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Visa für Ocantros


Visa für Ocantros

Abenteuerroman
1. Auflage

von: Wolfgang Held

7,99 €

Verlag: Edition Digital
Format: EPUB
Veröffentl.: 11.02.2013
ISBN/EAN: 9783863949259
Sprache: deutsch
Anzahl Seiten: 367

Dieses eBook erhalten Sie ohne Kopierschutz.

Beschreibungen

"Der Platz hinter dem Pfeiler des Triforiums war überlegt gewählt. Selbst außerhalb des Blickfeldes der Gläubigen bleibend, konnte der untersetzte, rotblonde Mann im verschwitzten Kakianzug das Kirchenschiff bis zum Altar überschauen. Er hatte die Kathedrale einige Minuten nach Beginn der Messe betreten und war auf dem Weg über die steinerne Treppe zur säulengetragenen Galerie von niemandem bemerkt worden . Nun verfolgte er gleichgültig das religiöse Zeremoniell, warf ab und zu einen Blick auf die Uhr und wickelte schließlich eine UZI-Maschinenpistole aus einem Stück verblichenen Sackleinens ..."
Henry Kulaman soll erschossen werden. Doch der Premierminister des kleinen, fast ganz vom Dschungel bedeckten Inselstaates entgeht durch Zufall dem Attentat. Wenige Tage später putscht, geschürt von ausländischen Unternehmen, ein Teil der Streitkräfte. In die blutigen Auseinandersetzungen werden auch Unbeteiligte verwickelt. Unter ihnen drei Monteure, die eine aus der DDR importierte Druckerei in einer der größten Städte der Insel aufbauen sollen. Als Martin Katrup auf der Insel landet, sind seine beiden vorausgeflogenen Kollegen spurlos verschwunden.
Der erstmals 1976 im Verlag Das Neue Berlin erschienene spannende Abenteuerroman entstand nach dem 1974 vom Deutschen Fernsehfunk (DDR) ausgestrahlten 2-Teiler (Drehbuch von Wolfgang Held) mit Alfred Müller, Gojko Mitic, Barbara Brylska, Angel Stojanov, Wolfgang Dehler, Brigitte Beier, Marita Böhme, Christoph Engel, Hanjo Hasse u. a.

"Der Platz hinter dem Pfeiler des Triforiums war überlegt gewählt. Selbst außerhalb des Blickfeldes der Gläubigen bleibend, konnte der untersetzte, rotblonde Mann im verschwitzten Kakianzug das Kirchenschiff bis zum Altar überschauen. Er hatte die Kathedrale einige Minuten nach Beginn der Messe betreten und war auf dem Weg über die steinerne ...
Geboren 1930 in Weimar, aufgewachsen und erzogen in einem konsequent sozialdemokratischen Elternhaus, stark geprägt vom Erlebnis KZ Buchenwald im April 1945 auf der Suche nach einem von der Gestapo verhafteten Onkel.
Volksschule und Handelsaufbauschule in Weimar, 1948/49 als Volkspolizist freiwilliger Aufbauhelfer (Enttrümmerung, Wasserleitung Maxhütte, u.a.).
Erkrankung an Tuberkulose. Im Sanatorium für den weiteren Lebensweg entscheidende Begegnung und monatelanges, gemeinsames Zusammenleben in einem Zimmer mit gleichaltrigem Vikar.
Journalistische Ausbildung. Tätigkeit als Redaktionsassistent. Erste Buchveröffentlichung 1959.
Ab 1964 freischaffender Schriftsteller. Im literarischen Schaffen beeinflusst von Louis Fürnberg, Hans-Joachim Malberg, Bruno Apitz und Walter Janka. Zahlreiche Romane, Kinder- und Jugendbücher (u.a. Autor des Weimarer Knabe-Verlages), Drehbücher für Film und Fernsehen.
Literarische Auszeichnungen: Literatur-und Kunstpreis der Stadt Weimar, Nationalpreis der DDR, Preis der Filmkritiker, u.a. als erster deutscher Drehbuchautor für den Europäischen Filmpreis Felix nominiert, Goldene Ehrennadel der Stadt Weimar 2005.
Nachdem sie das Leiterstück auf dem Dach hatten, stellte sich heraus, dass es gar nicht so einfach war, den Abgrund damit zu überbrücken. Der erste Versuch missglückte, nur blitzschnelles gemeinsames Zupacken verhinderte den Absturz des schweren Eisengitters. Das Vorhaben gelang erst mithilfe eines meterlangen Schlauches, den sie sich aus einem der Feuerschutzschränke geholt hatten. Noch ehe man sich über die Reihenfolge des Überquerens verständigen konnte, balancierte Jagoda Woronicz bereits aufrecht und die Arme wie ein Hochseilakrobat ausbreitend, von Sprosse zu Sprosse. Je näher sie der Mitte kam, um so stärker bogen sich die beiden Führungsstangen unter der Last. Die Leiterenden lagen beiderseits nur noch knapp dreißig Zentimeter auf. Die beiden Männer hielten den Atem an. Sie knieten nieder und umklammerten die Eisenrohre, als könnten sie so die Polin im Fall eines Unglücks vor dem Sturz in die Tiefe bewahren. Erst als Jagoda Woronicz unbeschadet die andere Seite erreicht hatte, wurde Martin Katrup bewusst, dass die Reihe nun an ihm war, wenn er dem Doktor nicht den Vortritt lassen und damit eine ganz und gar kümmerliche Figur abgeben wollte.
"Ich werde mich flach halten, dann ist das Gewicht besser verteilt", sagte er heiser. Er räusperte sich gepresst, aber das trockene, würgende Gefühl blieb. Den Blick hinab in die Gasse peinlich vermeidend, kroch er bäuchlings über die Sprossen. Er fühlte, wie die Leiter unter seinem Gewicht immer stärker federte. Kälte kroch in Hände und Füße. Seine Gelenke wurden steif. Er lag dreißig Meter hoch über dem Gassenpflaster und wagte keine weitere Bewegung.
"Was ist los, Martin?", rief Jagoda Woronicz leise von drüben.
Er hob den Blick und glaubte ihr besorgtes Gesicht erkennen zu können. "Ich hab' meine Zahnbürste vergessen", antwortete er gezwungen kaltschnäuzig, um seinen Zustand nicht erkennbar werden zu lassen. Die Täuschung scheiterte am Klang seiner Stimme.
"Schau Jagoda an und kriech weiter", riet Ostschenko.
Martin Katrup gehorchte. Langsam, Zentimeter um Zentimeter, kam er der anderen Seite näher. Die Kälte wich einem sonderbaren Gefühl von Gleichgültigkeit, das jede Vorstellung möglichen Unheils auslöschte. Kein Gedanke mehr an Absturz und zerschmetterte Glieder. Er sah die Polin und den Rand des Daches und war mit einem Male seiner glücklichen Ankunft dort unbedingt sicher.
Nur noch ein Meter trennte Martin Katrup von seinem Ziel, als Schüsse fielen. Ein Feuerstoß aus einer Maschinenpistole. Unwillkürlich blickte er nun doch nach unten, und größer als die sofort wieder erwachende, schwindelerregende Höhenangst war die Erleichterung darüber, dass die Geschossgarbe nicht ihnen galt. In der Gasse war kein Uniformierter zu sehen.
"Weiter!", drängte Jagoda Woronicz.
"Ich genieße jede Sprosse", schnaufte der Monteur verhalten und kroch noch in derselben Minute auf die betonierte Fläche, wo er sich neben der Polin vorsichtig aufrichtete.
Der Doktor war auf dem Hoteldach zur Hofseite geeilt und kam nun wieder zur Leiter. "Der Schwabe", rief er. "Ein Posten hat ihn erwischt."
"Das lenkt die Kerle bestimmt vom Parkplatz ab", vermutete die Polin. "Beeilen Sie sich, Doktor!"



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