Umschlag

Sylke Tannhäuser, Jahrgang 1964, wurde in Leipzig geboren, wuchs in Zittau auf und kehrte nach dem Abitur nach Leipzig zurück. Sie hat Betriebswirtschaft und in einem zweiten Studium Verwaltungswirtschaft studiert. Sie schreibt vorwiegend Kriminalromane, aber auch Kurzgeschichten, die in verschiedenen Anthologien und Literaturzeitschriften erschienen sind. Mehrfach mit Preisen ausgezeichnet, hat sie mit ihren Kurzkrimis an den jährlich stattfindenden Ostdeutschen Krimitagen teilgenommen. Im Emons Verlag erschien »Leipzig im Sumpf«.

Dieses Buch ist ein Roman. Die Handlung ist frei erfunden, wenngleich im historischen Umfeld eingebettet. Einige Personen, Ereignisse und Orte sind historisch, einige sind es nicht.

© 2014 Hermann-Josef Emons Verlag
Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung: Tobias Doetsch
eBook-Erstellung: CPI books GmbH, Leck
ISBN 978-3-86358-725-3
Originalausgabe

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1

In der Mitte des Jahres 1100 begann die Menschheit endgültig aufzuatmen. Der erste Jahrhundertwechsel des neuen Zeitalters war vergangen, und allmählich wurde auch dem Letzten klar, dass das Jüngste Gericht doch nicht so nah war, wie es die Priester glauben machten. Der Kelch war noch einmal an ihnen vorübergegangen. Natürlich hatten sie gebetet, häufiger und inbrünstiger als gewöhnlich. Wie ihre Väter und deren Väter, über Generationen zurück. Die Furcht vor der ewigen Verdammnis wog schwer. Wer wahrhaft und fest im Glauben war, musste sich nicht fürchten. Sündern hingegen drohten schlimme Plagen, Blitz und Donner, Erdbeben und Seuchen, und am Ende aller Leiden die größte: das Schmoren im feurig brennenden Pfuhl. Nur die Sünder, wohlbemerkt, erwartete diese Höllenqual. Doch wer konnte schon von sich behaupten, sündenfrei zu sein?

Das Beten jedenfalls hatte geholfen, der Antichrist hatte sie verschont. Das Jahr im Herrn 1100 war ein gutes, ein schönes Jahr.

Kaiser Heinrich herrschte mit fester Hand, und seine Ritter gaben sich redlich Mühe, ihm wie geschworen zu dienen. Es gelang ihnen nicht immer, denn es war schwer, einem Kaiser wie ihm treu zu sein. Heinrich war hart, manchmal gnadenlos und wankelmütig dazu.

Von solcherart Gedanken beherrscht, näherte sich Markgraf Wiprecht in gemächlichem Trab seiner Burg. In vielen Schlachten hatte er an Heinrichs Seite gestanden, und sein Kampfesmut hatte mehr als einmal den Ausschlag für den Sieg gegeben. Doch nie hatte er sich sicher sein können, ob Heinrich es ihm danken würde. Eines immerhin hatte Wiprecht erreicht: Der Kaiser hatte ihm in der Ostmark freie Hand gelassen.

»Geh hin«, hatte er gesagt und nachlässig mit der Hand gewedelt, als wollte er eine Fliege verscheuchen. »Kümmere dich um dein Hab und Gut, aber vergiss nicht, du gehörst mir. Wenn ich rufe, erwarte ich dich an meiner Seite.«

Wie könnte er das vergessen? Der Kaiser erinnerte ihn schließlich oft genug daran. Wiprecht seufzte. Er achtete seinen Kaiser, aber er liebte auch sein eigenes Land, das er sich hart erkämpft hatte. Nicht minder liebte er seine Burg wie auch Groitzsch, die stattliche Siedlung in der Aue, die von zwei Flüssen begrenzt wurde.

Udo von Stade, sein Ziehvater und Lehrmeister, hatte ihm den Besitz anstelle seines Erbes im Balsamerland übereignet. Zu viel Ärger hatte ihm wohl Wiprechts Ehrgeiz bereitet, und Udo wollte keinen Streit unter seinen Rittern. Also hatte der Ziehsohn das Balsamerland verlassen müssen.

Anfänglich hatte sich Wiprecht schwergetan. Was kümmerte es ihn, dass ihn Udos Ritter verabscheuten? Er scherte sich nicht um deren kleinliche Streitigkeiten, denn er hatte Großes im Sinn, auch wenn das hieß, sich gegen Udos Männer zu stellen. Als ihn Udo ins Osterland geschickt hatte, mussten die glauben, er würde vor ihnen fliehen.

Doch am Ende hatte Wiprecht den Tausch nicht bereut. Seine Burg hatte sich zu einer starken Zuflucht gemausert. Die Hochebene, auf der sie stand, wurde von einem Erdwall umschlossen. Der trübe Burggraben und ein Streifen Sumpfland entlang des Weges zur Zugbrücke gaben zusätzlichen Schutz.

Wiprecht drückte seinem Rappen die Fersen in die Weichen. Im Galopp donnerte er auf die Burg zu. Der Burghauptmann hatte ihn bereits gesehen und das Tor öffnen lassen, sodass er ungehindert einreiten konnte.

Im Hof stieg Wiprecht vom Pferd. Er stöhnte leise. Seine Beine waren steif von dem langen Ritt. Immer öfter spürte er, dass er nicht mehr der Jüngste war. Die Knochen wurden allmählich müde. Er warf einem herbeieilenden Knecht die Zügel in die Hand und stakste die Stufen zum Haupthaus hinauf.

»Du bist schnell zurück«, empfing ihn Judith, seine Gemahlin und die Dame des Hauses.

»Die Zeit drängt. Der Pole wurde in Mainz beim Kaiser gesehen.«

»Sei unbesorgt, die Gäste sind geladen.« Judith zögerte, dann fragte sie: »Bist du dir gewiss, dass es kein Fehler ist?«

»Ich hoffe es, mehr kann ich nicht versprechen.« Wieder kam Wiprecht der Kaiser in den Sinn, doch rasch wischte er den Gedanken beiseite.

»Das Kleid ist wundervoll, Mutter.« Judiths Tochter Bertha drehte sich im Kreis und ließ den langen, bauschigen Rock schwingen, ehe sie sich lachend in ihre Arme warf. »Ich danke dir, du bist sehr großzügig.« Bertha glättete den seidigen Stoff. »Es fühlt sich gut an, so kühl und geschmeidig zugleich. Wann darf ich es tragen?«

Judith strich ihr über die golden glänzenden Locken und antwortete: »Setz deinen Kopfreif auf.«

»Wozu? Ich zieh mich ja doch gleich wieder um.«

»Tu, was ich sage, Kind. Dein Vater wartet auf uns.«

»Vater?« Das strahlende Lächeln des Mädchens erstarb. »Ich will ihn nicht sehen.«

»Es kommt dir nicht zu, ihm einen Wunsch abzuschlagen.«

»Einen Befehl, meinst du«, erwiderte Bertha.

Judith versetzte ihrer Tochter einen Klaps. »Das wird dich lehren, zu gehorchen«, sagte sie und seufzte innerlich. Züchtigungen hatten Bertha noch nie dazu veranlasst, sich unterzuordnen. Das Mädchen war und blieb ihr Sorgenkind. Was sollte bloß werden, wenn Bertha nicht lernte, sich zu fügen? Vielleicht tat Wiprecht, ihr Gemahl, das Richtige, indem er die Vermählung plante, auch wenn sie selbst fürchtete, das Kind würde daran zerbrechen.

Bertha griff nach dem reich verzierten Kopfreif und setzte ihn achtlos auf ihre Lockenmähne. Mit schnellen Handgriffen korrigierte Judith den Sitz und schob das Mädchen zur Tür hinaus.

Der Hauptsaal der markgräflichen Burg war gut gefüllt. Die Luft schwirrte von lebhaftem Stimmengemurmel, das schlagartig erstarb, als die beiden Frauen in die Mitte traten.

Judith, deren dunkles, unter einem glänzenden Perlennetz zusammengebundenes Haar einen herrlichen Kontrast zu dem in leuchtendem Grün gehaltenen Kleid bildete, war es gewöhnt, dass sich alle Blicke auf sie richteten. Diesmal war ihr bewusst, dass auch die Tochter Bewunderung erhielt.

Während Judith die Rufe lächelnd quittierte, bemerkte sie, dass Bertha keine Notiz von ihnen nahm. Judith ahnte, dass das Mädchen sich am liebsten in ihre Kammer zurückziehen würde, selbst wenn sie dafür bis zum Morgen mit knurrendem Magen ausharren musste.

Der Burgherr, der auf dem erhöhten Armstuhl an der Stirnseite des Saales gesessen hatte, erhob sich und ging seiner Frau entgegen.

»Komm, meine Schöne«, flüsterte Wiprecht, nahm ihren Arm und führte sie zu ihrem angestammten Platz, dem Sitz an seiner Seite. Judith strahlte. Die Tochter war vergessen.

Bertha blieb nichts übrig, als ihren Eltern zu folgen, wollte sie nicht der Mittelpunkt aller Augen bleiben. Trotzig stellte sie sich hinter den Stuhl der Mutter und überflog die Menge.

Mit so vielen Menschen hatte sie nicht gerechnet, auch wenn seit Tagen ein ständiges Kommen und Gehen in der Burg herrschte. Sie hatte es auf das nahende Mittsommerfest geschoben. Die Nacht, in der rings um die Burg zahlreiche Feuer leuchteten, zog seit jeher viele Gäste an. In der Burg wurde der alte Brauch gern und lebhaft gefeiert. Den Vater kümmerte es nicht, dass der Bischof keine Gelegenheit ausließ, gegen das heidnische Fest zu wettern.

Die meisten Gesichter waren ihr vertraut: Wiprechts Ritter und Kampfgefährten, aufgebaut vor den Knappen, in deren Kleidung sich die Farben der Banner wiederfanden und die die Hälse reckten, um ja nichts zu verpassen. Bertha kannte auch die Damen, deren Blicke nicht minder neugierig durch den Saal huschten. Einige waren mit ihrer Mutter befreundet und häufig zu Gast.

Auch Windolf, Abt des Pegauer Klosters, war zugegen. Zu seiner rechten Seite stand ein weiterer Gottesmann, dessen abgerissener Habitus auf ein Wanderleben schließen ließ. Neben ihm saß ihr Bruder Heinrich, der ihr, als ahnte er, dass sie seines Trostes bedurfte, aufmunternd zuzwinkerte. Wie gern wäre sie in diesem Moment mit ihm über die nahen Wiesen gestreift, statt den nichtssagenden Gesprächen der Gäste lauschen zu müssen.

Dummerweise hatte Dittrich, der Burghauptmann ihres Vaters, sie beide vor einigen Tagen bei einem der heimlichen Ausflüge aufgegriffen. Ohne viel Federlesens hatte er Bertha vor sich auf sein Pferd geworfen und wie einen Sack Mehl zurück auf die Burg geschleppt. Der Vater hatte getobt und ihr verboten, die schützenden Mauern zu verlassen. Vor ein paar Wochen war ein junges Mädchen überfallen worden. Geschändet und tot, so hatte ein Holzfäller es im Wald gefunden. Seitdem lebten die Leute in der Angst, der Vorfall könnte sich wiederholen.

Bertha glaubte nicht daran. Noch nie war um Groitzsch herum ein Verbrecher aufgetaucht. Das Mädchen musste einem Bekannten zum Opfer gefallen sein. Vielleicht ein Unglücksfall. An des Markgrafen Tochter jedenfalls würde sich kein Einheimischer vergreifen.

Sie hatte gebettelt und geweint, doch Vater war hart geblieben. Sie grollte ihm noch immer deswegen.

Gelangweilt ließ sie die Worte, mit denen der Vater die Gäste begrüßte, an sich vorbeirauschen. Ihr Blick schweifte in die Runde. Es war eine schöne Halle, eines Markgrafen würdig. An den Wänden hingen wertvolle Teppiche, fein gesponnen aus schimmernden Seidenfäden und mit Bildern, die zu leben schienen. Sie zeigten heilige Männer, hohe Würdenträger und Missionare, aber auch Ritter und schöne Frauen. Die Teppiche waren ein Teil der reichen Mitgift ihrer Mutter. Berthas Großvater, Herzog Vratislav, hatte nicht geknausert, als er seine Tochter Wiprecht übergeben hatte.

Am schönsten fand Bertha das Bild der böhmischen Ludmilla. Die Heilige kniete inmitten ihrer Frauen auf einer Wiese und empfing die Taufe des mährischen Bischofs Methodius. Ihr reines Antlitz war verklärt gen Himmel gewandt. Immer, wenn Bertha darauf schaute, fand sie, dass Ludmilla ihrer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten war. Bertha stellte sich oft vor, ihre Mutter würde eines Tages ebenso wie Ludmilla heiliggesprochen werden. Der Gedanke gefiel ihr.

Als sich ein Raunen erhob, schreckte sie aus ihren Gedanken auf. Hatte der Vater etwas Ungehöriges gesagt, die Gäste gar verärgert? Das war nicht ungewöhnlich, Wiprecht mochte zwar ein außergewöhnlicher Stratege und Kämpfer sein, aber er war auch aufbrausend und herrisch. Nicht nur Bertha litt unter seinem eisernen Willen.

Die Leute fürchteten ihren Vater, der vor über zwanzig Jahren als namenloser Erbe aus dem Norden in das Ostland gekommen war und sich im Laufe seiner Dienstjahre unter der kaiserlichen Krone Ansehen und Reichtum erkämpft hatte.

Die Vermählung mit Judith hatte das ihre dazu beigetragen. Der Rückhalt, den Berthas Vater unter den böhmischen Verwandten hatte, war so groß, dass er im Falle eines Falles innerhalb kurzer Zeit eine Streitmacht von mehreren tausend Mann aufbieten konnte.

Unter den Anwesenden hatte sich eine Gasse geöffnet, durch die ein Mann mit hocherhobenem Haupt auf das gräfliche Paar zuschritt. Sein dunkles Haar schimmerte so schwarz, wie es Bertha noch nie gesehen hatte. Schwarz waren auch die Schuhe und Beinlinge, die unter dem mit einer goldenen Borte verzierten blauen Rock hervorschauten. Es ging etwas Dunkles von ihm aus. Er bewegte sich wie eine Wildkatze, kraftvoll und dabei lässig, als kümmerten ihn die Blicke der Umstehenden nicht. Von Ehrerbietung dem Grafen gegenüber war nichts zu spüren.

Berthas Blick glitt zum Vater, der würde sich solch unziemliches Betragen nicht bieten lassen. Gleich würde er den Fremden in die Schranken weisen, womöglich sogar auspeitschen lassen.

Umso erstaunter war sie, als Wiprecht gelassen blieb. Fast meinte sie, ein zufriedenes Lächeln um seine Lippen spielen zu sehen, dann schüttelte sie ungläubig den Kopf. Es wäre das erste Mal, dass der Groitzscher Burgherr einen Gast lächelnd begrüßt hätte.

»Graf Waclewic!« Wiprecht winkte dem Ritter. Als dieser das Knie beugen wollte, duldete er dies nicht.

Bertha hielt den Atem an. Solch ein Privileg hatte bislang nur der Kaiser beansprucht. Interessiert musterte sie den Fremden.

»Du weißt, wie sehr ich mich freue, dass du endlich aus dem Polenland zu uns gefunden hast. Unser alter Bund soll erneuert werden. Sei willkommen, Schwiegersohn.«

Bertha zuckte zusammen. Sie musste sich verhört haben, doch ein Blick auf ihren Vater belehrte sie eines Besseren. Er hatte es ernst gemeint. Sie wollte aber noch nicht heiraten und erst recht nicht diesen finsteren Polen.

Waclewic warf Bertha einen brennenden Blick zu, ehe er antwortete: »Du hast nicht zu viel versprochen, Markgraf. Sie ist in der Tat wunderschön. Es wird mir eine Ehre sein, sie auf meine Burg zu führen.«

Berthas Herz raste.

»Alles zu seiner Zeit«, warf Judith ein. »Mein Gemahl ist gewiss ebenfalls der Meinung, dass unsere Tochter mit zwölf Jahren noch zu jung ist. Warte noch zwei Jahre, dann soll sie dir gehören.«

Bertha wusste, dass die Mutter vierzehn gewesen war, als sie der Großvater mit dem zwanzig Jahre älteren Vater vermählt hatte. Die Mutter hatte in ihrer Liebesheirat die Erfüllung gefunden. Ein solches Glück war den wenigsten Edelfrauen beschieden.

Waclewics Züge hatten sich bei den Worten der Burgherrin verdüstert. »Wie du meinst, Herrin«, entgegnete er.

Die Ungeduld, die Bertha aus seinen Augen entgegenblitzte, jagte ihr Angstschauer über den Rücken. Gleich darauf jedoch stieg Wut in ihr empor. Sie spürte, dass ihre Wangen brannten. Was bildete sich dieser grobe Klotz ein? War er so begierig auf ihre Unschuld, oder lockte ihn die Mitgift, mit der der Vater gewiss nicht geizen würde?

Waclewic, dem Berthas Reaktion nicht entgangen war, sagte: »Doch bitte bedenkt: Der Anblick der edlen Bertha hat mich sogleich in Liebe versetzt. Jeder Tag, der mich von ihr trennt, wird mir zur Qual.«

»Du wirst es aushalten müssen, Graf«, entgegnete Wiprecht und lachte dröhnend.

Als die gesamte Gesellschaft in das Lachen einfiel, meinte Bertha vor Scham im Boden zu versinken, doch statt züchtig die Augen niederzuschlagen, starrte sie den polnischen Ritter böse an. Der erwiderte den Blick, und obwohl er liebenswürdig lächelte, gewahrte Bertha das Glimmen in seinen schwarzen Augen. Der Fremde spielte mit ihr.

Das anschließende Mahl zog sich endlos hin. Wiprecht hatte nicht gespart und zu Ehren des Gastes das Beste aus Küche und Kammern auftragen lassen. Eierspeisen wechselten sich mit köstlich gewürzten Fleischwürstchen ab. Es gab frisch gebackenes Brot, Käse, Fisch, Gänse und Tauben, ja selbst ein gebratener Kapaun in Nelkensoße zierte die Tafel. Obwohl Berthas Magen knurrte, brachte sie keinen Bissen hinunter.

Anders die Gäste. Männer wie Frauen schlemmten, bis sie nicht mehr konnten, und manch einer verschaffte sich draußen im Hof Erleichterung, um zurück an der Tafel weitere Köstlichkeiten in sich hineinzustopfen. Beim Anblick der fetttriefenden Münder drehte es Bertha den Magen herum.

Ab und zu streifte ihr Blick den Mann, der ihr von den Eltern zum Gatten bestimmt war. Auch er tat sich ausgiebig am Mahle gütlich, die Knochen, die er den Hunden zum Abnagen hinwarf, türmten sich zu einem ansehnlichen Haufen. Sein Knappe sorgte dafür, dass der Krug vor ihm nie leer wurde, und Waclewic trank, ohne abzusetzen. Der Wein schien ihm nichts auszumachen. Obwohl seine Augen blutunterlaufen waren, blieben sie klar. Wenn er Berthas Blick spürte, starrte er zurück, dann schauderte ihr vor ihm, und sie sah schnell weg.

Es war spät, als sie an diesem Abend, begleitet von ihrer Magd Gesine, in die Abgeschiedenheit der Kemenate flüchten konnte. Gesine war seit frühester Kindheit an ihrer Seite und nicht nur ihre Magd, sondern zugleich auch ihre Freundin. Gesine half ihr aus dem Kleid und bürstete den Geruch der rußenden Saalfackeln aus dem glänzenden Haar.

Als sie sich zum Gehen wandte, hielt Bertha sie zurück. »Was erzählt man sich über den Polen?«, fragte sie und gab sich keine Mühe, beiläufig zu klingen. Gesine kannte sie zu gut, als dass sie vor ihr etwas verbergen konnte.

»Es ist besser, wenn du es nicht weißt. Wie solltest du sonst deinem Gatten unbefangen gegenübertreten?« Gesine zwirbelte die Spitze ihres Zopfes, wie immer, wenn sie unschlüssig war.

»Als ob ich das jemals könnte.« Bertha sprang auf. »Ich hasse ihn schon jetzt.«

»Versuche, ihn zu respektieren. Glaub mir, das macht alles leichter.«

»Leichter? Wenn ich bei ihm liege und er über mich herfällt? Meinst du das?« Bertha ballte die Fäuste. »Sag schon, was du über ihn weißt. Ich bin kein Kaninchen, das dem Wolf zum Fraße vorgeworfen werden kann.«

»Es ist nicht viel, bloß das, was Waclewics Leute heimlich flüstern.« Gesine druckste herum. »Er hat Kraft in den Lenden und liebt die Frauen. Er nimmt jede, die er bekommt, sagen sie.«

»Das machen sie doch alle.« Bertha ließ sich auf ihr Bett fallen.

»Er treibt es ärger als andere. Er ist unersättlich. Bei tausend Weibern soll er gelegen haben, dabei soll er Dinge tun …« Gesine sah verlegen zur Seite. »Ich wage es nicht auszusprechen.«

Bertha spürte, wie ihr die Hitze in die Wangen schoss. »Was für Dinge?«

»Er verschlingt sie. Leckt sie ab, überall, und steckt seine Rute in jedes Loch, das er findet.«

Berthas Gesicht war flammend rot. »Das ist Sünde. Der Bischof …«

»Den kümmert es nicht.«

»Aber sein König, die Ritter. Sie müssen …«

»Was müssen sie? Sie decken sich gegenseitig, und wer weiß, ob sie seine Leidenschaft nicht teilen. Auch von Knaben war die Rede.«

»Ich werde es meinen Eltern sagen. Sie können mich unmöglich einem solchen Unhold ins Bett legen.«

»Es wird nichts nützen. Waclewic ist reich, sehr reich sogar, und er herrscht über Ländereien, die größer als die deines Vaters sind.«

»Wenn schon, mein Glück ist ihnen mehr wert«, entgegnete Bertha hitzig und wusste im gleichen Augenblick, dass sie sich etwas vormachte. Ihr Vater, dessen Sinnen und Trachten Zeit seines Lebens in der Stärkung seiner Macht bestand, würde sich keinen Deut um sie scheren. Trotz aller Liebe war sie für ihn ein willkommenes Mittel, um seine ehrgeizigen Ziele zu verwirklichen. Sie war auf sich allein gestellt. Wollte sie dem Polen entkommen, musste sie klug vorgehen. Zorn half ihr dabei nicht.

»Zu niemandem ein Wort von unserer Unterhaltung, hast du verstanden?«

Gesine nickte, ehe sie ging.

Kaum dämmerte der Morgen, begab sich Bertha in düsterer Stimmung in die Küche. Elze, die Köchin, stellte ungefragt eine große Schüssel warmer Milch auf den Tisch und legte ein Stück Brot daneben. »Es ist noch warm.« Sie lächelte.

Wortlos griff Bertha zu. Sie hatte sich die halbe Nacht schlaflos auf dem Lager gewälzt. Als ihr schließlich die Augen zugefallen waren, hatte sie geträumt, der verhasste Bräutigam würde sie mit blutverschmiertem Munde und gierig schnappenden Krallen treppauf, treppab durch die ganze Burg verfolgen. Mit einem Schrei auf den Lippen war sie aus dem Alptraum geschreckt, unfähig, länger Ruhe zu finden.

Bertha liebte die Küche und die vertrauten Gerüche nach Fett und Brot, Kräutern und dem Feuer, das Tag und Nacht unter dem Ofen in Gang gehalten wurde. Als kleines Mädchen hatte sie sich hierher geflüchtet, wenn die Mutter rief, um sie zur Arbeit mit Nadel und Faden anzuhalten. Manche Nacht hatte sie sich in den dunklen, warmen Raum geschlichen und einen Apfel oder eine Handvoll Nüsse stibitzt, damit Gesine nicht hungern musste.

Elze hatte sie verstanden und nie verraten. Auch heute drängte die alte Köchin nicht, sondern tat, als wäre Berthas Anwesenheit um diese frühe Stunde selbstverständlich.

Bertha wischte mit dem letzten Stück Brot die Schüssel aus und lehnte sich zurück.

»Warum hast du keinen Ehemann, Elze? Wollte dich keiner?«

»Gewollt haben einige. Ich war nicht übel, früher.« Elzes dicker Busen bebte, als sie lachte. Sie raffte ihren Kittel am Ausschnitt zusammen und strich ihn glatt.

»Hast du alle abgewiesen?«

»Ich war verliebt.«

Bertha beugte sich vor. »Erzähl mir von ihm. Wie war er? War er groß und stark?«

»Ein schöner Mann, das war er wirklich. Er hatte sanfte Hände, aber er konnte auch zupacken. Wir konnten nicht genug voneinander bekommen.«

»Trotzdem hat er dich nicht geheiratet. Was ist passiert?«

»Was meinst du wohl?« Elze schnalzte mit der Zunge. »Er stand weit über mir, ich durfte keine Hoffnung haben.«

»War er ein Kaufmann oder ein Händler?«

»So ähnlich.«

»Obwohl du wusstest, dass du ihn nicht bekommst, hast du dich ihm hingegeben. Warum, um Himmels willen?«

»Du fragst Sachen! Der Himmel hatte jedenfalls nichts damit zu tun.«

»Kannst du mir deine Liebe erklären?«

Elze watschelte zum Herd und legte neues Holz ins Feuer. »Ach Kindchen, lass die alten Geschichten ruhen.«

»Ich will es nicht aus Neugier wissen.«

Die Köchin nahm wieder Platz. »Waclewic, hab ich recht? Ich hab gehört, dass der Herr dich versprochen hat.«

Bertha nickte.

»Du hast Angst vor ihm, aber damit bist du nicht allein. Jedes Mädchen fürchtet sich vor dem ersten Mal.«

»Ich habe keine Angst«, erwiderte Bertha. »Ich will mir ein Bild machen.«

»Wozu soll das gut sein?« Elze wiegte zweifelnd den Kopf. »In meinem Fall war er ein Mann, der wusste, was er wollte, und es gewöhnlich auch bekam. Er hatte ein Auge auf mich geworfen, ich hingegen war weit davon entfernt, an eine Liebschaft zu denken.«

»Hat er dich umworben?«

»Das hängt davon ab, was man darunter versteht«, entgegnete Elze.

»Lieder, Blumen – all das eben.«

»Wo denkst du hin! Er hat mich buchstäblich überfallen.«

»Willst du damit sagen, er hat dich mit Gewalt …? So ein Scheusal.«

»Warte, das war nur der Anfang, danach war es …« Elze suchte nach Worten. »Es war einfach gut.«

»Wie konntest du ihm bloß verzeihen?«

»Seine Kraft, sein Geruch, die Küsse – all das hat ein Feuer in mir entfacht. Ich konnte ihn nicht abweisen, selbst wenn ich es gewollt hätte.«

Elze schlurfte zurück ans Feuer, um die Frühstückssuppe vorzubereiten.

Bertha grübelte vor sich hin. War es möglich, dass sich eine Frau trotz Widerwillen verlieben konnte? Bei Elze war es so gewesen, aber würde es auch bei ihr so sein? Noch dazu, wenn es sich um einen Mann wie diesen Waclewic handelte?

Sie erinnerte sich an den flirrenden Blick des Polen und schüttelte energisch den Kopf. Niemals!

Der Vormittag war schon weit fortgeschritten, als Judith im Gemüsegarten Kräuter zu kleinen Bündeln schnürte. Bertha ging ihr dabei zur Hand. Die Sonne brannte mit aller Kraft, als wollte sie die Erde rösten, und bald kamen die Frauen ins Schwitzen. Leise stöhnend wischte sich Judith die Schweißperlen von der Stirn.

Bertha erschrak, als sie die wächserne Blässe auf dem Gesicht ihrer Mutter gewahrte. »Was hast du?«

»Es ist nichts.«

»Setz dich.« Bertha führte sie zu der kleinen Bank, die am Rande des Gartens unter einem Apfelbaum stand. »Du siehst aus, als könntest du eine Stärkung vertragen.«

»Es geht gleich vorbei, ein kleiner Schwächeanfall, nichts Schlimmes«, wehrte Judith ab, doch ihr gequälter Ausdruck strafte sie Lügen.

»Du würdest gut daran tun, dir ein Weilchen Ruhe zu gönnen. Warte!« Ohne auf den schwachen Protest ihrer Mutter zu hören, beeilte sich Bertha, Hilfe zu holen. Mit geschürztem Rock rannte sie über den Hof. Es kümmerte sie nicht, dass die Knechte ihre Beine sahen.

»Schnell, schnell!« Atemlos winkte sie den Mägden, die am Brunnen standen und Wasser schöpften. »Der Herrin geht es schlecht, kommt!«

Sofort ließen die Mädchen alles stehen und liegen und folgten ihr.

Bertha wusste selbst nicht warum, aber plötzlich hatte sie das Gefühl, zu spät zu kommen. Von bösen Ahnungen gepeitscht, rannte sie quer über die Beete, ohne darauf zu achten, wohin sie trat. Die Mägde konnten kaum folgen.

Als Bertha die zusammengesunkene Gestalt unter dem Apfelbaum sah, stürzte sie voll Angst auf sie zu. »Mutter!«

Die Mägde sahen sich ratlos an, während Bertha Judiths schmale Schultern umfasste und kräftig schüttelte. Die Mutter stöhnte, ihre Lider flatterten.

»Steht nicht dumm herum!«, herrschte Bertha die Mägde an. »Holt Wasser, beeilt euch!«

Kurze Zeit später stellte eines der Mädchen einen wassergefüllten Bottich neben Bertha. Sie tauchte einen Zipfel ihres Kleides ein, wischte der Mutter über Stirn und Wangen und tröpfelte ein wenig Wasser auf die Lippen. Geduldig wiederholte sie die Prozedur mehrere Male, und allmählich kehrte die Farbe in Judiths Gesicht zurück. »Mir ist so übel«, stöhnte sie.

»Vermutlich ein Sonnenstich, die Hitze. Es wird dir gleich besser gehen.« Bertha flößte der Mutter einen Becher Wasser ein, und tatsächlich erholte sie sich zusehends.

»Bringt sie ins Haus«, wies Bertha die Mägde an.

»Die Kräuter …« Judith wies auf das Beet.

»Keine Sorge, ich kümmere mich darum.«

»Schafgarbe und Minze …«

Bertha nickte ungeduldig.

»Dein Vater wäre sehr böse, wenn beim Abendmahl etwas fehlen sollte.«

»Es wird nichts fehlen, verlass dich auf mich«, versicherte Bertha. Im Stillen dachte sie, dass es weit besser wäre, wenn der Vater weniger Aufheben um den hohen Gast und sein leibliches Wohl machen würde.

Doch sie folgte dem Geheiß der Mutter. Während sie die Kräuter bündelte, wurde ihr bewusst, welche Verwüstung sie im Garten angerichtet hatte. Wie ein durchgehendes Ross war sie über die Beete getrampelt. Spitzwegerich, Lauch und auch die Rettiche waren umgeknickt und zermatscht. Der Kampfer würde ebenfalls nur schwer zu retten sein. Betrübt betrachtete sie die Pflanzen zu ihren Füßen.

Gleichwohl war Bertha froh, so geschwind und umsichtig gehandelt zu haben. Wer weiß, was sonst mit der Mutter geschehen wäre. Sie war schon immer zart und anfällig gewesen, und die drei Kinder, die sie dem Vater geboren hatte, hatten keineswegs dazu beigetragen, dass sich ihre Gesundheit bessern konnte.

Als Bertha den letzten Strauß fertig hatte, richtete sie sich auf und drückte den schmerzenden Rücken durch.

»Hier also finde ich die kleine Wildkatze«, erklang es auf einmal hinter ihr.

Bertha fuhr herum. »Graf Waclewic!«

»Höchstpersönlich«, entgegnete der Graf und kam näher. Seine dunkle Kleidung ließ ihn schmaler erscheinen, als er war. Bertha sah die Muskeln unter dem Stoff spielen.

Sie presste die Lippen aufeinander. Plötzlich kroch ihr trotz der Sonne eine ungewohnte Kälte den Rücken hinauf. Sie wollte wegrennen, doch sie war wie gelähmt.

»Warum so spröde? Ich bin dein Bräutigam, ein Wort aus deinem reizenden Mund macht mich glücklich.« Waclewic griff nach Berthas Arm und riss sie mit einem Ruck an sich. Er beugte sich über ihr Gesicht, sodass sie sich in seinen schwarzen Augen spiegelte. Ehe sie es sich versah, presste er seine Lippen auf ihren Mund.

Grob zwang er ihre Zähne auseinander. Bertha erstarrte vor Entsetzen. Der Graf schien es zu genießen, seine Zunge wühlte in Berthas Mund, und erst als Bertha glaubte, die Besinnung zu verlieren, lockerte er seinen Griff.

Unter Aufbietung aller Kräfte stieß sie ihn von sich. Angeekelt wischte sie sich mit dem Handrücken über den Mund. »Tu das nie wieder«, zischte sie.

Waclewic lächelte.

»Lass gefälligst dein unverschämtes Grinsen!«

»Ich mag Frauen, die den Teufel im Leib haben, auch wenn sonst nicht viel an dir dran ist.«

»Umso besser, dann schmerzt es dich auch nicht zu hören, dass ich dich niemals lieben werde.«

»Lieben? Ich will dir zeigen, was Liebe ist.« Er griff erneut nach Bertha, aber diesmal war sie auf der Hut. Sie riss ihren Dolch aus der verborgenen Tasche ihres Kleides und presste ihn an Waclewics Hals.

»Lass mich auf der Stelle los, oder ich steche dich ab!« Bertha drückte zu, bis sich ein Blutgerinnsel unter dem Eisen zeigte.

»Du wirst doch nicht …«

»Darauf würde ich nicht wetten.« Berthas Blick war eisig, doch in ihr brodelte es. Es erschreckte sie, dass sie bei dem Kuss noch etwas anderes als Ekel empfunden hatte, etwas wohlig Warmes.

»Mach, dass du fortkommst!« Bertha deutete auf die Gartentür, die knarrend in der aufkommenden Brise hin und her schwang.

Waclewic starrte sie einen Moment lang an, als könnte er nicht fassen, was soeben geschehen war. Dann zuckte er mit den Schultern, drehte sich um und schritt davon. Sein leises Lachen schien Bertha zu verhöhnen. Mit aller Kraft hielt sie sich aufrecht. Erst nachdem sie sicher war, dass er nicht zurückkommen würde, fiel die Spannung von ihr ab, und sie sank auf die Knie. Ein trockenes Schluchzen würgte sie, sodass sie fast glaubte, zu ersticken. Sie rang nach Luft. Ihre Augen brannten, als hätte sie stundenlang in offenes Feuer gestarrt.

Es dauerte geraume Zeit, ehe sie in der Lage war, aufzustehen und sich in die Küche zu schleppen. Mechanisch hängte sie die Kräutersträuße zum Trocknen auf. Die für das Abendmahl bestimmten Zutaten legte sie auf die Bank neben dem Kessel, in dem bereits ein großes Stück Fleisch kochte. Die vertraute Umgebung beruhigte sie. Allmählich ließ das Zittern in ihrem Körper nach.

Auch an diesem Abend forderte der Vater Bertha auf, an der Tafel teilzunehmen. Sie erschien mit hocherhobenem Haupt. Waclewic sollte sehen, dass er ihr keine Furcht einjagen konnte und sie sich nicht vor ihm verkroch.

Als der Vater den Grafen beim Essen fragte, woher der frische Schnitt an seinem Hals stammte, schaute sie den Polen an. Alles in ihr vibrierte, doch sie unterdrückte die Angst.

Waclewic suchte ihren Blick. »Ich war ungeschickt«, sagte er heiser. »Ein unbedeutender Zwischenfall.«

Bertha verzog spöttisch die Mundwinkel.

»Hoffentlich bist du beim morgigen Mittsommerfest weniger ungeschickt.« Wiprecht lachte gutmütig.

»Ich hoffe es.« Waclewic musterte Bertha nachdenklich. »Wirst du mich zum Feuer begleiten, Dame Bertha?«

»Du bist ungeduldig, Graf«, entgegnete Bertha so hochmütig sie konnte und handelte sich damit einen bösen Blick ihres Vaters ein.

»Sie wird an deiner Seite sein«, bestimmte Wiprecht.

Bertha blieb nichts übrig, als sich zu beugen. Wenn der Vater so mit ihr sprach, duldete er keinen Widerspruch.

Der nächste Tag verging nach Berthas Geschmack viel zu schnell. Seit sie denken konnte, liebte sie die Nacht der Sommersonnenwende, in der sich Jungen und Mädchen an den Händen fassten, gemeinsam über die Feuer sprangen, tanzten und lachten. Dieses Mal wünschte sie, die Sonne würde ewig am Himmel stehen.

Sie wollte den Vater nicht betrüben, doch sie konnte seinen Befehl unmöglich befolgen, obwohl sie bezweifelte, dass es ihr gelingen würde, dem Polen auszuweichen.

Bei Einbruch der Dunkelheit liefen die Leute über die Wiesen auf den Hügel linker Hand der Burg, wo bereits alles für das Johannisfeuer vorbereitet war. Die Burschen hielten die Mädchen an den Händen und zogen sie mit sich durch die Nacht. Scherze flogen durch die Luft, die mit Lachen beantwortet wurden, und mittendrin lief Bertha. Sie war allein. Gesine war irgendwo in der Dunkelheit verschwunden, vermutlich suchte sie ihren Liebsten.

Auf dem Hügel angekommen, reihte sich Bertha in die um das Feuer Stehenden ein. Gemeinsam bildeten sie einen Kreis, erwartungsvolle Freude lag über ihnen, die selbst Bertha ansteckte.

Die kürzeste Nacht und der längste Tag des Jahres, Höhepunkt des Lichts, Wendezeit … Einen Moment überkam Bertha Wehmut. Auch ihr Leben sollte sich wenden, gegen ihren Willen, doch gleich darauf hüllte sie neue Freude ein. Das Feuer war entzündet.

Der Geruch des Rauches mischte sich mit dem Blumenduft der lauen Sommernacht. Die hoch lodernden Flammen zerrten Gesichter aus der Finsternis, aufgerissene Münder, blitzende Augen. Erregung hatte alles und jeden erfasst. Begeistert begrüßte auch Bertha die Funken, die gleich Glühwürmchen umhersprangen.

Sie ließ sich von der Menge mitreißen, die nun, nachdem das Hauptfeuer brannte, die am Tage geflochtenen Feuerräder entzündete und den Hügel hinabrollte. Die Knechte trieben das Vieh dazwischen, um Schutz vor Krankheit und Seuchen zu erflehen.

Elze tauchte plötzlich neben ihr auf und warf einen Korb voll Beifuß in die Glut. Die Köchin lachte ihr zu, doch schon wurde sie von fremden Händen erfasst und im Tanz umhergewirbelt. Die Männer begannen, über die niederbrennenden Flammen zu springen. Gelang es ihnen, griffen sie nach der Liebsten und verschwanden mit ihr im Wald.

Einen Augenblick lang meinte Bertha Waclewics dunkle Augen zu sehen, aber schon wurde sie erneut im Reigen mitgezogen. Schneller ging es, immer schneller. Sie lachte, ihre Füße fanden wie von selbst den Takt, sie tanzte, als hinge ihr Leben davon ab. Irgendwann löste sie sich aus der Menge und taumelte beiseite. Erschöpft fiel sie ins Gras.

Sie schloss die Augen, und ehe sie wusste, was geschah, pressten sich heiße Lippen auf ihren leicht geöffneten Mund. Willig hielt sie still und ließ es geschehen. Sie fühlte die Wärme, sie schmeckte süß. Sie zögerte kurz, ehe sie den Druck des fremden Mundes erwiderte. Der Mann nahm das als Zeichen. Mit geübten Händen tastete er nach ihrem Körper, und plötzlich fand Bertha in die Gegenwart zurück. Die drängenden Berührungen waren mehr, als sie wollte.

Sie stieß den Fremden zurück, doch er ließ nicht von ihr ab und hielt sie fest umklammert.

Angst schnürte ihr die Kehle zu, voller Furcht riss sie die Augen auf und sah den dunklen Schatten über sich. Sie strampelte aus Leibeskräften und schlug um sich. Es half ihr nichts, er drückte sie ins Gras und wälzte sich auf sie. Sie meinte zu ersticken und schnappte nach Luft.

Und dann war sie auf einmal frei.

»Hast du es so eilig, Graf?«, dröhnte der Vater, der wie aus dem Nichts aufgetaucht war, mit vom Zorn verzerrten Zügen.

Waclewic blieb gelassen. »Deine schöne Tochter reißt mich zu Dummheiten hin.«

Bertha wollte protestieren, doch des Vaters Wut war allzu schnell verraucht.

»Geh zur Burg, dort wollen wir feiern, bis der Morgen graut. Meine Tochter wirst du noch früh genug besteigen.«

Bertha schluchzte und taumelte neben dem Vater her. Der nahm keine Notiz von ihr, und das schmerzte sie weit mehr, als Waclewics Versuch, sie zu besitzen. Sie beeilte sich, in ihre Kemenate zu kommen. Mit fliegenden Händen entkleidete sie sich und huschte unter die Bettdecke. Ihr war kalt, doch die Federn wärmten schnell. Vielleicht war es auch die Erinnerung.

Bertha fuhr mit dem Zeigefinger über ihre Lippen. Dieser Kuss am Feuer war ganz anders gewesen als der, den ihr der Graf im Garten abgerungen hatte. Lange starrte sie im Dunkeln durch das helle Viereck des Fensters in den Sternenhimmel, in den die Lichter der Sonnwendfeuer zuckende Flecken malten. Sie verstand sich selbst nicht mehr.

2

Vier Tage später reiste Waclewic ab, und Bertha atmete auf. Nun brauchte sie sich nicht länger vor ihm zu verbergen. Endlich konnte sie wieder ungestört durch die Burg streifen. Endlich musste sie nicht fürchten, ständig Waclewics wissendem Blick zu begegnen. Sie hatte Abt Windolf gebeichtet, doch noch immer trieb es ihr die Schamröte ins Gesicht, wenn sie daran dachte, dass ihr der Kuss nicht so unangenehm gewesen war, wie sie es dem Priester mit schmerzbrechender Stimme zugeflüstert hatte. Die ihr auferlegten Gebete hatten daran nichts geändert. Dennoch fühlte Bertha, dass der Pole gefährlich war. Ein Kuss war ein Kuss, eine Ehe hingegen eine andere Sache.

»Es ist nur ein Aufschub«, warnte Gesine, als Bertha frohgemut ein Schalklied sang, das ihr die alte Elze beigebracht hatte.

Mannsbild hat gefreit,

Maid hat sich nicht gebeugt,

hat gewehrt sich bis zuletzt

und den Mann vom Hof gehetzt.

»Gehetzt kam er mir nicht vor, der Ritter«, meinte Gesine ernst.

»Du hast recht, er ist siegessicher aus dem Tor getrabt. Aber das Lachen wird ihm noch vergehen. Ich spreche mit Mutter, sie wird mich verstehen.«

Bertha spürte Gesines zweifelnden Blick, doch schon stand sie über ihre Kleidertruhe gebeugt und kramte darin herum. Schließlich zerrte sie von ganz unten eine fadenscheinige Leinenhose hervor, die ihr Bruder Heinrich in seiner Jugendzeit getragen hatte.

Gesine schüttelte vorwurfsvoll den Kopf, als Bertha schnell ihr Kleid ablegte, die Beinlinge überstreifte und sich anschließend einen ebenfalls von Heinrich stammenden wollenen Kittel überwarf, den sie in der Mitte mit einem Strick gürtete.

»Wenn dich die Herrin sieht. Und erst dein Vater.«

»Unke nicht. Ich schleiche mich so davon, dass mich niemand bemerkt. Im Verstecken bin ich geübt, wie du weißt.«

»Ich stehe jedes Mal Todesängste um dich aus, wenn du unterwegs bist.«

»Unfug.«

»Erst gestern haben die Männer am Tor wieder über den Mädchenmörder gesprochen.«

»Nichts als Schauergeschichten.«

Gesine krauste die Stirn. »Glaubt man den Männern, ist es wahr. Schon viermal hat er zugeschlagen und sich junge, unschuldige Mädchen geholt.«

»Wenn es einen Mörder gäbe, hätte mein Vater ihn längst suchen lassen.«

»Du weißt selbst, dass seine Gerichtsbarkeit auf das Osterland beschränkt ist.«

»Ein Grund mehr, unbesorgt zu sein. Dein Mädchenmörder ist weit weg.«

»Er zieht umher, ich ahne es.«

»Du und deine Ahnungen.« Bertha lächelte nachsichtig. »Heinrich begleitet mich in den Wald, du brauchst also keine Furcht zu haben.«

Heinrich stand jedoch nicht wie verabredet am Wassergraben, der die Groitzscher Burg wie ein dunkles Band umschloss.

Bertha verharrte unschlüssig. Schließlich setzte sie sich ins Gras und wartete. Die auf dem Wehrgang patrouillierende Wache sah immer wieder zu ihr hinab. Bertha hoffte, dass die Männer keinen Verdacht schöpften. Nicht auszudenken, wenn man sie wieder erwischen würde, noch dazu in diesem Aufzug. Der Vater würde es nicht beim Toben belassen, er würde sie umgehend in ein Kloster sperren.

Sie wurde immer unruhiger, und als ihr die Wachen den Rücken zukehrten, sprang sie auf und rannte, so schnell sie konnte, auf den Wald zu.

Die Strecke bis zum Waldesrand war weit, aber Bertha war flink, und die Hose behinderte sie weniger als ein langer Rock. Ehe die Männer die Zugbrücke wieder erreicht hatten, tauchte sie in das dunkle Dickicht des Waldes ein. Sie schlüpfte unter den tief hängenden Ästen der Fichten hindurch und ließ sich ins Moos fallen. Eine Weile lag sie einfach nur da und lauschte dem Hämmern ihres Herzens. Nach und nach beruhigte sich ihr Atem, und sie nahm die Natur wahr, das Zwitschern der Vögel, das Rauschen der uralten Baumriesen, deren Wipfel sich im Winde wiegten, das Knarzen der Stämme. Es roch nach wilden Rosen und Himbeeren. Bienen summten, ein Pärchen Kohlweißlinge flatterte umher, stieg sich gegenseitig umkreisend in die Luft, um sich kurz darauf auf einem Farn niederzulassen.

Bertha schloss die Augen und gab sich ganz der Melodie des Waldes hin.

Der Mann, der hinter einem Baum verborgen Rast machte, rieb sich freudig erregt die Hände. Der Himmel musste es gut mit ihm meinen, dass er ihm dieses Täubchen geschickt hatte. Ausgerechnet jetzt, wo er den Trost nötiger als sonst hatte. Das letzte Mal war lange her, und das Ziehen und Pochen in seinen Lenden wurde allmählich unerträglich. Die Kleine kam gerade recht, ihre lächerliche Verkleidung konnte ihn nicht täuschen.

Vorsichtig schlich er näher. Schon streckte er die Hand nach dem Mädchen aus, da hörte er plötzlich Schritte und kroch in Windeseile zurück. Geräuschlos verschmolz er mit dem Dickicht. Von dort beobachtete er verdrossen den Ankömmling, der unbekümmert auf die Lichtung trat.

»Ein Schläfer am helllichten Tag.«

Bertha schreckte auf und war mit einem Satz auf den Beinen. Misstrauisch musterte sie den Burschen, der sich wie selbstverständlich an der Stelle niederließ, wo sie soeben noch gelegen hatte. Er war groß, dabei gut gebaut und keineswegs so schlaksig wie die Burschen, die bei Wiprechts Waffenmeister Dienst taten. Dabei konnte er nur wenige Sommer älter sein als diese.

»Woher kommst du?«, fragte er.

Bertha, deren Kehle wie zugeschnürt war, räusperte sich und krächzte: »Von der Burg.«

Es ärgerte sie, dass der Bursche mit ihr wie mit seinesgleichen sprach. Gleich darauf schalt sie sich. Er konnte ja nicht wissen, dass sie ein Edelfräulein war, dem von Niedergestellten ein ehrfürchtiges »Ihr« gebührte.

»Groitzsch.« Der Bursche nickte und holte einen Kanten Brot und ein großes Stück gebratenes Fleisch aus dem Beutel, den er achtlos neben sich legte. »Willst du?«

Bertha schüttelte den Kopf.

»Du bist für einen Knaben viel zu mager.«

Der Duft des Fleisches ließ Bertha das Wasser im Mund zusammenlaufen. Sie schluckte, dennoch zögerte sie.

»Ich bin Dedo«, stellte sich der Fremde vor, während er mit flinken Griffen Fleisch und Brot teilte und ihr hinhielt.

Bertha hatte seit dem frühen Morgen nichts gegessen, ihr Magen meldete sich knurrend zu Wort, und der Geruch war auf einmal so verlockend, dass sie nicht länger widerstehen konnte. Schnell griff sie zu. Sie zog ihr kleines Messer und schnitt sich mundgerechte Stückchen zurecht.

Dedo brach in schallendes Gelächter aus. »Bist du eine Dame, dass du dich derart zierst? Schau her!« Er grub seine weißen Zähne in das Fleisch und riss einen dicken Happen heraus. Genüsslich kauend sagte er: »So isst ein Mann.«

Bertha wurde rot. »Ich hab bisher nicht viel Fleisch bekommen«, erklärte sie hastig und hoffte, Dedo würde die Lüge schlucken.

Den kümmerten Berthas Worte offenbar nicht, dafür musterte er spöttisch das Messer, das Bertha noch immer in der Hand hielt. »Damit jagst du niemandem Angst ein.«

»Immerhin weiß ich es zu gebrauchen.«

»Lass sehen, was du kannst.« Dedo erhob sich und zog seinen Dolch. Die Klinge in der Hand wiegend, umkreiste er Bertha.

»Ich mag nicht kämpfen.«

»Dummes Kind, denkst du, ich will das? Ein Kräftemessen, nichts anderes. Ich werde dich schon nicht verletzen.«

Bertha schnaufte empört. »Ich bin weder dumm, noch wird es dir gelingen, mich zu besiegen.«

Dedo machte einen Schritt. Sie spürte die Bewegung mehr, als sie sie sah, wollte ausweichen, doch es gelang ihr nicht. Auf dem Hosenboden sitzend fand sie sich im Grase wieder.

»Wäre ich dein Feind, wärst du jetzt nicht mehr am Leben«, sagte Dedo und hielt ihr die Hand hin.

Bertha ließ zu, dass er sie auf die Beine zog, doch als sie festen Boden unter den Füßen spürte, wirbelte sie ihr Messer durch die Luft und setzte es an seine Kehle. »Jetzt allerdings wärst du tot«, sagte sie und nahm die Klinge von der Stelle zwischen Kopf und Hals des Burschen, wo sich ein roter Punkt gebildet hatte.

»Nicht schlecht.« Dedo nickte anerkennend. »Wir könnten voneinander lernen.« Unvermittelt ließ er sie los.

Bertha neigte den Kopf, damit Dedo nicht sah, wie ihr die Röte in die Wangen stieg. Sie fühlte sich seltsam befangen.

»Wann gehst du zurück auf die Burg?«

Bertha hob ausweichend die Schultern.

»Vielleicht sehen wir uns dort wieder. Ich will dem Grafen meine Aufwartung machen«, sagte Dedo, während er sein Bündel schnürte.

»Was willst du von ihm?« Berthas Stimme zitterte unmerklich, doch immerhin stark genug, dass es Dedo nicht entging.

»Hast du etwa Angst um mich?« Er lachte. »Ich weiß, der edle Wiprecht ist streng. Mich allerdings wird er mit Freuden empfangen.«

Zweifelnd musterte Bertha Dedo von oben bis unten. Das Gewand war dürftiger als das ihres geringsten Knechtes.

»Lass dich von meiner Aufmachung nicht täuschen. Ohnehin werde ich nicht so vor den Grafen treten, zumal ich erst noch etwas zu erledigen habe.«

»Was denn?«, entfuhr es Bertha, ehe sie darüber nachdenken konnte, dass sich eine solche Frage nicht gehörte.

»Ich wüsste nicht, was dich das interessieren könnte«, antwortete Dedo denn auch prompt. Als er Berthas erschrockenen Blick bemerkte, fuhr er besänftigend fort: »Ich werde nicht allein kommen.«

»Gehörst du zu einem Ritter? Bist vielleicht gar ein Knappe?«

»Lass dich überraschen. Du gefällst mir. Womöglich kommen wir beide ins Geschäft. Gute Kämpfer werden auf meiner Burg immer gebraucht, und wenn du auch nicht allzu kräftig erscheinst, so kannst du doch mit deinem Messer umgehen.«

»Ich werde nie ein Ritter werden.«

»Sicher nicht«, sagte Dedo. »Selbst wenn du von edler Linie stammen würdest, wärst du körperlich kaum in der Lage, die Strapazen eines Ritterlebens zu ertragen. Ein jeder Ritter braucht jedoch außer seinen Knappen auch einen guten Diener. Jemanden, dem er in allen Dingen vertrauen kann.«

Bertha guckte skeptisch. Sie, der Diener eines Ritters – lächerlich.

»Was treibst du auf Groitzsch?«

»Ich bin ein Küchenjunge«, entgegnete sie hastig.

»Dein Herr wird dich schlagen, wenn er erfährt, dass du ausgerissen bist.«

»Ausgerissen?«

»Wie sonst kommst du dazu, ein Nickerchen zu halten, während rechtschaffene Leute ihrem Tagewerk nachgehen. Als Küchenjunge müsstest du doch jetzt in den Töpfen rühren, oder irre ich mich?«

»Ich war auf der Suche nach Kräutern.« Bertha hörte selbst, wie lahm die Ausrede klang.

»Wie ich hörte, habt ihr einen Garten. Die Burgherrin soll nicht nur schön, sondern auch klug sein. Warum holst du die Kräuter nicht von dort?«

»Waldkräuter wachsen nur im Wald.«

»Stimmt es, dass auch die Tochter des Grafenpaares eine Schönheit ist?« Dedo lehnte sich mit dem Rücken an einen Baum.

»Sagt man das etwa?«

»Gewiss, doch was schwatze ich? Bestimmt ist die Kleine störrisch wie eine Ziege.«

»So klein ist sie nicht.« Bertha spürte, wie sich ihr Gesicht erneut rötete.

»Sie soll verlobt sein, so redet man in der Ostmark.«

»Ach, tut man das? Obwohl das letzte Wort über diese Verlobung noch nicht gesprochen ist?«

»Was regst du dich auf, du bist doch nicht etwa in die Kleine verliebt? Schlag sie dir aus dem Kopf, sie ist nichts für dich. Wiprecht giert nach Macht, er will seine Ländereien ausdehnen. Die zwei Söhne des Markgrafen wollen versorgt sein.«

»Die haben schon genug«, sagte Bertha hitzig.

»Solange sie nicht nach den nachbarlichen Ländern schielen, soll es mir egal sein.«

»Die Nachbarn lecken dem Va… ich meine, dem Grafen, eh schon die Füße.«

»Schau an, wie giftig du bist. Scheinst dich auszukennen in den hohen Kreisen. Hast du deinen Herrn von den Wettinern reden hören?«

»Ich lausche nicht.«

»Schade, ich dachte, du könntest mir helfen.«

»Wobei?«

»Ich sammle Auskünfte.«

»Dann bist du ein Spion«, stellte Bertha fest und wunderte sich, wie traurig sie plötzlich war.

»Unsinn! Einer wie ich spioniert nicht.«

»Was dann?«

»Vertraust du mir nicht?«

Bertha biss sich auf die Unterlippe.

»Ich will den Groitzscher besser kennen, wenn ich ihm meine Aufwartung mache. Ich muss wissen, was mich erwartet«, erklärte Dedo. »Vor allem ist mir daran gelegen, ihn in einem guten Moment anzutreffen. Er darf nicht in Eile sein, nicht abgelenkt von Reisevorbereitungen etwa.«

»In den nächsten Wochen bleibt er daheim«, sagte Bertha und setzte schnell hinzu: »So meinte zumindest die Herrin zur alten Elze, als sie die Speisen abgesprochen haben.«

»Du bist ein kluger Kerl, halt die Ohren offen. Ich bin sicher, du kannst mir von Nutzen sein.«

»Ich fürchte, du irrst dich«, wehrte Bertha ab, doch Dedo lächelte verschwörerisch, und als er ihre Schultern umfasste und aufmunternd drückte, klopfte ihr Herz zum Zerspringen.

»Ich irre mich nie, mein Freund.«

Ehe sich’s Bertha versah, war Dedo hinter den Bäumen verschwunden.

Der stille Beobachter folgte ihm mit leisem Bedauern. Das Täubchen musste warten, doch der Spion versprach Wissen. Ein Schatz, der ungleich mehr wert war als eine Schäferstunde mit einer Dirne. Wenn er es klug anstellte, bekam er heraus, was der Bursche im Schilde führte. Sein Auftraggeber würde zufrieden sein.

Judith und Wiprecht hatten sich in ihre Kammer zurückgezogen. Der Graf lief vor seiner Gemahlin auf und ab. »Ich nehme mein Wort nicht zurück.«

»Du bist so klug, dir fällt bestimmt ein Ausweg ein.«

»Soll ich wie ein Aussätziger behandelt werden?« Wiprecht schüttelte den Kopf, dass die Locken flogen. »Verlang alles von mir, nur das nicht!«

Judith zog ihren Mann zu sich auf das Lager und barg sein Gesicht an ihrer Brust. Sanft streichelte sie ihm das Haar. Sie verstand ihn nur zu gut. So lange hatte er um Anerkennung kämpfen müssen. So viel Sünde hatte er auf sich geladen, nur um dieses eine Ziel zu erreichen. Jetzt drohte alles zu zerrinnen, was er sich und seiner Familie geschaffen hatte. Wenn es nach ihr ginge, sie würde nur zu gern auf alles verzichten. Sie, die böhmische Herzogstochter, brauchte keinen Luxus, um mit Wiprecht glücklich zu sein. Doch da waren die gemeinsamen Söhne, Wiprecht, der Erstgeborene, nach dem Vater benannt, und Heinrich, der den Namen des Kaisers trug. Für sie musste das Land erhalten werden. In seinen Söhnen und nur für sie lebte der Markgraf. Bertha war nicht zu retten.

»Ich liebe unsere Tochter ebenso wie du, auch wenn ich es ihr nicht immer zeigen kann«, murmelte Wiprecht.