Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Zitat
  7. Kapitel eins
  8. Kapitel zwei
  9. Kapitel drei
  10. Kapitel vier
  11. Kapitel fünf
  12. Kapitel sechs
  13. Kapitel sieben
  14. Kapitel acht
  15. Kapitel neun
  16. Kapitel zehn
  17. Kapitel elf
  18. Kapitel zwölf
  19. Kapitel dreizehn
  20. Kapitel vierzehn
  21. Kapitel fünfzehn
  22. Kapitel sechzehn
  23. Kapitel siebzehn

Über die Autorin

Ann Granger war früher im diplomatischen Dienst tätig. Sie lebt heute mit ihrer Familie in der Nähe von Oxford. Bestsellerruhm erlangte sie mit der Mitchell-und-Markby-Reihe und den Fran-Varady-Krimis. Nach Ausflügen ins viktorianische England mit den Lizzie-Martin-Romanen knüpft sie mit der Serie um Inspector Jessica Campbell wieder unmittelbar an die Mitchell-und-Markby-Reihe an.

Ann Granger

IN DES WALDES
DÜSTREN
GRÜNDEN

Ein Fall für Jessica Campbell

Roman

Aus dem Englischen von
Axel Merz

BASTEI ENTERTAINMENT

 

Dieses Buch ist Eileen Roberts, Kate Charles (Carol Chase)
und all jenen gewidmet, die die ersten dreiundzwanzig Jahre der
St. Hilda’s College Crime Fiction Conference so unvergesslich gemacht haben. Außerdem allen über die ganze Welt
verstreuten Freunden, die ich im Laufe der Jahre dort getroffen habe, jeder von ihnen ein Liebhaber von Kriminalromanen
bis in die Fingerspitzen.

Es ist außerdem zum liebevollen Gedenken an Carole Blake,
die sechsundzwanzig Jahre lang meine Agentin war.
Sie war stets so voller Enthusiasmus und Ermunterung;
und wurde uns allen so plötzlich genommen.
Gott segne dich, Carole.

 

Denn die Liebe zum Geld ist die Wurzel allen Übels.

Epistel des Hl. Paulus an Timotheus,
King James Bibel

Kapitel eins

Es regnete in Oxford, wie im größten Teil des restlichen Landes auch. Reisende eilten entlang der Reihe von Bushaltestellen in der Magdalen Street und überflogen die aufgelisteten Nummern auf den Metalltafeln an jeder davon. Ein optimistischer Geiger brachte den Passanten ein Ständchen dar, doch niemand beachtete ihn. Seine Entscheidung, in einer überdachten Lücke zwischen zwei Läden vor dem Wetter Schutz zu suchen, half auch nicht gerade weiter, weil er nun im Schatten verborgen war. Die klagenden Noten wehten aus seinem Unterstand auf die Straße, ohne Beachtung zu finden. Niemand blieb stehen, um eine Münze in den offenen Geigenkasten auf dem Boden vor ihm zu werfen.

Carl Finch sah ihn ebenfalls, und wie alle anderen auch blieb er nicht stehen, um ihm etwas Geld zu geben. Carl hatte selbst gerade einen finanziellen Engpass. Er akzeptierte den Versuch des Straßenmusikanten, sich etwas Geld zu verdienen, auch wenn ihm selbst das Kratzen einer Violine nie sonderlich zugesagt hatte. Doch leider, dachte er grimmig bei sich (und er hatte nicht den geringsten Zweifel, dass es sein natürliches Recht war und ihm zustand), solange er nicht das Geld bekam, das ihm zustand, blieb ihm nichts anderes übrig, als selbst zu verzweifelten Maßnahmen zu greifen.

Er war Anfang vierzig, kräftig gebaut mit langen rötlich-blonden Haaren und heller Haut. Missmutig, wie er derzeit dreinblickte, erinnerte er an einen nordischen Krieger, der soeben von einem Langschiff gesprungen war und durch das Wasser in Richtung der unverteidigten Küste platschte, das Schwert in der Hand. Die Menschen gingen ihm aus dem Weg.

Doch der Schein trog. Carl war ein geplagter Mann. Er hatte mehr mit den verängstigten Mönchen einer sturmgepeitschten Abtei gemeinsam, die die Nachricht von den Eindringlingen erhalten hatten, als mit den Angreifern. Kein Mönch hätte inbrünstiger um den Erlöser beten können, als Carl dies tat.

Ein Bus steuerte die Haltestelle an, die Carl soeben passierte, und er sah, dass er auf seiner Route durch die Banbury Road fahren würde, also stieg Carl ein. Es gab keine freien Sitzplätze, daher stand er, machtlos eingepfercht zwischen den anderen regendurchtränkten Fahrgästen: alten Frauen mit Plastiktragetaschen, jungen Müttern mit ihren Kleinkindern, verunsicherten Touristen sowie einem älteren Mann, der aussah, als hätte er irgendwann einmal etwas mit der Universität zu tun gehabt und wäre inzwischen genauso verärgert über die ganze Welt wie Carl.

Er sprang in Summertown raus und marschierte mit schnellen Schritten an den Läden vorbei, bis er in eine der Seitenstraßen einbog und vielleicht fünf Minuten später vor seinem Ziel angelangt war, einem schmalen viktorianischen Reihenhaus. Es stand ein wenig von der Straße zurück, abgetrennt durch ein niedriges Ziegelmäuerchen und einen gepflasterten Vorgarten. Die Vorhänge waren bereits zugezogen, denn es war zwar technisch gesehen noch Nachmittag, doch die Abenddämmerung hatte bereits eingesetzt. Im Innern des Hauses war eine Lampe eingeschaltet worden, und das gelbe Licht fiel durch einen schmalen Spalt nach draußen. Edgar Alcott schätzte seine Privatsphäre. Andererseits spähte er gerne nach draußen, um zu sehen, wer vor seiner Türschwelle stand und Einlass begehrte.

Er erkannte Carl, öffnete ihm und bat ihn herein. »Mein lieber Freund«, begrüßte er seinen Besucher. »Was für ein furchtbarer Tag. Wie schön, dass Sie vorbeigekommen sind.«

Carl entledigte sich seiner nassen Barbour-Jacke, hängte sie an einen Haken im schmalen Flur und folgte seinem Gastgeber in einen Raum, den Alcott »Salon« zu nennen pflegte, auch wenn er nicht viel größer war als eine Briefmarke. Doch Edgar gehörte zu der gewissenhaften Sorte von Leuten und mochte es, wenn die Dinge »richtig« waren.

Er selbst war ein lebendes Beispiel für seine Philosophie. Er war stets und zu jeder Tageszeit passend gekleidet, mit sauberem Hemd, sorgfältig geknoteter Krawatte (passend zum Hemd), Hosen mit rasiermesserscharfen Bügelfalten und auf Hochglanz polierten Schuhen. Edgar selbst hatte etwas Hochglanzpoliertes an sich. Es war unmöglich, sein Alter einzuschätzen. Er hatte die frische faltenlose Haut von jemandem, der viel jünger war, und sein Haar, obwohl ergraut, war dicht und elastisch.

Carl glaubte nicht eine Sekunde, dass sein Gegenüber schon immer den Namen Edgar Alcott getragen hatte. Zweifellos gab es reichlich Leute mit dem Familiennamen, doch Carl kannte niemanden. Er glaubte sich zu erinnern, dass seine Stiefschwester als kleines Mädchen ein Buch besessen hatte mit dem Titel Little Women, geschrieben von einer Frau namens Alcott, doch das war auch schon alles. Er vermutete auch, dass der Vorname Edgar später angenommen worden war, auch wenn er keinen Grund zu dieser Annahme hatte, außer, dass der Name irgendwie nicht zu der Person vor ihm passte. Wie dem auch sei, Edgar Alcott gab niemals Informationen über sich preis, und irgendwie kam es nicht dazu, dass man fragen konnte. Er strahlte Carl an und erkundigte sich höflich, ob der Besucher eine Tasse Tee haben mochte oder vielleicht etwas Stärkeres? Fremde, die ihm auf der Straße begegneten, vermuteten in ihm wahrscheinlich einen harmlosen älteren Burschen, doch Edgar war alles andere als harmlos. Die hellen blauen Augen unter den ergrauten geschwungenen Brauen glitzerten hart wie polierter Stahl.

Carl bat um einen Whisky, weil er ihn nötig hatte. Edgar schenkte ihn ein, doch er verzichtete auf ein zweites Glas für sich selbst.

»Es ist noch zu früh für mich, alter Freund. Soda? Oder vielleicht Wasser? Ein furchtbar geschmackloser Kerl hat mich mal gefragt, ob ich vielleicht Ginger Ale hätte. Ich habe nie wieder Geschäfte mit ihm gemacht!«

Carl bedankte sich und erwiderte, er wolle seinen Whisky pur. Edgar schüttelte leicht den Kopf, doch er gab keine Einwände von sich. Während Carl ihn beobachtete, überlegte er missmutig, dass sein Gastgeber ein Meister darin war, Menschen und Situationen zu kontrollieren. Carl musste jedes Mal nach Oxford fahren, wenn er mit ihm über Geschäfte sprechen wollte, ganz gleich wie dringend, weil Edgar, der selbst kein Auto fuhr, darauf bestand, dass Fahrten mit dem Zug »ungesund« wären. Abgesehen von Zügen verabscheute Edgar Katzen. Das hatte zu der einen und einzigen Gelegenheit geführt, bei der Carl zugegen gewesen war, als Edgar die Kontrolle verloren hatte. Ein freundlicher Kater hatte es gewagt, sich auf Edgars niedriger Gartenmauer niederzulassen. Carl hatte das Tier gestreichelt, als Edgar in Rage aus dem Haus geplatzt war, das Gesicht hochrot und mit hervorquellenden Augen, und das Tier angeschrien hatte, es solle verschwinden. Der Kater war dieser Aufforderung klugerweise unverzüglich nachgekommen. Der Zwischenfall hatte nur wenige Sekunden gedauert, und gleich danach war Edgar wieder ganz sein unerschütterliches altes Selbst gewesen.

»Es sind so widerlich unhygienische Geschöpfe!«, hatte er zu Carl gesagt, während er seinen Besucher ins Haus geführt hatte.

Nachdem Edgar das Glas an Carl weitergereicht hatte, setzte er sich in einen gestreiften viktorianischen Lehnsessel, schlug die Beine übereinander, verschränkte die sehr weißen Hände im Schoß und sah Carl fragend an. »Nun? Haben Sie gute Nachrichten für mich? Oder besser noch, vorzeigbare Erfolge? Ich hoffe es doch sehr. Es war so ein trüber, dunkler Tag, und ich brauche unbedingt etwas, um mich aufzumuntern.«

»Ich habe kein Geld mitgebracht, Edgar, bitte verzeihen Sie. Es war einfach unmöglich, eine so große Summe zu besorgen. Ich habe alles versucht.«

Edgar seufzte. »Ich hatte solches Vertrauen in Sie, und doch haben Sie mich im Stich gelassen. Das ist unverzeihlich, mein Freund. Was um alles in der Welt ist schiefgelaufen?«

Hätte Carl ehrlich geantwortet, er hätte »So gut wie alles« sagen müssen. Doch es war wichtig, dass er nach außen hin zuversichtlich wirkte. »Sie bekommen Ihr Geld, Edgar. Aber es dauert länger, als wir zunächst angenommen haben. Die Firma hat nicht mit einer einheimischen Opposition gerechnet. Doch sie arbeitet an dem Problem, und wenn Sie sich vielleicht noch ein klein wenig gedulden …«

»War ich nicht lange genug geduldig?«, fragte Edgar in jenem sanften Tonfall, der Carl immer einen Schauer über den Rücken jagte. Er errötete und atmete tief durch. Er musste ruhig und selbstbewusst klingen. Sein Whiskyglas war leer, und er hätte dringend noch einen zweiten benötigt. Doch Edgar machte keine Anstalten, das Glas wieder aufzufüllen. »Ich habe ebenfalls Geld verloren, Edgar«, fuhr Carl fort. »Bitte verstehen Sie, dass ich im Moment einfach kein Geld …«

»Genug ist genug, Carl!«, unterbrach ihn Edgar. »Ich brauche mein Geld wirklich schnell, wissen Sie? Ich bin ein Geschäftsmann und kein Wohltätigkeitsinstitut. Ich bin nicht unvernünftig. Sie können es mir in zwei Raten zahlen. Allerdings möchte ich die erste noch vor Ende des Monats sehen.«

»Hören Sie«, sprudelte Carl verzweifelt hervor. »Ich vereinbare ein Treffen mit meiner Schwester …«

»Sie haben Ihre Stiefschwester bereits erwähnt. Wird sie Ihnen das Geld vorschießen?« Edgars Augen glitzerten wie Eiszapfen in einem winterlichen Sonnenstrahl – die Betonung war eine Erinnerung, dass der Sprecher Akkuratesse liebte.

Carl errötete. »Nein, nicht sogleich. Tatsache ist, es gibt ein Anwesen, das Old Nunnery. Ich habe es schon einmal erwähnt. Es wird zu einer Belastung für Harriet, und ich glaube, sie wird auf einen, wie ich meine, sehr vernünftigen Vorschlag von meiner Seite hören. Das ganze Anwesen verkaufen, Haus und Land. Es ist schließlich naheliegend. Wir werden den Erlös teilen. Ich bin sicher. Es wäre genug, um uns beide zu versorgen. Ich weiß, ich bitte Sie um eine ganze Menge, Edgar, aber lassen Sie mich bitte mit Harriet reden. Sie bekommen Ihr Geld wieder, glauben Sie mir.«

»Mein lieber Carl, vielleicht sind Sie ein wenig zu optimistisch?« Edgar schüttelte den Kopf. »Sie greifen nach Strohhalmen, wie es so schön heißt. Ja, Sie haben dieses Anwesen bereits erwähnt, und ich habe Erkundigungen eingezogen. Ich stimme Ihnen zu, es scheint ein sehr attraktives Anwesen zu sein. Aber es gehört Ihnen nicht! Sie wären nicht der Verkäufer, mein Lieber, wenn es auf den Markt kommt. Selbst wenn es sehr gutes Geld brächte, wäre nichts davon Ihres.«

»Aber das sollte es!«, beharrte Carl leidenschaftlich. »Mein Stiefvater hatte niemals vor, mich aus seinem Testament auszuschließen und mit ein paar Tausend mageren Pfund abzuspeisen! Er hat mich wie seinen eigenen Sohn aufgezogen! Und er hat uns ein Vermögen hinterlassen, Edgar, ein Vermögen!«

»Trotzdem. Sie waren nicht sein Kind, richtig?« Edgar sprach immer noch in seinem sanften, unnachgiebigen Tonfall. »Nicht sein Fleisch und Blut. Wenn ich es richtig verstehe, hat er lediglich Ihre Mutter geheiratet, als Sie noch ein kleiner Junge waren.«

»Er hat mich wie seinen Sohn gesehen! Er hat mich immer so behandelt! Er hat die Schulgebühren für mich gezahlt. Er hat mir mein erstes Auto gekauft! Wir haben alles zusammen gemacht, als Familie, er, meine Mutter, meine Schwester und ich! Als meine Mutter starb, war er für mich da, in jeder Hinsicht. Aber er war in den letzten Jahren sehr krank und wurde beeinflusst. Irgendwie hat man ihn dazu überredet, mich mit dem sprichwörtlichen Groschen abzuspeisen. Nicht Harriet, meine liebe Schwester, sie hätte mir so etwas niemals angetan. Es war ihr Mann, dieser Guy! Er hat seine Hände im Spiel, ohne Frage!«

»Trotzdem, Carl. Ihr Stiefvater hat Ihnen keinen Anteil an diesem Anwesen vermacht, und Sie können nicht sicher sein, ob Sie Ihre Stiefschwester überreden können, insbesondere, wenn, wie Sie sagen, ihr Ehemann starke Einwände dagegen hat, das Erbe mit Ihnen zu teilen.«

»Ich kann Hattie überzeugen«, beharrte Carl. »Wir haben uns immer nahegestanden. Sie würde mich nicht vor die Wand rennen lassen. Sie will selbst nicht bankrottgehen, aber so wie dieser Guy sich verhält, wird genau das geschehen. Das Geld ist da in Form eines wertvollen Anwesens. Sie wird mir zustimmen, Edgar, es wäre das Beste für uns beide.«

Edgar erhob sich und ging zum Fenster, um durch den Spalt zwischen den Vorhängen nach draußen zu spähen. »Ich verabscheue Gewalt, Carl. Wirklich. Aber es missfällt mir mindestens genauso sehr, wenn man mich auf den Arm nehmen will.«

Er hatte Carl den Rücken zugewandt. Für den Bruchteil einer Sekunde spürte er den Wunsch, aufzuspringen und dem alten Teufel den Schädel einzuschlagen. Doch das würde nicht helfen. Irgendjemand hatte ihn herkommen sehen oder würde ihn sehen, wenn er ging, vielleicht ein Nachbar, der genauso neugierig durch die Vorhänge spähte. Und seine Fingerabdrücke waren wahrscheinlich überall verstreut. Er hatte nicht diese Art von Glück. Die Art von Glück, die man brauchte, um mit einem Mord davonzukommen. Abgesehen davon hatte er auch nicht die Nerven, die dazu erforderlich waren. Und die Spuren auf dem Papier würden die Polizei ohnehin zu ihm führen.

»Wie ich bereits sagte, ich habe mit Hattie geredet.« Er versuchte, seine Stimme unter Kontrolle zu halten. »Sie hat sich einverstanden erklärt, sich mit mir zu treffen und das Thema zu besprechen. Wir sind Bruder und Schwester – okay, nur zur Hälfte, aber wir wurden gemeinsam aufgezogen, und wir haben uns sehr nahegestanden, insbesondere nach dem Tod meiner Mutter. Abgesehen davon, sie ist nicht mehr so vernarrt in Guy, ihren Mann, wie sie es einmal war. Sie wird diesmal auf mich hören. Ich kann sie dazu bringen zu verkaufen, ich weiß, dass ich das kann, und wenn das Haus und das Grundstück erst verkauft sind, glauben Sie mir, Edgar, dann wird sie nicht Nein sagen, wenn es darum geht, das Geld aufzuteilen.«

»Das hoffe ich, mein lieber Freund, das hoffe ich sehr. Wie dunkel es bereits geworden ist, und es regnet schon wieder.«

Carl verließ das Haus in einer Verzweiflung, die er nicht für möglich gehalten hätte. Er musste mit Hattie reden, und zwar bald. Nicht nur, weil er nicht wollte, dass ihm die Beine gebrochen wurden, sondern auch, weil dieser Kuckuck im Nest der Familie, dieser Guy Kingsley, Harriet zu einem weiteren seiner behämmerten Pläne überreden würde. Die Kingsleys würden irgendwann bankrottgehen, und Harriet wusste das. Sie war nicht dumm. All das Geld, das der alte Mann hinterlassen hatte, wäre futsch, und das Haus und das Grundstück müssten verkauft werden, nur um ihre Schulden zu bezahlen. Carl würde nicht einen Penny sehen. Das war nicht fair, es war einfach nicht fair. Harriets Ehe mit Guy stand auf der Kippe. Jeder wusste das. Carl auf der anderen Seite war Familie. Er hatte einen gesunden Geschäftssinn, im Gegensatz zu Guy mit seinen versponnenen Ideen, selbst wenn ihn das Glück in letzter Zeit ein wenig im Stich gelassen hatte. Dad hätte ihn jedenfalls niemals aus der Erbfolge ausgeschlossen, wenn nicht Guy die ganze Zeit auf ihn eingeredet hätte in den Monaten, in denen der alte Mann krank dagelegen hatte. Und Harriet hatte er genauso beeinflusst.

»Ich muss diesen elenden Guy Kingsley loswerden«, murmelte Carl vor sich hin. »Irgendwie muss ich ihn aus dem Weg schaffen.«

Kapitel zwei

Der dreckbespritzte Range Rover bog zwischen den verwitterten, die Einfahrt flankierenden Pfeilern hindurch und sandte spektakuläre Fontänen aus Wasser zu den Seiten, als er durch tiefe Pfützen in der Fahrbahn rumpelte. Kleine Steinchen spritzten von unten gegen die Karosserie. Harriet Kingsley packte das Steuer fester, trat das Gaspedal durch und hielt erst vor dem Haus wieder an.

Sie schob sich das dichte dunkelblonde Haar nach hinten und wischte sich die Schweißperlen von der Stirn. Sie musste sich selbst wieder unter Kontrolle bringen, bevor sie nach drinnen ging, bevor Guy sie sah. Er war nicht der einfühlsamste Mann, bei Gott, doch selbst er würde bemerken, dass seine Frau wegen irgendetwas aus der Fassung war.

Harriet blieb noch einige Minuten hinter dem Steuer sitzen und starrte auf Old Nunnery, während sie sich zu beruhigen versuchte. Der Tag war kalt und nass. Die Heizung des Wagens bot zwar vorübergehend Schutz, doch sie spürte eine innere Kälte, die nichts mit den Temperaturen draußen zu tun hatte, sondern mit Schock und Panik. Sie zitterte und schwitzte, so verrückt das scheinen mochte, und das Herz hämmerte wild in ihrer Brust. Es war reines Glück, dass sie nach Hause hatte fahren können ohne einen schlimmeren Zwischenfall, als ein entgegenkommendes SUV fast gegen eine Mauer zu drängen, gleich unterhalb von Crooked Man Woods.

Der Fahrer des SUV würde sich sicher an sie erinnern, zu allem Pech. Wohin war er unterwegs gewesen? Vielleicht in die Wälder? Nein, nein, nicht an diesem kalten, feuchten Tag. Er musste woanders hingewollt haben. Aber angenommen, einfach nur angenommen, er hatte vorgehabt, einen Spaziergang durch die alten Wälder zu unternehmen? Und angenommen, einfach nur angenommen, er war auf den Parkplatz eingebogen und den Weg hinuntergegangen, von all den möglichen Wegen zwischen den Bäumen hindurch, und war dort gestolpert über …

»Hör auf damit, Hattie!«, befahl sie sich selbst laut und in scharfem Ton. Warum um alles in der Welt hätte er in den Wald gehen sollen? Niemand ging dorthin, außer vielleicht in der wärmeren Jahreszeit an den Wochenenden. Im Frühling, wenn die Wildblumen, vor allem die Blauglöckchen einen farbenfrohen Teppich zwischen den Bäumen bildeten, kamen ganze Familien herbei, und im Hochsommer, wenn die Wälder einen kühlenden Rückzugsort boten. Zu dieser Jahreszeit jedoch, Ende Januar, hatte das Wild die Wälder mehr oder weniger für sich allein.

Sofort überlegte sie, dass das wohl nicht ganz den Tatsachen entsprach. Nicht nur Spaziergänger waren in den Wäldern unterwegs. Waldarbeiter waren erst kürzlich dort unterwegs gewesen und hatten Routinearbeiten erledigt, und vielleicht kamen sie wieder. Manche unter ihnen waren Freiwillige, andere standen in den Diensten der Waldbesitzer. Die Freiwilligen waren zu den unmöglichsten Zeiten unterwegs. Doch es gab absolut keinen Grund, warum sie an diesem Tag dort sein sollten. Überhaupt keinen. Sie hatte niemanden gesehen.

Niemanden außer ihm, und er war immer noch dort.

Sie unternahm eine letzte Anstrengung, sich zusammenzureißen. Sie musste normal erscheinen. Sie spähte durch die Windschutzscheibe auf das Haus in all seiner heruntergekommenen Vertrautheit, mit seiner willkürlichen Mischung aus verschiedenen Architekturstilen, erbaut aus Sandstein.

Früher einmal war es ein richtiges Nonnenkloster gewesen, das auf dem Kamm eines Hügels den Elementen getrotzt hatte, umgeben von hohen Mauern. Als Heinrich VIII. die Auflösung der Klöster befohlen hatte, waren die meisten abgerissen worden. Der reiche Wollhändler, dem dieses begehrenswerte Objekt in die Finger gefallen war, hatte lediglich die Kapelle abgerissen. Die Stelle war heute gekennzeichnet durch moosbewachsene Überreste der Fundamentsteine, eingesunken im Rasen.

Das Haus war irgendwann in andere Hände übergegangen und hatte im Verlauf von mehr als vier Jahrhunderten umfangreiche Modifikationen erfahren. Ein neuer Flügel, errichtet in dem, was der viktorianische Bauherr als gotischen Stil betrachtet hatte, war Zeuge seiner Bestrebungen, einen Ballsaal zu besitzen. Seit dem Ersten Weltkrieg hatte niemand mehr dort getanzt, als der Sohn der damaligen Besitzer im Schlamm von Flandern gefallen war. Haus und Hof waren schließlich in den Besitz einer Nichte übergegangen. Seit damals hatten drei direkte Generationen von Harriets Familie dort gelebt, Nachfahren besagter Nichte. Wenn man die Nebenlinien mit einschloss, war Harriets Familie sogar schon seit georgianischen Zeiten im Besitz des Hauses.

»Und ich«, sagte Harriet laut in ihrem Wagen, »ich werde die Letzte sein!« Was auch immer geschehen mochte, so viel war sicher.

Inzwischen hatte sie sich so weit beruhigt, dass sie Guy gegenübertreten konnte. Ihr Herz hatte aufgehört zu hämmern. Sie verspürte noch immer eine leichte Übelkeit, doch insgesamt hatte sie ihre Selbstkontrolle zurückerlangt. Kein weiterer Aufschub.

Harriet fuhr in Schrittgeschwindigkeit um das Haus herum zum alten Stall auf der Rückseite und leicht links vom Hauptgebäude. Sie parkte in sicherem Abstand vom aufgestapelten Baumaterial, das dort lagerte, und stieg aus. Aus dem Innern des Stallgebäudes, das einst unterteilt gewesen war in eine Sattelkammer, Pferdeboxen und Heuschober, drangen die lauten Geräusche von Presslufthämmern. Noch weiter hinten stand das Steincottage, in dem in einer vergangenen Epoche das Außenpersonal untergebracht gewesen war. Es zeigte Spuren kürzlicher drastischer Umbauarbeiten. Die Außenseiten waren gereinigt und wieder gelb. Die winzigen Fensterrahmen des oberen Stockwerks waren gegen glänzend schwarz gestrichene ausgewechselt worden, die unter dem Sims des überragenden Ziegeldachs hervorlugten.

Harriet stieg aus dem Wagen, hielt kurz inne und warf einen kritischen Blick auf die Veränderungen. Wenn man einen Gehstock hatte, konnte man draußen vor dem Cottage stehen und an die oberen Fenster klopfen, so winzig war das gesamte Gebäude. Wie klein unsere Vorfahren doch gewesen sind, dachte Harriet. Liliputaner nach heutigen Maßstäben, denen die durch Vitamine aufgepäppelte heutige Jugend wahrscheinlich wie eine Rasse von Gullivers erschienen wäre.

Der Stallblock wurde ebenfalls umgebaut. Gästezimmer für das Bed-and-Breakfast-Hotel, von dem Guy absolut sicher war, dass es ein durchschlagender Erfolg werden würde. Schon merkwürdig, wie ähnlich sich Guy und Carl waren, beide so voller Pläne und Zuversicht, dass der schwer fassbare Reichtum gleich hinter der nächsten Ecke wartete. Vielleicht war das der Grund, aus dem sie nicht miteinander auskamen. Wahrscheinlich jedoch lag es daran, dass ihre individuellen Pläne immer darauf zu bauen schienen, dass Harriet Geld zuschoss. Aber man konnte ein Stück Stoff nicht unendlich oft teilen. Das hatte sie Carl schon mehr als einmal gesagt.

Inzwischen hatten die Kosten für den Umbau von Old Nunnery sogar Guy nervös gemacht. Der Plan waren vier Zimmer mit eigenem Bad und eigener Toilette im Cottage und weitere sechs im Stallgebäude, ein jedes davon ausgestattet mit Sitzgelegenheit und Frühstücksecke. Das Sofa im Sitzbereich sollte sich zu einem weiteren Bett ausklappen lassen, sodass jede der Suiten als »familienfreundlich« beschrieben werden konnte.

Gäste, die sich nicht selbst versorgen mochten, konnten im Haupthaus das Frühstück ihrer Bed-and-Breakfast-Buchung einnehmen, wo der kleine Salon in einen Besucherbereich umgestaltet werden sollte. Auf den Plänen hatte alles logisch und richtig ausgesehen, doch Harriet spürte selbst heute noch nagende Zweifel.

Jeder Geschäftsplan, den Guy bisher entwickelt hatte, war auf dem Papier in Ordnung gewesen. Er war stets so enthusiastisch ans Werk gegangen, das war das Dumme an der Sache. Er wollte nie auf Zweifel hören, die sie oder irgendjemand anders zum Ausdruck brachten. Kleine praktische Details interessierten ihn kein Jota. Er wischte Bedenken einfach beiseite. »Bis zum Abend ist alles in Ordnung«, pflegte er zu erwidern. Diese theatralische Phrase war wie geschaffen für Guy. Alles war immer in Ordnung, und wenn nicht – und die Aufzeichnungen zeigten inzwischen einen entschiedenen Mangel an Erfolg – verwarf Guy seinen genialen Plan genauso leicht, wie er ihn entworfen hatte, um mit voller Energie an den nächsten zu gehen. Es war so typisch für ihn.

Wie konnte das nur passieren?, dachte sie manchmal, wenn Depressionen sie heimsuchten. Wie konnte es nur dazu kommen, dass ich zwei finanzielle Versager finanziere?

Ihr Vater hatte sie immer gewarnt. »Ich hinterlasse dir genügend finanzielle Mittel, Harriet«, hatte er ihr schmerzerfüllt vom Krankenbett aus zugeflüstert. »Ich sage dir das, damit du auf der Hut bist, Tochter. Wenn bekannt wird, dass du Geld hast, findet sich immer jemand, der begierig ist, es für dich auszugeben.«

Hatte er damit Carl gemeint und sich davor gescheut, seinen Namen laut auszusprechen aus Respekt vor der Erinnerung an Nancy? »Hättest du nicht Guy, der dich schützt, ich hätte eine Stiftung in Betracht gezogen«, hatte er weiter gesagt. »Aber solange du Guy an deiner Seite hast, weiß ich, dass du gut beraten bist. Guy liebt dich. Er wird nicht zulassen, dass du zu Schaden kommst.«

Ein Leben lang schlau und gerissen in geschäftlichen Dingen, hatte sein Urteilsvermögen am Ende doch noch versagt. Er hatte Guy gemocht und ihn für seine Karriere bei der Army bewundert – und sich täuschen lassen. Guy liebte sie, so viel war richtig. Darin hatte sich ihr Vater nicht geirrt. Was er nicht begriffen hatte, war, dass Guy in der Welt der Zivilisten ohne die Army-Vorschriften, die sein Leben regelten, verloren war.

Die Reitställe waren der erste Geistesblitz gewesen, der Guy befallen hatte. »Es ist doch offensichtlich, Liebling! Die Ställe sind bereits da!«

Der Plan hatte sich zerschlagen angesichts der Kosten für geeignete Pferde, dem Futter für die hungrigen Viecher und der schieren Menge an Arbeit, um sie zu versorgen, all das schon vor dem Unfall. Ein Pferd war mit einem unerfahrenen Reiter im Sattel durchgegangen. Er hatte genau genommen ziemlich schnell nicht mehr im Sattel gesessen. Ausgerenkte Schulter, Beckenbruch, Einkommenseinbußen auf Seiten des Verletzten. Wie sich herausgestellt hatte, war er ein aufstrebender junger Anwalt auf dem Geschäftssektor gewesen, und es hatte damit geendet, dass er sie auf eine hohe Summe an Schadensersatz verklagt hatte. Sie waren versichert gewesen, selbstverständlich, und trotzdem hatten sie beträchtlichen Schaden davongetragen. Anschließend waren die Kosten für die Versicherungspolice nach oben gegangen, wie bei derart schweren Unfällen üblich. Damit war dieses Abenteuer zu Ende gewesen.

Als Nächstes war das Restaurant gekommen, eingerichtet im alten Ballsaal. Auch das hatte nicht lange Bestand. Die Küche hatte nicht den vorgeschriebenen Standards genügt. Die Wände zu fliesen und neue Arbeitsflächen zu installieren, zusammen mit neuen Geräten und der sonstigen Ausstattung, hatte mehr gekostet, als sie erwartet hatten. Erfahrene Küchenchefs hatten sich als gleichermaßen kostspielig wie launisch erwiesen. Guys blauäugiger Vorschlag, dass Harriet das Kochen übernehmen sollte, war sie mit einem solchen Ausbruch begegnet, dass selbst ihm die Torheit seines Plans bewusst geworden war. Er hatte trotzdem angenommen, dass sie das Frühstück machen würde für die zahlreichen Gäste, die den frisch umgebauten Stall und das Cottage bevölkern würden.

Das Antiquitätenzentrum war die nächste Inspiration, die von Guy Besitz ergriffen hatte. »Wir haben das ganze Haus voll mit altem Kram«, hatte er gesagt. »Wir könnten damit anfangen, dass wir einen Teil davon verkaufen.«

Mein alter Kram!, hatte Harriet gedacht, doch sie hatte es nicht laut ausgesprochen.

Der fatale Fehler dieses Plans war, dass weder Harriet noch Guy Experten in Antiquitäten waren. Auch hatten sie die Kartons voll Porzellan und Nippes, alles eingewickelt in vergilbende Zeitungen, wie Harriet aus ihren Erinnerungen an Kindertage voll Abenteuer auf dem Dachboden wusste, nicht finden können. Sie waren vermutlich auf Flohmärkten gelandet und in Läden von Wohltätigkeitsorganisationen. Vielleicht auf Veranlassung ihrer Stiefmutter. Was noch auf dem Dachboden lagerte, eingehüllt in dichte Spinnweben, waren Möbel – hauptsächlich von der Sorte, wie man sie überall im Land in den Verkaufsräumen finden konnte, einfach, weil sie außer Mode waren. Außerdem Kisten voller Bücher von Autoren, die niemand mehr las, und in einem Koffer das Hochzeitskleid ihrer eigenen Mutter, die Spitzen vergilbt, die Taille unfassbar eng. So viel zu Guys Traum, dass der Inhalt des Dachbodens ein kleines Vermögen einbringen könnte.

Sie waren auf die Jagd nach Antiquitäten gegangen, und trotz all der Programme im Fernsehen war es bei weitem nicht so einfach gewesen, wie es aussah. Beinahe wären sie erneut vor Gericht gelandet, weil Guy außerstande war, echtes Zeug von China-Kopien zu unterscheiden. Die unverkauften »Antiquitäten« stapelten sich im Ballsaal, ehemals Restaurant, und sammelten Staub. Einige Stücke hatten sogar noch vergilbende Preisschildchen.

Das Hämmern hörte auf, und streitende männliche Stimmen wurden laut. Harriet erkannte die Stimme ihres Mannes und die von Derek Davies, dem Zimmermann.

»Er ist nicht sehr praktisch veranlagt, dein Mann, wie?«, hatte Derek einmal über einer Tasse Tee bemerkt. »Auch wenn er jede Menge Ideen hat, das muss man ihm lassen.«

Sie fühlte sich nicht imstande, den Streit zu ertragen, der zwischen Derek und ihrem Mann entbrannt war. Nicht jetzt. Harriet wandte sich um und ging ins Haus. Sie durchquerte die Küche, zog sich die Lederjacke im Gehen herunter und warf sie auf einen Stuhl in der Eingangshalle, von dem sie prompt zu Boden glitt. Sie ignorierte es. Sie musste mit jemandem reden. Sie konnte die schrecklichen Ereignisse des Morgens nicht für sich behalten. Nach einem kurzen Moment des Zögerns fiel ihr Tessa ein. Tessa würde sie verstehen.

Harriet nahm das Telefon hoch, doch das Geräusch des Wähltons an ihrem Ohr ließ erneut Panik in ihr aufsteigen. Was war nur in sie gefahren? Was wollte sie Tessa erzählen? Sie rammte den Hörer wieder auf das Gerät.

Als sie zurück zur Küche ging, schrillte das Telefon hinter ihr und ließ sie vor Schreck zusammenfahren. Zögernd kehrte sie um und nahm es auf.

»Hast du gerade versucht, mich anzurufen?«, fragte die atemlose Stimme ihrer Freundin an ihrem Ohr. »Ich war draußen im Garten. Du hast wieder aufgelegt, bevor ich rangehen konnte.«

»Etwas Schreckliches ist passiert, Tessa, und ich weiß nicht, was ich tun soll«, sagte Harriet rundheraus.

»Was ist denn passiert?« Tessas Stimme klang mit einem Mal wach und scharf.

»Carl ist tot.«

Schockiertes Schweigen am anderen Ende. Dann: »Ich weiß nicht, was ich sagen soll, Harriet. Wann ist das passiert? Wie? War es ein Unfall?«

»Nein. Er … er hat sich erschossen. Im Wald, in Crooked Man Woods.«

Tessa rang hörbar nach Luft. »Aber das … das …« Erwartungsgemäß ging sie in die Offensive. »Warum hätte er so etwas Dummes tun sollen? Sicher, Carl hatte immer einen Hang zur Dramatik. Entschuldige, man soll nicht schlecht über die Toten reden und so … falls er wirklich tot ist. Wann ist das passiert? Ich habe nichts gehört. Bist du sicher?«

»Oh ja«, sagte Harriet und war selbst überrascht, wie ruhig ihre Stimme plötzlich klang. »Ich habe eben seinen Leichnam gefunden.«

»Wo? In Crooked Man Woods, sagst du? Aber du bist jetzt zu Hause, richtig? Du hast mich vom Festnetz aus angerufen. Hör mal, Liebes, bist du dir ganz sicher? Das ist nicht alles ein furchtbarer Irrtum? Vielleicht hat sich ein anderer armer Teufel in den Kopf geschossen? Oder in die Brust?«

»Kein Irrtum, nein. Es ist Carl. Er hat sich in den Kopf geschossen. Die untere Hälfte seines Gesichts ist weg, nur noch eine grausige blutige Masse. Aber die Augen, die Stirn, die Haare … ja, es ist Carl.«

Eine Pause. Dann fragte Tessa, praktisch wie immer: »Hast du die Polizei informiert? Eine Aussage gemacht?«

Oh verdammt, die Polizei, dachte Harriet. Daran hatte sie noch gar nicht gedacht. »Nein, nein, habe ich nicht. Ich habe ihn nur gefunden, Tessa. Ich bin in Panik geraten und sofort nach Hause gefahren.«

»Ist Guy da? Hast du mit ihm geredet?«

»Nein, selbstverständlich nicht! Er würde fragen, was ich im Wald zu suchen hatte, und wenn er herausfindet, dass ich mich mit Carl treffen und über Geld reden wollte, geht er durch die Decke. Er ist jetzt drüben und streitet mit Derek Davies wegen irgendwelcher Zimmererarbeiten. Wenn er in den Hof kommt und meinen Wagen sieht, weiß er, dass ich wieder zu Hause bin. Ich habe ihm beim Frühstück gesagt, dass ich nach Weston zum dortigen Supermarkt fahren würde.«

»Bleib, wo du bist, und trink etwas Heißes, einen Tee oder sonst was. Ich komme, so schnell ich kann. Und lass ja die Finger vom Alkohol!«, fügte sie rasch hinzu.

Der Tadel brachte Harriet aus ihrem Nebel von Panik. »Keine Sorge, ich trinke nichts«, sagte sie. »Das kannst du mir glauben.«

»Gut«, sagte Tessa am anderen Ende und rammte das Telefon auf die Gabel.

Natürlich wollte sie jetzt, nachdem Tessa ihr gesagt hatte, sie dürfe nicht trinken, verzweifelt einen Schluck nehmen. Tee, das war das Richtige gegen einen Schock, richtig? Allerdings, wenn sie zurück in die Küche ging, bestand die Möglichkeit, dass Guy hereinspaziert kam. Sie musste Tessa irgendwie abfangen, bevor sie das Haus erreichte. Sie mussten zuerst reden, ohne dass sie Gefahr liefen, dass Guy mitten in ihrem Bericht durch die Tür geplatzt kam.

Harriet verließ das Haus durch die Vordertür und rannte die Auffahrt hinunter zum Tor. Sie wartete auf der Straße, zusammengekauert neben der Mauer, die das Grundstück abgrenzte. Auf den zwei Torpfosten saßen Zwillingslöwen und starrten blasiert in die Welt. Vielleicht hatten sie ursprünglich grimmig dreingeblickt, doch Zeit und Witterung hatten ihren Gesichtszügen so lange zugesetzt, bis diese freundlichen Wesen daraus geworden waren. Es hatte einmal eine Zeit gegeben, in der das Haus ein sicherer Zufluchtsort gewesen war, ein Ort des Glücks und des Schutzes. Wann hatte sich das alles nur geändert? Als ihr Vater gestorben war vielleicht? Oder war es schon vorher geschehen, war die Sicherheit, die die vertraute Umgebung bot, unbemerkt entglitten, bis sie ganz verschwunden war?

Harriet erschauerte. Sie hatte ihre Jacke auf dem Fußboden in der Halle liegen lassen, und der Pullover bot keinen Schutz gegen den scharfen Biss des Windes. Ich bin immer noch im Schockzustand, dachte sie und schlang die Arme um ihren Leib. Ich hätte mir diesen Drink genehmigen sollen. Ihr nächster Gedanke war, dass Guy ihren Wagen sehen würde, sobald er in den Hof kam. Er würde annehmen, dass sie im Haus war, vielleicht selbst nach drinnen gehen und nach ihr rufen. Er würde sich fragen, wo sie steckte.

»Oh Carl …«, murmelte sie, als sie an den grausigen Anblick dachte. »Du verdammter Idiot. Warum musste alles auf diese schreckliche Weise enden? Es muss doch einen anderen Weg gegeben haben. So schlimm konnten die Dinge doch überhaupt nicht stehen, oder?«

Offensichtlich hatten sie doch so schlimm gestanden. Er hatte sie in den vergangenen Monaten so oft gebeten, ihr zu helfen. Seine E-Mails, Textnachrichten und Anrufe auf ihr Mobiltelefon hatten immer verzweifelter geklungen. Sie konnte nicht einmal Guy die Schuld geben, dass sie Carls Flehen ignoriert hatte, weil Guy nichts von ihrem Kontakt mit Carl gewusst hatte. Guy hatte keinen Zugriff auf ihren Computer. Er kannte ihr Passwort nicht. Und Carl hatte sich in seinen finanziellen Schwierigkeiten immer nur an sie gewandt. Diesmal war sie entschlossen gewesen, ihm nicht zu helfen. Die Verantwortung für das, was in den Crooked Man Woods geschehen war, lag ganz allein bei ihr.

»Komm endlich, Tessa …«, murmelte sie.

Ihre Freundin wohnte lediglich vier Meilen die Straße hinunter. Es konnte nicht so lange dauern, hierherzukommen. Und wie zur Antwort auf ihre Worte rumpelte ein ziemlich verdreckter Jeep um die Kurve und kam vor ihr zum Halten. Schmutz und Wasser spritzten auf, und sie musste hastig zur Seite springen. Dumpfes Bellen war aus dem Innenraum zu hören. Als Erstes stieg die Fahrerin aus, dicht gefolgt von einem dickfelligen braun-weiß gescheckten Langhaarcollie. Der Collie begrüßte Harriet voll Begeisterung, wackelte mit dem ganzen Körper, dem Schwanz, jaulte, winselte und stieß seine lange Schnauze in ihre Hand, bevor er zwischen den Torpfosten hindurch verschwand und die Auffahrt zum Haus hinaufrannte.

»Fred!«, rief seine Besitzerin ihm vergeblich hinterher. »Entschuldige, Hattie. Er glaubt wahrscheinlich, dass wir ins Haus gehen. Gehen wir?« Während sie redete, unterzog sie Harriet einer scharfen Musterung, bevor sie sie herzlich umarmte. »Halt durch. Lass dich nicht kleinkriegen, was auch immer passiert ist.«

»Wir können nicht ins Haus, noch nicht jedenfalls. Ich muss dir zuerst erzählen, was passiert ist. Können wir uns in dein Auto setzen?«

»Okay«, sagte Tessa, als die beiden Frauen saßen. »Dann erzähl mal. Bist du dir ganz sicher, dass es Carl ist? Wenn sein Kopf so zugerichtet war, wie du sagst, könntest du dich geirrt haben, und der Tote ist irgendein anderer armer Tropf.«

»Es ist Carl«, beharrte Harriet. »Es gab genug … genug zu sehen, um das mit Bestimmtheit zu sagen. Er trägt außerdem Carls alte Barbour-Jacke. Er lag zusammengesunken auf dem Boden, gegen einen gefällten Baumstamm gelehnt. Es war so grotesk, so … irreal. Ich wollte ihm sagen, dass er damit aufhören und aufstehen sollte! Aber das war töricht, weil er offensichtlich tot war!« Harriet presste sich für einen Moment die Hände vor das Gesicht, als könnte sie auf diese Weise das Bild des toten Mannes aus ihren Gedanken verdrängen.

»Aber du bist Carl aus dem Weg gegangen, oder nicht? Was ist nur in dich gefahren, dich mit ihm ausgerechnet im Wald zu treffen?«

Harriet ließ unglücklich die Schultern hängen. »Carl war in finanziellen Schwierigkeiten und hat auf mich eingeredet, ich solle ihm helfen. Ich konnte ihm nicht helfen, Tessa, selbst wenn ich gewollt hätte! Guy und ich versenken eine Menge Kapital in den Umbau der Ställe. Ich kam zu dem Schluss, dass die einzige Möglichkeit war, Carl von Angesicht zu Angesicht gegenüberzutreten, selbst wenn es zum ausgewachsenen Streit geführt hätte. Ich wollte ihm klarmachen, dass ich ihm kein Geld leihen würde, unter gar keinen Umständen, ganz zu schweigen davon, Old Nunnery zu verkaufen, wie er es immer wieder wollte.«

»Das Haus verkaufen?«, krächzte Tessa. »Ist … ist … war Carl meschugge? Deine Familie lebt seit Generationen hier! Dein Vater hat dir das Haus hinterlassen, damit du dort weitermachen kannst, nicht, damit du Carl Geld gibst, wenn er in der Klemme steckt.«

Harriet beugte sich vor. »Es klingt so einfach, wenn du das sagst«, sagte sie verzweifelt. »Aber so war es nicht. Du weißt, dass es nicht so war! Carl dachte immer, Dad hätte uns das Haus zu gleichen Teilen vermachen müssen. Er behauptet – hat behauptet–, dass das immer Dads Absicht gewesen wäre.«

»Warum hätte es das sein sollen?«, kam die geknurrte Antwort. »Carl war kein Blutsverwandter von deinem Vater, sondern lediglich Nancys Kind aus einer früheren Partnerschaft.«

Harriet deutete durch die Scheibe auf das Haus. »Die Dinge wurden noch schlimmer durch die Tatsache, dass all unsere geschäftlichen Unternehmungen Fehlschläge waren. Guys und meine. Carl sagte, ich würde alles wegwerfen, was Dad aufgebaut hat. Ich weiß, dass Guys Pläne nicht funktionieren oder in der Vergangenheit nicht funktioniert haben. Aber die Ferienhausidee könnte klappen. Sie klappt auch bei anderen Leuten.«

Sie zog die Schultern vor. »Ich habe Carl vorgeschlagen, dass wir uns in den Wäldern treffen, damit Guy es nicht erfährt. Guy hätte darauf bestanden, dabei zu sein, und beide wären aneinandergeraten. Carl hätte Guy beleidigt, und dann … oh, du weißt ja, wie sie sind. Waren, meine ich«, verbesserte sich Harriet todelend.

»Guy zu beleidigen ist nicht weiter schwierig«, erwiderte Tessa sanft. »Ich beleidige ihn ständig, und das, obwohl er dein Ehemann ist.«

»Er ist nicht beleidigt, wenn du so mit ihm redest. Er mag es sogar. Aber Carl ist … war etwas ganz anderes. Hör zu, lass mich zu Ende erzählen, bevor Guy auf der Suche nach mir hier eintrifft. Ich dachte, die Crooked Man Woods wären perfekt, weil sich um diese Jahreszeit unter der Woche kaum jemals ein Mensch dorthin verirrt. Wir hätten uns anschreien können, ohne dass es jemand mitgekriegt hätte. Ich hatte genug davon, dass er ständig Dads Testament angefochten hat. Aber jetzt geht es nicht mehr um das Testament oder das Haus, sondern darum, dass Carl etwas so Furchtbares getan hat. Er muss sehr verzweifelt gewesen sein, Tessa, und ich fühle mich so schuldig.«

Die Wirklichkeit des Geschehenen drohte sie zu überwältigen. »Es war grauenhaft«, murmelte sie mit bebender Stimme. »Er saß dort auf dem Boden, mit dem Rücken an den Stamm gelehnt und eine Schrotflinte quer über dem Schoß. Und dieses furchtbare rote Loch, wo sein Mund, sein Kinn und seine Nase hätten sein müssen.« Sie schlug erneut die Hände vor das Gesicht und unterdrückte das Schluchzen, das sich ihr zu entringen drohte.

Ihre Freundin nahm sie in die langen Arme und drückte sie an sich und ihren Pullover, der immer nach Pferd und Hund zu riechen schien. »Brich mir nicht zusammen, Liebes. Hör zu. Du musst es der Polizei sagen. Du kannst nicht eine Leiche finden, irgendeine Leiche, und einfach davonfahren, ohne etwas zu sagen. War sonst noch jemand im Wald unterwegs?«

»Ich hab niemanden gesehen oder gehört. Aber da war ein Wagen … ein SUV. Silbern. Als ich aus dem Wald weggefahren bin, kam er auf der Straße vorbei. Ich habe ihn zum Ausweichen gezwungen, und er wäre beinahe auf der anderen Seite gegen eine Mauer gefahren. Der Fahrer erinnert sich bestimmt an mich oder das Auto.«

»Noch ein Grund mehr, deinen Fund zu melden. Es muss getan werden. Irgendwann wird jemand die Leiche finden.« Tessa legte die Stirn in Falten und schürzte die Lippen. »Aber du musst es nicht melden«, sagte sie plötzlich. »Hör zu, geh ins Haus zurück und sag nichts. Wo im Wald ist dieser Baumstamm … und Carl?«

»Einfach den blauen Wanderweg entlang.«

»Gut. Ich fahre mit Fred runter. Niemand wird es merkwürdig finden, wenn ich mit Fred im Wald spazieren gehe. Das mache ich oft. Ich finde ihn, oder wer auch immer es ist, und rufe die Polizei an und melde es. Du kannst dich immer noch geirrt haben, dass es Carl ist. Wie dem auch sei, du musst gar nichts damit zu tun haben. Dieser andere Fahrer, er hat dich nicht im Wald gesehen, nur auf der Straße, richtig?«

»Vielleicht wollte er in den Wald.«

»Vermutlich ist er auf einem Schleichweg in die Stadt gefahren. Also gut.« Tessa hatte sich entschieden und würde keine weiteren Einwände gelten lassen. »Gehen wir meinen verrückten Hund einfangen, und dann bin ich weg. Du gehst zurück ins Haus und benimmst dich, als wäre nichts gewesen.«

»Ich weiß nicht, ob ich das kann. Ich zittere innerlich.«

»Erzähl Guy, dass du glaubst, du würdest krank werden. Im Moment gehen alle möglichen Krankheiten um. Warte, bis ich eine Chance hatte, in den Wald zu gehen und mir die Sache anzusehen.« Sie atmete tief durch. »Du bist total geschockt, Liebes, aber du musst mir zuhören und dir merken, was ich sage.«

Harriet nickte. Ihre Augen waren auf Tessas Gesicht fixiert.

»Wenn ich ihn gefunden habe, wer auch immer es ist, rufe ich die Polizei an, wie es meine gute Bürgerpflicht ist. Ich muss wahrscheinlich dort warten, bis sie eingetroffen ist. Dann mache ich meine Aussage und fahre wieder. Ich komme hierher zu dir, und wenn ich denke, dass es nicht Carl ist, sondern irgendein anderer armer Teufel, dann sage ich es dir. Wenn ich der Meinung bin, dass es Carl ist, suche ich Guy auf und sage es ihm zuerst. Ich werde ihm vorschlagen, dass wir dir die schlechte Nachricht gemeinsam überbringen. Er will wahrscheinlich allein derjenige sein, der dich informiert, aber ich werde darauf bestehen, dabei zu sein. Du musst nichts weiter tun, als dich schockiert zeigen, sobald wir es dir sagen. In dem Zustand, in dem du dich befindest, sollte dir das nicht allzu schwerfallen. Hauptsache ist, du lässt dir nicht anmerken, dass die Nachricht nicht vollkommen überraschend kommt. Guy wird nicht vermuten, dass du jemals dort warst, es sei denn, du sagst es ihm. Niemand muss erfahren, dass du dort warst, hörst du? Niemand. Du hast die schlechte Nachricht von mir erfahren – und von Guy.«

»Ich bin dir ja so dankbar, Tessa«, sagte Harriet kleinlaut. »Aber das kann ich nicht von dir verlangen. Warum können wir nicht einfach warten, bis jemand anders ihn findet?«

»Und wenn für den Rest des Tages niemand mehr in den Wald geht? Wir können nicht einfach abwarten und zusehen, wie Carl steif wird. Die Polizei muss informiert werden. Überlass alles mir, Harriet, okay?« Tessa schob sie aus dem Wagen. »Los, ab ins Haus mit dir. Fred!«

Kapitel drei

»Entweder man neigt dazu, sich Erkältungen einzufangen, oder man neigt nicht dazu«, hatte der Arzt Tom Palmers Mutter informiert. Oder jedenfalls hatte seine Mutter das immer erzählt. Sie hatte großes Vertrauen in den medizinischen Berufsstand gehabt. Dass ihr eigener Sohn später beschlossen hatte, selbst Medizin zu studieren, war für sie der Gipfel des Erfolgs gewesen. Ihres Erfolgs.

Tom konnte sich nicht erinnern, ob der Arzt diese Worte ausgesprochen hatte. Er war zum damaligen Zeitpunkt zehn Jahre alt gewesen, mit roter, laufender Nase und roten, geschwollenen Augen, ohne jegliches Interesse für irgendetwas anderes, als so schnell wie möglich aus dem Sprechzimmer zu kommen. Der Arzt hatte ihn eindeutig ebenfalls so schnell wie möglich wieder loswerden wollen.

Er konnte den Doktor durch den Nebel der Erinnerung undeutlich sehen, ein großer, schlanker Mann mit dünner werdendem Haar. Klein Tom hatte ihn für uralt gehalten. Gut möglich, dass er noch keine vierzig gewesen war.

»Vielleicht genauso alt wie ich heute«, krächzte Tom dem Spiegel zu.

Eine ältere Version des elenden Zehnjährigen blickte aus dem Spiegel auf ihn zurück, mit roter, laufender Nase und schlecht gelaunt unter dem derangierten dichten Schopf schwarzer Haare. Es war genauso, wie der Arzt es damals vorhergesagt hatte.

Er hatte eine Erkältung, und zwar eine abscheuliche.

Eingedenk seiner Pflicht war er am vergangenen Tag zur Arbeit gegangen. Seine Kollegen hatten auf sein Eintreffen ähnlich reagiert wie der Hausarzt der Familie vor all den Jahren – sie hatten den Rest des Tages mit dem Versuch zugebracht, ihn zum Nachhausegehen zu bewegen.

Am Nachmittag kam Inspector Jess Campbell mit einer Anfrage vorbei und stimmte alsbald in den Chor der Kollegen ein.

»Hören Sie«, sagte sie entschlossen. »Sie verstreuen nur Ihre Keime in der Gegend. Ihre Kundschaft kann sich nicht mehr anstecken, aber alle anderen schon. Sie helfen niemandem damit! Herrgott noch mal, nehmen Sie sich wenigstens morgen frei! Bleiben Sie im Bett, trinken Sie jede Menge Flüssigkeit. Nehmen Sie Vitamin C … Sie sind Arzt«, fügte sie noch hinzu. »Sie sollten es eigentlich besser wissen.«

Also war Tom früher nach Hause gegangen, hatte »jede Menge Flüssigkeit« als mehrere große Whiskys interpretiert und sich anschließend ins Bett gelegt. Fairerweise muss gesagt werden, er hatte geschlafen wie ein Stein. Doch als er an diesem Morgen wach geworden war, hatte er hämmernde Kopfschmerzen gehabt – und die Erkältung war immer noch da. Mit den Fingern tastete er nach dem Smartphone auf dem Nachttischschrank. Er spähte auf das Display. Es war beinahe elf Uhr morgens. Automatisch überprüfte er seine Nachrichten. Eine kam von Jess – sie hoffte, dass er ihren Ratschlag angenommen hatte und zu Hause geblieben war. Sie würde ihn am Abend besuchen. Die andere ließ ihn für eine Sekunde oder zwei überlegen, ob die Erkältung sein Gehirn beeinträchtigt hatte und er sich Dinge einbildete.