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Zoran Drvenkar

Der letzte Engel

Roman

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cbj ist der Kinder- und Jugendbuchverlag

in der Verlagsgruppe Random House

für Peter
ein Engel ohne Flügel
ein Freund mit Seele

Gesetzt nach den Regeln der Rechtschreibreform

1. Auflage 2012

© 2012 Zoran Drvenkar

© 2012 cbj Verlag, München

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: © Zeichenpool, München

SK · Herstellung: hag

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN: 978-3-641-09643-4
V002

www.drvenkar.de

www.cbj-verlag.de

TEIL I

Ein Engel

wird von geborgter Zeit leben,

und ihr werdet ihn an seinen Wunden erkennen

und an der Vergangenheit, die wie ein unendliches Fieber

durch sein Adern fließt.

ESKO

Und dann halten sie an einer Tankstelle.

»Soll ich dir was mitbringen?«

»Kaugummi.«

»Was zu trinken?«

Mona schüttelt den Kopf, ihr kurzes Haar fächert auf und kommt wieder zur Ruhe. Esko steigt aus dem Wagen und streckt sich. Er hat sich an den Verkehr und das Fahren gewöhnt, fühlt sich aber noch immer unwohl in der Kleidung. Seine eigenen Bewegungen kommen ihm fremd vor, als wäre er nur zu Besuch in seinem Körper.

Er geht um den Wagen herum und dreht den Tankdeckel ab.

Die Dämmerung hat eingesetzt, die Nacht ist so nahe, dass Esko ihre Dunkelheit schmecken kann. Er erinnert sich, als Zeit keine Bedeutung hatte. Ein Tag begann, ein Tag endete. Jetzt hat Zeit einen Namen und eine Form, sie wird gemessen und in ihre Grenzen gewiesen. Esko hat das Gefühl, als würde ihm jeder Moment durch die Finger fließen.

Autos fahren vorbei, ein Raubvogel kreist über den Baumwipfeln, die Wolken erinnern an wütende Fäuste, der Wagen vibriert leicht. Esko legt eine Hand auf das Dach und spürt den Herzschlag der Musik. Die Bässe hämmern. Monas Beine sind angezogen, ihre Schuhe drücken gegen das Armaturenbrett, ein Zeigefinger trommelt den Rhythmus auf ihr Knie. Mona wirkt zerbrechlich und verloren, wie ein zehnjähriges Mädchen eben wirkt, wenn sie kein Zuhause mehr hat.

Der Zapfhahn klackt, Esko hängt ihn an die Säule und schraubt den Tankdeckel wieder fest. An der Kasse kauft er Kaugummi und Wasser. Die Kassiererin sieht ihn an und sieht an ihm vorbei. Sie könnte ihn nicht beschreiben, auch die Kameras sind nutzlos. Unscharf.

»Wäre das alles?«

»Das wäre alles.«

Als er den Shop verlässt, hat Mona die Musik leiser gestellt und ihr Fenster runtergelassen. Eines der Mädchen steht auf der Beifahrerseite. Esko erkennt sie wieder, aber ihr Name fällt ihm nicht ein. Das Mädchen steht einfach nur da, die Arme wie zwei magere Äste an ihrem Körper. Sie ist barfuß und trägt einen verdreckten Schlafanzug. Ihr langes Haar bewegt sich nicht in der Windbrise, die für einen Moment wie eine kühlende Hand über die Tankstelle streicht. Esko atmet die Kühle tief ein. Er riecht das Meer und die sich langsam nähernde Nacht, er sieht durch das Mädchen hindurch Monas schräg gelegten Kopf und wartet. Mona hört zu, schließlich nickt sie. Es ist ein gutes Zeichen, sie sind noch immer auf dem richtigen Kurs.

Esko geht um den Wagen herum und steigt ein.

»Wir müssen dann weiter«, sagt Mona zu dem Mädchen.

Esko startet den Motor. Das Mädchen hat die Hand zum Abschied gehoben. Esko sieht das alles nur aus den Augenwinkeln. Er hat dazugelernt und vermeidet es, genau hinzuschauen. Das letzte Mal tränten seine Augen eine halbe Stunde lang.

Der Wagen rollt von der Tankstelle.

»Was hat sie gesagt?«, fragt Esko.

»Sie sagte, wir sind zu langsam.«

»Ich kann nicht schneller fahren.«

»Ich weiß.«

Die toten Mädchen sind ihre Wegweiser. Sie stehen auf Brücken und am Straßenrand und erinnern an fahle Striche in der Landschaft. Und immer haben sie den Kopf gesenkt und immer haben sie den rechten Arm ausgestreckt und weisen ihnen die Richtung.

»Sie hat auch gesagt, wir können die Überfahrt erst am Morgen machen«, spricht Mona weiter.

»Aber dann verlieren wir einen ganzen Tag.«

»Dann verlieren wir einen ganzen Tag«, stimmt ihm Mona zu und beendet das Gespräch, indem sie die Musik wieder aufdreht. Der Beat, der Rhythmus.

Esko fährt auf die Autobahn und drückt das Gaspedal durch.

Natürlich kommen sie zu spät.

»Ich hab’s doch gesagt.«

Esko flucht und parkt den Wagen direkt an der Anlegestelle. Nachdem er sich erkundigt hat, wann die nächste Fähre geht, steigt er wieder ein und wendet. Sie fahren die Küstenstraße einige Kilometer zurück und finden einen verlassenen Rastplatz, von dem ein Weg zum Meer hinunterführt. Die Hitze hat nachgelassen, der Wind ist kühl und salzig. Sie sind erschöpft und setzen sich an einen Steintisch und sind einfach nur ein übermüdetes Mädchen und ein übermüdeter Mann auf einem Rastplatz. Doch das ist eine Lüge. Esko sieht aus wie Anfang zwanzig, er ist aber so alt, dass die Gegenwart ihn ignoriert. Mona dagegen ist wirklich erst zehn.

Ein Handy liegt zwischen ihnen auf der Tischplatte.

Sie haben einen Plan und sind sich beide nicht sicher, ob er funktionieren wird.

Die Uhr auf dem Handy zeigt 23:57.

Sie wissen einfach zu viel, als dass sie tatenlos bleiben können.

»Lass uns beginnen«, sagt Esko und stützt die Unterarme auf den Steintisch.

Mona greift nach seinen Händen. Esko spürt ihre kühlen Finger zwischen seinen. Ein Lastwagen donnert vorbei, und weit entfernt erklingt eine Schiffshupe, der eine andere Schiffshupe antwortet. Esko atmet tief durch, schließt die Augen und entspannt sich.

Und plötzlich ist es still um ihn herum.

Kein Wind weht mehr, nur ein sanftes Pochen ist zu hören, als würde jemand mit den Fingerspitzen auf Samt klopfen. Esko öffnet die Augen. Das Pochen sind Schneeflocken, die schwer und satt vom Himmel fallen und ein Brennen hinterlassen, wo sie auf seine Wunden treffen.

Esko sitzt nicht mehr auf dem Rastplatz, auch trägt er keine Uniform mehr und der Steintisch ist ebenfalls verschwunden. Esko liegt auf dem Rücken, Frostnebel umfließt ihn träge und sein ganzer Körper besteht nur aus Schmerzen. Wenn er etwas nicht vermisst hat, dann sind es diese Schmerzen. Sein Brustschutz ist zerfetzt, der Verband um sein Handgelenk hat sich gelöst. Vorsichtig setzt er sich auf und sieht Schatten, die sich zwischen den Schneeflocken bewegen.

Esko fühlt sich beobachtet.

Fünfzig Meter entfernt steht eine Gestalt. Der Nebel lässt sie verschwinden und dann ist sie wieder da. Es könnte das Ende oder der Anfang eines Tages sein. Das Dämmerlicht verrät nichts. Es ist so kalt, dass die Luft in den Lungen sticht. Esko spürt die Kälte durch den Boden. Es ist Jahre her, seitdem die Erde hier aufgetaut ist. Als hätte die Sonne das Sterben satt und sich abgewandt. Esko sieht auf seine Finger, die mit Eiskristallen bedeckt sind. Er muss schon eine Weile hier liegen, die Körper um ihn herum sind in grotesken Posen erstarrt. Sie liegen überall – vereinzelt ragen Arme und Beine wie Markierungen nach oben, dazwischen sieht Esko abgebrochene Speere, gehisste Fahnen und immer wieder erstaunte, offene Münder.

Die Welt ist mit Eis bedeckt, die Meere liegen schweigend da, kein Fisch wagt sich an die Oberfläche. Irgendwo hinter den Wolken muss die Sonne sein, auf der Erde merkt man nichts davon, der Winter ist der alleinige Herrscher.

Zumindest ist er gnädig zu den Toten, denkt Esko.

Der Schneefall verbirgt die Leichen unter einem weißen Mantel, auch der Gestank von Blut, zerfetztem Fleisch und Eingeweiden ist von der Kälte eingeschlossen. Nichts rührt sich in dieser Landschaft, auch die Gestalt steht reglos da und beobachtet Esko weiter. Er hört sie atmen und hat längst begriffen, wo er sich befindet.

Ich bin wieder hier, denkt er und richtet sich mühevoll auf und steht schwankend im eisigen Wind. Sein Knie schmerzt, und da ist ein Schnitt an seiner Hüfte, der sich durch die Bewegung wieder öffnet. Er hebt eine Lanze vom Boden auf und stützt sich ab. Es ist das Ende aller Tage, und er ist ein Gast in seiner eigenen Erinnerung und bedauert es sehr, noch am Leben zu sein.

Und dann kommen die Raben.

Sie gleiten lautlos durch den Schneefall und zerteilen das Weiß mit ihren Flügeln. Genauso lautlos lassen sie sich auf seinen Brüdern nieder, zerren und ziehen an ihren Körpern, um sie in die richtige Position zu bringen.

Zwanzig Schritte entfernt liegt Micah. Er hat beide Hände um einen Axtgriff geklammert, der aus seiner Brust emporragt wie ein dritter Arm. Sein rechtes Auge fehlt, das linke ist nach oben verdreht, sodass nur das Weiß zu sehen ist. Den Raben interessieren die Augen nicht. Er balanciert auf Micahs Stirn und öffnet seinen Mund mit dem Schnabel. Esko hört das schnalzende Geräusch, als sich die Lippen trennen. Der Schnabel taucht ein, es gibt einen Ruck und als der Rabe den Kopf wieder hebt, zieht er ein silbernes Glänzen hervor, kaum größer als eine offene Hand.

Alles kehrt zum Anfang zurück, denkt Esko.

Der Rabe schlägt mit den Flügeln, das Schneetreiben umschließt ihn und er verschwindet darin mit der glänzenden Seele in seinem Schnabel. Esko wünscht sich, jemand würde ein Totenlied anstimmen oder dass die Witwen kommen und Tücher der Vergebung über den Leichen ausbreiten. Wohin er auch schaut, das Feld der Toten reicht bis zum Horizont, und mittendrin steht diese Gestalt und senkt den Kopf und stößt ein Schnauben aus.

Esko macht sich auf den Weg zu ihr.

Als er das Pferd erreicht, weicht es nicht zurück. Das Fell hat auf die Entfernung hin schwarz geglänzt. Esko kann jetzt sehen, dass das kristallisierte Blut dem Hengst bis zu den Schultern reicht. Eine abgeschlagene Hand hat sich in den Zügeln verfangen. Die Finger liegen auf dem Brustkasten, als wollten sie das Tier beruhigen.

»Still«, sagt Esko und streicht über die Flanke des Pferdes, tastet sich vor und spürt den nervösen Herzschlag. Er sieht keine Verletzungen, es ist ein kleines Wunder. Als Esko die Zügel ergreift, stellt der Hengst die Ohren auf und fixiert ihn mit dem linken Auge. Die abgeschlagene Hand löst sich und fällt herunter. Die Tätowierungen gehen bis zu den Fingerspitzen und sind so strahlend weiß, dass sie im Schnee zu leuchten scheinen. Esko lehnt sich gegen das Pferd und sammelt seine Kräfte, ehe er sich in den Sattel schwingt.

Der Hengst rührt sich noch immer nicht. Stille umgibt sie.

Da ist der fallende Schnee, da sind die Toten und da sind die lautlosen Raben.

Wie anders sah es hier vor fünf Tagen aus – vierzigtausend Krieger sind an Land gegangen und haben ihre Lager aufgeschlagen. Eine Entscheidung stand bevor. Sie sind über zwei Meere gereist, um der Plage ein Ende zu bereiten. Und das hier ist das Ergebnis.

Der Hengst schreitet vorsichtig voran, seine Hufen dringen durch Kleidung und Körper. Knochen knacken, Rüstungen verbiegen sich und brechen auf. Nach zwanzig Metern hat der Hengst seine Scheu überwunden und kommt in Trab.

Sie reiten auf den Berg zu, auf dem sich der Großteil der Raben niedergelassen hat. Das Feld der Toten gleitet unter ihnen dahin – das Grün der Elsener, das stolze Blau der Panden, das Graurot des Südstammes. So viele Völker haben ihre Armeen geschickt.

Und dazwischen immer wieder das strahlende Weiß der Menianer.

Es ist die unpassendste Farbe, die sich ein Feind wählen kann. Sie leuchtet aus dem Schnee hervor wie Pfützen aus Licht. Esko schmeckt den bitteren Geschmack der Wut und spuckt aus.

Anfangs steigen die Raben noch auf, als er sich ihnen nähert, und zeigen die seidig glänzende Unterseite ihrer Flügel. Bald schon gewöhnen sie sich an den Reiter und sein Pferd. Mehr wollte Esko nicht.

Am Fuß des Berges scheut der Hengst, wird langsamer und hält an. Esko hätte es nie alleine so weit geschafft. Er steigt ab und lässt das Tier stehen.

Der Anstieg ist steil, der Schmerz in seiner Hüfte nimmt ihm den Atem. Die Enden seiner Flügel schleifen über den Boden, die Spitzen verfärben sich zu einem dreckigen Braun. Esko ist kein edler Anblick – Blut fließt seine Hüfte herunter und sein rechter Stiefel hat sich mit klebriger Wärme gefüllt. Obwohl seine Kräfte mit jedem Schritt nachlassen, bleibt er erst stehen, als er den Gipfel erreicht hat.

Auch hier oben sind die Toten, auch hier oben bewegt sich nichts außer dem stummen Gleiten der Raben. Für eine Weile verharrt Esko und fragt sich, wie es nur so weit kommen konnte. Er weiß, dass er in drei Tagen hier oben sterben wird. So hat es ihm Mona zumindest gesagt. Die Erinnerung lässt sich nicht verändern. Sie ist das, was gewesen ist. Müde sieht er auf das Tal und die erstarrte Ebene der Toten herunter. Ihm fehlt Licht, alles ist in Frostnebel und Schatten gebadet. Dazu dieser trübe Schneefall, der nicht wirklich weiß ist.

Esko schaut hoch. Er könnte aufsteigen und die Wolkenfront durchbrechen, doch in seinem Zustand traut er sich das nicht zu. Außerdem ist er nicht hier, um für Licht zu sorgen.

Er schafft sich Platz zwischen den Leichen und legt sich nieder. Er schließt die Augen und ist still und geduldig. Er ist einer der Toten. Die Raben lassen ihn nicht lange warten. Das Rauschen, der Wind, ein Geruch von vergessenen Dingen. Ein Rabe landet auf seinem Kopf. Esko spürt die Krallen in seinem Haar. Da ist auch schon das tastende Suchen des Schnabels zwischen seinen Lippen.

Genug ist genug, denkt Esko und öffnet die Augen.

Er sieht auf die Unterseite der Kehle. Der Rabe spürt, dass irgendwas anders ist. Er neigt den Kopf zur Seite und schaut mit einem Auge zu Esko runter.

»Esko?«

Eine Hand legt sich auf seine Wange. Mona ist ihm so nahe, dass er ein wenig zurückschreckt. Das Auge des Raben ist verschwunden. Esko liegt nicht mehr auf dem Hügel, er sitzt wieder am Steintisch. Die Wellen bewegen sich über den Kiesstrand. In der Ferne verklingt eine Schiffshupe. Das Handy zeigt noch immer 23:57. Es sind nur eine Handvoll Sekunden vergangen.

»Hat es funktioniert?«

Esko spricht so leise, als könnte er die Realität mit lauten Worten stören. Mona sieht zur Seite. Der Rabe ist die Geduld in Person. Er steht am Ende der Tischplatte und sieht Esko vorwurfsvoll an. Eine Pfütze hat sich unter ihm gebildet, sein Gefieder ist noch nass vom Schneefall.

»Und jetzt?«, fragt Esko.

»Du musst ihm sagen, was er zu tun hat«, sagt Mona.

Der Rabe neigt den Kopf, als wüsste er, was kommt. Esko sagt ihm, was zu tun ist. Dann befiehlt er: »Flieg!« Der Rabe schüttelt sein Gefieder, stößt sich vom Tisch ab und verschwindet mit drei wuchtigen Schlägen seiner Schwingen in der Nacht.

Esko schaut ihm hinterher.

»Wie schlimm war es?«, fragt Mona.

Es ist eine unnötige Frage. Sie hat es selbst durch seine Augen gesehen, ohne sie hätte er die Erinnerung nie betreten können. Esko steht auf. Er vermisst nicht die Schmerzen oder die Kälte. Er vermisst das Gewicht der Flügel auf seinem Rücken und die Vergangenheit, auch wenn er weiß, dass sie für ihn in den Tod führt.

Und so bleiben sie eine Weile: Mona mit den Unterarmen auf dem Steintisch, wie sie Esko beobachtet, der auf das Meer hinausschaut. Er kann die toten Mädchen am Kiesstrand sitzen sehen. Sie könnten auch Felsen sein, denkt er, aber Felsen bringen keine Augen zum Tränen. Esko wendet den Blick ab und sagt:

»Heißt er wirklich Motte?«

»Er nennt sich so.«

»Dummer Name.«

»Wem sagst du das.«

Sie lachen das erste Mal zusammen.

»Wir sollten ihn warnen«, sagt Esko.

»Glaubst du, es macht einen großen Unterschied?«

»Vielleicht versteht er, warum wir es getan haben.«

»Ja, vielleicht«, sagt Mona, ohne es wirklich zu glauben.

Esko zeigt mit dem Daumen über seine Schulter.

»Deine Schwestern warten.«

Mona geht zum Wasser hinunter. Esko nimmt das Handy vom Steintisch. Natürlich weiß er, dass Motte ihnen niemals verzeihen wird. Niemand verzeiht es einem, wenn man ihm den Tod vorbeischickt. Aber wirklich niemand.

MOTTE

Der letzte Engel auf Erden erwachte an einem Samstagnachmittag und wusste nicht, dass er der letzte Engel war. Bis zu diesem Tag wusste ich sehr wenig vom Leben. Ich kam jeden Morgen schwer aus dem Bett, schleppte mich durch den Tag und war erleichert, sobald es dunkel wurde. Licht gefiel mir nicht, ich saß lieber im Schatten und das hatte nichts mit Gothic oder Depression zu tun. Es hatte nur was mit mir zu tun.

Und mein Name war nicht Gabriel, nicht Uriel oder Michael. Ich hieß Markus und wurde von meinen Freunden Motte genannt. Selbst mein Vater fand den Namen passend. Sobald die Dämmerung anbrach, floss mein Blut schneller, und die Trägheit in meinen Knochen löste sich auf. Sogar die Lehrer nannten mich Motte.

Der Spitzname kam von meiner Mutter, mehr habe ich nicht von ihr behalten. Sie war mir eine Fremde, die nichts von der Narbe wusste, die sich quer über meinen Bauch zog, oder von dem Mädchen, in das ich mich in der sechsten Klasse verliebt hatte und wegen dem ich eines Tages vom Dach eines Hochhauses springen sollte. Meine Mutter konnte das alles nicht wissen, weil sie mich sitzen ließ, als ich neun Jahre alt war.

Plötzlich wollte sie verreisen. Ich saß in meinem Zimmer, mein Vater war joggen und plötzlich wollte meine Mutter verreisen. Sie sagte, es wäre eine Überraschung für meinen Vater. Sie hatte sogar schon gepackt. Ich war sofort dabei, denn ich liebte Überraschungen, also klemmte ich mir einen Stapel Comics unter den Arm und rannte zum Auto. Vergesst nicht, ich war neun.

Wir fuhren in Richtung Norden, an Lübeck vorbei und hoch nach Dänemark. Vier Tage schliefen wir in einem Ferienhotel, aßen im Restaurant und hatten Urlaub. Ich wusste, dass die Schulferien erst in sechs Wochen begannen, aber wer war ich, dass ich mich beschwerte. Und an keinem Tag sprachen wir über meinen Vater. Einmal fragte ich, wann er denn kommen würde. Meine Mutter brach in Tränen aus, drückte mich an sich und damit war das Thema gegessen.

Am vierten Abend klingelte das Telefon und meine Mutter nahm es mit ins Bad. Hinter der verschlossenen Badezimmertür hörte ich sie flüstern. Dann kam sie wieder aus dem Bad und sagte, ich sollte mich schlafen legen, morgen wäre auch noch ein Tag. Sie steckte mich ins Bett, und ich durfte mir einen Comic aussuchen und so lange lesen, bis es zu Ende war, dann musste ich ihr versprechen, dass ich schlief.

»Und du?«, fragte ich.

»Ich geh noch ein wenig am Strand spazieren«, sagte meine Mutter, und das waren ihre letzten Worte an mich.

Am nächsten Morgen kam mein Vater in das Hotelzimmer und tat so, als wäre das eine tolle Überraschung, mich in einem Hotelzimmer an der dänischen Küste vorzufinden. Wir fuhren nach Hause und alles nahm seinen normalen Lauf. Meine Mutter blieb einfach noch länger verreist, bis auch ich irgendwann begriff, dass sie mich in dem Hotel allein gelassen hatte. Ich musste mit niemandem darüber sprechen. Ich fühlte mich verraten und verkauft und war so wütend, dass meine Mutter aufhörte, für mich zu existieren.

Kinder können schon knallhart sein.

An diesem Freitagabend war die Erinnerung an meine Mutter nur ein vager Fingerabdruck in meinem Gedächtnis, der mit jedem Jahr undeutlicher wurde und zu verschwinden drohte. Ich bin mir sicher, wenn mich meine Mutter in dieser Nacht hätte sehen können, wäre sie vor Schreck sofort nach Hause gekommen, denn was sich auf mich zubewegte, war der Horror einer jeden Mutter: Mein normales Leben stand kurz davor, zu kippen. Ich war sechzehn Jahre alt und der Tod kratzte an meinem Fenster.

Die Nachricht erreichte mich kurz nach Mitternacht. Der Samstagmorgen war eben angebrochen, und ich hatte mein Fenster weit aufgerissen, aber es brachte kaum was. Draußen war es stockend schwül und die Luft stand in meinem Zimmer wie eine Wand aus getoastetem Styropor. Die einzige Brise kam aus den Lüftungsschlitzen meines PCs und damit konnte ich wirklich keine Werbung machen.

Ich hatte den ganzen Tag am Computer gearbeitet. Kein Chat, kein Skype, keine Mails. Ich war die lebende Disziplin, denn ich musste ein Referat abschließen, und da ich mir das Wochenende nicht versauen wollte, versuchte ich, die Arbeit an einem einzigen Tag zu schaffen. Und es sah gut aus, ich kam voran. Als ich auf die Uhr schaute, war es nach Mitternacht, also pfiff ich für einen Moment auf die Disziplin und öffnete Thunderbird.

Vier Mails warteten.

Zwei von Lars, der jammerte, dass er alleine mit den Mädchen um die Häuser ziehen musste, eine von Rike, die jammerte, dass Lars mit Fanni und ihr um die Häuser zog und sie ihn nicht loswurden. Und dann war da noch eine Mail ohne Betreff von einem mir fremden Account. Ich las den Text. Zweimal. Danach saß ich etwas verwirrt an meinem Schreibtisch und las ihn ein drittes Mal.

sorry für die schlechte nachricht

aber wenn du aufwachst, wirst du tot sein

wir wollten nur, dass du das weißt

du bist nicht allein

sei mutig und stark

Ich schrieb zurück:

sorry für die gute nachricht

aber wenn ihr aufwacht, werdet ihr hässlich sein

ich wollte nur, dass ihr das wisst

ihr seid allein

seid mutig und stark

Nachdem ich meine Mail rausgeschickt hatte, wartete ich einige Minuten, ob eine Antwort zurückkam. Es ist ja nicht so, dass ich keinen Humor habe, aber über bestimmte Dinge sollte man einfach keine Witze machen. Kindesmissbrauch. Nationalsozialismus. Tierversuche. Und natürlich über den Tod.

Es kam keine Antwort.

Ich arbeitete weiter, ich wollte nicht darüber nachdenken, konnte aber dieses komische Gefühl nicht abschütteln. Was, wenn es wahr ist? Stell dir vor, du wachst auf und bist tot? Wie dämlich wäre das denn? Die Unruhe nahm zu und diese nervige Stimme in meinem Kopf ließ sich nicht ausschalten. Vielleicht wartete ein Irrer nur darauf, dass ich mich schlafen legte, damit er mit seinem Skalpell durchs Fenster klettern und mich filetieren konnte.

Mein Licht blieb an.

Drei weitere Stunden recherchierte ich für mein Referat, aber die Konzentration war im Keller. Dazu kam diese Hitze. Meine Hände waren klamm und der Schweiß tropfte mir von den Achseln. Es war richtig albern. Erst flog das T-Shirt in die Ecke, dann die Jeans, sodass ich zum Schluss nur in Shorts vor dem offenen Fenster stand und gierig nach Luft schnappte. Was war da draußen nur los? Ich wünschte mir, es würde stürmen. Regen, ein paar Blitze, Wind, aber nichts geschah. Der Himmel interessierte sich kein Stück für meine Nervosität, er blieb dunkel und blank, während die Paranoia mit spitzen Fingern an meinen Nerven zupfte.

Wer auch immer mich tot sehen will, dachte ich, der soll es nicht leicht haben.

Ich schob die Kommode vor die Zimmertür. Paranoia war in dieser Nacht mein bester Kumpel, weil mein echter bester Kumpel mit meiner großen Liebe und ihrer Freundin um die Häuser zog. Da nimmt man, was man kriegt. Wäre Lars da gewesen, hätte er gesagt: Wie kannst du so einen Scheiß nur glauben? Aber Lars war mir im Moment keine große Hilfe, und es gab auch sonst niemanden, den ich um diese Zeit hätte anrufen können. Außerdem wäre es sehr peinlich gewesen. Keine Ahnung, was dann erst für Mails in meinem Postfach gelandet wären.

Hasenfuß hat mich mein Vater als Kind genannt, als Hasenfuß noch keine Beleidigung war. Nein, das hier sah ich als ein Soloprojekt, das ich alleine meistern musste. Und so beschloss ich, die Nacht durchzumachen und am Morgen wie üblich zum Frühstück runterzugehen. Wenn du aufwachst, wirst du tot sein, klingt nur halb so bedrohlich, wenn du dir das Aufwachen sparst. Oder wie Lars sagen würde: Wer zu viele Filme sieht, ist selber schuld.

Um halb fünf schmerzte mein Nacken so sehr, als hätte mir jemand einen Kühlschrank um den Hals gebunden. Von draußen starrte mich die Morgendämmerung mit einem halb geöffneten grauen Auge an und gähnte. Die ersten Vögel erwachten, die ersten Autos setzten sich in Bewegung, noch war kein Jogger unterwegs. Nur zögerlich schälten sich die Straßen und Häuser aus der Dunkelheit und wirkten dabei unscharf und pixelig.

Ich war allein und müde, ich fühlte mich fiebrig und musste dringend aufs Klo. Also Kommode zur Seite, ab ins Bad und dann zurück ins Zimmer. Ich war so erschöpft, dass ich nicht einmal die Kraft hatte, die Kommode wieder vorzuschieben. Ich hatte nur noch ein Ziel vor Augen und das Ziel war mein Bett.

Liegen, einfach nur liegen.

Als wir in das Haus eingezogen waren, bestanden meine Eltern darauf, dass ich ein separates Schlafzimmer bekam. Nicht dass jetzt irgendjemand denkt, ich wäre in einer Villa mit Swimmingpool und Gärtner aufgewachsen. Das Haus war unscheinbar und stand in einer schmalen Seitenstraße, in der die Autos auf den Bürgersteig ausweichen mussten, sonst kamen sie nicht aneinander vorbei. Mein sogenanntes Schlafzimmer war eine Nische und der Eingang ein Torbogen, der von meinem Zimmer abging. Meine Eltern waren der Meinung, Arbeit und Schlaf sollten getrennt werden, was mir natürlich gefallen hat. Wer sagt schon Nein zu zwei Zimmern, auch wenn das zweite Zimmer gerade Platz für ein Bett bietet.

Ich ließ mich auf die Matratze fallen. In zwei Stunden würde mein Vater aufstehen, bis dahin musste ich durchhalten. Es war keine große Herausforderung. Lars und ich hatten unzählige Nächte durchgemacht. Die letzte lange Nacht war keine Woche her. Da saßen wir vom frühen Nachmittag an im Cineplex am Potsdamer Platz und sind von einem Kinosaal zum anderen gewandert, ohne dass einer der Angestellten kapiert hätte, dass wir Filmzombies waren. Der Name ist von Lars. Ein Filmzombie taumelt von Film zu Film und sieht alles gratis, egal ob es ihm schmeckt oder nicht. Nur ein Kopfschuss kann ihn aufhalten oder ein Kartenabreißer, der den Trick durchschaut. An diesem Tag hatten wir Glück, aber nach dem vierten Film konnten selbst wir nicht mehr und sind eingeschlafen und in totaler Dunkelheit erwacht. Wir sind der Notbeleuchtung gefolgt und kamen in ein verlassenes Foyer. Es war nach eins und wir waren in einem Cineplex eingeschlossen. Als Erstes haben wir uns was zu trinken geholt, dazu gab es Popcorn und Eis. Bis fünf Uhr morgens hockten wir in einem der Säle und palaverten über das Leben. Als die Putzkolonne kam, haben wir sie mit einem Nicken begrüßt und sind an ihnen vorbei in die Freiheit marschiert. Durchwachte Nächte sind also nicht mein Problem. Ich kann da sehr zäh sein. Auch wenn der Rücken schmerzt, auch wenn die Augen brennen. Deswegen waren die nächsten Stunden keine wahre Herausforderung für mich. Ich stauchte die Kissen im Rücken zusammen, lehnte mich dagegen und blätterte einen Comic auf. Meine Finger klebten sofort an den Seiten fest.

Verdammt, das ist doch ein Fieber, dachte ich, wahrscheinlich eine Sommergrippe, oder ich habe mir einen Virus eingefangen, der per Mail verschickt wird.

Ich lachte bei dem Gedanken, und das ist eins von den Bildern, die ich mir rahmen möchte: ein übermüdeter Junge, der blöde vor sich hin kichert und dabei in einem Comic blättert. Im Nachhinein würde ich gerne die Uhr zurückdrehen, um diesen Motte länger zu betrachten. Mit all seinen Macken, seiner Trägheit und seiner Zuversicht, dass er alles packt, was auf ihn zukommt. Zu dem Zeitpunkt wusste ich leider nicht, was auf mich zukam. Ich wusste nur, dass es eine schwüle Nacht war und dass sich meine Zunge anfühlte wie Schmirgelpapier. Also beschloss ich, mir etwas zu trinken zu holen.

Ich brauche kaltes Wasser, denn ich habe so einen Durst, dass ich …

Mit diesem Gedanken war Schluss. Ich konnte nicht mehr. Meine linke Hand tastete und fand die Lampe neben dem Bett. Das Licht ging aus. Mehr konnte ich nicht tun. Mir fehlte sogar die Kraft, den Arm erneut zu heben und den Comic zur Seite zu legen, also blieb er, wo er war.

Die Augen fielen mir zu.

Nichts folgte.

Der Comic lag wie ein müder Nachtfalter auf meiner Brust.

Hob und senkte sich.

Hob und senkte sich.

Hob und …

Stille.

Es war vorbei.

Mein Vater rief gegen neun hoch, dass das Frühstück bereitstehen würde. Um elf räumte er den Tisch ab. Ich hörte nicht, wie er das Haus verließ, ich hörte nicht, wie er zurückkehrte, das Knallen der Garagentür, das Gespräch mit dem Nachbarn, der Heuschnupfen hatte und sich alle zwei Minuten die Nase schnäuzen musste, nichts drang zu mir durch, nicht einmal das Sirren des Rasensprengers oder die lärmenden Kinder von nebenan, die einander mit Wasserpistolen durch den Garten jagten.

Ich schlief den Schlaf des Erschöpften.

Als ich gegen drei erwachte, war die Sonne ums Haus geschlichen und mein Zimmer lag im kühlen Schatten. Ich fühlte mich normal. Kein Fieber, nichts. Dieses gute Gefühl hielt eine Minute lang. Ich lag auf der Seite, blinzelte den Torbogen an und freute mich, dass Samstag war und ich mein Referat abgeschlossen hatte. Dann erinnerte ich mich an die Mail und ein Zittern überkam mich. Ich sah auf meine Hand und das Zittern verschwand.

»Ich lebe!«, sagte ich leise und stellte mir vor, wie ich Lars davon erzählte: Also, ich wollte wach bleiben, versteht du, denn so eine Mail kann einen schon unruhig machen, aber natürlich bin ich weggepennt und dann …

Ich war mir jetzt sicher, dass die Mail von Hannes kam. Er war als Einziger durchgeknallt genug, sich so einen Mist auszudenken. Wahrscheinlich hatte meine ganze Klasse dieselbe Mail erhalten. Auf jeden Fall würde ich mir in der Schule nichts anmerken lassen.

Who’s the king?

I am the king.

Ich wollte aufstehen, ich wollte mich aus dem Bett rollen, es ging nicht. Ich klebte an der Matratze fest und holte Schwung, und beim zweiten Mal kam ich wackelig auf die Beine, schwankte und stand vorgebeugt neben dem Bett, Hände auf den Knien, tief Luft holend. Mir war schwindelig, helle Punkte tanzten vor meinen Augen und explodierten lautlos. Es gab keine Zweifel mehr. Das musste eine Grippe sein.

Ich war in dem Moment so naiv, dass ich mich im Nachhinein dafür schäme. Ich war wie ein Idiot, der vor einer Wand steht und sich wundert, wo denn die Wand ist. Da war ein dumpfes Gefühl in meinem Inneren, als würde etwas fehlen. Damals dachte ich an Melancholie, damals dachte ich, vielleicht vermisse ich Rike. Ich hatte keine Ahnung, was mir wirklich abhanden gekommen war, und ein Mädchen passt immer ganz gut in die Gleichung.

Ich tat den ersten Schritt.

Meine Waden waren verkrampft wie nach einem Fünftausend-Meter-Lauf, und die Ellenbogen schmerzten, als hätte ich mich in der Nacht gestoßen. Ich stöhnte laut auf. Das tat gut. Ich war ein uralter Sechzehnjähriger. Ich stöhnte noch mal und verließ das Schlafzimmer, sah meine Klamotten auf dem Boden liegen und stieg drüber hinweg und ging ins Bad. Erst dort kapierte ich, dass eine Grippe mein allerletztes Problem war.

»Oh Scheiße.«

Ich trug eine von diesen albernen Shorts, die mir mein Vater zum letzten Geburtstag geschenkt hatte. Garfield hatte die Krallen ausgefahren und grinste mich im Spiegel an, ich grinste nicht zurück. Mein Oberkörper war nackt, die Haut erschreckend blass, kein einziges Haar wuchs auf meiner Brust. Ich begegnete meinem Blick im Spiegel, wie ich dem Blick eines Irren begegnen würde, der mit einer bluttriefenden Machete vor mir steht. Ich seh da jetzt nicht noch mal hin, sagte ich mir, während meine Augen schon höher wanderten und ich wieder hinsah.

»Oh Scheiße.«

Es war ein Wunder, dass ich vorhin überhaupt aufstehen konnte. Meine Hand griff nach hinten, die Federn waren warm und glatt. Wenn ich meine Hand gegen den Strich bewegte, fühlten sie sich rau an. Ich rüttelte am linken Flügel und schrie auf. Ein Ziehen war von der Wirbelsäule zum Steißbein hinuntergewandert und hatte mir Tränen in die Augen getrieben.

Ich schaute über meine Schulter.

Die Flügel reichten von meinen Ohren bis fast zum Boden und liefen Zentimeter über meinen Fersen in einer Spitze zusammen. Einige der Federn waren weiß, der Großteil war grau. Ich kniff die Augen zu und schüttelte den Kopf.

Mann, reiß dich zusammen, das ist nicht echt, das ist nur ein Fiebertraum und gleich wirst du aufwachen und …

Als ich wieder hinsah, waren die Flügel noch immer an Ort und Stelle.

Ich stützte mich mit den Händen auf dem Waschbecken ab und lachte los. Das war ja wohl das Durchgeknallteste, was ich je erlebt hatte. Ich konnte nicht aufhören zu lachen und klang dabei wie das letzte Opfer in einem Horrorfilm, der damit endet, dass das letzte Opfer durchdreht und eine einsame Straße runterläuft.

Ich verstand nicht, was hier passierte.

Ich wartete auf den Abspann, ich wartete darauf, dass ich aus diesem Albtraum erwachte und lässig aus dem Bett stieg. Mein Lachen endete abrupt. Die Erkenntnis traf mich mit voller Wucht. Ich drückte mir eine Hand aufs Herz.

Nichts.

Ich suchte meinen Puls.

Nichts.

Ich ging nahe an den Spiegel heran und betrachtete meine Augen.

sorry für die schlechte nachricht

Ich zog ein Lid herunter.

aber wenn du aufwachst, wirst du tot sein

»Tot?«, hauchte ich, und mein Atem beschlug den Spiegel nicht.