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Aprilynne Pike

Elfenglanz

Aus dem Amerikanischen
von Anne Brauner

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cbj ist der Kinder- und Jugendbuchverlag
in der Verlagsgruppe Random House

Gesetzt nach den Regeln der Rechtschreibreform

1. Auflage 2013

© 2012 by Aprilynne Pike

Die Originalausgabe erschien 2012 unter dem Titel »Destined«
bei HarperCollins Publishers, New York

© 2013 für die deutschsprachige Ausgabe cbj, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Aus dem Amerikanischen von Anne Brauner

Redaktion: Carola Henke

Dieses Werk wurde vermittelt durch die
Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen.

Umschlagbild: Shutterstock (kldy, coka, Jackie Stukey,
Angela Hawkey, Norph)

Umschlagkonzeption: Geviert – Büro für Kommunikationsdesign,
München

MG · Herstellung: UK

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN: 978-3-641-10563-1

www.cbj-verlag.de

Für Neil Gleichman, der mich gelehrt hat,
wie wichtig ein starkes Ende ist.
Ich hoffe, es ist mir gelungen.
Danke, Coach.

Eins

Tamani drückte die Stirn an die vereiste Fensterscheibe und kämpfte gegen seine Erschöpfung an. An Schlaf war nicht zu denken, solange ihn nur ein dünner Kreis aus Speisesalz von einer wütenden Winterelfe trennte.

An diesem Abend war er gleich in doppelter Hinsicht Fear-gleidhidh.

Normalerweise war er stolz auf diese Bezeichnung, da sie ihn als Laurels Beschützer auswies, der immer und überall auf sie aufpasste. Doch der Titel hatte noch eine tiefere Bedeutung, die über das traditionelle Am Fear-faire hinausging. Fear-gleidhidh bedeutete »Hüter«: Tamani war nicht nur für Laurels Sicherheit verantwortlich, sondern musste gleichzeitig dafür sorgen, dass sie den Auftrag erfüllte, den Avalon ihr in ihrer Kindheit erteilt hatte.

Und jetzt war er auch noch zum Gefängniswärter geworden.

Er warf einen Blick auf seine Gefangene. Yukis Stuhl stand mitten in einem Kreis aus Salzkörnern auf dem zerkratzten Linoleum. Sie schlief, obwohl ihre Hände auf dem Rücken gefesselt waren, mit dem Kopf auf den Knien. Sie wirkte angestrengt. Besiegt.

Harmlos.

»Ich hätte alles für dich aufgegeben.« Sie sprach leise, aber deutlich.

Tamani bemerkte, wie Shar sich versteifte, als ihre Worte das peinliche Schweigen brachen.

Von wegen schlafen. Und harmlos war sie auch nicht, niemals, ermahnte er sich. Die kleine weiße Blüte auf ihrem Rücken, die sie als Winterelfe auswies, war der Beweis. Es war über eine Stunde her, seit David sie an den Stuhl gefesselt hatte – eine Stunde, seit Chelsea die verräterische Blume enthüllt hatte –, doch Tamani hatte sich noch immer nicht an den Anblick gewöhnt. Noch nie im Leben hatte er solche Angst gehabt.

»Ich war zu allem bereit. Deshalb habe ich vor deiner Tür gezögert. Das hast du gewusst, oder?«

Tamani hielt den Mund. Sie hatte recht, er hatte es gewusst. Und einen Augenblick lang war er in Versuchung gewesen, ihr Geständnis anzuhören. Doch das wäre nicht gut gegangen. Letztendlich hätte Yuki entdeckt, dass seine Gefühle geheuchelt waren, und dann wäre er auf Gedeih und Verderb einer wütenden Winterelfe ausgeliefert gewesen. Da war es besser, die Farce rasch zu beenden.

Hoffentlich machte er sich damit nichts vor. Yuki war gefährlich und er sollte keine Schuldgefühle haben, weil er sie belogen hatte, zumal sich jetzt herausgestellt hatte, dass auch sie nicht ehrlich gewesen war. Die Winterelfen hatten die Fähigkeit, pflanzliches Leben aus großer Entfernung zu erspüren. Das bedeutete, Yuki hatte von Anfang an gewusst, dass Tamani ein Elf war. Von Laurel ganz zu schweigen. Die Winterelfe hatte ihr Spielchen mit ihnen getrieben.

Warum fragte er sich dann, ob er das Richtige tat?

»Zusammen wären wir unschlagbar gewesen, Tam«, fuhr Yuki fort. Ihre Stimme war so seidig wie ihr zerknittertes silbernes Kleid, doch der boshafte Unterton ließ Tamani erschauern. »Laurel wird sich nie von ihm trennen, schon gar nicht deinetwegen. Und wenn sie noch so sehr wie eine Elfe aussieht, ist sie innerlich doch ganz und gar Mensch. Ob mit oder ohne David, sie gehört hierher und das weißt du.«

Tamani mied den Blick seines Vorgesetzten und schaute stattdessen aus dem Fenster in die Dunkelheit, als gäbe es dort draußen irgendetwas Interessantes zu sehen. Im Leben der Wachposten ging es nicht zimperlich zu und Tamani und Shar hatten beide mehrfach gesehen, wie der andere bis ans Äußerste gegangen war, um die Heimat zu beschützen. Aber es war immer eine sichtbare Bedrohung gewesen, ein brutaler Angreifer, ein klarer Feind. Orks waren ihre Feinde – so war es immer schon gewesen. Doch Avalon wurde von Winterelfen regiert, und obwohl Yuki sie getäuscht hatte, hatte sie niemandem etwas getan. Deshalb fühlte es sich schlimmer an, sie in Ketten zu legen, als hundert Orks zu töten.

»Du und ich, Tam, wir haben das gleiche Schicksal«, fuhr Yuki fort. »Wir werden von Leuten benutzt, denen egal ist, was wir wollen oder was uns Freude macht. Wir gehören nicht zu ihnen, wir beide gehören zusammen.«

Tamani warf ihr erneut einen zögerlichen Blick zu. Zu seinem Erstaunen sah sie ihn nicht an, während sie redete – sie starrte an ihm vorbei aus dem Fenster, als stünde in den Sternen noch immer eine strahlende Zukunft. Tamani wusste es besser.

»Es gibt keine Tür der Welt, die uns verschlossen bliebe, Tam. Wenn du dich für mich verbürgst, können wir sogar in Frieden nach Avalon gehen. Wir könnten zusammenbleiben und im Palast leben.«

»Woher weißt du vom Palast?« Tamani wusste sofort, noch bevor Shar seufzte, dass er Yuki auf den Leim gegangen war.

»Wir können natürlich auch hierbleiben.« Yuki redete ruhig weiter, als machte es nichts, dass Tamani nicht antwortete. »Wir können gehen, wohin wir wollen. Wir können machen, was wir wollen. Gemeinsam haben wir Macht über Tiere und Pflanzen – die Welt würde uns gehören. Du weißt, wie gut Frühling und Winter zusammenpassen. Unsere Talente ergänzen sich hervorragend.«

Wusste sie eigentlich, wie recht sie damit hatte? Und wie wenig verlockend ihm diese Aussicht erschien?

»Ich hätte dich bis in alle Ewigkeit geliebt«, flüsterte sie und ließ den Kopf hängen. Ihr dunkles, üppiges Haar fiel ihr wie ein Schleier ins Gesicht, während sie leise stöhnte. Weinte sie oder unterdrückte sie ein Lachen?

Tamani zuckte zusammen, als es klopfte. Ehe er zur Tür gehen konnte, stand Shar schon am Spion.

Tamani hielt das Messer kampfbereit. Er war nervös. War das Klea? Dazu diente das alles schließlich – der Salzkreis, die Handschellen –, als ausgeklügelte Falle, um die verdächtige Herbstelfe anzulocken und zu fangen, die vielleicht plante, sie alle umzubringen.

Vielleicht aber auch nicht.

Wenn sie es doch bloß genauer wüssten!

Bis dahin musste Tamani davon ausgehen, dass Klea und Yuki eine Bedrohung darstellten – eine tödliche Gefahr.

Doch Shar öffnete die Tür, wenn auch mit einem leichten Stirnrunzeln. Laurel kam mit Chelsea im Schlepptau herein.

»Laurel«, stammelte Tamani und ließ das Messer sinken. Obwohl er Laurel schon so lange liebte, wie seine Erinnerung zurückreichte, und diese Liebe in letzter Zeit noch gewachsen war, freute er sich jedes Mal wie ein Schneekönig, wenn er sie sah.

Sie hatte das dunkelblaue Ballkleid ausgezogen – das sie auch vor einem Jahr getragen hatte, als er sie an Samhain in seinen Armen gehalten und leidenschaftlich geküsst hatte. Es schien ihm eine Ewigkeit her zu sein.

Laurel sah ihn gar nicht an, sie hatte nur Augen für Yuki.

»Du solltest nicht hier sein«, flüsterte Tamani.

»Ich wollte es mit eigenen Augen sehen.«

Tamani biss die Zähne zusammen. Insgeheim musste er zugeben, dass er es schön fand, sie in seiner Nähe zu haben, doch seine selbstsüchtige Lust kämpfte mit der Sorge um ihre Sicherheit. Würde es ihm jemals gelingen, beides in Einklang zu bringen?

»Ich dachte, du suchst David«, sagte Tamani zu Chelsea, die immer noch ihr rotes Ballkleid trug. Da sie ihre Highheels irgendwo ausgezogen hatte, wallte das Kleid wie Blut um ihre Füße.

»Ich habe ihn nicht gefunden«, sagte Chelsea. Ihre Lippe zitterte kaum merklich, als sie Laurel ansah, die noch immer die schweigende Gefangene betrachtete.

»Yuki?«, sagte Laurel zaghaft. »Geht’s?«

Yuki hob den Kopf und sah Laurel wütend an. »Sehe ich so aus?«, fragte sie aggressiv. »Das ist Freiheitsberaubung! Ich bin mit Handschellen an einen Metallstuhl gefesselt! Was meinst du, wie es dir dabei ginge?«

Es traf Laurel, so angeschrien zu werden, und sie machte einen Schritt zurück. »Ich wollte nach dir sehen.« Laurel warf Tamani einen Blick zu, doch er verstand nicht ganz, was sie sich erhoffte. Aufmunternde Worte? Eine Erlaubnis? Wozu? Er schnitt eine gequälte Grimasse und zuckte hilflos die Achseln.

Laurel wandte sich wieder an Yuki, deren Miene sie nicht deuten konnte. Die Winterelfe reckte stolz das Kinn. »Was will Klea von mir?«, fragte Laurel.

Tamani erwartete keine Antwort, doch Yuki hielt Laurels Blick stand und antwortete in aller Seelenruhe: »Nichts.«

»Und warum bist du dann hergekommen?«

Jetzt lächelte Yuki, aber es war ein unehrliches, gemeines Lächeln. »Ich habe nicht gesagt, dass sie nicht früher etwas gewollt hätte. Aber jetzt braucht sie dich nicht mehr.«

Laurel sah rasch Tamani und dann Shar an, ehe sie sich wieder Yuki zuwandte.

»Jetzt hör mal, Laurel«, sagte Yuki ruhig. »Wir können uns das lächerliche Spielchen sparen. Ich rede mit dir, wenn du mich hier rausholst.«

»Das reicht«, sagte Tamani.

»Komm doch in den Kreis und bring mich zum Schweigen«, fuhr Yuki ihn an. Zu Laurel sagte sie: »Ich habe dir nichts getan und du weißt, dass ich es locker hätte tun können. Ich hätte dich tausend Mal töten können, aber ich habe dich leben lassen. Zählt das gar nicht?«

Tamani wollte etwas sagen, doch Laurel legte ihm die Hand auf die Brust. »Du hast recht. Aber du bist eine Winterelfe. Das hast du vor uns verborgen, obwohl du über uns Bescheid wusstest. Wieso?«

»Was glaubst du denn? Zufällig hat dein Soldatenfreund hier mir meine Macht genommen und mich an einen Stuhl gefesselt, kaum dass er es herausbekommen hat!«

Tamani fand es unerträglich, wie recht sie hatte.

»So kommen wir nicht weiter«, sagte Laurel. »Fangen wir noch mal von vorne an. Es könnte nicht schaden, wenn wir die Sache geklärt hätten, bevor Klea hier auftaucht. Könntest du uns bitte einfach sagen …«

»Tamani hat die Schlüssel«, unterbrach Yuki sie und warf ihm einen boshaften Blick zu. »Lass mich hier raus, dann erzähle ich dir alles, was du wissen willst.«

»Als ob.« Tamani gab sich Mühe, gelangweilt zu klingen.

Laurel beachtete ihn nicht weiter und setzte das Gespräch mit Yuki fort. »Es wäre bestimmt für alle am sichersten, wenn …«

»Nein!«, rief Yuki. »Ich fasse es einfach nicht, dass du dabei mitmachst! Nach allem, was sie dir angetan haben? Dir und deinen Eltern!«

Tamani runzelte die Stirn. Was hatten Laurels Eltern damit zu tun?

Doch Laurel schüttelte schon den Kopf. »Mir gefällt es auch nicht, dass sie mich gezwungen haben, alles zu vergessen, Yuki. Aber Vergangenes kann man nicht ändern …«

»Vergessen? Ich rede hier nicht von Gedächtniselixieren. Sondern von Gift

»Jetzt mach mal halblang …«, platzte Tamani heraus.

Laurel brachte ihn zum Schweigen. »Weißt du etwa, wer meinen Vater vergiftet hat, Yuki?«

Tamani konnte sich die Antwort denken, und Laurel wahrscheinlich auch – dafür musste Klea verantwortlich sein. Doch wenn Laurel Yuki dazu bringen würde, ihren Verdacht zu bestätigen …

»Deinen Vater?« Yuki sah sie verwirrt an. »Warum hätten sie deinen Vater vergiften sollen? Ich rede von deiner Mutter.«

Und wieder sah Laurel Tamani an, der den Kopf schüttelte. Worauf spielte Yuki an?

»Du weißt gar nichts, oder? Was für ein Zufall, dass das Paar, dem das Grundstück mit dem Tor gehört, keine Kinder hat, was? Dass sie nur darauf warten, bis das kleine blonde Mädchen auftaucht? Wie … passend. Findest du nicht auch?«

»Jetzt reicht’s«, sagte Tamani streng. Das hätte er sich denken können – noch mehr Spielchen. Yuki war nur darauf aus, sie gegeneinander auszuspielen und Zweifel an ihnen selbst und den anderen zu säen.

»Das ist ihr Werk«, sagte Yuki. »Bereits fünfzehn Jahre, bevor sie dich vor ihre Tür gelegt haben, sorgten die Elfen dafür, dass deine Mutter so wild auf Babys war, dass sie dich auf der Stelle aufnahmen. Sie haben ihr wehgetan, indem sie dafür sorgten, dass sie keine Kinder bekommen konnte. Sie haben ihr Leben ruiniert und du machst mit ihnen gemeinsame Sache.«

»Hör nicht auf sie, Laurel. Das stimmt nicht«, sagte Tamani. »Sie will dich nur kirre machen.«

»Ach ja? Warum fragen wir dann nicht ihn

Zwei

Laurel folgte Yukis Blick zu Shar, der reglos wie eine Statue dastand und keine Miene verzog.

Das konnte nicht stimmen, auf keinen Fall. Doch nicht Shar, ihr unsichtbarer Aufpasser, seit sie Avalon verlassen hatte.

Warum leugnet er es dann nicht?

»Sag’s ihr«, forderte Yuki und zerrte an ihren Fesseln. »Sag ihr, was du ihrer Mutter angetan hast.«

Shar schwieg.

»Shar«, flehte Laurel leise. Er sollte sagen, dass es nicht wahr war. Es war ihr sehr wichtig. »Bitte.«

»Es war nötig«, erwiderte Shar schließlich. »Wir haben sie uns nicht ausgesucht. Sie wohnten eben da. Der Plan musste funktionieren, Laurel, wir hatten keine andere Wahl.«

»Man hat immer die Wahl«, wisperte Laurel. Ihr Mund war trocken und ihr Kinn zitterte vor Zorn. Shar hatte ihre Mutter vergiftet. Shar, der sogar noch länger über sie gewacht hatte als Tamani, hatte ihre Mutter vergiftet.

»Ich muss meine Heimat und meine Familie schützen. Und ich werde alles dafür tun, damit Avalon in Sicherheit ist.«

Laurel schäumte. »Deshalb musstest du noch lange nicht …«

»Doch«, entgegnete Shar. »Ich muss vieles tun, das ich nicht möchte, Laurel. Glaubst du, es hätte mir Spaß gemacht, deine Menscheneltern hinters Licht zu führen? Oder dafür zu sorgen, dass du vergisst? Ich tue, was man mir sagt. Darum habe ich dich von morgens bis abends beschützt, bis Tamani kam. Nur darum weiß ich alles, was es über dich zu wissen gibt. Zum Beispiel, als du gelogen hast, weil du nicht zugeben wolltest, dass du die schöne alte Schüssel zerbrochen hast. Oder dass du deinen Hund unter deinem Fenster beerdigt hast, weil du es nicht ertragen hättest, wenn er weiter weg gewesen wäre. Oder was du im Oktober mit Tamani in der Hütte gemacht hast.«

»Shar«, sagte Tamani mit einem warnenden Unterton.

»Ich habe dir möglichst viel Raum gelassen«, fuhr Shar fort, doch seine Stimme verriet einen Hauch von Reue, die sich allerdings eher an Tamani als an Laurel richtete. Sie wäre am liebsten auf ihn zugestürmt und hätte ihm eine Ohrfeige gegeben, aber sie war vor Wut wie gelähmt.

Yuki lächelte auch nicht mehr. »Und das sind deine Verbündeten, Laurel? Kann sein, dass ich dir nicht immer die Wahrheit gesagt habe, aber mir war klar, dass du etwas Besseres bist als diese Ungeheuer.« Sie senkte den Blick auf den Salzkreis um ihren Stuhl. »Mit einer kleinen Fußbewegung kannst du der Sache ein Ende machen. Dann nehme ich dich mit und zeige dir, wie falsch Avalon ist. Du kannst mir helfen, dort alles zu verbessern.«

Laurel hielt den Blick auf die Salzkörner gerichtet. Am liebsten hätte sie wirklich mit dem Schuh eine Lücke hineingeschoben, nur um Shar eins auszuwischen. »Woher weißt du das mit Avalon?«

»Ist das wichtig?«, fragte Yuki, aus deren Gesichtsausdruck Laurel nicht schlau wurde.

»Vielleicht.«

»Wenn du mich freilässt, verrate ich dir alles, was sie vor dir geheim gehalten haben.«

»Tu’s nicht, Laurel«, sagte Tamani leise. »Es gefällt mir auch nicht, aber es würde nichts nützen, sie freizulassen.«

»Meinst du, ich wüsste das nicht?«, fauchte Laurel, die sich jedoch nicht von dem weißen Kreis losreißen konnte.

Tamani zog sich schweigend zurück.

Laurel wollte den Kreis zertreten! Es war ihr ein dringendes Bedürfnis, dem sie nicht nachgeben durfte, doch vor lauter Frustration brannten heiße Tränen in ihren Augen.

»Laurel.« Eine weiche Hand fasste ihren Arm und brachte sie in die Wirklichkeit zurück. Als sie sich umdrehte, sah sie in Chelseas blasses Gesicht. »Komm, wir fahren wieder und besprechen alles im Auto. Du musst dich beruhigen.«

Laurel starrte ihre Freundin an, die einzige Person im Raum, die ihr nie etwas getan hatte. Dann nickte sie. »Gut«, sagte sie, ohne die anderen eines Blickes zu würdigen. »Hier habe ich nichts mehr zu suchen.«

Als sie draußen waren, zog Chelsea die Tür hinter sich zu, blieb aber plötzlich stehen. »Mist«, fluchte sie leise. »Ich weiß nicht, wo ich meine Schlüssel hingetan habe. Das blöde Kleid hat keine Taschen«, murmelte sie und hob den Saum an, damit sie nicht darüber stolperte. »Bin gleich wieder da.«

Doch als sie sich umdrehte, wurde die Tür schon geöffnet. »Schlüssel«, erklärte Chelsea und ging an Tamani vorbei.

Er machte die Tür von außen zu, sodass sie allein auf der Veranda standen. Laurel hielt den Blick auf die Treppe gerichtet, weil sie keine Lust hatte, ihn anzusehen.

Doch auch er mied ihren Blick.

»Das wusste ich nicht«, flüsterte Tamani nach einer Weile. »Ich schwöre.«

»Weiß ich doch«, flüsterte Laurel zurück. Sie lehnte sich an die Mauer und rutschte daran entlang nach unten, wo sie die Arme um ihre Knie schlang. Selbst in ihren eigenen Ohren klang ihre Stimme ausdruckslos. »Meine Mutter war ein Einzelkind. Ihr Vater verließ die Mutter, als sie noch ein Baby war. Von da an lebte sie allein mit meiner Oma, bis die starb. Mom wollte immer eine große Familie haben. Fünf Kinder, hat sie mir mal erzählt. Sie wollte fünf Kinder haben, aber es ist nie was draus geworden.«

Warum erzählte sie ihm das? Es machte es irgendwie leichter, also redete sie weiter.

»Sie gingen zu tausend Ärzten, aber keiner konnte sagen, woran es lag. Nicht ein einziger. Damals fing sie an, den Ärzten zu misstrauen. Sie hatten ihr ganzes Erspartes dafür ausgegeben. Dabei war es gar nicht nötig, weil meine Mutter mich auch behalten hätte, wenn sie eigene Kinder bekommen hätte«, sagte Laurel entschieden. »Das weiß ich ganz genau. Shar hätte das nicht tun müssen.«

Sie schwieg eine Zeit lang. »Weißt du, warum ich so wütend bin?«

Tamani schüttelte schweigend den Kopf.

»Weil ich jetzt ein Geheimnis vor ihnen habe. Ich erzähle ihnen immer alles. Das war nicht einfach, aber seit letztem Jahr genieße ich es, offen und ehrlich mit ihnen umzugehen. Und jetzt steht das hier zwischen uns, weil ich es ihnen niemals erzählen kann. Sie würden mich und alle anderen Elfen in einem ganz anderen Licht sehen.« Ihre Wut loderte erneut auf. »Dafür hasse ich ihn«, flüsterte sie.

»Es tut mir leid«, sagte Tamani. »Ich weiß, wie viel sie dir bedeuten … und es tut mir leid, dass sie verletzt wurden.«

»Danke«, sagte Laurel.

Als Tamani auf seine Hände blickte, drückte sich ein Gefühl in seiner Miene aus, das Laurel nicht deuten konnte. »Es passt mir nicht, dass ich es nicht wusste«, sagte er. »Ich weiß so vieles nicht. Und ich glaube nicht, dass Yuki uns irgendwas verrät. Sie widerspricht sich mit jedem Satz. Ich hatte gehofft, sie würde uns einige Fragen beantworten, sobald sie in der Falle sitzt, aber … wenn nicht bald etwas passiert … weiß ich nicht, was Shar tun wird.«

»Shar …« Was hatte er eben noch mal gesagt? Und ich werde alles dafür tun, damit Avalon in Sicherheit ist. »Er tut ihr doch nichts, oder? Um mehr aus ihr herauszubekommen?«

»Das geht gar nicht. Selbst wenn er wollte, könnte er den Kreis nicht betreten.«

»Es gibt einiges, das er auch so tun könnte«, sagte Laurel. »Zum Beispiel …«

»Ich würde es nicht zulassen«, erwiderte Tamani entschlossen. »Das verspreche ich dir. Ich passe auf sie auf. Auch wenn sie gelogen hat, war sie doch meine Freundin. Vielleicht ist sie es immer noch, was weiß ich? Außerdem würde nicht einmal Shar die Strafe riskieren, die darauf steht … eine Winterelfe zu foltern.«

Auch das überzeugte Laurel nicht wirklich.

»Er ist kein Ungeheuer«, fuhr Tamani fort. »Er tut, was er tun muss, aber das heißt noch lange nicht, dass es ihm gefällt. Ich verstehe, dass du im Augenblick kein Vertrauen zu ihm hast. Aber ich bitte dich, mir zu vertrauen.«

Laurel nickte mürrisch. Was blieb ihr anderes übrig?

»Danke«, sagte er.

»Hält er sie wirklich gebannt, Tam? Der Kreis, meine ich.«

»Ich glaube schon«, sagte er nach kurzem Schweigen.

»Es ist doch nur Salz«, sagte Laurel leise. »Du warst mit mir im Winterpalast; du hast die Macht in den oberen Räumen gespürt. Wie soll es möglich sein, diese Art von Magie mit etwas in Schach zu halten, das auf unserem Esstisch steht?«

»Sie ist freiwillig hineingetreten. Shar sagt, das ist das Entscheidende.« Er hob die Lider und richtete seine grünen Augen auf sie. »Unterschätze niemals die Macht einer Situation, in die du dich selbst begeben hast.«

Sie wusste, dass er noch etwas anderes als den Salzkreis meinte.

Nach kurzem Zögern setzte Tamani sich neben sie an die Mauer und legte ihr tröstend den Arm um die Schultern.

»Es tut mir alles so leid«, flüsterte er mit vor Reue belegter Stimme. Sie schmiegte sich an ihn und wünschte sich, sich in ihm zu verlieren, alles zu vergessen, und sei es nur für einen Augenblick. Tamani atmete schwer und schmiegte das Gesicht an ihres. Mit einer Hand auf seiner Wange zog sie ihn noch näher an sich. Als ihre Lippen sich berührten, ging die Tür auf und Chelsea stürmte aus der Wohnung. Sie schwenkte den Schlüsselbund.

»Shar hatte ihn die ganze Zeit«, beschwerte sie sich lauthals. »Er stand einfach da und sah mir beim Suchen zu und dann …« Auf einmal merkte sie, dass Tamani den Arm um Laurel gelegt hatte. »Ich Dummi«, sagte Chelsea, die nun kapierte, warum Shar das getan hatte. »Tut mir leid«, fügte sie leise hinzu.

Als Chelsea durch die dunklen leeren Straßen fuhr, kurbelte Laurel die Fensterscheibe hinunter und ließ den Wind über ihr Gesicht wehen. Eine halbe Stunde lang erwähnte Chelsea ihren Wutanfall in der Wohnung beziehungsweise ihr Auftreten zur Unzeit mit keinem Wort. Laurel wusste das bei ihrer redseligen Freundin sehr zu schätzen. Es fiel ihr sicher schwer, den Mund zu halten, statt den Besuch bei Yuki noch mal durchzukauen. Laurel dagegen würde ihn am liebsten verdrängen und nie wieder daran denken.

»Hey, ist das nicht …«

Chelsea steuerte den Wagen ihrer Mutter schon auf den Seitenstreifen, als Laurel begriff, dass der große Junge auf der Straße, der im Licht der Laternen durch die Nacht lief, David war. Er sah sie misstrauisch an, als sie anhielten, doch dann erkannte er sie und wirkte sehr erleichtert.

»Wo warst du?«, wollte Chelsea wissen, als David sich klein machte, um durch das Beifahrerfenster zu blicken. »Ich bin überall herumgefahren.«

David schaute nach unten. »Ich wollte nicht gesehen werden«, gestand er. »Ich wollte nicht, dass man mich findet.«

Chelsea sah über die Schulter in die Richtung, in die er gelaufen war. Dort lag die Wohnung. »Wohin willst du?«

»Zurück«, knurrte David. »Ich will es wieder gutmachen.«

»Es geht ihr nicht schlecht«, sagte Chelsea mit ernstem Blick.

»Aber ich habe sie in diese Situation gebracht.«

»Sie hat die Sache mit dem Kreis kapiert«, erklärte Chelsea. »Sie hat aufgehört, sich zu wehren. Sitzt einfach da. Na ja, und sie redet.«

David schüttelte den Kopf. »Ich bin vor dem weggelaufen, was ich getan habe, und das geht nicht. Ich gehe zurück und sorge dafür, dass sich alle wie Menschen benehmen. Oder eben entsprechend wie Pflanzen.«

»Tamani hat mir versprochen, für ihre Sicherheit geradezustehen«, sagte Laurel.

»Aber das, was er und Shar unter Sicherheit verstehen, sehe ich ein bisschen anders. Beziehungsweise wir. Wir haben sie in diese Lage gebracht.« Er sah von einer zur anderen. »Wir alle. Und ich glaube immer noch, dass es richtig war, aber wenn nicht … sehe ich nicht tatenlos zu, wie es schlimmer wird.«

»Aber was sollen wir denn machen?«, fragte Laurel, die nicht zugeben wollte, dass sie auch nicht dorthin zurück wollte.

»Wir können uns doch abwechseln. Jeweils einer von ihnen mit einem von uns«, sagte David.

Chelsea verdrehte die Augen.

»Einer von uns müsste die ganze Nacht dort bleiben«, sagte Laurel. »Meine Eltern würden mir das vielleicht erlauben, aber …«

»… die ganze Nacht aufzubleiben, ist nicht gerade das, was du am besten kannst«, präzisierte David ihre Sorge.

»Ich kann meiner Mom eine SMS schicken«, schlug Chelsea vor. »Ich hatte ihr sowieso schon gesagt, dass ich wahrscheinlich bei dir übernachte – total normal nach dem Ball. Außerdem prüft sie so was nie nach.«

Laurel und Chelsea sahen David an. »Ich denke mir was aus«, murmelte er. »Wie sieht’s mit Ryan aus?«

»Wieso, was soll mit ihm sein?«, fragte Chelsea und studierte angelegentlich das Lenkrad.

»Er wundert sich sicher, wo du zu dieser Uhrzeit bleibst. Du kannst nicht immer Laurel als Ausrede benutzen.«

»Ich glaube nicht, dass er was merkt«, sagte Chelsea.

»Wieso glaubst du das?«, erwiderte David. »Du unterschätzt ihn. Das machst du immer!«

»Gar nicht wahr!«

»Also, er wird schon irgendwas merken, wenn du plötzlich dauernd etwas zu tun hast. Außerdem wird er in den freien Tagen mit dir zusammen sein wollen, zumal ihr euch letzte Woche nicht getroffen habt, weil du die ganze Zeit für die Abschlussprüfung gelernt hast!«

»Ich denke, so läuft das nicht«, sagte Chelsea kläglich, lehnte sich zurück und sah ihm endlich ins Gesicht.

David schüttelte nur den Kopf. »Ich verstehe dich nicht. Du hast dir solche Sorgen um ihn gemacht, als Yuki oder Klea ihm das Gedächtniselixier verabreicht hat und jetzt tust du so, als wäre er dir egal.« Er trat ein wenig Schmutz weg. »Warum machst du dann nicht einfach Schluss?«

»Habe ich schon«, sagte Chelsea leise.

David sah erst sie und dann Laurel an. »Was hast du?«

»Wie sollte ich ihm denn sonst erklären, dass ich mitten in einem Tanz abhaue … noch dazu mit dir«, murmelte sie.

»Das sollte ein Witz sein!«

»Von mir nicht. Ich hatte es schon länger vor.«

David sah Laurel an. »Und du hast es gewusst?«

Laurel warf Chelsea einen kurzen Blick zu, ehe sie nickte.

»Aber wieso?«, fragte David. »Was ist passiert?«

Chelsea öffnete den Mund, sagte aber nichts.

»Es war eben so weit«, eilte Laurel ihr zu Hilfe. Darüber mussten sie jetzt nun wirklich nicht reden. Es war definitiv nicht der richtige Zeitpunkt.

David tat lässig und zuckte mit den Achseln. »Wie du willst. Lasst uns zurückfahren. Die Nacht wird lang.«

Drei

Du sitzt die ganze Zeit einfach nur so da?«, fragte Chelsea Tamani. Ihre Stimme war rau, weil sie ein Gähnen gerade noch unterdrücken konnte.

Es war still und dunkel in der Wohnung. Shar hatte die Gelegenheit genutzt und den Kopf an die Wand gelehnt, um endlich ein wenig zu schlafen. Deswegen blieb es Tamani überlassen, sich leise mit Chelsea zu unterhalten, die auf der ersten Schicht bestanden hatte. »Was soll ich sonst tun? Du kannst gerne ein bisschen schlafen«, antwortete Tamani. »Der Teppichboden ist schön weich. Tut mir leid, dass die Einrichtung …«

»Nicht wirklich vorhanden ist?« Chelsea streckte sich auf dem schlichten Holzstuhl, der normalerweise unbenutzt am Küchentisch stand. »Kein Problem, ich bin eigentlich nicht müde. Mir ist eher langweilig.« Sie machte eine Pause, bevor sie sich zu Tamani vorbeugte. »Sagt sie denn nie was?«

»Doch!«, zischte Yuki, ehe Tamani die Frage beantworten konnte. »Als hättest du mich nicht tausend Mal in der Schule reden hören! Denk nur an den Tag, als wir zusammen zur Schule gegangen sind! Ich weiß, letzte Woche kommt einem ewig her vor, aber ich dachte, so weit könntet ihr Menschen euch gerade noch zurückerinnern.«

Chelsea blieb der Mund offen stehen, doch dann schloss sie ihn und murmelte gereizt: »Oh, tut mir leid!«

»Ich muss dir nicht leidtun«, erwiderte Yuki und rutschte unruhig auf dem Stuhl herum. »Ich hänge hier vielleicht ein paar Tage fest, wenn es hochkommt, aber du kommst dein Leben lang nicht davon los.«

»Was meinst du damit?« Yuki hatte jetzt Chelseas volle Aufmerksamkeit.

»Hör nicht hin«, warnte Tamani sie. »Yuki will dich nur ärgern.«

»Chelsea Harrison«, fuhr Yuki unbeeindruckt fort. »Das ewige dritte Rad am Wagen. Immer kurz vor Erfüllung ihres sehnlichsten Wunsches, aber eben nur kurz davor.«

»Also wirklich«, sagte Tamani und stellte sich zwischen die beiden Mädchen. »Das willst du nicht hören.« Sein Beschützerinstinkt meldete sich. Er hatte in den letzten Monaten eine gewisse Zuneigung zu dem Menschenmädchen gefasst und wollte nicht, dass Yuki es mit ihrer nächsten Bemerkung verletzte.

»Glaubst du wirklich, dass du eine ernsthafte Konkurrenz bist?«

Da Chelsea für ihre Neugier mindestens so berüchtigt war wie für ihre Ehrlichkeit, beugte sie sich vor, sodass sie Yuki wieder sehen konnte.

»Konkurrenz für wen?«

»Für Laurel natürlich. Das sieht doch ein Blinder, dass sie sich für David entscheiden wird«, fügte Yuki hinzu, um auch Tamani eins auszuwischen. »Aber selbst wenn sie es nicht täte, hast du noch lange nicht gewonnen. Stellen wir uns vor, alles läuft, wie du es gerne hättest. Laurel lässt David stehen, und der dreht sich eines Tages um und merkt zum ersten Mal, dass du die ganze Zeit auf ihn wartest.«

Chelsea wurde knallrot, doch sie sah Yuki unverwandt an.

»Auf einmal will er nur noch dich. Er betet dich an und ist – im Gegensatz zu deinem unzuverlässigen Freund – auch bereit, aufs gleiche College zu gehen wie du.«

»Wer hat dir erzählt, dass …?«

»Ihr geht nach Harvard, zieht zusammen, vielleicht heiratet ihr sogar. Aber«, sagte Yuki und beugte sich so weit vor, wie es die Fesseln erlaubten, »er wird Laurel immer im Hinterkopf behalten. Die Abenteuer, die sie zusammen erlebt haben, die gemeinsamen Pläne. Sie ist hübscher als du, magischer, einfach rundum besser. Mach dir nichts vor, du wirst immer nur billiger Ersatz sein. Dein Leben lang wirst du wissen, dass David sich niemals für dich entschieden hätte, wenn er hätte wählen dürfen. Laurel gewinnt auf allen Ebenen.«

Chelsea bekam kaum noch Luft. Als sie aufstand, mied sie Tamanis Blick. »Ich glaube, ich muss was trinken.«

Tamani sah ihr nach, bis er sie nicht mehr sehen konnte und hörte, wie sie den Wasserhahn aufdrehte. Das Wasser lief … und lief. Sie ließ es viel länger laufen, als nötig war, um ein Glas zu füllen. Nach einer langen Minute stand er auf und warf Yuki, die selbstgefällig grinste, einen bösen Blick zu.

Als Shar Tamanis Schritte hörte, hob er den Kopf, doch Tamani winkte ihm zu – bin gleich wieder da.

Er behielt Yuki im Auge, als er in die Küche ging. Chelsea hatte die Arme auf die Spüle gelegt – ein Glas war nicht in Sicht.

»Geht es wieder?«, fragte er so leise, dass er knapp das Wasserrauschen übertönte.

Chelsea hob ruckartig den Kopf. »Ja, ich …« Ihre Hände fuhren hilflos durch die Luft. »Ich habe kein Glas gefunden.«

Tamani öffnete einen Küchenschrank direkt vor ihrer Nase und reichte ihr wortlos ein Glas. Sie ließ Wasser hineinlaufen und wollte den Hahn wieder zudrehen, doch Tamani hielt sie davon ab. »Lass es laufen. So kann sie uns schlechter hören.«

Chelsea betrachtete das laufende Wasser; wahrscheinlich ging es ihr gegen den Strich, es zu verschwenden. Doch dann nickte sie und zog die Hand zurück. Tamani machte noch einen Schritt auf sie zu, ohne jedoch Yukis Blüte aus den Augen zu verlieren.

»Sie hat Unrecht«, sagte er. »Es hört sich richtig an, aber sie verdreht alles und in Wahrheit ist es ganz anders.«

»Nein, sie hat absolut recht«, widersprach Chelsea mit erstaunlich fester Stimme. »Laurel spielt in einer anderen Liga. Ich hatte nur nicht darüber nachgedacht, wie lange ihre Wirkung auf David anhalten würde. Aber Yuki hat recht, sie wird nicht nachlassen.«

»So darfst du das nicht sehen. Laurel ist ganz anders als du, aber du bist auf deine Weise genauso toll«, sagte Tamani. Er war überrascht, wie ernst er das meinte. Nach kurzem Zögern grinste er. »Du bist witziger als Laurel.«

»Na super«, sagte Chelsea trocken. »Wetten, dass ich Davids Herz mit ein paar Witzen zur rechten Zeit erobern kann?«

»Das meine ich nicht«, sagte Tamani. »Jetzt mal ehrlich, du kannst dich nicht mit einer Elfe vergleichen. Wir sind Pflanzen. Aus irgendeinem Grund findet ihr Menschen unsere perfekte Symmetrie schön. Aber diese Perfektion macht uns nicht zu etwas Besserem und ich glaube auch nicht, dass David Laurel deshalb so liebt. Vielleicht war das der Grund, warum er sich in sie verliebt hat.«

»Soll heißen, dass sie auch im Innern besser ist?«, grummelte Chelsea.

Jetzt schaltet sie extra auf stur. »Nein. Ich will nur, dass du verstehst, warum Yuki eben nicht recht hat. In Avalon haben alle diese Symmetrie, die dir an Laurel und mir so auffällt. Wir haben eine gewisse Bandbreite an Schönheit, könnte man sagen, aber Laurel fällt überhaupt nicht aus dem Rahmen. Sie hat sogar eine Freundin an der Akademie, die ihre Zwillingsschwester sein könnte. Wenn David Katya begegnen würde, oder einer noch schöneren Elfe – glaubst du, er würde aufhören, Laurel zu lieben?«

»Also, ehrlich, du machst alles nur noch schlimmer«, knurrte Chelsea.

»Tut mir leid.« Tamani verzog das Gesicht. »Damit wollte ich nicht sagen, dass er nie aufhören wird …«

Chelsea unterbrach ihn mit einem leisen mitleiderregenden Schnaufen. »Schon gut, ich kann mir denken, worauf du hinaus willst. Aber wenn du irgendwen davon überzeugen willst, dass Laurel nichts Besonderes ist, vergiss es. Ich glaube es nicht, du glaubst es doch selbst nicht. Und abgesehen davon, dass ich nur auf eine Zukunft mit David hoffen darf, wenn du sie ihm wegnimmst, hoffe ich trotzdem, dass du es nie tun wirst.«

»Ach, darum geht es doch gar nicht.« Tamani dachte nach. »Laurel war sehr lange fort, Chelsea. Und obwohl ich sie immer geliebt habe, hatte ich früher auch Augen für andere Mädchen.« Bei diesem Geständnis kam er sich ein wenig lächerlich vor. »Ich habe sogar ein paar Mal auf Festen mit einer unglaublich schönen Elfe getanzt. Aber ich habe sie seit Jahren nicht mehr gesehen, und seit ich wirklich mit Laurel zusammen sein und sie von Neuem kennenlernen kann, habe ich auch keinen Gedanken mehr an diese Elfe verschwendet. Ehrlich«, sagte er grinsend, als Chelsea die Augenbrauen hochzog, »beinahe hätte ich mich nicht einmal mehr an sie erinnert. Ich liebe Laurel und darum wird sie für mich zur schönsten Elfe auf der Welt. Dagegen kommt eben niemand an.«

Chelsea sah ihn mit ihren großen grauen Augen an. Sie hoffte inständig, dass er die Wahrheit sagte. »Könntest du Laurel vergessen, wenn du dich in mich verlieben würdest?«

Tamani seufzte. »Bestimmt, wenn ich denn in der Lage wäre, eine andere außer ihr zu lieben. Aber so ist es, glaube ich, nicht.«

»Wie kann sie dir bloß widerstehen?«, fragte Chelsea, doch sie konnte wieder lächeln.

Tamani zuckte die Achseln. »Das wüsste ich auch gerne. Wie kann David dir widerstehen?«

Jetzt musste sie wirklich lachen und löste damit die angespannte Atmosphäre in der kleinen Küche.

»Ich wünsche dir viel Erfolg mit ihm«, sagte Tamani wieder ernst.

»Wie selbstlos von dir«, erwiderte Chelsea und rollte mit den Augen.

»Nein, wirklich.« Tamani legte ihr eine Hand auf den Arm und ließ sie so lange dort liegen, bis sie ihm ins Gesicht sah. »Lassen wir meine Hoffnungen kurz beiseite. Ich weiß, wie es sich anfühlt, sich so nach jemandem zu sehnen. Ich weiß, wie weh das tut.« Nach einer kurzen Pause flüsterte er: »Ich wünsche uns, dass wir es beide schaffen.« Als sie gemeinsam die Küche verließen, grinste er sie an. »Und was für ein Zufall, dass das eine vom anderen abhängt!«