Dr. Morris Grusel Thriller #2: Die Schwarze Allianz

John Brentwood

Published by BEKKERpublishing, 2016.

Inhaltsverzeichnis

Title Page

DR. MORRIS

Klappe

Roman

DR. MORRIS

Grusel – Thriller – Action

Band 2

DIE SCHWARZE ALLIANZ

von

John Brentwood

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IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild:Andrey Kiselev/123RF mit Steve Mayer, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Klappe

Die schrecklichen Morde auf Schloss Sheffield bleiben immer noch ungeklärt. Nach wie vor hat Scotland Yard keine weiterführenden Hinweise gefunden. Das Entsetzen ist groß, als weitere Morde geschehen. Dr. Glenn Morris wird von Sir Gregory gebeten, bei den Ermittlungen zu helfen – und gemeinsam finden sie eine Spur, die zu einem Mann führt, von dem niemand glaubt, dass er ein Mörder sein könnte.

Währenddessen greift erneut der geheimnisvolle Delarian ein und versucht immer noch, Dr. Morris für seine Pläne zu gewinnen. Warum soll ausgerechnet Dr. Morris nach den CHRONIKEN DES BLUTES suchen?

Auch in Berlin zeichnen sich jetzt Dinge ab, die alles verändern: Zum ersten Mal seit langer Zeit findet wieder eine Zusammenkunft verschiedener europäischer Dämonensippen statt. Mit dem Ziel, eine schlagkräftige Vereinigung zu bilden und erneut die Herrschaft über die Menschen zu erringen.

Roman

Die Chroniken des Blutes 2 Buch 2. Kapitel: Der Beginn der magielosen Zeit

Rom 45 v. Chr.

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Das Licht der grellen Mittagssonne spiegelte sich auf den blank polierten Rüstungen, Helmen und Waffen der Prätorianergarde, die über das Forum Romanum marschierte und den Herrscher des Römischen Reiches zum Senat brachte. Zahlreiche Menschen hatten sich zu beiden Seiten der Via Appia versammelt und jubelten Cäsar zu. Gaius Julius Cäsar  der Mann, der mit seinem Namen das Römische Reich zur Blüte gebracht und es ständig nach allen Himmelsrichtungen ausgeweitet hatte.

Marcus, der Sohn des Kaufmanns Claudius Sixtus, stellte sich auf die Zehenspitzen und versuchte, einen Blick auf den mächtigen Herrscher zu erhaschen. Es waren Monate vergangen, seit Cäsar zuletzt in Rom gewesen war. Stattdessen hatte er sich lange in einem fernen Reich namens Ägypten aufgehalten, das Volk unterjocht und eine Affäre mit der Herrscherin Cleopatra gehabt. Zumindest besagten das vage Gerüchte und Spekulationen, die seit seinem Aufbruch aus Alexandria bis hierher gedrungen waren.

Marcus hörte die Jubelrufe und war jetzt so aufgeregt, dass er in seiner Neugier den direkt vor ihm stehenden Mann etwas zu heftig anstieß. Mit einem leisen Fluch wandte sich der Mann um. Marcus erschrak, als er in dessen zorniges Gesicht blickte.

»Kannst du nicht aufpassen, du Tölpel?«, fuhr ihn der Mann an, dessen Hände rau und voller Schwielen war. Marcus war sich nicht sicher, aber er glaubte, dieses Gesicht schon einmal gesehen zu haben. War das nicht Lucius, der als Gehilfe in der Schmiede des alten Saecula arbeitete?

»Verzeih mir«, murmelte Marcus und trat gleichzeitig einen Schritt zurück, als er die funkelnden Augen des bulligen Lucius bemerkte. Augen, in denen sich ein unbeschreiblicher Zorn widerspiegelte, den der fünfzehnjährige Junge sich überhaupt nicht erklären konnte. Aber Lucius genoss einen Ruf als Schläger und Streithahn. Die meisten Menschen gingen ihm lieber aus dem Weg, als sich auf einen Kampf mit ihm einzulassen. Und ausgerechnet solch einem Mann musste Marcus jetzt begegnen!

»Ich sollte dir eine Tracht Prügel verabreichen, du kleine Ratte!«, rief Lucius und schüttelte drohend seine rechte Faust. Er wollte gerade auf den Jungen zugehen, als plötzlich von einer Sekunde zur anderen eine Veränderung mit ihm vorging.

Sein muskulöser Körper begann zu zucken, und die drohend emporgereckte Faust verkrümmte sich. Aus dem Handrücken sprießten schwarze Haare heraus. Ein grauenhaftes Röcheln kam tief aus der Kehle des taumelnden Lucius. Dieser presste jetzt beide Hände gegen die Schläfen. Sein Hemd zerriss, weil der Körper auf unheimliche Weise zu wachsen begann. Die breiten Schultern waren jetzt mit dichtem schwarzem Haar übersät - genauso wie das Gesicht.

Marcus blieb stehen, als habe ihn der Blitz getroffen. Er konnte nicht glauben, was er sah. Aber als er dann die lauten Angstschreie der umstehenden Menschen hörte, wusste er, dass er dieses schreckliche Szenario nicht träumte. Nein, es war grauenvolle Wirklichkeit. Der Gehilfe des Schmiedes hatte sich in eine Bestie verwandelt!

Und er war nicht der Einzige. Auch aus anderen Ecken erklang schreckliches Gebrüll - nur wenige Schritte von Marcus entfernt. Aber das nahm er nur am Rande wahr, denn jetzt schoss die behaarte Pranke des grauenhaften Wesens auf ihn zu. Buchstäblich in letzter Sekunde duckte sich der Junge und entging dadurch den scharfen Klauen.

Die Bestie brüllte voller Zorn und schlug blindlings um sich. Ein in der Nähe stehender alter Mann war nicht so schnell wie der wieselflinke Marcus. Die klauenbewehrte Hand des Wolfsmenschen packte ihn, riss ihn hoch und zerfetzte ihm mit einem weiteren Schlag die Kehle. Eine Blutfontäne spritzte hoch empor und regnete dann auf die umstehenden Menschen herunter.

Der Triumphzug Cäsars geriet ins Stocken, und die Garde der Elitesoldaten reagierte sofort. Ein Teil der Prätorianer schützte Cäsar hermetisch von allen Seiten mit ihren Schilden und Schwertern, während nun andere die Unruhe in der Menge zu ergründen versuchten.

Männer, Frauen und Kinder rannten in alle Himmelsrichtungen davon. Sie schrien laut um Hilfe. Und in all dem sich immer rascher ausbreitenden Chaos übertönte grauenhaftes Brüllen die Rufe der entsetzten Menschen.

Marcus hatte Zuflucht in einer Hausnische gesucht. Er hoffte, dass ihm diese grauenhafte Bestie nicht mehr folgte. Mit weit aufgerissenen Augen verfolgte er von hier aus, wie sich zwei Soldaten der Wolfskreatur in den Weg stellten und mit ihren Schwertern auf sie einschlugen.

Aber selbst die scharfen Klingen der Prätorianergarde vermochten zunächst den Angriff der Bestie nicht zu stoppen. Diese augenblickliche Schwäche nutzte der mächtige Wolfsmensch und riss einen der Soldaten mit seiner Klauenhand zur Seite. Das geschah mit solch brachialer Gewalt, dass der Soldat heftig gegen eine Mauer geschleudert wurde und dort ächzend zu Boden sank.

Der zweite Gardist hatte jetzt seine Furcht überwunden. Todesmutig drang er auf die Bestie ein und holte mit seinem Schwert aus. Die Klinge drang in die behaarte Brust des Wesens und durchbohrte das Herz. Ein grauenhafter Schrei erfüllte das Forum Romanum, als die Bestie zum ersten Mal ins Wanken geriet. Die behaarte Kreatur stolperte nach vorn, hob ein letztes Mal die Klauenhand und versuchte den Soldaten noch mit in den Tod zu reißen. Aber das gelang ihr nicht mehr. Mit einem dumpfen Geräusch fiel der Wolfsmensch zu Boden. Marcus konnte den Anblick nicht länger ertragen. Er wandte sich ab und rannte davon, so schnell er konnte. Er hatte dem Tod in die Augen gesehen. Das würde er für den Rest seines Lebens nicht mehr vergessen.

Während der Sohn des Kaufmanns nach Hause eilte, fochten die Soldaten Cäsars einen gnadenlosen Kampf aus mit weiteren Wesen, die auf unerklärbare Weise plötzlich erschienen waren. Mehrere Menschen hatten sich plötzlich auch in grauenhafte Bestien verwandelt.

Todesschreie hallten über dem Zentrum des alten Rom wider, als einige Kreaturen sich heftig zu wehren begannen. Andere suchten ihr Heil in der Flucht. Wer sich ihnen dabei in den Weg stellte, musste das mit dem Leben bezahlen. Aber nachdem die kampferprobten Soldaten von Cäsars Elitetruppe ihre anfängliche Furcht überwunden hatten, taten sie das, wozu sie in hartem Drill ausgebildet worden waren.

Sie beschützten die Bürger Roms unter Einsatz ihres eigenen Lebens.

Sie drangen todesmutig auf die Bestien ein und schlugen mit ihren Schwertern um sich. Schon bald erkannten sie, dass diese Kreaturen nicht unbesiegbar waren. Jedes Mal, wenn ein Prätorianerschwert das Herz durchbohrte oder den Schädel vom Rumpf trennte, endete auch dieses Leben.

Die Soldaten erwiesen sich schließlich als Sieger, denn sie bekamen Hilfe von weiteren Kämpfern, die angesichts der Ereignisse auf dem Forum Romanum alarmiert worden waren. Mit vereinten Kräften vernichteten sie die Bestien, deren sie habhaft werden konnten. Aber niemand wusste, ob wirklich alle getötet worden waren.

Es war ein Tag, an dem der Triumphzug des Heimkehrers und Eroberers Gaius Julius Cäsar von ersten Schatten überzogen wurde ...

*

Brutus beobachtete Julius Cäsar, der nachdenklich vom Fenster des Senates auf den großen Platz blickte. Nur noch wenige Menschen bevölkerten dieses große Areal. Meist Soldaten, die immer noch die Schwerter in den Händen trugen und Ausschau nach weiteren Gegnern hielten.

»Was bedeutet das, Brutus?«, sagte Cäsar schließlich mit einem tiefen Seufzer. Er hatte sich vom Fenster abgewandt und sah zu seinem Neffen. »Welche schrecklichen Wesen suchen Rom heim? Haben wir die Götter erzürnt? Ist Rom zu groß und mächtig geworden? Soll dies ein Zeichen sein?«

Aber Brutus zögerte, darauf etwas zu erwidern. Und das nicht nur, weil er ebenso schockiert und fassungslos über die grauenhaften Ereignisse war, die noch nicht einmal zwei Stunden zurücklagen. »Ich ahnte nicht, dass die Gefahr so groß ist«, erwiderte er ausweichend und wich nun dem prüfenden Blick Cäsars aus. »Es ist so ... Es scheint, als ob ...«, er brach ab und suchte verzweifelt nach den passenden Worten.

»Ich war lange weg von Rom«, ergriff Cäsar wieder das Wort. Seine Stimme klang zusehends nüchterner. »Wohl zu lange, um zu verstehen, was du mir mit deinen Andeutungen sagen willst. Heraus mit der Sprache  ich will ALLES wissen!«

»Es waren zu Beginn nur vage Gerüchte«, antwortete Brutus leise. »Irrsinn von Seefahrern und Ähnliches. Weder der Senat noch die Bürger nahmen dies übermäßig ernst. Aber dann geschah zu vieles gleichzeitig. Es häuften sich die Nachrichten, dass solche Kreaturen auch in anderen Teilen unseres Reiches erschienen seien. Im Osten wie im Westen. Selbst aus Gallien wurde uns von solchen Vorfällen berichtet. In der Nähe von Lutetia wurde eine ganze Kohorte von grauenhaften Wolfsmenschen überfallen und vernichtet. Und sogar jenseits des Meeres gibt es Anzeichen für ähnliche Ereignisse ...«

»Bei Jupiter!«, entfuhr es dem Imperator des Römischen Reiches. »Welche Strafe legen uns die Götter nur auf? Ich kann keinen Grund dafür erkennen, Brutus. Nicht einen einzigen.«

»Vielleicht ist es gar keine Strafe der Götter«, meinte Brutus. Er beobachtete Cäsar bei den folgenden Worten ganz genau und stellte fest, dass sein Onkel in den letzten Jahren stark gealtert war. Das Regieren über solch ein riesiges Reich hatte Kraft gekostet und ihn stark belastet. »Es könnte anderen Ursprungs sein ...«

»Du redest in Rätseln, Brutus«, wies ihn Cäsar mit scharfer Stimme zurecht. »Aber die Gefahr existiert dennoch. Wir müssen etwas tun, bevor das Reich in seinen Grundfesten erschüttert wird. Die Bestien müssen getötet werden - alle!«

Brutus blickte erstaunt und befremdet drein. Für ihn enthielt dieser Befehl einen Hauch von Wahnsinn. Er verglich ein solches Vorhaben mit dem Plan eines einzelnen Menschen, der allein gegen die haushohen Wellen eines stürmischen Meeres ankämpfen wollte ...

Im Gegensatz zu seinem Onkel sah er das Reich nämlich bereits wanken, denn an den äußeren Grenzen tobten schon die ersten Aufstände. Das Auftauchen der dämonischen Wesen würde jetzt noch ein Übriges tun. Und doch stand Brutus noch immer auf der Seite des Imperators.

»Hol mir den Schreiber!«, trug Cäsar seinem Neffen auf. »Ich werde sofort einen Befehl erlassen, der in alle Provinzen unseres Reiches getragen werden soll - noch heute soll es beginnen! Wir werden diese Wesen verfolgen und bekämpfen, bis sie ausgerottet sind. Worauf wartest du noch? Beeil dich!«

Beinahe wider Willen fühlte Brutus sich von dem energischen Auftreten Cäsars mitgerissen. Sein Sinn wandelte sich; er fühlte Bewunderung für den Herrscher, der sich trotz der furchtbaren, unbekannten Gefahr wieder innerlich gefangen hatte und zu Taten bereit war.

Brutus nickte nur und wandte sich hastig ab. Augenblicke später hatte er den Raum auch schon verlassen. Cäsar blieb allein zurück  und die Jagd auf Luzifers Kinder hatte in dieser Minute begonnen ...

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1.

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Lebende Tote

Gegenwart 2002  Internat auf Schloss Sheffield

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Ian Watkins konnte nicht schlafen. Immer wieder wälzte er sich von einer Seite auf die andere und versuchte einzuschlafen. Als er endlich doch in einen unruhigen Schlummer verfiel, hatten ihn diese schrecklichen Albträume heimgesucht, und sein ganzer Körper war in Schweiß gebadet, als er stöhnend hochfuhr.

Da er jetzt nicht mehr schlafen konnte, stand er auf und kochte sich einen Kaffee. Dann nahm er ein Buch zur Hand, um sich abzulenken. Aber er konnte sich nicht auf die Zeilen konzentrieren, seine Gedanken schweiften immer wieder ab. Pausenlos hatte er jenes schreckliche Bild vor Augen, das sich unauslöschlich in sein Gehirn eingebrannt hatte. Das Bild von der toten Schülerin, die man erhängt in ihrem Zimmer gefunden hatte - voller Blut und grässlich verstümmelt. Er hatte so etwas noch nie gesehen, er wollte so etwas Schreckliches auch nie mehr sehen.

Der Hausmeister des Internats von Schloss Sheffield legte das Buch beiseite und ging zum Fenster. Wahrscheinlich war seine Wohnung die einzige im ganzen Internat, wo zu dieser frühen Stunde bereits Licht brannte. Watkins beneidete die Mitglieder des Lehrerkollegiums und auch die meisten Schülerinnen um ihren tiefen und ruhigen Schlaf. Er konnte das schon lange nicht mehr ...

Draußen war es noch dunkel, und ganz vage am fernen Horizont zeichnete sich der erste helle Schimmer der bevorstehenden Morgendämmerung ab. Wieder ein neuer Tag, der den Hausmeister fordern würde.

In so einem großen Anwesen gab es immer jede Menge zu tun. Darin unterschied sich seine jetzige Arbeit kaum von der letzten Tätigkeit als Hausmeister in einem Internat an der Westküste.

Watkins beschloss, sich noch einen Kaffee zu kochen und dann in aller Ruhe die Vorbereitungen für den bevorstehenden Tag zu treffen. Heute stand ziemlich viel auf seinem Plan. Einige der Toiletten im Unterrichtstrakt waren verstopft, und dies musste rasch erledigt werden  eine Arbeit, die Watkins hasste, weil er wusste, dass ihn die Mädchen dabei in den Pausen immer beobachteten und darüber kicherten, dass er solche niederen Arbeiten machen musste.

Oh ja, er wusste, dass sie sich über ihn lustig machten und ihn im Grunde genommen für einen verschrobenen Spinner hielten, der mit dem Rest der Welt nichts mehr zu tun haben wollte. Aber es kümmerte ihn nicht wirklich, was die Mädchen so über ihn dachten.

Er fluchte, als er feststellte, dass ihm selbst der Kaffee an diesem Morgen nicht schmeckte. Er war heiß und stark, wie er ihn sonst immer mochte, aber seine Zunge fühlte sich rau und pelzig an, und im Magen grummelte es unangenehm - und das, obwohl er nicht den geringsten Hunger verspürte.

Schließlich hielt er es hier nicht mehr länger aus. Nachdem er sich flüchtig gewaschen und angezogen hatte, verließ er die Hausmeisterwohnung und ging hinaus in den Park. Während am Horizont allmählich die Sonne aufging und die letzten Schatten der Nacht vertrieb, griff er sich einen Laubbesen und kehrte die Blätter vor dem Eingangsportal der Schule zusammen. Um diese Jahreszeit musste er das jeden Tag tun, und bei heftigem Wind sogar mehrmals.

Mittlerweile gingen auch in verschiedenen Zimmern die Lichter an. Das Internat erwachte zu neuem Leben. Watkins zitterte leicht, als er den Besen kurz abstellte und sich mit fahrigen Bewegungen über die Stirn wischte. Er schwitzte, obwohl er mit seiner Arbeit doch gerade erst begonnen hatte. Seine Blicke richteten sich fast hypnotisch angezogen auf den Seitenflügel des Internats, wo die Mädchen ihre Zimmer hatten. Dort brannte auch schon in den meisten Räumen Licht.

Wahrscheinlich hatte an diesem Morgen Miss Fieldstone dafür gesorgt, dass die Mädchen pünktlich aufstanden und sich dann in den Saal begaben, um dort zu frühstücken. Und ganz sicher würde sie wieder diejenigen zur Ordnung rufen, die zu diesem von ihr fast schon als heilig bezeichneten Ritual zu spät kamen. Das waren eben Dinge, die auf Schloss Sheffield jeden Morgen mit der gleichen Monotonie stattfanden.

Watkins hustete kurz und schlug den Kragen seiner Jacke höher, als er den kalten Wind spürte, der plötzlich durch die Wipfel der Bäume strich. Und in seinem linken Augenwinkel zeichnete sich eine kleine Träne ab. Watkins murmelte etwas Unverständliches vor sich hin und wischte sie weg. Und noch während er das tat, ahnte er bereits, was gleich geschehen würde ...

*

»Peggy! Monica!«, erklang Miss Fieldstones Stimme, als sie an die Zimmertür der beiden Mädchen klopfte. »Aufstehen - macht bitte sofort die Tür auf!«

Angst zeichnete sich in ihren blassen Gesichtszügen ab, weil die Mädchen noch immer keine Antwort gaben. Unwillkürlich dachte sie an das, was Susan widerfahren war - aber sie schob den Gedanken entschlossen beiseite. Alle Sicherheitsmaßnahmen, die eine Wiederholung dieses Grauens verhinderten, waren mit großer Sorgfalt getroffen worden, und ...

»Öffnet die Tür, ihr beiden!«, rief sie jetzt etwas lauter. »Das Frühstück habt ihr schon ausfallen lassen - aber gleich fängt der Unterricht an, und den dürft ihr nicht verpassen. Wenn das ein Scherz sein soll, ist eine Stunde Nachsitzen fällig - und wenn ihr jetzt nicht sofort die Tür aufmacht, dann kommt noch eine Strafarbeit hinzu, die euch das ganze kommende Wochenende beschäftigen wird!«

Miss Fieldstones hohe Stirn zog sich in Falten, als selbst jetzt noch eine unerklärliche Stille im Zimmer herrschte. Sie wollen dich ärgern, weil sie dich nicht leiden können, sagte ihr eine innere Stimme. Dabei begreifen sie nicht, dass ich es nur gut mit ihnen meine ... Abermals stand ihr das Bild des erhängten Mädchens Susan vor Augen.

Hoffentlich war nichts passiert.

Sie wandte sich von der Tür ab, ging zum Ende des Flurs und öffnete dort ein Fenster, das hinaus auf den Park führte. Sie hatte zuvor gesehen, wie der Hausmeister dort unten das Laub zusammenrechte. Auch wenn Ian Watkins ein komischer Kauz war, so besaß er doch eine wichtige Tugend - nämlich absolute Pünktlichkeit! Auf ihn war Verlass, er würde ihr helfen.

»Mr. Watkins!«, rief sie aufgeregt und winkte ihm mit beiden Händen zu. »Kommen Sie her, ich brauche Sie! Und beeilen Sie sich!«

Sie bemerkte zwar, dass der ältere Mann jetzt seltsamerweise ein wenig zögerte, aber schließlich setzte er sich doch in Bewegung und war wenige Minuten später bei der Lehrerin, die mit jeder verstreichenden Sekunde ungeduldiger wurde.

»Schließen Sie auf, Mr. Watkins!«, forderte sie den Hausmeister auf und zeigte mit ausgestrecktem Finger auf die betreffende Tür. »Lieber Gott, lass nichts passiert sein«, Miss Fieldstone zitterte am ganzen Körper. »Na los, worauf warten Sie denn noch? Oder muss ich das auch noch selbst tun?«

»Nein ... nein«, beeilte sich der Hausmeister zu sagen, der an diesem Morgen doch ziemlich unsicher wirkte. Miss Fieldstone bemerkte das jedoch nicht, weil ihre Gedanken einzig und allein um Peggy und Monica kreisten, die sich in ihrem Zimmer eingesperrt hatten und auf nichts reagierten.

»Bitte schön«, sagte der Hausmeister, nachdem er die Tür geöffnet und Miss Fieldstone wieder Platz gemacht hatte. Die Lehrerin eilte daraufhin hastig an ihm vorbei, betrat das Zimmer und blieb dann wie zu einer Salzsäule erstarrt stehen, während ihre fassungslosen Blicke ein Bild in sich aufnahmen, das nicht minder schrecklich war als das vor drei Tagen.

Peggy und Monica hatten Miss Fieldstone selbst dann nicht mehr hören können, wenn diese sich die Seele aus dem Leib geschrien hätte. Sie hörten überhaupt nichts mehr, denn sie waren tot. Ihre nackten und blutigen Körper hingen an der Decke. Weit aufgerissene leere Augen blickten Miss Fieldstone aus bläulich angelaufenen Gesichtern entgegen, und die großen Risse auf der einstmals so jungen und zarten Haut zeugten von der unmenschlichen Grausamkeit des Verbrechens, das den beiden Mädchen angetan worden war.

All diese Details nahm Miss Fieldstone in wenigen Sekunden in sich auf, während Ian Watkins vor Schreck zurücktaumelte und kreidebleich im Gesicht wurde. Dann begann sein Körper zu zucken, und er musste sich würgend übergeben, während das entsetzte Kreischen Miss Fieldstones - es klang wie das Gekreisch einer Wahnsinnigen! - durch den Flur des Wohnungstraktes gellte.

*

Trumby warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Es ging schon auf Mitternacht zu, und er spürte, wie sein geheimer, finsterer Drang immer stärker und stärker wurde. Er brannte darauf, seine Wünsche in die Tat umzusetzen.

Plötzlich fiel ihm ein, dass er die Klimaanlage in dem Raum mit der Leiche nicht überprüft hatte.

Er ging also noch einmal zurück.

Als er jedoch auf die Bahre blickte, war dort nichts mehr. Trumby blieb abrupt stehen, als sei er gegen eine unsichtbare Wand gelaufen.