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Inhaltsverzeichnis

Buch
Außerdem von Charlotte Link bei Blanvalet lieferbar:
Prolog
Erster Teil
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Zweiter Teil
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Dritter Teil
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Epilog
Vorschau
Copyright

Außerdem von Charlotte Link bei Blanvalet lieferbar:

Die Sünde der Engel (TB 37291)
Die Täuschung (TB 37299)
Sturmzeit ( TB 37416)
Wilde Lupinen (TB 37417)
Die Stunde der Erben (TB 37418)
Das Haus der Schwestern (TB 37534)
Das andere Kind (geb. Ausgabe 0279)

Epilog

Der Wirt vom Le Nautique in St. Peter Port näherte sich dem Tisch am Fenster, an dem die zwei alten Damen saßen.

»Zwei Sherry, wie immer?« fragte er.

»Zwei Sherry, wie immer«, antwortete Beatrice, »und zweimal Salat. Avocado mit Orangen.«

»Gern. Kommt sofort!« Er lächelte. »Nicht zu glauben, nicht wahr? Bald ist es ein Jahr her, daß wir uns hier über die gestohlenen Schiffe unterhalten haben. Wie hieß noch die Yacht, die sie damals gerade geklaut hatten? Sie hatte so einen eigenartigen Namen ...«

»Heaven Can Wait«, sagte Beatrice, »so hieß sie.«

»Richtig. Heaven Can Wait. Mein Gott, und jetzt hat Ihr Sohn die Bande zur Strecke gebracht!«

»Das ist ein wenig übertrieben formuliert. Aber er hatte im richtigen Moment den richtigen Instinkt.«

»Tragisch, der Tod von Mr. Hammond! Wer hätte gedacht, daß auf unserer friedlichen Insel so schreckliche Dinge geschehen können? «

»Die können überall geschehen. Das ist nun einmal so.«

»Ja, ja«, seufzte der Wirt. Im Grunde hatte er den Wirbel genossen, der sich um die zahlreichen Diebstähle und die zwei Morde entfacht hatte. Ein richtiges Drama war immer gut fürs Geschäft. Die Leute saßen zusammen und redeten sich die Köpfe heiß, tranken doppelt soviel wie sonst und merkten es gar nicht. Ihm hatte es nur recht sein können.

Er eilte davon, die Wünsche der Damen zu erfüllen. Mae sagte: »Ich mag ihn nicht besonders. Er ist so sensationsgierig.«

Sie selbst hatten die Ereignisse sichtlich mitgenommen. Zwei Menschen, die sie geschätzt hatte, die Teil ihres Lebens gewesen waren, waren innerhalb kürzester Zeit auf gewaltsame Weise ums Leben gekommen. Irgendwie schien es ihr, als könne sie es noch nicht richtig fassen. Es kam ihr alles so unwirklich und schrecklich vor. Sie wünschte, plötzlich aufzuwachen und festzustellen, daß sie in einem bösen Traum gefangen gewesen war, der nichts mit der Wirklichkeit zu tun hatte.

»Die meisten Menschen lieben Sensationen«, sagte Beatrice, »da macht er keine Ausnahme. Helenes und Kevins Tod haben in den letzten Wochen überall auf der Insel für Gesprächsstoff gesorgt und die Leute ergötzt.«

Mae seufzte. Wie üblich hatten sie und Beatrice nicht viel miteinander zu reden, auch wenn Mae den gemeinsamen Abend unter der Ankündigung inszeniert hatte, man werde endlich wieder einmal richtig plauschen können.

Der Sherry wurde gebracht, wie üblich in hohen Sektgläsern, und sie prosteten einander zu.

»Wenn es dir nichts ausmacht, würde ich gern auf Maja trinken«, sagte Mae schüchtern, »darauf, daß sie es endlich packt!«

»Ihr habt großes Glück, daß sie ihr im Chalet-Hotel einen Ausbildungsplatz gegeben haben«, meinte Beatrice. »Immerhin hat sie keinen Schulabschluß. Dafür einen mehr als schlechten Ruf.«

Mae preßte die Lippen zusammen. In all den Jahren hatte sie sich noch nicht an die ungeschminkte Art gewöhnt, mit der Beatrice Tatsachen auf den Punkt brachte. »Maja ist dabei, sich wirklich zu verändern«, verteidigte sie ihre Enkelin. »Das endgültige Ende ihrer Beziehung zu Alan hat sie geschockt. Ich glaube, sie will nun wirklich etwas aus ihrem Leben machen.«

»Nun, vielleicht gelingt es ihr. Wenigstens wärst du ein paar Sorgen los, und das ist dir wirklich zu wünschen.« Es gelang Beatrice nicht, sich wohlwollend über Maja zu äußern. Sie konnte ihr nicht verzeihen, daß sie es verschuldet hatte, Alan in eine tiefe Lebenskrise zu treiben.

Mae sah, daß es ratsam war, das Thema zu wechseln. »Denkst du, Franca wird wirklich ihre Scheidung durchsetzen?« fragte sie mit einigem Zweifel in der Stimme. »Ich fürchte, daß ihr Mann sie so lange bearbeiten wird, bis sie ihr Vorhaben zurückzieht und sich auf einen neuen Versuch mit ihm einläßt.«

»Ich glaube nicht, daß sie das tun wird«, meinte Beatrice.

Sie hatte sich von Franca am Vortag verabschiedet. »Sie wirkte außerordentlich gefestigt.«

Mae konnte ihre Neugier nicht bezähmen. »Und was ist mit Alan? Werden die beiden einander wiedersehen? Du deutetest neulich an, daß ...«

»... daß sie einander sehr gern mögen? Ja, das tun sie. Franca wird Alan in London besuchen, wenn sie in Berlin alles wegen ihrer Scheidung in die Wege geleitet hat. Und dann wird man sehen.«

»Ob das gut gehen kann zwischen zwei Menschen, die so labil sind? « fragte Mae.

»Ich glaube nicht, daß sie labil sind«, sagte Beatrice, »aber sie haben beide sehr schwere Zeiten hinter sich. Sie werden das alles in den Griff bekommen, da bin ich überzeugt.«

»Na ja...«, machte Mae, und dann schwiegen sie wieder beide und sahen hinaus, wo ein warmer Junitag kaum merklich in einen hellen, langen Abend überging. Die Masten der Segelschiffe ragten in einen lichtblauen Himmel. Die meisten Menschen, die an der Uferpromenade entlangschlenderten, leckten an einem Eis. Auf den Zinnen von Castle Cornet wehte die britische Flagge.

Der Wirt brachte die beiden Salatteller und stellte gleich noch eine Vase auf den Tisch. »Ihr Tisch hatte gar keine Blumen«, sagte er, »das geht natürlich nicht!«

In der Vase stand eine dunkelrote Rose. Beatrice berührte die samtigen Blütenblätter mit den Fingerspitzen. Wie schön sie sich anfühlt, dachte sie, wie wunderschön sie aussieht.

Sie wartete auf das Gefühl, das sich immer unweigerlich einstellte, wenn sie eine Rose sah. Das Gefühl, um ihr Leben betrogen worden zu sein. Das Gefühl, daß ihr keine Wahl geblieben war.

Nach einigen Sekunden begriff sie, daß es diesmal nicht kam. Es blieb dabei, daß sie die Rose schön fand. Daß sie es genoß, die weichen Blüten ganz zart zwischen den Fingern zu reiben. Daß sie Lust hatte, ihren Duft einzuatmen.

Das ist neu, dachte sie erstaunt.

»Du schaust diese Rose an, als hättest du noch nie eine gesehen«, bemerkte Mae, »dabei hast du nun wirklich jahrelang an der Quelle gesessen!«

»In gewisser Weise«, sagte Beatrice nachdenklich, »habe ich auch noch nie eine Rose gesehen. Nicht mit den Augen, mit denen ich sie heute sehe.«

Mae überlegte, was ihre Freundin meinen könnte, aber ihr fiel nichts ein, und sie sagte sich, Beatrice werde eben mit zunehmendem Alter immer wunderlicher.

»Hast du noch etwas von Julien gehört?« fragte sie.

»Nein«, sagte Beatrice, »natürlich nicht. Er kann es wohl für lange Zeit nicht riskieren, irgendwo in Erscheinung zu treten.«

»Hättest du dir vorstellen können, daß er gemeinsame Sache mit Verbrechern macht?« fragte Mae.

»Ach«, sagte Beatrice, »bei Julien konnte ich mir eigentlich immer alles vorstellen.«

»Hm«, machte Mae. Sie musterte Beatrice nachdenklich.

»Wie geht es dir jetzt so?« fragte sie. »Ich meine, so ganz allein im Haus. Ohne Helene?«

»Ich vermisse sie«, sagte Beatrice.

Mae starrte sie an. »Ja?«

»Ja.« Beatrice sah an ihr vorbei hinaus zum Hafen. Etwas hatte sich verändert. Sie hatte ihren Frieden gemacht. Spät in ihrem Leben, aber doch noch zu guter Letzt. Ihren Frieden mit den Rosen.

Und mit Helene.

»Komm«, sagte sie zu Mae, »laß uns bezahlen und dann nach Hause fahren. Ich bin müde.«

»In Ordnung«, sagte Mae.

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1

Ein Morgen war wie der andere. Um sechs Uhr früh klingelte Beatrices Wecker. Sie gönnte sich fünf Minuten, in denen sie still liegen blieb, die Wärme des Bettes und die Ruhe um sich herum genoß. Eine Ruhe, die unterbrochen wurde von einigen vertrauten Geräuschen ringsum: Vogelgezwitscher aus dem Garten, manchmal, wenn der Wind günstig stand, ein leises Meeresrauschen. Irgendwo im Haus knackten ein paar Holzdielen, kratzte sich einer der Hunde, tickte eine Uhr. Dann schob sich Beatrices Schlafzimmertür einen Spalt weit auf, und Misty streckte ihre Nase hinein. Mistys Fell hatte die bleigraue Farbe des Nebels, der im Herbst über Petit Bôt Bay lag, und daher war der Name Beatrice sofort durch den Kopf geschossen, als sie den Hund als Welpen zum erstenmal im Arm gehalten hatte. Damals bestand Misty nur aus großen, tapsigen Pfoten, aus weichem, buschigem Fell und aus lebhaften, kohlschwarzen Knopfaugen. Heute hatte sie die Größe eines Kalbes.

Misty nahm Anlauf und sprang aufs Bett, das unter ihrem Gewicht schwankte und ächzte. Sie kuschelte sich in die Decken, wälzte sich auf den Rücken, streckte alle viere in die Luft und schleckte Beatrice kurz mit der Zunge über das Gesicht – ein triefend nasser, von Herzen kommender Liebesbeweis.

»Misty, runter vom Bett«, befahl Beatrice halbherzig, und Misty, die wußte, daß sie auf den Protest der Hausherrin nichts geben mußte, blieb, wo sie war.

Für Beatrice waren die fünf Minuten der Beschaulichkeit vorbei. Sie stand schwungvoll auf und ignorierte, so gut sie konnte, die leichte Steifheit ihrer Gelenke, die ihr verriet, daß sie nicht mehr so jung war, wie sie sich manchmal fühlte. Sie wollte keineswegs so werden wie Mae, die sich von morgens bis abends mit ihrem Körper beschäftigte, ständig in ihn hineinlauschte und jeden dritten Tag beim Arzt saß, weil sie meinte, daß irgend etwas in ihrem Inneren nicht stimmte. Nach Beatrices Ansicht zog sie sich damit die Unpäßlichkeiten überhaupt erst heran. Aber darüber hatten sie schon oft gesprochen, ohne daß eine von ihnen ihre Meinung geändert hätte. Ihre Freundschaft bestand ohnehin im wesentlichen darin, sich gegenseitig mit kopfschüttelnder Verwunderung zu betrachten.

Während sie im Bad unter der Dusche stand, überlegte Beatrice, was sie am heutigen Tag tun würde. Sie konnte sich derlei Überlegungen inzwischen leisten, denn aus dem eigentlichen Berufsleben, das früher ihren Tagesablauf bestimmt hatte, hatte sie sich zurückgezogen. Ihren Rosengarten versorgte sie nur noch zu ihrem privaten Vergnügen, wobei das Wort »Vergnügen« den Sachverhalt nicht wirklich wiedergab. Aber die Rosen waren nun einmal da, also kümmerte sie sich auch um sie. Ab und zu, wenn jemand vorbeikam, der Rosen kaufen wollte, Touristen vor allem, gab sie noch welche ab. Aber sie inserierte nicht mehr in den einschlägigen Zeitschriften und hatte den Versand völlig eingestellt. Sie versuchte auch nicht mehr, neue Sorten heranzuzüchten. Das überließ sie anderen, und überhaupt: Es hatte ihr nie übermäßig Spaß bereitet. Wenn sie aus dem Bad kam, waren ihr meist an die hundert Dinge eingefallen, die erledigt werden mußten, und in ihren Bewegungen lagen bereits die Schnelligkeit und Ungeduld, die typisch für sie waren. Alles, was sie tat, schien sie stets in Eile zu tun, was die meisten Menschen in ihrer Umgebung als äußerst anstrengend empfanden.

Von halb sieben bis halb acht ging Beatrice mit ihren Hunden spazieren. Außer Misty gab es noch zwei weitere Mischlinge, beide groß, undefinierbar in der Zusammensetzung ihrer Rassen und wild. Beatrice liebte Hunde ausnahmslos, umgab sich jedoch am liebsten mit solchen, die die Statur von Ponys oder Kälbern hatten. Die Hunde tobten sofort los, kaum daß Beatrice ihnen die Haustür geöffnet hatte. Das Haus lag oberhalb des Dorfes Le Variouf, und man konnte von hier aus bis zum Meer blicken. Die Landschaft ringsum bestand aus weiten Wiesen, die gelegentlich von Baumgruppen durchsetzt waren. Bäche plätscherten in Richtung Meer, und an ihren Ufern standen hier und da baufällig gewordene Mühlen, die in früheren Zeiten mit Wasserkraft betrieben worden waren. Steinerne Mauern umgrenzten weitläufige Weiden, auf denen Rinder und Pferde grasten. Die Luft roch nach Salz und Wasser, nach Algen und Sand. Je näher man dem Meer kam, desto frischer wurde der Wind, desto klarer die Luft. Bald hatte Beatrice den Klippenpfad erreicht und konnte das Wasser sehen. Nur noch wenige Bäume standen hier, windzerzaust und flach. Der Weg wurde gesäumt von wilden Hecken, Stechginster-, aber auch Brombeerhecken, an denen dicke, reife Früchte hingen. Die Hunde, animiert vom Schreien der Seevögel und vom Wind in ihren Nasen, jagten laut bellend davon. Beatrice wußte, daß sie jeden Fußbreit Boden genau kannten, und machte sich wegen ihrer halsbrecherischen Sprünge keine Gedanken. Sie blieb auf der Anhöhe über dem Wasser stehen und atmete tief durch.

Obwohl es noch früh am Tag war, hatte sich die Sonne schon ein Stück über den östlichen Horizont hinaufgeschoben und warf rotgefärbte Strahlen über die Wellen. Der Septembertag war klar und würde wieder fast hochsommerlich heiß werden. Schon die ganze letzte Woche über war es ungewöhnlich warm gewesen für die Jahreszeit. Das Heidekraut an den oberen Klippen leuchtete rötlich, unten in den Buchten glänzte hell der Sand. Kormorane und Seeschwalben machten sich auf zu den ersten Beutezügen des Tages.

Beatrice setzte ihren Weg auf dem Pfad fort. Ab und zu pflückte sie im Vorbeigehen eine Brombeere, schob sie genießerisch in den Mund. In gewisser Weise war dies ein Ablenkungsmanöver. Diese Minuten des Tages, dieser Spaziergang hoch über dem Meer, gehörten zu den gefährlichsten Momenten ihres Alltags. Mit der Petit Bot Bay, zu der dieser Weg führte, verbanden sich zu viele Erinnerungen, gute und schlechte, aber das machte fast keinen Unterschied. In den schlechten Erinnerungen lebten alte Schrecken wieder auf, und zum Teil hatten sie bis zum heutigen Tag nichts von ihrer Macht verloren. Und den guten Erinnerungen haftete die Erkenntnis der Unwiederbringlichkeit an, die Trauer darüber, daß Momente des Glücks das Leben streifen, sich aber nicht in ihm verankern können. Beatrice hatte sich jede Regung von Selbstmitleid schon vor langer Zeit verboten, aber manchmal konnte sie sich des bitteren Gedankens nicht erwehren, daß ihr das Leben nicht allzuviel Glück gebracht hatte. Wenn sie daran dachte, mit welcher Leichtigkeit und Zufriedenheit Mae immer gelebt hatte - zumindest dann, wenn sie sich nicht gerade mit eingebildeten Krankheiten oder mit düsteren Prognosen, die Zukunft der Welt betreffend, herumschlug. Mae hatte nie eine echte Tragödie durchleiden müssen; das bisher schmerzlichste Ereignis war der Tod ihres Vaters fünf Jahre zuvor gewesen: Er war, zweiundneunzigjährig, in einem schönen Altersheim bei London einem Herzschlag erlegen, und Beatrice fand, daß er einen besseren Lebensabend und einen leichteren Tod gehabt hatte als viele andere Menschen. Mae hatte den Anschein erweckt, ein Drama durchstehen zu müssen, während ihre alte Mutter, die allein in dem Heim zurückblieb, den Schicksalsschlag mit großer Würde hingenommen hatte.

Mae war von ihrem Mann auf Händen getragen worden, ihre Kinder hatten sie nie enttäuscht, und auch ihre Enkel entwickelten sich zu Prachtexemplaren. Außer Maja vielleicht, vor der kein Mann auf der Insel sicher war, aber sie mochte zu einem durchaus gefestigten Menschen werden, wenn ihre Sturm-und-Drang-Zeit erst hinter ihr lag. Nein, Mae war nie wirklich böse behandelt worden vom Leben.

Und ich? fragte sich Beatrice. Bin ich böse behandelt worden vom Leben?

Es war die Frage, die ihr fast jedesmal hier oben auf dem Klippenpfad durch den Kopf schoß, und sie war der Grund, weshalb Beatrice manchmal dachte, es sei besser, die Bay und ihre Umgebung zu meiden. Doch bisher war es ihr noch immer geglückt, die Frage unbeantwortet zu lassen und wieder zu verdrängen, und mit einer Art wütendem Trotz schlug sie jeden Morgen denselben Weg ein, den sie nun schon seit Jahrzehnten nahm und von dem sie sich ein paar quälender Gedankengänge wegen nicht vertreiben lassen wollte.

Sie schob die Frage nach den Widrigkeiten in ihrem Leben auch an diesem Morgen zur Seite und rief nach den Hunden – Zeit, den Rückweg anzutreten. Helene saß sicher schon aufrecht im Bett und erwartete ihren Morgentee. Beatrice wußte, wie ungeduldig sie ihrer Rückkehr vom Spaziergang entgegensah. Nicht, weil sie etwa hungrig oder durstig gewesen wäre. Aber nach einer langen Nacht gierte Helene nach einem Menschen, bei dem sie jammern und klagen konnte. Helene weinte gern und viel, und ähnlich wie Mae beschäftigte auch sie sich allzuviel mit zahlreichen Wehwehchen. Aber während Mae auch ihre sehr fröhlichen, kumpelhaften Seiten hatte, bestand Helene oft nur aus Unzufriedenheit und Genörgel.

»Kommt, Jungs!« sagte Beatrice zu den Hunden – Misty als einziges Weibchen bezog sie einfach in diesen Sammelbegriff mit ein –, »wir müssen heim und uns um Helene kümmern! «

Die Hunde schossen herbei und trabten nun im Rudel vor Beatrice her in Richtung Heimat. Hatte sie zuvor die Aussicht auf ein wildes Toben am Meer gereizt, so lockte nun die Erwartung eines üppigen Frühstücks daheim.

Sie sind immer zufrieden, dachte Beatrice, weil die ganz einfachen Dinge im Leben wichtig für sie sind. Sie stellen nichts in Frage. Sie leben einfach.

Auf dem Rückweg lief sie noch flotter als auf dem Hinweg, und als sie zu Hause ankam, hatte sie alle quälenden Gedanken abgeschüttelt.

Das Haus, gemauert aus dem bräunlichen Granit der Insel, umgeben von Rosen, Rhododendren und riesigen blauen Hortensien, lag wie ein kleines, friedvolles Paradies im Licht des Morgens. Die grünen Fensterläden standen weit offen, nur die vor Helenes Fenster im ersten Stock waren geschlossen. Es war genau halb acht. Jeder auf der Insel Guernsey hätte nach Beatrice die Uhr stellen können.

 

Um zehn vor acht betrat Beatrice Helenes Zimmer. Sie trug ein Tablett, auf dem eine Tasse Tee und ein Teller mit zwei Scheiben Toastbrot standen. Helene behauptete zwar stets, morgens überhaupt nichts essen zu können, aber auf geheimnisvolle Weise waren die Brote später immer verschwunden. Beatrice hatte einmal danach gefragt, und Helene hatte geantwortet, sie habe die Vögel damit gefüttert, aber Beatrice hatte das nur halb geglaubt. Helene war zart und schlank, doch sie sah keineswegs abgemagert aus, und es war klar, daß sie heimlich mehr aß, als sie zugab.

Sie hatte die Nachttischlampe eingeschaltet und saß aufrecht in ihren Kissen. Sie mußte bereits im Bad gewesen sein, denn ihre Haare waren gekämmt, und auf ihren Lippen lag ein Schimmer von hellrosafarbenem Lippenstift. Gereizt fragte sich Beatrice, warum sie, wenn sie schon aufstand, nicht auch in der Lage war, Fenster und Fensterläden zu öffnen. Ihr Zimmer, dunkel, warm und stickig, erinnerte an eine Gruft, und vermutlich war dies auch genau der Eindruck, den Helene erwecken wollte. Sie war achtzig Jahre alt und konnte manchmal etwas vergeßlich und konfus sein, aber sie bewies immer noch einen erstaunlichen Scharfsinn, wenn es darum ging, das Mitleid ihrer Umwelt zu erregen.

Helene wollte von morgens bis abends bedauert werden. Beatrice wußte, daß sie nicht immer so gewesen war, aber sie hatte stets den Hang gehabt, sich in ein Gefühl der Schutzlosigkeit hineinzusteigern und die Menschen um sich herum zu zwingen, ihr Mitleid und Anteilnahme entgegenzubringen und ihr hilfreich zur Seite zu stehen. Mit den Jahren hatte sich diese Neigung verfestigt, und inzwischen gab es nur noch wenige, die ihre ständige Larmoyanz ertrugen.

»Guten Morgen, Helene«, sagte Beatrice und stellte das Tablett auf einen Tisch neben das Bett. »Hast du gut geschlafen?«

Sie kannte die Antwort, und sie kam prompt. » Ich habe fast kein Auge zugetan, ehrlich gesagt. Die ganze Nacht habe ich mich herumgewälzt, ein paarmal habe ich das Licht angemacht und zu lesen versucht, aber abgespannt, wie ich zur Zeit bin, konnte ich mich einfach nicht konzentrieren, und ... «

»Es ist einfach zu heiß hier drinnen«, unterbrach sie Beatrice. Schon nach einer halben Minute in der dumpfschwülen Luft des Zimmers hatte sie das Gefühl, kaum noch atmen zu können. »Warum du im Sommer bei geschlossenem Fenster schläfst, werde ich nie begreifen! «

»Es ist nicht mehr Sommer! Heute ist der 2. September!«

»Aber es ist heiß wie im Sommer!«

»Ich habe Angst, daß jemand einsteigen könnte«, sagte Helene verzagt.

Beatrice gab einen verächtlichen Laut von sich. »Also, Helene, wirklich, wie sollte das denn gehen? Da ist doch nichts, woran jemand heraufklettern könnte!«

»Die Mauer ist nicht ganz glatt. Ein geschickter Fassadenkletterer könnte ... «

Beatrice öffnete das Fenster und stieß die Läden weit auf. Samtigfrische Morgenluft strömte ins Zimmer. »Solange ich denken kann, schlafe ich bei offenem Fenster, Helene. Und noch nie ist irgend jemand bei mir eingestiegen. Nicht einmal in den Jahren, in denen ich jung war und es vielleicht ganz gerne gehabt hätte«, setzte sie hinzu, bemüht, durch einen Scherz den Ärger abzumildern, der wahrscheinlich in ihrer Stimme gelegen hatte.

Helene lächelte nicht. Sie kniff die Augen in der plötzlichen Helligkeit zusammen, griff nach ihrer Teetasse, nippte daran. »Was hast du heute vor?« fragte sie.

»Ich wollte mich heute vormittag um den Garten kümmern. Nachmittags bin ich mit Mae verabredet. In St. Peter Port.«

» Ja? Helenes Stimme klang hoffnungsvoll. Sie wurde von Beatrice und Mae manchmal mitgenommen, wenn diese sich irgendwo auf der Insel zum Spazierengehen oder zum Einkaufen trafen, und Helene liebte es, mit Mae zusammenzusein. Mae behandelte sie stets sehr fürsorglich, war liebevoller und warmherziger zu ihr als Beatrice. Sie erkundigte sich ausführlich nach Helenes Befinden, hörte sich geduldig alle Klagen an. Nie fuhr sie ihr gereizt über den Mund, wie Beatrice das oft tat, nie gab sie ihr das Gefühl, eine lästige alte Person zu sein, die allen nur auf die Nerven fiel. Mae war immer reizend und nett. Leider hatte selten sie zu bestimmen, was passierte; den Ton gab meist Beatrice an, und die war kaum je erpicht darauf, Helene irgendwohin mitzunehmen.

Auch jetzt erwiderte sie nichts auf das fragende »Ja?«, sondern machte sich im Zimmer zu schaffen, räumte Helenes Wäsche vom Vortag weg, suchte frische aus einer Kommode hervor und legte sie auf einem Sessel zurecht.

»Was wollt ihr denn machen in St. Peter Port?« hakte Helene nach. »Kaffee trinken?«

»Ich fahre nie irgendwohin, um einfach nur Kaffee zu trinken, Helene, das weißt du doch! « sagte Beatrice ungeduldig. »Nein, wir haben einfach verschiedene Dinge zu erledigen. Maja wird dabei sein, sie soll sich ein Geburtstagsgeschenk aussuchen, das Mae ihr kaufen will, und von mir soll sie auch irgendeine Kleinigkeit bekommen. «

»Maja hat doch erst nächsten Monat Geburtstag«, nörgelte Helene. Sie stand Maes Enkelin mit gemischten Gefühlen gegenüber, versuchte sich jedoch neutral zu verhalten. »Wie alt wird sie denn?«

»Zweiundzwanzig. Sie will eine Party veranstalten und möchte dafür etwas zum Anziehen haben, das so sexy ist, daß es die Männer anlockt wie Honig die Bienen – so hat sie es jedenfalls ausgedrückt.«

Helene seufzte. Für Majas promiskuitiven Lebenswandel konnte eine anständige Frau nur Verachtung übrig haben, aber manchmal entdeckte sie zu ihrer großen Verblüffung auch einen Hauch von Neid zwischen all den Schichten von Ablehnung und Entrüstung und moralischer Genugtuung darüber, daß Maja wenigstens gelegentlich die Quittung für ihre ungehemmten Ausschweifungen bekam – in Form eines blauen Auges etwa, das ihr ein gekränkter Liebhaber verpaßte, oder in der eines schmerzhaften Eingriffes, mit dem sie die unerwünschten Folgen einer Liebesnacht beseitigen lassen mußte. Maja hatte schon zweimal abgetrieben – jedenfalls wußte Helene von zwei Abbrüchen, es mochten aber tatsächlich auch mehr gewesen sein. Mae hatte Helene anvertraut, daß Maja Weltmeisterin darin war, die Einnahme der Pille zu vergessen. Helene sagte sich, daß auf ganz Guernsey – sowie auf den Nachbarinseln – vermutlich kein Mann zu finden war, der jemals bereit wäre, Maja zu heiraten, eine Frau, die es mit beinahe jedem Mann getrieben hatte, der ihren Weg kreuzte. Also wahrlich kein Grund, neidisch zu sein! Dennoch nagte da manchmal etwas; sie konnte sich nicht recht erklären, woher das Gefühl kam, und vielleicht wollte sie es sich auch gar nicht erklären, weil Erkenntnisse in diesen Fragen nur Schmerz bedeutet hätten. Auch wenn sie die Tatsache mit einbezog, daß sie in einer anderen Zeit jung gewesen war als Maja und daß das Leben damals nach anderen Wertvorstellungen geordnet gewesen war, so konnte sie doch dann und wann nicht anders, als Vergleiche zwischen der jungen Helene und der jungen Maja anzustellen. Und jedesmal löste dies einen eigenartig heftigen Schmerz in ihr aus.

Du hättest mehr vom Leben haben können, wenn du dir mehr genommen hättest, hatte eine barsch klingende Stimme in ihrem Innern einmal zu ihr gesagt, und seither war diese Stimme nie mehr ganz verstummt.

»Ich würde Maja auch gerne etwas schenken«, sagte sie nun rasch, »ich komme mit euch, und sie könnte sich etwas aussuchen. «

Beatrice seufzte; sie hatte gewußt, daß Helene es wieder einmal versuchen würde.

»Helene, du willst Maja doch gar nichts schenken, und das erwartet auch kein Mensch von dir«, sagte sie. »Du magst Maja nicht besonders, was dein gutes Recht ist, und du brauchst nicht an ihrem Geburtstag so zu tun, als ob das anders wäre.«

»Aber...

»Du willst einfach mit, weil du wieder einmal nicht weißt, was du sonst mit dir anfangen sollst. Das ist wirklich keine gute Idee. Du weißt, wie Maja ist, wenn man ein Geschenk für sie kauft – sie jagt kreuz und quer durch alle Geschäfte, und schon Mae und ich kommen kaum hinterher. Mit dir im Schlepptau wären wir völlig unbeweglich, denke nur an die vielen steilen Straßen und Treppen in St. Peter Port und an dein Rheuma!«

Helene war zusammengezuckt, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Du kannst wirklich sehr kalt sein, Beatrice. Warum sagst du nicht gleich, daß ich euch lästig bin?«

»Dann würdest du mich ja noch kälter finden«, entgegnete Beatrice und wandte sich zur Tür. Sie hatte alles im Zimmer einigermaßen geordnet und aufgeräumt, und es befiel sie schon wieder das Gefühl, jeden Augenblick zu ersticken, wenn sie noch länger Helenes quengeliger Stimme lauschte und in ihr blasses Gesicht blickte.

»Es wird ein sehr schöner Tag werden. Du kannst dich in den Garten setzen und lesen und dich freuen, daß du nicht in der Gegend herumlaufen mußt.« «

Helene kniff die Lippen zusammen. Andere Menschen sahen unsympathisch aus, wenn sie einen schmalen Mund bekamen, nicht aber Helene. Sie wirkte noch immer mitleiderregend.

»Wenn du dich schon so für Majas Geburtstag engagierst«, stieß sie hervor, »denkst du dann gelegentlich wohl auch daran, daß ich bald Geburtstag habe?«

»Das kann ich ja nun beim besten Willen nicht vergessen«, entgegnete Beatrice barsch.

Wie sollte sie auch? Sie und Helene hatten am selben Tag Geburtstag - am 5. September. Allerdings war Helene zehn Jahre früher geboren. Und überdies nicht auf Guernsey, so wie Beatrice.

Sondern in Deutschland.

 

Sie hatte Rindermist kommen lassen von einem Bauern aus Le Variouf. Damit wollte sie die Rosen düngen, zum letztenmal in diesem Jahr. Rindermist eignete sich am besten, viel besser als jeder andere Dünger, den man in Geschäften kaufen konnte. Sam, der Bauer, war gleich nach dem Frühstück erschienen und hatte eine Fuhre abgeliefert. Das Zeug stank jetzt im Schuppen vor sich hin, und Beatrice hatte irgendwie keine Lust, mit der Arbeit anzufangen. Vielleicht war es einfach zu heiß. Auch Sam hatte gemeint, es werde fast unerträglich warm werden - auf jeden Fall viel zu warm für die Jahreszeit.

»Das habe ich schon beim Aufstehen gemerkt«, hatte er gesagt, den Hut aus der Stirn geschoben und sich mit einem Taschentuch den Schweiß abgewischt. »Wird verdammt heiß heute, hab ich gedacht. Und da war wenigstens noch eine Brise in der Luft. Jetzt regt sich nichts mehr, merken Sie das? Kein Windhauch, nichts! Wird hart heute mit der Arbeit!«

»Ausgerechnet heute muß ich in die Stadt«, hatte Beatrice gesagt, »aber da kann man nichts machen. Ich werde es schon überleben. «

»Klar. Sie überleben alles, Mrs. Shaye!« Er hatte gelacht und trotz der Hitze den Schnaps angenommen, den sie ihm anbot. Sam trank gerne einen kräftigen Schluck zwischendurch, aber er mußte es heimlich tun, weil seine Frau schimpfte, wenn sie etwas davon mitbekam.

Beatrice mußte an seine Worte denken, während sie durch den Garten wanderte, einen großen Hut zum Schutz vor der Sonne auf dem Kopf, einen Strohkorb am Arm und eine Gartenschere in der Hand, mit der sie Verblühtes abschnitt und Wildtriebe an den Rosen kappte. Eine ruhige, angenehme Beschäftigung, der Wetterlage angemessen.

Sie überleben alles, Mrs. Shaye!

Sie wußte, daß sie den Ruf hatte, unverwüstlich zu sein und sich von nichts und niemandem unterkriegen zu lassen, und manchmal wunderte sie sich über die Hartnäckigkeit, mit der ihre Umgebung an dieser Überzeugung festhielt. Sie selbst fühlte sich nicht einmal halb so stark, wie das die Menschen ringsum offensichtlich von ihr dachten. Eher hatte sie den Eindruck, daß es ihr geglückt war, einen recht stabilen Panzer um sich herum zu errichten, der allem standhielt, was von außen herandrängte, und der vor allem ihr Innenleben vor neugierigen Blicken schützte. Dort gab es, so meinte sie von Zeit zu Zeit zu spüren, noch eine Reihe Wunden, die bis heute nicht aufgehört hatten zu bluten. Das Gute war, daß offenbar wirklich niemand sie zu entdecken vermochte.

Sie schnippelte rasch und geübt an ihren Rosen herum, allerdings ohne ein einziges Wort an sie zu richten. Ihr Vater hatte immer mit den Rosen gesprochen und behauptet, dies sei außerordentlich wichtig.

»Sie sind Lebewesen. Sie brauchen Zuwendung und das Gefühl, ernst genommen und gemocht zu werden. Sie spüren genau, wenn man es gut mit ihnen meint, ihren Charakter, ihre Wesenszüge und Eigenarten respektiert. Und genauso merken sie es, wenn du sie herablassend und gleichgültig behandelst.«

Als kleines Mädchen hatte Beatrice diesen Worten andächtig gelauscht und keine Sekunde lang an ihrer Richtigkeit gezweifelt. Aber Andrew Stewart, ihr Vater, war für sie sowieso gleich nach dem lieben Gott gekommen, und es gab schlechthin nichts auf der Welt, was sie ihm nicht gläubig abgenommen hätte. In gewisser Weise war sie auch heute noch der Ansicht, daß er recht gehabt hatte, aber sie hatte seine Worte nie umsetzen können. Irgendwann, in den harten Jahren des Krieges und in den schweren Zeiten danach, war ihr die Fähigkeit abhanden gekommen, seine gemütvolle, sanfte und von einer echten Liebe zur Schöpfung durchdrungene Art zu leben für sich selbst zu übernehmen. Andrew war zu verletzbar gewesen, und das konnte und wollte sie sich nicht leisten. Und irgendwie wurde sie die Vorstellung nicht los, daß ein Mensch, der mit den Rosen sprach, dem Leben die Breitseite zum Angriff bot. Es mochte eine fixe Idee sein, ein Vorurteil, nicht zu belegen, aber es bewirkte, daß sie nicht in der Lage war, auch nur ein einziges Wort an ihre Rosen zu richten. Sie hatte es seit ihrem fünfzehnten Lebensjahr nicht mehr fertiggebracht. Eine Ahnung sagte ihr, es werde einem Dammbruch gleichkommen, wenn sie es tat.

Als Helene vom Haus her rief, Beatrice möge ans Telefon kommen, war sie dankbar für die Gelegenheit, ein paar Minuten lang der immer drückender werdenden Hitze zu entkommen.

»Wer ist es denn?« fragte sie, als sie in den Flur trat. Helene, inzwischen mit einem rosafarbenen seidenen Morgenmantel bekleidet, stand vor dem Spiegel und hielt den Telefonhörer in der Hand.

»Es ist Kevin«, sagte sie, »er möchte dich etwas fragen.«

Kevin züchtete ebenfalls Rosen, stand aber im Unterschied zu Beatrice noch mitten im Geschäftsleben. Er war achtunddreißig Jahre alt und schwul, und er hing mit einer rührenden Zuneigung an den beiden alten Damen aus Le Variouf. Seine Gärtnerei lag zwanzig Autominuten entfernt an der Südwestspitze der Insel.

Kevin rief oft an; er fühlte sich häufig einsam und hatte es zu einer wirklich intakten, stabilen Partnerschaft noch nicht gebracht. Seine langjährige Beziehung zu einem jungen Mann namens Steve war gerade zerbrochen, sein gleichzeitig verlaufendes Verhältnis zu einem etwas zwielichtigen Franzosen bestand ebenfalls nicht mehr. Im Augenblick schien es niemanden für ihn zu geben. Guernsey bot wenig Möglichkeiten für Homosexuelle. Kevin träumte davon, eines Tages nach London zu ziehen und dort den »Mann fürs Leben« zu finden - wobei jeder, der ihn kannte, wußte, daß Kevin seine Insel nie verlassen würde. Und für das rauhe Leben in einer Großstadt war er schon gar nicht geschaffen.

Beatrice nahm Helene den Hörer aus der Hand. »Kevin? Was gibt’s? Findest du nicht auch, daß es heute viel zu heiß ist zum Arbeiten?«

»Ich kann es mir leider nicht leisten, auch nur einen Tag blauzumachen, das weißt du ja«, sagte Kevin. Er hatte eine ungewöhnlich tiefe Stimme, mit der er Frauen am Telefon halb verrückt machen konnte. »Hör zu, Beatrice, ich brauche deine Hilfe. Es ist mir wirklich peinlich, aber ... könntest du mir ein wenig Geld leihen? «

»Ich?« fragte Beatrice überrascht. Kevin pumpte sich häufig Geld, vor allem im vergangenen halben Jahr, aber er wandte sich mit diesem Problem fast immer an Helene. Sie hatte einen Narren an ihm gefressen, und er konnte sicher sein, nie mit leeren Händen davongehen zu müssen.

»Es ist mir unangenehm, schon wieder bei Helene vorstellig zu werden«, sagte Kevin unbehaglich, »sie hat mir ja gerade erst mit einer größeren Summe ausgeholfen. Ich meine, wenn du ... «

»Wieviel brauchst du denn?«

Er zögerte. »Eintausend Pfund«, sagte er schließlich.

Beatrice zuckte zusammen. »Das ist ziemlich viel.«

»Ich weiß. Ich zahle es auch bestimmt zurück. Du mußt dir keine Gedanken machen.«

Natürlich mußte man sich bei ihm Gedanken machen. Beatrice wußte, daß Kevin Helene noch kaum je einen Penny zurückgezahlt hatte. Er hatte das Geld einfach nicht. Er hatte nie Geld.

»Du kannst die Summe haben, Kevin«, sagte sie, »und mit dem Zurückzahlen laß dir einfach Zeit. Aber ich verstehe nicht so recht, warum du immer wieder so große Summen brauchst. Laufen deine Geschäfte so schlecht?«

»Wessen Geschäfte laufen schon gut zur Zeit«, meinte Kevin vage. »Die Konkurrenz ist groß, und die allgemeine wirtschaftliche Lage ist nicht allzu rosig. Außerdem habe ich zwei weitere Gewächshäuser gekauft, und bis sich die Ausgabe amortisiert, wird es eine ganze Weile dauern. Dann jedoch werde ich...«

»Schon gut. Komm morgen vorbei und hole dir einen Scheck ab.« Beatrice mochte nicht seine unhaltbaren Versprechungen hören, und sie mochte ihm auch keine Vorhaltungen machen. Ihrer Ansicht nach lebte Kevin einfach auf zu großem Fuß. Die feinen Seidenkrawatten, die Cashmerepullover, der Champagner ... All dies hatte seinen Preis.

Er wird nie auf einen grünen Zweig kommen, dachte sie.

»Du bist ein Schatz«, sagte Kevin nun voller Erleichterung. »Ich werde mich bei nächster Gelegenheit revanchieren.«

»Gern«, sagte Beatrice. Kevin revanchierte sich auf die immer gleiche Weise. Er konnte kochen wie ein Gott und eine herrliche Dinner-Atmosphäre schaffen – mit Blumen, Kerzen, Kristall und Kaminfeuer. Er liebte es, einen Gast zu umsorgen, zu verwöhnen. Häufig lud er Helene ein, aber das geschah aus einer gewissen Berechnung heraus. Zu Beatrice hingegen sagte er manchmal, sie sei die einzige Frau, in die er sich je verliebt habe.

Nachdem sie das Gespräch beendet hatten, blieb Beatrice noch einen Moment lang nachdenklich im Flur stehen. Sie fand, daß Kevin gehetzt geklungen hatte. Es schien eine Menge für ihn vom Erhalt des Geldes abzuhängen.

Hoffentlich sitzt er nicht tiefer im Schlamassel, als er zugibt, überlegte Beatrice.

»Was wollte Kevin denn? « fragte Helene. Sie hatte sich während des Gesprächs diskret in die Küche verzogen, tauchte nun aber wieder auf und versuchte beiläufig zu erscheinen – was nicht der Wahrheit entsprach. Helene war nie beiläufig. Sie befand sich stets in einer innerlichen Hab-acht-Stellung, war immer wachsam, immer angestrengt, alles mitzubekommen, was im Haus vor sich ging – vor allem, was Beatrice betraf: mit wem sie sprach und worüber, mit wem sie sich traf, was sie vorhatte und warum.

»Du bist neurotisch kontrollsüchtig!« hatte Beatrice ihr einmal entnervt entgegengeschrien, und Helene war in Tränen ausgebrochen, aber es hatte nichts geändert.

»Kevin braucht Geld«, erklärte Beatrice. Ihr war klar, daß Helene ohnehin gelauscht hatte und daß sie daher mit offenen Karten spielen konnte. »Und ich soll es ihm geben.«

»Wieviel?«

»Eintausend Pfund.«

»Eintausend Pfund?« Helene schien wirklich verblüfft. »Schon wieder?«

»Warum? Brauchte er kürzlich erst soviel?«

»Letzte Woche. Ich habe ihm letzte Woche eintausend Pfund gegeben. Wieso kommt er nicht zu mir?

»Wahrscheinlich genau deshalb.« Beatrice versuchte, nicht allzu gereizt zu klingen, aber selbst das kurze Gespräch mit Helene entnervte sie schon. »Er will nicht schon wieder bei dir antanzen und die Hand aufhalten.«

»Wozu braucht er denn ständig soviel Geld?«

»Ich weiß es nicht. Mir ist das nicht geheuer. Ich vermute, er hat einen neuen Liebhaber, der ziemlich teuer ist. Das wäre typisch Kevin.«

»Aber warum... «

»Lieber Himmel, Helene, hör bitte auf, mir Löcher in den Bauch zu fragen! Ich weiß auch nicht, was bei Kevin los ist. Wenn du es unbedingt herausfinden willst, dann geh zu ihm und frage ihn!«

»Du redest schon wieder so gereizt mit mir!«

»Weil du immer alles wissen mußt. Soll ich dir demnächst noch meine Träume aufschreiben und die Zeiten, zu denen ich auf die Toilette gehe?«

Helenes Augen füllten sich mit Tränen. »Immer bist du so häßlich zu mir! Auf Schritt und Tritt zeigst du mir, daß ich dir auf die Nerven gehe. Den ganzen Tag sitze ich da, und niemand kümmert sich um mich, und für niemanden bin ich auch nur im geringsten wichtig. Und wenn ich dann wenigstens ein bißchen an deinem Leben teilhaben will, dann... «

Wenn Helene anfing, ihre Lebensumstände zu beklagen, konnte das endlos dauern, und es würde in einem Meer von Tränen enden. Beatrice hatte nicht den Eindruck, dies jetzt ertragen zu können.

»Helene, vielleicht sollten wir ein anderes Mal deine bedauernswerte Situation besprechen. Ich würde jetzt gerne im Garten mit den Rosen weitermachen und dann losfahren, um Mae zu treffen. Meinst du, das wäre möglich?«

Sie hatte mit jener gefährlichen Höflichkeit in Stimme und Tonfall gesprochen, von der sie wußte, daß Helene sie fürchtete. Tatsächlich biß die alte Frau sich auf die Lippen und wandte sich ab. Sie würde sich jetzt in ihr Zimmer zurückziehen und ihren Tränen dort freien Lauf lassen.

Beatrice sah ihr nach, wie sie langsam die Treppe hinaufstieg, und fragte sich, warum sie unfähig war, Mitleid für die arme, neurotische Person zu empfinden. Helene war eine tief unglückliche Frau, war es immer gewesen. Sie fand einfach keinen Frieden, nicht einmal im Alter.

Und mir gelingt es nicht, sie zu bedauern, dachte Beatrice. Und sie erschrak fast selbst, als sie unwillkürlich in Gedanken hinzufügte: Es gelingt mir nicht, weil ich sie mit jedem Tag mehr hasse.