Umschlag

Sylke Tannhäuser, Jahrgang 1964, wurde in Leipzig geboren, wuchs in Zittau auf und kehrte nach dem Abitur nach Leipzig zurück. Sie hat Betriebswirtschaft und in einem zweiten Studium Verwaltungswirtschaft studiert. Sie schreibt vorwiegend Kriminalromane, aber auch Kurzgeschichten, die in verschiedenen Anthologien und Literaturzeitschriften erschienen sind. Mehrfach mit Preisen ausgezeichnet, hat sie mit ihren Kurzkrimis an den jährlich stattfindenden Ostdeutschen Krimitagen teilgenommen. »Leipzig im Sumpf« ist ihr erster Kriminalroman im Emons Verlag.

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig.

© 2014 Hermann-Josef Emons Verlag
Alle Rechte vorbehalten
Umschlagmotiv: Heribert Stragholz
Umschlaggestaltung: Tobias Doetsch
eBook-Erstellung: CPI books GmbH, Leck
ISBN 978-3-86358-726-0
Originalausgabe

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Ein neuer Morgen – einzigartig,

und doch wird er wie alle sein – vergänglich.

EINS

Das Mädchen duckte sich in den Schatten des Hauseinganges, als wolle es mit dem Dunkel der Nacht verschmelzen. Sie verwünschte die weiße Jeansjacke, die sie trug. Die helle Farbe würde sie verraten. Hektisch zerrte sie am Reißverschluss. Sie wimmerte verzweifelt, als er sich verklemmte, doch gleich darauf hielt sie ängstlich den Atem an und lauschte. Die Schritte kamen näher. Es waren Männerschritte, hart und unerbittlich. Der Mann hatte keine Eile, er wusste, sie konnte ihm nicht entkommen. Er pfiff vor sich hin, sie kannte die Melodie. Ein Schlaflied, ein deutsches, von einem Schafe hütenden Vater und einer Mutter, die Traumbäume schüttelte. Unrealistisch schön, eine Illusion, ähnlich der, an die sie sich geklammert hatte, als sie mit Tante Katka und Onkel Sergej gegangen war. Wie dumm von ihr!

Doch hatte sie eine Wahl gehabt?

Aufgewachsen bei den Großeltern, kannte sie weder Vater noch Mutter. Sie war dennoch glücklich gewesen, ein unbeschwertes Kind. Dann starb der Großvater, kurz darauf Babuschka, und ihre Welt lag in Scherben.

Tante und Onkel hatten sie aufgenommen und überredet, gemeinsam mit ihnen die Heimat zu verlassen. Deutschland, das Ziel, das glückverheißende. Das Paradies, das für sie zur Hölle wurde.

Sie waren endlos weit gefahren, hatten Grenzen überquert. Meist hatte sie geschlafen. Irgendwann hatten sie die Stadt erreicht.

Leipzig! Bis hierher und nicht weiter, so des Onkels raue Stimme, als er sie aus dem Auto gezerrt hatte. Von Opfer hatte er gesprochen. Sie hatte es nicht kapiert und hilfesuchend einmal ihn, dann wieder die Tante angeschaut, hoffend, fragend. Sie hatte keine Antworten bekommen.

Der Onkel hatte sich abgewendet, für ihn war alles gesagt. Die Tante hatte geschluchzt und pausenlos ein zerknülltes Taschentuch an die Augen gepresst. Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen.

Diese deutsche Stadt war ihr fremd. Sie erinnerte sich nur noch schwach, wie sie auf sie gewirkt hatte. Der staubige Geruch war das Einzige, das haften geblieben war. Und dieser Mann, in dessen Büro sie der Onkel geschoben hatte. Der erste Deutsche, den sie bis dahin gesehen hatte. Ein schmissiger, elegant gekleideter Herr mit akkuratem Scheitel hinter einem überladenen Schreibtisch. Sein Blick war taxierend an ihrem Körper auf und ab gewandert. Kurz darauf hatte er ohne Erklärung zum Telefonhörer gegriffen. Sie hatte sich darüber gewundert, sie war völlig arglos gewesen. Bis der Polizist gekommen war, sie beim Arm gegriffen und vor sich hin genuschelt hatte.

Kein Wort hatte sie verstanden. Sächsisches Kauderwelsch, ganz anders als das harte Deutsch der Großeltern.

Onkel und Tante waren weitergereist, in eine andere Stadt. Oder ans Ende der Welt, für sie machte es keinen Unterschied. Sie war plötzlich sich selbst überlassen gewesen.

Die Schritte waren jetzt ganz nah, sie zögerten und verharrten schließlich. Ihr Verfolger lauschte.

Sie konnte seinen Atem hören. Ihr Puls raste, das Herz hämmerte schmerzhaft gegen die Rippen, als wolle es jeden Moment herausspringen. Sie presste die Hand auf den Mund, um den aufkommenden Schrei zu unterdrücken, und duckte sich tiefer in die Ecke. Geh weg, betete sie lautlos, verschwinde um Himmels willen. Sie kniff die Augen zusammen, ganz fest, als könne sie damit den Fremden vertreiben. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Der Stoß überraschte sie, dann kam der Schmerz. Er rollte über sie hinweg, zerfetzte sie und breitete sich wellenförmig im ganzen Körper aus. Erschrocken riss sie die Augen auf und starrte verwundert auf das Blut, das ihre Jacke färbte. Dann rutschte sie wie eine Puppe zusammen und kippte auf die Seite. Sie lag ganz still, unfähig, sich zu rühren. Allmählich begriff sie, es war vorbei.

Plötzlich fühlte sie nichts mehr, keinen Schmerz, keine Trauer. Die Wange an die steinerne Schwelle gepresst, sah sie regungslos zu, wie ihr Blut eine Pfütze bildete. Ihr wurde kalt, das Atmen fiel schwer. Ihr letzter Gedanke galt Nadja, der Freundin. Sie musste sie warnen! Dann versank sie im Dunkel.

ZWEI

Oberkommissar Heine, genannt Henne, riss gut gelaunt die Bürotür auf. »Ein wunderschöner Morgen, mein Lieber, gut geschlafen?«

Hagen Leonhardt, seit Jahren Hennes Assistent, füllte einen Pott mit Kaffee und balancierte ihn auf Hennes Schreibtisch. »Ich würde dir deine Hochstimmung ja gönnen …«

»Zu Recht, Hagen, zu Recht. Haben wir doch den Raubüberfall gestern endlich abgeschlossen. Nicht zuletzt dank deiner Umsicht, du hast dich wacker geschlagen. Jetzt zieht hoffentlich ein wenig Ruhe ein.«

»Da muss ich dich leider enttäuschen.«

Henne nahm einen Schluck, verbrannte sich die Zunge und hustete. Anklagend schaute er zu Leonhardt hinüber. Er registrierte dessen gespannten Blick, die zuckenden Mundwinkel. Ein sicheres Zeichen. Weiß der Himmel, wo der Junge so viel Energie hernahm, der vibrierte ja förmlich.

»Schieß schon los!«, seufzte er und schlürfte mit gespitzten Lippen einen weiteren Schluck.

»Meldung vom Revier Mitte: Schillerstraße fünf, Leichenfund.« Leonhardt holte tief Luft und machte eine kurze Pause. Ein wenig ruhiger fuhr er dann fort: »Ein Hausbewohner hat sie entdeckt, morgens, als er das Haus verlassen wollte. Sie lag direkt vor der Tür. Weiblich, kaum älter als achtzehn, vielleicht auch jünger, die Identität steht noch nicht fest. Keine Papiere, weder Ausweis noch Krankenkarte, nicht einmal ein Handy.«

»Verdammt!«

»Revierleiter Mayer hat den Mann vernommen. Er schickt den Bericht rüber.«

»Soll er, wir sehen uns trotzdem vor Ort um. Ich hoffe, Mayers Leute haben umsichtig gehandelt.«

»Die wissen Bescheid, das sind keine Anfänger. Allem Anschein nach wurde die Kleine ermordet. Messerstich. Die Kollegen haben den Tatort gesichert, die Spurensuche ist schon dort.«

»Dann nichts wie hinterher!«

Hennes Kaffee blieb unbeachtet auf dem Schreibtisch zurück. An anderen Tagen hätte er sich darüber geärgert. Heute jedoch konnte ihm nichts die Laune verderben, weder ein fehlender Kaffee noch eine Leiche.

Erika, seine Ex, mit der er wieder zusammen war, hatte ihm gestern einen besonders schönen Abend bereitet. Sehr stilvoll, sehr gemütlich. Nichts hatte zu seinem Glück gefehlt. Selbst Dschingis Khan, die Dogge, Mitbringsel von Erikas Aussteigerurlaub, wie er es nannte, hatte sie in Ruhe gelassen. Es war perfekt, so liebte er das Leben.

Mit langen Schritten durchmaß er die Eingangshalle der Polizeidirektion, den Blick starr auf das Eingangsportal gerichtet, damit er Gitta, die altgediente Telefonistin, nicht sehen musste. Ihr Anblick, genauer gesagt der ihrer heutigen Kunsthaarfrisur, hoch aufgetürmt und dazu in leuchtendem Grün, hatte ihn bereits beim Betreten der Dienststelle zum Lachen gereizt. Fast wäre ihm die Frage herausgerutscht, ob ihre Haare nachts ohne sie eine Party feiern würden, doch im letzten Augenblick hatte er sich beherrscht. Gitta verstand in dieser Beziehung keinen Spaß.

Sie liebte ihre ausgefallenen Perücken mehr als alles andere auf der Welt.

»Hast du das Diensthandy mit?«, wollte Leonhardt wissen.

Henne tastete nach der Jackentasche. »Mist, vergessen.«

»Ich hole es.«

»Vergiss das blöde Ding. Ich habe mein eigenes, das reicht.«

»Aber Schuster!«

Der Polizeidirektor hatte angeordnet, alle Kommissare hätten ein Diensthandy bei sich zu führen. Seit sich herausgestellt hatte, dass ein Kollege, statt zu arbeiten, permanent blaugemacht hatte, wollte er sie jederzeit erreichen können.

»Später«, fiel ihm Henne ins Wort und setzte beschwichtigend hinzu: »Ich werde es ihm erklären, wenn er fragen sollte.« Insgeheim hoffte er, Schuster wäre zu beschäftigt, um an diesem Tag ausgerechnet nach ihm zu rufen. Er hatte einen Todesfall aufzuklären, und das dürfte sich bis zum Alten herumgesprochen haben. Henne vermied es bewusst, an Mord zu denken. Das stand erst fest, wenn es eindeutige Indizien gab.

Die Schillerstraße war schmal und beinah unscheinbar, auf einer Seite von einer durchgehenden Häuserfront begrenzt, auf der anderen von einem kleinen Park, der sich den Stadtring entlangzog. Eine Straße wie unzählige andere in der ehrwürdigen Altstadt und zu dieser frühen Stunde normalerweise nur mäßig bevölkert. Doch heute war das anders.

Als Henne den Menschenauflauf vor Haus Nummer fünf sah, verbannte er Schuster und Gitta nebst ihren Perücken aus seinen Gedanken.

»Treten Sie beiseite!«, polterte er in die Menge und drängelte sich zu den rot-weiß gestreiften Absperrbändern vor. Es bereitete ihm wenig Mühe, die Leute wichen vor ihm zurück. So war es immer. Die dunkle Haut, die Narbe, die seit einem Unfall die linke Seite seines Gesichts teilte, dazu seine Größe von fast zwei Metern flößten den Menschen Angst ein. Er wirkte grimmig wie ein Südseepirat, und der Schnauzer nebst Kinnbart, den er sich zugelegt hatte, um von der dicken roten Narbe abzulenken, verstärkte den Eindruck noch.

Er schlüpfte unter dem Absperrband hindurch und zückte den Dienstausweis.

Die Blutlache war noch nicht zu einer dunklen Kruste erstarrt. Obwohl ihn ihr Anblick schaudern ließ, konnte er sich nur schwer abwenden. Auch das wie immer. Die Botschaft der Toten stieß ihn ab und zog ihn zugleich an. Er hatte sich oft gefragt, warum er ausgerechnet Polizist geworden war. Vielleicht war das die Antwort.

Er musterte die Markierung, die die Lage der Leiche kennzeichnete. »Eine ziemlich kleine Person«, wandte er sich an den nächststehenden Polizisten.

Der hob ausweichend die Schultern. »Ich habe sie nicht gesehen. Soviel ich weiß, wurde sie bereits in die Rechtsmedizin überführt.«

»Ist hier jemand von Anfang an dabei?«

Allgemeines Kopfschütteln. Die Beamten waren erst nachträglich an den Tatort gekommen. Die Erstaufnahme war längst Geschichte. Schichtwechsel, meinte einer. Auf Mayers Anweisung.

»Scheiße, der Mayer hat sie wohl nicht alle. Mord und Feierabend! Wo gibt’s denn so etwas!« Henne schimpfte, doch er wusste, es half nichts. In diesem Revier hatte allein Mayer das Sagen, ob es ihm passte oder nicht.

»Lass mal«, beruhigte ihn Leonhardt. »Ich kümmere mich um die Namen der Kollegen. Die können wir später befragen.«

Henne massierte seine Narbe. Sie schmerzte. Das tat sie dummerweise oft. Stressbedingt, hatte Doktor Kienmann gesagt.

Mürrisch stapfte er zur Haustür, darauf bedacht, nicht in das Blut zu treten.

»Ein Mord, hä?«, nuschelte ein erschreckend dürrer Kerl, der sich wie eine Klette an seine Fersen geklebt hatte.

Henne fuhr herum. Der Dürre nestelte an der ausladenden Kamera, die ihm auf der Brust baumelte. Seine Blicke huschten neugierig umher.

»Lassen Sie das«, murrte Leonhardt und drängte ihn beiseite.

»Eh, was soll das? Ich bin ein freier Mann in einem freien Land. Da wird man doch wohl Fotos machen dürfen.«

Leonhardt schob den Dürren weiter, aber Henne war schneller und rammte seinen Ellenbogen in die Magengrube des Mannes. Ehe er zusammenklappen konnte, stieß ihn Henne hinter das Absperrband. »Kleiner Tipp unter Freunden: Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Schnauze halten!«

Der Dürre spuckte ihm wütend hinterher, doch niemand kümmerte sich darum. Henne war längst weitergegangen und umschiffte die Kollegen von der Spurensicherung, die ihre Ausrüstung zusammenpackten.

»Musste das sein?«, fragte Leonhardt anklagend.

»Der Typ? Selbst schuld, wenn er mir in den Weg kommt.«

»Wir sind die Guten, vergiss das nicht.«

Henne schloss für einen kurzen Moment genervt die Augen. »Okay, ich merke es mir.« Dann wandte er sich an die Polizisten, die still in sich hineingrinsten. »Schickt den Bericht direkt an mich.«

»Geht klar, Chef«, sagte einer von ihnen.

»Witzbold«, konterte Henne und schob sich, gefolgt von Leonhardt, durch die Haustür.

Im Flur warteten die Hausbewohner, neugierig-ängstlich zusammengerückt, nichts wissend und alles vermutend.

»Liegt sie noch dort?«, fragte eine Frau mittleren Alters und zeigte auf die Tür nach draußen. Ihre Stimme zitterte, ihre Hände auch. Sie verkrampfte sie ineinander, als könne sie ihr Zittern auf diese Art verhindern.

»Gehen Sie in Ihre Wohnungen. Ich melde mich bei Ihnen. Bitte, machen Sie schon!« Henne drängte die Leute zurück. Widerstrebend wandten sie sich der Treppe zu.

»Du passt auf!«, befahl er Leonhardt und musterte die Schilder der Briefkästen, die exakt ausgerichtet neben der Hauseingangstür in die Mauer eingelassen waren.

Leonhardt nickte stumm und bezog Stellung. Henne notierte derweil die Namen, die auf den Briefkästen standen. Später wollte er sie durch die Meldebehörde überprüfen lassen.

Als das Klappen der Türen zeigte, dass die Hausbewohner in ihren Wohnungen verschwunden waren, setzte er sich in Bewegung.

Die mit dunkelgrünem Teppich bespannte Treppe dämpfte seine Schritte. Die ersten zwei Geschosse des Gründerzeithauses waren in Büroräume aufgeteilt. Eine Werbefirma, ein Fotostudio, die Marktforschung.

Er legte ein Ohr an die massiven Holztüren und lauschte. Stille. Zu früh für die Leute, die hier arbeiten mochten. Vor neun schien hier keiner zu erscheinen.

Er stieg weiter hinauf. Die Holzpaneele, die sich bis in Mannshöhe treppauf die Wände entlangzogen, und das kunstvoll gedrechselte Treppengeländer wiesen kein Stäubchen auf. Die Bewohner waren wohl auf Zack, oder es gab einen eifrigen Hausmeister.

Überhaupt erinnerte ihn das Haus an das seiner Großeltern. Die Mutter seiner Mutter hatte ebenfalls peinlich für Ordnung gesorgt, nur dass es damals ständig nach Bohnerwachs und Sauerkraut gerochen hatte. Damit hatte die Schillerstraße nichts gemein. Hier atmete alles gediegene Eleganz. Gutbürgerliche Idylle, die durch den Mord brutal zerrissen war.

Er las das goldglänzende Namensschild in der dritten Etage und klingelte. Ein Mann öffnete, kaum dass Hennes Finger den Klingelknopf berührt hatte.

Überrascht zog Henne seine Hand zurück. »Dr. Naumann? Gert Naumann?«

Der Mann nickte. »Sind Sie wirklich von der Kripo?«

Henne zeigte ihm seinen Ausweis. »Oberkommissar Heine. Heinrich Heine, wie der große Dichter. Allerdings halte ich es weniger mit Dichtung, sondern mehr mit der Wahrheit.«

»Nichts für ungut«, entschuldigte sich Naumann, »man weiß ja nie, wen man vor sich hat. Kommen Sie herein.«

Ein fester Händedruck folgte. Naumann, von schmächtiger Statur, musste den Kopf in den Nacken legen, um zu Henne aufzusehen. Es schien ihm nichts auszumachen. Ein Umstand, der ihm einen Pluspunkt eintrug. Henne mochte Menschen, die sich nicht einschüchtern ließen.

»Ich habe nicht das Geringste mitbekommen«, sagte Naumann, noch ehe er fragen konnte. »Nichts gehört, nichts gesehen.«

»Aha.«

»Gestern bin ich zeitig zu Bett gegangen, gleich nach neun. Es war ein anstrengender Tag für mich.«

»Sie sind Arzt?«

»Psychologe.«

Henne folgte Naumann den Korridor entlang. Er zählte fünf Türen. »Sie haben eine große Wohnung. Familie?«

»Ich lebe allein. Zwei der Räume nutze ich beruflich. Die meisten Privatpatienten wollen nicht in der Praxis gesehen werden.«

Henne nickte verstehend. Er selbst drückte sich vor Arztbesuchen, wo immer er konnte.

»Ich nehme an, niemand kann bezeugen, wo Sie zur mutmaßlichen Tatzeit waren. Sagen wir, zwischen null und vier Uhr.«

Naumann hob bedauernd die Hände. »Wie ich schon sagte, ich lebe allein.«

»Was, denken Sie, ist vor dem Haus passiert? Als Psychologe, meine ich.«

Naumann schaltete die Deckenlampe ein und wies auf die Sitzgruppe am Fenster. Eiche antik, wuchtig und viel zu groß für den kleinen Mann. Nachdem Henne in einem der schweren Ledersessel versunken war, nahm auch Naumann Platz.

»Schwer zu sagen. Natürlich habe ich mir Gedanken gemacht, so wie alle hier wahrscheinlich.«

»Und?« Henne rutschte ein wenig zur Seite, ein Stück nach vorn, dann wieder zurück. Vergebens. Das Ungetüm von Sessel ließ nur eine unbequeme Sitzposition zu. Die Knie gefährlich nah am Kopf versuchte er, einen möglichst intelligenten Eindruck zu machen.

Naumann schien von Hennes Problem nichts mitzubekommen. »Soweit ich weiß, soll die Tote eine junge Frau sein. Hier wohnen nur Leute wie ich. Mittleres Alter, gut situiert. Professor Petter über mir, dann Frau Merkwitz-Murner, eine Beamtenwitwe, und daneben die Eheleute Niemschat. Weinhändler, ziemlich bekannt. Ganz oben die Familien Graf, Brause und Münchenberg. Ich hab die Tote nicht gesehen, aber schon aufgrund ihrer Jugend hat sie nicht hierher gehört. Ein Zufall mag sie ausgerechnet vor diesem Haus erwischt haben. Vielleicht ein Streit, der eskaliert ist, unbeabsichtigt, irgendwie aus dem Ruder gelaufen.«

»Möglich«, räumte Henne ein. »Wir wissen noch nichts über das Mädel. Haben Sie vielleicht weitere Theorien? Ich bin für jede Meinung dankbar.«

Naumann machte eine Handbewegung, die alles oder nichts ausdrücken konnte. »Ein zielgerichteter Mord, eiskalt geplant, genau hier durchgeführt, um vom sonstigen Milieu des Mädchens abzulenken. Oder der Täter hat sie woanders getötet und später unten abgelegt, um Spuren zu verwischen. Was auch immer! Erst wenn man weiß, wer das Opfer war, machen solche Gedanken Sinn.«

»Glauben Sie, jemand schleppt eine blutbesudelte Leiche mit sich herum? Immer in der Gefahr, entdeckt zu werden?«

»Es gibt Typen«, Naumann zog eine angewiderte Grimasse, »das können Sie sich nicht vorstellen!«

Henne konnte, behielt das jedoch für sich.

»Vernunft oder das, was man normalerweise darunter versteht, zählt nicht unbedingt zu den ausgeprägten Eigenschaften eines Mörders«, fuhr Naumann fort. »Die menschliche Psyche ist äußerst facettenreich. Mich wundert nichts mehr.«

»Sie sagten, das Mädchen gehöre nicht hierher. Was ist mit der Marktforschung? In solchen Instituten jobben eine Menge junger Leute. Studenten, die sich ein paar Euro dazuverdienen wollen.«

»Die Marktforschung!« Naumann rümpfte die Nase. Plötzlich erinnerte er Henne an einen Igel, der in der Dämmerung Beute witterte.

»Sie zweifeln?«

»Die Leute waren mir von Anfang an suspekt. Sind praktisch über Nacht eingezogen, vor einem halben Jahr etwa. Ich kenne sie nicht einmal. Soweit ich das beurteilen kann, hat sie auch noch kein anderer Mieter zu Gesicht bekommen. Die haben das Firmenschild angebracht, und das war es dann auch schon.«

»Hm.«

»Das ist doch komisch, oder? Jeder vernünftige Mensch stellt sich seinen Nachbarn vor!«

Hast du eine Ahnung, dachte Henne. Das mag vielleicht früher so gewesen sein, vor dem Mauerfall. Zeiten, in denen das neugierig-nachbarschaftliche Miteinander im Interesse des sozialistischen Regimes lag und linientreue Staatsbürger sich dessen würdig zu erweisen hatten. Hausbücher führten, zum Beispiel. Eine von vielen Maßnahmen, um hinter verschlossene Wohnungstüren zu schielen.

»Falls Ihnen noch etwas einfällt …« Er reichte Naumann seine Visitenkarte. »Sie können mich jederzeit anrufen. Jede Kleinigkeit kann wichtig sein.«

Naumann legte die Karte achtlos auf den Tisch und begleitete ihn zur Tür. »Versuchen Sie es mal bei Petter, eine Treppe nach oben.«

»Warum sagen Sie das?«

»Er hat die Tote gefunden, das hat er allen erzählt.«

Eine Etage höher musste Henne mehrmals klingeln. Professor Petter ließ sich Zeit. Als er öffnete, fielen dem Kommissar zuerst die rot geränderten Augen auf. Petter starrte abwechselnd auf Hennes Dienstausweis und sein Gesicht, als wolle er nicht glauben, dass Henne tatsächlich der Polizei angehörte.

»Ich habe schon alles zu Protokoll gegeben«, rang er sich schließlich ab.

»Selbstverständlich, ich hätte gern …«

»Egal, was Sie wollen, fragen Sie Ihren Kollegen vom Revier. Ich bin müde, erschöpft.«

»Ich verstehe, dass Sie eine solche Sache mitnimmt …«

»Das glaube ich Ihnen nicht«, schnarrte Petter. Seine Stimme kippte. »Sie haben täglich mit Toten zu tun, das ist Ihr Job. Ich hingegen bin Künstler, Musiker und sensibel dazu. Ständig hab ich den verkrümmten Körper vor Augen, das Blut. Ich halte es nicht mehr aus. Lassen Sie mich in Ruhe!« Mit einem dumpfen Laut krachte die Tür ins Schloss. Augenblicklich landete Hennes Zeigefinger erneut auf dem Klingelknopf.

Petter riss die Tür auf, als trüge sie die Schuld, dass er von diesem Riesen von Kommissar belästigt wurde.

»Was denn noch?«

»Sie sind für mich sehr wichtig.«

»Aber ich habe doch schon …«

»Trotzdem! Wenn Sie kooperieren, haben Sie es schneller hinter sich.«

Petter schluckte. Sein Adamsapfel hüpfte, als ob er aus dem geschwollenen Hals kollern wollte. Schilddrüse, mutmaßte Henne und tippte auf Überfunktion. »Wollen wir nicht lieber hineingehen, oder soll das ganze Haus unsere Unterhaltung mitbekommen?«

Widerwillig rückte Petter zur Seite. Er machte sich nicht die Mühe, Henne ins Wohnzimmer zu bitten, sondern blieb mit ineinander verschränkten Armen im Flur stehen.

Henne registrierte helle Möbel vor dunkelgrün getünchten Wänden. Neben einem überdimensionalen Spiegel war ein Cello aufgebockt, daneben ein Notenständer und in der Ecke ein Cembalo, darüber goldgerahmte Auszüge aus Partituren. Er trat näher, entzifferte Weber, Mozart, Bruckner.

»Wunderbare Musik.« Er deutete auf die Notenzeilen zu einer Rhapsodie von Debussy.

»Was verstehen Sie schon davon.« Petter schürzte die Lippen. Sein Blick sprach Bände.

»Sie werden es kaum glauben, aber ich tanze weder mit einem Voodoozauberer ums Feuer, noch jage ich Leoparden. Ich habe die Rhapsodie bereits selbst auf meinem Saxophon gespielt.«

Petter zwinkerte verunsichert. Sein Adamsapfel stieg auf und ab.

»Vielleicht erzählen Sie einfach, was sich heute Morgen zugetragen hat?«, schlug Henne versöhnlich vor.

»Einfach! Als wenn es das wäre!« Erneutes Schlucken samt Adamsapfeltanz.

Henne wartete. Als die Stille drückend wurde, raffte sich Petter auf. »Es war wie immer, zumindest bis ich das Haus verlassen wollte. Ich stehe gegen vier Uhr auf.«

»Ziemlich früh.«

»Danach habe ich mich fertig gemacht«, ignorierte Petter den Einwand. »Zähne putzen, waschen, das Übliche. Ich wollte in den Johannapark. Joggen, wissen Sie? Mein Ausgleich, ich laufe jeden Tag, bei Wind und Wetter, immer bis zum Scheibenholz und zurück.«

Beifallheischend suchte er Hennes Blick. Als der nicht reagierte, erzählte er verschnupft weiter: »Ich habe mir also meine Sportsachen angezogen, die langen. Es hatte nachts geregnet, es war ziemlich kühl. Dann bin ich hinuntergegangen.«

Petter nestelte ein Taschentuch hervor und schnäuzte sich. Seine bebenden Hände verhinderten jeden Versuch, das Tuch zurück in die Hosentasche zu befördern.

»Haben Sie irgendetwas gehört? Geräusche?«

»Um diese Zeit ist das Haus ganz still. Wie eine Gruft, es erdrückt mich manchmal, auch wenn ich gern hier wohne.«

Henne ahnte, was Petter meinte.

»Ich habe die Haustür aufgeschlossen. Im ersten Moment habe ich die Frau nicht einmal bemerkt«, setzte Petter hinzu. »Ich war abgelenkt, ich habe noch in der halb geöffneten Tür meinen Schlüssel in der Jackentasche verstaut, der inneren, die mit dem Knopf. Das ist sicherer, so kann ich ihn nicht verlieren. Es dauerte einen Augenblick, meine Finger waren noch etwas steif. Der Knopf wollte sich nicht schließen lassen.«

»Kenne ich«, warf Henne ein und nickte ermunternd.

Petter versuchte ein Lächeln, es misslang kläglich. »Als die Tür hinter mir zufiel, hab ich es gerochen. Das Blut, so süßlich, unangenehm. Da lag sie dann. Ich wäre fast über sie gestolpert.«

»Kannten Sie die Tote?«

Petter schüttelte den Kopf. Das Taschentuch wanderte in die rechte Hand, zurück in die linke. Rechts, links – rechts, links. Henne fragte sich, wie lange der dünne Stoff den nervösen Händen standhalten mochte.

»Sie sah so kindlich aus, so verletzlich. Aber das alles habe ich bereits …« Wieder drohte Petters Stimme ins Falsett abzugleiten.

Mehr war aus ihm nicht herauszubekommen. Er gab sich keine Mühe, die Erleichterung zu verbergen, als Henne zur Klinke griff und sagte: »Sie wissen ja, wo Sie mich finden.«

»Gewiss«, kam die Antwort. Petter beeilte sich, die Tür hinter Henne zu schließen. Der Schlüssel drehte sich genau dreimal.

Der Kommissar stieg langsam die Treppe hinauf zur nächsten Wohnung, während er konstatierte, Professor Ulf Petter braucht Hilfe, und zwar professionelle. Ein Psychologe musste her, und er wusste auch schon, wer dafür besonders geeignet war.

Die Befragung der übrigen Hausbewohner ergab nichts Neues. Sobald Henne ein Foto des toten Mädchens hatte, wollte er wiederkommen. Wider besseres Wissen klammerte er sich an die Hoffnung, dass irgendjemand sie erkennen würde.

Hagen Leonhardt hatte indessen die ankommenden Mitarbeiter der Werbefirma und den Fotografen vernommen. Eine Formsache und wie erwartet ohne aufklärendes Ergebnis. Die Werbefritzen hatten gemeinsam am frühen Abend das Haus verlassen und dann bis in die Morgenstunden einen Großauftrag begossen. Es war hoch hergegangen auf der Party, jedenfalls hatten sie nicht mehr die Kraft gehabt, nach Hause zu gehen, sondern gleich im Hotel übernachtet. Leonhardt ließ sich vorsorglich die Rechnungen zeigen.

Der Fotograf, ein älterer Mann, dessen betont jugendliche Kleidung, ergänzt durch einen doppelt um den Hals gewundenen rosafarbenen Schal, lächerlich wirkte, konnte ein ebenso gutes Alibi vorweisen. Zwei Tage lang auswärts, ein Fotografentreffen, gekrönt durch zahlreiche Models und großen Presserummel. Namen fielen, Leonhardt kannte keinen davon. Gekränkt hatte der Fotograf die Arme verschränkt und geschwiegen. Dass er Leonhardt für einen Banausen hielt, war offensichtlich.

Zurück im Büro griff Henne zum Telefon. Leonhardt entsorgte wortlos den kalt gewordenen Kaffee und füllte die Tasse aus der Thermoskanne auf. Henne quittierte es mit einem dankbaren Blick, während er in den Hörer lauschte. Was er hörte, gefiel ihm, denn als er auflegte, war er sichtlich zufrieden.

»Na?«, fragte Leonhardt neugierig.

»Die Fotos sind fertig. Hüpf mal in die Spurensicherung.«

Kaum hatte Leonhardt das Zimmer verlassen, trat Henne ans Fenster und schaute hinaus. Der Himmel sah wieder nach Regen aus. Dicke Wolken zogen wie dickbäuchige Piratenschiffe dahin. Regensommer, zu kalt für die Jahreszeit. Die Bauern bangten um das Korn. Es war fraglich, ob es überhaupt eine Ernte geben würde. Die Brotpreise würden steigen.

Das Scheppern des Telefons riss ihn aus seinen Grübeleien. Die Rechtsmedizin, ob er kommen wolle. Er wollte, heftete eine Nachricht an die Tür und eilte nach unten.

Gitta zwinkerte ihm zu, er übersah es. Sie zog einen Schmollmund, zupfte beleidigt eine der grünen Strähnen zurecht und beschloss, den nächsten aufgebrachten Anrufer direkt zu ihm durchzustellen. Auch ein Oberkommissar hatte sie zu beachten, zumal sie faktisch eine Institution war, seit Jahren im Dienst. Mindestens so lange wie dieser vernarbte Brummbär, dieser Halbafrikaner. Wenn sie sich recht erinnerte, war Hennes dunkle Hautfarbe das Erbe eines äthiopischen Vaters. Oder eines Ägypters? Egal, jedenfalls mangelte es dem Kerl entschieden an gutem Benehmen.

Henne erwog, zu Fuß zu gehen. Das Rechtsmedizinische Institut lag nur fünfzehn Minuten entfernt, Bewegung würde ihm guttun, seinem Bauchansatz ebenfalls.

Ein Blick in den Himmel änderte jedoch seine Meinung. Die Piratenschiffe stauten sich und verschmolzen zu einer tief hängenden schwarzen Decke. Sie vermittelten eine trübe Untergangsstimmung, die mehr als einen normalen Regenguss erahnen ließ.

Er bog um die Ecke, wo er dank einer glücklichen Fügung am Morgen einen Parkplatz ergattert hatte. Als er in den Ford stieg, hämmerten die ersten Tropfen aufs Dach. Keine zwei Kreuzungen weiter brach sich das Unwetter mit voller Gewalt Bahn. Die Scheibenwischer liefen auf Hochtouren, trotzdem sah er kaum mehr als eine graue Wand vor sich. Er war froh, als er vor der Rechtsmedizin ohne Schaden zum Stehen kam. Die wenigen Meter vom Bordstein bis zur Tür reichten, um ihn völlig zu durchnässen.

Doktor Schemkeler erwartete ihn bereits. Schemkeler war erst ein knappes Jahr dabei. Ein Neuling, verglichen mit seinen Kollegen, doch im Gegensatz zu ihnen hatte er innerhalb kürzerster Zeit einen Draht zu Henne gefunden. Er hatte weder den gewohnten ärztlichen Dünkel, noch war er von extremem Ehrgeiz besessen. Das machte ihn Henne sympathisch.

»Mundschutz?«, fragte Schemkeler und reichte Henne zusätzlich einen Kittel. Henne lehnte beides ab. Schemkeler schüttelte missbilligend den Kopf, enthielt sich jedoch jeglicher Kritik.

Im Obduktionsraum war es kühl, trotz der Nässe behielt Henne die Jacke an. Ihn fröstelte, vielleicht lag es auch an dem eigentümlichen Geruch, einer Mischung aus Blut, Ausscheidungen und Desinfektionsmitteln. Daran würde er sich sein Lebtag nicht gewöhnen.

Er musterte die Leiche. Petter hatte recht, das Mädel sah sehr jung aus, wie ein Teenager.

»Weiblich, eins vierundfünfzig, achtzehn oder neunzehn Jahre«, dozierte der Doktor, begleitet vom einvernehmlichen Nicken des zweiten Obduzierenden. Henne kannte Kritzel seit Jahren. Mehr als ein Nicken hatte er von ihm noch nie gesehen.

»Ich korrigiere«, sagte Schemkeler. »Mindestalter zwanzig.«

Doch älter als angenommen.

»Organisch gesund, Allgemeinzustand altersgemäß. Keine Vergewaltigung, keine Abwehrspuren.«

Hennes Blick verharrte auf dem Gesicht. Dunkelbraune Locken über blasser Haut. Die Augen, braun und glanzlos, halb geöffnet. Der Mund ebenfalls, gleichmäßige weiße Zähne. Das Mädchen war hübsch, sehr sogar.

»Schauen Sie!« Schemkeler deutete auf die spaltförmige Stichwunde in dem ansonsten makellosen Bauch. Er schaltete das Diktiergerät ein und griff zur Säge. »Ich beginne mit der Obduktion.«

Henne starrte auf die Wunde, dann den Brustkorb. Die monotone Stimme des Doktors half ihm, die aufkommende Übelkeit herunterzuschlucken.

»Stichwunde im Oberbauch, penetrierende Verletzung. Öffnung des Brustkorbes rechts, komplette Durchtrennung des Ramus circumflexus der linken Kranzarterie.«

Schemkeler arbeitete sich systematisch vor, Knochen knackten. Der Assistent, ein junger Mann, der sich noch in der Ausbildung befand und dessen Blicke zwischen Schemkeler und Kritzel hin und her wanderten, wurde kalkweiß.

»Nachweis von knapp einem halben Liter Blut in der linken Brusthöhle, filmartige Blutauflagerungen im Bauchraum.«

Beim Blick auf den Jungen, dessen Gesicht mittlerweile eine grünliche Färbung angenommen hatte, revoltierte Hennes Magen plötzlich, und er beschloss, draußen zu warten.

Im Vorraum war es wesentlich wärmer. Er hängte seine Jacke über die Heizung und wanderte auf und ab. Allmählich verflog die Starre, die von ihm Besitz ergriffen hatte. Ein Kaffee aus dem Automaten trug ein Übriges dazu bei und trieb ihm die letzte Kälte aus den Knochen. Zum Glück hatte auch der Regen aufgehört. Henne hegte berechtigte Hoffnung, auf dem Rückweg trocken zu bleiben. Vielleicht konnte er vor Erika verbergen, dass er aufgeweicht worden war. Sie hasste es, wenn Jeans Regenränder hatten.

Eine gute Stunde später schob ihm Schemkeler den vorläufigen Obduktionsbericht zu.

»Die Stichverletzung stammt von einem scharfen Instrument, wahrscheinlich ein Messer, mit mittlerer bis großer Kraft geführt. Die Eingeweide sind deutlich eingeblutet. Ein Zeichen, dass das Opfer bis dahin noch gelebt hat. Der Tod ist kurze Zeit nach dem Einstich eingetreten, schätzungsweise zwischen null und zwei Uhr nachts. Todesursache hypovolämischer Schock, also massiver Blutverlust. Wissen Sie, wer die Tote ist?«

»Noch nicht.«

»Ein junges Mädchen sollte zu identifizieren sein.«

»Die Beschreibung passt auf die halbe Stadt«, gab Henne zu bedenken.

»Histologische und diverse dna-Untersuchungen bringen uns vielleicht weiter. Ich werde das Nötige veranlassen.«

»Was ist mit ihren Sachen? Kleidung und Ähnlichem?«

»Auch das wird untersucht. Ich rufe Sie an, sobald ich Näheres weiß.«

Henne dankte und wandte sich zum Gehen.

»Eines noch«, hielt ihn Schemkeler zurück. »Der Eckzahn im linken Oberkiefer ist mit Gold überzogen, meines Erachtens osteuropäisch.«

Henne beschloss, sich ein ordentliches Mittagessen zu gönnen. In der Kantine im Erdgeschoss des Dienstgebäudes saß Leonhardt bereits neben Kienmann, dem Polizeiarzt, und säbelte an einem Schnitzel herum. Dem angestrengten Gesichtsausdruck nach zu urteilen, musste das Fleisch aus Hartgummi sein.

»Hier, lies mal.« Henne zog den Obduktionsbericht aus der Tasche und hielt ihn Kienmann hin.