Umschlag

Sylke Tannhäuser, Jahrgang 1964, wurde in Leipzig geboren, wuchs in Zittau auf und kehrte nach dem Abitur nach Leipzig zurück. Sie hat Betriebswirtschaft und in einem zweiten Studium Verwaltungswirtschaft studiert. Vorwiegend schreibt sie Kriminalromane, aber auch Kurzgeschichten, die in verschiedenen Anthologien und Literaturzeitschriften erschienen sind. Mehrfach mit Preisen ausgezeichnet, hat Sylke Tannhäuser mit ihren Kurzkrimis an den jährlich stattfindenden Ostdeutschen Krimitagen teilgenommen. Im Emons Verlag erschienen »Leipzig im Sumpf«, »Leipziger Affären« und der historische Roman »Die Osterländische Gräfin«.

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig.

© 2012 Hermann-Josef Emons Verlag
Alle Rechte vorbehalten
Umschlagmotiv: mauritius images/go-images
Umschlaggestaltung: Tobias Doetsch
eBook-Erstellung: CPI – Clausen & Bosse, Leck
ISBN 978-3-86358-114-5
Thüringen Krimi
Originalausgabe

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EINS

Es war dunkel, doch es störte ihn nicht. Die Nacht war immer schon seine Freundin gewesen. Lautlos pirschte er sich durch das Unterholz wie ein Tier auf der Jagd, wich tief hängenden Ästen und Zweigen aus, umging Büsche und Gestrüpp, bis er sein Ziel erreichte. Er witterte und äugte dorthin, wo sich das Dunkel lichtete. Dann entdeckte er sie.

Er hatte sie jünger in Erinnerung, wie ein Kind war sie damals gewesen, noch keine achtzehn, mit der Figur eines Knaben. Jetzt wirkte sie älter, reifer. Falten hatten sich um ihren Mund in die Haut gegraben. Es gefiel ihm nicht, und er schluckte. Für einen Moment überlegte er, ob er sich vielleicht getäuscht haben könnte. Er wollte keinen Fehler machen.

Die Wolkendecke riss auf, Mondlicht fiel auf ihr Gesicht, und er atmete auf. Keine Frage, sie war es. Er hätte sie überall erkannt. Ihr weißblondes Haar schimmerte wie ein Heiligenschein. Sie stand an der Bank, direkt am Waldesrand. Sie erwartete ihn, den Blick in das Tal gerichtet. Alles lief wie geplant.

Er tastete nach dem Werkzeug in seiner Hosentasche, doch noch ließ er es, wo es war.

Jetzt drehte sich die Kleine um und setzte sich.

Langsam schlich er näher. Er wollte sich nicht durch das Knacken im Gehölz verraten. Sie durfte ihn nicht hören, er wollte sie überraschen.

Als ihn nur noch ein Baum von der Bank trennte, richtete er sich vorsichtig auf. Die Lichter in den Häusern im Tal schienen ihm zuzuzwinkern wie kleine, ferne Sterne.

Da fuhr die Kleine herum. »Meine Güte, haben Sie mich erschreckt.« Sie musste ihn gespürt haben, obwohl er keinen Laut von sich gegeben hatte. Hastig fingerte sie eine Zigarettenschachtel aus ihrer Tasche.

Er verließ seine Deckung. »Rauchen ist ungesund.«

»Schon gut.« Sie steckte die Schachtel zurück. »Was für ein ausgefallener Ort für ein Shooting. Wo ist Ihr Team?«

»Wer?«

»Maskenbildner, Fotograf, was weiß ich.«

Er starrte sie an. Er hatte vergessen, mit welchen Versprechungen er sie hierhergelockt hatte. Es spielte ohnehin keine Rolle.

»Was ist nun?«, fragte sie.

Er machte einen Schritt auf sie zu, sie wich ihm aus. Ihr Blick huschte zu den Bäumen hinter ihm. Irgendetwas musste er falsch gemacht haben, etwas, das sie verunsicherte.

Die Kleine zog sich weiter zurück. »Was wollen Sie?«

Eine billige Frage. Er unterdrückte ein Kichern. Was er wollte? Sie natürlich, sie war die Beute. Seine Erregung wuchs, und er wischte sich die feuchten Hände an der Hose ab, dann schob er sich ein Lakritzbonbon in den Mund. Seine Zähne mahlten, er schluckte den bittersüßen Speichel hinunter. Kaute, schluckte und schaute.

Die Kleine trat unschlüssig von einem Bein aufs andere. »Lassen Sie uns anfangen. Ich hab keine Lust, ewig hier herumzustehen.«

Ihre Worte spornten ihn an. Sie hatte es also eilig. Der Zwang zu kichern wurde übermächtig, er konnte ihn nicht länger zurückhalten. Trotz der Dunkelheit sah er, wie sich der Ausdruck ihrer Augen veränderte. Fragend erst, dann verwundert, und schließlich voller Angst. Jetzt hatte er sie dort, wo er sie haben wollte. Das war der schönste Moment: diese Furcht, die in die Glieder seines Opfers fuhr und es zu einer Salzsäule erstarren ließ. Es war die Rache für alles, was ihm widerfahren war.

Fast hätte er den Augenblick verpasst. Die Kleine stieß ihn beiseite, sie wollte fliehen, doch er war schneller. Er packte sie und drehte ihr den Arm auf den Rücken. Sie wehrte sich und trat nach ihm. Er drehte den Arm ein Stück höher, bis sie wimmernd in die Knie ging. Ein kurzes Gerangel, dann war alles erledigt.

Konzentriert verrichtete er seine Arbeit. Er kannte die Handgriffe, er hatte sie schon einige Male vorgenommen. Trotzdem kam er außer Atem. Das war ihm bislang noch nie passiert. Er ärgerte sich darüber, aber nur kurz. Hauptsache, er hatte die Angelegenheit zu Ende gebracht. Ein für alle Mal, das war ihm wichtig.

Bevor er den Platz verließ, vergewisserte er sich, dass alles war, wie es sein musste. Kein sichtbarer Hinweis, keine Spuren. Das war das oberste Gebot, und er hatte auch dieses letzte Mal nicht vor, davon abzuweichen. Zufrieden bückte er sich unter den tief hängenden Zweigen hindurch, dann verschwand er in der Dunkelheit.

»Sie haben Glück, es hat aufgeklart. Aber auch ohne die Sonn ist Urlaub besser als daheim«, sagte Frau Ritter, die Wirtin der Pension. Wie jede echte Thüringerin sparte sie sich das »e« an den Wortenden und dehnte beim Reden die Silben.

Es war Sonntag. Das Thüringer Land, das abseits der Städte schon unter der Woche voller Geruhsamkeit war, lag still und friedlich im hellen Sonnenlicht. Kein Straßenlärm, keine Bauarbeiten störten die Ruhe. Nur die Glocken der Dorfkirchen waren je nach Entfernung laut oder leise zu hören.

Carla Schreiber und Ralph Bartwick waren am späten Nachmittag des Vortages in der Pension mit dem hoffnungsvollen Namen Waldidyll angekommen. Frühstück ab neun, hatte Frau Ritter beim Einchecken erklärt, doch Carla und Ralph waren die einzigen Gäste, und Carla hatte sie überreden können, für sie eine Ausnahme zu machen.

Frau Ritter entsprach in jeder Hinsicht dem Bild einer umtriebigen Herbergsmutter. Zweckmäßig in eine blümchengemusterte Schürze gekleidet, die Haare am Hinterkopf zu einem Zopf zusammengezwirbelt, die Augen wachsam, als wartete sie nur darauf, einen Mangel zu entdecken, den es zu beheben galt. Sie hielt eine Papierserviette unter die Tülle der Kaffeekanne, als sie die Tassen füllte. Der Duft nach frisch gebrühtem Kaffee breitete sich aus. Dann stellte sie die Kanne auf einen hölzernen Untersetzer, der wie alles in dem Raum mit dem übrigen Interieur harmonierte.

Die Holzpaneele passten zu den rustikalen Stühlen mit den gedrechselten Beinen. Aus Holz waren auch die Rahmen der Kunstdrucke an den Wänden. Carla erkannte Liotards

 »Schokoladenmädchen«, ein Bild, das früher in jedem Café oder Hotel gehangen hatte.

Ralph saß Carla gegenüber. Seine halblangen Haare waren zerzaust, die Augen hinter seiner Brille blickten müde. Er hatte gleich am ersten Abend die Gegend erkunden wollen. Als Carla gegen Mitternacht auf den Wecker geschaut hatte, war er noch nicht zurück gewesen.

Sie griff nach dem Vollkornbrot, das auf einem hellen handgeschnitzten Brettchen lag. »Es kann schließlich nicht immer regnen.«

»Haben Sie schon Pläne? Wo soll es heute hingehen?« Frau Ritter zupfte den geblümten Vorhang zurecht.

Ralph tippte auf den Reiseführer. »Zur Barbarossahöhle.«

Carla verzog das Gesicht. »Wir wollten doch wandern«, erinnerte sie ihn.

»Im Wald ist es viel zu nass.«

»Ach was, wir haben wetterfeste Kleidung.«

»Warum schauen Sie nicht am Vormittag zu Barbarossa und danach in den Wald? Dann dürfte ein Gutteil getrocknet sein. Der Wetterdienst hat über zwanzig Grad vorhergesagt.« Frau Ritter stellte ein Glas roter Marmelade auf den Tisch.

Carla nickte ergeben. Sie wollte nicht streiten. Sollte Ralph seinen alten König haben. Dann würden sie eben später wandern.

Während sie ihr Brot in Windeseile herunterwürgte – ohne Butter, in ihrem Abnehmprogramm gab es dafür keinen Spielraum –, ließ Ralph sich Zeit und sparte nicht mit der ausgezeichneten Erdbeermarmelade. Hausgemacht, wie die Wirtin versichert hatte.

»Beeil dich«, sagte Carla.

»Immer mit der Ruhe. Die Schauhöhle öffnet erst um zehn.«

»Bis Rottleben sind es knapp dreißig Kilometer. So langsam, wie wir mit den Fahrrädern sind, brauchen wir dafür drei Stunden.«

»Meine Güte, wir haben Urlaub.«

Carla seufzte leise. Insgeheim bedauerte sie es bereits, dass sie sich von Ralph zu diesem Urlaub hatte überreden lassen. Einfach mal raus, hatte er gesagt und gleich darauf vom Thüringer Wald geschwärmt. Eine Woche ohne Ärzte, es hatte verlockend geklungen. Ralph, der wie sie Patient des Vogtland-Klinikums war, hatte die Planung übernommen, und schon war das Zimmer im Waldidyll gebucht.

Sie kannten sich erst einige Wochen, dennoch war Carla sich sicher, in Ralph den Mann fürs Leben gefunden zu haben. Er war nett, gebildet und unterhaltsam. Und er sah gut aus. Er war schlank, ohne hager zu wirken, dabei muskulös und überragte sie um einen Kopf. Wenn er lachte, blitzten die Augen hinter seiner Brille. Dann wirkte er wie ein kleiner Junge, unbeschwert und verschmitzt. Sie liebte ihn und hoffte, der Urlaub würde nichts daran ändern. Und doch, seine stoische Ruhe machte sie nervös.

»Eine Radtour ist eine gute Gelegenheit, die eingerosteten Glieder in Bewegung zu bringen«, sagte sie.

»Ich will mich erholen.« Ralph beugte sich zu ihr und küsste sie auf die Nasenspitze.

»Klar, aber aktiv. Das sind wir uns schuldig.«

Ein amüsiertes Lächeln kauerte in seinen Mundwinkeln. Lachte Ralph sie etwa aus? Carla war im letzten Jahr fünfunddreißig geworden. Trotzdem fühlte sie sich zu jung für schlaffe Muskeln, Orangenhaut und einen Hintern, der sich der Erdanziehungskraft beugte. Wenn sie nur erst die Kilos wieder herunter hätte, die sich während des Klinikaufenthaltes auf ihren Hüften angesammelt hatten. Wollte sie Ralph glauben, bildete sie sich die Speckröllchen nur ein. Doch sie glaubte ihm nicht, auch wenn er noch so oft das Gegenteil beteuerte.

Ralph stand auf, und sie folgte ihm die mit Teppichboden bespannte Treppe hoch in den oberen Stock. Ihr Zimmer war hell, freundlich und überraschend groß. Ein Doppelbett dominierte die eine Seite, über dem Kopfende »Der arme Poet«. Das Spitzweg-Bild gehörte wie »Das Schokoladenmädchen« zum vertrauten Inventar. Dem Bett gegenüber standen ein Tisch und zwei Stühle, daneben ein dreitüriger Kleiderschrank. Sogar ein Sofa fand noch Platz, direkt neben der Tür, die in das kleine, sicher nachträglich eingebaute Badezimmer führte.

Auf dem Sofa türmten sich ihre Koffer und Taschen. Carla hatte noch keine Lust gehabt, sie auszupacken. Nur das Notwendigste hing bereits im Schrank. Jeans, zwei Blusen und einige T-Shirts.

Ralphs Sachen hingegen waren säuberlich gefaltet in den Fächern des Schrankes gestapelt. Er hatte darauf bestanden, sie selbst einzuräumen. Insgeheim hatte Carla sich gefreut, dass Ralph so sorgsam auf seine Sachen achtete. Ihr letzter Freund war das ganze Gegenteil gewesen, ein klassischer Macho. Er hatte seine Klamotten immer wahllos hingeschmissen, sodass ihre Hotelzimmer wie Wühltische gewirkt hatten.

Sie breitete die neu gekaufte Landkarte auf dem Bett aus. Mit dem Zeigefinger fuhr sie eine Linie entlang. »Das ist die Straße, die wir nehmen. Auf dem Rückweg halten wir uns links.« Ihr Finger verharrte auf einem grünen Fleck, einem Waldgebiet unweit der Barbarossahöhle. Ralph schaute gar nicht hin, und Carla runzelte die Stirn. Wortlos faltete sie die Karte zusammen und verstaute sie im Rucksack.

»Bist du bereit?«

»Meinetwegen können wir starten.« Ralph strich seinen Pulli glatt, sodass er sich über der Brust spannte, und lächelte sie an.

Augenblicklich beschleunigte sich Carlas Atem. Hätte er jetzt die Hand nach ihr ausgestreckt, wären sie mit Sicherheit im Bett gelandet.

Doch Ralph schien nichts bemerkt zu haben. Er schnappte sich den Rucksack, öffnete die Tür und ging voraus.

Die Wirtin hatte gesagt, die Fahrräder würden sie in der Garage neben dem Haus finden. Ralph wählte aus der Gruppe zwei Tourenräder und prüfte, ob die Reifen genügend Luft hatten.

An das gelb getünchte Haus, in dem die Pension untergebracht war, schlossen sich zwei Garagen an. Rechts daneben stand eine Scheune, die schon bessere Tage gesehen hatte. Die Mauern wiesen Risse auf, und einige Bretter im oberen Bereich hingen lose an einzelnen Nägeln, sodass sie jeden Augenblick herabzufallen drohten. Durch die Lücken waren im Innern Heuballen zu sehen. Augenscheinlich diente die Scheune als Lagerraum.

Gegenüber befand sich ein Holzschuppen. Davor war ein Misthaufen. Wahrscheinlich handelte es sich um den Stall. Die Wirtin hatte erwähnt, dass sie Tiere hielten, wie wahrscheinlich jeder hier im Dorf.

An der Giebelseite des Stalles begann ein Zaun, der sich bis zu der breiten Einfahrt zog. Vor ihm blühten üppige Rosen und Bauernlilien. Der Rest des Vierseitenhofes war mit runden Steinen gepflastert, zwischen denen Grasbüschel wucherten. Zwischen Scheune und Stall war ein Absatz, das Überbleibsel einer Mauer. Wer weiß, was dort gestanden hatte.

Ralph war endlich fertig mit seiner Inspektion und drängte zum Aufbruch. Schnell stieg Carla auf ihr Rad.

Kurz vor zehn bogen sie auf die Straße zum Eingang der Barbarossahöhle ein. Carla war abgekämpft, Ralph hingegen sah man die Anstrengung nicht an. Sie stellten die Räder an einen Baum.

»Kleine Erholungspause?«, fragte Carla.

Ralph schüttelte den Kopf. »In wenigen Minuten beginnt die Führung.«

»So eine Führung dauert eine Weile. Wir könnten bis zur nächsten warten.«

»Ich würde lieber sofort starten.« Ralph schaute zum Eingang hinüber.

Carla blätterte im Prospekt. »Die Höhle ist achthundert Meter lang. Das halte ich nicht aus.«

»Also gut, machen wir eine Pause.«

Sie steuerten auf eine Bank zu, und Carla ließ sich darauf fallen. Eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander in der Vormittagssonne und beobachteten die Besucher, die zum Eingang der Höhle strömten. Ein junges Pärchen ließ sich von einem älteren Herrn fotografieren. Eine Gruppe Japaner sammelte sich am Verkaufsbereich und studierte die Postkarten, die in runden Metallständern steckten. Jeder von ihnen hatte eine große Kamera umhängen.

»Die und ihre Weltreisen.«

Carla schmunzelte. Sie mochte die Asiaten, die stets voller Vorfreude aus den Bussen strömten, in denen sie von einer Sehenswürdigkeit zur anderen quer durch ganz Deutschland gekarrt wurden. Irgendwann würde sie deren Heimat auf ähnliche Weise erkunden. Ralph hatte es ihr versprochen. Er war Künstler, ein Maler, und wenn er seine momentane Schaffenskrise überwunden hatte, wollte er für einige Zeit nach Asien gehen. Carla durfte ihn begleiten. Ralph hatte bereits die Reiseunterlagen besorgt und die Route geplant, nur der Termin stand noch nicht fest.

Carla lauschte den ungewohnten Lauten der japanischen Sprache, die in ihren Ohren wie das Schnattern eines Gänseschwarmes klangen. Als die Gruppe verschwand, wurde es wieder ruhig vor der Höhle. Sie schloss die Augen.

»Komm, Carla, die nächste Führung beginnt!«

Ein Stups schreckte sie auf. Sie hatte nicht bemerkt, wie die Zeit vergangen war. Sie musste eingeschlafen sein. Schnell raffte sie ihre Sachen zusammen und folgte Ralph, der schon zum Eingang vorausgegangen war.

Im Innern der Höhle war es kühl, aber keineswegs kalt. Trotzdem fröstelte Carla. Vielleicht waren ihre Gedanken daran schuld. Sie hatte von Ralph geträumt, hatte ihn Arm in Arm mit einer zierlichen Porzellanschönheit unter blühenden Mandelbäumen eine Promenade entlangschlendern sehen. Die Szene hatte einer kitschigen Postkarte geglichen, unwirklich und überzogen, und doch hatte ihr die Eifersucht beinah die Sinne geraubt.

Sie zog die Jacke enger um die Schultern und folgte dem Mann, der die Gruppe führte. Seine Erläuterungen plätscherten an ihr vorbei. Worte und Wasser, es war eine passende Kombination. Erleichtert atmete sie auf, als sie nach einer halben Stunde unvermittelt ans Tageslicht gespült wurde.

»Wie beeindruckend die kuppelartigen Gewölbe sind, der Olymp oder der Dom. Hat es dir auch gefallen?«, fragte Ralph, während sie auf ihre Fahrräder stiegen.

Carla wich seinem Blick aus und trat in die Pedale. Die Sonne war kräftiger geworden, Mittagszeit. Es dauerte nicht lange, und sie kam ins Schwitzen.

Ralph holte zu ihr auf, bis sie nebeneinander radelten. »Im nächsten Dorf ist ein Gasthof, da rasten wir.«

»Warum sollen wir bis ins nächste Dorf radeln? Ich habe eine bessere Idee.« Carla deutete nach links auf einen ausgewaschenen Sandweg, der sich durch die Wiesen einen Berg hinaufzog und in der Ferne am Waldesrand endete. »Lass uns dort haltmachen.«

»Im Dorf wäre es viel schöner.«

»Aber ich finde ein Picknick in der Natur besser.« Sie mobilisierte ihre Kräfte. Ralph ließ sie vorausfahren.

Am Waldrand angekommen, entdeckte sie eine hölzerne Bank, die sich unter den ausladenden Ästen einer Tanne duckte. »Schatten, wunderbar.«

Carla öffnete den Rucksack und breitete den Proviant auf der Bank aus. Frau Ritter hatte ein großes Lunchpaket gepackt.

Ralph hielt das Gesicht den Wiesen zugewandt und schaute kaum hin, als er ein Salamibrötchen nahm. »Was für eine schöne Aussicht.«

Carla warf ihm einen schnellen Blick zu. Auch sie fand die Aussicht schön, doch das war noch lange kein Grund, so wie Ralph angestrengt ins Tal zu stieren.

Sie begutachtete die Picknickauswahl. Edamer war zu fett, leider. Seufzend griff sie nach der Wasserflasche und schob Ralph auch das Käsebrötchen zu. »Ich bewege mich mal ein bisschen.«

Ralph schreckte auf. »Bleib doch.«

Sie ignorierte ihn und ging ein paar Schritte bis zu einem Baum, stützte das rechte Bein dagegen und begann mit den Dehnübungen, die sie vor einigen Tagen in einem Fitnesskurs gelernt hatte. Obwohl Carla Freude an Bewegung hatte und viel Sport trieb, hatte sie vorher nicht geahnt, dass ihr Körper in der Lage war, sich derart zu verrenken.

Sie spürte Ralphs Blick im Rücken und straffte sich. Der Abstand zu dem Baum war zu groß, um bei den Übungen eine wirklich gute Figur zu machen. Sie musste näher heran, damit sie das Bein beugen konnte. Doch abgebrochene Äste und Zweige bildeten einen undurchdringlichen Haufen um den Baum herum. Das Gehölz musste weg.

Carla zerrte daran, und der Haufen schwankte bedrohlich. Plötzlich gab der Ast, an dem sie zog, nach. Sie stolperte rückwärts und stürzte mit einem erschrockenen Schrei ins Gras. Ralph war sofort neben ihr und wollte ihr aufhelfen. Doch Carla ergriff seine Hand nicht. Ihr Blick klebte an dem, was aus dem Gestrüpphaufen ragte.

»Wir müssen etwas tun«, wisperte sie.

»Nichts berühren.«

Ralph starrte wie sie auf den weißen Fuß, der wie das Ende eines kahlen Astes gen Himmel zeigte. Die Zehennägel waren pinkfarben lackiert. An den Rändern war der Lack abgeblättert.

»Vielleicht lebt sie noch.«

»Sie?«

»Frau, Kind – was auch immer.« Carla rappelte sich auf und zerrte das Gehölz beiseite. Das Holz knackte, als der Fuß auf die Erde fiel. Er endete in einem dürren Bein.

Ralph riss an der anderen Seite des Gestrüpps. Das zweite Bein lag seltsam weggeknickt. Er zog weiter, und ein magerer Körper kam zum Vorschein, dann der Kopf.

Carla würgte. Die Frau, die hier unter dem Gestrüpp verborgen worden war, lebte nicht mehr. »So jung«, flüsterte sie.

»Die arme Frau.«

Ralphs Stimme klang überlaut in Carlas Ohren. Sie stürzte weg von dem Baum und übergab sich. Im Moos unter ihr lag das angebissene Käsebrötchen, das Ralph aus der Hand geglitten war, als er ihr zu Hilfe gekommen war. Sie zitterte, als sie sich den Mund abwischte.

»Was sollen wir bloß tun?«

»Da kommt jede Hilfe zu spät.«

»Die Polizei. Wir müssen die Kripo rufen. Ich habe mein Handy dabei.«

Mit fliegenden Fingern tippte Carla die Notrufnummer ein. Sie verwählte sich und tippte erneut. Mühsam schluckte sie die aufkommenden Tränen hinunter. Nach dem zweiten Klingeln meldete sich eine weibliche Stimme. »Polizeinotruf.«

Es dauerte zwei Stunden, bis sich zwei Streifenwagen den Hang hinaufgequält hatten. Mehrere Personen stiegen aus, allen voran ein Mann, der aussah, als wäre er der Reklametafel einer Zigarettenfirma entsprungen. Ein Hauch von Abenteuer und Freiheit umwehte ihn. Er hatte kurzes hellbraunes Haar und einen Dreitagebart. Über seiner rechten Schulter hing eine Lederjacke, dazu trug er ein eng anliegendes weißes Shirt und Jeans, die wie angegossen saßen. Genau der Typ, der Frauen den Kopf verdrehen konnte. Carla beschloss, ihn nicht zu mögen.

Sie wartete nicht, bis er sie ansprach, sondern zeigte sofort zu den Bäumen. »Dort liegt sie.«

»Hallo erst mal. Ich bin Torsten Feuerbirk, Kriminalkommissar bei der Polizeidirektion Erfurt. Und wer sind Sie?« Er sprach ohne Dialekt, und seine Stimme klang weich und dunkel.

Eine Stimme zum Träumen. Carla rieb ihre Unterarme, um die Härchen, die sich aufgerichtet hatten, zum Schweigen zu bringen.

Ralph legte ihr den Arm um die Schultern. »Ralph Bartwick«, gab er dem Reklametypen Bescheid. »Dies hier ist Carla Schreiber, meine Freundin. Wir wohnen …«

»Ihre Personendaten nehme ich später zu Protokoll. Was machen Sie hier?«

»Wir sind in Urlaub, aus Sachsen. Hier haben wir gerastet. Es war reiner Zufall, dass wir die Leiche gefunden haben«, sagte Carla. Sie klang störrischer, als sie es beabsichtigt hatte.

Der Cowboy lächelte sie an. Carla schoss die Hitze in die Wangen. Schnell schaute sie weg. Der sollte bloß nicht denken, dass sie ihn attraktiv fand. Die Männer und Frauen von der Spurensicherung verteilten ihre Ausrüstung auf der Bank – Scheinwerfer, Kameras, Absperrbänder und mehrere Koffer mit Gerätschaften, die wer weiß wozu dienen mochten.

Der Polizeiarzt, ein sonnengebräunter Mann mit nach hinten gekämmten und mit Gel fixierten schwarzen Haaren, einer Fliegerbrille auf der Nase und einer protzigen Goldkette um den Hals, warf einen flüchtigen Blick auf die Leiche und drehte sich zu ihnen um. »Brauchen Sie ein Beruhigungsmittel?«, fragte er.

Während Carla noch überlegte, schüttelte Ralph schon den Kopf. »Bloß keine Chemie!«

Schulterzuckend wandte sich der Arzt wieder dem Opfer zu und begann mit der Erstuntersuchung. Die Leute von der Spurensicherung stiegen in weiße Overalls und machten sich ebenfalls ans Werk. Bald sah der Boden aus, als wäre ein Ackerbauer mit dem Pflug zugange gewesen.

»Wo kann ich Sie erreichen?« Feuerbirk zauberte Stift und Zettel aus der Tasche seiner Lederjacke.

Carla nannte die Adresse der Pension Waldidyll.

»Ich nehme an, Sie fahren gleich zurück?«

Carla nickte.

Feuerbirk faltete den Zettel zusammen und verstaute ihn. »Ich melde mich bei Ihnen, sobald ich hier fertig bin.«

»Zur Vernehmung?« Carlas Frage klang selbst in ihren Ohren spitz, und sie schämte sich sogleich. Schließlich gab es keinen Grund, dem Kommissar das Leben schwer zu machen.

»Zum Vorgespräch. Außerdem muss ich Ihre Aussagen protokollieren, halten Sie sich also zur Verfügung.«

Carlas Wangen fühlten sich an, als ob sie glühten. Brüsk wandte sie sich ab, nahm ihr Rad und schob es den Hang zur Straße hinunter. Ralph rief nach ihr, doch sie wartete nicht, ob er ihr folgte.

ZWEI

»Und als Ralph das letzte Gehölz weggezogen hat, lag sie einfach so da. Wie eine weggeworfene Puppe«, berichtete Carla im Frühstücksraum der Pension Waldidyll.

»Großer Gott, eine Tote im Wald …«

»Sie können sich nicht vorstellen, wie schrecklich das war. Die Kleine sah fürchterlich aus.«

»Schlimm, wenn ein junges Ding stirbt.«

»Offensichtlich wurde sie ermordet.«

Frau Ritter schlug die Hände zusammen. Ihr Gesicht hatte jegliche Farbe verloren. »Weiß man, wie?«

»Ich habe nicht genau hingeschaut. Dieser Kommissar Feuerteufel wird es uns schon noch sagen. Er wollte nachher noch vorbeikommen.« Vielleicht wusste er dann schon, um wen es sich bei der Toten handelte. Carla arbeitete als freie Journalistin. Ein Bericht über den Mord im Thüringer Wald würde ihr ein gutes Honorar sichern.

»Feuerbirk«, warf Ralph ein.

»Was?«

»Nicht Teufel, Birk heißt der Mann. Kommissar Feuerbirk.«

»Meinetwegen.« Carla hob ihr leeres Glas. Die Wirtin schenkte einen großen Doppelkorn ein. Es war der vierte, seit sie in die Pension zurückgekehrt waren. Carla hatte sich sofort wie ein Kind, das bei der Mutter Schutz suchte, im Frühstücksraum bei Frau Ritter verkrochen. Ralph war wenig später in der Pension eingetroffen und hatte sich neben sie auf die Bank gesetzt.

»Bist du sicher, dass du nicht auch einen Schnaps brauchst?«, fragte Carla Ralph.

»Vielleicht später.«

Er kam Carla ungewöhnlich schweigsam vor, doch sie schob den Gedanken beiseite. Beim Trinken legte sie den Kopf in den Nacken. Durch den dicken Boden des Glases sah Ralph ganz verschwommen aus. Sie setzte das Glas ab, aber an Ralphs Anblick änderte das nichts. Verzerrt–verwaschen–futsch. Carla blinzelte. War sie drauf und dran, durchzudrehen? Die Pillen fielen ihr ein, kleine Helfer für die Momente, in denen sie sich verfolgt fühlte und ihre Angstzustände übermächtig wurden. Sie lagen in ihrem Nachttisch und warteten auf sie. Sie hätte längst eine oder zwei nehmen sollen. Die Dinger waren nur für den Ernstfall vorgesehen, aber ein Leichenfund war mit Sicherheit ernst genug.

Carla kniff die Augen zusammen und riss sie gleich darauf wieder auf, dann zwinkerte sie einige Male. Sie kam sich wie eine wimpernklimpernde Filmdiva vor, aber immerhin half es. Ralph schaute zum Glück wieder normal aus.

Sie fuhr sich mit dem Handrücken über die Oberlippe, begutachtete flüchtig den klebrigen Film – eine Mischung aus Schnaps und Schweiß – und wischte ihre Hand kurzerhand an der blütenweißen Tischdecke ab. Ehe die Wirtin Einspruch erheben konnte, packte sie die Flasche und bediente sich.

»Der Nordhäuser ist gut.« Carla hickste.

Ralph, der wie immer an einem Lakritzbonbon herumgekaut hatte, wollte nun doch einen Doppelkorn. Carla goss ein. Mit zu viel Schwung, leider. Frau Ritters Tischtuch hatte plötzlich nasse Flecken.

Carla beobachtete fasziniert, wie Ralph mit dem Schnaps kämpfte. Er schluckte und schluckte. Wahrscheinlich weigerte sich seine Kehle, das Feuerwasser zu dem grässlichen Süßkram rutschen zu lassen. Sie gluckste. Es war albern, doch sie kam nicht dagegen an.

Die Tür ging auf. Ein älteres Paar trat ein und steuerte den Tisch neben Carla und Ralph an.

»Tag allerseits«, grüßte der Mann in die Runde. Auf seinem schmalen, von fahler Haut umspannten Gesicht hing ein kummervolles Lächeln.

Seine Begleiterin schaute neugierig zu ihnen herüber. Sie schien geradewegs Wilhelm Buschs Bilderbuch entsprungen zu sein, denn sie war Witwe Bolte wie aus dem Gesicht geschnitten. Nur anstelle des über der Stirn verknoteten Tuches balancierte sie einen mickrigen Dutt auf dem Kopf.

»Unsere Nachbarn«, erklärte Frau Ritter. Es klang wenig erfreut.

Als hätten die beiden bloß darauf gewartet, rückten sie an den Tisch, an dem Carla und Ralph saßen.

»Edith und Wilfried Zumpe.« Frau Ritter stellte auch Ralph und Carla vor.

Carla bekam einen Schluckauf und ergriff die Hand, die ihr Edith Zumpe entgegenstreckte. Sie quetschte die Finger, als hätte sie in ihnen endlich den Halt gefunden, nach dem sie gesucht hatte.

»Die Nachricht ist wie ein Lauffeuer durchs Dorf gerast. Wir haben es von Karl, dem Briefträger, gehört und sind so schnell wie möglich hergekommen. Sie haben die arme Seele entdeckt, stimmt’s?« Edith Zumpe stieß ihre runde Nase in Ralphs Richtung.

Ralph zuckte zurück und starrte die Frau an.

Carla kicherte erneut. Ralph tat ihr leid. »Ein scheußlicher Anblick«, sagte sie und meinte die Leiche. Ihr Schluckauf unterstrich jedes einzelne Wort.

»Wir haben gerade darüber gesprochen, ihr kommt zu spät.« Die Wirtin nahm die Schnapsflasche und verfrachtete sie in den Schrank.

Edith verdrehte die Augen. »Lassen Sie sich von Helene nicht zurückhalten«, flüsterte sie Carla zu und fuhr dann laut fort: »Man muss über das Geschehene reden, sonst bleibt ein Trauma zurück.«

»Was, bitte, ist denn deiner Meinung nach geschehen, Edith?«, fragte Frau Ritter und stemmte die Hände in die Hüften.

Carla wunderte sich, mit welcher Wut die Wirtin die Worte hervorgestoßen hatte.

»Wenn ich das wüsste!« Edith rammte Wilfried den Ellenbogen in die Seite. »Sag doch auch mal was.«

Wilfrieds fahle, lederne Haut bekam tatsächlich so etwas wie einen rosa Schimmer, doch er blieb stumm. Edith hatte wohl nichts anderes erwartet, Carla eigentlich auch nicht. Sie hatte oft genug erlebt, dass Ralph ähnlich reagierte. Die Männer dieser Welt waren offensichtlich übereingekommen, den Mund zu halten, wann immer sie von ihren Frauen dazu aufgefordert wurden, ihre Meinung kundzutun. Umso überraschter war sie, als Wilfried nach einer Weile gedehnt sagte: »Man muss herausbekommen, wer die Tote ist.«

»Darum kümmert sich die Polizei.«

»Der Feuerbirk hat den Fall übernommen«, sagte Frau Ritter.

»Ach nee, der Torsten. Na, der wird es schon richten.« Edith Zumpe beugte sich nach vorn und erklärte Carla mit verschwörerischer Miene: »Torsten ist der Neffe meiner Großtante mütterlicherseits. Wir sind sozusagen eine Familie. Er hat es weit gebracht, der Junge, bis nach Erfurt.«

»Tolle Karriere«, stieß Ralph abfällig hervor.

Carla zuckte zusammen. Was hatte er bloß? Für Ralph mochte Erfurt nicht gerade der Nabel der Welt sein. Die Thüringer jedoch waren stolz auf ihre Landeshauptstadt, und durchaus zu Recht, wie sie fand. Sie musterte Wilfrieds Kopf, der einem nur mit Haut bespannten Totenschädel glich.

»Der Feuerteu… äh … Feuerbirk kriegt alles heraus. Das hat er versprochen.« Zur Bestätigung leerte Carla ihr Glas in einem Zug, dann stand sie auf. Der Frühstücksraum schwankte plötzlich unter ihren Füßen.

Als hätte der Kommissar nur auf das Stichwort gewartet, schob er sich ausgerechnet in diesem Moment durch die Tür.

Carla plumpste zurück auf ihren Stuhl. »Haben Sie Ihren Gaul draußen am Treppengeländer festgezurrt?«

»Wie bitte?«

»Hören Sie nicht auf sie«, sagte Ralph. »Carla ist ziemlich durcheinander. Die Aufregung, Sie verstehen?«

Carla hickste. Schöner Freund!

Feuerbirk rückte einen weiteren Stuhl an den Tisch und nahm Platz. Aus einer Jackentasche holte er einen Tabaksbeutel. Aus der anderen eine Pfeife. Mit geübten Griffen stopfte er sie. Mit der Frage, ob er im Frühstücksraum rauchen dürfe, hielt er sich gar nicht erst auf. Frau Ritter rümpfte die Nase, sagte aber nichts.

»Kennt ihr die Frau?« Er legte ein Foto auf den Tisch vor die Eheleute Zumpe.

Edith und Wilfried beugten sich darüber, als wollten sie es mit den Nasen abtasten. Als sie sich sattgesehen hatten, schüttelten sie gleichzeitig die Köpfe.

»Schade.« Feuerbirk zündete ein Streichholz an und setzte den Tabak in Brand. Ein Geruch nach nassem Holz und angebranntem Essen machte sich im Raum breit.

Carla hustete, aber zumindest war ihr Schlucken weg.

»Wie ist sie denn gestorben?«, fragte Edith.

Aus der Pfeife quollen Rauchwolken, die Feuerbirks Kopf wie das Haupt eines Vulkans umnebelten. »Meines Erachtens wurde sie erwürgt. Die Anzeichen sind eindeutig. Aufgedunsenes Gesicht, Blaufärbung, punktförmige Blutungen in den Bindehäuten und den Augenlidern, Würgemale an Hals und Nacken. Der Staatsanwalt hat die Obduktion angeordnet. Dr. Bauer von der Rechtsmedizin weiß Bescheid, er war am Fundort dabei. Ich bin mir sicher, er wird meine These bestätigen.« Er wedelte den Rauch beiseite.

»Rechtsmedizin«, flüsterte Edith ehrfürchtig.

»Bestimmt stellt er einen Kehlkopfbruch fest.«

»Kehlkopf–«

»Oder ein gebrochenes Zungenbein.«

»Zungen–« Ediths Kinn bebte.

»Dazu die Verletzungen an Armen und Beinen, die blutigen Kratzer an Rücken und Po. Sie muss sich ziemlich gewehrt haben.«

»Was ist damit?« Edith pickte auf den Mund der Leiche, der wie ein dunkles Loch aussah. Ihr Zeigefinger war spitz genug, um ein Loch in die Tischplatte zu bohren.

»Der Täter hat die Zungenspitze entfernt. Abgebissen oder abgeschnitten, doch auch das wird erst durch die Obduktion genau geklärt.«

Carla machte Frau Ritter, die sich abseits gehalten hatte, ein Zeichen. Für die Ausschmückungen des Kommissars hatte sie noch viel zu wenig Alkohol im Magen. Als der Doppelkorn kam, trank sie wie eine Verdurstende. Der Schluckauf meldete sich sogleich zurück.

»Was passiert nun?« Edith kratzte sich die Haut unter ihrem Dutt.

»Der Tatort war noch frisch, und ich habe Hoffnung, dass wir Spuren von genetischem Material sicherstellen konnten«, sagte Feuerbirk.

»Wie im Fernsehen.« Edith strahlte.

»Als Nächstes veranlasse ich einen Massentest, eine Speichelprobe von allen Männern und Frauen aus der Gegend.«

»Auch von uns?«, fragte Edith.

»Natürlich.«

»Hast du das gehört, Wilfried?«, rief Edith. Wilfrieds Rippen bekamen erneut ihren Ellenbogen zu spüren. »Mein Gott, ist das aufregend!«

»Wenn aber der Mörder kein Hiesiger ist?«, murmelte Ralph leise vor sich hin.

Carla hatte ihn trotzdem gehört. Sie trat ihm auf den Fuß. Doch zu spät.

Der Kommissar wandte sich Ralph zu. »Von den Gästen und Urlaubern werden selbstverständlich ebenfalls Proben genommen. Danach sehen wir weiter.«

Eine Weile ergingen sie sich in wilden Spekulationen, in denen Edith Zumpe das Wort führte. Sie bekam ein ganz dunkles Gesicht, vor Aufregung oder auch, weil es in dem Zimmer warm geworden war. Selbst Wilfrieds fahle Haut schimmerte rosarot. Carla lehnte sich zurück. Sie hörte Feuerbirk etwas sagen, doch seine Stimme versank im Nebel. Müde schloss sie die Augen.

Knut Ritter, genannt Knubbel, kauerte unter dem geöffneten Fenster des Frühstücksraumes. Es dauerte eine Weile, bis er das Gehörte verdaut hatte.

Die Schwester gluckte mit den Gästen und diesem Kommissar Feuerbirk zusammen. Die Zumpes waren ebenfalls dabei. Die kamen immer, wenn es Dinge gab, die vom Einerlei des Dorflebens ablenkten.

Proben, hatte der Kommissar gesagt. Knubbel wusste nicht genau, was er damit gemeint hatte, aber es musste etwas Besonderes sein, denn sonst hätte Frau Zumpe nicht so gestaunt.

Er musste aufpassen. Der Kommissar Feuerbirk hatte ernst geklungen.

Knubbel reckte sich und schielte nach drinnen. Helene sah aus wie immer, vielleicht ein wenig blasser als sonst. Es war alles in Ordnung, es ging ihr gut. Das war wichtig. Er wollte nicht, dass seine Schwester Kummer hatte.

Ob sie darauf wartete, dass er endlich kam und ihr zur Seite stand? Er sollte hineingehen. Dann fiel sein Blick auf seine schmutzigen Schuhe, und er überlegte es sich anders. Helene würde schimpfen, wenn er den Boden dreckig machte. Sie achtete sehr auf Ordnung und Sauberkeit.

Geduckt schlich er die Hauswand entlang und durchquerte die Einfahrt. Vorsichtig lugte er um die Ecke. Keine Menschenseele war zu sehen. Rasch ging er über den Hof zu den Ställen. Dort war sein Reich, dort störte ihn niemand. Die Kaninchen waren seine Freunde, bessere, als es Menschen je sein konnten. Abgesehen von Helene natürlich, die war eine Ausnahme.

Knubbel öffnete die Stalltür und trat ein. Durch die Ritzen der Bretterwände schimmerte das Tageslicht ins Innere und malte Striche auf Wände und Boden, auch auf die Tiere. Wie Streifenhörnchen sahen sie aus, wie sie da im fahlen Licht in den Boxen hockten und vor sich hin mümmelten.