Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Kate
  7. Matthew
  8. Kate
  9. Matthew
  10. Kate
  11. Matthew
  12. Kate
  13. Matthew
  14. Kate
  15. Matthew
  16. Kate
  17. Matthew
  18. Kate
  19. Matthew
  20. Kate
  21. Matthew
  22. Kate
  23. Matthew
  24. Kate
  25. Matthew
  26. Kate
  27. Matthew
  28. Kate
  29. Matthew
  30. Kate
  31. Matthew
  32. Kate
  33. Matthew
  34. Kate
  35. Matthew
  36. Kate
  37. Matthew
  38. Kate
  39. Matthew
  40. Kate
  41. Matthew
  42. Kate
  43. Matthew
  44. Kate
  45. Matthew
  46. Kate
  47. Matthew
  48. Kate
  49. Matthew

Über die Autorin

Pippa Watson, Jahrgang 1969, lebt in Nordrhein-Westfalen auf dem Land, ist aber seit ihrer Kindheit innig mit Großbritannien verbunden. So oft wie möglich streift sie mit ihren Hunden durch die Landschaft der romantisch rauen Küsten und traumhaften Gärten. Besonders die Herzlichkeit und die große Tierliebe der Briten nehmen die Autorin immer wieder für die Menschen dort ein. Und so liebt sie es, die Welt zwischen Cream Tea und Linksverkehr auch in ihren Romanen lebendig werden zu lassen.

PIPPA WATSON

Eine Liebe
auf
Guernsey

ROMAN

BASTEI ENTERTAINMENT

 

Mama, dies ist das erste Buch,
von dem ich Dir noch erzählen konnte und
das ich nun beende, ohne dass Du in dieser Welt bist.
Ich schenke es Dir.
Alle Spaziergänge über den Klippenpfad und
am Strand gehören ganz Dir.

Und für meine Schwester Beatrix –
zur Erinnerung daran, dass nichts so wichtig ist
wie das Zuhause im Herzen und die Liebe,
die wir in uns tragen.

Kate

Mittwoch, 26. April

Das eigene Zuhause sollte für jeden Menschen der schönste Ort der Welt sein. Und natürlich könnte niemand mich davon überzeugen, dass es irgendwo anders schöner ist als auf den englischen Kanalinseln.

Wie jeden Morgen machte ich auch heute, an einem Tag Ende April, auf meiner Joggingstrecke kurz Halt an den Klippen hinter Bluebell Wood. Von hier aus konnte ich bis hinüber zur Nachbarinsel Sark sehen, wo ich aufgewachsen war.

Das Meer rund um Guernsey hat so viele Gesichter. Wenn ich nun hinausblickte, in Richtung Frankreich, dessen Küste die englischen Kanalinseln vorgelagert sind, wirkte es eisig grau. Ich mochte diese klare, fast silbrige Farbe. Mein liebster und bester Freund Brian aus Kindertagen behauptete stets, dass meine Augen genau denselben Ton hätten. Brian war viel zu ernsthaft für Schmeicheleien, daher musste etwas daran sein.

Ich griff nach dem kleinen Fernglas in meiner Bauchtasche, das mein ständiger Begleiter war, und konnte draußen ein paar Meeresvögel erkennen, die auf der weiß schäumenden Gischt der Wellen wild auf und ab schaukelten. Doch in der Bucht, die gut zweihundert Meter tiefer direkt unter mir lag, plätscherte das Wasser sanft jadegrün auf den Sandstrand, geschützt durch die hohen, mit gelb blühendem Ginster, Schlehen und anderen Wildsträuchern bewachsenen Felsenhänge.

Bei dem Gedanken, dass ich schon in einer Woche meine erste Touristengruppe der Saison an dieser Stelle vorbeiführen würde, musste ich unwillkürlich lächeln. Die Guernsey-Reisenden wussten selten, welche Schönheiten sie auf unseren herrlichen Wanderungen erwarteten. Dieser Blick entlockte ihnen stets begeisterte Ausrufe. Ich würde ihnen Raum für ihren Enthusiasmus und unzählige Fotos lassen. Und wenn wir dann weitergehen würden, landeinwärts, hinein in den Wald der uralten, mit Moos bewachsenen Bäume, würden sie still werden. Denn auf dem Boden würden ihnen Trillionen von blauen Schlüsselblumen entgegenleuchten, die diesem Waldabschnitt seinen Namen gegeben hatten: Bluebell Wood. So zart und zugleich so wild ergoss sich die Flut der blauen Blüten über die Hänge unter dem Blätterdach, dass von Menschen, die diesen Anblick zum ersten Mal genossen, meist nur ein tiefes Seufzen zu hören war. Hier, so empfand ich es selbst, konnte die Seele Frieden finden.

In diesem Augenblick würde sich für jeden Einzelnen von ihnen die Anreise mit dem Flugzeug oder der Fähre bereits gelohnt haben. Ein unvergesslicher Moment, eine Urlaubserinnerung, die blieb.

Voller Vorfreude drehte ich mich um und lief federnd weiter den schmalen Pfad entlang. Mein hellblonder Pferdeschwanz, der mir bis auf den Rücken hinabfiel, wippte dabei und kitzelte mich zwischen den Schulterblättern. Im Wald bog ich an der nächsten Kreuzung ab und machte mich an den Anstieg, der über viele kleine, aus Erde und Stein geformte Stufen hinaufführte – das beste Training überhaupt. Zwar war ich fit, seit ich vor zwei Jahren wieder mit dem Joggen begonnen hatte, trotzdem keuchte ich wie eine Dampflok, als ich oben ankam. Der Pfad führte aus dem Wald hinaus über eine Wiese mit ein paar Aussichtsbänken, auf denen einige Guernseyer Gedenkplaketten für ihre Liebsten hatten anbringen lassen. Von dort aus mündete der Weg in eine der Green Lanes, die es in diesem Teil der Insel gibt: schmale, sehr ruhige Straßen, in denen nur Anliegerverkehr erlaubt ist. Ich trabte über den Asphalt zwischen Hecken und Natursteinmauern hindurch. Noch eine Kurve, dann kamen die beiden Cottages in Sicht, die hier lagen. Das eine, ursprünglich ein Bauernhof, gehörte Sarah und Alan. Die beiden hatten den Hof von Alans Eltern übernommen und daraus ein prächtig laufendes Bed & Breakfast gemacht. Ich selbst bewohnte einen Teil des ausgebauten Dachgeschosses zur Miete. Auch wenn ich bereits dreiundvierzig Jahre alt war und mit meinem eigenen kleinen Touristikunternehmen gut verdiente, reichte es nicht, um die horrenden Immobilienpreise auf Guernsey stemmen zu können. Doch ich war mit meinen zwei Zimmern unterm Dach bei Sarah und Alan mehr als glücklich. Der Ausblick über den tiefer liegenden Wald bis zum Meer machte diesen Ort zu etwas ganz Besonderem.

Nun steuerte ich jedoch das winzige Häuschen neben dem großen Hof an. Ich öffnete das hölzerne Gartentor, dessen Scharniere in den Angeln leicht quietschten, und durchquerte den idyllisch in Rosa, Weiß und Blau blühenden Vorgarten. Als ich auf die Klingel drückte, konnte ich drinnen im Haus ein kurzes Bellen hören. Das war Amy, die hübsche Golden-Retriever-Hündin, die meiner alten Nachbarin Mrs. Owens als Blindenführhund durch den Alltag half. Es dauerte eine Weile, bis mir die Tür geöffnet wurde.

»Kate«, sagte die alte Dame, die eine Hand an der Wand im Flur, die andere auf Amys Rücken. »Hab ich mir doch gedacht, dass du es bist.«

Ich hatte es irgendwann aufgegeben, mich zu fragen, wie um alles in der Welt sie so sicher wissen konnte, wer vor ihr stand.

»Guten Morgen«, begrüßte ich sie lächelnd.

Amy tat einen Schritt vor und wedelte mich freundlich an. Ich streckte die Hand aus, um ihr kurz über den Kopf zu streicheln und die weichen Ohren zu zausen. Das liebte sie. Sie öffnete ihre Schnauze, als würde sie lächeln.

»Du strahlst ja«, stellte Mrs. Owens an mich gewandt ganz richtig fest, die blinden Augen vage in Richtung meines Gesichts gerichtet.

»Woher …?«, begann ich verblüfft, aber sie tippte sich bereits ans Ohr.

»Kann ich hören, mein Kind, kann ich hören. Und joggen warst du bestimmt auch«, setzte sie hinzu. »Komm herein, damit du dich hier in der Zugluft nicht verkühlst.«

»Würde ich sehr gern, Mrs. Owens, aber ich bin schon spät dran. Ich müsste eigentlich jetzt schon im Büro sein. Ich wollte nur schnell nachfragen, wie es Ihnen geht und ob ich Ihnen etwas aus der Stadt mitbringen kann?«

Die einzige größere Stadt auf Guernsey, wenn man es überhaupt so nennen konnte, war St. Peter Port. So klein sie auch war, alle Inselbewohner sprachen von ihr nur als »the town«, »die Stadt«.

Dank ihres Hundes war Mrs. Owens trotz ihres hohen Alters noch sehr agil und nicht auf Nachbarschaftshilfe angewiesen, doch vor ein paar Tagen hatte sie sich einen Infekt zugezogen. Auch jetzt sah sie schwächer aus als sonst. Und hatte sie nicht auch sichtbar abgenommen?

»Mein liebes Kind«, sagte Mrs. Owens mit dem Recht der über Neunzigjährigen, die zu einer Frau mit dreiundvierzig sprach. Sie streckte mir die Hände entgegen, und ich nahm sie.

Amy hüpfte mit den Vorderpfoten ein paar Mal auf und ab, als sei sie über unsere freundschaftliche Geste ganz aus dem Häuschen.

»Das ist sehr lieb von dir! Ich habe vorhin bei Green Food angerufen. Die bringen mir frisches Gemüse und Käse. Aber wenn du so lieb wärst und mir ein paar Flaschen Wasser mitbringen könntest?«

»Na klar, das mach ich gern!«, versprach ich. »Noch etwas?« Ich hatte gemerkt, dass sie zögerte.

»Ach, nur eine Kleinigkeit. Wenn du bei Rose vorbeikommst, könntest du mir ein Fläschchen von dem wunderbaren Fliederwasser mitbringen? Das duftet so herrlich.«

»Aber sicher!«, versprach ich ihr.

Rose war meine Stiefmutter, hatte diesen grässlichen Titel jedoch nie und nimmer verdient. Sie führte in St. Peter Port einen zentral gelegenen und gut gehenden Souvenirshop, in dem sie allerdings keinen Ramsch »made in China« verkaufte, sondern Produkte, die auf Guernsey, Sark und Jersey hergestellt wurden. So auch die beliebten Wässerchen, deren Blütengrundlagen in ihrem großen Garten auf Sark wuchsen und aus denen Dad die Düfte zusammenbraute, so wie andere alte Männer heimlich Whisky brannten.

»Und jetzt raus in diesen schönen Tag!« Mrs. Owens lächelte und wedelte mit einer Hand.

Ich strich ihr kurz über den Arm, tätschelte Amy noch einmal den rotblonden Kopf und war schon auf dem schmalen Gartenweg unterwegs, der schnurrgerade zu meinem Zuhause führte.

Blitzdusche. Schnell in meine Jeans, T-Shirt und – das musste sein – einen guernseytypischen Pulli mit Zopfmuster geschlüpft. Und schon war ich auf dem Weg zu meinem Büro in der Stadt.

Weil ich spät dran war, ließ ich mich dazu verleiten, statt des Busses meinen kleinen Wagen zu nehmen. Aber schon als ich mich die Fort Georg Road Stoßstange an Stoßstange hinunterquälte, bereute ich es bitter. Guernsey hatte so viel Schönes zu bieten. Als Touristikfachfrau und Tourenführerin wusste ich nur zu gut, wie einzigartig diese Insel war, und immer mehr Menschen kamen auf den Geschmack. Als Urlaubsziel waren die Kanalinseln in den letzten zwanzig Jahren immer beliebter geworden. Aber leider hatte sich auch der Autoverkehr auf der Insel entsprechend entwickelt. Mit dem Ergebnis, dass das hübsche St. Peter Port zur Rushhour regelmäßig im Blechlawinenchaos kollabierte.

Als ich endlich in der schmalen Seitenstraße ankam, in der mein kleiner Bürokomplex lag, und meinen Wagen auf den winzigen Parkplatz quetschte, war ich bereits eine halbe Stunde hinter meinem Zeitplan. Verflixt. Nur noch zehn Minuten bis zum Termin mit Professor Torres, dem Vorsitzenden eines Wissenschaftlerausschusses an der Londoner Uni. Er interessierte sich für eine Inselführung mit botanischem Schwerpunkt, und eigentlich hatte ich vorgehabt, mir die Unterlagen vorher noch in aller Ruhe anzusehen.

Ich riss meine Tasche vom Beifahrersitz und stürmte die eiserne Außentreppe hinauf in die zwei Büroräume, die meinem Touristikunternehmen als Basis dienten. Aus dem größeren Besprechungsraum waren Stimmen zu hören. War Professor Torres etwa zu früh? Ich eilte hinüber und blieb in der offenen Tür stehen. Doch es war nicht mein erwarteter Terminpartner, der dort mit dem Rücken zu mir am Besprechungstisch saß. Nein, diese breiten Schultern und die lackschwarzen Haare hätte ich jederzeit überall erkannt.

»Brian!«, entfuhr es mir erleichtert.

Mein bester Freund, mit einer Tasse Tee in der Hand, grinste mich an. Kitten, seit der letzten Saison meine junge Angestellte, erhob sich von ihrem Platz ihm gegenüber.

»Guten Morgen, Kate«, sagten die beiden wie aus einem Mund, und wir mussten alle drei lachen.

»Tja, drei Monate Praktikum bei den Küstenpfad-Guides unter meinen Fittichen scheinen wirklich zusammenzuschweißen«, meinte Brian und zwinkerte Kitten zu.

»Was machst du denn so früh hier?«, wollte ich von ihm wissen. »Ich meine, ist natürlich schön, dich mal wieder zu sehen. Hast dich ja ziemlich rargemacht in den letzten Monaten. Aber … ach je, ich hab gerade überhaupt keine Zeit. Da ist gleich ein Termin zur Besprechung einer großen Tour für zwanzig Botanikerdoktoren, die sich für die Pflanzenwelt unter Einfluss des Golfstroms interessieren. Und ich wollte noch …«

»Professor Torres war schon hier«, unterbrach Kitten meinen Redeschwall. »Er ist schon wieder weg, um den nächsten Flieger nach London zu erwischen.«

»Bitte?« Ich blinzelte verwirrt.

»Er hatte sich die Uhrzeit falsch notiert. Offenbar ganz zerstreuter Professor«, antwortete Kitten mit leicht angespannter Miene. »Ich hatte versucht, dich zu erreichen.«

Mein Herz sackte mir in die Magengegend. Wenn ich mit etwas nicht umgehen konnte, dann waren es unvorhergesehene Planänderungen. Die waren in meinem Leben einfach nicht vorgesehen. Automatisch griff ich in meine Tasche und zog mein Handy heraus. Tatsächlich – zwei nicht beantwortete Anrufe, beide von Kitten, im Abstand von zehn Minuten.

»Vor einer Stunde?«, keuchte ich. »Das darf doch nicht wahr sein! Und dann ist er einfach wieder gegangen? Ohne ein Gespräch? Ohne …?«

Kitten räusperte sich nervös. »Ich habe mit ihm geredet.«

Ich starrte sie an.

»Die Unterlagen lagen auf deinem Schreibtisch. Und wir hatten ja auch schon darüber gesprochen. Personenzahl. Wanderroute. Einkehrmöglichkeit. Er fand alle Vorschläge ganz wunderbar. Der Auftrag liegt unterschrieben in der Mappe.«

Mein Mund klappte kurz auf, dann schüttelte ich den Kopf und lachte ungläubig. »Du hast mal eben diese Riesentour an Land gezogen?! Wow! Ich meine … Kitten!«

»Jetzt musst du sagen, was für eine unglaublich tolle Idee es von mir war, dir dieses Juwel von einer Mitarbeiterin für deine Firma zu empfehlen!«, mischte Brian sich ein.

Kitten grinste verlegen.

Aber ich kam nicht umhin, auf Brians halb scherzhaften Vorschlag einzugehen: »Wahnsinn, Kitten! Vielen, vielen Dank! Du hast mir den Kopf gerettet«, sagte ich ernsthaft.

Meine erst vierundzwanzigjährige Assistentin errötete so stark, dass ihre Sommersprossen im stupsnasigen Gesicht beinahe unsichtbar wurden.

»War wirklich nicht schwer«, murmelte sie und nahm ihre Teetasse vom Tisch. »Tja, dann … Ich … ähm … mach dann mal weiter.«

Sie ging hinüber in den eigentlichen Büroraum, in dem unsere beiden Schreibtische sich gegenüberstanden.

Immer noch kopfschüttelnd sah ich Brian lächelnd an. »Unglaublich!«

»Ich wusste, dass sie sich toll machen würde«, sagte Brian und nickte.

Ich streckte die Hand aus, drückte kurz seine Schulter und ließ mich auf den Schwingstuhl ihm gegenüber sinken. »Schön, dich mal wieder zu sehen, Brian!«, sagte ich. »Tut mir leid, dass ich jetzt durch die ganze Hektik ein bisschen durch den Wind bin. Hab mich an den Klippen etwas vertrödelt und dann noch Mrs. Owens und der Verkehr … Aber in einer Minute bin ich wieder ganz die alte Kate, versprochen!« Ich lächelte ihn an.

Brian schluckte. »Und mir tut es leid, dass wir uns in letzter Zeit wirklich viel zu selten gesehen haben«, sagte er.

Seine leuchtend blauen Augen waren mir ebenso vertraut wie meine eigenen, aber irgendetwas irritierte mich heute an seinem Blick.

»Ach was!« Ich winkte ab. »So was hält unsere Freundschaft doch allemal aus. Ich weiß ja auch, dass dein Job dich schwer in Atem hält. Die Koordination aller Küstenpfad-Guides ist halt doch eine andere Hausnummer, als ausschließlich selbst auf dem Pfad zu arbeiten. Und Privatleben gibt’s ja schließlich auch noch. Wie geht’s Pam?«

Pamela Grey war eine der Guides, die auf Guernsey täglich den Zustand des Küstenpfads kontrollierten. Da der Pfad durch keinerlei Geländer gesichert war, galt es hierbei nicht nur, schadhafte Stellen aufzuspüren, sondern auch, sie auszubessern und wieder ohne jedes Risiko begehbar zu machen. Bei den Unmengen an Touristen, die mittlerweile auf diesem rund sechzig Kilometer langen Pfad die halbe Insel umwanderten, eine verantwortungsvolle Aufgabe. Die Gruppe der Guides, die aus wenigen angestellten und diversen ehrenamtlichen Mitgliedern bestand, war überschaubar. Kein Wunder also, dass Brian die hübscheste Frau im Team schon bald aufgefallen war. Seit ein paar Monaten gingen sie miteinander aus. Was wahrscheinlich auch einer der Gründe dafür war, dass Brian und ich uns so selten gesehen hatten. Aber ich nahm ihm das wirklich nicht übel. Es hatte immer mal wieder Frauen gegeben, mit denen Brian sich getroffen hatte – so wie jetzt mit Pam.

Brian lächelte mit einem Schlag so sonnig, als hätte die Erwähnung ihres Namens in ihm einen Schalter umgelegt. Ich ertappte mich dabei, wie ich dieses Phänomen staunend beobachtete.

»Pam geht’s gut«, antwortete er mit seltsam rauer Stimme. »Ja, ich glaube, es geht ihr wirklich richtig gut.«

So wie er es sagte, begann plötzlich in mir eine Saite zu klingen. Neben Verwunderung und einem seltsamen Gefühl von Fremdheit, das ich bei Brian noch nie empfunden hatte, schwang da auch ganz deutlich Beunruhigung mit.

Seine leuchtenden Augen. Sein unerwarteter Besuch so früh am Tag. Seine kratzige Stimme.

Ich wusste es bereits, bevor er es aussprach. Aber als er es dann tat, traf es mich dennoch wie ein Schlag in die Magengrube.

»Ich hab ihr einen Antrag gemacht, Kate«, sagte er ein wenig heiser, während er angestrengt in seine Teetasse schaute. »Und stell dir vor, sie hat angenommen.«

Natürlich hätte ich anders reagieren müssen. Ich hätte lachen, mich freuen und ihm auf die Schulter klopfen müssen.

Stattdessen sagte ich tonlos: »Ihr werdet heiraten?!«

Brian sah von seiner Tasse auf und mir direkt ins Gesicht.

Ich konnte in seinen blauen Augen auf vertraute Weise meine Silhouette gespiegelt sehen und wollte wegschauen. Aber selbst das konnte ich nicht. Wir blickten uns einen Moment lang an, der sich zu einer kleinen Ewigkeit auszudehnen schien.

Er hat ihr einen Antrag gemacht. Sie werden heiraten, echote es in meinem Kopf herum. Mir war nur zu bewusst, dass mein bester Freund wahrscheinlich in meinem Gesicht ebenso würde lesen können wie ich in seinem.

»Tja, ja … also, das bedeutet es in der Regel«, erwiderte er. »Und das ist auch der Grund für meinen Besuch hier bei dir. Weil ich dich fragen wollte …«

Er machte eine kleine Pause, und für einen winzigen Augenblick schoss mir eine vollkommen verrückte Idee durch den Kopf. Was, wenn er sich vergewissern wollte, dass zwischen uns wirklich und definitiv nichts mehr war? Wenn das einzige Hindernis, das dieser geplanten Eheschließung noch im Wege stand, sein eigener Zweifel war, ob er und ich unsere alte Jugendliebe nicht doch wiederaufleben lassen könnten. Mein Herz blieb beinahe stehen vor Schreck. Oder war es vielleicht eine heiße, plötzlich hervorbrechende Hoffnung?

»Also, ich wollte dich fragen, ob du meine Trauzeugin sein möchtest«, brachte Brian endlich hervor.

Mein Herz stolperte weiter.

»Deine Trauzeugin?«, wiederholte ich lahm.

Er nickte ernsthaft. »Ich weiß, ich sollte eigentlich einen best man wählen. Wegen der ganzen Vorbereitungen und Planungen und so. Aber niemand kennt mich so lange und so gut wie du. Und ich dachte, wenn du Pam und mir alle deine guten Wünsche mit auf den Weg gibst, dann kann es nicht schiefgehen.«

In meinem Kopf herrschte Chaos. Meine Kehle war so trocken, dass ich nicht mal schlucken konnte. Rasch griff ich nach einer der kleinen Wasserflaschen auf dem Tisch und schraubte sie auf. Nach ein paar hastigen Schlucken schaffte ich es endlich, mich zusammenzureißen.

»Wow«, sagte ich, lächelte möglichst breit und prostete Brian mit der Plastikflasche zu, egal, wie albern es sich anfühlte. »Glückwunsch, Brian! Du wirst heiraten! Pam ist so eine tolle Frau, und ich … na klar werde ich deine Trauzeugin sein. Das geht doch wohl gar nicht anders, oder?«

Er lächelte unsicher zurück.

Ich konnte spüren, wie sich mein Gesicht anspannte vor lauter Anstrengung, fröhlich auszusehen.

Brian musterte mich kurz, trank dann in einem Zug den Tee aus, stellte die Tasse ab und erhob sich. Ich sprang ebenfalls wie elektrisiert auf.

»Damit fällt mir schon mal ein riesiger Stein vom Herzen, Kate«, sagte er, während er die Hände in die Hosentaschen schob. »Ich meine, stell dir vor, ich müsste Oliver oder Victor fragen, ob sie mit mir einen Anzug aussuchen gehen.«

Wir lachten beide betont laut auf. Brians Kollegen waren furchtbar nette Männer, aber eben echte Kerle, die bei Wind und Wetter draußen herumrannten und wahrscheinlich in dem Augenblick, in dem sie über die Schwelle eines Herrenausstatters traten, über ihre eigenen Füße stolpern würden.

»Und das Ganze hat noch einen großen Vorteil: Wegen all der Vorbereitungen werden wir uns nun wieder sehr viel häufiger sehen«, setzte Brian hinzu.

Er beugte sich zu mir, um mir die Wange zu küssen. Obwohl wir das seit Jahrzehnten immer taten, wenn wir uns verabschiedeten, erstarrte ich für eine Sekunde.

»Ich … ich freu mich, Brian!«, brachte ich heraus. »Ich freu mich wirklich sehr.« Aber es gelang mir nicht, ihm dabei ganz lässig in die Augen zu sehen.

Brian winkte noch kurz zu Kitten ins Büro hinein und wünschte ihr einen guten Tag. Dann sah er sich ein letztes Mal zu mir um und war verschwunden.

Ich stand mitten im Raum wie mit eiskaltem Wasser übergossen. In mir tobte ein Sturm, und die entsetzliche Gewissheit machte sich breit, dass ab heute mein Leben nicht mehr so sein würde wie bisher.

Das Schlimmste aber war: Ich war sicher, dass mein bester Freund und bisher einzige große Liebe mich mit einem Schlag und vollkommen durchschaut hatte.

Matthew

Mittwoch, 26. April

Was für ein fantastischer Apriltag!

Während ich im Bus der Linie 41 Richtung Stadt fuhr, konnte ich mich gar nicht sattsehen am strahlenden Blau des Himmels, dem Goldton des sich wiegenden Strandhafers, dem fetten Grün der Wiesen, die sich zwischen Nordstrand und Straße hinzogen.

Mehr als einmal hatte ich schon überlegt, ob es nicht schlauer wäre, mir eine Bleibe in St. Peter Port zu suchen. Oder aber das kleine Büro, das ich meinem Freund Phil von seiner riesigen Bankeretage über dem Hafen abgeschwatzt hatte, aufzugeben und einfach zu Hause zu arbeiten. Das wäre kein Problem, denn den Romanen, die ich vom Deutschen ins Englische übersetzte, war es schnuppe, wo ich ihrer komplizierten Grammatik zu Leibe rückte. Dann hätte ich nur noch in die Stadt fahren müssen, wenn ich an der Reihe war, Alfi von der Schule abzuholen.

Doch die Sache war die: Ich liebte die Strecke aus dem rauen Norden der Insel hinunter zur Stadt. Egal, an wie vielen Tagen die Woche ich hier entlangkam, es gab immer etwas zu entdecken.

Aufgewachsen in Somerset zwischen dem anmutigen Bath und dem malerischen Glastonbury, hätte ich es nicht ertragen, irgendwo anders als an einem wirklich schönen Ort zu leben. Von daher war ich heilfroh, dass Rebecca nach unserer Trennung nicht mit einem Kerl aus London oder Oxford angebändelt, sondern sich Jayden Jenkins geschnappt hatte, der hier auf Guernsey Immobilien makelte. Das hatte mehr als einen Vorteil. Wenn ich schon meiner Ex-Frau um unseres gemeinsamen Sohnes willen an ihren neuen Wohnort folgen musste, war es doch höchst angenehm, dass ihr neuer Mann mir in null Komma nichts ein hübsches kleines Häuschen hatte beschaffen können.

Als der Bus sich die St. Julian’s Avenue hinuntergequält hatte und in die Uferstraße, die North Esplanade, von St. Peter Port einbog, sah ich eine gewaltige Segeljacht über das glitzernde Wasser ins Hafenbecken gleiten. Ich nahm die Haltestelle am Quay und sah dem Manöver des großen Schiffes von dort aus zu. Auf der Promenade und dem Castle Pier standen viele Touristen und taten es mir gleich. Der Castle Pier zieht sich bis hinüber zum Castle Cornet, das schon seit mehr als achthundert Jahren den Hafeneingang bewacht; es ist einfach ein wunderbarer Ort. Die Takelage des Viermasters glänzte im goldenen Sonnenlicht des frühen Tages und bot einen atemberaubenden Anblick. Obwohl Guernsey in seinen drei Jachthäfen mehrere hundert Liegeplätze bot, bekamen wir hier so etwas Sensationelles nicht jeden Tag zu sehen. Guernsey war kleiner und weniger schick als seine große Schwester Jersey. Dort tummelten sich gern die Millionäre auf ihren Jachten, ehe sie in das Segelrevier vor der französischen Küste aufbrachen. In meinen Augen machte dieser Kleine-Schwester-Status Guernsey nur umso charmanter, doch hin und wieder konnte auch ich dem protzigen Anblick der Superjachten nicht widerstehen.

Ich nahm einen der engen Treppenaufgänge zur High Street, um noch einen Sprung ins Büro zu tun, bevor ich Alfi vom Förderunterricht für sehbehinderte Kinder abholen würde. Das Lehrerkollegium der integrativen Schule, in der mein Sohn sonst bis nachmittags lernte und betreut wurde, unternahm heute einen Ausflug, und für die Kinder fielen die übrigen Stunden aus. Aber noch blieb mir etwas Zeit, um ein wenig Arbeit zu erledigen. Und vielleicht konnte ich ja vom Fenster aus noch ab und zu einen Blick auf das gigantisch schöne Schiff da draußen werfen.

In den kopfsteingepflasterten Gassen über dem Hafen wimmelte es nur so von Cafés, kleinen Geschäften, diversen Banken und Maklerbüros. Phil hatte für seine Investmentfirma eine ganze Etage in bester Lage auf der High Street ergattert. Hier hatte er schon residiert, bevor ich auf der Insel angekommen war und wir uns an einem Abend im Pub Peter’s zufällig kennengelernt hatten. Seitdem waren wir befreundet. Und ich hatte es sogar geschafft, mir in seinem Firmensitz ein klitzekleines Übersetzungsbüro inmitten lauter geschäftig wirkender Banker zu erschleichen. Und dieses Büro steuerte ich nun an.

Auf dem Flur herrschte hektische Betriebsamkeit. Phils angestellte Berater rauschten in ihren coolen Anzügen zwischen den Schreibtischen hin und her, meist mindestens ein Telefon am Ohr. Denjenigen, die mich überhaupt wahrnahmen, nickte ich fröhlich zu und wollte schon in meinem stillen kleinen Zimmerchen verschwinden, als ich aus dem Augenwinkel Phils rundliche Gestalt in der Teeküche wahrnahm.

»Morgen!«, rief ich ihm zu.

Er fuhr herum. Dafür, dass er eher zur Sorte »klein und kompakt« gehörte, war er wirklich unerhört wendig. Er hielt eine Milchflasche in der Hand.

»Leer«, sagte er und schwenkte sie demonstrativ. »Sag mir doch bitte mal, wie ich darauf vertrauen soll, dass all die Leute hier, die ich für ihre Arbeit gut bezahle, wirklich ihr Bestes geben, wenn sie eine leere Milchflasche zurück in den Kühlschrank stellen, statt sie durch eine volle zu ersetzen?!«

Ich grinste. »Du erwartest wie immer zu viel. Solche Lappalien sind doch unter eurer Würde.«

Phil kam nicht dazu, eine seiner schlagfertigen Antworten rauszuhauen, denn plötzlich sauste eine kleine schokobraune Kanonenkugel den Flur entlang und um die Ecke. Das war Pablo, Phils eigensinniger und charmanter Mini Australian Shepherd. Offenbar hatte er, irgendwo unter einem Schreibtisch dösend, meine Stimme gehört. Jetzt wuselte er so eifrig fiepend um mich herum, dass sein kleiner, agiler Körper sich vor Freude mal nach rechts und mal nach links bog.

Phil behauptete immer, sein Hund hätte uns quasi verkuppelt. An jenem Abend vor fünf Jahren vertrieb ich mir mal wieder die Zeit im Pub Peter’s, den ich schon nach drei Wochen auf der Insel wegen seiner idealen Lage am Hafen, dem urigen Inventar und dem netten Personal zu einer meiner Lieblingslocations auserkoren hatte. Ich hatte mich gerade entschieden, am allwöchentlichen Pubquiz teilzunehmen, als Phil und Pablo hereinkamen. Pablo sondierte einmal kurz das Gelände, wie es seine Hütehundgene von ihm verlangten, und kam dann geradewegs zu mir herüber, um mich ausgiebig abzuschnuppern und Freundschaft zu schließen. Wahrscheinlich hatte er gespürt, dass ich seit geraumer Zeit unter entsetzlicher Hundeabstinenz litt. Phil jedenfalls war gleich bereit gewesen, die Wahl seines Vierbeiners zu akzeptieren. Wir ließen uns als Quizteam registrieren und gewannen an dem Abend haushoch. Aus dieser Zufallsbekanntschaft entstand quasi unsere Freundschaft-auf-das-erste-Quiz.

Jetzt beobachtete Phil kritisch, wie sein Hund mich begrüßte, als wäre ich ein Gott. Doch mir hätte klar sein müssen, dass seine Musterung nicht nur Pablos fröhlichem Ritual galt.

»Heute siehst du noch mehr als sonst aus wie ein Paradiesvogel in unserem Heringsschwarm«, meinte er.

Ich sah an mir herunter. »Mir war nach Farbe.«

Zugegeben, meine knallroten Sportschuhe traten im Kontrast zur verwaschenen Bluejeans ziemlich deutlich hervor. Das wurde aber doch durch das knallgelbe Hemd, für das ich mich heute entschieden hatte, gleich wieder aufgehoben …

»Steht dir. Passt zum dunklen Haar und den braunen Hundeaugen«, kommentierte Phil mit süffisantem Grinsen. »Ich würde dir allerdings raten, für ein erstes Date mit einer attraktiven Guernseyerin ein anderes Outfit zu wählen.«

»Keine in Sicht«, teilte ich ihm mit.

Phil schüttelte den Kopf. »Du solltest aufpassen, dass du bestimmte Dinge nicht verlernst: flirten zum Beispiel. Deinen Charme spielen lassen. Wie wäre es, wenn du heute Abend zu uns zum Essen kommst und wir ein bisschen mit dir üben? Cedric hat sich neulich beschwert, dass er dich schon lange nicht mehr zu Gesicht bekommen hat. Davon abgesehen, dass er dich vermisst, befürchtet er für dein Styling das Schlimmste.«

Cedric war Phils Lebensgefährte und mein Friseur.

»Gerne. Um sieben?«

Er nickte und rief in Richtung Flur: »Hey, Eddy, hast du etwas mit dieser leeren Milchflasche im Kühlschrank zu tun?«

Ich lachte und entfernte mich kopfschüttelnd. Wenn es jemand verstand, bei derart aufregender und verantwortungsvoller Arbeit wie dem Jonglieren mit Summen in Millionenhöhe – die erschreckenderweise jemand anderem als ihm selbst gehörten – beständige Lässigkeit auszustrahlen, dann war es Phil.

Pablo verstand sich meisterlich auf den Knigge, brachte mich zu meiner Bürotür und wandte sich dann neuen Aufgaben in seinem schwer geschäftigen Leben zu.

Sobald ich die Tür meines kleinen Arbeitszimmers hinter mir geschlossen hatte, blieb die Betriebsamkeit außen vor.

Ich setzte mich an meinen klobigen, antiken Schreibtisch, der strategisch günstig am Fenster platziert war, und glotzte eine Weile aus purem Vergnügen in den Hafen hinunter. Ich beobachtete das bunte Treiben der Touristen, die auf die Fähren nach Sark und Jersey drängten, aber auch die Fischerboote der Einheimischen – gut, dass es die auf der Insel immer noch gab. Herrlich, wie das schöne Frühlingswetter alles belebte! Dann klappte ich meinen Laptop auf und öffnete meinen Mailpostkasten.

Hey, da war tatsächlich schon die Antwort einer Verlegerin aus London, die ich vor ein paar Tagen angeschrieben hatte. Ich hatte absichtlich keinen der Verlage gewählt, für die ich als Übersetzer von Romanen tätig war. Die Übersetzerarbeit war das eine. Aber ein eigenes Buch zu planen war etwas ganz anderes. Denn genau das tat ich. Ich arbeitete quasi heimlich an meinem ersten eigenen Roman.

Die Geschichte sollte hier auf Guernsey spielen, und zwar in der Zeit ab Juni 1940, als die Deutschen auf der Insel landeten und sie komplett von England isolierten. Die Besatzungszeit hatte mich von dem Augenblick an interessiert, in dem ich zum ersten Mal das Museum am Klippenpfad besucht und ein wenig über diese Jahre erfahren hatte. Seither sammelte ich Infos: historische Fakten, aber auch persönliche Dokumentationen.

Die Londoner Verlegerin bekundete ihr Interesse an meiner Idee. Das bedeutete, dass ich nun wohl tatsächlich unter die Schriftsteller gehen würde. Aber wieso auch nicht?

Phil hatte schon recht mit seinem witzig verpackten Hinweis auf mein Privatleben: Seit ich vor fünf Jahren Clarissa und vor allem Alfi hierher gefolgt war, hatte sich bei mir in keinerlei Hinsicht viel getan. Mich beruflich weiterzuentwickeln wäre doch zumindest schon mal ein Anfang. Obwohl ich ahnte, dass Phil und Cedric etwas anderes für mich im Sinn hatten, wenn sie schon mit mir flirten üben wollten.

Da ich mit meiner aktuellen Übersetzung eines deutschen Thrillers in meine Muttersprache gut in der Zeit lag, ließ ich diese Arbeit beiseite und nutzte die Stunde, um erfreut der Verlegerin zu antworten und weitere Recherchen für mein Buch anzustellen.

Als ich das nächste Mal auf die Uhr sah, war es schon so spät, dass ich mich beeilen musste. Ich sauste aus dem Gebäude, ächzte die steile Straße zur Schule hinauf und kam gerade rechtzeitig zum Läuten an.

Da Alfi es nicht ausstehen konnte, wenn ich ihn zu sehr begluckte, blieb ich am Tor stehen und beobachtete, wie mein zehnjähriger Sohn mit ein paar Freunden aus dem Gebäude kam.

Die zwei Mädchen und drei Jungs trugen alle den typischen Stock in einer Hand, an dessen einem Ende sie eine bewegliche Kugel auf dem Boden vor sich hin und her gleiten ließen. Davon abgesehen sah die kleine Gruppe nicht anders aus als andere Schulkinder in ihrem Alter. Sie quatschten angeregt, rempelten sich aus Spaß gegenseitig an, und offenbar hatten die Mädchen durchaus schon etwas anderes im Sinn, denn sie kicherten und flüsterten miteinander. Was die Jungs tunlichst zu ignorieren versuchten.

Neben mir erschien Nelly Smith, die Mutter eines der Mädchen. Wir kannten uns von verschiedenen Klassenversammlungen, wo wir Eltern der sehbehinderten und blinden Kinder natürlich eine Sondergruppe bildeten – auch wenn die Integration an dieser Schule wirklich vorbildlich funktionierte.

»Toller Tag«, sagte ich zu ihr.

Sie lächelte mich an. »Ja, ich habe gerade überlegt, was ich mit den Mädchen unternehmen könnte. Haben Sie eine Idee?« Ihr Tonfall hatte etwas Singendes, und sie legte den Kopf schief.

Ich schätzte Nelly Smith ein wenig jünger als mich, vielleicht Mitte oder Ende dreißig. Sie trug einen kurzen Rock, flache Ballerinas und ein eng anliegendes Oberteil mit so winzig kleiner Beschriftung, dass man sie als anständiger Mann niemals lesen konnte.

Warum fiel mir ausgerechnet jetzt wieder Phils flapsige Bemerkung von vorhin ein? Und dazu die Tatsache, dass Clarissa neulich nebenbei erwähnt hatte, dass Mrs. Smith seit der Trennung von ihrem zwanzig Jahre älteren Mann ein richtig heißer Feger geworden sei?

»Oh, nein, ich … weiß es ehrlich gesagt auch noch nicht so genau«, brachte ich ein wenig steif hervor und war froh, dass weder Phil noch Cedric Zeugen dieser Unterhaltung waren.

»Eigentlich ist das Wetter doch ideal, um an den Strand zu gehen«, erwiderte Nelly Smith, immer noch lächelnd. »Die Mädchen lieben das, auch wenn Baden noch nicht drin ist. Das Wasser ist ja eiskalt. Aber ehrlich gesagt, ist es für uns Aufpasser ja doch immer etwas langweilig, wenn wir allein mit ihnen unterwegs sind. Finden Sie nicht?«

»Langweilig?«, wiederholte ich. »Nein. Nein, mir ist eigentlich nie langweilig, wenn ich mit Alfi unterwegs bin. Wir quatschen unheimlich viel und unternehmen meistens Dinge, die uns beiden gefallen.«

Nelly Smiths Lächeln fiel kurz ein wenig in sich zusammen. Doch dann lachte sie hell auf. »Zwei echte Jungs eben, herrlich!«

Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte, und war daher froh, dass die Kinder in diesem Moment bei uns ankamen.

»Hi, Dad«, nuschelte Alfi, der in Anwesenheit der Mädchen wohl besonders cool sein wollte.

»Tag, Mr. Deering«, sagten seine Freunde artig.

»Hi, ihr Helden!«, antwortete ich.

»Mom, ich habe heute beim Vorlesen ein A bekommen!«, verkündete Doreen Smith strahlend. »Spendierst du uns dafür ein Eis?«

Nelly Smith seufzte übertrieben und zögerte ihre Antwort kurz hinaus, aber nur, weil sie wohl wusste, dass sie mit ihrem: »Also gut«, einen wahren Begeisterungssturm bei den beiden Mädchen auslösen würde.

Sie legte die Arme um ihre Tochter und deren Freundin, und alle drei wandten sich Richtung Stadt. Aber bevor sie endgültig losgingen, drehte Nelly Smith sich noch einmal um und lächelte mich mit hochgezogenen Brauen entschuldigend an. Fast so, als müsse sie nun eine gerade getroffene Verabredung absagen.

Ich starrte ihr einen Moment lang irritiert nach.

»Dad?«, ertönte da neben mir Alfis Stimme mit eindeutig genervtem Unterton.

»Hm?«

Alfis Freunde kicherten.

»Au Mann, du hast gar nicht zugehört«, nölte mein Sohn. »Ich hab dich gerade gefragt, ob wir Dustin und Chris die Straße runter zum Laden von Dustins Pa begleiten können. Dann muss Dustin ihn nicht anrufen, damit er herkommt.«

»Ja, sicher machen wir das!«, versicherte ich rasch, um sie meine Unaufmerksamkeit gleich wieder vergessen zu lassen.

Es war eine weit verbreitete Fehleinschätzung der Sehenden, dass Blinde zwischenmenschliche – ich nenne es einfach mal – Schwingungen nicht so deutlich wahrnehmen wie Menschen, die ihre Augen nutzen können. Hin und wieder hatte ich sogar das Gefühl, das absolute Gegenteil sei der Fall.

Und so zogen wir zu viert los, die Straße entlang. Dustin und Chris gingen vor uns und nutzten ihre Stöcke. Alfi, der das Ding noch nie besonders gemocht hatte, sondern es als leidige Notwendigkeit betrachtete, hatte die Teleskopstange seines eigenen Stocks zusammengeschoben und in seinem Schulranzen verstaut. Er hielt sich lieber mit der einen Hand locker an meinem Jeansbund fest. Die leichte Berührung seiner Kinderhand war mir so vertraut wie ein eigenes Körperteil.

Als Alfi vor zehn Jahren geboren wurde, war es zunächst ein gewaltiger Schock gewesen, dass er nie würde sehen können.

Clarissa, die schon allein von der ungeplanten Trotz-Pille-Schwangerschaft völlig überfordert gewesen war, hatte daran lange zu knapsen gehabt. Vielleicht war es deshalb so gekommen, dass ich von Anfang an das Gefühl hatte, meinem Sohn nicht nur ein liebevoller Vater, sondern auch so etwas wie seine Augen sein zu wollen.

In all den Jahren hatte es nur eine einzige Situation gegeben, in der ich nicht rechtzeitig zur Stelle gewesen war, um meinen Jungen zu schützen. Und ausgerechnet diese hatte so gravierende Folgen gehabt …

Bevor ich ins Grübeln über längst Vergangenes und nicht zu Änderndes verfallen konnte, kamen wir bei dem Sportgeschäft an, das Dustins Vater führte. Chris und er verabschiedeten sich brav von mir und mit kompliziertem Händeverknoten von Alfi, dann gingen sie hinein. Durch die Glastür sah ich, wie sie drinnen von einer Angestellten in Empfang genommen wurden.

»Und jetzt? Was wollen wir unternehmen, Kumpel?«, fragte ich meinen Sohn.

Alfi fuhr sich einmal kurz mit der Zunge in den Mundwinkel. Diese Geste kannte ich. Er hatte bereits einen Plan, so wie Zehnjährige immer Pläne haben, aber er war noch etwas unschlüssig, wie er mir seinen Wunsch mitteilen sollte.

»Marwin hat nächste Woche Geburtstag«, begann er. »Meinst du, er freut sich über einen Wunschdrachen?«

Marwin war Alfis Mailing-Freund in Dublin. Früher hatten Kinder Brieffreundschaften gepflegt. Heute kommunizierten sie in erster Linie über Messenger oder soziale Netzwerke. Daher war ich heilfroh, dass Alfi den elfjährigen Marwin über eine barrierefreie Plattform für sehbehinderte Kinder im Netz kennengelernt hatte. Die beiden tauschten sich sehr rege aus. Sowohl über Marwins Begeisterung für Sammlerautos, die aber auf keinen Fall als Spielzeug betitelt werden durften, als auch über Alfis Leidenschaft für alle Arten von Flugdrachen. Mit diesem Hobby hatte Alfi seinen Freund angesteckt, als der letzten Sommer für eine Woche mit seinen Eltern auf Guernsey zu Besuch gewesen war.

»Ein Wunschdrachen? Da bin ich ganz sicher«, antwortete ich jetzt bestimmt. »Aber so ein Wunschdrachen kostet eine Stange.«

Wieder die kleine Zungenspitze im Mundwinkel. »Wie viel?«, wollte Alfi wissen.

»Mehr als dein Taschengeld«, räumte ich vage ein.

»Aber ich habe auch noch mein Sparschwein«, argumentierte mein Sohn. »Mom hat mir gestern zählen geholfen. Es sind sieben Pfund.«

Ich musste heimlich schmunzeln. Denn als ich letzte Woche mit Alfi den Inhalt seines Schweinchens gezählt hatte, waren es nur fünf gewesen. Ich hätte wetten können, Clarissa hatte heimlich etwas dazugesteckt.

»Bist du sicher, dass du das alles für Marwins Geburtstagsgeschenk ausgeben willst?«

Alfi zögerte. Zungenspitze. Doch dann nickte er entschlossen.

Mein Junge.

»Okay«, sagte ich und konnte nicht widerstehen, ihm kurz durchs dichte braune Haar zu wuscheln, das er von mir geerbt hatte. »Wo willst du den Drachen kaufen?«

»Bei Rose!«, kam es wie aus der Pistole geschossen. »Rose hat die besten von ganz Guernsey! Die, die ihr Mann bastelt.«

Die über sechzigjährige Rose Bentley mit ihrem kleinen, zentral gelegenen Souvenirshop am Hafen von St. Peter Port war eindeutig Alfis favorisierte Ladenbesitzerin. Sie kam sogar noch vor dem Eisverkäufer. Kein Wunder: Rose hatte ein Händchen für Kinder im Allgemeinen und im Besonderen für Alfi, der außerhalb seiner integrativen Schule durch seine Behinderung bei Fremden leider meist auf Scheu und unsicheren Rückzug traf. Rose aber war Alfi von Anfang an zugetan gewesen und freute sich ehrlich, wenn wir ihrem kleinen Laden mal wieder einen Besuch abstatten.

»Na, dann … auf zu Rose!«, sagte ich.

Kate

Mittwoch, 26. April

Brian war schon ein paar Minuten zur Tür hinaus, und ich stand immer noch am selben Fleck mitten im Raum. Da wurde mir klar, dass ich mich jetzt unmöglich an meinen Schreibtisch setzen konnte.

Ich hielt nur in der offen stehenden Bürotür kurz inne. Kitten sah von ihrem Rechner auf.

»Bin spätestens in einer Stunde zurück«, sagte ich.

Ihr Blick über die mit Sommersprossen bedeckte Stupsnase hinweg war so mitfühlend, dass sich mir der Magen zusammenkrampfte. Bestimmt hatte sie zumindest Fetzen meines Gespräches mit Brian gehört. Sie nickte. Und ich machte, dass ich hinauskam.

Mit großen Schritten war ich schon die Außentreppe hinunter. Den Wagen ließ ich stehen und eilte die engen Straßen entlang in Richtung Hafen.

In meinem Kopf herrschte ein solches Chaos, dass ich ihm irgendwie entfliehen wollte. Aber egal, wie schnell ich lief, das Echo darin blieb. Brian hat Pam einen Antrag gemacht. Sie werden heiraten. Zu diesen beiden Sätzen gesellten sich nun auch Bilder, die vor meinem inneren Auge erschienen: Brian, etwas unbeholfen und linkisch in einem dreiteiligen Anzug, den ich mit ihm zusammen ausgesucht haben würde. Pam in einem weißen Kleid, strahlend vor Glück. Gäste, Freunde, Familie, allesamt vertraut seit Kindertagen, lachend, fröhlich, feiernd. Und ich? Würde ich mitten unter ihnen stehen und spüren, dass das alles vollkommen falsch war, dass es nicht sein durfte? Ich weiß nicht, wo dieses Gefühl plötzlich herkam und warum es so stark war, dass es mich dermaßen erschütterte. Aber es war da. Wahrscheinlich hatte ich tief in meinem Inneren immer den Gedanken mit mir herumgetragen, dass Brian und ich eines Tages wieder zusammenkommen würden, weil wir einfach zusammengehörten. Irgendwann, wenn die Zeit reif wäre. Auch wenn ich diesen Gedanken anscheinend sogar vor mir selbst geheim gehalten hatte.

Wahrscheinlich hatte ich die Strecke von meinem Büro zum Souvenirshop am St. Julian’s Pier noch nie so schnell zurückgelegt. Als ich den kleinen Platz davor überquerte, sah ich mit bodenloser Erleichterung durch die fünf verglasten Seiten des Pavillons, dass Rose allein im Laden war. Ich riss die Tür auf und polterte hinein.

Rose, die gerade dabei gewesen war, etwas ins Kassenbuch zu notieren, schrak zusammen. Als sie mich erkannte, setzte sie schon zu ihrem breiten, herzlichen Lächeln an. Doch dann sah sie in mein Gesicht und wurde blass.

»Kate! Oh Gott, was ist denn passiert? Ist etwas mit John?«, wollte sie sofort alarmiert wissen.

»Nein, nein, Dad geht’s gut«, keuchte ich und stützte mich auf dem mit hübscher Drechselarbeit verzierten Verkaufstresen ab.

»Meine Güte, Schätzchen, setz dich erst mal!« Rose schob mir einen der beiden zierlichen Stühle hin, die für ihre Kundschaft bereitstanden.

Ich ließ mich gehorsam auf den Sitz fallen. Während ich langsam wieder zu Atem kam und Rose mir, immer noch beunruhigt, ein Glas Wasser reichte, dämmerte mir allmählich, dass ich mich wirklich unmöglich benahm. Ohne zu überlegen, war ich sofort losgestürmt zu dem einzigen Menschen, von dem ich glaubte, dass er mich verstehen konnte. Und das, obwohl ich selbst mich doch kaum verstand.

»Ach, Rose, es tut mir furchtbar leid! Bitte entschuldige! Ich hab dich erschreckt«, stammelte ich.

Doch meine Stiefmutter wischte meine Entschuldigung mit einer rigorosen Handbewegung weg. »Jetzt erzähl erst mal!«

Ich öffnete den Mund. Doch es kam nichts heraus. Ich brauchte tatsächlich drei Anläufe, ehe ich sagen konnte: »Brian war gerade bei mir im Büro. Er und Pam werden heiraten. Er hat mich gefragt, ob ich seine Trauzeugin sein möchte. Und ehrlich gesagt … also, ich wusste gar nicht, was ich sagen sollte. Damit hatte ich einfach nicht gerechnet. Ich meine, natürlich hatte er in den letzten Monaten nicht mehr so viel Zeit für mich wie früher. Aber solche Phasen gab es doch immer schon. Ich wusste nicht … ich meine …«

Rose sah mich einen Augenblick lang an. Dann ließ sie sich auf den anderen der beiden Stühle neben mich sinken. Während sie intensiv mein Gesicht betrachtete, wollte sie wissen: »Wann?«

»Wann was?«, fragte ich zurück.

»Wann wollen Brian und Pam heiraten?«

Ich blinzelte verwirrt. »Keine Ahnung. Das … das hat er gar nicht gesagt.«

»Und du hast nicht gefragt?«

Ich schüttelte den Kopf und kam mir vor wie die letzte Idiotin. Mein bester Freund hatte mir mitgeteilt, dass er zu heiraten gedachte, und mich gebeten, seine maid of honor oder vielleicht besser seine best woman zu sein. Und ich hatte mich nicht einmal nach dem Termin erkundigt.

Als ich sie nun bestürzt ansah, erkannte ich in Rose’ Miene einen Ausdruck, der mir vertraut war, seit ich zehn Jahre alt und sie zum ersten Mal bei uns auf Sark zu Besuch gewesen war: Damals hatte ich mich geweigert, Dads neue Bekannte von Guernsey auch nur anzusehen. Zum Zeitpunkt von Rose’ Ankunft hatte ich mich aus dem Haus geschlichen und nicht vorgehabt, jemals dorthin zurückzukehren. Um meine geplante Unabhängigkeit durchsetzen zu können, brauchte ich natürlich eine Bleibe. Und so war ich gerade dabei, in dem verzweigten Ahorn am Ende des Gartens ein Baumhaus zu bauen, als Rose ganz allein, ohne meinen Vater, zu mir in den Garten kam.

Ohne mich förmlich zu begrüßen oder sonst eine Albernheit von sich zu geben, die Erwachsene immer draufhatten, hatte Rose meine Konstruktion begutachtet. Dann hatte sie anerkennend genickt, nach der großen Säge gegriffen, die für meine Kinderhände viel zu unhandlich war, und mich gefragt, wie sie mir beim Bau helfen könnte. Zuerst trotzig, dann ein wenig nachgiebiger und später ehrlich begeistert hatte ich ihr Befehle zum Zuschneiden und Bretterhalten erteilt, während ich berechnete, ausmaß und Nägel einschlug. Ohne Zögern hatte Rose meine Anweisungen befolgt und war mit mir zusammen, sportlich und aktiv, wie sie war, hundert Mal in den alten Ahorn und wieder hinuntergeklettert.

Als wir dann gemeinsam unten standen und unser Meisterwerk auf den breiten Ästen dort oben bestaunten, drehte Rose sich zu mir um und sah mich an. Auf eine so liebevolle, tröstliche und verständnisvolle Weise, dass ich nicht anders konnte, als ihr bedingungslos mein ängstliches Kinderherz zu schenken.

Damals hatte ich ihre Hand ergriffen, und wir waren gemeinsam zur Teestunde hineingegangen.

Heute blickte Rose mich nun mit ebendiesem Ausdruck an und sagte: »Ach, Liebes, nun ist es also so weit?«

Ich musste schlucken. »Wie meinst du das?«

Sie lächelte seltsam traurig. »Ich habe mich schon immer gefragt, wie du es aufnehmen würdest, wenn genau das geschehen würde. Wenn nämlich Brian irgendwann nicht mehr einfach da ist – in aller Selbstverständlichkeit, die zwischen euch euer Leben lang üblich war.«

Als Rose und ich uns kennenlernten, vor dreiunddreißig Jahren, war Brian bereits eine feste und verlässliche Größe in meinem jungen Leben.

Er war mein Sandkastenfreund von der Farm gegenüber. Er war mein bester Kumpel, mein Seelengefährte, mein engster Vertrauter. Die Erwachsenen lachten, wenn ich verkündete, dass er und ich später heiraten würden. Vielleicht lachten sie über die weitreichenden Pläne, die bei Kindern immer so niedlich wirken. Vielleicht lachten sie auch über Brians knallrotes Gesicht, wenn er dabeistand und mit nicht zu verhehlender Freude über meine Worte verlegen grinste.

Doch unsere Freundschaft hatte Bestand. Und niemand wunderte sich, als wir mit vierzehn tatsächlich begannen, richtig miteinander zu gehen. Was für uns im Grunde nur bedeutete, dass wir unsere innige Freundschaft um wilde Knutscharien und ein bisschen unkoordiniertes Gefummel ergänzten. Wir galten als festes Paar. Die eine wurde selten ohne den anderen gesehen. In der Schule auf Guernsey gab es immer wieder Mädchen, die den großen, wortkargen, breitschultrigen Brian anhimmelten. Und ja, es gab vielleicht auch ein paar Jungs, die meinem hellblonden Schopf und den leuchtend grauen Augen nicht widerstehen konnten. Doch da es allgemein hieß, dass zwischen Brian und Kate keine Hand passe