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Rachael Thomas, Scarlet Wilson, Jennie Lucas, Teresa Carpenter

ROMANA EXTRA BAND 50

IMPRESSUM

ROMANA EXTRA erscheint in der HarperCollins Germany GmbH

Cora-Logo Redaktion und Verlag:
Postfach 301161, 20304 Hamburg
Telefon: +49(0) 40/6 36 64 20-0
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© Deutsche Erstausgabe in der Reihe ROMANA EXTRA
Band 50 - 2016 by HarperCollins Germany GmbH, Hamburg

© 2016 by Rachael Thomas
Originaltitel: „New Year At The Boss’s Bidding“
erschienen bei: Mills & Boon Ltd., London
in der Reihe: MODERN ROMANCE
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.
Übersetzung: Susann Rauhaus

© 2016 by Scarlet Wilson
Originaltitel: „Holiday With The Millionaire“
erschienen bei: Mills & Boon Ltd., London
in der Reihe: ROMANCE
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.
Übersetzung: Gisela Blum

© 2015 by Teresa Carpenter
Originaltitel: „His Unforgettable Fiancée“
erschienen bei: Mills & Boon Ltd., London
in der Reihe: ROMANCE
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.
Übersetzung: Martha Schierhorn

Erste Neuauflage in der Reihe ROMANA EXTRA
Band 50 - 2016 by HarperCollins Germany GmbH, Hamburg

© 2008 by Jennie Lucas
Originaltitel: „Italian Prince, Wedlocked Wife“
erschienen bei: Mills & Boon Ltd., London
in der Reihe: MODERN ROMANCE
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.
Übersetzung: Tatjána Lénárt-Seidnitzer
Deutsche Erstausgabe 2009 by CORA Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg,
in der Reihe JULIA, Band 1891

Abbildungen: Harlequin Books S.A., alle Rechte vorbehalten

Veröffentlicht im ePub Format in 12/2016 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783733744243

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:
BACCARA, BIANCA, JULIA, HISTORICAL, MYSTERY, TIFFANY

 

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RACHAEL THOMAS

Um Mitternacht allein mit dir

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Um Mitternacht allein mit dir

1. KAPITEL

Nichts konnte Tilly Rogers Begeisterung dämpfen. Sie hatte einen neuen Auftrag an Land gezogen und sollte heute Abend das Catering für Xavier Morettis Silvesterparty übernehmen – das würde ihrer neuen Firma den nötigen Auftrieb geben.

Das Herrenhaus, das er für diese Gelegenheit gemietet hatte, lag zwar am Rande von Exmoor und war etwas schwierig zu finden, aber nicht einmal das störte sie. Sie würde weit weg sein von London und froh, dass dieses Silvester sich sehr von dem des letzten Jahres unterscheiden würde.

Tilly umfasste das Steuerrad ihres kleinen weißen Lieferwagens fester, als der Schnee immer dichter fiel. Eigentlich müsste sie das Anwesen gleich erreichen, und tatsächlich erblickte sie nach der nächsten Kurve ein großes schmiedeeisernes Tor. Doch ihre Erleichterung schwand schnell wieder.

Denn das Tor war fest verschlossen, und sie betrachtete unschlüssig die lange Einfahrt. Sie konnte das Herrenhaus noch nicht mal sehen, aber dann entdeckte sie eine Plakette auf einer der großen Säulen rechts vom Tor. Wimble Manor stand darauf – sie war also richtig.

Die prächtige Einfahrt ließ darauf schließen, dass es sich hier um den Haupteingang handelte. Doch Tilly wusste von ihrem kurzen Gespräch mit der Haushälterin, dass sie den hinteren Eingang für das Personal benutzen sollte. Deshalb legte sie den Rückwärtsgang ein. Der Schnee bedeckte bereits die vor ihr liegende asphaltierte Straße. Wie gut, dass sie früher als geplant von London aufgebrochen war.

Nach ein paar Metern entdeckte sie ein kleines Pförtnerhaus. Sie folgte den Reifenspuren in der Einfahrt. Irgendjemand musste hier kurz zuvor entlanggefahren sein. Katie und Jane, ihre beiden Mitarbeiterinnen, konnten es nicht gewesen sein. Sie würden erst heute Nachmittag eintreffen, und bis dahin würde es hoffentlich aufgehört haben zu schneien.

Vorsichtig folgte sie der weißen Spur und sah sich staunend auf dem Grundstück um, das sich mehr und mehr in eine winterliche Märchenlandschaft verwandelte. Die schmale Straße führte durch ein Wäldchen und über eine alte Steinbrücke. Danach erblickte Tilly Wimble Manor.

„Oh, mein Gott“, rief sie leise und betrachtete staunend das beeindruckende Herrenhaus. Der Schnee verlieh ihm etwas Geheimnisvolles, Romantisches. Sie hätte sich gewünscht, Zeit für einen Spaziergang zu haben, aber diesen Luxus konnte sie sich nicht leisten. Sie musste den Auftrag unbedingt erfolgreich erledigen, das war das einzig Wichtige. Xavier Moretti, der unbestrittene König des Motorsports, der sich inzwischen zu einem Geschäftsmann und Mentor für junge Rennfahrer entwickelt hatte, war ihr bisher prominentester Kunde.

Die E-Mail, in der er sie mit dem Catering für seine Silvesterparty beauftragt hatte, hatte Tilly aufgewühlt. Und das war noch untertrieben. Denn sie brauchte diesen Auftrag unbedingt: nicht nur für ihre junge Firma, sondern vor allem für sich selbst. Die Arbeit war eine willkommene Abwechslung, denn sonst hätte sie bestimmt nur die ganze Zeit darüber nachgedacht, was am letztjährigen Silvesterabend geschehen war. Und außerdem lieferte sie ihr die perfekte Entschuldigung dafür, keine Party besuchen zu müssen.

Dann hatte allerdings ihre beste Freundin Vanessa die ganze Sache kompliziert, als sie verkündete, dass sie am Neujahrstag ihre Verlobung bekanntgeben wolle. Vanessa wusste genau, was im Jahr zuvor passiert war, und hatte sich um sie Sorgen gemacht. Doch Tilly hatte ihr glaubhaft versichert, dass sie längst über alles hinweg sei. Sie werde zu ihrer Party kommen und damit sowohl ihren Freunden als auch sich selbst beweisen, dass sie dabei war, sich neu zu erfinden – genau so, wie sie es mit ihrem Geschäft gemacht hatte.

Tilly zwang sich, jetzt nicht mehr an Vanessas bevorstehende Verlobung zu denken, sondern sich auf ihren Auftrag zu konzentrieren. Xavier Moretti hatte sie gebeten, ein authentisches italienisches Essen auszurichten, was ihr bestimmt nicht schwerfallen würde, schließlich hatte sie als junges Mädchen viele Stunden in der Küche ihrer italienischen Großmutter verbracht. Als sie sich daran erinnerte, musste sie unwillkürlich lächeln. Sie war fest entschlossen, ein ganz besonderes Mahl zu servieren, die Gäste sollten noch lange darüber sprechen.

Sie dachte über Einzelheiten des Menüs nach, während sie um das Haus herumfuhr und dann zu einem Innenhof kam. Die Reifenspuren waren auch hier noch zu erkennen. Sie nahm an, dass das Auto der Haushälterin gehörte, die alles für Xavier Morettis Ankunft vorbereitete. Hoffentlich würde es noch eine Weile dauern, bis er eintraf. Denn sie brauchte den Vormittag für ihre Vorbereitungen.

Noch in Gedanken versunken, registrierte sie erst jetzt, dass die Reifenspuren zu einem kleinen schwarzen Sportwagen führten, der inzwischen fast eingeschneit war. Sie parkte ihr Auto, stieg aus und sah sich staunend in der prächtigen Umgebung um. Dabei war ihr egal, dass der Schnee weiterhin auf ihr Gesicht fiel und sich in ihrer roten Wollmütze verfing.

Tilly zog ihren Schal fester um den Hals und widerstand dem Impuls, den kopfsteingepflasterten Hof zu überqueren und zu erkunden, was sich in den anderen Gebäuden befand. Dafür würde sicher später noch Zeit sein. Jetzt musste sie erst einmal ihren Lieferwagen ausladen und alles in die Küche bringen. Für die Party heute Abend gab es schließlich noch eine Menge zu tun. Sie seufzte bedauernd, drehte sich um und blieb plötzlich wie erstarrt stehen.

Denn im offenen Türrahmen stand ein Mann, der so attraktiv und selbstsicher wirkte, dass es nur Xavier Moretti sein konnte. Tilly hatte Fotos von ihm im Internet gesehen. Er schaute sie mit einer Mischung aus Zuversicht und Amüsement an. Der Schatten eines Lächelns umspielte seinen Mund.

Sein dunkles Haar wehte im Wind, und die Schneeflocken setzten sich weiß dagegen ab, bevor sie schmolzen. Sein gebräunter Teint bildete einen starken Kontrast zu Englands Winterwetter, und sie konnte den Blick kaum von ihm abwenden. Er wirkte so exotisch, mit einem Hauch von Wildheit, den sie merkwürdig aufregend fand.

Da sie es nicht gewohnt war, in der Nähe eines solchen Mannes zu sein, errötete Tilly, bemühte sich aber, die Kontrolle zurückzugewinnen. Sie spürte ein Flattern im Magen. Doch innerlich wusste sie, dass es mehr war. Sie versuchte, das Gefühl zu ignorieren. Denn egal, was auch passieren würde, sie musste ihm gegenüber professionell bleiben. Es war das erste Mal, dass er Tilly’s Table für eine Dinnerparty gebucht hatte, und sie brauchte noch mehr solche Aufträge, damit sie sich einen Namen machen konnte.

Xavier Moretti trug einen dunkelgrauen Pullover, der warm und lässig aussah, darunter ein blaues Hemd. Zu ihrem eigenen Entsetzen konnte sie ihren Blick nicht von seinen langen Beinen lösen, die in einer engen Jeans steckten. Was, zum Teufel, war nur mit ihr los? Noch nie zuvor hatte sie auf einen Mann eine solche Lust gehabt. Schließlich riss sie sich zusammen und sah, dass er sie aufmerksam beobachtete.

„Hallo! Ich bin Tilly Rogers, und ich soll heute Abend für das Catering auf der Dinnerparty von Mr. Moretti verantwortlich sein.“ Er lächelte erneut, und sie fühlte sich in ihrem Verdacht bestätigt. Kein Zweifel, das war Xavier Moretti.

Buongiorno, Xavier Moretti“, erwiderte er. Sein italienischer Akzent ließ ihn noch attraktiver erscheinen. „Ich habe noch nicht so früh mit dem Vergnügen Ihrer Gesellschaft gerechnet, Ms. Rogers.“

Tilly lächelte. „Und ich habe nicht erwartet, dass Sie bereits hier sind, Signor Moretti.“

„Xavier, bitte.“ Er zuckte mit den Schultern. „Bitte, kommen Sie doch herein. Sonst erkälten Sie sich noch.“

„Mir geht’s gut“, erwiderte Tilly. Sie schüttelte den Kopf und versuchte, den Schauer zu ignorieren, den sie beim Klang seiner Stimme verspürte. „Außerdem muss ich auspacken, damit ich mit der Arbeit anfangen kann.“

Er ging über den verschneiten Hof auf sie zu und öffnete die hintere Tür des kleinen Lieferwagens. Tilly beugte sich über die Ladefläche und zog mehrere Kisten heraus. Als er sie von ihr in Empfang nahm, berührten sich kurz ihre Hände. Es durchzuckte sie wie ein elektrischer Schlag. Mit weit aufgerissenen Augen sah sie ihn an. Einen Moment lang begegneten sich ihre Blicke, und es war, als würde die Zeit stehen bleiben. Nichts anderes auf der Welt war mehr von Bedeutung.

Tilly hatte das Gefühl, als würde ihr Herz langsamer schlagen, und sie konnte kaum atmen. Xavier wirkte ruhig und gefasst, sie hätte ihn ewig anschauen können. Doch sie spürte auch die Gefahr, die im Raum lag.

Aber wie kam sie nur darauf? Ein Mann wie er würde eine Frau wie sie nicht zweimal anschauen. Tilly wandte den Blick ab und gab vor, den Inhalt der Kisten zu überprüfen.

„Darf ich Ihnen helfen?“ Seine Stimme klang rau, und zu ihrem Ärger errötete sie erneut. Xavier trug die Kisten ins Haus. Sie sah ihm nach und war froh, dass sie wieder richtig atmen konnte.

Sie holte weitere Kisten aus dem Wagen und folgte ihm. „Hoffentlich hört es bald auf zu schneien“, sagte sie und betrat die Küche. Xavier hatte die Kisten bereits auf einem großen Tisch abgesetzt.

Si. Aber wenigstens sind Sie jetzt hier. Ich freue mich schon sehr darauf, Ihre Kochkünste kennenzulernen, die mir von mehreren Seiten sehr empfohlen wurden.“

Um ihre Verlegenheit zu verbergen, drehte sie sich um und studierte die riesige Küche, die ganz in Glas und Stahl gehalten war. Die Töpfe und Pfannen waren aus Kupfer, was den Charme der Vergangenheit mit den Annehmlichkeiten der Gegenwart kombinierte.

„Diese Küche ist ein Traum. Ich kann es kaum erwarten, hier zu arbeiten.“

„Si, è bello“, sagte er gleichmütig.

Musste er denn unbedingt so italienisch und so sexy klingen? Unwillkürlich dachte Tilly an die glückliche Zeit, die sie als kleines Mädchen in der Küche ihrer Großmutter in der Toskana verbracht hatte. An der Decke hatten Büschel mit Kräutern gehangen, und in ihrer Erinnerung schien immer die Sonne.

Sie ging zurück zum Auto und stellte fest, dass der Schneefall nachgelassen hatte. Nur noch ein paar vereinzelte Flocken fielen zu Boden. Wenigstens musste sie sich deswegen jetzt keine Sorgen mehr machen.

Als sie sich ins Auto beugte, schob sie das Kleid beiseite, das sie extra für Vanessas Verlobungsparty gekauft hatte. Sie strich mit den Fingern über die schwarze Spitze und musste an das Hochzeitskleid denken, das sie vor genau einem Jahr hätte tragen sollen. Plötzlich hörte sie auch Jasons entschlossene Stimme, als er sagte, dass er mehr brauche als nur Freundschaft. Er hatte sie gebeten, neue Erfahrungen zu machen und das Leben zu genießen – genau wie er.

Schmerz und Demütigung überwältigten sie. Nein, sie durfte jetzt auf keinen Fall an die Vergangenheit denken. Das würde ihr nicht helfen. Seufzend zog sie die letzten Kisten aus dem Auto und drehte sich um. In diesem Moment trat Xavier aus dem Haus. Er sah mit ernstem Gesichtsausdruck zum grauen Himmel hinauf.

„Bitte, lassen Sie mich das machen“, sagte er und nahm ihr die Kisten ab.

„Vielen Dank.“ Eine plötzliche Schüchternheit überfiel sie. Es gefiel ihr nicht, dass dieser Mann sie so durcheinanderbringen konnte.

„Prego.“

Und da war sie wieder, diese ungemein sexy Stimme und diese Sprache, die Tilly aus der Kindheit so vertraut war. Ihre Großmutter hatte immer italienisch mit ihr gesprochen und ihr damals all ihre Küchengeheimnisse verraten.

Tilly schloss die Wagentür und ließ das Kleid und ihre kleine Tasche im Auto zurück. Sie war fest entschlossen, morgen Abend auf Vanessas Verlobungsfeier zu gehen. Das schuldete sie ihrer Freundin, die ihr an dem Tag, an dem ihre Welt zusammengebrochen war, so beigestanden hatte. Heute vor einem Jahr war ihre eigene Verlobungszeit zu Ende gegangen. An diesem Tag hatte ihr Jugendfreund ihr gestanden, dass er sie nicht mehr heiraten wollte.

Irritiert darüber, dass diese Erinnerungen ihr immer noch so wehtun konnten, kehrte sie in die Küche zurück. Xavier wirkte so entspannt, als wäre er bei sich zu Hause und nicht in einem gemieteten Herrenhaus. Sie stellte die letzte Kiste auf dem Tisch ab und merkte, dass er sie nicht aus den Augen ließ.

Xavier lehnte gegen den Herd, was ihn an seine Kindheit erinnerte, und beobachtete, wie Tilly Schal und Mütze ablegte. Er sah ihr zerzaustes dickes blondes Haar, und unwillkürlich entstanden in seiner Fantasie Bilder, in denen sie nach einer leidenschaftlichen Nacht in seinem Bett lag. Diese unerwartete Vorstellung entflammte seine Lust.

Die plötzliche Anziehung, die er verspürte, gefiel ihm gar nicht. Schließlich hatte er sie engagiert, um das Catering auszurichten. Man hatte ihm Tilly empfohlen, und er hätte nie gedacht, dass er die Besitzerin von Tilly’s Table derart attraktiv finden würde.

Wahrscheinlich hing es mit diesem Haus zusammen, damit, dass er sich in einer warmen, behaglichen Umgebung befand, so wie er es als Kind gekannt hatte. Erneut kamen ihm unanständige Gedanken, während er die Besitzerin der kleinen Catering-Firma betrachtete. Ja, sie war attraktiv und gleichzeitig bodenständig, was ihm ausnehmend gut gefiel. Es erinnerte ihn an sein fernes Ziel, irgendwann einmal sesshaft zu werden und glücklich zu sein. Aber das war unmöglich. Der Unfall vor drei Jahren hatte all diese Hoffnungen zunichte gemacht.

„Möchten Sie einen Kaffee?“ Ihre weiche Stimme unterbrach ihn in seinen Gedanken, was Xavier nicht unlieb war. Denn schließlich würden seine Eltern, seine Cousine und ihr Mann bald hier sein, und bis dahin gab es noch viel zu tun.

In diesem Moment legte Tilly auch ihren Mantel ab. Ihre engen Jeans und der schwarze Rollkragenpullover betonten ihre schlanke, aber kurvige Figur. Erneut musste Xavier daran denken, wie es sein mochte, mit ihr im Bett zu liegen.

„Grazie“, sagte er und gab sich Mühe, seiner Emotionen Herr zu werden.

Normalerweise ließ er sich nicht so leicht von einer Frau ablenken. Aber von der ersten Sekunde an hatte Tilly Rogers ihn gefesselt. Nun gut – welcher Mann würde sich nicht zu einer so attraktiven Frau hingezogen fühlen? Trotzdem war das Ganze neu für ihn.

Er fand sie sehr erfrischend, spürte jenseits ihres Lächelns und ihrer Wärme eine Sensibilität, die ihn an sich selbst erinnerte und ihn unweigerlich zu ihr hinzog.

Gleichzeitig war ihm klar, dass es keine Frau gab, die sich mit ihm einlassen würde, sobald erst einmal die Wahrheit ans Licht gekommen war. Die Narben an seinen Beinen erinnerten ihn täglich daran, dass er es nicht verdient hatte, glücklich zu sein. Und deshalb war er in den letzten drei Jahren lediglich mal mit einer Frau essen gegangen oder auf eine Party.

Er spürte, wie Tilly ihm nachblickte, als er zum Küchenfenster ging und von dort auf den Hof hinausblickte. Warum wollte er plötzlich Dinge, die ihm verwehrt waren? Ob es mit Carlotta zusammenhing? Er hatte den Ekel auf ihrem Gesicht gesehen nach dem Unfall, hatte gewusst, dass sie ihm die Schuld daran geben würde. Genauso war es dann auch gekommen. Nein, er hatte es nicht verdient, glücklich zu sein – nach allem, was er getan hatte.

„Ich muss noch meine Unterlagen aus dem Wagen holen“, sagte Tilly in diesem Moment und griff nach ihren Autoschlüsseln. „Bin gleich wieder da.“

Er beobachtete, wie sie zur Tür ging, und ihr Hüftschwung faszinierte ihn – als wäre er ein hormongesteuerter Teenager. Kopfschüttelnd folgte er ihr hinaus.

Im Hof lächelte sie ihn an, ihre Augen funkelten. „Wie schade, es schneit ja kaum noch. Ich hatte mich schon so sehr darauf gefreut, die Landschaft ganz in Weiß gehüllt zu sehen.“

Xavier sah hoch zum Himmel, an dem graue Wolken hingen. „Vielleicht wird Ihnen Ihr Wunsch ja noch erfüllt.“

„Der Wetterbericht sagt aber etwas anderes“, erwiderte sie. Sie schloss die Autotür auf, beugte sich nach vorn und holte eine rote Mappe vom Rücksitz.

„Ich bin in Norditalien aufgewachsen, wo Schnee im Winter nichts Ungewöhnliches ist. Glauben Sie mir, es wird später bestimmt wieder schneien, das verrät mir der Himmel.“

„Oh, das klingt gut. Aber hoffentlich erst dann, wenn die Gäste da sind.“ Sie beugte sich erneut nach vorn, und er erhaschte einen Blick auf ihre cremeweiße Haut, als ihr Pullover verrutschte. Er atmete tief ein und zwang sich, an etwas anderes zu denken. Wusste diese Frau überhaupt, welche Wirkung sie auf ihn hatte? Am liebsten hätte er sie in seine Arme geschlossen und geküsst. Diesen Wunsch hatte er schon lange nicht mehr verspürt.

„Kommen Sie, ich zeige Ihnen das Esszimmer und die Lounge.“

Er drehte sich brüsk um und ging zurück ins Haus. Tilly folgte ihm. In der großen Halle blieb er stehen. Mitten im Raum stand ein Weihnachtsbaum. Dabei hatte Xavier darum gebeten, ihn zu entfernen, weil auch dieser Baum ihn an das erinnerte, was er nicht mehr verdient hatte.

„Oh, wie schön!“ Mit großen Augen sah Tilly sich in der Halle um. „So einen Baum habe ich mir immer gewünscht. Aber natürlich hab’ ich ihn nie bekommen.“ Ihre Stimme klang plötzlich traurig.

„Eigentlich sollte er gar nicht mehr hier stehen. Das habe ich ausdrücklich angeordnet.“

„Warum denn?“ Schockiert sah sie ihn an. „Es ist doch schließlich Weihnachten!“

„Weihnachten ist längst vorbei.“ Xavier kämpfte mit Gefühlen, von denen er wusste, dass niemand sie teilen konnte. Wie sollte er mit dem Wissen weiterleben, dass er schuld am Tod seines Freundes war? Durch seinen tollkühnen Fahrstil hatte er den Kindern ihren Vater genommen. Diese Familie würde nie wieder gemeinsam Weihnachten feiern.

Tilly schüttelte entschieden den Kopf. Ihr Haar glänzte golden im matten Licht der Halle. „Unsinn! Weihnachten ist längst noch nicht zu Ende, und Sie wollen doch hier Silvester feiern.“

„Ich gebe ein Fest für meine Familie. Nicht mehr und nicht weniger.“ Damit beendete Xavier das Gespräch und ging weiter ins Esszimmer. Sie hatte keine andere Wahl, als ihm zu folgen.

„So, hier soll die Feier stattfinden“, erklärte er und trat zurück, damit sie das große Zimmer betrachten konnte, in dessen Mitte ein Tisch stand, an dem mindestens zehn Personen Platz hatten.

Sie zog ihren Notizblock und einen Kugelschreiber aus der Tasche und begann, sich Notizen zu machen.

„Der Tisch ist ziemlich groß. Wo möchten Sie ihn stehen haben? Vielleicht in der Nähe des Kamins?“ Sie sah ihn an, und er bemerkte ihre geröteten Wangen.

Si, beim Kamin ist eine gute Idee.“ Er trat einen Schritt zurück, um den Abstand zu vergrößern, konnte aber nicht aufhören, sie zu beobachten.

„Wo sollen wir den Champagner hinstellen? Vielleicht dorthin, auf das Sideboard?“ Sie ging hinüber zu der prächtigen Anrichte aus dunklem Holz und betrachtete sie prüfend. Danach trat sie zum Fenster, und ihre Augen leuchteten auf. „Schauen Sie nur – es schneit wieder!“

Xavier ging zu ihr hinüber und stellte sich hinter sie. Erst jetzt fiel ihm auf, wie klein und zierlich sie war. Plötzlich spürte er den überwältigenden Wunsch, sie zu beschützen.

In dem Moment, als er auf sie herabblickte, sah sie zu ihm hoch. Das Blau in ihren Augen, das ihn unwillkürlich an die Farben des Mittelmeers erinnerte, zog ihn magisch an. Er konnte ihr Parfüm riechen, das schwach nach Rosen duftete, und erneut verspürte er den Wunsch, sie zu küssen.

„So, jetzt sollte ich wohl besser anfangen zu kochen.“ Sie trat einen Schritt zurück.

Xavier blieb am Fenster stehen und fragte sich verwundert, was gerade geschehen war. Um ein Haar hätte er die Kontrolle verloren, hätte sich Wünsche gestattet, die er sich nicht länger erfüllen durfte, denn seit dem Unfall war er ein anderer geworden. Er hatte kein Recht mehr darauf, eine Frau zu begehren.

Und auf gar keinen Fall durfte er noch einmal jemanden verletzen.

Tillys Herz klopfte so stark, dass sie sich sicher war, dass man es im ganzen Haus hören müsste. Für den Bruchteil einer Sekunde hatte sie das Verlangen in Xaviers Augen aufblitzen sehen und das Gefühl gehabt, dass er sie küssen wollte. Aber das war nicht möglich. Ein dermaßen attraktiver und erfolgreicher Mann konnte sich nicht zu ihr hingezogen fühlen. Dabei hatte sie sich so nach seinem Kuss gesehnt, und das in einer Intensität, die sie noch nie zuvor erlebt hatte. War es vielleicht das, was Jason von ihr gewollt hatte?

Sie stöhnte laut auf. Nein, jetzt durfte sie nicht an Jason und an das denken, was vor einem Jahr passiert war. Schließlich hatte sie London genau deshalb verlassen.

„Ich habe Ihren Menüvorschlag ein wenig verändert“, stieß sie hervor und versuchte, ihre aufgewühlten Gefühle wieder unter Kontrolle zu bringen.

„Solange es ein italienisches Essen bleibt, habe ich nichts dagegen“, erwiderte er.

„Ich habe als Kind bei meiner Oma in der Toskana gelebt“, erklärte Tilly. „Von ihr habe ich auch die Liebe zum Kochen gelernt. Ich verspreche Ihnen, es wird ein richtig italienisches Festmahl werden.“

Xavier sah sie scharf an. „Ihre Oma ist Italienerin?“

„Ja“, sagte sie stolz. „Sie hat mich Natalie genannt, aber nur sie nennt mich bei meinem vollen Namen. Für meine Mutter und alle anderen bin ich Tilly.“

„Aber Ihr Nachname ist nicht italienisch.“

„Nein, meine Großmutter hat einen Engländer geheiratet, und mein Vater war das einzige Kind aus dieser Ehe. Dann hat er wiederum eine Engländerin geheiratet, und sie sind nach London gezogen.“

Xavier nickte. „Gut. In diesem Fall bin ich gespannt darauf, wie Sie das Menü verändert haben.“

Tilly fand seinen Akzent äußerst sinnlich und fühlte sich immer mehr zu ihm hingezogen.

„Danke. Ich bin sicher, meine Vorschläge werden Ihnen gefallen.“

Er sprach weiter italienisch, und sie sah ihn schockiert an.

„Bitte, entschuldigen Sie“, unterbrach sie ihn traurig. „Ich spreche leider nicht sehr gut italienisch. Meine Großmutter ist gestorben, als ich dreizehn Jahre alt war. Meine Mutter ist Engländerin, daher konnte ich die Sprache nie richtig lernen.“

Manchmal wünschte sie sich, sie könnte sich noch an all die Gespräche erinnern, die sie und ihre Oma damals geführt hatten. Aber im Grunde war sie dazu noch nicht bereit, denn das bedeutete, all die Einsamkeit und den Schmerz noch einmal zu erleben, mit denen sie seit dem Tod ihres Vaters zu kämpfen gehabt hatte. Erst jetzt konnte sie erkennen, wie sehr Jason ihr damals geholfen hatte, bevor ihre Jugendfreundschaft zu einer Verlobung geworden war. Er hatte eine große Leere in ihrem Leben ausgefüllt – bis er dann jemand anderen gefunden hatte.

Xavier zuckte die Achseln, und ihr Herz fing erneut zu rasen an. „Das ist schade, finden Sie nicht auch? Schließlich haben Sie italienische Vorfahren.“

„Vielleicht nehme ich irgendwann ja mal Unterricht oder fahre nach Italien“, entgegnete Tilly leichthin. Sie hoffte, dass dieses Gespräch bald beendet sein würde. Denn es erinnerte sie an Jason, an ihre gescheiterte Verlobung und an den Schwur, den sie damals abgelegt hatte. Sie hatte sich fest vorgenommen, sich vor allem um den Aufbau ihrer Firma zu kümmern. Wenn ihr das gelang, wollte sie den zweiten Punkt auf ihrer Liste angehen, nämlich die Familie ihres Vaters ausfindig machen.

Si, das sollten Sie tun!“ Er ging zur Tür, drehte sich aber noch einmal zu ihr um. „Sie dürfen Ihre Vergangenheit nie verleugnen.“

„Meine Vergangenheit?“ Was wusste er schon davon? Sie war von Anfang an fest entschlossen gewesen, Privat- und Berufsleben nie zu vermischen. Sie wollte nicht, dass jemand erfuhr, dass Jason sie ein paar Stunden vor der Hochzeit sitzengelassen hatte. Denn sie hätte es nicht ertragen, von anderen bemitleidet zu werden.

„Ja, Ihre italienischen Vorfahren.“ Er sah sie stirnrunzelnd an.

„Natürlich, Sie haben recht“, erwiderte sie und nickte. „Eines Tages werde ich nach Italien fahren.“ Auch dieser Punkt stand auf ihrer Liste.

„Gut, dann wäre ja so weit alles klar“, entgegnete er. „Ich muss bis heute Abend noch arbeiten. Aber bitte, fühlen Sie sich hier wie zu Hause.“

„Danke, das werde ich.“ Schüchtern schlug sie die Augen nieder. Der Gedanke, sich hier wie zu Hause zu fühlen, ließ alle möglichen unangemessenen Bilder in ihr aufsteigen. Sie sah ihn an und errötete erneut.

Scusi, Natalie.“

Noch bevor sie ihn daran erinnern konnte, dass niemand außer ihrer Großmutter sie so nannte, war er schon weg. Sie vernahm seine Schritte im Flur und hörte, wie er durch die Halle ging.

Grazie, Xavier“, flüsterte sie in den leeren Raum hinein. Aber dann schüttelte sie den Kopf und schalt sich ob ihrer Leichtgläubigkeit. Bestimmt hatte er sie nicht küssen wollen.

Nach allem, was sie über ihn im Internet gelesen hatte, war Xavier ein richtiger Playboy, der sich nie zweimal mit einer Frau traf. So einen Mann konnte sie nicht gebrauchen. Er war ihr Kunde und nicht mehr.

Tilly versuchte, sich wieder auf die Aufgabe zu konzentrieren, die vor ihr lag. Je schneller sie damit fertig war, desto eher würde sie in die kleine Pension zurückkehren können, in der sie ein Zimmer gebucht hatte. Morgen würde sie dann zu Vanessa fahren und mit ihr und ihren Freunden die Verlobung feiern.

Sie konnte es sich nicht leisten, sich von Xavier Moretti ablenken zu lassen. Er war nicht der richtige Mann für sie – egal, wie charmant und attraktiv er auch sein mochte.

2. KAPITEL

Tilly wagte nicht, das Esszimmer zu verlassen, und fragte sich, was da soeben passiert war. Sie machte sich noch ein paar Notizen für das Essen und versuchte, den Moment zu verdrängen, in dem sie geglaubt hatte, dass er sie küssen würde. Denn das hatte sie gleichzeitig erschreckt und erregt.

Als sie den Eindruck hatte, sich wieder einigermaßen unter Kontrolle zu haben, machte sie sich auf den Weg in die Küche. Der Duft frisch gebrühten Kaffees stieg ihr in die Nase und verriet ihr, dass Xavier ebenfalls hier war.

Er lehnte sich gegen den Herd und wirkte unglaublich sexy.

„Na, gibt es Probleme?“ Er sah sie durchdringend an, und sie hatte das unangenehme Gefühl, dass er ihre Gedanken lesen konnte.

„Nein, überhaupt nicht“, gab sie zurück. „Bitte, entschuldigen Sie, ich wollte Sie nicht stören.“

„Sie stören mich überhaupt nicht, cara. Ich habe nur Kaffee gemacht.“ Der Kosename berührte sie tief, und verzweifelt suchte sie nach einem neutralen Thema.

„Es schneit immer noch.“

„Si“, erwiderte er und nickte. „Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass die Straßen frei sind. Es sieht schlimmer aus, als es ist, weil wir von dieser Parklandschaft umgeben sind.“

„Das hoffe ich“, sagte Tilly schnell. „Ich erwarte nämlich in ein paar Stunden zwei Mitarbeiterinnen aus London.“

Xavier entgegnete darauf nichts, sondern sah sie nur weiter wie gebannt an. Tilly blätterte in ihrer Mappe, konnte sich aber nicht darauf konzentrieren. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Bisher hatte sie noch kein Mann so durcheinanderbringen können.

Die Erregtheit, die sie in seinem Blick erkannt hatte, war nichts, was sie mit Jason je erlebt hatte. War das vielleicht der Grund dafür gewesen, dass er die Hochzeit abgesagt hatte?

Noch immer verspürte sie den schweren Schlag, als er ihr gestanden hatte, dass er sie nicht heiraten könne, weil er eine Affäre mit einer anderen Frau gehabt habe. Dadurch war ihm klar geworden, dass es für ihn mehr im Leben gab, als darauf zu warten, dass sie für ihn bereit war.

Wegen Xavier war Tilly gezwungen, sich ihrer Vergangenheit zu stellen, was ihr gar nicht recht war. Ärgerlich zog sie Töpfe und Pfannen aus den Schränken in der Küche und fing mit den Vorbereitungen für das Essen an.

„Die beiden werden bestimmt bald eintreffen“, erklärte er in diesem Moment beruhigend. „Genau wie meine Gäste. Aber wenn wir jetzt in meinem Haus in Italien wären, würde ich fest davon ausgehen, dass wir beide die nächsten Tage hier eingeschneit sein würden.“

„Glücklicherweise sind wir aber nicht in Italien“, gab sie zurück, noch bevor sie sich irgendwelchen romantischen Vorstellungen hingeben konnte.

Er lachte. Ein tiefer, schläfriger Klang, der ihren Puls schneller schlagen ließ. Kein Zweifel, Xavier dominierte die ganze Küche.

„Die Idee, mit mir allein zu sein, sagt Ihnen also nicht zu?“ Er sprach mit stärkerem Akzent, während er sie direkt anschaute.

„Darüber möchte ich gar nicht erst nachdenken“, erwiderte sie nüchtern. „Und jetzt, wenn Sie nichts dagegen haben, möchte ich mich gern an die Arbeit machen.“

Xavier beobachtete Tilly dabei, wie sie sorgfältig alles, was sie benötigte, auf dem Tisch arrangierte. Er musste lächeln. Sie konnte ihm nichts vormachen. Sie hatte daran gedacht, wie es sein würde, hier mit ihm ganz allein zu sein. Auch er wünschte sich plötzlich, sie wären in seinem Haus in den Bergen eingeschneit.

Doch dann siegte wieder die Vernunft. Niemals würde er dann in der Lage sein, sich ihrer Anziehungskraft zu erwehren. Und in diesem Fall würde sie mehr über ihn erfahren, als ihm lieb war.

Sein Schuldbewusstsein wegen des Unfalls würde ans Licht kommen, und das durfte unter keinen Umständen passieren. Er hatte die Nähe einer Frau nicht mehr zugelassen, seit er mit Carlotta Schluss gemacht hatte. Doch warum erregte ihn dann die Vorstellung, mit Tilly allein zu sein, so sehr?

Prüfend blickte er auf die große Uhr an der Wand. Nur noch vier Stunden, bis seine Familie eintreffen würde. Eigentlich war er dagegen gewesen, dass sie alle den ganzen Weg von Italien kamen und ihn zwingen würden, wieder der Mann zu sein, der er vor dem Unfall gewesen war. Wenn es nicht seine Eltern gewesen wären, die ihm vorgeschlagen hatten, Silvester miteinander zu verbringen, hätte er mit Sicherheit abgelehnt.

„Wann, glauben Sie, werden ihre Mitarbeiterinnen eintreffen?“ Hoffentlich bald, denn sonst würde er seinem Wunsch, sie zu küssen, doch noch nachgeben.

Dieser Kontrollverlust sah ihm überhaupt nicht ähnlich. Xavier war beherrscht und präzise in allem, was er tat. Er wusste genau, was passieren würde, wenn er sich vergessen würde, und war daher fest entschlossen, seinen Wünschen nicht nachzugeben.

Tilly sah auf die Uhr und dann wieder zu ihm. „Sie müssten eigentlich nach dem Mittagessen eintreffen.“

„Va bene“, erwiderte er und machte einen Schritt auf sie zu. Sie sah ihn misstrauisch an, wie um die Grenzen zu betonen, die sie bereits zwischen ihnen errichtet hatte. Warum fühlte er sich dann nur so stark zu ihr hingezogen?

Im Grunde war es ganz einfach – er musste nur vermeiden, in die Küche zu gehen, solange die Mitarbeiterinnen noch nicht da waren. Wenn er sich in seinem Arbeitszimmer einschloss und die Berichte bearbeitete, die er mitgebracht hatte, konnte ihm eigentlich nichts passieren. Doch plötzlich spürte er das Adrenalin in seinen Adern. In Tillys Gegenwart fühlte er sich stark und lebendig. Genau wie zu Beginn eines Motorrennens, wenn es ihm nur ums Gewinnen ging.

Aber er würde kein Rennen mehr fahren, das wusste er. Diese Zeit war seit dem Unfall unweigerlich vorbei, diesem schrecklichen Ereignis, das ihn tags verfolgte und ihm nachts Albträume bescherte. Stattdessen hatte er die Produktion von Motorrädern in seiner Firma in Mailand hochgefahren und brachte in ganz Europa jungen Rennfahrern bei, wie sie noch besser und vor allem sicherer fahren konnten.

Sein Herz pochte heftig, und er spürte, wie die ungebetenen Erinnerungen ihn wieder zu überwältigen drohten. Er lehnte sich mit dem Rücken gegen einen Stuhl und hoffte, dass die Schmerzen in seinen Beinen bald wieder vergehen würden. Er biss die Zähne aufeinander.

Im vergangenen Jahr hatte er nur selten solche Momente der Schwäche erlebt. Und er wusste genau, warum sie jetzt auftauchten. Weil Weihnachten war. Die Zeit im Jahr, wo er nur an die Familie denken konnte, aus deren Mitte jemand gerissen worden war – der Fahrer, den er durch sein riskantes Fahrverhalten umgebracht hatte, sein Freund.

Plötzlich spürte er eine warme Hand auf seinem Arm, die ihn in die Gegenwart zurückholte.

„Alles okay?“ Tilly sah ihn besorgt an.

Si“, erwiderte er gepresst und stieß sich vom Stuhl weg. Er wollte ihr Mitleid nicht. Wenn sie alle Fakten über den Unfall kennen würde, würde es mit ihrem Mitgefühl bestimmt bald vorbei sein.

Genau wie bei Carlotta, die sich ebenfalls von ihm abgewandt hatte, nachdem sie erfahren hatte, was geschehen war. Sie hatte ihn verachtet, das hatte er ihr angesehen, als sie ihn das erste Mal im Krankenhaus besucht hatte.

„Sind Sie sicher?“ Die Wärme in ihrer Stimme quälte ihn.

„Natürlich bin ich sicher“, erwiderte er schroff und bereute es sofort. Er musste auf der Stelle aus dieser Küche verschwinden, bevor er dem Bedürfnis nachgab, ihr alles zu erzählen, was ihn bedrückte.

Tilly erwiderte nichts darauf, sondern machte sich wieder an die Vorbereitungen. Wortlos verließ Xavier die Küche und durchquerte die Halle, wo sein Blick wieder auf den prächtigen Weihnachtsbaum fiel.

Er erinnerte ihn erneut an die drei Kinder, die ein weiteres Fest ohne ihren Vater verbringen mussten. Seinetwegen, nur weil er unbedingt hatte gewinnen wollen. Dabei war es völlig egal, dass er nicht der einzige Rennfahrer gewesen war, der trotz der Warnung wegen der nassen Strecke die Reifen nicht gewechselt hatte. All dies war bedeutungslos, wenn er an diese Kinder dachte. An Paulos Kinder.

Seufzend ging er in sein Arbeitszimmer und fuhr den Computer hoch. Würde ihn der Schrecken jenes Tages jemals verlassen? Würde sein Schuldbewusstsein je vorbei sein? Er holte tief Luft und schloss die Augen.

Als er sie wieder öffnete, blickte er durch das Fenster in den grauen Himmel. Das Schneetreiben war erneut dichter geworden. Aber der friedliche Anblick beruhigte ihn wieder und erinnerte ihn an seine glückliche Kindheit.

Tilly arbeitete eine Stunde lang wie besessen und war etwas verunsichert, weil sie die Veränderungen im Menü nicht mit Xavier hatte besprechen können. Aber sein plötzlicher Stimmungsumschwung hatte das unmöglich gemacht. Außerdem hatte sie das Gefühl gehabt, dass er unter Schmerzen litt. Doch als sie ihn trösten wollte, hatte er sie brüsk zurückgewiesen.

Und in diesem Moment beschäftigten sie noch wichtigere Fragen. Wo blieben Katie und Jane? Sie hätten längst hier sein müssen. Sie trat an das große Küchenfenster und sah hinaus. Kein Zweifel, es schneite wieder heftiger. Das war nicht gut. Was sollte sie tun, wenn die beiden wegen des Wetters nicht kommen würden? Wie sollte sie das Essen allein stemmen?

Sie griff nach ihrem Mantel, verließ die Hintertür und ging hinaus in den Hof. Der Schnee wirbelte in dichten Flocken um sie herum, die Luft war kalt.

„Du meine Güte!“

Ihr kleiner weißer Lieferwagen und Xaviers schicker dunkler Sportwagen lagen unter einer dichten Schneedecke. Das Kopfsteinpflaster im Hof war jetzt vollständig weiß. Eine eigenartige, schwere Stille lag in der Luft, während die Flocken immer dichter wurden. Eigentlich hätte es friedlich und beruhigend sein müssen, aber diese Stille schien zu schreien, als wollte sie vor Unheil warnen.

„Ich glaube nicht, dass Sie jetzt irgendwohin fahren sollten.“ Xaviers Stimme brach in Tillys Gedanken ein. Sie drehte sich um und sah ihn an.

„Das hatte ich auch nicht vor. Aber ich brauche meine Mitarbeiterinnen.“ Erneut wurde sie von Panik erfasst, als sie sich fragte, wie sie ohne die Mädels zurechtkommen sollte. Sie waren inzwischen ein eingespieltes Team und arbeiteten zusammen, seit sie Tilly’s Table vor fast zwölf Monaten gegründet hatte.

„Haben Sie schon von ihnen gehört?“

„Nein, ich checke mal mein Handy.“ Sie war ärgerlich auf sich selbst. Warum hatte sie daran nicht schon längst gedacht? Wahrscheinlich, weil sie zu sehr mit den Vorbereitungen für das Dinner beschäftigt gewesen war. Und weil sie dem Mann aus dem Weg gehen wollte, der ihr seelisches Gleichgewicht bedrohte.

Tilly ging zurück in die Küche und nahm ihr Telefon, um zu sehen, ob sie einen Anruf verpasst hatte. Tatsächlich hatte Katie auf die Mailbox gesprochen und mit panischer Stimme erklärt, dass sie leider zurückfahren mussten, weil die Straßen nicht passierbar waren.

Und jetzt? Was sollte sie tun? Heute Abend musste sie Xavier und seinen Gästen ein fünfgängiges Menü servieren. Das würde sie nun wohl selbst kochen und servieren müssen.

Aber was, wenn niemand zum Anwesen durchkam?

„Sie mussten wieder zurückfahren“, berichtete sie Xavier mit klopfendem Herzen. „Es hat auch in London geschneit und wurde immer schlimmer, je weiter sie rausgefahren sind.“

Schnell schrieb sie eine SMS an Katie und bat darum, Bescheid zu geben, wenn sie wieder sicher in London angekommen wären. Außerdem solle sie sich um sie keine Sorgen machen. Sie sei hier in Wimble Manor gut aufgehoben und sicher. Doch plötzlich fragte sie sich, ob das auch stimmte, denn sie spürte Xaviers Blick auf sich gerichtet. Noch vor ein paar Stunden hatte sie geglaubt, dass er sie küssen würde, und auch sie hatte sich danach gesehnt. Wie sicher war das?

„Ich bezweifle, dass ich unter diesen Umständen Ihnen und Ihren Gästen das Dinner servieren kann, das ich geplant hatte“, sagte sie mit fester Stimme und versuchte, ihre Panik zu unterdrücken.

„Weil sie keine Hilfe haben?“ Seine Stimme klang etwas amüsiert. Die Aggressivität, die er vorhin gezeigt hatte, schien verschwunden zu sein.

„So ist es. Ohne meine Mitarbeiterinnen kann ich Ihnen kein Spitzenessen liefern.“ Tilly wandte den Blick von seinen dunklen Augen ab und blätterte durch ihre Mappe. Sie musste das Menü vereinfachen und es trotzdem zu etwas Besonderem machen, das die Gäste nie vergessen würden.

„Aber was machen wir, wenn meine Gäste ebenfalls nicht durch den Schnee kommen?“, erwiderte Xavier. Er lehnte sich gegen den Tisch und beugte sich über sie. Sein durchdringender Blick traf sie wie ein elektrischer Schlag. Sie richtete sich sofort auf und trat einen Schritt zurück.

„Glauben Sie etwa, dass keiner kommt?“ Schockiert sah sie ihn an. Sie würden hier ganz allein sein? Nur sie beide?

„Ich konnte sie bisher noch nicht kontaktieren“, sagte er fast schon zu ruhig.

„Na gut, ich denke, ich mache trotzdem weiter. Vielleicht schaffen sie es ja doch.“ Tilly versuchte, sich selbst Mut zu machen, und begann, die Zutaten für das Dessert auf den Tisch zu stellen.

Die ganze Zeit über betrachtete er sie, sie konnte seinen Blick fast körperlich spüren. Die kleinen Härchen in ihrem Nacken richteten sich dabei auf. Aber er war ihr Kunde, das durfte sie nicht vergessen. Als sich Xavier schließlich von ihr abwandte, um Kaffee zu machen, atmete sie erleichtert aus.

Das Ganze war lächerlich, denn schließlich bewegte er sich in einer komplett anderen Welt. Außerdem hatte sie nicht vor, sich in ein Abenteuer zu stürzen, besonders nicht mit einem Mann, der ihr ausgesprochen gefährlich vorkam.

In diesem Moment stellte er ihr einen Espresso hin.

„Danke“, sagte Tilly mit rauer Stimme und wünschte sich, sie könnte seinen dunklen Augen, die sie so intensiv anschauten, entgehen. Doch das war nicht möglich. Ihr Herz raste, und sie war froh, dass der Tisch zwischen ihnen war.

„Prego.“ Sogar dieses eine Wort klang aus seinem Mund unglaublich sexy. Sie atmete tief durch und bemühte sich, ruhig zu bleiben. Als Xavier dann endlich die Küche verließ, sank sie entkräftet auf einen Stuhl.

Sie hörte, wie seine Schritte sich entfernten, und versuchte, ihr pochendes Herz zu beruhigen. Was, zum Teufel, war da gerade passiert? Was auch immer sich zwischen ihnen in den letzten paar Minuten abgespielt hatte, war heiß und leidenschaftlich gewesen. Aber vor allem auch wild und gefährlich.

Xavier beendete sein Telefonat und sah aus dem Fenster. Es schneite noch immer. Die Flocken schienen stündlich dichter zu werden und bedeckten den Boden inzwischen mit einer dicken Schneeschicht. Weder seine Gäste noch Tillys Mitarbeiterinnen würden es ins Herrenhaus schaffen, und sie und er kamen auch nicht mehr von hier weg.

Sie waren eingeschneit.

Tilly und er waren allein.

Sein Körper vibrierte noch immer nach ihrer Begegnung in der Küche. Er hatte ein starkes körperliches Begehren gespürt, während er in ihre hellblauen Augen sah, und hatte all seine Willenskraft gebraucht, um dem Bedürfnis, sie in seine Arme zu schließen und besinnungslos zu küssen, nicht nachzugeben. Nie zuvor hatte er sich so wild und ungezähmt gefühlt und so in Gefahr, seine Selbstkontrolle zu verlieren.

Und jetzt zwang ihn das Wetter dazu, die nächsten vierundzwanzig Stunden mit einer Frau zu verbringen, die er haben wollte. Einer Frau, die klargestellt hatte, dass sie für ihn unerreichbar war, und nur hier war, um einen Auftrag zu erfüllen. Einen Auftrag, der um Mitternacht beendet sein würde.

Ihm war klar, dass es auch Tilly nicht behagte, mit ihm ganz allein zu sein. Nicht nach dem Vorfall im Esszimmer. Sie war nicht der Typ Frau, mit dem er sonst zu tun hatte. Sie war eher jemand für eine längere Beziehung, und das hielt ihn zurück. Etwas Längerfristiges kam für ihn nicht infrage.

Er holte tief Luft und versuchte, sich zu beherrschen. Schließlich durfte er nicht vergessen, dass er ein Gentleman war – wenigstens bis Mitternacht. Außerdem musste er Tilly über die Situation informieren.

Er fand sie über den Spülstein gebeugt, mit dem Rücken zu ihm gewandt. Noch bevor er den Anblick ihrer zierlichen Gestalt genießen konnte, riss er sich wieder zusammen.

„Es sieht ganz so aus, als würden wir Silvester hier allein sein.“

Sie drehte sich um, und er sah, wie schockiert sie war.

„So viel Schnee wie jetzt habe ich noch nie gesehen.“ Ihre Stimme klang ruhig, als berührte sie die Vorstellung, mit ihm allein zu sein, nicht sonderlich. Doch ihre Miene sprach eine andere Sprache.

„Meine Familie kann leider nicht kommen. Der Wetterbericht hat vorausgesagt, dass wir morgen einen Schneesturm bekommen.“ Das hatte ihm sein Cousin am Telefon mitgeteilt.

„Ich hoffe, dass Katie und Jane sicher nach London zurückgekehrt sind.“ Tilly drehte sich um und betrachtete den Tisch, auf dem sich das Essen türmte. „Sieht ganz so aus, als würden wir das alles hier nicht mehr brauchen.“

„Nein, der Plan für den Abend wird sich nicht ändern“, beschied Xavier. Erneut verspürte er das Bedürfnis, sie zu beschützen. Doch er wusste genau, dass das nicht möglich war, solange noch die Schuld an ihm hing.

Sie sah ihn verwirrt an. „Aber wenn wir nur zu zweit sind …“ Sie verstummte. Er schwor sich, heute Abend ein perfekter Gentleman zu sein, egal, wie schwer es ihm fallen würde.

„Si, solo noi due.“ Unwillkürlich verfiel er wieder ins Italienische. Warum fühlte er sich dieser Frau gegenüber nur so unsicher? Das war ihm nicht einmal als junger Mann passiert und gefiel ihm ganz und gar nicht.

„Sie können nicht erwarten, dass ich den Abend mit Ihnen verbringe. Nicht ganz allein!“ Sie sah ihn stirnrunzelnd an, wirkte dadurch aber noch verführerischer.

„Oh doch, das kann ich, und das tue ich auch.“ Seine Stimme klang schärfer als beabsichtigt.

„Aber ist das nicht … ein bisschen zu intim?“

„Heute ist Silvester, Natalie.“ Er fand es schön, sie bei ihrem vollen Namen zu nennen, auch wenn ihr das offensichtlich nicht gefiel. „Wir sind hier im Haus allein. Daran lässt sich im Moment nichts ändern.“

„Vielleicht sollten wir versuchen, nach London zurückzufahren, bevor es zu spät ist.“ Sie sah aus dem Fenster auf das unverändert heftige Schneetreiben.

„Es ist bereits zu spät. Ich habe mich im Netz informiert. Die meisten Landstraßen sind nur noch passierbar, wenn man einen SUV hat.“ Er war auch nicht besonders erfreut darüber, mit einer Frau eingeschneit zu sein, die unerlaubte Gelüste in ihm weckte. Aber das Schicksal hatte es nun einmal so gewollt, und er war fest entschlossen, der Versuchung nicht nachzugeben. Nein, er würde sich Natalie Rogers nicht nähern. Nicht, solange sie für ihn arbeitete.

„Glücklicherweise habe ich ein Zimmer in einer kleinen Pension gebucht“, erklärte Tilly in diesem Moment. „Sie ist ganz in der Nähe.“

Xavier schüttelte den Kopf. „Ich fürchte, nicht einmal das wird möglich sein.“