herr mit dünnem Bärtchen über der wulstigen Lippe greift begierig danach. Doch kaum hat er in eines der Röllchen gebissen, springt er wie von der Hornisse gestochen auf, sodass sein Schwabbelbauch in gefährliche Schwingungen gerät.

Maschallah, das ist Haram, verboten! Willst du mich vergiften, oh Moussa?“

Er rennt zum Ausgang, so schnell ihn seine kurzen Beine tragen, und spuckt das teuflische Zeug in den Sand. Den streunenden Hund freut’s. Sofort ist der Schwarze zur Stelle. Er pflanzt sich vor dem Nörgler auf und stemmt beide Fäuste in die Seiten:

„Was zum Teufel schreist du in der Gegend herum, oh Amir, und verscheuchst mir meine Gäste?“

Der Dicke ringt nach Atem, noch immer außer sich vor Entrüstung. Er nimmt die Brothälften auseinander und zeigt auf den rosaroten Sandwichbelag.

„Da, sieh dir das an: Schweinefleisch! Schande über dich!“

Moussa reißt ihm das Brot aus der Hand und hält es ihm so nahe unter die Nase, dass diese fast darin verschwindet. „Du Dummkopf, du Sohn einer Eselin: Das ist Paprika!“

„Paprika?“, wiederholt der andere betroffen.

„Ja, Paprika oder Felfla harra, wenn du es so besser verstehst. In der Hitze schmeckt jeder Käse fade. Deshalb habe ich diesen Paprikakäse eingekauft, der Geschmack hat und bekömmlich ist.“

„Aha …“ Das Dickerchen guckt betreten in die Runde, und so macht Moussa munter weiter. „Glaubst du im Ernst, ich würde hier Schweinefleisch servieren? Der Verstand ist ein Geschenk Gottes! Der Koran erinnert uns immer wieder daran, dass wir ihn deshalb nutzen sollten, um Allah nicht zu erzürnen.“

Er nimmt den Pummeligen an der Hand und führt ihn zurück an den Tisch: „So, nimmer wieder Platz! Ich brau dir nun einen starken Kaffee, der deine Seele beruhigt und dich wieder auf andere Gedanken bringt.“

Schukran –, danke“, murmelt der Mann erleichtert und beißt vorsichtig in das Baguette, allerdings nicht, ohne zuvor noch einen misstrauischen Blick in dessen rosafarbenes Innenleben geworfen zu haben.

„Da, schaut, der Sturm hat sich gelegt!“ Karim erhebt sich. „Caroline ist sicher müde von der Reise. Gehen wir doch zu Hassan! Er hat ein Abendessen in seinem Garten vorbereitet …, wie du es angeordnet hast, Chef!“, fügt er scherzend hinzu und nimmt Caroline freundschaftlich am Arm. Ismail verzieht keine Miene, doch setzt er einen Schmollmund auf, als habe man ihm soeben sein Lieblingsspielzeug geklaut. Als sie ins Freie treten, gibt er dem vor der Tür dösenden Hund einen Fußtritt, sodass dieser ein paar Meter durch die Luft fliegt.

„Täusche ich mich – oder herrscht da wirklich dicke Luft zwischen Karim und Ismail?“, erkundigt sich Caroline, als ihr Vater und sie im Jeep Richtung Ras el Bir fahren, wo die Archäologen des Dar el Calame ihre Unterkünfte haben.

Bernard lächelt verlegen und hebt unwissend die Achseln wie immer, wenn er nicht weiß, was er sagen soll. Sonnyboys mögen nun mal keine trüben Wolken an ihrem permanenten Schönwetterhimmel. Als Caroline nicht lockerlässt, beginnt er aus dem Nähkästchen zu plaudern: „Ursprünglich waren Karim und Ismail die besten Freunde. Sie stammen beide von Nomadenfamilien ab, die unter dem Druck der Regierung sesshaft geworden waren. Die Eltern hatten nie das Lesen und Schreiben gelernt, aber ihre Söhne durften die Schulbank drücken und konnten dank staatlicher Hilfe eine Ausbildung durchlaufen, die ihnen eine einträgliche Karriere ermöglichte. Karim war an der Pariser Vorzeigeschule EHESS, der École des hautes études en sciences sociales, um Archäologie zu studieren. Ismail absolvierte die Polizeischule und liess sich dann zum Sicherheitsbeamten weiterbilden.“

Bernard drückt die Zigarette im Ascher aus.

„Doch während für Ismail das Leben da ist, um es zu genießen, und er dafür den Weg des geringsten Widerstandes einschlägt, ist Karim der unverbesserliche Idealist und Weltverbesserer. Besonders die Heuchelei islamischer Theologen ist ihm ein Dorn im Auge. Er will sich ständig für eine gerechtere Gesellschaft einsetzen. Wenn er damit nur nicht eines Tages auf die Nase fliegt …!“

„Wieso, meinst du?“

„Na ja, hier weiß man nie …“, orakelt Bernard und fährt fährt:

„Als im Camp die Stelle des staatlichen Aufsehers zu besetzen war, hatte der verantwortungsbewusste Karim die besseren Karten. Da Ismail dem Polizeichef von Ras el Bir stets Nachschub an schönen Knaben zu liefern wusste, erhielt er den Posten des Sicherheitsbeauftragten im Camp. Es ist wohl eine Frage der Zeit, wann die Sache auffliegt. Und Ismail ist sich bewusst, dass seine berufliche Laufbahn an einem seidenen Faden hängt – und am Stillschweigen seines Freundes Karim.“

In der sinkenden Sonne taucht die Oase von Ras el Bir auf. Wie Scherenschnitte heben sich die Silhouetten der Palmen vom jetzt wieder makellos blauen Himmel ab. Im Abendlicht erscheinen die rosafarbenen Bauten mit den weißen Verzierungen wie das Werk eines durchgedrehten Zuckerbäckers. Das Haus des Lehrers Hassan steht am Eingang des Ortes, wo die Gärten der Oase beginnen. Unter dem Dach von Palmenwedeln gedeihen Granatäpfel und Feigen, darunter reifen Tomaten, Auberginen und Zwiebeln.

Marhaba –, willkommen!“, begrüßt Hassan die Ankommenden unter der Türe. Man schüttelt sich die Hände, tauscht Höflichkeiten aus. Das nimmt in arabischen Ländern immer seine Zeit in Anspruch, ist aber der Schlüssel zu den Herzen der Menschen. Dann führt Hassan sie durch einen Innenhof, in dessen Zentrum ein Wasserbecken für ein wenig Kühlung sorgt. Den Luxus von Grünpflanzen, wie wir sie von andalusischen Patios her kennen, können sich die Bewohner der Wüste allerdings nicht leisten. Kein Mensch zeigt sich weit und breit, der Blick in die Zimmer des Erdgeschosses ist durch blickdicht gewebte Stoffe verwehrt. Doch da bewegt sich leicht ein Vorhang, und dort hinter einem Berg von zusammengelegten Teppichen ist leises Gekicher zu hören. Aus einem Raum dringt das Klappern von Geschirr. Der würzige Geruch von gegrilltem Gemüse und geschmortem Schaffleisch erfüllt den ganzen Patio.

Die Nacht ist schon hereingebrochen, als man sich im Garten auf prächtigen Teppichen niederlässt.

‚An diesen Kostbarkeiten haben fleißige Hände wohl jahrelang für ein Hungerlöhnchen geschuftet‘, geht es Caroline durch den Kopf. ‚Wir würden ein so edles Stück mit geschwellter Brust ins beste Zimmer legen, aber sicher nicht in den Sand fürs Picknick mit Freunden.‘

Kaum haben sie Platz genommen, kommt Hassan herbei mit einem versilberten Waschbecken und einem Stück parfümierter Seife, gießt lauwarmes Wasser aus einem Krug, damit sich seine Gäste die Hände waschen können. Über ihren Köpfen erschallt das allabendliche Konzert gefiederter Gratiskünstler. In den Ästen der Bäume erproben sie nochmals ihre Stimmbänder, bevor sie in luftiger Höhe bis zum Morgengrauen verstummen. Zwischen den Büschen leuchten die Augen einer Katze auf, die wohl noch Lust auf einen Happen frisches Fleisch hat. Nager dürften hier kaum Kopfzerbrechen bereiten. Der Mond liegt als Sichel an dem mit Sternen übersäten Himmel. Der feine Duft von Jasmin betört förmlich die Sinne. Hassan reicht zur Begrüßung ein Getränk aus Wasser und eingelegten jungen Artischocken. Es ist etwas gewöhnungsbedürftig für den westlichen Gaumen, doch Caroline nickt ihrem Gastgeber anerkennend zu. Von der Ferne dringt das Murmeln von Wasser herüber, das nachts –, wenn die Verdunstung am geringsten ist –, durch die Bewässerungskanäle auf die Felder rinnt. Ab und zu raschelt es unheimlich in den Wipfeln der Palmen.

Karim fasst Caroline zutraulich am Arm: „Keine Angst, das ist nur eine Dattelratte mit Einschlafstörungen. Diese Geschöpfe sind absolut harmlos.“

Ismail beäugt die Szene mit wachsendem Unmut. Zwei Frauen huschen wie im Schattentheater lautlos herbei und tragen nun die Speisen auf. Schüsselchen um Schüsselchen breiten sie auf dem Teppich aus. Es ist Mezze, ein Horsd’œuvre, bestehend aus kleinen Appetithäppchen wie gebackenem Ziegenkäse, eingelegtem und gegrilltem Gemüse, Fleischbällchen am Spieß und Falafel, Frikadellen aus Kichererbsen. Dazu wird Auberginencreme und Tahina, die Sesamsoße, gereicht. Hassan greift zu einem großen geflochtenen Korb und entnimmt ihm einen noch warmen Brotfladen. Er bricht ihn mit väterlicher Geste und überreicht jedem Gast ein Stück dieses Khoubz. Dann spricht er leise ein kurzes Gebet, bevor er die Gäste zuzugreifen auffordert. Man isst mit den Händen und benutzt das Brot als eine Art Löffel, mit dem man Speisen und Soße auftunkt. Caroline ist von der Atmosphäre überwältigt. Fernab ist Paris, das hektische Treiben der Großstadt, Lichtjahre entfernt wirken Verkehr, Lärm und Gestank. Besonders Karims Nähe, seine Blicke voll menschlicher Wärme und sein verschmitztes Lächeln geben ihr ein wohliges Gefühl.

„Das ist paradiesisch, Hassan. Du machst mir eine Riesenfreude mit diesem Empfang!“, gibt sich Caroline schwärmerisch. Hassan lächelt.

„Es ist mir eine Ehre, euch zu bewirten“, meint er bescheiden.

Zu gerne hätte Caroline gefragt, wer die beiden Frauen sind, welche die Häppchen aufgetischt haben, und wieso sie nicht mitessen. Doch sie getraut sich nicht, das harmonische Ambiente zu stören. Von solchen Gewissensbissen ist Ismail nicht geplagt. Unvermittelt flüstert er plötzlich:

„Weißt du, Caroline, dass diese Gegend voller heimtü­ckischer Geister steckt, Dschinnen, die nachts ihr Unwesen treiben und unbescholtene Wesen zu Tode erschrecken?“ Genüsslich konstatiert er in ihrem Gesicht eine Verunsicherung und setzt noch einen drauf: „Opfer sind vor allem ausländische Frauen, die sich mit den hiesigen Traditionen nicht auskennen.“

Caroline sieht sein Gesicht nur undeutlich im Halbdunkel und weiß nicht, was sie davon halten soll. Bernard grinst still in sich hinein und zieht gemütlich Zigarettenpapier und Tabak hervor, um sich einen Glimmstängel zu rollen. Er ist zuversichtlich, dass sich seine Tochter nicht so schnell ins Bockshorn jagen lässt.

„Glaub ihm ja nicht diese Gruselgeschichten und Ammenmärchen!“, warnt Karim, aufgebracht durch so viel manifestierten Aberglauben und Schwarzmalerei vor einem fremden Gast.

„Das sind keine Ammenmärchen, das weißt du als Sohn der Wüste und gläubiger Moslem genau“, verteidigt sich Ismail. „Ich rate unserer Freundin, diese Dschinnen nicht auf die leichte Schulter zu nehmen, denn immerhin verbürgt der Koran die Existenz dieser Dämonen aus rauchlosem Feuer, wie sie dort genannt werden.“

Der „gläubige Moslem“ wurmt Karim in den tiefsten Tiefen seiner Seele. Ärgerlich brummt er etwas von „vorislamischem Brauchtum“, als ein Mann im erleuchteten Türbogen erscheint. Hassan erhebt sich.

»Assalâmu alaykum.«

Alaykumu as-salâm. Bitte entschuldige; ich wusste nicht, dass du Gäste hast.“

„Aber bitte, ahlan, sei willkommen, nimm Platz, oh Freund Samir! Möchtest du etwas essen?“ Der Eintretende winkt dankend ab, nimmt aber das angebotene Glas Tee dankend an. Die Neuigkeit, die er zu erzählen hat, ist die Unterbrechung wert, zumal die Freunde ihr Mahl beendet haben: Kacem, der Dorfapotheker, ist heute von seiner Pilgerreise nach Mekka zurückgekommen. Spontan feiert man in seinem Haus die glückliche Rückkehr und die Tatsache, dass er jetzt als Pilger den ehrenvollen Titel Hadschi führen wird. Natürlich sind Freunde und Bekannte zu diesem Fest eingeladen –, ein Angebot, das niemand ausschlagen darf. Zu gerne möchte Caroline noch die magische Stille dieses Ortes genießen, aber Widerspruch ist zwecklos. Sofort brechen alle voller Erwartung zu Kacems Haus auf.

„Darf ich als Frau einfach so reinschneien? Immerhin handelt es sich um eine hochfeierliche und zudem religiöse Angelegenheit!“, äußert Caroline ihre Bedenken.

„Vergiss nicht: Du bist die Tochter des Chefs!“, witzelt Karim. „Das sollte dein Selbstwertgefühl enorm stärken!“

„Ja, du hast recht. Als ich heute die Einheimischen in der Flughafenhalle beobachtete, dachte ich mir, mein Daddy spiele hier die Rolle einer grauen Eminenz, so eine Art verkappter Richelieu.“

„Den nannte man die ‚rote Eminenz‘“, berichtigt Bernard schmunzelnd.

„Aber Caroline!“, entrüstet sich Karim. „Wie kannst du nur deinen Vater mit diesem skrupellosen Menschen vergleichen, der im Mäntelchen des Geistlichen die Menschen manipulierte, demütigte und ans Schafott brachte!“

„Sorry, daran habe ich nicht gedacht. Mir ging es bloß um die schillernde Figur.“

„Wo ist eigentlich Ismail?“, unterbricht Bernard die beiden. Verdutzt sieht sich Karim um. „Keine Ahnung, er ist uns gerade noch dicht auf den Fersen gefolgt. Vermutlich kommt er später nach.“

Der Archäologe nimmt seine Tochter am Arm: „Also: Dieser Kacem, den wir nun aufsuchen werden, ist eine ganz besondere Nummer, das muss ich dir erzählen.“

Und so erfährt Caroline beim Bummel durch die nächtlichen Straßen von Ras el Bir die Geschichte des Apothekers, der mit zwei Frauen verheiratet ist. In diesen ärmlichen Regionen am Rand der Wüste leben die meisten in monogamer Ehe, da mehrere Gemahlinnen einen Mann schlicht und einfach zu teuer zu stehen kommen. Dies war auch der Fall bei Kacem, der mit seiner hübschen Mona, die er von einer Reise ins tunesische Kairouan – nach Mekka der zweitgrößte Pilgerort des Islam – mitgenommen hatte. Als eines Tages sein Bruder bei Bauarbeiten an einer Erdgaspipeline ums Leben kam und seine Schwägerin mit einem kleinen Sohn allein dastand, war es für Kacem beschlossene Sache, Laila zu ehelichen. Er kaufte kurzerhand ein neues Haus und teilte es in zwei völlig identische Hälften auf. Rechts des Innenhofs liegen nun Monas Gemächer, also seiner ersten Frau und der beiden Kinder, links quartierte er Laila und ihr Söhnchen in genau gleich ausstaffierten Räumlichkeiten ein. Ob Küche und WC/Dusche im Erdgeschoss oder die privaten Zimmer im Obergeschoss: Die eine Wohnung ist stets das exakte Duplikat der anderen. Einzig im Parterre verfügt der Hausherr über einen geräumigen Salon, in dem er seine Gäste empfängt und sie – dank der fleißigen Hände seiner zwei Frauen und ihrem kulinarischen Geschick – königlich bewirtet. Geht er auf Reise, bringt er beiden Gattinnen die gleichen Geschenke, den Kindern das gleiche Spielzeug, um ja keinen Neid oder Zwist aufkommen zu lassen. Bald wird auch Laila den geplanten Nachwuchs bekommen.

„Eigentlich ist das nichts Besonderes“, stellt Karim fest. „Kacem lebt als gläubiger Moslem buchstabengetreu nach dem Koran, der besagt, dass ein Mann nur dann mehr als eine Frau heiraten darf, wenn er gewährleisten kann, beide genau gleich zu behandeln und keine zu übervorteilen.“

„Na ja“, Bernard schüttelt belustigt den Kopf, „aber sogar dafür zu sorgen, dass Lailas Sohn auch noch einen Bruder oder eine Schwester bekommt, damit die Symmetrie gewahrt bleibt, ist doch die Sache auf die Spitze getrieben.“

Karim zuckt die Schultern und meint trotzig: „Nein, finde ich überhaupt nicht.“

Kacems Heim liegt im Herzen von Ras el Bir, nur ein paar Schritte von der Moschee entfernt. Als Hassan mit seinem Gefolge eintritt, ist der Raum bereits zum Bersten voll mit Menschen in der wallenden Galabyyia, um den Kopf den traditionellen Schesch geschlungen, ein rund 3 Meter langes Tuch. Ein weibliches Wesen ist nirgends zu sichten. Wohlriechende Räucheressenzen benebeln die Atmosphäre, schaffen Wärme und sinnlichen Genuss. Die Männer haben religiöse Gesänge zum Ruhm und zur Ehre Allahs angestimmt. Einige begleiten die monoton wirkenden Klänge rhythmisch mit einem Tamburin, das sie zuvor über einer Flamme erwärmt haben. Nur schwach erhellt das Licht flackernder Kerzen den mystischen Raum, der Harmonie und Frieden atmet. Caroline ist erstaunt, dass niemand von ihr Notiz nimmt, sich nicht über die Anwesenheit der Europäerin – und der einzigen Frau in der Runde – bei einem so feierlichen Anlass empört. Der frischgebackene Hadschi kümmert sich eigenhändig um die Gäste. Als die Männer ihren Gesang unterbrechen, bringt er auf einem ziselierten Messingtablett Gläser mit Tee, reicht Gebäck mit Mandeln und Pistazien, das vor Honig trieft – wohl ein Werk seiner beiden Hausfeen. Nach einer Weile macht Kacem die Runde mit einem silbernen, nach oben spitz zulaufenden Gefäß, aus dem er Orangenblütenwasser auf seine Gäste spritzt. Die Erfrischung ist in diesem Raum, in dem es zusehends an frischer Luft mangelt, sehr willkommen.

Mitternacht ist schon lange vorüber, als man endlich Abschied nimmt. Vater und Tochter holen den Jeep bei Hassan und brechen zur Pension der Archäologen auf. Als Bernard hinter dem Haus parkiert, glaubt er im Parterre ein Licht zu bemerken. Statt gleich in ihre Gemächer im ersten Stock zu steigen, schleicht er sich zum kleinen Zimmer, das er und ein paar Wüstenfans mit Teppichen, Kissen, allerlei einheimischem Kunsthandwerk und Wasserpfeifen zu einem orientalischen Wohlfühltempel umfunktioniert haben. Ihm ist nicht klar, wer zu so vorgerückter Stunde hier noch etwas zu suchen hat. Vorsichtig öffnet er die Tür einen Spaltbreit, um sie sogleich wieder zu schließen.

„Was ist los?“ Caroline packt die Neugierde, doch er zögert. „Na, schieß schon los!“

Verlegen kratzt sich Bernard hinter dem Ohr: „Es sind Ismail … und Helen und Susanne Keller …“

„Die deutsche Professorin, die einen Film im Camp drehen will, und ihre rothaarige Tochter?“

„Ja, seltsam.“

„Wieso? Ich finde dies ausgesprochen nett von Ismail, sich um die beiden Damen zu kümmern, da ihr mir ja auch einen so königlichen Empfang bereitet habt.“ Caroline reibt sich schläfrig die Augen. „Und jetzt, Herr Professor Gramont, schlüpft Ihre Tochter in die Federn!“

Sie ist viel zu müde, um sich noch irgendwelche Gedanken über Ungereimtheiten zu machen, selbst wenn diese offensichtlich sind. Glücklich gleitet sie zwischen die weißen Laken, kümmert sich nicht, wie sauber diese sein mögen, und träumt davon, endlich das faszinierende Ambiente der Wüste und der archäologischen Grabungen kennenzulernen.

Bernard schlurft in seinen Babuschen wortlos zum Waschtisch und greift zur Zahnbürste: „Ich kann’s nicht fassen: die alte Schreckschraube und das aufgetakelte Junghuhn gleich im Doppelpack.“ Er wiegt den Kopf nachdenklich hin und her. „Der hat sich ja tüchtig aufgepowert für diese orientalische Nacht der Nächte.“ Er presst einen dicken Strang Zahnpasta auf die Bürste. „Diese Geschichte ist mir irgendwie nicht geheuer.“