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Miroslav Nemec
Miroslav Jugoslav

1. Auflage 2012
© by Gerhard Hess Verlag,
88427 Bad Schussenried
Gesamtherstellung: Gerhard Hess Verlag
www.gerhard-hess-verlag.de

Bildnachweise:
Privat, Wilhelm Pabst
Regine Körner (2)
Wilfried Hösl (2)
Eva Titus, Junker
Bundesregierung / Christian Stütterheim
Bundesregierung / –, Gerd Tratz
Foto Pohlmann, BR-Pressestelle (3)
dpa
Bei eventuellen Ansprüchen wenden Sie sich bitte an den Verlag

eBook-ISBN 978-3-87336-429-5

eBook-Herstellung und Auslieferung:
Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

Für meine Tochter Nina

„Eigentlich bin ich ganz anders, nur komme ich so selten dazu!“

nach Ödön von Horváth

Inhalt

Vorwort

1. Kapitel
Meine frühe Kindheit

2. Kapitel
Mein Vater

3. Kapitel
Meine Mutter

4. Kapitel
Meine Tanten Mila und Nevenka

5. Kapitel
Das tägliche Leben

6. Kapitel
Ferien in Punat

7. Kapitel
Meine zweite Heimat

8. Kapitel
Die erste Schulzeit

9. Kapitel
Zerrissen

10. Kapitel
Die zweite Schulzeit

Die Rockmusik und die jungen Damen

11. Kapitel
Das Mozarteum

12. Kapitel
Von Strkanec zu Nemec

13. Kapitel
Die entscheidende Wende

14. Kapitel
Erste Bühnenjahre

15. Kapitel
Köln, und ein Dachdecker aus Essen

16. Kapitel
München und das „Resi“

17. Kapitel
Freiheit ist, wenn man gehen darf

18. Kapitel
Das Fernsehen

19. Kapitel
Berufskrankheiten oder die „professionelle Deformation“

20. Kapitel
Mein Freund Erich

21. Kapitel
Tatort

22. Kapitel
Liederabende und Lesungen

23. Kapitel
Der Krieg

24. Kapitel
„Hand in Hand“

25. Kapitel
Die Miro Nemec Band

Back to the roots

Epilog

Vorwort

Die ganze Geschichte mit diesem Buch fing so an: Unser Postbote brachte mir ein Päckchen. Der Absender war ein Verlag, der Inhalt ein Interview-Buch mit Sir Peter Ustinov, mit einer Anfrage, ob ich Interesse hätte, auch so ein Buch zu produzieren. Die Vorgangsweise sollte so sein: Man trifft sich zwei oder drei Tage mit einem Mitarbeiter des Verlages, bekommt von ihm Fragen gestellt, die man möglichst interessant und umfangreich beantwortet und die gleichzeitig von einem Aufnahmegerät mitgeschnitten werden. Dann bringt jemand das Gesprochene zu Papier, ich prüfe und korrigiere den Text – und fertig ist das Buch. Es schien mir eine willkommene Möglichkeit zu plaudern und über Dinge nachzudenken, die ich als Erinnerung schriftlich bewahren könnte. Und so sagte ich zu. Nachdem die erste Fassung vorlag, wollte der Verlag jedoch aus verkaufstechnischen Gründen die Fragen in dem Text weglassen und somit ergab sich natürlich eine völlig neue Ausgangssituation, die dann doch eine Menge mehr Zeit als zwei oder drei Tage erforderte, um das Ganze überhaupt in eine lesbare Form zu bringen.

Während ich meine Interview-Antworten bearbeitet habe, fiel mir auf, dass mein Leben in besonderer Weise durch Sprüche und Witze beeinflusst wurde. Deswegen tauchen sie in meinen Geschichten immer wieder auf – auch der Satz von Ödön von Horváth unter der Widmung für meine Tochter gehört dazu.

Meine Familie, unsere Freunde und Bekannten in Kroatien waren ein nie versiegender Quell solcher Geschichten, Sprüche und Weisheiten. Unser Leben im Sozialismus in Jugoslawien wurde durch die vielen politischen Witze aufgelockert, die unter vorgehaltener Hand erzählt wurden.

In meinem späteren Leben kam noch die Literatur dazu, und natürlich das Theater mit seinen Anekdoten, den derben und den poetischen Schnurren. Ich muss sagen, ich bin bis heute empfänglich für gute Aphorismen, knappe präzise Lebensweisheiten sowie Sprüche. Es macht mir Freude, wenn jemand eine Begebenheit verbal auf den Punkt bringt – oder auch, wenn es knapp daneben geht. Wenn zum Bespiel ein Theaterpförtner in Wien beiläufig wichtig tut: „Meine Frau liegt im Krankenhaus, ich besuch sie, stell‘ ihr ein paar Gladiatoren in die Vase, freut‘ sie sich.“ Großartig! Gerne zitiere ich auch frei nach Bertolt Brecht: „Ich traue ihm nicht. Wir sind befreundet.“ Und mich begeistert, wie Ödön von Horváth sein Theaterstück „Geschichten aus dem Wienerwald“ beginnt: „Nichts gibt so sehr das Gefühl der Unendlichkeit als wie die Dummheit.“

Die besten Sprüche meiner Kindheit stammen von meiner Ziehmutter „Baba“, von der ich in diesem Buch noch mehr erzählen werde. „Tu nicht so bescheiden, so groß bist du nicht!“, sagte sie zum Beispiel oder wenn ich versuchte etwas zu erreichen, was meine Mittel überforderte und nicht erfolgversprechend schien: „Weißt Du, Miro: Wenn die Ziege einen langen Schwanz hätte, würde sie alle Fliegen verjagen!“, und bei familiären Unzulänglichkeiten bemerkte sie im Küstendialekt „Ki je munjen, taj je nas: Wer verrückt ist, gehört zu uns!“

November 2011

Miroslav Nemec

1

Meine frühe Kindheit

Ich wurde am 26. Juni 1954 als Miroslav Strkanec in Zagreb geboren. Mein Vater wollte mich so schnell wie möglich sehen. Selbst dabei zu sein bei der Geburt war zu dieser Zeit noch nicht üblich. Er hatte sich von seiner Schwägerin, meiner Tante Mila, die als Krankenschwester in der Kinderklinik arbeitete, einen weißen Arztkittel besorgt und sich in die Frauenabteilung eingeschlichen. So hat er es mir jedenfalls später erzählt. In der Woche meiner Geburt kamen zunächst nur Mädchen zur Welt – und dann ich! Mit 4,7 kg ein schwerer Junge sozusagen. Und Papa war stolz und glücklich.

Meine Eltern waren sich zunächst nicht einig, wie ich heißen sollte. Mama wollte einen kleinen Robert, Papa einen Branko. So hieß mein Cousin väterlicherseits. Also einigten sich die beiden auf einen Kompromiss: Miroslav. Das bedeutet: „den Frieden feiern“. „Mir“ ist „der Friede“ und „slaviti“ heißt „feiern“. Papa hatte sich aber trotzdem ausbedungen, dass der Name „Branko“ noch mit dran müsste. Und Mama, die mich unter schwersten Umständen am Tag der Heiligen Peter und Paul gebar – es gab an diesem Tag, wie sie mir später erzählte, ein dramatisches Gewitter mit Blitz und Donner, was für sie ein traumatisches Kindheitserlebnis war (Sie hatte gesehen und miterlebt, wie ein Blitz durch unser ganzes Haus in Punat auf der Insel Krk fuhr), hatte deswegen in den Wehen das Gelübde abgelegt, mir die Namen eben dieser Heiligen mitzugeben, falls alles gut ging. So trug ich dann die Namen Miroslav Branko Petar Pavao Strkanec. Die ganze Geschichte begann also im Gegensatz zu unserer materiellen Situation, zumindest was die Namen anging, sehr verschwenderisch.

Mit acht Monaten in unserer Garçonnière in Zagreb ...

... und ein paar Monate später in Niederbayern

Ich blieb Einzelkind. Aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen. Doch zu jener Zeit und noch Jahre später war das eher der Normalzustand. Die meisten meiner Freunde kamen aus kinderreichen Familien und lebten unter weitaus ungünstigeren Bedingungen.

Wir waren alle Vegetarier, allerdings unfreiwillig. Eintöpfe waren billig, machten satt und erinnern mich noch heute an einen Berliner Spruch zu diesem Thema: „Satt kenn’ ick nich’, entweder ick hab’ Hunger oder mir is schlecht.“, das heißt, wenn’s was gab, wurde richtig reingehauen.

Fleisch war sehr rar, es sei denn, wir besuchten die bäuerliche Verwandtschaft in der Umgebung von Zagreb, die Hühner hatten, Truthähne und Schweine. In der Stadt galten selbst Eier als Luxus.

Eier gab gab es auf den Bauernmärkten, groß, braun, manche mit zwei Dottern – und teuer. Die von den staatlichen Geflügelfarmen waren klein, weiß und genau so teuer, nahezu unerschwinglich.

Es gab zu der Zeit einen Witz, der die Lage der Bevölkerung treffend beschrieb. Ein Bankräuber hatte fünf Millionen Dinar (das war die damalige Währung) gestohlen und wurde nie gefasst. Über ihn gab es folgenden Witz:

„Haben Sie schon gehört? Die Polizei hat den Bankräuber, der die fünf Millionen geklaut hat, gefasst!“

„Nein wirklich? Wie denn?“

„Er hat auf dem Markt zehn Eier gekauft – und bar bezahlt!“

Folgender Scherz wurde gerne gemacht, wenn Gäste zum Essen kamen. Gastgeber zum Gast:

„Nehmen Sie doch, greifen Sie zu!“

Gast: „Danke, ich hatte schon drei Stück.“

Gastgeber: „Sie hatten vier, aber nehmen Sie nur.“

Wir bewohnten eine Garçonnière, wie man das damals nannte. In Zagreb stammen sehr viele Begriffe aus dem Französischen, wie Trottoir für Gehweg, Frigidaire für Kühlschrank oder Rechaud für Kochplatte, aber auch Worte aus dem Deutschen, bzw. Österreichischen wie „Badewanna“, „Schrafziger“ von Schraubenzieher „Schirajzl“, also ein Schüreisen für den Ofen oder „Haustor“ für Eingangstür waren gebräuchlich. Es sind Überbleibsel aus der k.u.k.-Zeit, das heißt der kaiserlich-königlichen, also österreichisch-ungarischen Donaumonarchie. Eine Garçonnière war eine Ein-Raum-Wohnung, das eigene Bad nicht selbstverständlich. Es gab damals viele Wohnungen, die im Treppenhaus eine „Bassena“, also ein Bassin, ein Waschbecken, hatten. Daneben die Toilette. Das bedeutete ein gemeinsames Klo und eine Handwaschgelegenheit für die Bewohner der umliegenden Wohnungen auf der Etage.

Um sich ganzkörperlich zu säubern, ging man üblicherweise am Samstag in die öffentliche Waschanstalt am Kvaternikov-Platz. Man nahm Seife und ein Handtuch mit und konnte für wenig Geld duschen oder sich in die Badewanne legen, dies aber zeitlich begrenzt. Ich glaube, 15 Minuten mussten reichen. Ein Wochenendvergnügen besonderer Art.

Das Haus, in dem wir lebten, war ein vierstöckiger Wohnblock, gebaut etwa in den Dreißiger Jahren. Natürlich ohne Lift. Aber immerhin hatten wir in unserer Wohnung schon ein eigenes Bad, aber keine Küche. Daher wurde das Bad als Multifunktionsraum genutzt, denn es war für uns Küche, „Esszimmer“ und Bad in einem. Auf der Badewanne lagen Bretter, auf denen die Kochtöpfe standen. Auch das Geschirr und ein Elektroteil mit zwei Kochplatten, also ein portables Rechaud. Es gab ein zweiflügeliges Fenster, darunter befand sich die Toilette. Gegenüber der Wanne stand ein schmaler Esstisch mit drei Stühlen. Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich auf dem Klo saß, während mein Vater am Tisch gegessen hat. Aus begreiflichen Gründen bestand er auf ein geöffnetes Fenster. Auch im Winter. Es war a…kalt.

Zeichnung von Susanne Schweiger

Im Flur befand sich die Garderobe, und im Zimmer standen ein Schrank, ein Kinderbett und zwei Klappsofas, die tagsüber als Sitzgelegenheit dienten – so hatten wir also ein Wohnzimmer. Nachts zum Schlafen wurden die Sofas aufgeklappt – fertig war das Schlafzimmer. Das Bettzeug verschwand tagsüber in die Kästen unter dem Sitzteil.

An einen Streich aus dieser Zeit – ich muss um die fünf Jahre alt gewesen sein – kann ich mich besonders gut erinnern. Ich warf eine überreife Birne auf die Straße, um einen jungen Mann, der gerade vorbei ging, zu erschrecken (oder ihn zu treffen?). Dabei war ich offenbar so unvorsichtig, dass mein Zielobjekt sofort erkannte, aus welchem offenen Fenster das Geschoss kam. Ich konnte mich gar nicht so schnell wegducken, wie die Birne zurückkam und an der weißen Zimmerwand explodierte. Es sah schrecklich aus. Da ich aber mit meinem vier Jahre älteren Cousin Branko allein daheim war, haben wir meinen Eltern nie verraten, dass ich der eigentliche Urheber dieses Übels war. Dieses „Fresko“ verzierte lange unsere Wohnschlafzimmerwand, im Lauf der Zeit blasser werdend, bis zu unserem Umzug in ein neues Zuhause, anlässlich meiner Einschulung in die zweite Klasse.

Das war ein ehemaliges kleines Försterhäuschen im Schatten eines großen Wohnblocks. Die Wohnblockwohnungen hatten Balkone, von denen die Kinder ihre selbst gebastelten Papier-Flieger lossegeln ließen – das konnte ich nicht – ich habe sie darum beneidet. Unser neues Domizil war immerhin schon eine Eineinhalb-Zimmer-Wohnung mit Küche, separatem Bad (was für ein Fortschritt!) und einem kleinen, verwilderten Hinterhofgarten. Dort hatte Herr Schantek seine Tischlerei. Auf den Holzstapeln turnten meine Freunde und ich natürlich in jeder freien Minute herum und wurden verständlicherweise verscheucht, da er Angst hatte, die Balken könnten auf uns drauf fallen. Im Souterrain des Vorderhauses gab es auch Interessantes: den Schneider, Herrn Vazdar. Ihm schaute ich unglaublich gerne bei der Arbeit zu, wie er mit Kreide die Schnitte auf die Stoffe zeichnete und dann mit einer großen Spezialschere zuschnitt.

Die Scheren und Messer, auch die meiner Mutter, wurden übrigens von Zigeunern geschliffen, die von Haus zu Haus zogen und auch Löcher in Kochtöpfen flickten. Damals sagte man noch nicht Sinti und Roma. Am Ausdruck Zigeuner hat sich zu dieser Zeit keiner gestört. Meist lebten die Roma, sie bekamen später von Tito in den 70ern einen Sonderstatus zuerkannt, im Winter in Monte Negro und Makedonien, also in den wärmeren Gebieten und im Sommer kamen sie dann auch zu uns in die nördlichen Regionen. Die Männer handelten entweder mit Pferden oder waren eben Kesselflicker und Scherenschleifer. Ihre Frauen haben aus der Hand, aus Karten oder dem Kaffeesatz die Zukunft gelesen.

Doch zurück zu unserem Nachbarn Herrn Vazdar, dem Schneider. Voller Hochachtung begleitete ich jeden Tag den Fortschritt von Herrn Vazdars Aufträgen, was ihm sichtlich Freude bereitete. Eines Tages präsentierte er mir voller Stolz den fertigen Anzug mit Weste auf der Nähmaschine unterm Fenster.

Der Duft der Textilien in der Schneiderwerkstatt, dazu von Harz, Holz und Sägespänen aus der nahen Tischlerei – das sind Gerüche, die bis heute angenehme Erinnerungen in mir auslösen.

1970 habe ich viel gezeichnet, unter anderem unser altes Hexenhäuschen hinter dem Wohnblock

2

Mein Vater

Mein Vater Milan Strkanec war „Revisor“, also Buchprüfer, in einer Bank.

Vom Sozialismus und vom jugoslawischen Selbstverwaltungsmodell war meine Familie damals, als der Staat in unseren Augen noch funktionierte, überzeugt. Es gab bis auf die kleinen Handwerksbetriebe, wie in unserem Haus, nur staatliche Firmen.

Papa hatte zu entscheiden, welche staatliche Firma kreditwürdig war und welche nicht. Er hatte seinen Arbeitsplatz im Großraumbüro eines dieser wunderbaren historischen Gebäude Zagrebs, an denen der Zahn der Zeit allerdings schon genagt hatte.

Das Stadtbild von Zagreb ist sehr habsburgisch geprägt – bis 1919 gehörte Kroatien ja zur Donaumonarchie. Die meisten Gebäude stammen aus der k.u.k.-Zeit, die herrliche Oper zum Beispiel. Auch die stattlichen Bürgerhäuser mit ihren prächtigen Fassaden. Diese palastähnlichen Gebäude entwarfen übrigens dieselben Architekten, die sich in Wien, Graz und anderen österreichisch-ungarischen Städten mit ihren Werken verewigt hatten.

In einem dieser Gebäude arbeitete mein Vater also als einziger Mann unter rund 20 Genossinnen, die ohne Ausnahme ständig rauchten und Kaffee tranken. Die Chefin der Bank war auch eine Frau. Papa rauchte nicht, trank nur Tee, und zwar ohne seine Arbeit zu unterbrechen. Wenn ich ihn besuchte, fragte ich regelmäßig:

„Warum bist du der Einzige hier, der arbeitet?“

Vielleicht kam ich ja zufällig immer nur in den Pausenzeiten, aber ich glaube eher nicht.

Mein Vater war allerdings auch nicht sonderlich motiviert. Er liebte seinen Beruf nicht. Dennoch war er sehr gewissenhaft – es bedeutete ihm viel, keine Fehler zu machen.

Im Dezember kam für die Kinder der Angestellten „Opa Frost“, also die sozialistische Version des Heiligen Nikolaus, in die Bank und legte Geschenke unter den Tannenbaum, dessen Spitze ein roter, fünfzackiger Stern zierte.

So einer fand sich später auf meiner blauen Faltkappe, nachdem ich den Pionier-Eid auf Marschall Tito geleistet hatte, da war ich zehn. Für mich war diese Zeit außerordentlich aufregend.

Man war bei Sportfesten und Paraden dabei, bewunderte den Marschall in seinen perfekt sitzenden Uniformen und ließ sich von den großen kollektiven Gefühlen, die dabei bewusst erzeugt wurden, begeistern.

Aber ich wollte ja von meinem Vater erzählen. Das bisschen, was Vater verdiente, reichte hinten und vorne nicht. Er musste sich ständig um Zusatzeinkommen bemühen. So verkaufte er unter anderem Eintrittskarten für die Fußballspiele von „Dinamo Zagreb“ und nahm mich mit. Leider musste er gleich nach Spielbeginn abrechnen, sodass wir erst die zweite Halbzeit sehen konnten. Jedenfalls versäumte ich nie den Spielausgang. Im „Lunapark“ – einer Art Vergnügungspark – arbeitete er auch stundenweise abends an der Kasse. Da durfte ich dann ab und zu umsonst Auto-Scooter fahren.

Ich glaube, meine spätere Vorliebe für große Autos beginnt mit diesen beengten Fahrerlebnissen.

Die Arbeitszeiten in der Bank begannen, wie in vielen andere Firmen zu der Zeit, morgens um sechs, und endeten nachmittags um 14.30 Uhr. Nach Dienstschluss fuhr er mit der Straßenbahn nach Hause. Er konnte sich sein Leben lang weder ein Fahrrad, noch ein Motorrad, geschweige denn ein Auto leisten. Deswegen hat er natürlich auch nie einen Führerschein gemacht. Für die Straßenbahn allerdings besaß er eine für Bankbeamte vergünstigte Jahreskarte. Und das erfüllte ihn mit Stolz. Später, als ich schon in Deutschland lebte, und nur in den Ferien zu Besuch kam, schenkte er mir genau so eine Straßenbahnjahreskarte als Liebesbeweis.

Um 14.30 Uhr, also nach Dienstschluss, waren die Straßenbahnen überfüllt. Davon zeugen diese beiden Geschichten:

Ein Zigeuner fährt in der überfüllten Straßenbahn und lässt ordentlich einen fahren. Dann wendet er sich an die Dame hinter sich und sagt:

„Machen Sie sich nix draus, hätt‘ mir auch passieren können!“

In der anderen Geschichte steigt eine ältere Dame in die völlig überfüllte Straßenbahn. Es schaukelt und wankt, und sie beklagt sich:

„Hier kann man sich ja nirgends festhalten.“

Worauf ein junger Mann erwidert: „Sie können sich ja an meinem Ding festhalten.“

Ihre geistesgegenwärtige Antwort: „Wenn er Ihnen vier Stationen lang steht, junger Mann, sehr gern!“

Wenn mein Vater von der Arbeit nach Hause kam, aßen wir gemeinsam zu Mittag. Der Vorteil dieser frühen Stunde war, dass ich wirklich etwas von ihm hatte und das gemeinsame Familienleben ab 16 Uhr funktionieren konnte.

Papa war übrigens ein begeisterter Bergwanderer. Sofort nach dem Essen ging’s los. Oft waren auch meine beiden Cousins oder die Nachbarkinder mit von der Partie – und dann ging’s auf den rund 1300 Meter hohen Zagreber Hausberg, „Sljeme“, zu dessen Füßen die Stadt liegt und dessen Ausläufer im Norden ein liebliches Hügelland bilden. „Wir nehmen den ‚Zipelzug’“, sagte Vater. „Zipela“ heißt Schuh und der Zug wie im Deutschen eben Zug. Also „Schuhzug“. Das hieß: Alles per pedes, keine Straßenbahn und schon gar kein Maulen, von wegen „Papa, wir können nicht mehr“. Egal, ob Sommer oder Winter, bei jedem Wetter. Wenn wir manchmal meuterten, hieß sein Schlachtruf:

„Wir schaffen das schon, wie die Partisanen im Wald!“

Das hat uns dann doch wieder angespornt.

Immer dabei hatte er einen 1,5 Liter-Lederbeutel mit einem Schraubverschluss aus Horn. Das Geschenk eines italienischen Freundes aus Zadar. Der Beutel war mit Wein gefüllt. Auf der Hälfte des Rückweges hatte er die Hälfte des Inhalts intus. Da kam natürlich richtig Stimmung auf. Er schnitt die abenteuerlichsten Grimassen, ließ die Brille auf der Nase herunterrutschen, erzählte pausenlos Witze und wollte, dass wir ihn beim Laufen einholen. Im Winter schlitterten wir auf dem Hosenboden – er natürlich auch – zwischen den Bäumen die Hänge herunter. Es war so ein Spaß, dass wir völlig vergaßen, wie müde wir waren. Als Belohnung, vielleicht auch als Folge von Papas Schwips, durften wir dann das letzte Stück mit der Straßenbahn nach Hause fahren – und Vater leerte den Rest seines Weinbeutels.

Zu Hause angekommen, machte er erst mal ein kurzes Nickerchen, bevor es Abendessen gab. Und verständlicherweise verließ er dann – egal ob Gäste da waren oder nicht – die Runde um halb zehn, um für den nächsten Morgen um fünf Uhr wieder fit zu sein.

Hervorragend war er als Schachspieler, so wie die meisten Männer in unserer Familie. Ich selbst habe schon mit fünf Jahren angefangen, Schach zu lernen. Oft spielte man so genannte „Fresspartien“, bei denen man versuchen musste, gegnerische Figuren möglichst schnell vom Feld zu schlagen. Meine Gegner waren gnadenlos. Nie ließen sie mich absichtlich gewinnen. Auch nicht, wenn die Frauen ihnen zuflüsterten:

„Also jetzt gebt doch mal dem armen Jungen eine Chance.“

Die einhellige Antwort: „Nein, wozu? Er muss auch das Verlieren lernen!“

Und mein Onkel Milan dozierte: „Die Sportler haben alles trainiert, nur nicht die Niederlage.“

Er war Schachturnierspieler, von Beruf Ingenieur und Landvermesser, kam aus Novi Sad in der Vojvodina, war rechtgläubig, also orthodox. Ich erinnere mich, dass wir für ihn ein zusätzliches Weihnachtsfest ausrichteten, welches nach orthodoxem Ritus am 6. Januar begangen wird. Allerdings dann ohne Geschenke. Dafür gab es aber einen von ihm zubereiteten „Karpfen blau“ und er spielte Hawaii-Gitarre dazu, so was wie „Aloha he“, nicht sehr weihnachtlich traditionell, aber dafür umso mehr von sich selbst und seiner Musik begeistert.

Was handwerkliche Dinge anging, war mein Vater nicht sehr begabt. Er wäre nie auf die Idee gekommen, auch nur eine Glühbirne auszuwechseln. Viel mehr inszenierte er sich als Koordinator, stellte sich vor die anderen und gab entsprechende Anweisungen. Manchmal bat ich ihn:

„Papa, mach du das doch mal.“

„Ja, wieso denn? Ihr seid doch genug Leute, ich pass nur auf, dass alles richtig läuft. Außerdem: Eure Diener sind ausgestorben. Und so würde auch ich sterben.“

Zum einen hatte er keine Lust, zum anderen zwei linke Hände.

Das Hochzeitsfoto meiner Eltern, 1946

Links: Mein Cousin Branko mit meiner Mama
Rechts: Papas Schwester Stefica mit mir, in der Mitte mein Vater Milan

Mit Mama im Park

Mit Papa auf dem Land

Vor unserer Garçonnière

Mein Cousin Branko, Papa und ich bei Verwandten auf dem Land östlich von Zagreb

3

Meine Mutter

1942 in Bautzen (Sachsen)

Meine Mutter Nikoslava (Nina) Strkanec, geb. Franolic, stammte von der Insel Krk aus dem kleinen Dorf Punat, das in einer großen, geschützten Bucht liegt. Krk ist die größte Insel an der kroatischen Küste. Gegenüber von Punat, auf dem Inselchen Košljun, befindet sich auf dem Friedhof des dortigen Franziskanerklosters unser Familiengrab, das Franolic-Grab. Mein Urgroßvater Anton hatte die erste Badeanstalt in Punat gegründet, und unsere Familie betrieb auch das Postamt. Dort hat die Mutter meiner Mutter, Marija, viele Jahre ihren Dienst versehen. Es wurde glaubhaft erzählt, dass sie mit dem Hintern morsen und telegraphieren konnte. Und zwar, indem sie mit dem Hinterteil auf dem Tisch saß und dabei die Morsetaste bewegte. Ich habe sie leider nie kennen gelernt – sie starb sehr früh, da war meine Mutter gerade drei Jahre alt. Marija bekam eine Lungenentzündung – und es gab damals noch kein Penicillin.

Vinka, die Schwester meiner Großmutter Marija hatte ihr am Sterbebett versprochen, sich um ihre drei Töchter zu kümmern. So wurden meine Mutter und ihre beiden älteren Schwestern Mila und Nevenka von ihrer Tante erzogen. Sie war für mich wie eine echte Großmutter, die diese Rolle perfekt erfüllte. „Oma“ heißt auf kroatisch „Baka“. Da ich als kleiner Junge dieses Wort aber noch nicht richtig aussprechen konnte, nannte ich sie „Baba“. Und das blieb, auch als ich älter wurde, meine Ansprache für sie.

Mila, die älteste der drei Mädchen, wurde später Krankenschwester und arbeitete in einer Kinderklinik. Nevenka, die mittlere, war infolge einer Meningitis, einer Hirnhautentzündung, seit ihrer frühen Kindheit behindert. Sie stotterte und konnte keine Schule besuchen, lebte aber immer liebevoll angenommen im Kreis unserer Familie.

Baba Vinka war mit Fritz Nemec verheiratet, dessen Mutter wiederum aus Wien stammte. Schon von klein auf bekam ich so bei den Verwandten-Besuchen in Wienerneustadt und Mödling den Wiener Dialekt ins Ohr. Das „Küss die Hand“ natürlich fast gesungen, „Wie geht es dem Göttergatten, Frau Ingenieur?“ Oder der Onkel antwortete im Lokal auf die Frage der Kellnerin „Was trinken’s denn?“ mit „Gnä‘ Frau, für Sie trink’ i ois (alles).“ Zu seiner Redeweise gehörte selbstverständlich auch das „rasend gemütlich“, was ja schon ein Widerspruch in sich ist, oder „Essen is’ mei’ Leibspeis.“ Sehr befremdlich fand ich als Kind die österreichische Vorliebe für Titel. Fritz Nemec war Ingenieur, deshalb war Baba Vinka selbstverständlich die „Frau Ingenieur“.

Gut in Erinnerung ist mir ein Witz zu diesem Thema geblieben: Was ist die erstrebenswerteste Karriere für einen Wiener? Wiener Sängerknabe werden, dann Kommerzienrat, dann Lipizzaner in der Wiener Hofreitschule.

Der Dichter Ernst Jandl sagt über seine Heimatstadt Wien: „Je müder ich bin, desto lieber bin ich in Wien.“ Und Mut zur Selbstkritik zeigt der Spruch: „Der Wiener! In Schleim gemeißelt!“

In den vierziger Jahren und während des Krieges hatten die Baba, der Fritz und meine Mutter in Deutschland gelebt und zwar im sächsischen Bautzen, wo mein Onkel als Ingenieur arbeitete. Meine Mutter besuchte dort die Schule und sprach recht gut Deutsch. Natürlich dieses etwas gebrochene Slawendeutsch mit dem vorderen rollenden „r“, den überbetonten Endungen und grammatikalisch nicht ganz perfekt. Als sie mich Jahre später in Köln besuchte, waren wir bei Bekannten von mir eingeladen. Die hatten zwei Kanarienvögel und eine Katze. Die Katze schlich immer um den Käfig herum. „Miro schau, die Katze liebt Vögeln“, sagte Mama in die Runde. Ich habe ihr dann erklärt, was sie gerade gesagt hat – wir haben uns kaputt gelacht.

Meine Mutter war sehr musikalisch, konnte Akkordeon spielen und hatte Tanz gelernt. Ballerina zu werden, war ihr Traum. Doch in Bautzen standen Steno und Schreibmaschine auf dem Programm. Sie wurde Sekretärin. Nach meiner Geburt war sie sich nicht zu schade, putzen zu gehen. Auch als Schneiderin hat sie gearbeitet. Sie war ein sehr weicher, warmherziger Mensch, unglaublich selbstlos und hilfsbereit.

Mama liebte Kinder und hätte am liebsten ein Dutzend gehabt. Aber sie war sehr zart, sehr schmal gebaut, so dass ihr der Arzt nach meiner – für meine Mutter sehr schweren – Geburt unmissverständlich bedeutete, sie würde eine weitere nicht überleben. Also haben die Eltern auf weiteren Nachwuchs verzichtet.

Ich kam allerdings auch erst nach acht Jahren Wartezeit. Das führte, bis es soweit war, immer wieder zu Spannungen innerhalb der Familie. Der väterliche Zweig lästerte: „Die Frau kann ja keine Kinder kriegen“, der mütterliche: „Der Mann ist doch impotent, der kriegt keinen hoch, die sollen sich nicht so aufführen.“ Besonders deutlich wurde eine nahe Verwandte: „Einen rostigen Schwanz stört jedes Haar an der Möse.“ Sie gebrauchte ein noch viel obszöneres Wort, aber das ist hier wirklich das Maximum an Druckfähigem.

Meine Mutter hatte eine sehr konsequente Art, mich zu erziehen. Ich war etwa zehn Jahre alt, kam völlig verdreckt vom Spielen heim, die Hose total zerschlissen. Mama: „Schnell, du musst dich umziehen, wir gehen in die Oper!“ Sie hatte zwei Karten für „Madame Butterfly“ geschenkt bekommen, von einer allein lebenden Freundin als Dankeschön für ihre Näharbeiten. Für uns wäre die Oper damals unerschwinglich gewesen. Es war also etwas ganz Besonderes. Ich: „Nein, ich will mich nicht umziehen!“ „Gut“, hat sie gesagt, „dann komm.“ Dreckig wie ich war, hat sie mich mitgeschleppt. Die Leute reagierten erstaunt und zogen die Augenbrauen hoch – ich sah ja wirklich saumäßig aus. Oh, war das unangenehm. Ich habe mich in Grund und Boden geschämt. Aber Mama hat das gnadenlos durchgezogen. Es war eben ihre Methode – und die hat in Folge auch funktioniert.

Wir bekamen noch einmal Karten für die Oper geschenkt und zwar für die gleiche „Madame Butterfly“. Und wieder gings daneben. Ich war diesmal sauber und im ererbten Anzug meines um vier Jahre älteren Cousins Branko angetreten. Aber Mama und ich hatten eine Dame vor uns, die einen winzigen Hut mit einer großen, kessen Feder trug, den sie während der Vorstellung nicht absetzte. Sie bewegte ihren Kopf von links nach rechts im Rhythmus der Musik und die Feder fing an zu dirigieren, die Tempi und Einsätze zu geben. Wir konnten uns überhaupt nicht mehr auf die Oper konzentrieren, die Feder wurde lebendig wie in einem Zeichentrickfilm. Wir bekamen einen unbezähmbaren Lachanfall und wurden von vorne und hinten ärgerlichst ermahnt – man sei hier nicht auf dem Markt. Schließlich hielten wir nur bis zur Pause durch und verließen den Musentempel, immer noch völlig überdreht. Ich will damit nur beschreiben, wie solidarisch wir uns fühlten. Sie war eine gute Freundin.

Die Frauen in meiner Familie haben alle viel und gern gelacht. Wenn Baba, Mama und die Tanten zusammensaßen, erzählten sie sich immer irgendwelche Geschichten. Da gab ein Wort das andere und jede setzte auf die Geschichte der anderen noch eine drauf. Und plötzlich brüllten alle vor Lachen, bis die Tränen liefen. Manchmal hatte man das Gefühl, dass sie ersticken.

Ein echtes Highlight war, wenn Mama auf den Tisch stieg, um uns einen Bauchtanz vorzuführen. „Ich kann mich auch ohne Alkohol amüsieren“, pflegte sie dann zu sagen, während Papa schon angeheitert am Tisch saß und sang. Er vertrug nichts. Von Natur aus ein Scherzkeks, wurde er zum Clown. Nicht nur einmal sprach er nach solchen Festen auf der Heimfahrt völlig Unbekannte in der Straßenbahn an. „Wissen Sie, was ich früher von Beruf war?“ Leicht irritiertes Verneinen. „Ich war Messerwerfer im Zirkus. Halten Sie die Hand mit gespreizten Fingern an die Scheibe da. Ja, so, ...“ – er holte sein kleines Wandertaschenmesser aus der Jacke und wollte es ihnen vor machen. Die armen Menschen waren natürlich völlig verstört. Meine Mutter wäre am liebsten ob dieser Peinlichkeit im Boden versunken. „Hör auf Milan, oder ich steige aus!“ Darauf Papa: „Warte bis zu unserer Station, dann komme ich mit.“

Man trank damals kein Bier, sondern Wein. Weiß oder rot, im Sommer mit Wasser verlängert. Das war nichts für meinen Vater. Sein Kommentar: „Wasser ist nicht mal im Schuh gut.“ Er hatte außerhalb von Zagreb Verwandte, die einen sauren Fusel herstellten, in Plastikflaschen abgefüllt. Nicht sehr stilvoll, aber preiswert. Mama machte sich nichts aus Alkohol, dafür rauchte sie wie ein Schlot.