Umschlag

Sylke Tannhäuser, Jahrgang 1964, wurde in Leipzig geboren, wuchs in Zittau auf und kehrte nach dem Abitur nach Leipzig zurück. Sie hat Betriebswirtschaft und in einem zweiten Studium Verwaltungswirtschaft studiert. Vorwiegend schreibt sie Kriminalromane, aber auch Kurzgeschichten, die in verschiedenen Anthologien und Literaturzeitschriften erschienen sind. Mehrfach mit Preisen ausgezeichnet, hat Sylke Tannhäuser mit ihren Kurzkrimis an den jährlich stattfindenden Ostdeutschen Krimitagen teilgenommen. Im Emons Verlag erschienen »Leipzig im Sumpf« und der historische Kriminalroman »Die Osterländische Gräfin«.

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig.

© 2012 Hermann-Josef Emons Verlag
Alle Rechte vorbehalten
Umschlagmotiv: photocase.de/fuzzy
Umschlaggestaltung: Tobias Doetsch
eBook-Erstellung: CPI – Clausen & Bosse, Leck
ISBN 978-3-86358-056-8
Originalausgabe

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EINS

Seit zwei Tagen regnete es ununterbrochen. Der Boden war aufgeweicht und zu einer Mischung aus Schlamm, Wasser und grobem Dreck geworden. Die Baugrube lag trostlos in der matten Morgendämmerung. Doch an einer Stelle wuselten Menschen umher, die meisten trugen weiße Overalls. Es waren Mitarbeiter des Erkennungsdienstes, die darauf spezialisiert waren, am Tatort alle möglichen Spuren zu sichern.

Kommissar Heinrich Heine, genannt Henne, kämpfte sich durch die Baugrube bis zu der Stelle, an der man die Leiche gefunden hatte. Die Kollegen hatten eine Zeltplane gespannt, damit der Regen keinen weiteren Schaden anrichten und Spuren wegspülen konnte.

»Optimisten«, knurrte Henne und beschleunigte seine Schritte.

Hagen Leonhardt, sein Assistent, stapfte nicht weniger trübsinnig hinter ihm drein. Erde und Lehm klebten in einer dicken Schicht an den Sohlen seiner hellen Wildlederslipper, die mittlerweile fleckig wie ein Tarnanzug waren.

Henne trat unter die Plane. Er kannte die meisten der Anwesenden. Der Chef der Spurensicherung, Harald Fischer, hatte Urlaub. Statt ihm war Günter Beuthe, der korpulente Leiter des Labors, gekommen. Gewöhnlich drückte Beuthe sich um Vor-Ort-Untersuchungen. Sein Metier war die Auswertung von Sachbeweisen, fern von Leichen oder dem, was von ihnen übrig geblieben war. Vermutlich hatte die Zentrale keinen anderen Ersatz für Fischer finden können, oder Beuthe musste ohnehin Bereitschaft schieben. Jetzt stand er am Rand der Gruppe. Sein missmutiger Gesichtsausdruck ließ nur eine Deutung zu: Das Szenario widerte ihn an.

Neben ihm standen zwei Männer, der eine groß und massig wie ein Walross, der andere klein und dürr und mit einem ausgebeulten Filzhut auf dem Kopf. Sie erinnerten Henne an Pat und Patachon, die Komiker aus seinen Jugendtagen, als er sich mit Vorliebe Slapstickfilme angeschaut hatte.

Henne gesellte sich zu den beiden, murmelte einen Gruß und zückte seinen Dienstausweis. »Oberkommissar Heinrich Heine. Wie der Dichter, aber ich halte es mit der Wahrheit. Und wer sind Sie?«

Er registrierte den Blick des Dicken, aus dem Abneigung pur sprach. Nichts Neues. Henne erlebte oft, dass die Leute spontan etwas gegen dunkelhäutige, knapp zwei Meter große Männer hatten. Im Falle dieses Zeugen konnte die spontane Abneigung allerdings nicht an Hennes Größe liegen. Vermutlich war es dann die Hautfarbe, das Erbteil von Hennes äthiopischem Vater.

»Wenn Sie glauben, wir haben König abgemurkst, liegen Sie falsch«, sagte das Walross.

»Immer schön langsam, ich habe nur nach Ihren Namen gefragt.« Henne tastete über die Narbe, die seine linke Gesichtshälfte teilte. Es war ein Andenken an einen Unfall, der schon lange zurücklag, doch er konnte die Tage zählen, an denen sie Ruhe gab. Auch heute brannte sie wie Feuer. Stressbedingt, hatte ihm Thomas Kienmann, sein Freund und der Polizeiarzt bei der Leipziger Kripo, eingeredet und ihm eine Salbe verordnet. Geholfen hatte sie bislang nicht.

»Manne Gerd Gordemitz, Bauleiter. Ich habe ihn gefunden. Das ist Manne, er geht mir zur Hand.« Der Dicke schob den Dürren vor.

»Manne wer?«

»Manfred Heiligenbrand«, ergänzte der Dürre eilig. »Ich habe wie immer meinen Rundgang gemacht und gar nichts bemerkt.«

Henne nickte. »Gibt es hier einen ruhigen Platz, an dem wir reden können?«

»Die Baubude.« Gordemitz klang wenig begeistert.

»Gehen Sie mit Kommissar Leonhardt voran, ich komme gleich.« Henne wollte zuerst noch den Fundort unter die Lupe nehmen.

>Viel gab es nicht zu sehen. Der Tote war bereits in das Rechtsmedizinische Institut gebracht worden. Die Spurensicherung hatte seinen Umriss mit kleinen Fähnchen abgesteckt, von denen die Hälfte im Matsch versunken war. Akribisch nahmen die Kollegen Bodenproben und steckten alles in Tüten, was sie im Umkreis von mehreren Metern fanden.

»Hast du ihn gesehen?«, fragte Henne Beuthe.

»Erinnere mich nicht daran. Jetzt kann ich wieder tagelang nichts essen.« Beuthes empfindlicher Magen gehörte zu seinen Lieblingsthemen. »Als ich kam, wurde er gerade weggebracht.«

»Was haben die Herren Bauleiter und Konsorten erzählt?«

»Der Tote soll ein gewisser Dankwart König sein.«

Henne pfiff durch die Zähne. »Der Baulöwe! In Leipzig stolpert man alle naselang über seine Häuser.«

»Deshalb kam mir der Name bekannt vor.« Beuthe zog am Reißverschluss seines Overalls.

»Der war oft genug in der Zeitung.«

»Hoch lebe die Presse. Ich weiß bis jetzt nur, dass er ein richtiges Schwein gewesen sein muss.«

»So, so.«

»Frag diesen Koloss von Gordemitz, der hat mir einiges geflüstert. Lohndumping und Überstunden waren an der Tagesordnung. Einen Sklaventreiber hat er den König genannt.«

»Hat das dieser Heiligenbrand bestätigt?«

»Das und eine ganze Menge mehr. Der Mann quatscht ohne Unterlass, eine wahre Fundgrube für dich.« Beuthe verzog den Mund.

»Dann will ich den Herren mal auf den Zahn fühlen.« Henne winkte Beuthe zum Abschied zu.

Er schlitterte durch den Matsch zu dem Anhänger, den Gordemitz wohlwollend als Baubude bezeichnet hatte. Dabei trat er in eine Pfütze und fluchte, als Wasser in seine Schuhe schwappte.

Heiligenbrand hatte Kaffee gekocht. Der Duft versöhnte Henne ein wenig. Unaufgefordert füllte der Dürre eine Tasse und schob sie ihm über den Tisch.

»Wo ist Gordemitz?«, fragte Henne.

»Er setzt den Rundgang fort, das muss sein. Bald kommen die ersten Handwerker, da muss alles seine Ordnung haben. Ihr Kollege begleitet ihn.«

Henne bezweifelte, dass an diesem Tag auf der Baustelle weitergebaut wurde, doch er nickte nur und nahm einen Schluck von dem heißen Kaffee. Um sie herum waren überall Baupläne zu sehen, auf dem Tisch, den Regalen, an den Wänden. Dazwischen hingen einige Fotos, alle stellten sie Dankwart König dar. Auf einem stand er in großer Pose neben dem Oberbürgermeister, auf einem anderen war er mit dem Landesvater zu sehen, dann wieder lachte er inmitten der wie Werbemänner für Zahnpasta strahlenden Fraktionsvorsitzenden verschiedener Parteien.

»Wohl dem, der einflussreiche Freunde hat«, sagte Henne.

»Ach was, König hat sich nur gern ins Rampenlicht geschoben. Eigentlich wollte niemand etwas von ihm wissen.« Heiligenbrand schaltete die Kaffeemaschine aus.

»Tatsächlich?«

»Er war ein Grünschnabel. Im Grunde hatte er keine Ahnung vom Bau. Er hat Verkäufer gelernt, für Unterwäsche. Das muss man sich mal vorstellen.« Heiligenbrand tippte sich an die Stirn. »So einer sattelt um und baut Häuser, Einkaufscenter, Tiefgaragen. Aber das Geld dazu hat er gehabt. Und das Know-how hat er eben gekauft.«

»Gab es einen zweiten Mann im Geschäft? Hatte er einen Partner?«

»Nee, da hätte er ja teilen müssen. König hat sich Leute genommen, die keine Alternative hatten. Leute wie mich, zu alt für den Arbeitsmarkt und die Tariflöhne. Ich will noch nicht zu Hause herumsitzen und auf die Rente warten. Mit fünfundfünfzig fühle ich mich jung.« Die Tränensäcke unter den blassblauen, rotgeränderten Augen und die Furchen auf der Stirn und um den Mund herum ließen Heiligenbrand viel älter als Mitte fünfzig erscheinen. Wahrscheinlich schlief er nie richtig und aß zu wenig.

»Hat er auch junge Leute beschäftigt?«, fragte Henne.

»Klar, Lehrlinge, die den Abschluss verkackt haben, Praktikanten, Ausländer. Alle, die die Klappe halten und nicht aufmucken aus Angst, sie könnten ihren Job verlieren.« Heiligenbrand kickte den Zigarettenstummel durch die halb geöffnete Tür. »Aber das ist jetzt ohnehin egal. Jetzt ist er tot, und mein Job ist auch weg.«

»Gordemitz hat gesagt, Sie gehen ihm zur Hand. Was hat er damit gemeint?«

»Mädchen für alles.« Heiligenbrand angelte eine neue Zigarette aus dem Päckchen. »Pläne, Aufsicht, Kontrolle, Abnahme, Kalkulation. Und die Dinge, die niemand gern macht: Kaffee kochen, abwaschen, aufräumen.«

»Auch Personalsachen und Arbeitsschutz?«

»Arbeitsschutz? Gestatten Sie, dass ich lache?« Tatsächlich entblößte Heiligenbrand eine Reihe gelblicher Beißerchen. Doch sein Lachen erstarb so schnell, wie es gekommen war. »Personal hat König eingestellt und gefeuert. Für die Lohnabrechnung gibt es ein windiges Büro. Ich hab noch keinen von denen hier auf der Baustelle gesehen. Ohnehin wurde der Lohn meistens bar auf die Hand gezahlt.«

Henne nahm sich vor, bei den Sozialträgern nachzuforschen. Renten-, Kranken-, Pflege-, Arbeitslosenversicherung, eine Menge Anhaltspunkte. Das Lohnbüro konnte er gleich mit unter die Lupe nehmen. »Wissen Sie etwas von Freunden oder Familie?«

»Bleiben Sie mir bloß mit den Weibern vom Leib. Ich bin zweimal geschieden, hat mich jedes Mal ein Schweinegeld gekostet. Für mich ist das Mann-Frau-Ding durch.«

Henne hatte kein Bedürfnis, Heiligenbrands gestörtes Verhältnis zum weiblichen Geschlecht zu erörtern. »Königs Familie, meine ich.«

Heiligenbrand kratzte sich am Kopf. Gleichmütig betrachtete er das Büschel Haare, das zwischen seinen Fingern hängen blieb. »Da gibt es eine Angetraute, eine schöne, stolze. Wie ein Filmstar sieht die aus. Ich habe mich immer gefragt, was so eine an dem König findet. Schauen Sie sich die Fotos an. Da ist er noch gut getroffen. In Wahrheit hat er alt ausgesehen, mit einem gemeinen Zug um den Mund. Den hat er bis zum letzten Atemzug behalten.«

»Was meinen Sie mit: bis zum letzten Atemzug?«

»Na, ich hab ihn doch gesehen. Gordemitz und ich, wir sind oben entlanggelaufen.« Heiligenbrand zeigte durch das Fenster des Bauwagens in Richtung des Randes der Baugrube, der sich gut fünf Meter über dem Boden dahinzog. »Es war arschdunkel, das kann ich Ihnen sagen. Bei dem verdammten Regen war kaum etwas zu erkennen. Gordemitz hat ab und zu mit dem Handscheinwerfer geleuchtet, und auf einmal war da ein Mensch im Lichtkegel, mitten im Dreck. Wir sind sofort runtergerannt, da haben wir noch nicht mal gewusst, dass es der König war. Ich dachte erst, da wäre einer gestürzt oder so. Nee, der war mausetot.«

»Haben Sie eine Vermutung, wodurch er … ich meine, woran er gestorben ist?«

Heiligenbrand hob die Schultern. »Was weiß ich, tot eben. Vielleicht hatte er einen Herzinfarkt.«

Das würde die Obduktion ergeben. Henne zupfte nachdenklich an seinem Schnauzer herum.

»So eine Rotzbremse hatte ich früher auch«, sagte Heiligenbrand. »Macht nur Arbeit, dabei mögen die Weiber die Oberschenkelbürsten nicht einmal.« Er lachte.

Henne fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. Er war stolz auf seinen Kinnbart, der ihm das Aussehen eines Piraten verlieh. »Sehr witzig«, entgegnete er. »Ich möchte alles über Königs Geschäfte wissen.«

»Da sitzen wir morgen noch hier.«

»Umso eher sollten Sie beginnen.«

»Erstens wäre da das Einkaufscenter. Ein Riesending, Millionen hat er damit gescheffelt. Zweitens eine Passage, drittens das Unigebäude, die Kirchen, die Wohnhöfe in der Südvorstadt, das Altenheim in Kleinzschocher, die Plagwitzer Künstlerschmiede – ein Umbau übrigens –, das Museum, Bürohäuser, zwei Privatschulen …« Heiligenbrands Finger reichten nicht aus, um weitere Projekte aufzuzählen.

»In Ordnung«, sagte Henne. »Das werden wir in den nächsten Tagen untersuchen.«

»Warum der ganze Aufriss? Wenn er doch bloß einen Infarkt hatte.«

Eben noch hast du angegeben, du wüsstest nichts über die Todesursache deines Chefs, dachte Henne. Seine Narbe pulsierte wie ein schmerzender Zahn. »Routine. Sobald wir wissen, dass es ein natürlicher Tod war, wird alles eingestellt.«

Von draußen kamen Geräusche. Gordemitz trampelte mit Leonhardt im Schlepptau die Stufen des Bauwagens herauf.

»Gut, dass du kommst«, sagte Henne zu Leonhardt. »Bist du so weit?«

Leonhardt nickte. Er hatte Gordemitz wohl auf dem Rundgang befragt. Vorerst gab es hier nichts mehr für die Kommissare zu tun. Henne war froh, dem verräucherten Bauwagen zu entkommen. Er selbst hatte schon vor mehr als zehn Jahren mit dem Rauchen aufgehört.

Drei Stunden waren vergangen, seit die Kollegen vom Polizeirevier Süd den Todesfall gemeldet hatten. Mittlerweile war es acht Uhr durch, und Henne hatte nur eine einzige Tasse Kaffee intus. Zeit für Nachschub, denn ohne Kaffee konnte er schlecht denken.

Noch immer regnete es in Strömen. Der Himmel war von dickbäuchigen Wolken beherrscht, die jede Hoffnung auf besseres Wetter im Keim erstickten. Henne hatte seinen Schirm im Auto vergessen. Leonhardt hatte in der Hektik gar nicht erst daran gedacht, einen mitzunehmen.

Egal, sie waren ohnehin bereits durchnässt. Mit langen Schritten liefen sie zum Wagen und stiegen ein. Henne schaltete die Heizung ein und gab Gas. Die Wischerblätter zuckten wie verrückt über die Scheibe. Sie hatten Mühe, der Wassermassen Herr zu werden.

»Halt mal da vorn«, sagte Leonhardt.

Henne erkannte die Werbetafel vor der Bäckerei und legte eine Vollbremsung hin.

Leonhardt stieg aus und kam kurz darauf mit einer Tüte ofenfrischer Brötchen zurück. »Sie sind noch warm.«

Bis sie das Eingangsportal der ehrwürdigen Polizeidirektion erreicht hatten, war die Wärme der Brötchen allerdings verflogen. Auf dem Weg zur Treppe riskierte Henne einen Blick zu Gitta, die den Empfangsbereich managte. Ihre Lockenpracht leuchtete in einem satten Violett. Henne schluckte. Gitta liebte Kunsthaar in jeder Form. Ob Perücken, Strähnen, Zöpfe, Dutte – sie musste alles haben, was die Bestände ihres Händlers hergaben. Es war ein gewöhnungsbedürftiger Anblick auf dem alternden Frauenkopf.

Während die Kaffeemaschine blubberte, wippte Henne in seinem Bürosessel, die Beine auf den Papierkorb gelegt, die Hände im Genick verschränkt. Seine Schuhe trockneten derweil auf dem Heizkörper. Nebenbei verleibte er sich zwei Brötchen ein und sah Leonhardt beim Tippen des Erstberichts zu.

»Was hast du von Gordemitz erfahren?«, fragte er.

Leonhardt schaute von der Tastatur hoch. »König war nicht gerade beliebt. Gordemitz musste ständig damit rechnen, dass er gefeuert wird. Den anderen ging es ebenso.«

»Das hat Heiligenbrand auch gesagt.«

»Glaubt man Gordemitz, ist Heiligenbrand ein Spinner, ein Windhund, ein bequemer Sack, ein Möchtegern-Chef und dazu noch ein Alkoholiker. Letzteres hat sich wohl erst vor Kurzem herausgestellt.«

»Nette Beschreibung.«

»Es kommt noch besser. Heiligenbrand soll die Arbeiter ausspioniert haben.«

»In Königs Auftrag?«

»Oder um sie auf eigene Rechnung zu erpressen. Das wusste Gordemitz nicht. Jedenfalls haben der Dürre und König oft die Köpfe zusammengesteckt. Dabei ist nie was Gutes rausgekommen, sagt Gordemitz.«

»Und was meint ein Hagen Leonhardt dazu?«

»Nenn mich nicht Hagen, du weißt, wie sehr ich den Namen verabscheue.«

»Heiligenbrand und König«, sagte Henne. »Das passt irgendwie nicht zusammen.« Der Dürre hatte ziemlich abfällig über König geredet.

»Eine Hassliebe. Die haben oft auf ein Herz und eine Seele gemacht, genauso oft gab es aber auch Krach. Zuletzt am Montag.«

»Das war vor zwei Tagen.«

»Es ist um irgendwelche Betonpfeiler gegangen. Das glaubt zumindest Gordemitz.«

Henne malte in seinem Notizbuch ein dickes Fragezeichen hinter Heiligenbrands Namen. »Ist der Kaffee fertig?«

»Kommt sofort.«

Henne nahm Leonhardt den Pott ab und trank. Wie immer verbrannte er sich beim ersten Schluck die Zunge. »Muss der immer so heiß sein?«

Er pustete in die Tasse. Aus den Augenwinkeln sah er Leonhardt grinsen. Er ahnte, was seinem Assistenten durch den Kopf ging. Hagen Leonhardt hatte ihm einmal erzählt, was seine Großmutter zu antworten pflegte, wenn man sich über zu heißes Essen beschwerte: Kaltfeuer gibt es nicht. Henne griff nach dem Bericht. Er überflog ihn und setzte dann seinen Kringel darunter, unleserlich wie immer.

 

Henne hatte beschlossen, sich nicht auf den Postweg zu verlassen, sondern den Obduktionsbericht eigenhändig aus der Rechtsmedizin zu holen. Das Rechtsmedizinische Institut befand sich keine zwei Kilometer von der Polizeidirektion entfernt auf dem Gelände des Universitätsklinikums, eingebettet zwischen den Gebäuden der Virologie und Immunologie, der Medizinischen Mikrobiologie, der Liebigstraße und der Johannisallee.

Der Regen war in gleichmäßiges Nieseln übergegangen. Grund genug, fand Henne, um für die kurze Entfernung das Auto zu nehmen.

»Ich würde zu gerne wissen, wie viel Zeit Dr. Schemkeler diesmal braucht«, sagte Leonhardt, als Henne startete.

»Auf den lasse ich nichts kommen.« Schemkeler war der einzige obduzierende Arzt, den Henne leiden konnte.

Er parkte direkt vor der Tür der Rechtsmedizin im Halteverbot. Leonhardts beredte Blicke kümmerten ihn nicht. Stattdessen blickte er hoch zu der altdeutschen Inschrift über der Eingangstür, Überbleibsel aus der Gründungszeit anno 1900: »Institut für Gerichtliche Medizin«.

Im Innern des Gebäudes war es kühl. Fröstelnd schlug Henne den Kragen seiner Jacke hoch, und sie folgten der Ausschilderung zur Leichenaufbewahrungshalle.

Schemkeler erwartete sie bereits in dem nüchternen Raum, der von Edelstahl und Fliesen beherrscht wurde.

»Ich habe ihn wieder zusammengeflickt. Sie können ihn beruhigt betrachten.« Sein Ton war sachlich, weit entfernt von jeglicher Ironie.

Henne war dankbar, dass Schemkeler keine Anspielung auf die Übelkeit machte, die ihn gewöhnlich beim Anblick der nackten, starren Körper packte, denen noch die Spuren der Obduktion anzusehen waren. Das unterschied den Mediziner von seinen Kollegen, die keine Gelegenheit ausließen, dem unbequemen Oberkommissar eins auszuwischen.

Die spitze Nase des Toten auf dem Stahltisch stach aus seiner ungesunden Haut. Das war das Erste, was Henne auffiel. Dann der verzogene Mund. Heiligenbrand hatte recht, er wirkte tatsächlich gemein.

»Woran ist er gestorben?«, fragte Henne.

»Das zeige ich Ihnen gleich. Kommen Sie mit, wir müssen in die Toxikologie.« Schemkeler schloss den Leichensack und ging voran.

»Alle Achtung, Sie waren fleißig.«

Falls sich der Doktor über das Lob freute, sah man es ihm nicht an. Er zeigte kein Lächeln. »Meine Frau ist zur Kur. Zu Hause fällt mir die Decke auf den Kopf. Da bleibe ich lieber auch in den Nächten hier.«

Henne nickte. Auch ihn beherrschte die Arbeit. Deshalb hatte sich Erika von ihm scheiden lassen. Sie hatte es sattgehabt, nur an zweiter Stelle zu stehen. Mittlerweile war sie zwar zu ihm zurückgekommen, doch im Grunde hatte sich nichts geändert.

Das Büro der forensischen Toxikologie, in das Schemkeler Henne und Leonhardt führte, war erstaunlich übersichtlich. Ein Tisch mit Computer nebst Bildschirm und vergrauter Tastatur. An der Wand ein Telefon, daneben zwei Schränke und ein Gerät, das wer weiß wozu dienen mochte.

Schemkeler drückte einige Tasten. Der Drucker spuckte mehrere Blätter aus.

»Blutprobe«, entzifferte Henne. »Hypothermie, vermutlich Arrhythmie, analgesiert und sediert.«

»Starke Unterkühlung, unregelmäßiges Herzverhalten, gedämpfte Funktionen und dazu Entleerungsverzögerung«, übersetzte Schemkeler. »In Blut und Urin ist Amphetamin nachweisbar.«

»Sieh an, König hat geschnupft.«

»Im Interstitium, dem Zwischengewebe, und den Alveolen der Lunge habe ich Blut gefunden, ein klassisches Lungenödem. Dann habe ich die Pupillen untersucht. Ich zeige es Ihnen.«

Schemkeler startete die Videoaufzeichnung, die er bei der Obduktion gemacht hatte. Er spulte vor und stoppte, als Königs Augen groß im Bild waren. »Eine Mydriasis.«

Selbst Henne fiel auf, dass die Pupillen riesig waren. »Das bedeutet?«

»Tot durch Herzversagen, hervorgerufen durch ein Gift.«

»Fremdverschulden oder Selbstmord? Ein Unfall?«

»Das kann man nicht mit Gewissheit sagen. Zumindest hatte er jede Menge genetisches Material unter den Fingernägeln, das ich nicht zuordnen kann. Genaueres ergibt sich vielleicht nach der Untersuchung seiner Kleidung. Derzeit ist ungeklärt, ob er die Substanz freiwillig genommen hat oder ermordet wurde. Finden Sie es heraus, Herr Oberkommissar.«

»Moment noch, von welcher Substanz reden wir hier?«, fragte Leonhardt.

»Alles deutet auf Morphin. Sie finden es in jedem Analgetikum.«

»Eine Vergiftung mit Schmerztabletten?«

»Oder Tropfen, Kapseln, Zäpfchen, Pflaster. Eine Injektion schließe ich aus«, sagte Schemkeler.

»Was macht Sie so sicher?«

»Ich habe keine Einstiche entdeckt.«

Hennes Narbe meldete sich zurück. Er wollte weiß Gott nicht mit Schemkeler tauschen, doch er beneidete den Doktor darum, dass der eine eindeutige Aussage machen konnte. Für ihn selbst war der Fall alles andere als klar.

ZWEI

Wider Erwarten hatte das Wetter aufgeklart, als Henne und Leonhardt die Stufen des Rechtsmedizinischen Institutes hinab zum Straßenrand liefen.

»Wann gönnst du der Kiste endlich eine Innenreinigung?«, sagte Leonhardt, als sie in Hennes Wagen stiegen.

»Lohnt nicht, Dschingis ist eine Dreckschleuder.«

Erika war zwar nach ihrem spanischen Aussteigerurlaub wieder bei Henne eingezogen, doch Dschingis Khan, den Doggenrüden, den sie in Spanien aufgelesen hatte, musste Henne gewissermaßen als Familienzuwachs in Kauf nehmen. Seitdem machte sich der Hund nicht nur vor dem Kühlschrank und im Bett breit, sondern betrachtete auch den Rücksitz des Autos als ein eigens für ihn reserviertes Revier.

»Menschenskind! Die vielen Haare, und wie das stinkt.« Leonhardt rümpfte die Nase.

»Du kannst ja laufen, wenn du willst.«

Leonhardt blieb sitzen. »Die Obduktion rechtfertigt eine Sonderkommission«, sagte er.

Henne, der keine Anstalten machte loszufahren, nickte. »Ich werde Schuster informieren.«

»Gitta hat dem Alten längst gesteckt, was passiert ist. Hast du ihre lila Perücke heute gesehen? Verrückt, sage ich dir, die Frau ist verrückt.«

»Was, bitte, ist deiner Meinung nach passiert?«, fragte Henne.

»Mord an einem Förderer Leipzigs. Ich sehe die Schlagzeile schon vor mir.«

»Oder ein Typ hat zugekifft in einer gottverdammten Baugrube einen Herzkasper gekriegt.« Henne wünschte sich sehr, dass es wirklich ein Unfall gewesen war. Doch die Obduktionsergebnisse wiesen auf ein Gewaltverbrechen hin. Kein normaler Mensch stolperte mitten in der Nacht ausgerechnet über eine Baustelle.

»Nenn es, wie du willst. Ich kann es kaum erwarten, bis wir Königs Umfeld aufmischen.«

Henne seufzte leise.

Er hatte sich damit abgefunden, dass Leonhardt jedem neuen Fall entgegenfieberte. Er gönnte ihm den Tatendrang, das Vorrecht der Jugend. Nur manchmal dachte er, der Junge könnte allmählich ruhiger werden. Im letzten Jahr hatte er Leonhardt zu seinem dreißigsten Geburtstag einen Ratgeber geschenkt: »Der Weg zur inneren Ruhe«. Er war sich sicher, dass Leonhardt keine einzige Seite gelesen hatte. »Ich frage mich, was König auf der Baustelle wollte«, sagte er nur.

»Vielleicht war er Frühaufsteher.«

»Seine Frau sollte es wissen. Laut Auskunft des Einwohnermeldeamtes hat König mit Frau und Schwester zusammengelebt. Ich habe die Adresse.«

»Worauf warten wir noch?«

Gleich darauf wurde Leonhardt beim Start in den Sitz gedrückt. Dann war er nur noch damit beschäftigt, die Fahrt unbeschadet zu überstehen. Hennes Fahrstil war legendär.

Sie brauchten eine knappe halbe Stunde, dann erreichten sie den südlichen Stadtrand. Dort bewohnte das Ehepaar König eine Neubauvilla, die dem Südstaatenstil nachempfunden war. Zwei weiße Säulen reckten sich rechts und links bis ins Obergeschoss empor und umrahmten einen Eingangsbereich, der so groß wie Hennes gesamte Zwei-Raum-Wohnung war.

Eine Frau öffnete, kaum dass er geschellt hatte. Henne starrte sie an. Er ahnte, dass er nur Alexa König vor sich haben konnte, die Frau des Toten. Manfred Heiligenbrand hatte untertrieben, als er sie mit einer Filmschauspielerin verglichen hatte. Sie war eine Göttin mit makelloser Haut und so feinem hellen Haar, dass es mit dem lichtdurchfluteten Hauseingang zu verschmelzen schien. Am meisten jedoch fielen ihre Augen auf, blaue Seen von unergründlicher Tiefe. Henne war schwer beeindruckt. »Kriminalpolizei«, stellte er sich und Leonhardt vor.

Alexas Gesichtszüge waren abweisend. »Ich wüsste nicht, womit ich Ihnen dienen kann.«

»Wir kommen wegen Ihres Gatten. Dürfen wir eintreten?«

Alexa König führte sie in ein Zimmer, das jedem Musterhaus alle Ehre gemacht hätte. Die wenigen, gekonnt in Szene gesetzten hellen Möbel passten vortrefflich zu den luftigen maisgelben Vorhängen und der ebenso getönten Seidentapete. Klare Linien, viel Licht, wenig Schnickschnack. Persönliche Sachen fehlten ganz. Der Raum war schön, wirkte aber unbewohnt.

»Es tut mir leid, ich habe eine schlimme Nachricht. Ihr Mann wurde tot aufgefunden.«

Alexa runzelte ihre weiße Stirn. »Sie müssen sich irren.«

»Wieso?«

»Es ist absurd. Dankwart käme niemals auf die Idee zu sterben.«

Leonhardt und Henne wechselten einen schnellen Blick. Ganz klar, die Lady hatte einen Schock. »Wir alle müssen irgendwann sterben«, sagte Henne sanft.

»Wollen Sie Platz nehmen?« Alexa wedelte mit ihrer vollendet manikürten Hand in Richtung des breiten Ledersofas.

Sie setzten sich, während sich Alexa auf einem Hocker niederließ.

»Frau König«, sagte Leonhardt, »es stimmt leider. Ihr Mann ist tot. Er wurde heute Morgen gegen vier auf der Baustelle am Connewitzer Kreuz gefunden.«

»Was wollte er dort?« Alexa beugte sich nach vorn.

»Ich dachte, Sie können uns darauf antworten.«

»Seine Arbeit war tabu, wir haben nie darüber gesprochen.«

»Erzählen Sie uns doch bitte, wie der gestrige Abend verlaufen ist. Gab es Anrufe, Verabredungen, irgendetwas, das darauf hindeutet, was er auf der Baustelle vorgehabt haben könnte?«

Alexas Blick wanderte zu den bodentiefen Fenstern und verlor sich zwischen den im Garten stehenden Büschen. »Ich war allein zu Hause. Dankwart hat in der Stadt geschlafen.«

»Wo genau?«

»Er hat eine Wohnung in der Ritterstraße. Ich nehme an, er war dort.«

»Kam das oft vor?«

»Drei- oder viermal die Woche.« Sie presste die Lippen aufeinander.

Da wurde plötzlich die Tür aufgerissen. Henne fuhr zusammen, er hatte nicht damit gerechnet, dass Alexa Besuch haben könnte. Die Frau in der Tür war blass. Das dunkle Kleid, das wie ein Sack an ihrem Körper hing, verstärkte den Eindruck noch.

»Da bist du ja. Oh, du bist nicht allein?«

Die Frau kam herein und musterte Henne und Leonhardt ungeniert, ehe sie sich wie selbstverständlich zu ihnen setzte. Neben Alexa sah sie alt und grau aus, aber früher mochte sie durchaus attraktiv gewesen sein. Henne bemerkte den hellen Glanz ihrer Augen, der jedoch verschwand, als die Frau die Brille aufsetzte, die an einer feinen Kette um ihren Hals hing.

»Das ist meine Schwägerin Fleur, Dankwarts Schwester.« Alexa stand auf. »Ich brauche einen Kaffee. Sie auch?«

Henne und Leonhardt bejahten, und Alexa ging in die Küche.

Henne spürte Fleurs Blick auf sich ruhen. Gelassen erwiderte er ihn. Sie wirkte wie eine verwelkte Blume, er hätte sie auf Mitte fünfzig geschätzt, doch er wusste aus der Einwohnermeldedatei, dass sie jünger war, sechsundvierzig. Sein Alter.

Sie reckte ihre spitze Nase kampfeslustig nach vorn und verzog den Mund. Jetzt war die Ähnlichkeit mit ihrem Bruder unübersehbar.

»Wer sind Sie denn?«, fragte sie.

Henne stellte sich und Leonhardt vor.

»Kriminalpolizei also. Was wollen Sie von Alexa? Hat sie etwas ausgefressen?«

Henne fand, sie sah auf einmal wie ein Frettchen aus. »Herr König, Alexas Mann, Ihr Bruder, er ist tot. Mein Mitgefühl.«

Fleur schlug die Hände vor den Mund. »Dazu hat sie ihn getrieben, dieses Luder.«

»Alexa?«

»Ach die!« Mit einer wegwerfenden Handbewegung Richtung Küche unterstrich Fleur, wen sie meinte. »Die ist zwar schön, aber doof. Deswegen hat er sie ja für dieses Luder verlassen wollen.«

»Sagen Sie bloß. Wer ist denn das Luder?«

»Die Jakob. Das ist ein knallhartes Weibsstück, sage ich Ihnen.«

Fleur schien eine Menge interessanter Dinge zu wissen. »Klären Sie uns doch mal auf.« Henne lächelte sie an.

»Ach, Sie wissen wohl noch nichts von seiner Hure?« Fleur verzog den Mund, als hätte sie in eine Zitrone gebissen. »Mein Bruder hatte eine Geliebte. Miriam Jakob. Eine schreckliche Frau. Architektin. Sie hat ihn so lange bezirzt, bis er schwach geworden ist. Im Grunde war er ein liebevoller, häuslicher Mensch. Bis diese Person ihn sich gekrallt hat.«

»Das hat er Ihnen erzählt?«

»Ich wohne hier, da bekommt man einiges mit.«

»Ihre Schwägerin, Alexa, wusste die auch von der Liaison?«

»Selbst dazu ist sie zu doof.«

Nicht unbedingt eine nette Äußerung, fand Henne. Laut sagte er: »Ein sonderbares Paar, Ihr Bruder und seine Frau.«

»Alexa war Model, als er sie kennengelernt hat. Sie hat ihm gefallen, und ihr hat sein Geld behagt. Durch ihn hat sie ausgesorgt.«

»Wovon leben Sie eigentlich?«

»Unsere Eltern haben genug hinterlassen. Dankwart hat investiert, ich habe gespart.«

»Sie sind alleinstehend«, sagte Henne. Es war eine Feststellung.

»Zum Glück. Ein Mann kommt mir nicht ins Haus.« Fleur rümpfte die Nase. Ihre krampfhaft ineinander verschlungenen Hände zitterten.

In diesem Moment kam Alexa mit einem Tablett zurück, auf dem drei Tassen und eine Kanne standen.

»Nur drei Tassen?«, fragte Fleur.

Alexa antwortete nicht, sondern goss den Kaffee ein. Fleur wollte nach einer Tasse greifen, doch Alexa war schneller und reichte sie an Leonhardt weiter.

Fleur zuckte mit der Schulter. »Dann eben nicht.« Sie hielt sich gerade, als sie das Zimmer verließ, als hätte sie einen Stock verschluckt.

»Ihre Schwägerin ist ein harter Brocken.« Henne lächelte Alexa aufmunternd zu.

Sie reagierte nicht. Wie eine Puppe reichte sie auch ihm eine Tasse.

Henne, der gewöhnlich nie einen Kaffee verschmähte, konnte ihn nicht recht genießen. Er war kräftig, wie er ihn liebte, doch Alexas starre Miene machte jeden Schluck schal. Die Frau war ihm ein Rätsel. »Wussten Sie von der Geliebten Ihres Mannes?«, fragte er geradeheraus.

Leonhardt neben ihm seufzte. Wahrscheinlich missbilligte er Hennes direktes Vorgehen.

Alexa war bei Hennes Frage zusammengezuckt. Der Kaffee schwappte aus der Tasse auf ihre Hand, er war heiß und musste sie verbrüht haben, doch sie wischte ihn nicht ab. Langsam schüttelte sie den Kopf. »Nein … nein.«

»Eine weitere Frage noch«, sagte Leonhardt. »War Ihr Mann Frühaufsteher?«

»Wie meinen Sie das?« Alexa starrte Leonhardt an.

»Bis wann hat er morgens geschlafen? Ist er beizeiten aus dem Bett gesprungen?«

Alexa überlegte eine Weile. Henne fragte sich schon, was an der Frage so schwierig sei, da antwortete sie endlich: »Er brauchte wenig Schlaf. Wenn er hier übernachtet hat, ist er zeitig aufgestanden.«

»Wie zeitig genau?«, fragte Henne.

Wieder dachte Alexa nach. »Um drei, vier vielleicht?« Sie klang unsicher.

Seufzend ließ es Henne dabei bewenden.

Während Henne den Gang der Polizeidirektion entlang zur Treppe eilte, entfaltete er den Zettel, auf den Leonhardt Miriams Adresse geschrieben hatte. Er entzifferte die Adresse und pfiff durch die Zähne. Miriam Jakob wohnte in der Kohlenstraße, nur wenige Straßenzüge von seiner eigenen Wohnung entfernt.

Anders als Alexa bat Miriam Henne nicht in ein unpersönliches Zimmer, sondern in die Küche. Als er ihr folgte, kam er nicht umhin, ihren Hintern zu betrachten. Was er sah, gefiel ihm.

Königs Geliebte war nicht schön, eigentlich passte nichts in ihrem Gesicht zueinander. Nase und Mund waren zu groß, die Augen standen zu weit auseinander, dennoch war sie eine auffallende Erscheinung. Ihr kurzes braunes Haar ließ sie sehr jung aussehen. Sie trug eine ausgewaschene Jeans und eine zerknitterte Bluse, die weit mehr als nur den Ansatz ihrer Brüste freigab. Bei jeder anderen hätte es billig ausgesehen, bei ihr wirkte es schick. Fand zumindest Henne.

»Ich habe schon auf Sie gewartet.« Ihre Stimme schwankte.

»Schlechte Nachrichten haben Flügel«, sagte Henne.

Miriam gab ein leises, tiefes Lachen von sich. »In meinem Fall war es Dankwarts Gattin.«

Schau an. »Sie kennen sich?«

»Das wäre zu viel gesagt. Dankwart hat uns einander nicht vorgestellt. Ich habe sie einmal gesehen, zufällig.«

»Woher hat sie Ihre Telefonnummer?«

Miriam hob die Schultern. »Das weiß ich nicht. Vielleicht hat sie in seinen Sachen herumgeschnüffelt. Das miese kleine Biest ist zu allem fähig. Ich hasse sie, das dürfte Sie kaum überraschen.« Sie zündete sich eine Zigarette an und inhalierte tief.

»Ich bin nur selten überrascht.«

»Eifersucht ist bestimmt eine Sache, die Sie täglich erleben.«

»Nur hin und wieder. Es gibt genügend andere Mordmotive.«

Wieder lachte Miriam leise. »Verdächtigen Sie mich, Dankwart umgebracht zu haben?«

Sie schaute ihn an, ihre Blicke trafen sich. Kurz nur, und doch genügte dieser winzige Moment. Bei Henne machte es wumm. Etwas lag in diesem Blick, vielleicht … Wenn Erika nicht wäre … »Hätten Sie einen Grund gehabt, ihn umzubringen?«

»Ob Sie es glauben oder nicht, ich habe ihn geliebt.«

»Das beantwortet nicht meine Frage.«

»Also gut. Ich hätte ihn tatsächlich umbringen können, aber ich habe es nicht getan.« Mit einer heftigen Handbewegung drückte Miriam die Zigarette im Ascher aus. »Er hat mich verlassen.«

»Hm.«

»Er wollte aussteigen. Angeblich irgendwohin in die Sonne. Eine Ausrede, ich war mir sicher, er wollte zu seiner Frau zurück, dieser dummen, kleinen Gans. Fragen Sie nicht, weshalb. Er hat es nicht begründet, und ich habe nicht gefragt. Ich war nicht scharf auf seine Lügen. Es ist vorbei, fertig und Ende.« Sie seufzte. »Nur mein Herz, das tut noch weh.«

Miriam wippte auf den Zehenspitzen. Sie wirkte nicht wie jemand, den der geringste Windhauch umpusten könnte. Ein zähes Mädchen.

Du kommst darüber hinweg, und ich könnte dir dabei helfen, dachte er. Beinah hätte er es sogar gesagt, im letzten Moment bremste er sich. Miriam Jakob war eine Tatverdächtige, und mit denen stieg man nicht in die Kiste. Oder zumindest erst, wenn man mindestens einmal mit ihnen ausgegangen war. So weit waren sie noch lange nicht. Nachdenklich massierte er seine Narbe.

Die schöne Alexa hatte gesagt, sie wüsste nichts von Miriam. Miriam gab an, sie hätte sie angerufen. Eine der Frauen log, aber welche?

»In seinem Blut wurden Drogen gefunden«, sagte er.

»Wir sind alle keine Heiligen. Er fühlte sich stark, wenn er was genommen hatte. Das kennen Sie doch sicher.«

»Da muss ich passen.«

»Beim Sex zum Beispiel. Die Drogen haben ihn scharf gemacht. Wenn Sie es genau wissen wollen, mich auch.« Sie fixierte Henne. »Es gibt Spiele, die pusten Ihnen jeden Gedanken aus dem Hirn. Einfach nur treiben lassen, genial.«

Hennes Ständer schrumpelte wie eine Pflaume in der Sonne. Miriam kam ihm nur noch fad und abgeschmackt vor. Dennoch, da war dieser kurze Augenblick gewesen.

Teufel.

Mitten in der Nacht erwachte Henne. Eine Weile lag er einfach nur da und starrte an die Decke. Der Tag lief wie ein Film vor ihm ab. Der Tote, Namen, Gesichter. Keine der drei Frauen hatte ehrliche Trauer gezeigt. Keine Tränen, weder bei Alexa oder Miriam noch bei der vertrockneten Fleur. Normal war das nicht.

Er rappelte sich auf und tappte ins Badezimmer. Das Spiegelbild zeigte sein abgespanntes, müdes Gesicht. Die Narbe stach rot aus der Haut hervor. Henne kramte im Schrank und holte eine Tube heraus. Kienmanns Wundermittel.

Er strich eine dicke Wurst auf die Narbe und wartete, dass ein Wunder geschehen möge. Vergebens. Sein Bart juckte, er müsste sich rasieren, morgen.

Henne trank ein Glas Wasser und schlurfte zurück ins Schlafzimmer. Neben dem Bett blieb er stehen.

Erikas Wuschelkopf ragte zwischen den Kissen hervor. Wie immer hatte sie sich wie in einer Höhle vergraben. Miriams Satz fiel Henne ein: Es gibt Spiele, die pusten jeden Gedanken aus dem Hirn. Er erwog, Erika zu wecken, doch dann unterließ er es und kroch unter die Decke.

Da spürte er eine Hand auf seinem Arm, sie rutschte tiefer, verharrte kurz auf der Wölbung seines Bauches und wanderte weiter nach unten.

»Komm her«, murmelte Erika schlaftrunken, und Henne vergaß Miriam samt ihrer Sprüche.

Auf dem Platz von Frau Blume, der Sekretärin des Polizeidirektors Schuster, saß ein Henne unbekannter junger Mann.

»Nanu?« Henne runzelte die Stirn.

»Frau Blume hat Urlaub, ich bin die Aushilfe. Sie können Gregor zu mir sagen.« Gregor tippte auf das Namensschild auf seinem Tisch.

In diesem Moment riss Schuster die Tür auf. Schuster leitete die Polizeidirektion fast ebenso lange, wie Henne bei ihm Dienst tat. Die Männer mochten sich, auch wenn Henne es nie zugegeben hätte. Schuster war stolz auf seinen besten Ermittler, obwohl er dessen oft gesetzeswidrige Methoden ablehnte. Henne hütete sich daher, ihn zu sehr in seine Ermittlungen einzuweihen. Er lieferte ihm die Erfolge, verschwieg jedoch, wenn er wieder einmal die Vorschriften umgangen hatte. Meistens klappte das gut. Nur manchmal, wenn es unumgänglich war, musste ihn Schuster aus der Scheiße holen. Bis jetzt hatte er es stets getan, doch Henne wusste, er durfte den Bogen nicht überspannen.

»Kommen Sie schon, Heine. Ich habe wenig Zeit.«

Henne folgte ihm ins Büro. »Habe ich eben richtig gesehen, ein Mann im Vorzimmer?«

»Staatlich geprüfter Kaufmann für Bürokommunikation, so nennt man das heutzutage. Er macht sich gut. Warum auch nicht, er hat die Lehre mit Auszeichnung abgeschlossen, Bester seines Jahrgangs. Aber ich will wegen Ihres Falles mit Ihnen sprechen.«

»Der Bau-König.«

Schuster nickte. »Leipzig hat König viel zu verdanken. Das Interesse an seinem rätselhaften Tod ist groß. Die Anfragen häufen sich, Presse, Rechtsaufsicht, Stadtverwaltung. Der Herr Oberbürgermeister hat Angst vor einem Baustopp auf Königs Baustellen. Keine schöne Werbung für eine Stadt, die sich bürger- und besucherfreundlich gibt.«

»Vielleicht kann uns der Herr Oberbürgermeister einige seiner Beamten zur Verfügung stellen.« Henne konnte sich eine ironische Bemerkung nicht verkneifen. Immer und überall wurde gespart, Stellenstreichungen waren an der Tagesordnung.

»Ich habe eine Sonderkommission ins Leben gerufen«, sagte Schuster. »Zehn Mann stehen zu Ihrer Verfügung.«

Henne verschränkte die Arme. Er ermittelte lieber allein, doch die SoKo war eine Entlastung für ihn und Leonhardt. Die mühselige Kleinarbeit verteilte sich auf viele Schultern. Das gab ihm die Chance, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

»Ist Diener dabei?«, fragte er.

Henne hatte Frank Diener bei einem länger zurückliegenden Mordfall kennengelernt und dafür gesorgt, dass der pfiffige Polizeianwärter nach Abschluss seiner Ausbildung in die Direktion wechseln konnte. Seitdem hatten sie hin und wieder zusammengearbeitet. Henne hatte sich kein einziges Mal über Frank beklagt. Dieses Privileg konnten nur wenige für sich verbuchen.

»Bis jetzt nicht, aber wenn Sie es unbedingt wollen …« Schuster zückte seinen Federhalter.

»Klar doch.«

»Ich veranlasse das. Sie hingegen sehen zu, dass der Mord schnellstens aufgeklärt wird. Diesmal eilt es wirklich.«

»Bis jetzt steht noch gar nicht fest, dass es ein Mord war. König kann sich auch selbst ins Jenseits befördert haben.«

»Unsinn, der Mann hatte vor, das alte Astoria instand zu setzen. Wer solche Pläne hat, bringt sich nicht um.«

Das Astoria war ein imposantes Gebäude aus der Zeit des Jugendstils. Unmittelbare Bahnhofsnähe, beste Citylage. Bis 1997 ein Luxushotel, stand es seitdem leer und verfiel langsam. Die Leipziger konnten sich glücklich schätzen, dass sich endlich jemand gefunden hatte, der dem Gebäude neues Leben einhauchen wollte.

»Ich tue mein Bestes«, sagte Henne.

»Aber bitte legal, denken Sie daran.«

Als Henne an Gregor vorbeiging, stellte er fest, dass der Junge tatsächlich eine Menge draufhatte. Seine Finger flogen über die Tastatur, wie es Frau Blumes Finger noch nie getan hatten. Dabei musste Gregor nicht einmal hinsehen.

Er grinste Henne an. »War es schlimm?«

Henne grinste zurück und machte, dass er hinauskam. Das fehlte noch, dass er sich mit einem Neuling über den Chef ausließ.

Leonhardt stellte wortlos Hennes Kaffeetasse auf den Tisch.

»Weißt du schon, dass wir eine männliche Tippse haben?«, fragte Henne.

»Gregor ist echt nett.«

»Nett ist die kleine Schwester von Scheiße.«

»Der Junge wollte zur Bundeswehr, Spezialeinheit KSK. Die Aufnahmeprüfungen hatte er schon bestanden, dann hatte er einen Unfall. Ein betrunkener Autofahrer hat ihn erwischt. Gregor hat überlebt, aber sein rechtes Bein war futsch. Man musste es abnehmen. Die Karriere als Bundeswehrrambo war im Eimer.«

Natürlich konnte das Kommando Spezialkräfte einem Einbeinigen kein combat ready erteilen. »Mensch, was für ein Elend«, sagte Henne.

»Falls Gregor hadert, dann nur im Stillen. Ich bewundere ihn.«

Henne leerte die Tasse. »Jetzt bewundern wir erst einmal Königs Wohnung. Hast du den Schlüssel?«

Leonhardt schüttete den Inhalt einer braunen Tüte auf den Tisch. Brieftasche, Telefon, ein Streifen Kaugummi, ein Schlüsselbund. Er pickte sich die Schlüssel heraus.

»Wenn wir Glück haben, ist der Richtige dabei.«

Sie hatten Glück. Schon beim dritten Versuch drehte sich der Schlüssel im Schloss, und sie konnten das Haus in der Ritterstraße betreten.

Im Erdgeschoss dominierten die Hintereingänge der im Haus liegenden Geschäfte. Etage eins bis drei nahmen Büroräume ein. An den Türen standen dubiose Namen, die keinen Hinweis auf den Zweck der ansässigen Firmen gaben. Nur die Anwaltskanzlei im dritten Stock rechts, die war Henne geläufig. Ihr Inhaber hatte sich auf eine Klientel spezialisiert, die ihr Geld mit Glücksspiel und Prostitution verdiente. Seine spektakulären Auftritte im Gerichtssaal füllten immer wieder die Tageszeitungen.

»Hier ist es«, sagte Leonhardt, als sie das Dachgeschoss erreicht hatten.

Henne schnaufte wie eine Dampfmaschine. Zweihundert Pfund waren eine schwere Last, außerdem war er nicht mehr der Jüngste. Einmal mehr nahm er sich vor, regelmäßig Sport zu treiben.

Leonhardt hingegen sah er die Anstrengung kaum an. Er wirkte durchtrainiert und fit wie Jesse Owens in seinen besten Zeiten. Kein Wunder, als amtierender Sprintmeister der Leipziger Polizei.

Leonhardt schloss die Tür auf, und sie traten ein. Die Wohnung bestand aus zwei Räumen, einer Kochnische und einem Bad, das jedem Wellness-Tempel Ehre gemacht hätte.

»Man sieht, er hat die Bude genutzt.« Henne zeigte auf die auf der Couch herumliegenden Kleidungsstücke.

»Er hätte mal aufräumen sollen.«

»Schau dich gründlich um, ich nehme mir das zweite Zimmer vor.«