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Horst Friedrichs

Mein Bruder, der Spion

Action Thriller





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Mein Bruder, der Spion

Action Thriller von Horst Friedrichs

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 106 Taschenbuchseiten.

 

Kidnapper haben Joes Freundin Kimmy in ihrer Gewalt! Sie verlangen eine geheimnisvolle Datei, die von Joes Bruder Vince stammen soll. Voller Verwunderung muss Joe erfahren, dass Vince für den amerikanischen Geheimdienst CIA arbeitet.

 

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

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© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

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Kapitel 1: Die Agenten-Falle

Vince Dale war beruflich in New York, aber über seinen Beruf durfte er nicht sprechen, denn der war genauso geheim wie sein Auftrag. Mit vierundzwanzig Jahren gehörte er eigentlich noch nicht zum alten Eisen. Doch sein erster Aufenthalt in der aufregendsten Stadt der Welt entpuppte sich als die pure Langeweile. Dagegen ging dort, wo er herkam, regelrecht die Post ab, obwohl Ogallala, Nebraska, tiefste Provinz war. Wenn er einmal im Jahr nach Hause fuhr und die alten Freunde traf, war Dauerparty angesagt.

Davon konnte er in der Acht-Millionen-Stadt am Hudson River nur träumen.

Natürlich war New York nicht wirklich zum Gähnen. Nur für ihn, und das lag an dem Job, den er hier zu erledigen hatte. Was hatte er nicht alles gehört über diese Stadt, die sie den Big Apple nannten. Aber für ihn lief überhaupt nichts. Nichts außer Lesen, Fernsehen, Essen und Schlafen. Keine einzige von Manhattans berühmten Superdiscos hatte er besuchen können. Kein Kino und null Sehenswürdigkeiten. Das kam daher, dass er das Hotel nicht verlassen durfte.

Eigentlich nicht.

Nur eine kleine Ausnahme leistete er sich, weil er vom Restaurantessen die Nase voll hatte. Er ging einkaufen. Dreimal täglich. Morgens, mittags, abends. Mehr als zwanzig Schritte musste er dafür nicht zurücklegen, vom Hoteleingang gerechnet. »Danny's Deli« lag auf der anderen Straßenseite, und durch die Ladenfenster hatte Vince Blickkontakt mit dem Portier des Hotels. Der wiederum konnte die ganze Eingangshalle überblicken, bis hin zum Rezeptionstresen. Die Angestellten, die dort im Schichtdienst arbeiteten, wussten alle Bescheid. Sie würden sofort Zeichen geben, wenn jemand nach Vincent Dale fragte.

Er winkte dem Portier noch einmal zu und betrat das kleine Lebensmittelgeschäft an der Ecke 48. Straße und Lexington Avenue. Es duftete nach Frische und Sauberkeit. Schon das Obstbüffet ließ Vince das Wasser im Mund zusammenlaufen. Farbenprächtig und mundgerecht zubereitet lockten die Früchte in den Schalen. Von der Theke für warmes Essen wehte ein Duft nach Gewürzen und Gegrilltem. Weiter hinten gab es gekühlte Getränke und das ganze Programm von Chips bis Schokolade.

»Hi, Jong-Do!«, rief Vince, während er auf den Inhaber zuging. Park Jong-Do stand hinter der warmen Theke. In seinem schwarzen Haar zeichnete sich eine beginnende kahle Stelle ab. Er war mittelgroß und stämmig und hatte diesen komischen Gesichtsausdruck drauf, den man wohl »asiatisch-unergründlich« nennt.

»Hi, Vince«, erwiderte der Koreaner einsilbig.

Es war der siebte Tag, an dem der hoch gewachsene blonde Amerikaner seine Mahlzeiten bei Jong-Do kaufte. Seit dem dritten Tag redeten sie sich mit Vornamen an. Die Leute in New York waren viel freundlicher, als man ihnen nachsagte. Zumindest in »Danny's Deli« und im Hotel »Lexington«, das seinen Namen nach der Avenue trug. An nahezu jeder Straßenecke gab es in der Acht-Millionen-Stadt so einen kleinen Lebensmittelladen, und die meisten waren fest in koreanischer Hand. Alles Familienbetriebe. Sagte Jong-Do. Sein »Deli«, nach seinem früheren Inhaber namens Danny benannt, war ein Musterbeispiel dafür.

An diesem Tag allerdings glänzte die Familie durch Abwesenheit. Die einzige Kundschaft bestand aus einer Gruppe von Backpackers ― so werden in New York die Rucksack-Touristen genannt. Hinten, in der Abteilung gekühlte Getränke, beluden sie sich mit Mineralwasser.

»Was ist los?«, fragte Vince und sah sich um. »Geht der Umsatz in den Keller?«

Jong-Do schüttelte den Kopf. »Meine Frau hat Geburtstag«, antwortete er dumpf.

»Wie bitte?« Vince blinzelte verdutzt. Er blieb vor der Theke stehen und legte die Hände in die Hüften. »Mag sie Ihr Geschenk nicht leiden?«

Jong-Do schüttelte abermals den Kopf. »Wir schenken uns nichts. Wir haben uns, wir haben unsere Kinder, und wir haben unser Auskommen. Ein größeres Geschenk kann man sich gar nicht wünschen. Wissen Sie, Vince, nicht alle sind so glücklich dran wie wir. Nicht in New York und auch nicht in Korea.«

Vince furchte die Stirn, musterte sein Gegenüber forschend.

»Irgendwas ist nicht richtig«, sagte er nach einer Weile. »Kommen Sie, Jong-Do, raus mit der Sprache. Sonst preisen Sie mir die Köstlichkeiten aus der Küche an, und heute ist bei Ihnen Rührseligkeit angesagt. Ich habe jede Menge Zeit zum Zuhören.«

»Einen Moment«, sagte der Koreaner. Mit einer Kopfbewegung deutete er zur Kasse, wo sich die Rucksacktouristen zum Bezahlen versammelten. »Bin gleich wieder da.«

Als er hinter die Theke zurückkehrte und die Kundschaft weg war, suchte er nach Worten und senkte den Blick auf die dampfenden Speisenbehälter.

»Die lieben Verwandten sind da«, erklärte er.

»Zum Geburtstag?«

»Nein.«

Auf einmal ahnte Vince, was hier lief.

Jong-Do war Südkoreaner. Mit den »lieben Verwandten« mussten Agenten aus Nordkorea gemeint sein, einem diktatorischen Staat!

Und Vince war allein. So verdammt allein. In dieser riesigen, gewaltigen Stadt gab es keinen Menschen, an den er sich wenden konnte. Er hatte es gewusst, und er hatte sich darauf eingelassen. Seine Vorgesetzten hatten das Risiko heruntergespielt, bis er selbst überzeugt gewesen war, dass es überhaupt keine Gefahr geben würde.

Auf einmal wusste er es besser.

Schlagartig.

Aber er konnte es niemandem sagen. Denn derjenige oder diejenigen, die ihn im Hotel Lexington treffen wollten, hatten sich noch nicht blicken lassen. Folglich würde auch die Übergabe des Materials nicht stattfinden.

Des Materials!

Er war versucht, ein bitteres Lachen auszustoßen. Er wusste ja nicht mal, um was für ein verdammtes Material es sich handelte. Genau genommen wusste er nichts. Man hatte ihn hergeschickt und bewusst in Kauf genommen, dass er der ahnungsloseste Mensch der Welt war.

Andere mussten nun darunter leiden.

Die glückliche Familie Park nämlich.

Vince Dale schluckte, aber er bekam den Kloß im Hals nicht hinunter.

»Wo?«, fragte er nur.

»Hinten«, antwortete Jong-Do gepresst. Es fiel ihm zunehmend schwer, zu sprechen.

Vince wusste, was mit »hinten« gemeint war. Die Küche, das Lager, ein Aufenthaltsraum. Ihre Wohnung hatten die Parks in Williamsburg, Brooklyn, auf der anderen Seite des East River. In Manhattan zu wohnen, war für Jong-Do einfach zu teuer.

»Machen Sie sich keine Sorgen«, sagte Vince.

Der Ladeninhaber blickte zu ihm auf. »Wer sind Sie, Vince?«, fragte er heiser.

»Es wird alles gut«, erwiderte der blonde Mann aus dem Hotel Lexington, ohne auf die Frage einzugehen. »Bleiben Sie hier. Kümmern Sie sich um Ihren Laden.«


*


Vince ging hinüber in die Nische zwischen zwei Getränkekühlschränken und benutzte die Tür mit der Aufschrift »Staff only« – nur für Personal. Durch einen kurzen Korridor erreichte er die taghelle Küche.

Es brodelte und gluckerte. Dampf aus Kochtöpfen und Warmhaltekübeln stieg zu den Leuchtstoffröhren empor. Doch keine Menschenseele war zu sehen.

Unter normalen Umständen wäre das ausgeschlossen gewesen. Vinces Alarmstimmung wuchs. Sung-Yong, die Ehefrau des Inhabers, würde die garenden Speisen niemals unbeaufsichtigt lassen. Auch an ihrem Geburtstag nicht. Sie arbeitete mit ihrer Tochter Hyun-min zusammen. Eine von beiden war immer anwesend. Ihre Pausen machten sie abwechselnd. Vince wusste das alles von Jong-Do.

Er durchquerte den Lagerraum, der so kühl war wie der Laden. Draußen, in den Straßenschluchten, war es fast unerträglich heiß. New York brütete unter der Julihitze. Vince nahm die angenehme Temperatur zwischen den Lebensmittelregalen jedoch kaum wahr. Seinetwegen waren Menschen in Gefahr. Nichts anderes zählte mehr.

Er öffnete die Tür zum Aufenthaltsraum.

Noch bevor er jemanden sehen konnte, hallte ihm eine höhnische Stimme entgegen.

»Schön, dass Sie da sind, Leutnant Dale.«

Vince zuckte ungewollt zusammen. Er zögerte, verharrte auf der Türschwelle.

Leutnant.

So war er schon lange nicht mehr angeredet worden!

Schon gar nicht von einem Asiaten. Der Akzent war eindeutig. Weniger klar war, ob die Stimme einem Mann oder einer Frau gehörte.

Vince gab sich einen Ruck und machte zwei Schritte in den Raum.

»Stehen bleiben!«, peitschte die asiatische Stimme. »Umdrehen!«

Vince gehorchte.

»Und Hände hoch!«, folgte der nächste schneidende Befehl, noch bevor er seine Kehrtwende vollendet hatte. Erst da sah er, was los war. Es ließ ihm den Atem stocken.

Drei Männer bedrohten die Familie Park mit Schusswaffen!


*


Vince erstarrte. Ihm kam es vor, als würde das Blut in seinen Adern zu Eis gefrieren. Zugleich fühlte er sich wie gelähmt. Deshalb war er nicht imstande, die letzte Anordnung sofort zu befolgen.

Die seltsame Stimme gehörte dem Anführer, einem kleinen und drahtigen Mann. In seiner schmalen, nervigen Hand wirkte die Pistole riesengroß. Flankiert von zwei Komplizen, stand er hinter Sung-Yong und hielt seine Pistole senkrecht nach unten, sodass die Mündung auf ihrem Kopf ruhte.

Die Frau des Inhabers saß an der Schmalseite des Tischs. Sie war bleich vor Angst. Ihre weit aufgerissenen Augen flehten Vince um Hilfe an. Hyun-min und ihr Bruder Gil-Jin saßen links und rechts vor ihrer Mutter. Die Tochter der Parks war achtzehn, der Sohn sechzehn. Beide wagten nicht, sich zu bewegen. Vince sah die Todesangst in ihren Gesichtern.

Er hätte ihnen gern etwas Beruhigendes gesagt. Aber er konnte es nicht. Nicht angesichts der Lage, in der sie sich befanden. Wahrscheinlich wussten sie nicht einmal, dass er schuld daran war. Er hätte sich eben an seinen Einsatzbefehl halten und das Hotel nicht verlassen sollen. Aber hätte es wirklich etwas genützt? Dann hätten die Mistkerle vielleicht ein Zimmermädchen als Geisel genommen. Oder jemanden vom Zimmerservice.

»Ich sagte: Hände hoch!«, zischte der Anführer. Er trug das schwarze Haar zu Borsten geschnitten, und die Lippen waren so dünn wie die Schlitze seiner Augen.

Vince kannte ihn, allerdings nur aus den Dateien, die es über diesen Mann gab.

Sein Name lautete Rhee Dae-Chul. Er stammte aus Nordkorea, und es wurde vermutet, dass er sich schon seit Jahren in den Vereinigten Staaten aufhielt. Illegal natürlich.

Wenn ein Geheimagent ein feindliches Land aufsuchte, tat er es meist illegal.

Rhees Komplizen standen auf dem Sprung, bereit, auf den blonden Mann loszugehen. Die beiden Kerle sahen aus wie überfütterte Hofhunde. Doch Vince machte sich nichts vor. Trotz ihres bulligen Körperbaues waren sie topfit. Andernfalls hätten sie den Job an Rhees Seite nicht bekommen.

Vince hob die Hände. »Ich weiß nicht, was Sie von mir wollen«, sagte er ruhig. »Aber bitte lassen Sie die Familie in Ruhe. Ich tue, was Sie verlangen.«

»Leutnant Dale«, sagte Rhee tadelnd und von oben herab. »Nun tun Sie doch nicht so, als ob Sie eine andere Wahl hätten. Sie sind lange genug im Geschäft, um zu wissen, dass wir uns mehrfach abgesichert haben. Jeder von uns weiß, was geschehen wird, wenn jemand aus der Familie Park auch nur ein einziges Wort darüber verliert, was sich hier abgespielt hat.« Er tätschelte die Schulter der Frau und sah Vince dabei an.

Vince sagte nichts. Mit Rhee Dae-Chul, dem Agenten eines verbrecherischen Staates, zu diskutieren zu wollen, brachte nichts ein.

Rhee ließ ihn von seinen Hofhunden durchsuchen. Nachdem sie nichts gefunden hatten, führten sie ihn hinaus.

Unmittelbar neben der Pforte im Tor zum Hinterhof parkte eine schwarze Limousine. Ein Lincoln Town Car, wie Vince feststellte, bevor er in den Fond steigen musste.

Niemand achtete auf den abfahrenden Wagen. Der Portier des Lexington begrüßte gerade neue Hotelgäste, die aus einem Taxi stiegen. Außerdem gehörte ein Luxusauto wie der Lincoln an der vornehmen Upper Eastside Manhattans zum gewohnten Straßenbild.