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Die zweiundsiebzigste Minute

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»Tooooooooooooooor!«, dröhnte es blechern aus den riesigen Lautsprechern. Die Stimme des Stadionsprechers überschlug sich vor Begeisterung. »Und damit steht es eins zu null durch den Torschützen mit der Nummer acht: Mbezi …«

Wie es so üblich war, lag es nun an den Zuschauern, den Nachnamen des jeweiligen Spielers so laut wie möglich Richtung Rasen zu rufen.

»U K E L E L E«, schrien die fast zehntausend Fans aus vollem Hals. Außer einem, der änderte den Namen aus Versehen ein wenig ab.

»Nicht Uku«, verbesserte Merlin seinen Freund Fips. »Uke, mit E. Ukelele.« »Is’ doch egal«, sagte der lachend. »Hauptsache, er macht das Ding rein.«

Und es war nicht nur irgendein Ding. Mbezi Ukelele hatte gerade den FC Hommelsdorf im bisher wichtigsten Spiel der Vereinsgeschichte in Führung geschossen. Im Moment lief die zweiundsiebzigste Minute im Hinspiel des diesjährigen Pokalfinales. Und der heimische Fußballverein stand zum ersten Mal überhaupt in der Endrunde.

Nervös warf Merlins Vater einen Blick auf seine Armbanduhr. »Keine zwanzig Minuten mehr.«

Theo Feldmann hatte seinen Sohn und dessen besten Freund mit ins Fußballstadion genommen. Über seinen Chef war er an Ehrenkarten mitten auf der Haupttribüne gekommen. In der Luft lag der typische Geruch von frisch gemähtem Gras und fettigen Bratwürsten.

Merlin liebte es, hier zu sein. Und bei so einem wichtigen Spiel musste man als Hommelsdorfer einfach dabei sein. »Wenn wir mit einem Sieg in der Tasche nach Rübenfelde fahren, ist das die halbe Miete«, stellte er zuversichtlich fest. »Jetzt nur kein Gegentor kassieren!«

Das alles entscheidende Rückspiel war in einer Woche in der Fußballarena der gegnerischen Mannschaft angesetzt. Zwischen dem FC Hommelsdorf und Fortuna Rübenfelde bestand seit Jahren eine eingefleischte Rivalität. Ein Pokalsieg gegen die »Roten Teufel« wäre für den FC das Größte.

Die nächste Viertelstunde legten sich die Rübenfelder noch mal richtig ins Zeug. Doch die Hommelsdorfer Abwehr stand wie eine Festung. Die riesige Stadionuhr zeigte bereits die achtundachtzigste Minute an.

»Nur noch zwei Minuten«, rief Merlin aufgeregt. »Jetzt darf echt nichts mehr schiefgehen.«

Doch die Schlussphase wurde heißer als erwartet. Nach einem Einwurf schnappte sich der Hommelsdorfer Mittelfeldstar Bernie Schmöckel den Ball vom Gegner. Die heimische Fankurve tobte vor Begeisterung.

»Schmöckel vor, noch ein Tor«, schallte es von den Rängen. Fahnen und Fan-Trikots wurden geschwenkt. Die Stimmung war unglaublich. Merlin und Fips streckten ihre gelb-schwarz geringelten Schals über ihre Köpfe und stimmten in die Gesänge mit ein.

»Olé, olé, olé, olééé!«

»Kurzer Pass von Schmöckel auf Ukelele. Der dribbelt geschickt zwei Rote aus. Dann Flanke auf die andere Seite. Basti Grantel stoppt den Ball mit der Brust und legt ihn sich vor. Direkt am Strafraum. Der Stürmerstar ist berüchtigt für seine enorme Schusskraft. Nicht umsonst trägt er den Spitznamen Granate«, brüllte der Stadionsprecher in sein Mikrofon.

Dann passierte es. Von der Seite grätschte ein roter Verteidiger mit vollem Karacho in Basti Grantels Beine. Der schrie auf und flog in hohem Bogen durch die Luft.

»Pfuuiiiiii!« Die Menge sprang entsetzt von ihren Plätzen. Das war ein Foul der übelsten Sorte. »Elfmeter!«, forderte Fips lautstark.

Merlin war sich nicht ganz sicher, wo genau Granate gefoult worden war. »Ich glaub, das war außerhalb der Strafraumgrenze.« Das würde bedeuten, dass es nur einen Freistoß geben würde. Alle warteten gespannt auf den Pfiff des Schiedsrichters. Doch der blieb aus.

Dreggsseggl

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»Das gibt’s doch nicht!« Jetzt geriet sogar Merlins Vater, der sonst so gelassene Theo Feldmann, in Rage. »Der lässt weiterlaufen«, stellte er empört fest.

Fips guckte völlig verdutzt zu Merlin. Dann wieder zum Spielfeld. »Schiri, bist du blind oder was?«, schrie er mit hochrotem Kopf. »Das war ein eindeutiges Foul!«

Buhrufe und wüste Beschimpfungen hallten durch das Stadion. Die Pfiffe der Fans waren so laut, dass Merlin sich die Ohren zuhalten musste. Grantel lag noch am Boden. Mit vor Schmerz verzerrtem Gesicht hielt er sich das rechte Bein. Die Situation hatte bei den Hommelsdorfer Spielern Verwirrung ausgelöst. Als ihnen klar wurde, dass das Spiel nicht unterbrochen wurde, war es schon zu spät. Zwei Stürmer der Rübenfelder Mannschaft waren mit dem Ball unterwegs auf die andere Seite. Die Abwehr stand völlig offen. Mit einem geschickten Doppelpass wurde sie ausgespielt. Beim anschließenden Torschuss hatte Hansi Pfaff, der Hommelsdorfer Torwart, keine Chance. Er konnte den Ball nur noch aus dem Netz holen.

»Das kann einfach nicht wahr sein.« Merlin schüttelte den Kopf. »Der kann doch das Tor nicht geben!«

Leider war der Schiedsrichter anderer Meinung. Er ließ den Treffer zählen, lief zur Mittellinie und pfiff das Spiel ab. Auf den Zuschauerrängen brodelte es wie in einem Dampfkessel, der kurz vor dem Explodieren ist. Unverständnis und blanke Wut spiegelten sich in den Gesichtern der Fans. Nur von dem kleinen Bereich für die Anhänger der Auswärtsmannschaft war ausgelassener Jubel zu hören.

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Hansi Pfaff rannte an seinen Mitspielern vorbei über den Platz, als wäre der Teufel hinter ihm her. Er steuerte geradewegs auf den Schiedsrichter zu und baute sich wie ein Bär vor ihm auf. Was genau er dem Unparteiischen mitteilte, konnte man aus der Entfernung nicht hören. Doch seine Körpersprache ließ erkennen, dass es sich wohl kaum um eine Liebeserklärung handelte.

»Klar ist der Pfaff sauer«, rechtfertigte Merlins Vater die Reaktion des Torhüters. »Der Schiri hätte vorher abpfeifen müssen. Dann wäre das Tor niemals gefallen.«

Noch bevor Pfaff seine Schimpftirade beendet hatte, ging der Schiedsrichter zwei Schritte zurück. Dann griff er sich an die Brusttasche.

»Oh, nein!« Fips verschluckte sich vor Schreck an seiner Limo. Die Hälfte prustete er in einem feinen Sprühnebel wieder aus. Er ahnte, was jetzt kommen würde. Der Schiri zückte eine Karte und hielt sie Hansi Pfaff direkt vor die Nase. Rot!

»Auch das noch«, seufzte Merlin. »Das heißt, er ist für das Rückspiel gesperrt.«

Das war wirklich ein herber Schlag für die Mannschaft. Pfaff war der beste Keeper der Liga. So leicht würden sie ihn nicht ersetzen können. Und wie es um Basti Grantel stand, wussten sie auch nicht. Gerade wurde er von zwei Sanitätern auf einer Trage vom Platz gebracht.

Fips stopfte sich den Rest seiner Bratwurst in den Mund. »Scho eine Pfrechheit.«

Eine Reihe vor ihnen saß ein älterer Herr mit einer gelb-schwarzen Bommelmütze. Wegen seines starken Dialekts war er Merlin seit Anfang des Spiels aufgefallen. Er schimpfte die ganze Zeit wie ein Wahnsinniger und kommentierte jeden Spielzug, als wäre er der Nationaltrainer. Die rote Karte gab ihm den Rest. Schreiend riss er sich die Mütze vom Kopf.

»Aaaaah, dieser Dreggsseggl! Dem habed se doch ins Hirn neigschisse!« Seine wenigen grauen Haare standen in alle Himmelsrichtungen ab. Er sah aus, als hätte er in eine Steckdose gefasst. Wutentbrannt drehte er sich um. »Des hen i ja no nie erläbt. Da komm i extra aus Schduagodd hergfahre.«

»Wie bitte?«, fragte Merlin.

»STUTT-GART«, wiederholte der Mann, indem er die Silben übertrieben deutlich betonte. »Für mi isch des glasklar. Den Schiedsrichterseggl habed se beschtoche. Aber vom Allerfoinschde!«

Fips schaute ihn an wie eine unleserliche Auskunftstafel. »Vom was?« »Vom AL-LER-FEIN-STEN

Die Stimme des Mannes überschlug sich so sehr, dass man hätte meinen können, er sei im Stimmbruch. Er sah so aus, als würde er vor Wut gleich seine Mütze fressen.

›Vielleicht hat er ja recht mit dem, was er sagt‹, dachte Merlin.

Heimweg mit Duftnote

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Es dauerte eine Ewigkeit, bis Fips, Merlin und sein Vater sich durch das Gedränge zum Ausgang gewühlt hatten. Enttäuscht gingen die drei zur Bushaltestelle.

»Menno.« Frustriert kickte Merlin einen leeren Pappbecher aus dem Weg. »Es hätte so cool sein können.«

»Das Ding war eigentlich schon gewonnen«, stimmte Fips in das Gejammer seines Freundes ein.

Merlins Vater lief in der Mitte. Er legte den beiden Jungs seine Arme um die Schultern. »Ärgert euch nicht«, versuchte er sie aufzumuntern. »So ist es eben im Fußball. Mal hat man Glück und mal nicht.«

»Das hat doch mit Glück nichts zu tun«, erwiderte Merlin. »Schuld war ganz klar die Fehlentscheidung vom Schiri.«

»Für den Schiedsrichter ist es nicht so leicht, bei jedem Spiel die richtigen Entscheidungen zu treffen«, sagte Theo Feldmann. »Er sieht auch nicht immer alles.«

Während ihres Gesprächs wurden sie von einer grölenden Gruppe Hommelsdorfer Fans überholt.

Für sie war ganz klar, wer für den verschenkten Sieg verantwortlich war. »Schiri, wir wissen, wo dein Auto steht«, brüllten sie heiser im Chor.

Merlin trat ein Stück zur Seite und blieb stehen. »Aber vielleicht ist der Schiri ja wirklich bestochen worden …«

»Papperlapapp«, wurde er von seinem Vater unterbrochen. »Wir sind doch nicht in einem Krimi. Außerdem passiert so was, wenn überhaupt, bestimmt nicht hier bei uns in Hommelsdorf.« Damit war für ihn die Diskussion beendet.

An der Bushaltestelle waren so viele Menschen, dass sie über eine halbe Stunde warten mussten. Erst in den dritten Bus konnten sie sich gerade noch hineinquetschen. Dicht gedrängt standen sie zwischen anderen enttäuschten Stadionbesuchern.

Merlin wurde von hinten direkt mit der Nase unter den Arm eines jungen Mannes mit Pferdeschwanz gedrückt. Der war offensichtlich ebenfalls ein Fan der Hommelsdorfer Mannschaft, denn er trug ein völlig verdrecktes und verschwitztes FC – Trikot. Eines von diesen billigen aus Polyester. Und da es wahrscheinlich noch nie eine Waschmaschine von innen gesehen hatte, war der Geruch, der von dem Kunstfaserstoff ausging, unerträglich.

Angeekelt hielt Merlin die Luft an. Mit aller Kraft stemmte er sich aus der unfreiwilligen Umarmung. Als er es endlich geschafft hatte, sah er, welche Rückennummer auf dem Trikot des übel riechenden Kerls stand. Es war die Nummer acht. Die des heutigen Torschützen.

Auch Fips hatte sie gesehen. »Hey, wir können froh sein, dass der Ukulele das eine Tor für uns geschossen hat.«

»Uke, mit E«, verbesserte ihn Merlin. Dann drehte er sich zu seinem Vater um. »Woher genau aus Afrika kommt Mbezi eigentlich?«

»Geboren ist er in Ghana.«

Fips guckte Merlins Vater an wie ein Ufo.

»In was?«

»In Ghana«, wiederholte Herr Feldmann. »Das ist ein Land in Westafrika.« »Westafrika?« Fips war baff. »Warum spielt er denn dann bei uns in Hommelsdorf?«

»Seine Familie ist nach Hommelsdorf gezogen, als er zwei Jahre alt war. Das Fußballspielen hat er in der Jugendmannschaft des FC gelernt. Dann war er ein paar Jahre in Ghana und ist jetzt wegen seiner Familie hierher zurückgekommen.«

»Zum Glück. Ohne ihn hätten wir es nie ins Finale geschafft. Er ist ein echter Superstar!«, schwärmte Merlin. »Wenn er gut drauf ist, dann schlägt er die Fortuna im Rückspiel ganz allein.«

Vorausgesetzt Mbezi Ukelele würde im Rückspiel auch wirklich dabei sein.

Hoffentlich würde da nicht irgendwas dazwischenkommen.

Superslomo

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Zu Hause wurden Merlin und sein Vater schon am Gartentor sehnsüchtig erwartet. Hugo hüpfte wie ein wild gewordenes Rodeopferd am Zaun entlang. Dabei versuchte er, so hoch wie möglich zu kommen. Bei jedem Sprung verdrehte er sich in der Luft, als wäre er aus Gummi. Als Merlin das Tor öffnete, raste Hugo zu ihm. Er wedelte so stark mit dem Schwanz, dass er fast umfiel.

»Ist ja gut, mein Kleiner.« Merlin ging in die Knie und kraulte den Vierbeiner hinter den Ohren. »Ich war doch nur beim Fußball.«

Es war immer wieder unglaublich, wie sehr sich Hugo freute, wenn er ihn sah. Der kleine Hund vollführte wahre Freudentänze. Als wäre sein Herrchen mindestens ein halbes Jahr lang nicht da gewesen. Auch wenn Merlin nur von der Toilette zurückkam, überschlug sich Hugo jedes Mal vor Begeisterung.

In der Haustür erschien Frau Feldmann. Sie hatte Merlins kleine Schwester auf dem Arm.

»Biiiiips!«, rief Ida. Sie war ganz vernarrt in den Freund ihres Bruders. Ihre Mutter hatte ihr erzählt, dass Fips nach dem Fußballspiel noch mit zu ihnen kommen würde. Als Ida ihn jetzt nicht entdecken konnte, schrie sie noch einmal in doppelter Lautstärke: »Biiiiiiiiiips!«