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Martin Barkawitz

Höllentunnel

Thriller





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

1

 

Mia Robbins liebte die U-Bahn, und sie liebte die Gefahr. Deshalb stieg sie auch bedenkenlos in den letzten Zug der Piccadilly Line, der um kurz vor ein Uhr nachts verkehrte. Obwohl es ein normaler Donnerstag war, hatte sich ziemlich viel Partyvolk angefunden. Ein London-Trip lohnte sich eben zu jeder Jahreszeit, und zahlreiche Feierwütige waren schon auf den ersten Blick als Touris zu erkennen.

Mia schmunzelte verstohlen über die verwirrten Fremden, die mit Stadtplänen und Handy-Navis bewaffnet durch die Stationen irrten. Obwohl sie erst seit einem Jahr in der Hauptstadt lebte, kam sie sich schon wie eine alteingesessene Londonerin vor. Die U-Bahn hatte es ihr besonders angetan. Bisher hatte Mia noch keinen Führerschein, aber erstens hätte sie sich von ihrem schmalen Gehalt sowieso kein Auto leisten können. Und zweitens liebte sie die Atmosphäre der U-Bahn, die von den Londonern einfach nur Tube genannt wurde.

Zu den Stoßzeiten quetschten sich die Passagiere in die Wagen wie Sardinen in eine Büchse, doch noch nicht einmal diese Enge und die schlechte Luft störten Mia. Wenn sie morgens ins Büro fuhr, dann kam es ihr so vor, als wäre die ganze Welt um sie herum versammelt. Sie teilte sich ihren Weg mit Inderinnen im Sari, mit baumlangen Afrikanern, mit schlipstragenden Asiaten, mit Punks und Gothics und Emos – es kam ihr wirklich so vor, als würde sie mit der ganzen Welt in einem Waggon stehen.

Was für ein Unterschied zu ihrer verschlafenen Heimatstadt in den Midlands!

In der letzten U-Bahn des Tages war es nicht so voll. Mia hatte die Beine übereinander geschlagen und wippte mit der Fußspitze im Rhythmus zu dem Sound, den ihr der MP-3-Player in die Ohrmuscheln spülte. Sie hatte die Lautstärke ziemlich aufgedreht, denn sie hatte keine Lust auf die bierseligen Sprüche der anderen Passagiere. Ihre Körpersprache sagte eindeutig: Mach‘ mich nicht an!

Und plötzlich saß Mia allein im Waggon. Es war, als ob alle anderen Leute wie auf ein lautloses Signal hin plötzlich gleichzeitig an der Station Leicester Square ausgestiegen wären. Das konnte Mia nur recht sein. Sie schaute sich kurz ihr Spiegelbild im Wagenfenster an. Eigentlich wirkte sie noch ziemlich frisch, obwohl sie auf der Party fast drei Stunden lang ununterbrochen getanzt hatte. Mia war gut in Form, sie hielt sich mit Karate fit. Der Kampfsport war auch ein Grund, weshalb sie sich nicht vor nächtlichen U-Bahn-Fahrten fürchtete. Wenn ihr jemand zu nahe kommen wollte, dann legte er sich nämlich mit einer Braungurt-Trägerin an!

Mia wurde oftmals unterschätzt, was auch an ihrer zierlichen Figur lag. Sie hatte erst vor kurzem ihren zwanzigsten Geburtstag gefeiert, wurde aber oft für siebzehn oder höchstens achtzehn gehalten. Diese Tatsache nervte sie gewaltig. Aber zum Glück war sie volljährig, ihre Eltern lebten noch daheim in den Midlands und konnten ihr keine Vorschriften mehr machen …

Während Mia diese Gedankenfetzen durch den Kopf spukten, veränderte sich plötzlich die Atmosphäre in dem U-Bahn-Waggon. Dabei fuhr der Zug genauso schnell wie sonst, soweit Mia das beurteilen konnte. Ein Zittern lief durch den Wagen, als er sich in die Kurve legte.

 

Mia war irritiert, obwohl sie sich nicht ängstigte. Noch nicht. Sie hatte es sich in dem leeren Waggon auf ihrem Sitzplatz bequem gemacht und die Beine auf die gegenüberliegende Bank gelegt. Nun nahm sie ihre Füße wieder herunter und setzte sich aufrecht hin. Dann drehte sie sich um, wobei sie versuchte, möglichst unbefangen zu wirken.

Nichts.

Hinter sich erblickte Mia nur die menschenleeren übrigen Bänke, ansonsten die Werbetafeln für Shampoo, Burger und andere Konsum-Kinkerlitzchen. Mia ärgerte sich über ihre düsteren Vorahnungen. Sie spürte eine Beklemmung, für die es keinen Anlass gab. Doch die nächste Station war sowieso Russell Square, wo sie aussteigen …

Der Angriff kam so schnell und unerwartet wie ein Messerstich bei einer Hochzeitszeremonie. Plötzlich waren die dunklen Gestalten da, und sie waren zu dritt. Mias zerlumpte Widersacher mussten sich hinter den Sitzbänken versteckt gehalten haben, um einen optimalen Moment für ihre Attacke abzupassen.

Am Unheimlichsten war die Lautlosigkeit, mit der die Typen kämpften. Mia merkte schnell, dass ihre Karatekenntnisse ihr nur wenig halfen. Gewiss, sie schaffte es, sich einen Angreifer mit einem Fußtritt vom Hals zu halten. Aber im nächsten Moment wurde sie auch schon von den beiden anderen Kerlen gepackt. Aus der Nähe bemerkte Mia den penetranten Geruch, den die Männer verströmten.

War es Blut?

Mia holte zu einem verzweifelten Befreiungsschlag aus. Doch sie konnte ihre Faust nicht mehr in die Rippen eines Gegners krachen lassen. Ein fürchterlicher Schlag mit einem Schraubenschlüssel auf ihren Hinterkopf ließ Mia in das tiefe finstere Tal der Bewusstlosigkeit stürzen.