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Entweltlichung der Kirche?

Die Freiburger Rede des Papstes

Herausgegeben von Jürgen Erbacher

 

Impressum

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2012

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Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,

KN digital – die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

 

ISBN (E-Book): 978 - 3 - 451 - 34600 - 2

ISBN (Buch): 978 - 3 - 451 - 30577 - 1

Inhaltsübersicht

Vorwort

Jürgen Erbacher

Freiburger Rede von Papst Benedikt XVI.

In der Welt, aber nicht von der Welt

Erzbischof Robert Zollitsch

Kirche – in der Welt, nicht von der Welt

Walter Kardinal Kasper

Konsequent Kirche in der Welt sein

Alois Glück

Für eine diakonische Kirche mitten unter den Menschen

Peter Neher

In der Welt, nicht von der Welt. Das Kirchenbild der Freiburger Rede Papst Benedikts XVI. im Licht des Neuen Testaments

Thomas Söding

Entweltlichung. Ein Blick in das Frühwerk Joseph Ratzingers

Jürgen Erbacher

Entweltlichung – ein sperriger Begriff, ein herausfordernder Appell. Sozialethische Anmerkungen zur Konzerthausrede des Papstes

Ursula Nothelle-Wildfeuer

Auf Distanz gehen!? Zur Identität der Kirche in der Welt von heute

Hans-Joachim Höhn

Entweltlichung. Anmerkungen zur Freiburger Rede von Papst Benedikt XVI.

Franz-Xaver Kaufmann

Päpstlicher Kirchenkurs. Die Option der elitären Minorisierung

Michael N. Ebertz

Entweltlichung? Die Freiburger Rede Papst Benedikts XVI. mit Theodor W. Adorno gegengelesen

Magnus Striet

Die totale Redlichkeit. Ein theologisch-rhetorischer Seitenblick auf die Freiburger Konzerthausrede Benedikts XVI.

Gregor Maria Hoff

Die Weltverantwortung der Kirche

Wolfgang Thierse

Gesellschaft braucht Orientierung. Ein Plädoyer für eine engagierte Kirche

Hermann Kues

Nicht ohne Welt, in der Welt!

Winfried Kretschmann

Entweltlichung als Überlebensstrategie

Stefan Ruppert und Martin Valchanov

Kontext und Horizont der Freiburger Konzerthausrede des Papstes

Ludwig Ring-Eifel

Als hätte er an die Kirche in Frankreich gedacht. Die Freiburger Konzerthausrede aus französischer Sicht

Klaus Nientiedt

Die Freiburger Rede Papst Benedikts XVI. aus der Sicht des deutschen Staatskirchenrechts

Stefan Muckel

Grundlinien der Kirchenfinanzierung in Deutschland: Kirchensteuer und sogenannte Staatsleistungen

Ansgar Hense

Die Autoren

Vorwort

Gäbe es ein „Wort des Jahres“ im Bereich Theologie und Kirche, „Entweltlichung“ hätte für 2011 sicher beste Chancen zum Sieg gehabt. Seit der Rede Papst Benedikts XVI. im Freiburger Konzerthaus am 25. September 2011 ist der Begriff in Deutschlands Kirche und Theologie in aller Munde. Die „Freiburger Rede“ war der fulminante Abschluss des viertägigen Besuchs Benedikts in seinem Heimatland. Die Reise stand unter dem Motto „Wo Gott ist, da ist Zukunft“. Benedikt XVI. lotete in seinen Ansprachen in Berlin, Erfurt und Freiburg das Verhältnis zwischen Gott und den Menschen, zwischen Religion und Politik sowie schließlich – beim letzten großen Auftritt – zwischen Kirche und Welt aus. Seitdem wird heiß darüber diskutiert, was unter „Entweltlichung“ zu verstehen und wie überhaupt die „Freiburger Rede“ als Ganze zu deuten ist. Der Papst spricht von „Enteignung von Kirchengütern“ und der „Streichung von Privilegien“. Er spricht sich für eine Erneuerung der Kirche aus, will, dass sie wieder missionarischer wird. Er fordert, die Weltlichkeit der Kirche abzulegen, damit sie offen für die Anliegen der Welt sein könne. Das klingt paradox und löst viele Fragen aus; nicht nur bei den rund 1.500 Zuhörern im Freiburger Konzerthaus. Seitdem wird in kirchlichen Gremien von den Pfarrgemeinden bis zum Zentralkomitee der deutschen Katholiken, in den Theologischen Fakultäten sowie in Zeitungen und Zeitschriften nach Antworten gesucht, welche Konsequenzen aus den Worten des Papstes zu ziehen sind. In ersten Reaktionen wurde darüber spekuliert, ob der Papst das Staat-Kirche-Verhältnis in Deutschland radikal umgestaltet sehen möchte, bis hin zur Abschaffung der Kirchensteuer. Ein solcher Deutungsansatz aber greift zu kurz. Benedikt XVI. setzt viel grundsätzlicher an. Er stellt seine Vision von der Erneuerung der Kirche vor. Doch was bedeutet das konkret?

Der vorliegende Sammelband möchte Antworten geben; er bietet Deutungsversuche der Freiburger Rede. Dabei kommen Vertreter aus Kirche, Politik und Theologie zu Wort. Aus ihrer je eigenen Perspektive erschließen sie den Vortrag des Papstes, zeigen Probleme auf, die sie sehen. Es sind „Praktiker“ vertreten wie die Präsidenten des Deutschen Caritasverbands, Peter Neher, und des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Alois Glück; aus dem Bereich der Theologie der Exeget Thomas Söding und die Fundamentaltheologen Magnus Striet und Gregor Maria Hoff sowie die Sozialethikerin Ursula Nothelle-Wildfeuer und der Religionsphilosoph Hans-Joachim Höhn. Aus eher soziologischer Perspektive blicken Franz-Xaver Kaufmann und Michael N. Ebertz auf die Papstrede. Wie die Worte an der Schnittstelle von Glaube, Kirche und Politik bewertet werden, zeigen Hermann Kues (CDU), Wolfgang Thierse (SPD), Stefan Ruppert (FDP) und Baden-Württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Bündnis90/Die Grünen). Dem komplexen Thema des Staat-Kirche-Verhältnisses in Verbindung mit der Rede des Papstes nehmen sich Stefan Muckel und Ansgar Hense an. Ludwig Ring-Eifel ordnet die Konzerthausrede in die Gesamtchoreografie der Reise ein und Klaus Nientiedt blickt nach Frankreich auf der Suche nach dem „idealen“ Verhältnis von Staat und Kirche. Zudem soll ein Blick in das „Früh-Werk“ des Professor Ratzinger helfen, die Forderung nach Entweltlichung besser zu verstehen. Denn bereits in den 1960er Jahren hatte der Papst erstmals seine Gedanken zum Thema formuliert. Den Auftakt macht der „Gastgeber“ der Freiburger Rede, Erzbischof Robert Zollitsch. Kardinal Walter Kasper deutet die Worte aus römischer Perspektive.

Mittlerweile gibt es verschiedene Varianten der Papstrede im Freiburger Konzerthaus, die sich allerdings nur in Nuancen unterscheiden. Den Artikeln liegt die Version zugrunde, die von der Deutschen Bischofskonferenz in ihrer Dokumentation der Reden, Predigten und Grußworte der Reise veröffentlicht wurde. In den einzelnen Beiträgen sind die Zitate aus der Rede nicht noch einmal eigens mit einem Quellenverweis versehen.

Die Initiative zu dem vorliegenden Werk kam von Stephan Weber, Lektor beim Verlag Herder. Dafür vielen Dank. Ein besonderer Dank gilt aber der Autorin und den Autoren für die Bereitschaft, trotz knapper Zeit an dem Buch mitzuwirken. In ihren Texten erklären, kommentieren und provozieren sie, um die Diskussion über die Freiburger Rede voranzubringen.

Mainz, im Januar 2012

Jürgen Erbacher

Die „Freiburger Rede“ Ansprache von Papst Benedikt XVI. an engagierte Katholiken aus Kirche und Gesellschaft

25. September 2011

Konzerthaus, Freiburg1

 

Verehrter Herr Bundespräsident,

Herr Ministerpräsident,

Herr Oberbürgermeister,

Verehrte Damen und Herrn,

Liebe Mitbrüder im Bischofs- und Priesteramt!

 

Ich freue mich über diese Begegnung mit Ihnen, die Sie sich in vielfältiger Weise für die Kirche und für das Gemeinwesen engagieren. Dies gibt mir eine willkommene Gelegenheit, Ihnen hier persönlich für Ihren Einsatz und Ihr Zeugnis als „kraftvolle Boten des Glaubens an die zu erhoffenden Dinge“ (Lumen Gentium, 35) ganz herzlich zu danken: So nennt das II. Vatikanische Konzil Menschen, die wie Sie sich um Gegenwart und Zukunft aus dem Glauben mühen. In Ihrem Arbeitsumfeld treten Sie bereitwillig für Ihren Glauben und für die Kirche ein, was – wie wir wissen – in der heutigen Zeit wahrhaftig nicht immer leicht ist.

Seit Jahrzehnten erleben wir einen Rückgang der religiösen Praxis, stellen wir eine zunehmende Distanzierung beträchtlicher Teile der Getauften vom kirchlichen Leben fest. Es kommt die Frage auf: Muss die Kirche sich nicht ändern? Muss sie sich nicht in ihren Ämtern und Strukturen der Gegenwart anpassen, um die suchenden und zweifelnden Menschen von heute zu erreichen?

Die selige Mutter Teresa wurde einmal gefragt, was sich ihrer Meinung nach als erstes in der Kirche ändern müsse. Ihre Antwort war: Sie und ich!

An dieser kleinen Episode wird uns zweierlei deutlich. Einmal will die Ordensfrau dem Gesprächspartner sagen: Kirche sind nicht nur die anderen, nicht nur die Hierarchie, der Papst und die Bischöfe; Kirche sind wir alle, wir, die Getauften. Zum anderen geht sie tatsächlich davon aus: ja, es gibt Anlass zur Änderung. Es ist Änderungsbedarf vorhanden. Jeder Christ und die Gemeinschaft der Gläubigen als Ganzes sind zur stetigen Änderung aufgerufen.

Wie soll diese Änderung konkret aussehen? Geht es um eine Erneuerung, wie sie etwa ein Hausbesitzer durch die Renovierung oder den neuen Anstrich seines Anwesens durchführt? Oder geht es hier um eine Korrektur, um wieder auf Kurs zu kommen sowie schneller und geradliniger einen Weg zurückzulegen? Sicher spielen diese und andere Aspekte eine Rolle, und hier kann nicht von alledem die Rede sein. Aber was das grundlegende Motiv der Änderung betrifft, so ist es die apostolische Sendung der Jünger und der Kirche selbst.

Dieser ihrer Sendung muss die Kirche sich nämlich immer neu vergewissern. Die drei synoptischen Evangelien lassen verschiedene Aspekte des Sendungsauftrags aufleuchten: Die Sendung gründet zunächst in der persönlichen Erfahrung: „Ihr seid meine Zeugen“ (Lk 24,48); sie kommt zum Ausdruck in Beziehungen: „Macht alle Menschen zu meinen Jüngern“ (Mt 28,19); und sie gibt eine universelle Botschaft weiter: „Verkündet das Evangelium allen Geschöpfen“ (Mk 16,15). Durch die Ansprüche und Sachzwänge der Welt aber wird dies Zeugnis immer wieder verdunkelt, werden die Beziehungen entfremdet und wird die Botschaft relativiert. Wenn nun die Kirche, wie Papst Paul VI. sagt, „danach trachtet, sich selbst nach dem Typus, den Christus ihr vor Augen stellt, zu bilden, dann wird sie sich von der menschlichen Umgebung tief unterscheiden, in der sie doch lebt oder der sie sich nähert“ (Enzyklika Ecclesiam Suam, 60). Um ihre Sendung zu verwirklichen, wird sie auch immer wieder Distanz zu ihrer Umgebung nehmen müssen, sich gewissermaßen „ent-weltlichen“.

Die Sendung der Kirche kommt ja vom Geheimnis des Dreieinigen Gottes her, dem Geheimnis seiner schöpferischen Liebe. Und die Liebe ist nicht nur irgendwie in Gott, er selbst ist sie, ist vom Wesen her die Liebe. Und die göttliche Liebe will nicht nur für sich sein, sie will sich ihrem Wesen nach verströmen. Sie ist in der Menschwerdung und Hingabe des Sohnes Gottes in besonderer Weise auf die Menschheit, auf uns zugekommen, und zwar so, dass Christus, der Sohn Gottes, gleichsam aus dem Rahmen seines Gottseins herausgetreten ist, Fleisch angenommen hat, Mensch geworden ist, nicht nur, um die Welt in ihrer Weltlichkeit zu bestätigen und ihr Gefährte zu sein, der sie so lässt, wie sie ist, sondern um sie zu verwandeln. Zum Christusgeschehen gehört das Unfassbare, dass es – wie die Kirchenväter sagen – ein sacrum commercium, einen Tausch zwischen Gott und den Menschen gibt. Die Väter legen es so aus: Wir haben Gott nichts zu geben, wir haben ihm nur unsere Sünde hinzuhalten. Und er nimmt sie an und macht sie sich zu eigen, gibt uns dafür sich selbst und seine Herrlichkeit. Ein wahrhaft ungleicher Tausch, der sich im Leben und Leiden Christi vollzieht. Er wird Sünder, nimmt die Sünde auf sich, das Unsrige nimmt er an und gibt uns das Seinige. Aber im Weiterdenken und Weiterleben im Glauben ist dann doch deutlich geworden, dass wir ihm nicht nur Sünde geben, sondern dass er uns ermächtigt hat, von innen her die Kraft gibt, ihm auch Positives zu geben: unsere Liebe – ihm die Menschheit im positiven Sinn zu geben. Natürlich, es ist klar, dass nur Dank der Großmut Gottes der Mensch, der Bettler, der den göttlichen Reichtum empfängt, doch auch Gott etwas geben kann; dass Gott uns das Geschenk erträglich macht, indem er uns fähig macht, auch für ihn Schenkende zu werden.

Die Kirche verdankt sich ganz diesem ungleichen Tausch. Sie hat nichts aus Eigenem gegenüber dem, der sie gestiftet hat, so dass sie sagen könnte: Dies haben wir großartig gemacht! Ihr Sinn besteht darin, Werkzeug der Erlösung zu sein, sich von Gott her mit seinem Wort durchdringen zu lassen und die Welt in die Einheit der Liebe mit Gott hineinzutragen. Die Kirche taucht ein in die Hinwendung des Erlösers zu den Menschen. Sie ist, wo sie wahrhaft sie selber ist, immer in Bewegung, muss sich fortwährend in den Dienst der Sendung stellen, die sie vom Herrn empfangen hat. Und deshalb muss sie sich immer neu den Sorgen der Welt öffnen, zu der sie ja selber gehört, sich ihnen ausliefern, um den heiligen Tausch, der mit der Menschwerdung begonnen hat, weiterzuführen und gegenwärtig zu machen.

In der geschichtlichen Ausformung der Kirche zeigt sich jedoch auch eine gegenläufige Tendenz, dass die Kirche zufrieden wird mit sich selbst, sich in dieser Welt einrichtet, selbstgenügsam ist und sich den Maßstäben der Welt angleicht. Sie gibt nicht selten Organisation und Institutionalisierung größeres Gewicht als ihrer Berufung zu der Offenheit auf Gott hin, zur Öffnung der Welt auf den Anderen hin.

Um ihrem eigentlichen Auftrag zu genügen, muss die Kirche immer wieder die Anstrengung unternehmen, sich von dieser ihrer Verweltlichung zu lösen und wieder offen auf Gott hin zu werden. Sie folgt damit den Worten Jesu: „Sie sind nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin“ (Joh 17,16), und gerade so gibt er sich der Welt. Die Geschichte kommt der Kirche in gewisser Weise durch die verschiedenen Epochen der Säkularisierung zur Hilfe, die zu ihrer Läuterung und inneren Reform wesentlich beigetragen haben.

Die Säkularisierungen – sei es die Enteignung von Kirchengütern, sei es die Streichung von Privilegien oder ähnliches – bedeuteten nämlich jedes Mal eine tiefgreifende Entweltlichung der Kirche, die sich dabei gleichsam ihres weltlichen Reichtums entblößt und wieder ganz ihre weltliche Armut annimmt. Damit teilt sie das Schicksal des Stammes Levi, der nach dem Bericht des Alten Testamentes als einziger Stamm in Israel kein eigenes Erbland besaß, sondern allein Gott selbst, sein Wort und seine Zeichen als seinen Losanteil gezogen hatte. Mit ihm teilte sie in jenen geschichtlichen Momenten den Anspruch einer Armut, die sich zur Welt geöffnet hat, um sich von ihren materiellen Bindungen zu lösen, und so wurde auch ihr missionarisches Handeln wieder glaubhaft.

Die geschichtlichen Beispiele zeigen: Das missionarische Zeugnis der entweltlichten Kirche tritt klarer zutage. Die von materiellen und politischen Lasten und Privilegien befreite Kirche kann sich besser und auf wahrhaft christliche Weise der ganzen Welt zuwenden, wirklich weltoffen sein. Sie kann ihre Berufung zum Dienst der Anbetung Gottes und zum Dienst des Nächsten wieder unbefangener leben. Die missionarische Pflicht, die über der christlichen Anbetung liegt und die ihre Struktur bestimmen sollte, wird deutlicher sichtbar. Sie öffnet sich der Welt, nicht um die Menschen für eine Institution mit eigenen Machtansprüchen zu gewinnen, sondern um sie zu sich selbst zu führen, indem sie zu dem führt, von dem jeder Mensch mit Augustinus sagen kann: Er ist mir innerlicher als ich mir selbst (vgl. Conf. 3, 6, 11). Er, der unendlich über mir ist, ist doch so in mir, dass er meine wahre Innerlichkeit ist. Durch diese Art der Öffnung der Kirche zur Welt wird damit auch vorgezeichnet, in welcher Form sich die Weltoffenheit des einzelnen Christen wirksam und angemessen vollziehen kann.

Es geht hier nicht darum, eine neue Taktik zu finden, um der Kirche wieder Geltung zu verschaffen. Vielmehr gilt es, jede bloße Taktik abzulegen und nach der totalen Redlichkeit zu suchen, die nichts von der Wahrheit unseres Heute ausklammert oder verdrängt, sondern ganz im Heute den Glauben vollzieht, eben dadurch dass sie ihn ganz in der Nüchternheit des Heute lebt, ihn ganz zu sich selbst bringt, indem sie das von ihm abstreift, was nur scheinbar Glaube, in Wahrheit aber Konvention und Gewohnheit ist.

Sagen wir es noch einmal anders: Der christliche Glaube ist für den Menschen allezeit – und nicht erst in der unsrigen – ein Skandal. Dass der ewige Gott sich um uns Menschen kümmern, uns kennen soll, dass der Unfassbare zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort fassbar geworden sein soll, dass der Unsterbliche am Kreuz gelitten haben und gestorben sein soll, dass uns Sterblichen Auferstehung und Ewiges Leben verheißen ist – das zu glauben ist für die Menschen allemal eine Zumutung.

Dieser Skandal, der unaufhebbar ist, wenn man nicht das Christentum selbst aufheben will, ist leider gerade in jüngster Zeit überdeckt worden von den anderen schmerzlichen Skandalen der Verkünder des Glaubens. Gefährlich wird es, wenn diese Skandale an die Stelle des primären skandalon des Kreuzes treten und ihn dadurch unzugänglich machen, also den eigentlichen christlichen Anspruch hinter der Unbotmäßigkeit seiner Boten verdecken.

Um so mehr ist es wieder an der Zeit, die wahre Entweltlichung zu finden, die Weltlichkeit der Kirche beherzt abzulegen. Das heißt natürlich nicht, sich aus der Welt zurückzuziehen, sondern das Gegenteil. Eine vom Weltlichen entlastete Kirche vermag gerade auch im sozial-karitativen Bereich den Menschen, den Leidenden wie ihren Helfern, die besondere Lebenskraft des christlichen Glaubens zu vermitteln. „Der Liebesdienst ist für die Kirche nicht eine Art Wohlfahrtsaktivität, die man auch anderen überlassen könnte, sondern er gehört zu ihrem Wesen, ist unverzichtbarer Wesensausdruck ihrer selbst“ (Enzyklika Deus caritas est, 25). Allerdings haben sich auch die karitativen Werke der Kirche immer neu dem Anspruch einer angemessenen Entweltlichung zu stellen, sollen ihr nicht angesichts der zunehmenden Entkirchlichung ihre Wurzeln vertrocknen. Nur die tiefe Beziehung zu Gott ermöglicht eine vollwertige Zuwendung zum Mitmenschen, so wie ohne Zuwendung zum Nächsten die Beziehung zu Gott verkümmert.

Offensein für die Anliegen der Welt heißt demnach für die entweltlichte Kirche, die Herrschaft der Liebe Gottes nach dem Evangelium durch Wort und Tat hier und heute zu bezeugen, und dieser Auftrag weist zudem über die gegenwärtige Welt hinaus; denn das gegenwärtige Leben schließt die Verbundenheit mit dem Ewigen Leben ein. Leben wir als einzelne und als Gemeinschaft der Kirche die Einfachheit einer großen Liebe, die auf der Welt das Einfachste und das Schwerste zugleich ist, weil es nicht mehr und nicht weniger verlangt, als sich selbst zu verschenken.

 

Liebe Freunde! Es bleibt mir, den Segen Gottes und die Kraft des Heiligen Geistes für uns alle zu erbitten, dass wir in unserem jeweiligen Wirkungsbereich immer wieder neu Gottes Liebe und sein Erbarmen erkennen und bezeugen können. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!

Anmerkungen

1

Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (Hg.): Apostolische Reise Seiner Heiligkeit Papst Benedikt XVI. nach Berlin, Erfurt und Freiburg. Predigten, Ansprachen und Grußworte. (Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls Nr. 189) Bonn 2011, 145  151. In diesem Dokumentationsband finden sich auch alle übrigen offiziellen Ansprachen des Papstes sowie die offiziellen Reden und Grußworte der Repräsentanten der Organisationen, mit denen sich Benedikt XVI. während seines Deutschlandbesuchs getroffen hat und die in dem vorliegenden Sammelband zitiert werden.

In der Welt, aber nicht von der Welt

Erzbischof Robert Zollitsch

 

Von den vielen Impulsen, die Papst Benedikt durch seine Predigten und Ansprachen während seiner Apostolischen Reise nach Deutschland 2011 gab, entfalten seine Überlegungen im Freiburger Konzerthaus eine besonders nachhaltige Wirkung. Dabei geht es dem Heiligen Vater sehr grundlegend um die Sendung der Kirche und damit auch um ihre Existenz in der Welt, in der sie lebt, und um ihre Aufgabe in der Welt und für sie. Dieser Sendung hat die Kirche sich immer neu zu vergewissern. „Die göttliche Liebe will nicht nur für sich sein, sie will sich ihrem Wesen nach verströmen.“ So hat der Sohn Gottes Fleisch angenommen, ist Mensch geworden, um zum einen, „die Welt in ihrer Weltlichkeit zu bestätigen und ihr Gefährte zu sein“, und zum anderen, „um sie zu verwandeln.“ Papst Benedikt greift dabei einen Gedanken der Kirchenväter auf, die von einem sacrum commercium, einem Tausch zwischen Gott und den Menschen sprechen. So besteht einerseits eine geradezu staunenerregende Bindung zwischen Gott und der Welt, und damit ein Auftrag der Kirche für die Welt und in ihr. Andererseits unterscheidet sich die Kirche, die „danach trachtet, sich selbst nach dem Typus, den Christus ihr vor Augen stellt, zu bilden“, tief von ihrer menschlichen Umgebung, „in der sie lebt oder der sie sich nähert.“ Da die Kirche zwar in der Welt lebt, aber nicht von der Welt ist (vgl. Joh 18,36), wird sie um ihrer Sendung willen „auch immer wieder Distanz zu ihrer Umgebung nehmen müssen, sich gewissermaßen ‚ent-weltlichen‘.“

Diese theologische Grundlegung gilt es zu beachten, wenn man über das Verhältnis von Kirche und Welt nachdenkt und dabei den Begriff „Entweltlichung“ aus der Rede des Papstes aufgreift. Dabei darf man dann auch nicht übersehen, dass der Heilige Vater „ent-weltlichen“ mit Anführungszeichen versieht und den Begriff durch ein davor gesetztes „gewissermaßen“ einschränkt und relativiert.

Weil dies zu wenig oder gar nicht beachtet wurde, kam es teilweise dahingehend zu einseitigen Kommentaren, dass es dem Pontifex angeblich in erster Linie um eine „Entweltlichung“ im Sinne einer selbstzwecklichen Distanz der Kirche von der Welt und deren Gesetzen und Gesetzmäßigkeiten gehe. Umso wichtiger ist es, der Frage sorgfältig nachzugehen und die Rede im Freiburger Konzerthaus in einen größeren Kontext einzuordnen. Dazu möchte ich einen Beitrag leisten.

Die ersten Reaktionen und der tiefere Sinn der Rede

In den deutschen Bistümern wurden die Ausführungen des Papstes mit großer Sensibilität aufgenommen. Sie führten nicht selten in einer ersten Reaktion zu einer gewissen Verunsicherung. Will uns, so fragten manche Mitglieder der Diözesansteuerräte, der Papst sagen, unser ehrenamtliches Engagement im kirchlichen Finanzwesen sei fragwürdig und nicht ganz in Ordnung? Unsicher fühlten sich andere, die an der Ausgestaltung der rechtlichen Beziehungen zwischen Staat und Kirche mitwirken und dabei oft auch an der Frage arbeiten, wie man die Freiheitsrechte der Kirchen und Religionsgemeinschaften angesichts der neuen religiösen Lage in Deutschland auf richtige Weise weiterentwickeln kann. Stellt der Papst etwa das gewachsene System des Staatskirchenrechts infrage? Redet er einer Laizität das Wort, wie sie in Frankreich zunächst antikirchlich oktroyiert wurde und heute von der Kirche in Frankreich als durchaus lebbar eingestuft wird?

Solche Verunsicherung stößt das Nachdenken an, vor allem aber auch die genauere Auseinandersetzung mit der Rede des Heiligen Vaters, die sich keineswegs allein mit dem Wort der „Entweltlichung“ auf den Punkt bringen lässt. Daher kommt es entscheidend darauf an, den Kontext der Rede zu beachten. Sie richtet sich aufgrund der Einladung in besonderer Weise an Christen, die sich in der Kirche und der Gesellschaft engagieren, für deren Einsatz in der Welt Papst Benedikt den Anwesenden ausdrücklich dankt. Es geht ihm darum, ihnen einen Kompass zu erstellen, der christliches Handeln in der Welt ermöglicht; aufzuzeigen, wie dieses Engagement aussehen kann – und auch, wo es Zerrformen gibt. Der Kontext der Freiburger Rede ist nicht politischer, sondern theologischer Natur. Alle, die meinen, vor allem im politischen Raum aus dieser Rede rasch politisches Kapital schlagen und mit sozusagen höchster Unterstützung die nicht leichten und im Einzelnen sehr verschiedenen Probleme von Staatsleistungen, Körperschaftsstatus der Kirche und dessen Konsequenzen, theologischen Fakultäten, Religionsunterricht usw. neu aufrollen zu können, befinden sich deshalb auf einer falschen Fährte. Und auch wenn Papst Benedikt von „Privilegien“ spricht, ist dieser Begriff einer allgemeinen theologischen Reflexion und nicht der Arena des politischen Kampfes zuzuordnen.

Sich den Gefährdungen der Kirche stellen

In der Tat sind erste, übereilte Reaktionen auf die Papstrede unterdessen als falsch erkannt und überwunden worden, was aber auch heißt, dass man besser an den Kern dessen herankommen kann, was Papst Benedikt der Kirche – und nicht nur der Kirche in Deutschland – sagen wollte. Er wollte den Zuhörern einschärfen, dass die Kirche „wo sie wahrhaft sie selber ist, immer in Bewegung“ ist und sich „fortwährend in den Dienst der Sendung stellen“ muss, „die sie vom Herrn empfangen hat“. Dabei muss sie sich „immer neu den Sorgen der Welt öffnen, zu der sie ja selber gehört“. Dies aber, so mahnt Papst Benedikt, darf nicht so geschehen, dass die Kirche der „Organisation und Institutionalisierung größeres Gewicht als ihrer Berufung zu der Offenheit auf Gott hin“ gibt. Er spricht in diesem Zusammenhang davon, dass eine „von materiellen und politischen Lasten und Privilegien befreite Kirche […] (sich) besser und auf wahrhaft christliche Weise der ganzen Welt zuwenden“ und wirklich „weltoffen“ sein könne. Also: Der Papst will die Hinwendung der Kirche zur Welt – nicht angepasst, sondern beseelt durch die Andersartigkeit Gottes und die Hinwendung zu ihm. Es geht dem Heiligen Vater darum, eindrücklich darauf zu verweisen, dass Kirche niemals Selbstzweck ist, sondern ihren Auftrag darin hat, für das Wirken Gottes offen und empfänglich zu sein, uns in ihm fest zu machen und nicht in Organisation oder Struktur, die sich im Laufe der Geschichte immer wieder geändert haben und weiter ändern werden. Das Entscheidende ist für ihn, darauf aufmerksam zu machen, dass vor allem anderen Gott der Vorzug zu geben ist, und sich daraus dann erst die nachfolgenden Aufgaben in der Sendung der Kirche ableiten. ‚Wo Gott ist, da ist Zukunft‘ – dem Leitwort seiner Pastoralreise durch Deutschland entsprechend können wir mit Papst Benedikt von der Kirche sagen: Wo sich Kirche zuallererst und ganz und gar an Gott orientiert, da hat sie Zukunft. Man könnte meinen, dass dies beinahe eine Binsenweisheit darstellt, doch gibt es – nicht nur in unserer Zeit – Gefährdungen von zwei Seiten, denen wir uns in der Kirche immer neu zu stellen haben, um diesem Auftrag entsprechen zu können.

1. Weder Indifferentismus noch Weltflucht

Wir haben also, um uns den Impuls von Papst Benedikt anzueignen, den er zudem in seinen Predigten in Deutschland immer wieder variiert hat, im Kräftefeld zwischen zwei Extremen zu lokalisieren, die beide ausgeschlossen werden können:

Das eine Extrem ist ein Verständnis von Kirche, die ihre irdische Erscheinungsform und Verfasstheit möglichst weltentrückt und ihr geschichtliches Wirken möglichst distanziert von den realen Prozessen religiöser Orientierung in der Gesellschaft und den konkreten Wirkbedingungen entfalten sollte, um das Göttliche – seine Kraft zur „Irritation“ alles Weltimmanenten – besser zur Geltung zu bringen. Dagegen erheben sich Einwände von der Inkarnation her: Als ob die Menschwerdung Jesu Christi, sein Leben und Wirken, sein Leiden und Sterben für die Menschen inmitten „seiner“ Lebens- und Glaubenswelt nicht von einer umfassenden Inkulturation getragen gewesen sei. Nein, nicht von einer auf fragwürdige Weise spiritualisierten Existenzweise der Kirche spricht der Papst, sondern von einer Lebensweise, die sie bestmöglichst als innerweltliche Zeugin einer weltüberschreitenden Botschaft und Liebe Gottes wirken lässt. Damit ist stets die Gefahr verbunden, dass das Zeugnis der Kirche durch die Ansprüche und Sachzwänge der Welt verdunkelt wird. Dennoch hat sie sich um ihres Auftrags willen der Welt in Liebe zuzuwenden. „Die Sendung der Kirche kommt ja vom Geheimnis des Dreieinigen Gottes her, dem Geheimnis seiner schöpferischen Liebe. […] Und die göttliche Liebe will nicht nur für sich sein, sie will sich ihrem Wesen nach verströmen.“ Deshalb kann es keine alleinige und einseitige Zuwendung zu Gott geben, die nicht auch den Menschen im Blick hat, und in besonderer Weise diejenigen, die der liebevollen Zuwendung besonders bedürfen. Diese Zuwendung zum Menschen kann jedoch niemals geschehen, ohne zuerst aus der Beziehung zu Gott zu leben. Denn die Kirche weist in der Welt auf die Welt Gottes hin. Tut sie es nicht, dann hört sie auf, Kirche zu sein. Zugleich unterstreicht der Papst, dass die Kirche zur Welt gehört und in ihr wirken muss.

Gerade deshalb steht die Kirche im Blick auf ihr Handeln in der Welt in Gefahr, sich die Hände „schmutzig zu machen“, da sie in einer von Sünde und Orientierungslosigkeit gezeichneten Welt wirkt. Die katholische Moraltheologie geht klar von der Auffassung aus, es gebe dichotomisch entweder „Richtig“ oder „Falsch“ und nichts Drittes – während man im evangelischen Raum vielleicht eher meint, der Mensch handle so oder so sündig und bedürfe immer und in jedem Fall der Heilung durch die Gnade. Doch bewährt sich das moralische Handeln als richtig inmitten einer unguten und durch die Sünde vielfach gekennzeichneten Welt. Es bleibt eine stete Herausforderung, den Spuren dieser Welt im Sinne einer ungebrochenen Eindeutigkeit und Reinheit zu entrinnen. Es gilt, das Richtige zu tun, und das Falsche zu unterlassen, das aber unter Bedingungen der Unübersichtlichkeit dieser Welt.

Die geradezu gebieterische Präsenz des ethisch Unrichtigen erlebt man seit etlichen Jahren zum Beispiel im Bereich des Schutzes menschlichen Lebens von seinem Anfang bis zum natürlichen Ende. So ist ja nach kirchlicher Lehre die extrakorporale Befruchtung kein ethisch einwandfreies Mittel, um zu Nachkommen zu gelangen, was aber uns Bischöfe nicht davon abhalten kann, uns mit den Folgeproblemen des faktischen Vorhandenseins solcher Praktiken zu befassen und uns verantwortlich zur Embryonenforschung oder zur Stammzelltherapie zu äußern – Fragen, die sich eigentlich von vorneherein außerhalb des ethisch Möglichen bewegen, aber doch von Menschen und vor allem von der Politik gestellt werden. In vielen Zusammenhängen werden die Seelsorge und die Kirche eingeholt von Abwägungsfragen. Sie fordern uns heraus, zu Fragen, die die „Welt“ uns stellt, Position zu beziehen – gerade angesichts der unumgänglichen „Ambivalenzen“, in denen der Mensch heute lebt und handelt.

Das weist hin auf ein anderes Extrem, das ebenso abzulehnen ist: Genauso falsch, wie allein auf Gott zu setzen und dabei aus dem Blick zu verlieren, dass Gott uns gerade zu den Menschen sendet, wäre es, so Papst Benedikt, den Blick so auf die Menschen zu lenken, dass wir dabei Gott aus den Augen verlieren. Es wäre der Weg, wie Kirche in ihrem Auftrag genauso fehl gehen würde. Und so wie schon die erste Versuchung eine Realität darstellt, der wir in der Kirche immer wieder begegnen, stehen wir auch ganz praktisch in Gefahr, unter dem Deckmantel der Menschlichkeit den Blick auf Gott zu verstellen. Es wird dann nicht mehr gefragt, welches Handeln sittlich gut und richtig ist; im Vordergrund steht dann ein Nützlichkeitsdenken, das vor allem pragmatisch vorgeht. Der Weltbezug würde dann so verstanden, dass wir nicht als Christen in der Welt leben und sie von innen her wandeln können, sondern dass wir uns einfach den Gesetzmäßigkeiten der Welt anpassen, und uns resignativ in ein angebliches Schicksal ergeben würden, wonach man sich sowieso im Öffnen zur Welt und deren Sorgen immer die „Hände schmutzig“ machen werde und es deshalb auch nicht entscheidend darauf ankomme, was letztlich zu tun sei, und woran man sich zu orientieren habe. Das falsche Extrem auf dieser Seite sind der Verzicht auf Unterscheidung und die kritiklose Anpassung. Dann ist der Indifferentismus nicht mehr fern. Auch davon spricht Papst Benedikt.

Indifferentismus einerseits und Weltflucht im frommen Gewand andererseits sind zwei Extreme, die gleichermaßen vermieden werden müssen. Das von Papst Benedikt als „Entweltlichung“ Geforderte bewegt sich zwischen diesen beiden Extremen. Wo genau? Dazu bedarf es m. E. im Einzelnen der genauen Abwägung, weil sich eben das richtige Handeln in der Konkretisierung der Prinzipien unter Würdigung der Umstände bewährt. Dazu bedarf es aber vor allem einer Verwurzelung in Gott, die uns zeigt, wie unsere Sendung in der Welt Gestalt gewinnen kann.

2. Der Versuchung widerstehen

Um besser zu verstehen, was dies bedeutet, kann uns eine bekannte biblische Geschichte einen Hilfe sein, die wir in der kirchlichen Leseordnung zu Beginn der Fastenzeit hören und die im Lukasevangelium ihre besondere Ausformung erhalten hat: die Perikope von der Versuchung Jesu (Lk 4, 1  13). Sie ist ein sehr passender Referenztext für das Bemühen um die Erneuerung und Vertiefung des Glaubens durch eine ausgewogene „Entweltlichung“. Papst Benedikt hat den Bericht über die Versuchung Jesu auch im ersten Teil seines Jesusbuches so verstanden und ausführlich ausgelegt.

Der Verführer spricht, so sieht es die geistliche Tradition, den Herrn, der sich in die Wüste zurückgezogen hat, um zu fasten, auf drei zentrale Kräfte des menschlichen Lebens an: Macht, Besitz und Ehre. Es sind irdische, naturale Kräfte, denen gegenüber Menschen und menschliche Organisationen in Gefahr sind, gänzlich zu erliegen, und die in besonderer Weise eine Gestaltung aus dem Glauben heraus verlangen. Papst Benedikt schreibt dazu in seinem Jesusbuch: „Der Kern aller Versuchung – das wird hier sichtbar – ist das Beiseiteschieben Gottes, der neben allem vordringlicher Erscheinenden unseres Lebens als zweitrangig, wenn nicht überflüssig und störend empfunden wird.“ (S. 57) Auch hier gilt: Macht, Ehre und Besitz sind nicht als solche verwerflich – allerdings dann, wenn ich sie nur für mich selbst gebrauche, wenn ich ohne Gott „nur auf das Eigene baue, nur die politischen und materiellen Realitäten als Wirklichkeit anerkenne und Gott als Illusion beiseite lasse, das ist die Versuchung, die uns in vielerlei Gestalten bedroht“ (ebd.). Betrachten wir die Versuchungen im Einzelnen:

Macht

In dem von uns deutschen Bischöfen beschlossenen Dialogprozess haben wir ausdrücklich das Ziel vor Augen, immer mehr eine „dienende Kirche“ zu sein. Der Grund ist klar: Allen Beteuerungen zum Trotz und ungeachtet aller wortreichen Unterscheidungen, wonach es in der Kirche doch allseitig lediglich den von Christus ermächtigten Dienst gebe, erscheinen Bistümer und Bischöfe, Orden und kirchliche Zusammenschlüsse, aber auch andere Organismen innerhalb der Weltkirche, vielen Menschen innerhalb und außerhalb der Kirche immer wieder als auf fragwürdige Weise mächtig und machtvoll wirkend. Die Tatsache geistlicher und gesellschaftlicher Machtausstattung ist zunächst einmal unproblematisch, sie provoziert aber zur Klärung der Frage, ob diese Macht in Übereinstimmung mit den Weisungen des Herrn steht oder nicht. Der Herr ist nicht gekommen, um zu herrschen, sondern um zu dienen (vgl. Mt 20, 28). Er wollte, dass es bei den Seinen nicht um die Unterdrückung und unfrei machende Beherrschung von Menschen geht, sondern um deren integrale Förderung. Im Binnenbereich der Kirche ist damit immer neu die Frage gestellt nach den Grenzen glaubensverantworteter und begründeter (geistlicher und organisationeller) Macht, wie auch im Außenwirken der Kirche eine Analyse der Machtausübung unerlässlich ist, derer sich die Kirche bedient. Vielleicht ist es auch gut, dass sich die Kirche noch mehr der Kritik stellt, sie sei in mancher Hinsicht ein „Apparat“, in dem die Gesetze der Machtausübung stärker wirken als die Vorgaben des Evangeliums. Als Maßstab kann der Primizspruch des Papstes dienen, den ihm die deutschen Bischöfe in einer zeitgenössischen Vertonung in Freiburg beim gemeinsamen Mittagessen geschenkt haben: „Wir wollen ja nicht Herren über euren Glauben sein, sondern wir sind Helfer zu eurer Freude.“ (2 Kor 1, 28) Wenn wir dem folgen, sind wir auf der Spur dessen, was Papst Benedikt meint, wenn er uns dazu einlädt, uns nicht im Innerweltlichen festzumachen, sondern uns neu Gott zuzuwenden und von dort her die Sorgen und Anliegen der Welt in den Blick zu nehmen.

Wer von einer dienenden Kirche spricht, sollte nicht kurzschlüssig oder gar selbstgerecht einen Machtbegriff zugrundelegen, der grundsätzlich moralisch negativ aufgeladen ist. Er tut gut daran, die Funktionalität der Macht – freilich aus ethischer und geistlicher Warte – in den Blick zu nehmen. Man muss dann auch ganz unzweideutig und klar eine veräußerlichte Machtkritik zurückweisen, wonach geistlich und lehramtlich begründete (oder sogar im Glauben wurzelnde) Regelungen und jurisdiktionelle Befugnisse auf jeden Fall überwunden und in einem Prozess der Weltangleichung entfernt werden sollten.

Wenn der Gesprächsprozess der katholischen Kirche in Deutschland im Jahr 2012 das Thema hat „Diakonia: Unsere Verantwortung in der freien Gesellschaft“, dann bietet dies Gelegenheit, die Freiburger Konzerthausrede des Heiligen Vaters im Hinblick auf die Versuchung zu falscher Machtausübung hin fruchtbar zu machen. Das betrifft auch die Seelsorge für Menschen, die in ihrem Leben leidvoll geprägt sind durch die Möglichkeiten, Chancen und Gefährdungen der freien Gesellschaft und die sich Hilfe und Trost von der Kirche erhoffen. Andererseits sind auch die kirchlich-institutionellen sowie die unternehmerisch organisierten Dimensionen kirchlichen Handelns angesprochen. Menschliche und wirtschaftliche Ressourcen, Wirkbedingungen und ethische Implikationen verlangen Beachtung und die Abwägung konkurrierender Güter ist nötig. Erst dann wird auf verantwortungsvolle und, wie ich hoffe, auch entschiedene Weise dem Anliegen des Heiligen Vaters entsprochen.

Besitz

Die Kirche in Deutschland verfügt über Vermögen und materielle Möglichkeiten wie kaum eine andere Ortskirche. Ihr „Reichtum“, die Weise ihrer Finanzierung durch die Kirchensteuer der Gläubigen, die staatlichen Finanzierungs- und Kofinanzierungsleistungen und manches mehr stehen im Brennpunkt der Beobachtung und nicht selten auch der Kritik. Zuviel Staatsnähe der Kirche, sagen die einen, zuviel Kirchennähe des Staates, sagen die anderen.

Wenn man die Freiburger Konzerthausrede konkretisieren will, ist auch im Blick auf den Besitz und die von ihm ausgehenden Versuchungen viel Sorgfalt erforderlich. Natürlich hat der Heilige Vater nicht das in Deutschland übliche und vielen öffentlich-rechtlich verfassten Religionsgemeinschaften gemeinsame (!) Verfahren der Steuererhebung einer fundamentalen Kritik unterworfen. Er kennt aus seinen Jahren als Erzbischof von München und Freising die oft schwierigen, aber zweifelsohne erfolgreich genutzten Möglichkeiten der Steuerung und pastoral sensiblen Nutzung der kirchlichen Finanzen. Auch ist die katholische Kirche Deutschlands auf weltkirchlicher Ebene unbestrittener „Weltmeister“ bei der Hilfe für die Kirche in anderen Ländern wie auch für kirchliche entwicklungspolitische Aktivitäten. Es gibt vermutlich – dies nur als Beispiel – kaum einen Priester in Mittel- und Osteuropa und kaum ein Priesterseminar in Lateinamerika, die nicht durch kirchliches Geld aus Deutschland unterstützt würden. Auch der Heilige Stuhl hat großen Nutzen vom Kirchensteuerzahler. Viele Aktivitäten der Kongregationen und Dienststellen in Rom können besser oder nur mit Hilfe der deutschen Katholiken zustande kommen.

Dennoch bleibt die Prüfung des kirchlichen Finanz- und Wirtschaftssektors eine Aufgabe, auf die uns die Freiburger Rede zu Recht anspricht. Die Sorge um das Geld, das kennen wir aus dem privaten Leben, verselbständigt sich nur allzu gerne und hält einen gefangen. „Euch aber, soll es zuerst um das Reich Gottes gehen“ (Mt 6,33; Lk 12,31), ist hingegen der Auftrag Jesu. Auch hier gilt wiederum: nicht dass es Besitz gibt, ist als solches schädlich. Er stellt uns jedoch vor die Herausforderung, wie wir damit umgehen und wie sehr uns das Sorgen um den Besitz in Beschlag nimmt. Eine Kirche, die sich mehr um Geld und Besitz als um die Seelen der Menschen sorgen würde, wäre ein fatales Zerrbild des Evangeliums. Zugleich dürfen wir aber nicht die Armut glorifizieren. Nichts zu besitzen, führt von sich aus nicht zum Glauben. Und die Kirche leistet durch das Geld, das sie zur Verfügung hat, wie bereits ausgeführt, nicht nur international viel Wertvolles. Aber auch hier gilt: der Bezug zu Gott und der Blick auf den Menschen müssen bei der Frage, wie wir mit Geld umgehen, das entscheidende Kriterium sein. Wir könnten noch so prächtig errichtete und renovierte Kirchen unser eigen nennen: ihren „Reichtum“ erhalten sie erst durch die Gläubigen, die in ihr zur Feier der Liturgie zusammen kommen! Wir könnten noch so effiziente Hilfsdienste haben, die sich vom Kindergarten bis zum Seniorenheim der Menschen annehmen: wenn sie sich nicht darin von den Dienstleistungen anderer Anbieter unterscheiden würden, dass in ihnen gerade auch die Offenheit des Menschen für Gott zum Ausdruck kommt, bräuchten wir sie nicht. Geld und Besitz der Kirche haben der Verkündigung

Ehre

Der Versucher verspricht Jesus in der Wüste „alle Reiche der Erde“; er soll Steine zu Brot machen und damit dem diesseitigen Haben den Vorzug vor seinem Leben im Geist geben; auf der Tempelzinne legt der Versucher Jesus nahe, sich die Ehre des Gottessohnes selbst zu nehmen (vgl. Lk 4, 1  13). Immer stehen in Bezug auf vitale Kräfte des Menschen Diesseits und Jenseits, Himmel und Welt im Streit miteinander. Was Papst Benedikt in seiner Freiburger Rede einschärft: Nötig ist die Unterscheidung der Geister, die der Herr vorlebte. Das Zeugnis für Gottes Welt darf nicht verstellt werden durch die ungeordnete Ausrichtung auf Irdisches. Es ist ein Postulat, das die ganze Geschichte des Christentums durchzieht und die Gläubigen und die Kirche in aller Welt betrifft. Das negative Beispiel von Päpsten, Bischöfen und Gläubigen aller Zeiten wie umgekehrt vor allem das Leben vieler Heiligen zeigen die Dramatik dieser geistlichen Auseinandersetzung, die der Papst weit über die Kirche in Deutschland hinaus auch für das kirchliche Wirken auf allen Hierarchieebenen in der Gegenwart anmahnt.

Die Diskussion, die gleich nach dem Besuch des Heiligen Vaters in Deutschland anhob, zeigt die Aktualität der Thematik, die der Papst ins Zentrum seiner Predigten und Ansprachen gerückt hatte und die ganz einfach in einem einzigen Satz enthalten ist: „Christliches Leben muss stets an Christus Maß nehmen.“ (Predigt auf dem City Airport in Freiburg) Die Impulse des Papstes für das innerkirchliche Gespräch – besonders auch in den kommenden Jahren, in denen wir des 50. Jahrestags des Zweiten Vatikanischen Konzils gedenken – und die stets erforderliche Neubestimmung christlichen Handelns in der Welt von heute sind beträchtlich. Der Dialog und das Bemühen um Klärung gelingen umso besser, je eindeutiger und glaubwürdiger sie von der Sorge um das unverfälschte Glaubenszeugnis geprägt sind, ohne Hochmut und moralisierende Besserwisserei geführt werden und darauf verzichten, Andersmeinende ins Abseits zu verbannen. Der Papst äußerte bei der Begegnung mit den deutschen Bischöfen, es richte ihn auf und ermutige ihn „zu sehen, wie die Hirten in aller Mühsal, in allen Widersprüchen, in allen Nöten, die es gibt […] den Mut nicht verlieren, weil sie wissen: der Herr ist mit uns, und er ist selbst der Weg, die Wahrheit und das Leben“. Dieser Satz ist nicht nur an die Bischöfe, sondern zugleich an die ganze Kirche in Deutschland gerichtet. Er ist die Grundlage für eine freimütige Auseinandersetzung mit den Impulsen, die der Heilige Vater in Deutschland gegeben hat.