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Friedrich Glauser

Der Chinese

Ein Wachtmeister Studer Kriminalroman

Friedrich Glauser

Der Chinese

Ein Wachtmeister Studer Kriminalroman

Veröffentlicht im Null Papier Verlag, 2019
EV: Morgarten, Zürich, 1938
3. Auflage, ISBN 978-3-954182-76-3

www.null-papier.de/studer

null-papier.de/katalog

Inhaltsverzeichnis

Ein To­ter auf ei­nem Grab und zwei strei­ten­de Her­ren

Erin­ne­run­gen

Das Ge­wit­ter

Krach

Die drei At­mo­sphä­ren

Angst

Fin­ger ab de Rösch­ti!

Blin­der Pas­sa­gier

Die Ge­schich­te von der Bar­ba­ra

»Pau­pe­ris­mus«

Fort­set­zung ei­nes Vor­tra­ges

At­mo­sphä­re Nr. 3

’s Tri­li-Müt­ti

In der Bun­des­stadt

Zwei Müt­ter

Jaß­par­tie mit ei­nem neu­en Part­ner

Im Ge­wächs­haus

Schü­ler bei Nacht

Fun­de in der Hei­zung

No­tar Münch macht einen nächt­li­chen Be­such

Leh­rer Wott­li will ver­rei­sen

Ein lee­rer Tag

Be­ginn des En­des

Un­ter­bruch ei­nes Mit­ta­ges­sens…

… und sei­ne Fort­set­zung

Ein No­tar er­scheint

Die Mut­ter

Dan­ke

Dan­ke, dass Sie sich für ein E-Book aus mei­nem Ver­lag ent­schie­den ha­ben.

Soll­ten Sie Hil­fe be­nö­ti­gen oder eine Fra­ge ha­ben, schrei­ben Sie mir.

 

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Die Ro­ma­ne mit Wacht­meis­ter Stu­der bei Null Pa­pier

An­de­re Kri­mi­nal­ro­ma­ne von Fried­rich C. Glau­ser

Autor

Fried­rich Charles Glau­ser (✳ 4. Fe­bru­ar 1896 in Wien; † 8. De­zem­ber 1938 in Ner­vi bei Ge­nua) war ein Schwei­zer Schrift­stel­ler. Er gilt als ei­ner der ers­ten deutsch­spra­chi­gen Kri­mi­au­to­ren.

Schrift­stel­ler zu sein, hieß für Fried­rich Glau­ser zu­nächst, Ge­dich­te zu schrei­ben. In der ly­ri­schen Form glaub­te er, sein in­ne­res Er­le­ben aus­drücken zu kön­nen. Vor­bil­der wa­ren für ihn Sté­pha­ne Mall­ar­mé und Ge­org Trakl; der Ton ent­spricht dem ex­pres­sio­nis­ti­schen Te­nor der Zeit am Ende des Ers­ten Welt­krie­ges. Doch kei­ner die­ser Tex­te wur­de ge­druckt. Für die Samm­lung sei­ner Ge­dich­te, die Glau­ser 1920 zu­sam­men­stell­te, fand sich kein Ver­le­ger. Sei­ne Ge­dich­te wur­den da­her erst post­hum ver­öf­fent­licht.

In den letz­ten drei Le­bens­jah­ren schrieb Glau­ser fünf Kri­mi­nal­ro­ma­ne, in de­ren Mit­tel­punkt Wacht­meis­ter Stu­der steht, ein ei­gen­sin­ni­ger Kri­mi­nal­po­li­zist mit Ver­ständ­nis für die Ge­fal­le­nen der Ge­sell­schaft.

Der Kri­mi­nal­ro­man »Mat­to re­giert« spielt in ei­ner psych­ia­tri­schen Kli­nik und man merkt ihm ge­nau­so wie den an­de­ren Ro­ma­nen an, dass der Au­tor ei­ge­ne Er­leb­nis­se ver­ar­bei­tet hat. Mit ein­dring­li­chen Mi­lieu­stu­di­en und pa­cken­den Schil­de­run­gen der so­zi­al­po­li­ti­schen Si­tua­ti­on ge­lingt es ihm, den Le­ser in sei­nen Bann zu schla­gen.

Glau­ser ist nach der Auf­fas­sung von Er­hard Jöst »ei­ner der wich­tigs­ten Weg­be­rei­ter des mo­der­nen Kri­mi­nal­ro­mans«. Sei­ne Ro­ma­ne und drei wei­te­re Bän­de mit Pro­sa­tex­ten wur­den zwi­schen 1936 und 1945 ver­öf­fent­licht.

Glau­sers Nach­lass be­fin­det sich im Schwei­ze­ri­schen Li­te­ra­tu­rar­chiv in Bern.

Bei ei­ner Umfrage im Jahr 1990 un­ter 37 Kri­mi­fach­leu­ten nach dem »bes­ten Kri­mi­nal­ro­man al­ler Zei­ten« lan­de­te Wacht­meis­ter Stu­der als bes­ter deutsch­spra­chi­ger Kri­mi auf Platz 4.

Ein Toter auf einem Grab und zwei streitende Herren

Stu­der stell­te das Gas ab, stieg von sei­nem Mo­tor­rad und wun­der­te sich über die plötz­li­che Stil­le, die von al­len Sei­ten auf ihn ein­drang. Aus dem Ne­bel, der fil­zig und gelb und fett war wie un­ge­wa­sche­ne Wol­le, tauch­ten Mau­ern auf, die ro­ten Zie­gel ei­nes Haus­da­ches leuch­te­ten. Dann stach durch den Dunst ein Son­nen­strahl und traf ein run­des Schild – es glüh­te auf wie Gold – nein, es war kein Gold, son­dern ir­gend­ein an­de­res, viel un­ed­le­res Me­tall – zwei Au­gen, eine Nase, ein Mund wa­ren auf die Plat­te ge­zeich­net; von sei­nem Ran­de gin­gen stei­fe Haar­sträh­nen aus. Un­ter die­sem Schild bau­mel­te eine In­schrift: ›Wirt­schaft zur Son­ne‹; aus­ge­tre­te­ne Stein­trep­pen führ­ten zu ei­ner Tür, in de­ren Rah­men ein ur­al­tes Mann­li stand, das dem Wacht­meis­ter be­kannt vor­kam. Doch die­ser Alte schi­en Stu­der nicht ken­nen zu wol­len, denn er wand­te sich ab und ver­schwand im In­nern des Hau­ses. Ein Luft­zug brach­te den Ne­bel wie­der in Wal­lung – Haus, Tür und Wirt­schafts­schild ver­schwan­den.

Und wie­der durch­brach die Son­ne das Grau, ein Mäu­er­lein rechts von der Stra­ße tauch­te auf, Glas­per­len glänz­ten auf Krän­zen, gol­de­ne Buch­sta­ben auf Grab­mä­lern und Buchs­blät­ter fun­kel­ten wie Sma­rag­de.

Aber um ein Grab stan­den drei Ge­stal­ten: ihm zu Häup­ten ein Land­jä­ger in Uni­form, rechts ein ele­gant ge­klei­de­ter Glat­tra­sier­ter, der jung schi­en, links ein äl­te­rer Herr, des­sen un­ge­pfleg­ter Bart gelb­lich­weiß war. Bis auf die Stra­ße war das er­bit­ter­te Ge­zän­ke die­ser bei­den zu hö­ren.

Stu­der zuck­te die Ach­seln, roll­te sein Rad zu der Trep­pe mit den aus­ge­tre­te­nen Stu­fen, schob den Stän­der un­ter das Hin­ter­rad, be­trat dann den Fried­hof und ging auf das Grab zu, über dem zwei Le­ben­de strit­ten, wäh­rend ein Drit­ter es schwei­gend be­wach­te.

Und Wacht­meis­ter Stu­der von der Ber­ner Kan­tons­po­li­zei seufz­te wäh­rend des Ge­hens ei­ni­ge Male sehr be­küm­mert, weil er dach­te, er habe es nicht leicht im Le­ben…

Heu­te Mor­gen hat­te der Statt­hal­ter von Rogg­wil ins Amts­haus te­le­fo­niert: – Auf dem Fried­hof des Dor­fes Pfrün­dis­berg sei die Lei­che ei­nes ge­wis­sen Farny ge­fun­den wor­den, der seit neun Mo­na­ten in der Wirt­schaft ›zur Son­ne‹ ge­wohnt habe. Vom Wir­te Brön­ni­mann sei der Tote ge­fun­den und der Land­jä­ger Merz be­nach­rich­tigt wor­den; die­ser habe dann ge­mel­det, die Ur­sa­che des Hin­schie­des sei ein Herz­schuss. »Eine Un­ter­su­chung habe ich bis jetzt nicht füh­ren kön­nen, doch kommt mir der Fall ver­däch­tig vor. Der Arzt be­haup­tet, es hand­le sich um einen Selbst­mord. Ich bin nicht die­ser Mei­nung! Um Si­cher­heit zu ha­ben, scheint es mir wich­tig, dass ein ge­schul­ter Fahn­der zu­ge­gen ist. Der Fried­hof liegt ge­ra­de der Wirt­schaft ge­gen­über…«

»Das weiß ich«, hat­te Stu­der un­ter­bro­chen, und ein un­an­ge­neh­mes Frös­teln war ihm über den Rücken ge­lau­fen. Eine Ju­li­nacht war näm­lich in sei­ner Erin­ne­rung auf ge­stie­gen; ein Frem­der hat­te ihm da­mals die­sen Mord pro­phe­zeit…

»Ah, das wis­sen Sie? Wer spricht ei­gent­lich dort?«

»Wacht­meis­ter Stu­der. Der Haupt­mann ist be­schäf­tigt.«

»Gut, gut! Der Stu­der! Aus­ge­zeich­net! Kom­men Sie so­fort! Ich er­war­te Sie auf dem Kirch­hof…«

Stu­der seufz­te zum vier­ten Male, hob sei­ne mäch­ti­gen Schul­tern, kratz­te sei­ne dün­ne, spit­ze Nase und fluch­te in­ner­lich. Na­tür­lich wür­de es dies­mal ge­hen, wie all die an­de­ren Male. Man war kein be­rühm­ter Kri­mi­na­list, ob­wohl man im­mer­hin in frü­he­ren Zei­ten viel stu­diert hat­te. We­gen ei­ner Int­ri­gen­af­fä­re ver­lor man die Stel­le ei­nes Kom­missars an der Stadt­po­li­zei, fing an der Kan­tons­po­li­zei wie­der an – und stieg in kur­z­er Zeit zum Wacht­meis­ter auf. Ob­wohl man ab­ge­baut wor­den war, ob­wohl man Fein­de ge­nug hat­te, muss­te man stets ein­sprin­gen, wenn es einen kom­pli­zier­ten Fall gab. So auch dies­mal. Nach dem Te­le­fon­ge­spräch hat­te Stu­der dem Haupt­mann Rap­port er­stat­tet und den Vor­fall je­ner Ju­li­nacht er­wähnt… »Geh nur, Stu­der! Aber komm erst zu­rück, wenn du et­was Si­che­res weißt – wenn der Fall auf­ge­klärt ist. Ver­stan­den?« – »Mi­ra… Aaa­diö!« Stu­der hat­te sein Töff be­stie­gen, war los­ge­fah­ren. Die Ju­li­nacht vor haar­ge­nau vier Mo­na­ten! In ihr hat­te er je­nen Frem­den ken­nen­ge­lernt, der den Schwei­zer Na­men Farny trug – und die­ser Frem­de war nun also tot…

»Sie kön­nen dem Him­mel dan­ken! Ja! Dem Him­mel kön­nen Sie dan­ken, Herr Statt­hal­ter Och­sen­bein, dass ich mei­ne Pra­xis nun bald auf­ge­be! Denn sonst müss­ten Sie mir Red’ und Ant­wort ste­hen! La­chen Sie nur… Sprengt man für einen of­fen­sicht­li­chen Selbst­mord – ähäm­häm –, alar­miert man für einen Selbst­mord ja­wohl! die ge­sam­te Kan­tons­po­li­zei?«

Also sprach der äl­te­re Herr (gelb­lich­wei­ße Bart­haa­re wu­cher­ten um sei­nen großen Mund); der ele­gan­te Glat­tra­sier­te hob ab­weh­rend sei­ne Hän­de, die in brau­nen Glacéhand­schu­hen steck­ten.

»Herr Dok­tor Buff, mä­ßi­gen Sie Ihre Rede! Schließ­lich bin ich Amts­per­son…«

»Amts­per­son!… Ha­ha­ha!… Da muss ja ein Ross la­chen!« Wa­rum spre­chen die bei­den ei­gent­lich Schrift­deutsch? frag­te sich Stu­der. »Sie hal­ten sich für eine Amts­per­son? Eine Amts­per­son sieht auf den ers­ten Blick, dass es sich hier um einen Selbst­mord han­del­t*, um einen Selbst­mord*, Herr Statt­hal­ter Och­sen­bein!«

»Um einen Mord! Ja­wohl, um einen Mord, Herr Dok­tor Buff! Wenn Sie in Ihrem Al­ter nicht ein­mal einen Mord von ei­nem Selbst­mord un­ter­schei­den kön­nen…«

»In mei­nem Al­ter! In mei­nem Al­ter! Will so ein jun­ges Mond­kalb… Ja! Ein Mond­kalb, ich be­har­re auf die­sem Wor­t… mir al­tem Arz­te er­klä­ren, wo es sich um einen Mord han­delt und wo…«

»In mei­nen be­hörd­li­chen Vor­schrif­ten steht, dass ich in Zwei­fels­fäl­len stets eine kri­mi­na­lis­tisch ge­schul­te Au­to­ri­tät…«

Stu­der hör­te nicht mehr zu. Durch sei­nen Sinn spa­zier­te ein Vers­lein:


Din­ge ge­hen vor im Mond,
Die das Mond­kalb nicht ge­wohnt,
Tu­le­mond und Mon­da­min
Lie­gen heu­lend auf den Kni­en…

Aber er rief sich selbst zur Ord­nung, denn es schick­te sich nicht, vor ei­ner Lei­che an lus­ti­ge Ge­dicht­lein zu den­ken.

Die Lei­che: Das Ge­sicht war alt, ein wei­ßer Schnurr­bart fiel über die Mund­win­kel, weich, wie eine je­ner Sei­den­sträh­nen, die Frau­en zu fei­nen Hand­ar­bei­ten ge­brau­chen. Die Au­gen ge­schlitz­t… Es war der Mann, den Stu­der vor vier Mo­na­ten in ei­ner Ju­li­nacht ken­nen­ge­lernt und den er vom ers­ten Au­gen­blick an den ›Chi­ne­sen‹ ge­nannt hat­te.

Wäh­rend der alte Land­arzt, der in sei­nem ab­ge­tra­ge­nen Ha­ve­lock einen arg ver­wahr­los­ten Ein­druck mach­te, mit dem ele­gan­ten Statt­hal­ter wei­ter dis­ku­tier­te, dach­te der Wacht­meis­ter zum drit­ten Male an die­sem Mor­gen an jene Ju­li­nacht. Und wenn die Erin­ne­rung an die­ses merk­wür­di­ge Er­leb­nis die bei­den an­de­ren Male noch dun­kel ge­we­sen war, so wur­de es jetzt klar, far­big, und auch die Wor­te, die da­mals ge­spro­chen wor­den wa­ren, be­gan­nen in Stu­ders Ohren zu klin­gen…

Er frag­te – und wie die Stim­me ei­nes Frie­den­sen­gels klang die sei­ne, als sie die schrift­deut­sche Dis­kus­si­on zwei­er Ber­ner un­ter­brach: »Wer liegt hier be­gra­ben?«

Dr. Buff ant­wor­te­te:

»Der Haus­va­ter der Ar­men­an­stalt hat vor zehn Ta­gen sei­ne Frau ver­lo­ren…«

»Der Haus­va­ter Hun­ger­lott?«

Der Arzt nick­te. Im Na­cken und über den Ohren wa­ren sei­ne Haa­re all­zu­lang.

»Wie wol­len Sie er­klä­ren, Herr Dok­tor Buff«, sag­te der Statt­hal­ter, »dass ein Selbst­mör­der sich ins Herz schießt, wäh­rend die Ku­gel we­der sei­nen Man­tel noch sei­ne Kut­te, nicht ein­mal Hemd und Wes­te durch­lö­chert hat?… Ist das ein Selbst­mord, Wacht­meis­ter? Sie se­hen es ja selbst. Die Klei­der sind zu­ge­knöpft. So ha­ben wir die Lei­che ge­fun­den. Aber der Herz­schuss ist da.«

Stu­der nick­te ver­träumt.

»Und der Re­vol­ver?« krächz­te Dr. Buff. »Liegt der Re­vol­ver nicht ne­ben der rech­ten Hand des To­ten? Ist das nicht ein Selbst­mord?«

Stu­der sah die große Re­pe­tier­pis­to­le – und er­kann­te ihn wie­der, die­sen Colt. Er nick­te, nick­te –, und dann schwieg er fünf Mi­nu­ten, weil die Nacht des 18. Juli wie ein Film durch sei­nen Sinn flim­mer­te…

Erinnerungen

Es war ein Zu­fall, dass Stu­der an je­nem Abend in Pfrün­dis­berg ab­ge­stie­gen war. In Ol­ten hat­te er ver­ges­sen zu tan­ken. Des­halb war er da­mals in der Wirt­schaft ›zur Son­ne‹ ein­ge­kehr­t…

Er trat ein. An der Tür, die ins Ne­ben­zim­mer führ­te, stand ein Ei­se­nofen, der sil­bern schim­mer­te, weil er mit Alu­mi­ni­um­far­be be­stri­chen war. Vier Män­ner sa­ßen um einen Tisch und jaß­ten. Stu­der schüt­tel­te sich wie ein großer Neu­fund­län­der, denn auf sei­ner Le­der­jop­pe lag viel Staub. Er nahm Platz in ei­ner Ecke… Nie­mand küm­mer­te sich um ihn. Nach ei­ner Wei­le frag­te er, ob man hier eine Kan­ne Ben­zin ha­ben kön­ne. Ei­ner der Jas­ser, ein ur­al­tes Mann­li in ei­ner Wes­te mit an­ge­setz­ten Lei­nen­är­meln, sag­te zu sei­nem Part­ner:

»Er wott es Ches­se­li Ben­zin…«

»Mhm… Er wott es Ches­se­li Ben­zin…«

Schwei­gen… Die Luft hock­te dumpf und sti­ckig im Raum, weil die Fens­ter ge­schlos­sen wa­ren; durch die Schei­ben sah man das grün­ge­stri­che­ne Holz der Lä­den. Stu­der wun­der­te sich, weil kei­ne Ser­vier­toch­ter er­schi­en, um nach sei­nen Wün­schen zu fra­gen. Der Part­ner des Al­ten mein­te:

»Du hescht d’Stöck nid g’schry­be.«

Der Wacht­meis­ter stand auf und er­kun­dig­te sich, wo es hier auf die Lau­be gehe, denn in dem Zim­mer war es ers­tens heiß und zwei­tens saß an dem Ti­sche, wo ge­jaßt wur­de, ein ma­ge­rer Spitz­bart, den Stu­der kann­te: der Haus­va­ter der Ar­men­an­stalt Pfrün­dis­berg, Hun­ger­lott mit Na­men… Ein un­sym­pa­thi­scher Mensch, den man ken­nen­ge­lernt hat­te, frü­her, als man noch Ge­frei­ter an der Kan­tons­po­li­zei war und Trans­por­te vom Amts­haus nach Pfrün­dis­berg ma­chen muss­te. Gera­de heut abend hat­te man gar kei­ne Lust, mit die­sem Hun­ger­lott z’­brich­ten…

»Nume de Gang hin­ge­re…«, sag­te der Ural­te und: – der Weg sei nicht zu ver­feh­len.

Als Stu­der ins Freie trat, at­me­te er auf, trotz­dem die Luft schwül war. Am Ho­ri­zont kau­er­ten rie­si­ge Wol­ken, im Ze­nit hing ein win­zi­ger Mond, nicht grö­ßer als eine un­rei­fe Zitro­ne, und warf sein spär­li­ches Licht über die Land­schaft. Dann ver­schwand auch er, und in der Nähe war ein­zig hell er­leuch­tet das Erd­ge­schoss ei­nes großen Bau­es, der etwa vier­hun­dert Me­ter ent­fernt von der Wirt­schaft sich er­hob. Der Wacht­meis­ter lehn­te sich an das Ge­län­der der Lau­be und blick­te über das stil­le Land; dicht vor sei­nen Au­gen wuchs ein Ahorn – die Blät­ter des nächs­ten As­tes wa­ren so deut­lich, dass man sie ein­zeln zäh­len konn­te. Als er sich nach der Licht­quel­le um­wand­te, sah er hin­ter den Schei­ben ei­nes Fens­ters, das auf die Lau­be ging, eine Lam­pe, die einen schrei­ben­den Mann be­schi­en. Kei­ne Vor­hän­ge vor den Schei­ben… Der Mann saß an ei­nem Tisch, ein Sta­pel von fünf Wachs­tuch­hef­ten er­hob sich ne­ben sei­nem rech­ten Ell­bo­gen – der Mann war da­mit be­schäf­tigt, ein sechs­tes Heft voll­zu­schrei­ben. Son­der­bar… Wie kam ein frem­der Gast dazu, in dem Kra­chen Pfrün­dis­berg sei­ne Me­moi­ren zu schrei­ben…?

Pfrün­dis­berg: eine Ar­men­an­stalt, eine Gar­ten­bau­schu­le, zwei Bau­ern­hö­fe. Das ein­zi­ge, was dem Wei­ler Wich­tig­keit gab, war die Tat­sa­che, dass das Dorf Gamp­li­gen – zwei Ki­lo­me­ter weit ent­fernt – sei­ne To­ten in Pfrün­dis­berg be­grub…

Dies al­les ging Stu­der durch den Kopf, wäh­rend er vor dem Fens­ter stand und dem ein­sa­men Man­ne zu­sah, der un­er­müd­lich in sein Wachs­tuch­heft schrieb. Ein wei­ßer Schnurr­bart be­deck­te sei­ne Mund­win­kel, die Ba­cken­kno­chen spran­gen vor und die Au­gen sa­hen aus wie ge­schlitzt. Be­vor er noch ein Wort mit dem Frem­den ge­spro­chen hat­te, nann­te ihn Stu­der bei sich: den ›Chi­ne­sen‹.

Und wahr­schein­lich hät­te der Wacht­meis­ter an die­sem Abend des 18. Juli gar nicht die Be­kannt­schaft des Man­nes ge­macht, wenn ihm nicht ein klei­nes Miss­ge­schick pas­siert wäre. War es der Staub der Land­stra­ße, war es eine be­gin­nen­de Er­käl­tung? Kurz, Stu­der muss­te nie­sen.

Die Re­ak­ti­on des Frem­den auf die­ses un­schul­di­ge Geräusch war merk­wür­dig: Der Mann sprang auf, so ei­lig, dass sein Stuhl um­fiel, sei­ne rech­te Hand fuhr in die Sei­ten­ta­sche der Haus­jop­pe aus Ka­mel­haar. In zwei seit­li­chen Sprün­gen war er am Fens­ter und such­te dort De­ckung in der Mau­er­ni­sche. Sei­ne Lin­ke griff nach dem Fens­ter­rie­gel, riss die Flü­gel auf… Kur­zes Schwei­gen; dann frag­te der Mann: »Wer ist da?«

Stu­der war hell be­leuch­tet und sei­ne mas­si­ge Ge­stalt warf einen brei­ten Schat­ten auf die Lau­ben­brüs­tung.

»Ich«, sag­te er.

»Ant­wor­ten Sie nicht so dumm«, schnauz­te der Frem­de. »ich will wis­sen, wer Sie sind.«

Der Mann sprach das Deut­sche mit eng­li­schem Ak­zent. Eng­lisch? Merk­wür­dig war nur, dass un­ter die­ser fremd­län­di­schen Auss­pra­che et­was Hei­mat­li­ches her­vor­lug­te, das nicht ge­nau zu be­stim­men war. Vi­el­leicht lag es an der Be­to­nung des Wor­tes »will«, das der Mann wie »wiu« aus­sprach.

»Kan­tons­po­li­zei Bern«, sag­te Stu­der ge­müt­lich.

»Le­gi­ti­ma­ti­on.«

Stu­der zeig­te sie schwe­ren Her­zens, denn die Fo­to­gra­fie, die auf die­sem Aus­weis kleb­te, hat­te ihm im­mer Kum­mer be­rei­tet. Er fand, er sehe aus auf ihr wie ein See­lö­we, der an Lie­bes­gram lei­det.

Der Frem­de gab den Aus­weis zu­rück. Die Si­tua­ti­on war im­mer noch un­an­ge­nehm, denn der Wacht­meis­ter wuss­te ge­nau, dass der Frem­de in der Sei­ten­ta­sche sei­ner Jop­pe1 einen Re­vol­ver trug; und es war un­an­ge­nehm zu den­ken, dass ein Bauch­schuss droh­te. Wie eine läs­ti­ge Mücke hör­te der Wacht­meis­ter das Wort »La­paro­to­mie« in sei­nem Kop­fe sur­ren und er at­me­te auf, als der Frem­de end­lich sei­ne Rech­te aus der Kut­ten­ta­sche zog.

Nun frag­te Stu­der be­schei­den und über­trie­ben höf­lich, in sau­bers­tem Hoch­deutsch:

»Darf ich mir jetzt er­lau­ben, Ihre Pa­pie­re zu ver­lan­gen?«

»Su­re­ly… si­cher…«

Der Frem­de trat an den Tisch, zog eine Schub­la­de auf und kam mit ei­nem Pass zu­rück.

Ein Schwei­zer Pass!… Aus­ge­stellt für Farny Ja­mes, hei­mat­be­rech­tigt in Gamp­li­gen, Kan­ton Bern; ge­bo­ren am 13. März 1878, aus­ge­stellt in To­ron­to, er­neu­ert 1903 in Schang­hai, er­neu­ert in Syd­ney, er­neu­ert in To­kio, er­neu­er­t… er­neu­er­t… er­neu­er­t… er­neu­ert 1928 in Chi­ca­go, U.S.A.,… Grenz­über­tritt am 18. Fe­bru­ar 1931 in Gen­f…

»Seit fünf Mo­na­ten sind Sie wie­der in der Schweiz, Herr Farny?« frag­te Stu­der.

»Su­re­ly, fünf Mo­na­te. Habe die Hei­mat wie­der se­hen wol­len…« Da war er wie­der, der Laut! Der ›Chi­ne­se‹ sag­te: ›He-imat‹ mit scharf ge­trenn­tem ›e-i‹, wäh­rend ein Eng­län­der das ›ai‹ si­cher über­trie­ben hät­te. »Sie sin­d… wie sagt man?… ein hö­he­rer Po­li­zei­be­am­ter? Ein… wie sagt man… In­spek­tor, nicht nur ein Po­li­ce­man?«

»Wacht­meis­ter«, sag­te Stu­der ge­müt­lich.

»Dann wer­den Sie zu­ge­zo­gen, wenn pas­siert zum Bei­spiel ein Mord?« – Stu­der nick­te.

»Es kann näm­lich mög­lich sein, dass ich er­mor­det wer­de«, sag­te der ›Chi­ne­se‹. »Vi­el­leicht heu­te, viel­leicht mor­gen, viel­leicht in ei­nem Mo­nat – und viel­leicht geht es auch län­ger… Sie trin­ken?«


  1. ein­fa­che Ja­cke oder auch Haus­ja­cke für Män­ner  <<<

Das Gewitter

Stil­le… Nun kau­er­ten die Wol­ken nicht mehr am Ho­ri­zont. Sie wa­ren hö­her ge­stie­gen und be­deck­ten den Him­mel. Ein Blitz zer­schnitt die Nacht, der Schlag, der folg­te, war hef­tig und ging dann über in ein Pol­tern und Grol­len, das sich hin­ter den Hü­geln ver­lor. Aber of­fen­bar hat­te es Kurz­schluss in der Lei­tung ge­ge­ben. Die Lam­pe im Zim­mer des ›Chi­ne­sen‹ er­losch, doch auch ge­gen der­ar­ti­ge Stö­run­gen war Herr Farny ge­wapp­net, denn es ver­gin­gen kaum fünf Se­kun­den, bis der Licht­ke­gel ei­ner Ta­schen­lam­pe die Lau­be be­strich. Und Stu­der stell­te fest, dass der frem­de Gast die Lam­pe mit der lin­ken Hand hielt, wäh­rend sei­ne Rech­te den Kol­ben ei­nes Mi­nia­tur­ma­schi­nen­ge­weh­res um­spann­te. Noch ein Blitz – und dann, wie Beil­schlä­ge auf einen Bu­chen­klotz, fie­len die Trop­fen auf die Blät­ter des Ahorns – zu zäh­len wa­ren sie: fünf, sechs, sie­ben – wie­der Stil­le – und end­lich rausch­te der Re­gen, auf stieg zur Lau­be der Ge­ruch nas­sen Stau­bes und feuch­ten Hol­zes; dann duf­te­ten Blu­men.

Das Licht flamm­te auf; der ›Chi­ne­se‹ ver­sorg­te sei­ne Waf­fe in der Schub­la­de des Ti­sches, spül­te das Glas, das auf sei­nem Wasch­tisch stand und füll­te es mit ei­ner gel­ben, schar­frie­chen­den Flüs­sig­keit. Auf der Eti­ket­te der Fla­sche hat­te sich ein wei­ßes Pferd ab­ge­bil­det. »Trin­ken Sie«, sag­te der ›Chi­ne­se‹. »Gu­ter Whis­ky! Sie kön­nen Ver­trau­en zu ihm ha­ben.« Stu­der leer­te das Glas zur Hälf­te, dann muss­te er hus­ten, was den ›Chi­ne­sen‹ zum La­chen brach­te. »Stark? Nicht wahr? Un­ge­wohnt? Aber doch bes­ser als… wie sa­gen Sie… Bät­zi­was­ser?« Er nahm Stu­der das halb­vol­le Glas aus der Hand, trank es aus und mein­te dann: »Jetzt, wir ha­ben ge­trun­ken Bru­der­schaft. ›Bru­der-Stu­der‹ klingt ganz gut, nicht wahr? Du wirst mich rä­chen, wenn ich ei­nem Mör­der zum Op­fer fal­le.«

Der Ber­ner Wacht­meis­ter dach­te, dass die­ser Herr Farny ein we­nig lätz ge­wi­ckelt sei. Der Kin­der­reim: ›Bru­der-Stu­der‹ ging ihm auf die Ner­ven. Au­ßer­dem war es un­mög­lich, sich von ei­nem Un­be­kann­ten du­zen zu las­sen. Wie wür­de er da­ste­hen, er, der Wacht­meis­ter Stu­der von der kan­to­na­len Fahn­dungs­po­li­zei, wenn sich die­ser Farny Ja­mes als ein Hoch­stap­ler ent­pupp­te? Dann muss­te er ihn ver­haf­ten, na­tür­lich, und der ›Chi­ne­se‹ wür­de nichts Ei­li­ge­res zu tun ha­ben, als dem Un­ter­su­chungs­rich­ter mit­zu­tei­len, er stün­de mit dem Po­li­zis­ten, der ihn ge­schnappt habe, auf Du und Du. Als dar­um der Frem­de das Was­ser­glas von neu­em mit Whis­ky füll­te und es dem Wacht­meis­ter zum Trun­ke an­bot, dank­te Stu­der für die Ehre. Der ›Chi­ne­se‹ je­doch ließ sich durch die­se Wi­der­bors­tig­keit nicht stö­ren, son­dern mein­te tro­cken:

»Du willst nicht trin­ken? Bru­der-Stu­der? Dann trin­ke ich al­lein.« Und er leer­te das Glas. »Aber«, fuhr der ›Chi­ne­se‹ fort, »ich will dich doch mit all je­nen Men­schen be­kannt ma­chen, die als mei­ne Mör­der in Fra­ge kom­men.«

Ei­nen Au­gen­blick dach­te Stu­der dar­an, an die Waldau zu te­le­fo­nie­ren, denn die­ser Herr Farny litt of­fen­bar an Ver­fol­gungs­wahn. Dann ließ er das Pro­jekt je­doch fal­len und er­klär­te sich be­reit, dem ›Chi­ne­sen‹ zu fol­gen. Die­ser nahm nicht den na­tür­li­chen Weg durch die Zim­mer­tür, son­dern turn­te durch das Fens­ter auf die Lau­be hin­aus, pack­te den Wacht­meis­ter beim Arm und zog ihn mit sich. Und Stu­der stell­te er­staunt fest, dass sein Beglei­ter auf­ge­regt war; sehr deut­lich fühl­te er, dass die Fin­ger sei­nes Beglei­ters zit­ter­ten; sie trom­mel­ten lei­se auf dem Le­der sei­ner Jop­pe.

Krach

Herr Ja­mes Farny führ­te den Wacht­meis­ter in einen an­de­ren, ziem­lich be­setz­ten Raum. Das Zim­mer mit dem sil­bern schim­mern­den Alu­mi­ni­u­mö­fe­li war wohl der Pri­vat­sa­lon des Wir­tes ge­we­sen. In der Gast­stu­be, wel­che die bei­den jetzt be­tra­ten, sa­ßen vier Män­ner, alt, in schmie­ri­gen blau­en Über­klei­dern, in der Nähe der Tür um einen Tisch, auf dem eine Zwei­de­zi­gut­te­re, ge­füllt mit ei­ner hell­gel­ben Flüs­sig­keit, stand. Beim Fens­ter hock­ten fünf an­de­re Ge­stal­ten, gleich ge­klei­det, in ver­schmier­te blaue Over­alls, und auch vor die­sen Män­nern stan­den nie­de­re, dick­wan­di­ge Gläs­chen…

»Bät­zi­was­ser«, sag­te Herr Farny ver­ächt­lich.

Um einen run­den Tisch, in der Mit­te des Rau­mes, sa­ßen fünf jun­ge Bur­schen in städ­ti­scher Klei­dung mit un­wahr­schein­lich bun­ten Kra­wat­ten un­ter schief­sit­zen­den Um­le­ge­kra­gen. Ei­ner war un­ter ih­nen, der Stu­der von An­be­ginn an auf­fiel. Er sah äl­ter aus als sei­ne Ge­nos­sen. Aus ei­nem ma­gern Ge­sicht rag­te eine spit­ze Nase, die so lang war, dass sie wie ver­zeich­net aus­sah. Die fünf Bur­schen tran­ken Bier. Hin­ter dem Schank­tisch hock­te die Ser­vier­toch­ter und lis­me­te. Zwei di­cke brau­ne Zöp­fe la­gen um ih­ren Kopf wie ein merk­wür­di­ger Kranz. Herr Farny steu­er­te auf den Tisch zu, der ne­ben dem der jun­gen Bur­schen stand. Dort trank ein al­ter Bau­er ge­müt­lich ein Zwei­er­li Wein.

»Und, Schranz? Wie geht’s?« frag­te der ›Chi­ne­se‹ den Al­ten.

»Mhm!« brumm­te der Alte.

»Was macht Brön­ni­mann?«

»Jas­se…« Herr Farny nahm Platz und auch Stu­der setz­te sich. Es war durch­aus un­ge­müt­lich in dem Raum. Eine Span­nung herrsch­te, de­ren Ur­sprung man nicht recht fest­stel­len konn­te. Die vier Blau­ge­klei­de­ten an der Tür, die fünf in den schmie­ri­gen Über­klei­dern am Fens­ter blick­ten auf die zwei neu Ein­ge­tre­te­nen, und ihre Mün­der wa­ren mit Hohn ver­schmiert.

Nicht das Ge­wit­ter ver­ur­sach­te die Span­nung, auch nicht die ele­gan­te Klei­dung des Herrn Farny. – Deut­lich hör­te Stu­der das Wort ›Schro­te­rei‹, aber er wuss­te nicht, an wel­chem Tisch es aus­ge­spro­chen wor­den war.

Üb­ri­gens, wo­her hat­ten die Leu­te schon er­fah­ren, dass ein Po­li­zist un­ter ih­nen war? Na­tür­lich! Das Po­li­zei­schild am Töff. Aber… Wa­rum fürch­te­ten die Ar­men­häus­ler die Po­li­zei? Und warum die städ­tisch ge­klei­de­ten Jüng­lin­ge mit den schie­fen Um­le­ge­kra­gen, die si­cher der Gar­ten­bau­schu­le an­ge­hör­ten?

»Ko­gnak!« rief Herr Farny. »Hul­di, zwei Ko­gnak! Aber vom Gu­ten!« Die Saal­toch­ter kam schüch­tern nä­her. Auf­fal­lend war die Far­be ih­rer Ge­sichts­haut. Es sah aus, als sei die Haut mit Schim­mel über­zo­gen.

»G’wüss, Herr Farny!« und »Gärn!« sag­te die Toch­ter.

Aber es ge­lang ihr nicht, die Be­stel­lung aus­zu­füh­ren, denn plötz­lich be­gan­nen die vier am Tisch bei der Tür nach der Me­lo­die: »Wir wol­len kei­ne Schwa­ben in der Schweiz!« zu gröh­len: »Wir wol­len kei­ne Tschu­cker uff em Bärg, Tschu­cker uff em Bärg, Tschu­cker uff em Bärg!« Sie stan­den auf. Der eine nahm die Zwei­de­zi­gut­te­re, die an­de­ren be­waff­ne­ten sich mit den dick­wan­di­gen Schnaps­gläs­lein – und so, von zwei Sei­ten, rück­ten sie ge­gen den Tisch des Wacht­meis­ters vor und san­gen dazu ihr blö­des Lied.

Der ›Chi­ne­se‹ ba­lan­cier­te auf den Hin­ter­bei­nen sei­nes Stuh­les und sei­ne ro­ten Le­der­pan­tof­feln bau­mel­ten auf den Ze­hen. Ihm schi­en die gan­ze Sa­che großen Spaß zu ma­chen.

»Angst, In­spek­teur?« frag­te er und strei­chel­te die wei­che Sei­den­sträh­ne, die sei­nen Mund­win­kel ver­deck­te.

Stu­der hob sei­ne mäch­ti­gen Ach­seln. Als aber auch die Gar­ten­bau­schü­ler sich am Krach be­tei­li­gen woll­ten, als der Bur­sche mit der ver­zeich­ne­ten Nase eine Bier­fla­sche pack­te, um sich den Ar­men­häus­lern an­zu­schlie­ßen, sag­te Ja­mes Farny, be­feh­lend, wie man zu ei­nem Hun­de spricht:

»Kusch, Äbi!« Der Bur­sche setz­te sich wie­der. Stu­der hock­te auf sei­nem Stuhl, die Bei­ne ge­spreizt, die Ell­bo­gen auf den Schen­keln, die Hän­de ge­fal­tet; sein Rücken war rund. Und in Wirk­lich­keit hat­te er auch nichts zu fürch­ten, denn plötz­lich ging die Tür zum Ne­ben­zim­mer auf und die vier Jas­ser er­schie­nen.

Es war merk­wür­dig, sie – einen nach dem an­de­ren – ein­ge­rahmt von der Türe zu se­hen: Je­der wirk­te wie ein Bild für sich.

Herr Hun­ger­lott er­schi­en zu­erst und zö­ger­te, be­vor er die Schwel­le über­schritt; der Bocks­bart am Kinn mach­te sein Ge­sicht spitz.

»Was ist das für ein Krach! Schon wie­der schnap­sen! Und ich hab’s doch streng ver­bo­ten!«

Die al­ten Män­ner mit den schmie­ri­gen Über­klei­dern drück­ten sich ge­gen die Türe – nun stand Herr Hun­ger­lott im Schein der Lam­pe:

»Ah! Der Herr Wacht­meis­ter!? Wie geht’s, wie geht’s?«

Stu­der mur­mel­te et­was Un­ver­ständ­li­ches.

Eine zwei­te Ge­stalt, mas­sig, mit auf­ge­krem­pel­ten Hemds­är­meln über blond­be­haar­ten Ar­men, stand im Rah­men der Tür und kol­der­te los:

»Wie oft habe ich schon ge­sagt, Ihr sollt am Abend nicht in die Wirt­schaft kom­men? Hä? Könnt Ihr nicht fol­gen? So, aber jetzt heim! Marsch-marsch!« Das muss­te der Di­rek­tor der Gar­ten­bau­schu­le sein. Ein drei­fa­ches Kinn si­cker­te über sein roh­sei­de­nes Hemd, auf sei­nem ge­wölb­ten Bäuch­lein bau­mel­te eine Ket­te aus Weiß­gold und in den Ring­fin­ger der Rech­ten war der Ehe­ring tief ein­ge­gra­ben.

Die Schü­ler ver­schwan­den…

Und nun erst er­schi­en der Ural­te, ge­beugt und keu­chend. Er krächz­te:

»Was hat es ge­ge­ben, Hul­di? Hast mich nicht ru­fen kön­nen?« Dann mach­te ein Hus­ten­an­fall sei­nen Fra­gen ein Ende. Ihm auf dem Fuße folg­te sein Part­ner beim Jas­sen, der Bau­er Ger­ber, und so un­schein­bar war die­ses Männ­lein, dass nie­mand ihm Be­ach­tung schenk­te.

In dem fast lee­ren Rau­me schweb­te als ein­zi­ge Erin­ne­rung an die Ar­men­häus­ler der Ge­ruch von Bät­zi­was­ser und schlech­tem Ta­bak. Aber auch die­ser schwand, als die Ser­vier­toch­ter auf den Be­fehl des Di­rek­tors ein Fens­ter öff­ne­te: Die vom Ge­wit­ter­re­gen ge­rei­nig­te Luft ström­te ins Zim­mer…

Und dann ge­sch­ah ein Wun­der. Plötz­lich stan­den auf dem Mit­tel­tisch sechs Glä­ser aus Kris­tall­glas (Kris­tall­glas in ei­ner klei­nen Bei­ze!). Herr Farny schenk­te ein und, mit ei­nem Au­gen­zwin­kern zum Wacht­meis­ter, stell­te er vor:

»Herrn Hun­ger­lott, den Haus­va­ter der Ar­men­an­stalt, ken­nen Sie schon, Herr In­spek­tor… aber hier, darf ich Ih­nen vor­stel­len: Herr Ernst Sack-Am­herd, Di­rek­tor der Gar­ten­bau­schu­le Pfrün­dis­berg. Wei­ter: Herr Al­fred Schranz, Land­wirt; Herr Al­bert Ger­ber, Land­wirt; die Ser­vier­toch­ter Hul­da Nüsch. Und als letz­ter: un­ser all­ver­ehr­ter Ru­dolf Brön­ni­mann, Wirt des Gast­ho­fes ›zur Son­ne‹… – Und hier un­ser In­spek­tor Ja­kob Stu­der… Wir wol­len an­sto­ßen!«

Stu­der er­in­ner­te sich, da­mals ge­dacht zu ha­ben, die­ser Herr Farny müs­se ein aus­ge­zeich­ne­tes Na­mens­ge­dächt­nis ha­ben, denn: er hat­te des Wacht­meis­ters Le­gi­ti­ma­ti­on nur kurz ge­se­hen und nicht nur an sei­nen Fa­mi­li­enna­men er­in­ner­te er sich, son­dern auch an sei­nen Vor­na­men. Doch sei­nen Reim: ›Bru­der-Stu­der‹ hat­te er ver­ges­sen, denn er duz­te sei­nen Gast nicht mehr…

»Es ist ein Elend«, sprach der Haus­va­ter Hun­ger­lott, »man kann den Leu­ten das Schnap­sen nicht ab­ge­wöh­nen. Ich möch­te Euch bit­ten, Wacht­meis­ter, das, was Ihr hier ge­se­hen habt, in Bern nicht wei­ter zu er­zäh­len… Schließ­lich und end­lich, die Leu­te ar­bei­ten die gan­ze Wo­che, am Sams­tag be­kommt je­der ein Fränk­li und ein Päck­li Ta­bak. Das muss für die nächst­fol­gen­den acht Tage lan­gen. Was tun die Leu­te, um ihr Elend zu ver­ges­sen?… Ko­gnak ist ih­nen zu teu­er, dar­um sau­fen sie Bät­zi­was­ser. Der Pau­pe­ris­mus, Herr Wacht­meis­ter, ist der Aus­satz un­se­rer Ge­sell­schaft. Muss ich Ih­nen das Wort ›Pau­pe­ris­mus‹ er­klä­ren?«

Stu­der blick­te vor sich auf den Tisch. Er hat­te einen nichts­sa­gen­den Ge­sichts­aus­druck auf­ge­setzt, der wie eine Mas­ke wirk­te. Jetzt hob er die Au­gen und sein Blick war leer.

»Pau­per«, do­zier­te der Haus­va­ter, »heißt ›ar­m‹ auf la­tei­nisch. Der Pau­pe­ris­mus be­schäf­tigt sich mit dem Pro­ble­me der Ar­mut. Bei uns kommt na­tür­lich noch die gan­ze Fra­ge des Für­sor­ge­we­sens hin­zu, die eben­so kom­pli­ziert ist wie…«

»Aber du hescht d’Stöck nid gschry­be, im letsch­te Gang!« un­ter­brach hier der Land­wirt Ger­ber. Brön­ni­mann be­gehr­te auf: Woll, er habe sie ge­schrie­ben, das sei eine ver­damm­te Lü­ge… Und Stu­der sag­te, dass er schon lan­ge eine Kan­ne Ben­zin ver­langt habe, ob es nicht mög­lich sei, sie end­lich zu be­kom­men?

– Ex­akt! Der Mann habe Ben­zin ver­langt, un­ter­stütz­te Ger­ber des Wacht­meis­ters Re­kla­ma­ti­on.

Ei­nen Au­gen­blick herrsch­te Schwei­gen. Dann sag­te der Di­rek­tor der Gar­ten­bau­schu­le, Herr Sack-Am­herd: – Ja, es sei auch nicht im­mer ein­fach mit den an­ge­hen­den Gärt­nern… meis­tens hät­ten die Bur­schen schon selbst­stän­dig ge­ar­bei­tet und kei­nen Sinn für Dis­zi­plin.

»Was soll ich aber dann sa­gen?« misch­te der Haus­va­ter Hun­ger­lott sich wie­der in das Ge­spräch. »Al­les wird mir zu­ge­wie­sen, was man nicht gut nach Witz­wil, nach Thor­berg oder nach Han­sen schi­cken kann. Leu­te sind dar­un­ter, die min­des­tens zehn Jah­re Ge­fäng­nis auf dem Bu­ckel ha­ben, be­schäf­ti­gen muss ich sie, aber Sie soll­ten die Re­kla­ma­tio­nen hö­ren, Herr Wacht­meis­ter! – Für nüt müss­ten sie ar­bei­ten; durch ihre Ar­beit könn­ten die großen Her­ren ein schö­nes Le­ben füh­ren – und da­bei, ich will ganz of­fen zu Ih­nen sein, ge­lingt es uns nicht ein­mal, die Un­kos­ten her­aus­zu­wirt­schaf­ten. Jähr­lich muss der Staat zum min­des­ten – ich sage zum min­des­ten! – zwan­zig­tau­send Fran­ken drauf­zah­len, sonst wür­de es mit un­se­rer Abrech­nung bös ha­pern. Ich kom­me mir bald vor wie ein Rei­sen­der, so­gar ein Auto habe ich mir an­ge­schafft und muss nun die Kund­schaft ab­klop­fen. Die Kon­kur­renz der an­de­ren staat­li­chen An­stal­ten! Das ist das Übel! Die Ir­ren­an­stal­ten, die Straf­an­stal­ten, sie alle lie­fern Heim­ar­beit – und so kom­men wir zu dem blö­den Zu­stand, dass eine An­stalt der an­de­ren ver­sucht, die Kun­den weg­zu…«

»Er hed es Ches­se­li Ben­zin wel­le«, un­ter­brach der Bau­er Ger­ber. – Er gehe ja schon, er gehe ja schon! keif­te der Wirt Brön­ni­mann und hum­pel­te zum Saal hin­aus.

Die Zu­rück­blei­ben­den stie­ßen mit­ein­an­der an, tran­ken, schwie­gen; dann be­gann der Di­rek­tor der Gar­ten­bau­schu­le, Herr Sack-Am­herd, eben­falls bit­ter über die Re­gie­rung zu kla­gen: – Frü­her, ja frü­her hät­ten die Bau­ern re­vo­lu­tio­niert, weil man ih­nen den Zehn­ten ab­ver­langt habe. Und heut­zu­ta­ge? Da re­kla­mie­re nie­mand, wenn man zwölf bis vier­zehn Pro­zent Ein­kom­men­steu­er ab­la­den müs­se. Ja: zwölf bis vier­zehn Pro­zent! Das sei nach sei­ner be­schei­de­nen An­sicht mehr als der Zehn­te! Aber wer wage ge­gen die Über­grif­fe – die Finanz­über­grif­fe – zu re­kla­mie­ren? – Nie­mand! Und warum…?

In der Tür er­schi­en der Wirt Brön­ni­mann. – Er habe no-n-es Ches­se­li Ben­zin uf­trie­be chön­ne. Der Wacht­meis­ter sol­le cho lüge, aber e chli pres­sie­re…!

Zu­gleich mit Stu­der er­hob sich Herr Farny. Er wol­le den Gast noch hin­aus­be­glei­ten, sag­te er. All­ge­mei­nes Ver­ab­schie­den… Der Hän­de­druck des Haus­va­ters Hun­ger­lott war reich­lich kleb­rig. Es war, als kön­ne er sei­ne Fin­ger gar nicht mehr von Stu­ders Hand lö­sen. Herr Sack-Am­herd ver­ab­schie­de­te sich merk­lich kür­zer und die bei­den Bau­ern, Ger­ber und Schranz, lie­ßen nur ein un­deut­li­ches Mur­meln hö­ren. Dann stand Stu­der un­ten an den aus­ge­tre­te­nen Stu­­­­­­­­­­­­­­­