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Das Spiel
der schönen Zwillinge

Eine Schulgeschichte

Suzanne Selfors

Aus dem Amerikanischen
von Simone Wiemken

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Weitere Infos zu Ever After High
findest du im Internet: www.eah-lesen.de
www.everafterhigh.com

Suzanne Selfors

fühlt sich manchmal wie ein Royal und manchmal wie ein Rebel. Sie hat zwei charmante Kinder und lebt in einem zauberhaften Inselkönigreich. Sie hofft, dass es ihr Schicksal ist, für immer und ewig Geschichten zu schreiben.

In der Reihe Ever After High sind ebenfalls erschienen:

Shannon Hale – Ever After High. Die Schule der Herzenswünsche
Shannon Hale – Ever After High. Eine fabelhafte Freundin
Shannon Hale – Ever After High. Ein wundersamer Tag
Shannon Hale – Ever After High. Schicksalstage an der Herzensschule
Suzanne Selfors – Ever After High. Das süße Gift der Prinzessin
Suzanne Selfors – Ever After High. Gut oder Böse für Anfänger
Ein Mitmachbuch für Prinzessinnen
Suzanne Selfors – Ein Königreich für einen Kuss
Suzanne Selfors – Zwei Prinzen und ein Schwesterherz
Suzanne Selfors – Feenträume werden wahr

Das gleichnamige Hörbuch ist bei Arena audio erschienen.

Für Marilyn

Die Personen und Ereignisse in diesem Buch sind fiktiv. Namen, Charaktere, Schauplätze und Handlungen entspringen der Fantasie der Autorin oder sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit zu realen Ereignissen, Orten sowie lebenden oder toten Personen ist zufällig. Ever After High and associated trademarks are owned by and used under license from Mattel, Inc.
© 2016 Mattel, Inc. All Rights Reserved.

Copyright © 2015 Mattel, Inc.
Cover © 2016 Mattel, Inc., gn by Tim Hall
All Rights Reserved

Dieses Werk erschien erstmals 2016 bei Little, Brown and Company, einem Unternehmen der Hachette Book Group Inc., New York, unter dem Titel »Ever After High. Truth or Hair«.

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1. Auflage 2017
© für die deutsche Ausgabe 2017 Arena Verlag GmbH, Würzburg
Alle Rechte vorbehalten
Aus dem Amerikanischen von Simone Wiemken
Cover: Jay Ju
Covergestaltung: Tim Hall / Véronique L. Sweet
ISBN 978-3-401-80672-3

www.arena-verlag.de

Inhalt

Kapitel 1

Bücher in Buch-End

Kapitel 2

Auf der Treppe

Kapitel 3

Im Turmsalon

Kapitel 4

Poppy setzt sich durch

Kapitel 5

Null Sterne

Kapitel 6

Rückwärtswachsen

Kapitel 7

Die Erstgeborene

Kapitel 8

Der Königliche Schülerrat

Kapitel 9

Schreibverbot

Kapitel 10

Große Geschichten

Kapitel 11

Rapunzels Rat

Kapitel 12

Haarige Magie

Kapitel 13

Unerwarteter Besuch

Kapitel 14

Schwestern-Tausch

Kapitel 15

Schwanen-Style

Kapitel 16

Poppys guter Ruf

Kapitel 17

Rapunzels Turm

Kapitel 18

Mütterlicher Zwillingssinn

Kapitel 19

Ein märchenhaftes Ende

Kapitel 1

Bücher in Buch-End

Wenn man der neuesten Ausgabe des Reiseführers Fliegender Teppich glauben durfte, war die Ever After High die schönste Schule im ganzen Märchenreich – ein majestätisches Gebäude, errichtet aus uraltem Gestein, umgeben von wundervollen Gärten und glitzernden Teichen. Aber obwohl sich die meisten Schüler dort wie zu Hause fühlten, gönnten sie sich auch gern einmal eine Auszeit und verließen das Schulgelände, um eine Zeit lang dem Druck des Schulalltags und der ständigen Aufsicht durch Schulleiter Milton Grimm zu entfliehen. In der Regel war ihr Ziel das nahe gelegene Dorf Buch-End, das leicht zu erreichen war – nur ein schneller Sprung über die von Trollen bewachte Fußgängerbrücke und ein kurzer Spaziergang durch den Wald.

Mit den schmalen Kopfsteinpflastergassen und den reetgedeckten Knusperhäuschen wirkte Buch-End wie ein Dorf aus längst vergangenen Zeiten. Aber es gab dort auch moderne Geschäfte, in denen man zum Beispiel technische Geräte mit magischen Extras bekam, Boutiquen mit angesagter Mode und Cafés, deren Mitarbeiter Milch für das Getränk des Tages aufschäumten. In Buch-End waren auch ungewöhnliche Dinge zu beobachten, wie etwa fliegende Teekessel oder ein Ritter in schimmernder Rüstung beim Kauf neuer Schuhe. Die Backstube zur Bohnenstange, der »Hut & Tee«-Laden des Verrückten Hutmachers und das Abrakadabra-Café waren beliebte Schülertreffpunkte. An den meisten Tagen herrschte im Dorf reges Treiben.

Holly O’Hair, die Tochter von Rapunzel mit den berühmten langen Haaren, stand vor ihrem Lieblingsgeschäft in Buch-End, dem Buchladen. Ihr gewelltes kastanienbraunes Haar bedeckte ihre Schultern und ihren Rücken wie ein Umhang. Sie starrte ins Schaufenster und ihre grünen Augen waren fast doppelt so groß wie sonst, denn sie hatte gerade eine tolle Entdeckung gemacht. Im Fenster war das neueste Buch von Hollys Lieblingsschriftstellerin Shannon Tale ausgestellt. Es handelte sich dabei um den sehnsüchtig erwarteten Abschlussband von Ms Tales Prinzessinnen-Trilogie. Holly träumte davon, eines Tages selbst ein Buch zu veröffentlichen, das dann vielleicht auch im Schaufenster dieses Buchladens liegen würde. Nachdem sie bereits Hunderte Kurzgeschichten geschrieben hatte, waren jetzt zwölf in der engeren Wahl, die perfekte Anzahl für einen Sammelband. Auch der Titel stand schon fest: Turmgeschichten von Holly O’Hair. Sie träumte oft von einem Aktionstag im Buchladen, bei dem sie eine kleine Rede halten und aus ihrem Buch vorlesen würde. Ihre Familie und Freunde wären natürlich auch da. Die Kunden würden geduldig Schlange stehen, um sich ihr Exemplar signieren zu lassen, wie sie selbst es schon so oft bei anderen Schriftstellern getan hatte. Was wäre das für ein wundervoller Tag!

Das Klingeln ihres Spiegel-Phones riss sie aus ihrem Tagtraum. »Schätzchen!« Die schrille Stimme am anderen Ende gehörte einer Frau namens Edith Broomswood. Und das grünliche Gesicht auf dem Display gehörte ebenfalls zu Edith Broomswood. Früher war Ms Broomswood Mitglied der Hexenvereinigung gewesen, doch dann hatte sie sich von ihren Zaubertränken und den spitzen Hüten getrennt, um die Agentin der angesehensten Schriftsteller zu werden. »Ist da Holly O’Hair?«

»Ja«, sagte Holly und schluckte. Vor fünf Wochen hatte sie Ms Broomswood ihre zwölf Geschichten zugeschickt. Um ihre Sammlung drucken zu lassen und dann in einem Laden zu verkaufen, brauchte sie zunächst einmal eine Agentin. Holly hatte sich gründlich informiert. Ms Broomswood hatte einen ausgezeichneten Ruf. Außerdem vertrat sie viele Bestsellerautoren, unter ihnen auch Shannon Tale, also musste sie gut sein.

»Schätzchen, ich bin gerade damit fertig geworden, deine Geschichten zu lesen, und fühle mich wie ein Fliegenpilz im Regen.«

Über diesen Ausdruck musste Holly erst einmal nachdenken. »Soll das heißen, dass sie Ihnen gefallen?«

»Ob sie mir gefallen?«, erwiderte Ms Broomswood mit einem Schnauben. Sie hielt sich das Telefon so dicht ans Gesicht, dass Holly einen guten Blick in ihre lange Nase hatte. »Ich liebe sie! Sie sind das Gelbe vom Ei, Schätzchen. Einfach famos!«

Holly lief ein Schauer freudiger Aufregung über den Rücken. Seit dem Versand ihrer Geschichten an Ms Broomswoods Büro hatte sie immer wieder nachgesehen, ob eine Nachricht gekommen war – das hatte schon an Besessenheit gegrenzt. Würde die berühmte Agentin ihr dabei helfen, ihre Geschichten zu veröffentlichen? Bisher hatte sie sich nicht bei Holly gemeldet. Das Warten war unerträglich gewesen. Holly wartete sehnsüchtig auf eine Rückmeldung. Selbst eine Absage wäre besser als gar nichts.

»Ich will dich unbedingt als Klientin haben«, sagte Edith Broomswood. Sie sprach im Gehen und deshalb wackelte das Bild auf dem Display wie verrückt. Holly erhaschte einen Blick auf ein glitzerndes Bürohochhaus, dann eine Aktentasche, dann wieder Ms Broomswoods Nase. »Ich möchte deine Geschichten an einen Verlag verkaufen und dich reich und berühmt machen!«

Eigentlich hatte Holly nie geplant, reich und berühmt zu werden. Aber etwas zu veröffentlichen, war ihr großer Traum. Im letzten Jahr hatte sie angefangen, einen Blog zu schreiben, der Märchen-Fan hieß. Sie suchte sich jeden Monat ein anderes bekanntes Märchen aus und verpasste ihm die Holly-O’Hair-Wendung, was eigentlich nur bedeutete, dass sie ein oder zwei Dinge umschrieb, wodurch daraus eine ganz neue Geschichte wurde. Das Schreiben war ihre absolute Lieblingsbeschäftigung. Da sie fast ihr ganzes Leben lang Turmunterricht bekommen hatte, war es zuerst ein bisschen unheimlich gewesen, ihre Geschichten da draußen zu zeigen. Aber die begeisterten Reaktionen ihrer Leser hatten ihr Selbstvertrauen gegeben. Sie hatte angefangen, sich wie eine richtige Schriftstellerin zu fühlen. Aber dieser Anruf war die größte Überraschung. Passierte das hier gerade wirklich? Würde Ms Broomswood ihre Geschichten an einen Verlag verkaufen können? Holly musste sich an die Außenmauer des Buchladens lehnen, um nicht vor lauter Aufregung umzukippen.

Ms Broomswood sprach immer noch im Gehen. »Zuerst musst du aber einen Vertrag unterschreiben, der mir erlaubt, dich als Agentin zu vertreten.« Ein Blatt Papier erschien auf dem Display des Spiegel-Phones. »Du brauchst ihn dir nicht durchzulesen, Schätzchen. Es ist derselbe Vertrag, den ich für all meine Klienten benutze.«

»Auch Shannon Tale?«

»Ganz genau.«

Das waren wirklich tolle Neuigkeiten. Holly unterzeichnete mit zitternden Fingern. Der Vertrag verschwand und Ms Broomswoods Gesicht tauchte wieder auf dem kleinen Bildschirm auf. »Hexzellent! Ich rufe dich an, sobald ich einen Verlag gefunden habe.« Ms Broomswoods spitzes Kinn stieß gegen ihr Telefondisplay. »Achte darauf, dein Handy immer bei dir zu haben!«

»Ja, natürlich«, versprach Holly. »Ich lasse es nicht aus den Augen.« Sie kämpfte gegen die Freudentränen. »Ms Broomswood, was glauben Sie, wie lange es dauern wird?«

»Das kann man unmöglich sagen. Und ich kann auch nichts versprechen. Ich finde die Geschichten zwar großartig, aber nicht jeder mag Klassiker. Rechne mit Absagen – das rate ich all meinen Klienten. Wenn dich der Blitz der Ablehnung trifft, solltest du fest auf dem Boden der Realität stehen und nicht auf einer Wolke aus Tagträumen herumschweben.« Sie kicherte.

Das klang nach einem vernünftigen Ratschlag. Aber Tagträumerei gehörte leider ebenfalls zu Hollys Lieblingsbeschäftigungen. »Vielen Dank«, sagte sie.

»Broomswood Ende!« Die Agentin legte auf.

Holly kniff sich selbst in die Hand, um sicherzugehen, dass dies kein Tagtraum war. Ein scharfer Schmerz durchfuhr sie. Ja, das hier war echt. Sehnsüchtig schaute sie ins Schaufenster des Buchladens. Wenn alles gut ging, würden dort eines Tages ihre Turmgeschichten liegen.

Ihr Spiegel-Phone läutete erneut. Diesmal war es jedoch nur der Wecker, der sie ermahnen sollte, nicht zu spät zu ihrem Termin zu kommen. Sie lächelte. Sie hatte nicht nur einen tollen Anruf bekommen, sondern würde jetzt auch noch den liebsten Menschen der Welt treffen.

Dieser Vormittag konnte nicht besser werden!

Kapitel 2

Auf der Treppe

Holly warf ihre langen Haare zurück und überquerte die Straße. Sie musste aufpassen, nicht in die Spalten und Löcher zu treten, in denen sich die Kopfsteine gelöst hatten. Ihr Ziel war der Steinturm im Zentrum von Buch-End. Er war hoch, wie das bei Türmen meistens der Fall ist, und oben hatte er Zinnen. An den Schildern im Eingangsbereich war zu erkennen, dass sich drei Firmen im Turm befanden, aber Holly interessierte sich nur für eine von ihnen: die ganz oben.

Unten: Mr Pop und Mr Wiesel, Maulbeer-Großhandel

Mitte: Diddle Fiddle, Geigenwerkstatt

Oben: Turmsalon

Holly betrat die Eingangshalle. Sie war schon so oft hier gewesen, dass sie es nicht mehr zählen konnte. Wie immer steuerte sie das oberste Stockwerk an. Die vielen Stufen machten ihr nichts aus. Auf Türme zu steigen, war ihr gewissermaßen in die Wiege gelegt worden. Sie hatte die ersten Schuljahre lang Turmunterricht bekommen, hatte den historischen Turm ihrer Mutter besucht und lebte auch in der Schule in einem Turmzimmer. Der Aufstieg war immer gleich, ein Schritt nach dem anderen. Lästig war allerdings, dass sie mit einer gewissen Höhenangst geboren worden war. Es war keine lähmende Angst, sondern eher ein Ärgernis, das sie zu überwinden gelernt hatte. Die beste Methode, ihre Angst unter Kontrolle zu bringen, bestand darin, beim Treppensteigen nicht aus dem Fenster zu sehen, denn dann stieg Panik in ihr auf. Also konzentrierte sie sich stattdessen auf ihre Füße und summte vor sich hin. Zu schade, dass Treppensteigen kein Schulsport ist, dachte sie auf dem Weg nach oben. Sie war immer noch so aufgeregt wegen Ms Broomswoods Anruf, dass sie besonders laut summte.

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Die Treppe bestand aus Stein. Jede Stufe hatte in der Mitte eine leichte Vertiefung, hineingetreten von Generationen von Schülern, die einen Haarschnitt oder vielleicht einen ganz neuen Look gebraucht hatten. Der Turmsalon hatte schon jeden Stil mitgemacht – Feenkorbfrisuren, Topfschnitte und Gnomstoppeln, um nur ein paar zu nennen. Das Treppenhaus war eng und die Stufen steil. Durch die Buntglasfenster fielen gelbe, pinkfarbene und blaue Lichtstrahlen auf die Treppe. Ein paar Schritte vor Holly sprang ihr Löwenbaby Clipper wild herum und jagte hinter einer Spinne her. Holly hatte ihn gerade von der Haustier-Tagespflegestelle abgeholt und er war wie immer voller Energie. Mit gespitzten Ohren und hin und her wackelndem Hinterteil bereitete sich Clipper auf den entscheidenden Sprung vor. Aber die Spinne fand rechtzeitig einen Spalt und verschwand. Das Löwenbaby knurrte empört. »Beim nächsten Mal hast du bestimmt mehr Glück«, versicherte ihm Holly.

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Holly lächelte. Sie kannte diese Handschrift. Es passte zu ihrer Zwillingsschwester Poppy, diese aufmunternden Schildchen aufzuhängen. Poppy arbeitete im Turmsalon. Obwohl die meisten ihrer Kunden den Aufstieg ermüdend fanden, nahmen sie das schweißtreibende Treppensteigen gern in Kauf, um sich von der beliebtesten Friseurin von Buch-End die Haare schneiden zu lassen. Holly musste lachen. Eine Treppe hochzusteigen, ist entschieden einfacher, als an einer aus Haaren gewebten Strickleiter hochzuklettern, dachte sie. Was übrigens genau das war, was ihr zukünftiger Prinz tun würde. Aber ihr Prinz, wer immer es auch sein mochte, brauchte sich keine Sorgen zu machen. Selbst wenn er in voller Rüstung erschien, würde Hollys Zopf sein Gewicht mühelos tragen können. Unter der Aufsicht ihrer Mutter hatte Holly immer wieder geübt, ihre glänzenden Locken in einer bestimmten Technik zu flechten, auf die Rapunzel ein Patent angemeldet hatte. Das Flechtmuster erlaubte dem Prinzen einen sicheren Aufstieg in den Turm. »Keine Sorge«, hatte Rapunzel zu Holly gesagt, als sie sieben Jahre alt war. »Ich habe ein paar Verbesserungen erfunden. Wenn du dich an meine Technik hältst, wird es kaum an der Kopfhaut ziehen. Es tut nicht weh, mein Schatz.«

Poppy hatte beim Flechtunterricht zugesehen. »Wieso benutzt der Prinz denn keine Leiter?«, hatte sie gefragt. Das war eine vollkommen logische Frage. »Wir haben doch massenhaft Leitern im Obstgarten. Ich habe erst gestern eine benutzt, um ein Bienennest anzuschauen.«

»Eine Leiter zu benutzen, gehört nicht zur Geschichte«, hatte Rapunzel erklärt.

Poppy hatte sich auf die Lippe gebissen, wie sie es immer tat, wenn sie über etwas nachdachte. »Wenn er keine Leiter benutzen darf, kann er doch auf andere Weise in den Turm gelangen. Wieso fliegt er nicht auf einem Pegasus nach oben? Oder benutzt einen fliegenden Teppich? Oder noch einfacher, wieso nimmt er nicht die Treppe? Warum muss er an Hollys Haaren hochklettern? Das ist doch verrückt.«

Holly wartete auf die Antwort, denn sie hatte sich längst dieselben Fragen gestellt. Rapunzel zog Poppy auf ihren Schoß und drückte sie ganz fest. »Ich liebe deinen Einfallsreichtum«, versicherte sie ihrer Tochter. »Ich denke, der Prinz könnte einen dieser anderen Wege nehmen, wenn er das möchte. Es ist nicht Hollys Entscheidung, wie sie gerettet wird, aber sie wird ihr Haar dazu bereithalten, denn so steht es in unserer Geschichte geschrieben.«

Es gab einige Schüler der Ever After High, die eine solche Tradition nicht verstanden. Sie fanden es altmodisch, sich retten zu lassen. Viele von ihnen veränderten ihre Geschichte und betraten mutig unbekanntes Gebiet. Dieser Trend wurde heiß diskutiert. Aber Holly fand ihr Schicksal kein bisschen »altmodisch«. Sie war fest entschlossen, bei dieser klassischen Liebesgeschichte mitzuspielen und empfand es sogar als Ehre. Außerdem schränkte es ihr Leben kein bisschen ein. Sie war bei den Cheerleadern, Schriftführerin des Königlichen Schülerrats und außerdem eine aufstrebende Schriftstellerin. Insgesamt führte sie ein sehr erfülltes Leben. Natürlich war das schnellste Haarwachstum aller Königreiche so etwas wie ihr Markenzeichen, aber sie hatte noch viel mehr zu bieten als das.

»Weg da!«, rief jemand.

Sparrow Hood, der Sohn des berüchtigten Meisterdiebs Robin Hood, rannte die Treppe hinunter. Auch er hatte vor sich hin gesummt und war so schnell unterwegs, dass er nicht rechtzeitig bremsen konnte. Er stolperte über Clipper und verlor das Gleichgewicht. Und begann zu fallen …

»Oh nein!«, schrie Holly. Ohne nachzudenken, griff sie zu und packte Sparrow, bevor er die steile Treppe hinuntertrudeln konnte. Sparrow versuchte, einen Sturz zu vermeiden, ruderte hektisch mit den Armen und riss Holly beinahe von den Füßen. Doch irgendwie schaffte sie es, stehen zu bleiben, obwohl sich Sparrow an ihren Ellbogen klammerte und mit seinem ganzen Gewicht gegen sie lehnte.

Das war sehr knapp gewesen. Und jetzt bohrten sich die Nieten auf Sparrows Lederweste schmerzhaft in ihren Arm. »Äh, ich denke, du bist jetzt in Sicherheit. Du kannst mich also loslassen.«

»Oh, klar. Null Problemo.« Er grinste sie teuflisch an. Holly runzelte die Stirn. Wollte er sich nicht einmal dafür bedanken, dass sie ihn gerettet hatte? Es war nicht so, dass sie Sparrow nicht leiden konnte – er war einfach anders als die Jungen, mit denen sie aufgewachsen war. Erstens war er kein Royal. Zweitens nahm er nie an königlichen Zeremonien teil, wie zum Beispiel Pegasus-Polo oder Krönungen. Drittens war es sein Schicksal, die Royals zu bestehlen, wie es schon sein Vater getan hatte. Viertens deutete alles an ihm, von seinen nietenbesetzten Stiefeln über seine Musik bis hin zu seinen Lederklamotten, nur auf eines hin: Rebellion.

Er war in jeder Hinsicht ein Außenseiter. Und Hollys bescheidener Ansicht nach gab er sich entschieden zu viel Mühe, diesen Ruf zu wahren.

Sie sahen einander in die Augen. Doch erst als Holly finster die Stirn runzelte, wollte Sparrow sie loslassen, aber leider hatte sich sein Lederarmband in ihren Haaren verfangen. »Nicht ziehen«, ermahnte sie ihn. »Lass mich das machen.« Sie war Expertin im Entwirren ihrer Haare. Sie hatte fast jeden Tag irgendein Problem damit – jemand trat auf ihre Locken, setzte sich auf sie oder konnte plötzlich nichts mehr sehen, wenn ein Windstoß ihre Haarpracht hochwehte. Holly konnte windige Tage nicht leiden, denn dann landeten Blätter in ihren Haaren und es dauerte bis in alle Ewigkeit, sie wieder herauszuzupfen.

»Das gibt einen klasse Song«, stellte Sparrow fest, während er darauf wartete, von Hollys Haaren befreit zu werden. Dann fing er an zu singen: »Haare, überall Haare, man glaubt es nicht. Haare, überall Haare, ich hab sie im Gesicht!«

»Wie bitte?« Holly wollte Sparrow darauf hinweisen, dass er ihre Haare im Gesicht hatte, weil sie ihn vor einem schlimmen Treppensturz bewahrt hatte. Aber sie sagte dann doch nichts, sondern holte tief Luft und rückte ihre Tiara zurecht. Sie ärgerte sich nicht über Sparrow. Warum sollte sie? Nach diesem wundervollen Telefonat mit Ms Broomswood konnte ihr niemand die gute Laune nehmen. Außerdem war Sparrow bestimmt nur verlegen, weil er vor ihren Augen gestolpert war. »Ich glaube, Clipper ist dir zwischen die Beine gelaufen und hat dich zu Fall gebracht. Das tut mir leid!«

»Ja, genau so war es. Du solltest ihn an der Leine führen.«

»Das habe ich versucht, aber er beißt sie immer kaputt. Außerdem ist es gegen seine Natur, an der Leine zu laufen.«

Sparrow zuckte mit den Schultern. »Ich schätze, wir Kater sind es gewöhnt, frei herumzustreifen.« Er griff über seine Schulter nach der Gitarre, die auf seinem Rücken hing, und spielte einen Akkord. »FREI!«, sang er etwas schräg. »Hey, was machst du mit ihm, wenn er ein ausgewachsener Löwe ist?«

»Oh, das wird nicht passieren. Clipper ist verzaubert. Er wird immer ein Jungtier bleiben.« Sie lächelte höflich. »Ich muss jetzt …« Sie versuchte, um Sparrow herumzugehen, aber die Stufen waren zu schmal.

»Hey, du musst dir unbedingt meinen neuen Song anhören. Ich werde ihn auf meinem Konzert vorstellen.« Sparrow hatte eine Rockband, die Sparrow und die Heiteren Kerle hieß. Sie hatten mal hier und mal dort gespielt, aber dies würde ihr erstes großes Konzert werden. Bisher waren allerdings noch nicht viele Eintrittskarten verkauft worden. Die Leute standen nicht so sehr auf Sparrows Musik. Sie standen auch nicht sehr auf Sparrow, vermutete Holly, aber die Einnahmen des Konzerts sollten einem guten Zweck dienen.

»Ich habe wirklich keine Zeit. Ich komme schon zu spät zu meinem Termin«, begann Holly, sich herauszureden, doch Sparrow hatte schon ein paar schrille Akkorde gespielt. Sie hallten durchs ganze Treppenhaus. »GIRL!«, sang er. »Du rockst meine MÄRCHENWELT Noch mehr Akkorde. »Du bedeutest mir mehr als GELD Das Echo war so intensiv, dass Hollys Zähne zu vibrieren begannen. »Du …« Er hörte auf zu singen. »An diesem Reim arbeite ich noch.«