Cover

Über das Buch:

In einem Militärcamp in Afghanistan trifft ein Zug dänischer Soldaten ein. 27 Männer und die Soldatin Hannah haben sich unter Führung des charismatischen Rasmus Schrøder aus unterschiedlichsten Gründen hierher versetzen lassen. Alle sind hochmotiviert, hervorragend ausgebildet und abenteuerhungrig. Doch die Tage fließen monoton dahin. Nichts geschieht. In diesem Krieg, das verstehen sie bald, geht es nicht um Konfrontation, sondern um demonstrierte Präsenz. Dann verliert der Zug bei einer Patrouille zwei Männer durch eine Landmine, Auftakt einer immer schrilleren Spirale der Gewalt. Als Schrøder sich schließlich gegen seine Truppe stellt und die Hälfte des Zuges massakriert wird, begibt sich der Rest auf einen Rachefeldzug in unbekanntes Feindesland. Alles gerät außer Kontrolle.

Der neue Roman des Bestsellerautors Carsten stellt sich in die Tradition der großen Antikriegsromane und -filme (Im Westen nichts Neues, Apokalypse Now) und zeigt uns die Sinnlosigkeit militärischer Auseinandersetzungen. Ein großes Epos über Menschen in den Fängen des Krieges und über Freundschaft, Liebe, Verrat und den Tod.

Über den Autor:

Carsten Jensen, geboren 1952 auf Æro, gelang mit seinem Bestseller Wir Ertrunkenen der internationale Durchbruch. Er ist einer der profiliertesten politischen Journalisten Dänemarks. Daneben arbeitet er auch als Literaturkritiker und schreibt Bücher. Für die Recherche an Der erste Stein verbrachte er längere Zeit in Afghanistan. Der Roman und das Hörbuch wurden mit zahlreichen dänischen Preisen bedacht. Veröffentlichungen in mehrere Sprachen sind in Vorbereitung.

Carsten Jensen

DER
ERSTE
STEIN

Roman
Aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg

Knaus

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Die Originalausgabe erschien 2015 unter dem Titel
»Den første sten« bei Gyldendal, Kopenhagen.


Copyright © 2015 by Carsten Jensen og Gyldendal
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2017
beim Albrecht Knaus Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Covergestaltung: Sabine Kwauka

Covermotive: plainpicture/Magnum/Thomas Dworzak; Shutterstock/Militarist

Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN 978-3-641-20558-4
V002

www.knaus-verlag.de

Ich traf Shah Wali 1988 in einem Mudschaheddin-Lager im Arghestan-Tal, als die russischen Truppen noch in Afghanistan standen. Er fiel mir auf, weil sein Kindergesicht sich ununterbrochen zusammenzog, ein Tick, der eigentlich erst bei weit älteren Menschen vorkommt, die von traumatisierenden Ereignissen gequält werden. Die Mudschaheddin erzählten mir, dass man Shah Wali als Meuchelmörder ausgebildet hatte. Obwohl er erst zwölf Jahre alt war, hatte er bereits sechs Menschen getötet.

Dieses Buch ist Shah Wali und allen andern gewidmet, deren Leben von einem Krieg gestohlen wurde, der niemals endet.

Es ging Manuel auf, dass Krieg heißt, sein Äußerstes zu tun, um einige kleine Brocken Eisen in lebendiges Fleisch eindringen zu lassen.

André Malraux, Die Hoffnung

PROLOG

Ich gehe zwischen belegten und leeren Gräbern umher. Wer kontrolliert den Inhalt der Särge? Wer überprüft die Inschriften der Grabsteine? Wer waren sie, als sie lebten? Wer sind sie, wenn sie sterben?

I

3. ZUG

WEISSE ZONE

Der weiß-blaue Augusthimmel ist flach wie eine Zimmerdecke. Die Wüste auf der anderen Seite der Mauern können sie nicht sehen. Sie wissen, dass sie dort ist, in gewisser Weise unendlich, nur haben sie nicht die Fantasie, es sich vorzustellen. Sie sollen nach dem Feind suchen, während der Feind nach ihnen sucht. Ein Versteckspiel in der Leere erwartet sie.

Es gibt kein Fließband, das sie ihrem Schicksal entgegenträgt, keinen unaufhörlich grollenden Donner, der eine nahe Front ankündigt, keinen großen hämmernden Rhythmus, der sie verschlingen will. In vier Monaten sollen sie Urlaub bekommen, in sechs werden sie wieder draußen sein. Der Krieg ist lediglich eine Episode in ihrem Leben.

Der Zugführer sieht seine Männer an. »Ihr habt euch aus freien Stücken entschieden hierherzukommen. Niemand hat euch gezwungen. Vergesst das nicht. Ihr seid freiwillig hier. Eines Tages wird eure Wahl eine Auszeichnung oder eine Anklage sein.«

Sie hören Lärm, doch er kommt aus den eigenen Reihen. Dieses Dröhnen in der Luft verrät die Nähe eines großen Flughafens, startende und landende Transportflugzeuge, mit ihren Rotorblättern schaufelnde Helikopter, über die Startbahn donnernde Jagdflieger. Es scheint, als wäre dieser Krieg ein großes Kommen und Gehen, als hätte er keinen Ort.

»Du kannst nicht selbst entscheiden, ob du schwitzen willst«, fährt der Zugführer fort. »Du kannst nicht selbst beschließen, ob du Dünnschiss oder Verstopfung hast. Dein Körper ist wie ein Auto ohne Lenkrad. Es gibt weder Schaltknüppel noch Kupplung, weder Bremsen noch Gaspedal. Du bist Passagier in einem Fahrzeug, über das du keine Kontrolle hast.«

Rasmus Schrøder hat leuchtend blaue Augen, in denen, sieht man genauer hin, sich ein dunkler Ton verbirgt, marineblau oder vielleicht purpurn. Seine flammend roten Lippen haben einen perfekten Amorbogen, der von einer kleinen Narbe entstellt wird. Er hat sich an diesem Morgen nicht rasiert. Wie viele andere Soldaten will er sich einen Vollbart wachsen lassen, als würde ihnen die Wüste persönlich diktieren, dass sie dem Feind, der nur mit größter Mühe zu finden ist, ähnlich sehen sollen.

Er nennt Dänemark die Weiße Zone, einen Ort, an dem das Herz sechzig- bis achtzigmal pro Minute schlägt, in träger, taktfester Harmonie, und wo das Leben im Halbschlaf gelebt wird, zufrieden und wehrlos. Du stehst einem bewaffneten Mann gegenüber und bettelst um dein Leben, statt ihm den Kehlkopf zu zerschmettern. Die Weiße Zone ist die Zone der Schafe.

Sie haben einen Kontinent verlassen und einen weiteren halb überflogen. Berge, Wüsten, Flüsse und Seen. Punkte in der Ödnis verweisen auf Dörfer. Dänemark könnte in einer Falte zwischen zwei Bergketten liegen. Sie wissen nicht, wann sie den Luftraum über dem Iran verlassen und die Grenze nach Afghanistan überquert haben. Was ist eine Grenze, aus einer Höhe von zehn Kilometern gesehen?

»Ihr seid Soldaten. Ihr gehört zur Gelben Zone, in der eure Herzen einhundertmal pro Minute schlagen. Die Zone der Wachsamkeit. In der Roten Zone kämpft ihr um euer Leben. In der Grauen Zone habt ihr eine Mauer im Rücken.« Hier macht Schrøder immer eine Pause. »In der Schwarzen Zone wartet die Panik. Wenn die meisten von euch sagen, ich kann nicht mehr, dann nicht, weil ihr kurz davor seid zusammenzubrechen. Es ist einfach so, weil es hart ist. Erst wenn ihr Blut schmeckt und euer Herz in den Ohren hören könnt – erst dann seid ihr am Ende.«

Camp Bastion erstreckt sich in alle Richtungen. Schotterwege treffen in rechten Winkeln aufeinander und setzen sich bis zum nächsten rechtwinkligen Aufeinandertreffen fort. Es gibt Baracken, Container und Zelte in der Farbe des Schotters. Weit entfernt stapeln sich die Hesco bags, Körbe voller Steine, die von Filz und einem galvanisierten Stahlnetz zusammengehalten werden; schnell aufzubauen, schnell wieder abzubauen. Es gibt nichts, woran der Blick hängenbleibt oder sich begeistert. In der Hitze zittert die Luft wie eine Vorwarnung auf kommende Fata Morganas.

Als der 3. Zug sich bereitmacht, in die Wüste auszurücken, um nach Camp Price verlegt zu werden, hängen die Splitterschutzwesten, die Gewehre und die Ausrüstungstaschen mit einem neuen Gewicht an ihnen, das sie während des vorbereitenden Trainings nicht bemerkt haben.

Jetzt wird es ernst, denken sie. Hoffnungsvoll horchen sie auf den Schlag ihrer Herzen.

GELBE ZONE